Diese Webseite versammelt Informationen um das NS-Kriegsdenkmal und Vorschläge zum Umgang mit ihm und anderen NS-Kriegsmalen. Da die Abschnitte das Denkmal unter verschiedenen Blickwinkeln betrachten, werden gewisse Wiederholungen toleriert. Quellen sind im Abschnitt Literatur angegeben; Quellverweise zu aktuellen Ereignissen stehen direkt im Abschnitt Chronologie; zu anderen Kriegsmalen im Abschnitt Kriegsdenkmale anderswo; Kurzbelege wie [Abc12] verweisen auf Titel unter Literatur und ggf. per Hyperlink auf die Quelle im Web. Hauptquellen sind die von dem Historiker Markus Wolter gepflegten Webauftritte [IOGR] und [amw], insbesondere radolfzell-ns-geschichte.von-unten.org/ns-ehrenmal. Statt jede daraus übernommene Aussage einzeln zu belegen sei dem Leser empfohlen, die detaillierten Informationen in den Hauptquellen zu studieren. Ergänzungen erreicht man über den Menüpunkt Änderungen. Zur geplanten Berosung des NS-Kriegerdenkmals siehe die begleitende Seite Kommentare zur Rosenbepflanzung des Radolfzeller NS-Kriegsmals. Radolfzells NS/SS-ErbeDieses NS-Kriegsdenkmal steht nicht zufällig, nicht isoliert in Radolfzell, sondern hängt geplant mit Ereignissen und Relikten der NS-Zeit zusammen, mit denen die Stadt in das Naziregime verstrickt war: Sie war Sitz einer SA-Standarte, einer von wechselnden Waffen-SS-Verbänden genutzten Kaserne, einer SS-Unterführerschule, eines Außenkommandos des Konzentrationslagers Dachau, und einer SS-Schießanlage. Zu Radolfzells NS-Geschichte informiert der offizielle Webauftritt der Stadt erst seit Juli/August 2018 mit einigen Zeilen: ein zaghafter Schritt gegen die bisher dominierende schamvolle Verdrängung, siehe [Rad].SS-RelikteDie SS-Kaserne wurde nach Betreiben des Radolfzeller NS-Bürgermeisters Eugen Speer ab 1935 mit Einsatz von 800 Arbeitslosen gebaut und 1937 vom bejubelt empfangenen 3. Bataillon der SS „Germania“ bezogen [IOGR, SS-Kaserne]. „Die SS-Verfügungstruppe aus Radolfzell sprengte [in] der Reichspogromnacht am 9./10. November 1938 die Synagogen von Konstanz, Gailingen, Wangen und Randegg“ [WiRa]. Der Radolfzeller SS-Totenkopfverband beteiligte sich im Oktober 1940 daran, „alle 234 Jüdinnen und Juden aus der Umgebung von Radolfzell und der Höri in das südfranzösische Internierungslager Gurs“ zu deportieren [WiRa] [LR08-04-21]. Radolfzeller SS-Truppen beteiligten sich „am 'Anschluß' von Österreich, der Besetzung der Sudetendeutschen Gebiete, der Zerschlagung der Tschechoslowakei und dem Überfall auf Polen“ und begingen zahlreiche Verbrechen [IOGR].Die SS-Unterführerschule in der SS-Kaserne führte zur Einrichtung des Außenkommandos des KZ Dachau und der SS-Schießanlage. Von 1941 bis 1942 zwang die SS 120 KZ-Häftlinge aus Dachau zur Fertigstellung einer Großkaliber-Schießanlage nordöstlich von Radolfzell; Waffen-SS-Einheiten der Unterführerschule nutzten sie dann für das Erlernen ihres Mordhandwerks [IOGR, SS-Schießanlage].
In der ehemaligen SS-Kaserne wurde 2003 das „Radolfzeller Innovations- und Technologiezentrum“ eröffnet. Erhaltene Bauten wurden 1995/97 unter Denkmalschutz gestellt, ab 2001 unterstützt durch die Stadt und ihre Denkmalschutzbehörde für das „Gewerbegebiet Nord“ umgebaut und saniert. Die Reithalle und die Pferdeställe, in denen 1941–1945 KZ-Häftlinge eingepfercht waren, verschwanden spurlos, lang bevor sie im Postkartenalbum des Touristenstädtchens hätten stören können. Vieles mehr, was die neue heilbringende Innovations-Tech-Welt hemmte, verschwand vom SS-Kasernen-Areal. In ihren „Leitlinien zur Erinnerungskultur“ gelobt die Stadt Radolfzell, „Spuren verschiedener Zeitschichten im Stadtbild zu erhalten“, nachdem sie im SS-Kasernen-Areal viele Spuren beseitigt hat.
Günter Köhler: Zeigt Wege zur SS-Schießanlage und ihren Zustand im März/April 2018. GedenkstättenRadolfzell war als eine der acht SS-Garnisonsstädte im NS-Staat und durch das Außenkommando des KZ Dachau stärker in das Naziregime und seine Verbrechen verstrickt als andere Städte der Region. Daraus folgt eine stärkere Verantwortung für die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit. Das umfasst die Aufklärung darüber, was geschehen ist, wer was getan oder erlitten hat, warum sie es getan oder erlitten haben, die Beurteilung der Schuld der NS-Verbrechen, die Nennung der Täter und Opfer, die Wiedergutmachung der Schäden, die Vorsorge für eine friedliche, demokratische Zukunft (vgl. [Gol04]). Das führt zur Frage:Wie praktizieren die Stadt Radolfzell, ihre Verwaltung, ihr Gemeinderat, ihr Kulturausschuss und ihr Arbeitskreis Erinnerungskultur ihre besondere Verantwortung für die Aufarbeitung der NS-Geschichte?Radolfzell begann 62 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, Gedenkstätten zu NS-Verbrechen anzulegen. Inzwischen gibt es drei mit Mahnmal und Informationstafeln. Die zivilgesellschaftliche Initiative STOLPERSTEINE-RADOLFZELL verlegte bisher 23 Stolpersteine. Einige weitere „Erinnerungskulturleistungen“ sind zu respektieren und zu würdigen.
Gedenkstätte Gurs-Mahnmal am Seetorplatz: Das ökumenische Mahnmal-Projekt Neckarzimmern installierte 2007 am Seetorplatz gegenüber dem Bahnhof, unterstützt durch die Stadt, einen Gedenkstein zur Deportation der Juden im Oktober 1940 in das Internierungslager Gurs in Südfrankreich.
Zu Juden in Radolfzell siehe radolfzell-ns-geschichte.von-unten.org/juden_in_radolfzell, zum Gurs-Mahnmal radolfzell-ns-geschichte.von-unten.org/mahnmal_am_seetorplatz, zum ökumenischen Mahnmal-Projekt Neckarzimmern Gedenksteine :: Mahnmal Neckarzimmern :: für die deportierten Jüdinnen und Juden Badens mahnmal-neckarzimmern.de. Die Steininschrift „RADOLFZELL / 22.10.1940 / GURS“wird seit Juni 2013 durch Informationen auf einer vom Rotary Club Radolfzell-Hegau gestifteten, daneben angebrachten Tafel ergänzt.
Gedenkstätte Ehemaliger SS-Schießstand: Die zivilinitiative Projektgruppe „Radolfzeller Gedenkstätten“ installierte am 16. Juni 2010 im Kugelfang der westlichen Kurzbahn der ehemaligen SS-Schießanlage eine Gedenktafel für die zum Bau der Anlage gezwungenen KZ-Häftlinge.
Zum Text der Gedenktafel siehe radolfzell-ns-geschichte.von-unten.org/_media/bilder:schiessanlage:gedenktafel.jpg. Am 8. April 2011 organisierten die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Radolfzell und das Weltkloster einen „Versöhnungsweg“ von der SS-Kaserne zur SS-Schießanlage, wo sie 121 mit den KZ-Häftlingsnamen beschriftete Steine beim Kugelfang der westlichen Kurzbahn einzementierten. Ein Jahr später errichtete die Stadt Radolfzell zusammen mit der Projektgruppe „Radolfzeller Gedenkstätten“ eine Informationstafel zur Nutzungsgeschichte des Areals (Text: Markus Wolter, Gestaltung und Layout: Alfred Heim, Evelyn Heim). Die am 16. November 2012 bei einer Gedenkveranstaltung enthüllte Tafel wurde 2013 beschädigt.
Zur Gedenkstätte siehe Landeszentrale für politische Bildung Baden Württemberg, Stuttgart: Der ehemalige SS–Schießstand Radolfzell am Bodensee www.gedenkstaetten-bw.de/gst/radolfzell-schiessstand. Zum Inhalt der Tafel siehe Informationstafel: Ehemaliger Schießstand der Waffen-SS, Radolfzell radolfzell-ns-geschichte.von-unten.org/_media/pdf:infotafel_ss-schiessstand_radolfzell.pdf. Gedenkstätte Ehemalige SS-Kaserne: Mit einem Festakt am „Tag des offenen Denkmals“ 8. September 2013 wurde das Ensemble aus einer Gedenkskulptur und vier Informationsstelen vor dem Stabsgebäude der ehemaligen SS-Kaserne eingeweiht. Die Skulptur aus Edelstahl schuf René Dantes (*1962), die Informationen auf den Stelen stammen von Achim Fenner und Markus Wolter.
Der ehemalige SS-Schießstand und die ehemalige SS-Kaserne wurden im August 2014 in die Liste der Gedenkstätten in Baden-Württemberg der Landeszentrale für politische Bildung aufgenommen (Gedenkstätten in Baden-Württemberg - Liste www.gedenkstaetten-bw.de/gedenkstaetten-bw-liste). Zur Gedenkstätte siehe Gedenkort ehemalige SS-Kaserne/KZ-Außenkommando in Radolfzell am Bodensee www.gedenkstaetten-bw.de/gst/radolfzell-gedenkort. Zu den Inhalten der vier Informationsstelen siehe
Stele I: „Gebaut für die Ewigkeit“ (Fenner)
Stele II: „Täter, Opfer, Zuschauer“ (Wolter)
Stele III: Die Waffen-SS-Unterführerschule und das KZ-Außenkommando Radolfzell (Wolter)
Stele IV: Aus Besatzern werden Freunde / Eine Investition in die Zukunft - Gewerbegebiet Nord (Fenner) NS-Kriegsdenkmal in RadolfzellDie ersten drei Abschnitte beschreiben die Denkmalskulptur: wodurch sie gekennzeichnet ist, was sie darstellt und wie sie benannt wird. Darauf folgen Abschnitte zur Denkmalanlage: was dazugehört und wie sie funktioniert.
BeschreibungZu vielen Merkmalen werden Daten und Fakten tabellarisch dargestellt, Entstehungszeit, Aufstellungsort, Stil und Denkmaltyp sowie Symbole werden ausführlich erläutert. Es folgt ein Abschnitt über Feiern, der sich zwar auf die Denkmalanlage bezieht, aber für das Verständnis der Skulptur wesentlich ist. Die Inschriften werden im Abschnitt Zubehör untersucht.
Entstehungszeit„Kriegsvorbereitung ist der gemeinsame Nenner, auf den sich die grundlegenden Entscheidungen des NS-Regimes auf dem Gebiet der Innen-, Militär- und Wirtschaftspolitik zurückführen lassen“ [DMVW79, S. 712].Warum entstand das Kriegerdenkmal nicht bald nach dem Krieg, als die Not und das Leiden, die er gebracht hatte, noch gegenwärtig waren, Kriegsversehrte zum Straßenbild gehörten und Angehörige von Toten noch Schmerz und Trauer spürten? Warum erst 20 Jahre nach Kriegsende? Diese Fragen differenziert zu beantworten sei Historikern überlassen. Sicher ist: Nach der Machtübergabe an die Nazis forcierten diese den Bau von Kriegerdenkmalen als Kultstätten ihrer Kriegsreligion überall, wo noch keine standen, um ihre Kriegsvorbereitungen propagandistisch zu begleiten. Die Begründung des Kieler Oberbürgermeisters von 1935 hätten auch der Radolfzeller NS-Bürgermeister Jöhle und der SS-Kasernenkommandant Koeppen äußern können: „Erst als der Mann, der das Opfer der Gefallenen und ihr Vermächtnis weitergetragen hatte, in einem 14 Jahre langen Kampf, durch den verewigten Generalfeldmarschall des Weltkrieges [Hindenburg, A.S.] die Führung Deutschlands übernahm, klang aus Walhall der Marschschritt von 2 Millionen toter Kameraden in den Herzen der lebenden Geschlechter...“ [Sch99, S. 64].Einen Meilenstein erreichte dieser Marsch mit dem „Gesetz für den Aufbau der Wehrmacht“ vom 16. März 1935, das – am Vorabend des „Heldengedenktags“, gemäß der Planungsziele der Heeresleitung – die „Reichswehr“ in „Wehrmacht“ umbenannte, die allgemeine Wehrpflicht zum Dienst in der Wehrmacht einführte, und die Stärke des Friedensheers auf 12 Korpskommandos und 36 Divisionen festlegte (documentArchiv.de, [DMVW79, S. 416–417]). Damit waren „auch formal die letzten Beschränkungen des Versailler Vertrages abgestreift“ (Wikipedia), m.a.W. der Vertrag gebrochen. Im August 1936 forderte Hitler in einer geheimen Denkschrift zum Vierjahresplan 1936: „I. Die deutsche Armee muß in 4 Jahren einsatzfähig sein.Die nächsten Schritte der Remilitarisierung Deutschlands führten von mittelbaren zu unmittelbaren Kriegsvorbereitungen. Dies widerspiegelte sich in zunehmend aggressiv revanchistisch gestalteten Kriegerdenkmalen. (Vgl. [Lur86, S. 144, 289].) AufstellungsortDieser Abschnitt folgt Kerstin Klingels Argumenten im Kapitel „Aufstellungsorte“ in [Kli06], auf das sich die Seitenangaben beziehen. Zur Frage „Wohin mit dem Denkmal?“ überlegen alle Denkmalplaner, „welche Funktion das Denkmal erfüllen und welche Wirkung es beim Betrachter erzeugen soll“ (S. 20). Verfolgen sie „propagandistische Zwecke [...] einer Aufforderung zur erneuten Kriegsführung“, so eigne „sich der öffentliche Raum als Aufstellungsort weitaus besser“ als ein Friedhof, bei dem Trauer um Tote überwiege (S. 29). Das Denkmal und die es umgebende Anlage und Bepflanzung sollen einen weihevoll wirkenden Bereich schaffen (S. 30).„In diesem gesonderten Areal konnte der Toten, zu ›Helden‹, gestorben fürs ›Vaterland‹, stilisiert, gedacht werden. Der männliche Betrachter aber war vor allem aufgefordert, sich auf seinen patriotischen Geist zu besinnen, den Kriegstod als vorbildlich und den Kampf für das ›Vaterland‹ als ›heilige Pflicht‹ zu sehen, die auch er erfüllen muss. Gefühle der Trauer sollten hier nicht aufkommen, diese widersprachen dem revanchistischen Geist, aus dem heraus in der Weimarer Republik sehr viele Denkmalstiftungen initiiert wurden. Revanchegedanken, denen der Wunsch nach nationalem Wiedererstarken zu Grunde lag, waren in der damaligen Gesellschaft eine sehr weit verbreitete Reaktion auf den Versailler Vertrag“ (S. 30).Die Nazis setzten dies fort und forderten von Aufstellungsorten ihrer Kriegsdenkmale zusätzlich die Eignung als Aufmarschplätze, die weniger Trauer, Trost und dem Besinnen und Gedenken der Gefallenen dienten, als dem Aufputschen der Jungmannen mittels militaristischer Rituale. „Nachdem im November 1934 ein Erlaß des Gauleiters und Reichsstatthalters von Baden Wagner die Errichtung von Kriegerdenkmälern organisatorisch neu geregelt hatte [..], durften die Denkmäler nur noch auf Plätzen aufgestellt werden, die durch ihre Größe Gelegenheit zu Aufmärschen boten“ [Lur86, S. 257–258].In Radolfzell erinnerte die „parasakrale“ Platzarchitektur durch die als Naturelement einbezogene Platane an einen „Ehren-“ oder „Gedächtnishain“, der zur vorbeiführenden Straße kontrastierte. Wie in Hamburg bot sich „der freie Platz vor dem Denkmal [...] für Aufmärsche an, mittels derer die Botschaft des Denkmals, [...] aufrecht in den Kampf zu marschieren, unterstrichen wurde: Deutschland ist wieder zum Krieg bereit“ (S. 32).Auf Tradition, Geschichte und Zukunft spielt die Lage vor dem Obertor an. Die Soldaten marschieren aus der Enge der Altstadt hinaus in den Krieg (vgl. S. 38). Ob die Richtung zur Schweiz topographisch bedingt war oder Hitlers Pläne andeutete, die Schweiz zu überfallen und zwischen Deutschland und Italien aufzuteilen, sei dahingestellt (geschichtslehrer.in/contentLD/HI/CH19mKrieg.pdf, hls-dhs-dss.ch/textes/d/D8927.php?topdf=1). Jedenfalls ist der Platz vor dem Stadttor ein „geschichtsträchtiger Ort“, wie ihn die Nazis vergleichbar in anderen mittelalterlichen Kleinstädten wählten [Lur86, S. 255]. In Marbach am Neckar wurden 1934 zwei hintereinander mit Gewehr bei Fuß stehende Soldaten auf der altstadtauswärts liegenden Seite des Obertorturms angebracht [Arm88, S. 90–123]. Sie hielten also Wache und schützten die Stadt [Lur86, S. 255]. In Engen wurde 1936 ein nebeneinander marschierendes Kriegerduo mit Fahne und geschultertem Gewehr vor dem verschwundenen Obertor errichtet, ähnlich wie in Radolfzell. Diese Aufstellungsorte erfüllten die Funktion, den geplanten Eroberungskrieg als „Schutz der Heimat“ zu verbrämen. Stil und DenkmaltypDieser Abschnitt versucht, das Radolfzeller NS-Kriegsdenkmal kunsthistorisch einzuordnen, wobei er politische Aspekte einbezieht. Die Systematik hat Meinhold Lurz in seinem Standardwerk Kriegerdenkmäler in Deutschland, Band 5: Drittes Reich [Lur86] entwickelt, auf das sich die Seitenangaben beziehen.Entstehungszeit und Aufstellungsort beeinflussten stark die Wahl des Stils und des Denkmaltyps. Gab es in der Weimarer Republik „noch einen Zwiespalt verschiedener Interessen, die unterschiedliche Denkmalsaussagen forderten“ und daher „vergleichsweise eine Vielfalt von Stiftergruppen, Motiven und Stilen“, so „lassen sich nach 1933 kaum mehr gegensätzliche Meinungen feststellen“ (S. 301–302). Übrig blieben nur „Denkmalstifter, die vorwiegend aus den Kriegervereinen und Traditionsverbänden stammten und sich mit dem Resultat des verlorenen Kriegs nicht einfach abfinden wollten“ (S. 302). Die Homogenität der militaristisch/nazistisch gesinnten Stifter und die Homogenität ihrer Ziele, das Militär zu verherrlichen, „den Revanchismus der zwanziger Jahre [...] zuzuspitzen“ und einen neuen Krieg vorzubereiten, führten zu einer Homogenität der Stile, Denkmaltypen und Motive, zu einer „platte[n] Einheitlichkeit und Gleichförmigkeit der Nazi-Kunst“ (S. 225, 335, 352). Lurz nennt als wesentliche Stile der NS-Zeit: Realismus, Neoklassizismus, germanische Motive (S. 137). Was er als „Realismus“ bezeichnet, sei hier NS-Pseudo-Realismus genannt, denn dieser Stil zielte nicht auf realistische Darstellungen von Menschen und Ereignissen, sondern auf propagandistische Bilder von Mythen und Ideologien mittels figurativer Formen und zeitgenössischer Objekte. (S. auch „Kunst – Kitsch – Schund?“.) Vorbilder dieses Stils boten Kriegerdenkmale zum 1870/71er Krieg und der Weimarer Republik. Früheste Kriegerfiguren entstanden 1870 am Armeekorpsdenkmal in Posen und 1875 am Regimentsdenkmal in Detmold, wo vier die Waffengattungen darstellende Metallkrieger Ehrenwache halten [Vog93, S. 56–59]. Ohne zeitliche Zuordnung konstatiert [JeW94, S. 36]: „Im Typus des realistischen »Feldgrauen« [...], der ein Identifikationsangebot für alle ehemaligen Frontsoldaten lieferte, emphatisierten die deutschen Denkmäler in ihrer großen Mehrzahl den Soldaten.“ Mit der Einführung von Wehrpflicht und Wehrmacht ging 1935 „die Phase der unmittelbaren Kriegsvorbereitung los, zu der die realistischen Motive die Analogie in der Denkmalszene bildeten“ (S. 307). „Von da an bedeuteten Denkmäler mit der Wiedergabe von Feldgrauen in weit höherem Maße Identifikationsangebote als zuvor. Sie traten denn auch häufiger auf“ (S. 289). Insbesondere Kriegerdenkmale für Aufmarschplätze in Stadtgebieten wurden zunehmend im Stil des NS-Pseudo-Realismus gestaltet, da er „zur unmittelbaren Kriegsvorbereitung propagandistisch besser auszuschlachten“ war als antikisierte nackte Krieger oder germanische Steinkreise (S. 137). Lurz identifiziert als pseudo-realistische Denkmaltypen: heroischer (Einzel-)Kämpfer, Heldenkopf, marschierende Einheit, Sturmtrupp, Regimentsangehörige einst und jetzt, trauernder Kamerad sowie Sonderformen (S. 140). Da „der Marsch in den nächsten Krieg“ und „der aggressive Sturmtrupp“ deutlicher als andere Motive den kriegspropagandistischen Zweck ausdrückten, kamen sie besonders oft vor (S. 141). Marschierende Einheit: „Kein anderer Denkmalstyp verkörperte so drastisch und vordergründig den Marsch in den 2. Weltkrieg und die unmittelbare Kriegsvorbereitung, wie die Wiedergabe einer marschierenden Einheit von Soldaten. Es gab sie als Vollplastik, aber auch als Relief, als ganze Einheit oder nur als Sturmtrupp, beim Marsch oder beim Angriff, mit und ohne Fahne und in noch anderen Varianten. Die Einführung der neuen Wehrmacht am Heldengedenktag 1935 lieferte den Anlaß, gerade diesen Denkmaltyp häufiger als zuvor zu verwenden“ (S. 149).Das Radolfzeller NS-Kriegerdenkmal fügt sich in Lurz’ Ordnung: Es handelt sich um eine kleine marschierende Einheit mit Fahne, also einen Sturmtrupp beim Marsch, und zwar einen aggressiven, da einer der Soldaten sein Gewehr schießbereit trägt. Trotz SS-Kaserne konnte sich die Kleinstadt Radolfzell nicht wie Hamburg ein Relief mit 88 marschierenden Kriegern leisten, sondern musste sich mit zwei begnügen, dafür vollplastisch auf doppelte Lebensgröße skaliert. Dennoch sind Stil und Denkmaltyp des Radolfzeller Kriegsmals nicht exklusiv, sondern typisch und weit verbreitet in ihrer Entstehungszeit. Vergleichbar ist das 1934/35 errichtete Kriegerdenkmal in Dortmund, Stadtteil Kley, Zeche Oespel: Ein Kriegerduo steht in „paralleler, kampfbereiter Körperhaltung“ im Vorwärtsschritt auf einem Sockel, „Gesamthöhe: vier Meter“. Beide Figuren greifen mit der rechten Hand nach links, um das Schwert aus der Scheide zu ziehen. „Regungslose Gesichtszüge, Stahlhelm, Mantel und Stiefel erlauben keine menschlichen Charakterzüge, sondern sie unterstreichen unmißverständlich die Dominanz militärischer Uniformität.“(Zitate aus [Vog93, S. 171–172]. royjasper.de/files/Oespel-Chronik.pdf zeigt auf S. 23 ein Foto mit beschwichtigendem Textabschnitt.) Siehe auch Aach, Konstanz, Engen, Böhringen, Murg, Furtwangen, Oppenau, Weinheim. SymboleSymbole sind vieldeutige Zeichen, deren Bedeutungen sich aus sozialen und politischen Zusammenhängen erschließen; sie sollen gemeinschaftsbildend eher auf das Unterbewusstsein und das Gefühl als den Verstand wirken [Beh96, S. 58–59]. Dieser Abschnitt orientiert sich am Kapitel „Formen“ in [Kli06], das „stilistische Merkmale aufzeigen und historisch einordnen“ und „bildliche, plastische Motive entschlüsseln“ will (S. 42). Zu untersuchen ist auch deren intendierte Wirkung: Richtet sich ein Motiv eher nach außen, ans Ausland, den Gegner, den Feind? Oder eher nach innen, an die Bürger?„Die Intention, den Krieg als etwas Positives darzustellen und den Kriegseinsatz als vorbildlich und heldenhaft zu propagieren, stand bei der Denkmalssetzung im Dritten Reich im Vordergrund. Symbole der Trauer und des Trostes verschwinden ganz, stattdessen soll auch mit Hilfe der Kriegerdenkmäler für einen neuen Krieg mobil gemacht werden“ (S. 67).Tatsächlich tragen die Steinkrieger keine Zeichen, die Trauer ausdrücken oder Angehörigen getöteter Soldaten Trost spenden. Die aufgesetzten Stahlhelme, das Gewehr sowie weitere Bewaffnungs- und Ausrüstungsteile propagieren den Waffengebrauch und drücken die Ablehnung des Versailler Vertrags aus (S. 63). Revanchistisch gesinnt marschieren die beiden NS-Krieger nicht nur, um den Versailler Vertrag zu brechen, sondern auch, um fremde Länder zu erobern. Stahlhelme und Waffen sollen als kriegerische Drohung gegen den imaginierten Feind wirken. Die Fahne ist ein Symbol für militärische „Ehre“ (zu töten und getötet zu werden) und „Treue“ (zur Obrigkeit bis zur tödlichen Selbstverleugnung). Fahnenträger, die stehen, schreiten oder mit Säbeln und Gewehren bewaffnet vorwärtsstürmen und feindliche Trophäen zertreten, waren auf Kriegsdenkmalen zum Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 beliebte Motive [Lib14, Abb. 162–164, S. 219–221]. Die württembergische Kriegsdienstordnung von 1858 predigte: „Die Fahnen [...] zu verteidigen und unter ihnen zu siegen oder zu sterben, ist des Soldaten heiligster Beruf“ [Vog93, S. 80].
Eisernes Kreuz: Blechlohn für Kriegsdienst
Die Spitze der Fahnenstange umfasst ein Eisernes Kreuz (aus Stein). Vom preußischen König Friedrich Wilhelm III. erstmals 1813 kurz vor der Einführung der allgemeinen Wehrpflicht gestiftet, war es „der erste militärische Orden, der nicht nur an Offiziere, sondern auch an einfache Soldaten verliehen“ wurde, um einen Anreiz für Wehrpflichtige zu schaffen, „das eigene Leben im Krieg aufs Spiel zu setzen“ (S. 44). König Wilhelm I. und Kaiser Wilhelm II. stifteten es 1870 bzw. 1914 neu, Hitler nutzte es 1939 mit einem Hakenkreuz im Zentrum als Kriegsauszeichnung. Das aus Sicht des demokratischen Neustarts mehrfach belastete Eiserne Kreuz dient seit 1956 der Bundeswehr als Erkennungszeichen und seit 2008 zum „Ehrenkreuz“ gewandelt als Tapferkeitsauszeichnung – und so der „Illusion ungebrochener Kontinuität und Harmonie“ [Vog93, S. 180]. Der Orden am Denkmal verquickt etablierte „Mittel der Staatspropaganda“ [Vog93, S. 34]. Das Eiserne Kreuz steht „symbolisch für die Anerkennung der besonderen ›Vaterlandstreue‹ der gefallenen Soldaten“, die sie durch ihren Tod im Krieg bewiesen hätten, und erklärt sie zu „Vorbildern für die Nachwelt“ (S. 45). An der Spitze der NS-Kriegerfahne symbolisiert es den Kriegsmarsch der Soldaten als nacheifernswert. Es soll „zu besonderem Einsatz und zur Tapferkeit vor dem Feind“ anspornen [Lur86, S. 302]. Fahne und Kreuz sollen als militärische Droge für trauerunfähige Bürger wirken. Ausführlich zum Eisernen Kreuz siehe [Vog93, S. 18–23]; hier zusammenfassend: Das Eiserne Kreuz „demonstriert eine Kontinuität einschlägiger Traditionen als Symbol vaterländischer, deutscher Identität und Verpflichtung. Es belegt zugleich den Einfluß christlich-religiöser Bedeutungsinhalte für die ideologische Legitimation der preußisch-deutschen Militärpolitik, deren (Selbst-)Darstellung in Kriegerdenkmälern. [...] sind das Eiserne Kreuz und das Kriegerdenkmalwesen als untrennbare Sinneinheit zu begreifen, in der die kollektiven normativen Grundlagen von Staat und Gesellschaft, von Kirchen und Militär deutlich sichtbar wurden“ [ebd. S. 235]. FeiernEin Kriegerdenkmal der NS-Zeit ist kein bloßes steinernes Objekt, seine Bedeutung erschließt sich erst, wenn man die Feiern untersucht, die bei ihm veranstaltet wurden (und werden). Nach Meinhold Lurz ist„für das Denkmal des Dritten Reichs [...] der Vermittlungsvorgang der Feierstunden konstitutiv“. Das „steingewordene Denkmal [lieferte] die topographische Markierung des Orts der Feier [..]. Die wesentlichen Motive der eigentlichen Kriegerehrung bestanden nicht im Denkmal als solchem, sondern im Aufmarsch und der Rede. Insofern besaßen die Feuerschalen und Fahnen die gleiche Bedeutung wie das Ehrenmal. Erst die lebende Architektur der aufmarschierten Kolonnen erfüllte das Denkmal mit seinem funktionalen Sinn“ [Lur86, S.34].Lurz unterscheidet vier Phasen der chronologischen Reihenfolge, „in der sich ein Denkmal durch Feiern realisiert:Zur Ausführung des Radolfzeller NS-Kriegerdenkmals liefert [Rad15, S. 40–42] Hinweise. Zur Einweihungsfeier ist unter Chronologie 22.05.1938 zusammengefasst, wie NSDAP und SS diese mit Aufmärschen militärischer Formationen als Demonstration ihrer Kriegstreiberei inszenierten. Zu späteren Feiern sei auf [IOGR, NS-Ehrenmal] („Heldengedenktage“, HIAG-„Kameradschaftstreffen“) und die Chronologie (Volkstrauertage) verwiesen. Fazit zu „Beschreibung“Die Denkmalskulptur enthält keine Elemente, die Trauer über die Kriegstoten ausdrücken, keine Merkmale, die den Überlebenden Trost spenden könnten, keine Hinweise auf die Ursachen des Weltkriegs, seine Antreiber, Verantwortlichen und Nutznießer, keine Antwort auf die Schuldfrage, keine Anzeichen für Versöhnungs- und Friedensbereitschaft. Im Gegenteil drückt der steinerne Sturmtrupp die Forderung nach erneuter Kriegsbereitschaft in brutaler Form aus.Was stellt es dar?„Denkmäler stehen nicht für die historische Wahrheit. Sie sind nicht Zeugnisse des erinnerten Geschehens. Vielmehr bezeugen sie die Perspektive, die der Betrachter auf das historische Ereignis haben soll. Ein Denkmal läßt daher zwar Rückschlüsse auf die Zeitumstände seiner Stiftung zu, nicht aber auf die Ereignisse, die seinen Anlaß lieferten“
Überlebensgroße Figur aus zwei Soldaten mit Gewehr und Fahne
Was ist zu sehen?„Das sind harte Soldaten im Sturmschritt mit Gewehr“ (Siegfried Lehmann, SK 29.10.2010). Voran zieht der Fahnenträger, dessen rechter Arm erhoben angewinkelt nie ermüdet, dicht gefolgt von seinem Kameraden mit dem geladenen Gewehr, bereit auf alles zu schießen, was ihnen in die Quere kommt. Ihr Blick ist starr geradeaus in die Ferne gerichtet, sodass sie nicht sehen, was sie unter ihren Stiefeln zertrampeln.Durch ihre Einheitsgesichter, die so wenig individuelle Züge wie ihre ummantelten grobschlächtigen Körper tragen, erscheinen sie als mythische Retortenkrieger arisch-nordisch-germanischen Typs. Diese Gesichtsmasken drücken Emotion nur durch herunter gezogene Mundwinkel aus. Ihre Träger sind wie Roboter bereit, die programmierten Befehle ihres „Führers“ gehorsam und gewissenlos zu befolgen. Denn nicht nur ihr Körper, auch ihr Geist ist uniformiert.
Diese herrenrassigen Soldaten folgen dem in der NS-Kunst „vorherrschenden Menschenbild“, zu dem der Völkische Beobachter am 14.07.1936 schreibt: „Wir haben einen starken, einfachen, monumentalen Willen zu einer überpersönlichen Öffentlichkeit. Nicht mehr das Portrait des Einzelnen, sondern die symbolkräftige menschliche Gestalt als Gleichnis höherer Ordnung, nicht das Individuum sondern der Mythos – das ist das innere Ziel, dem auch die Plastik unserer Zeit zustrebt“ [Fis88, S. 113].Die äußere Kehrseite des „inneren Ziels“ schablonisierter, gestisch erstarrter Figuren [ebd. S. 206]: „Wer seine eigene Individualität durchstreicht, dokumentiert damit seine Bereitschaft, rücksichtslos auch gegen andere vorzugehen“ [Loi87, S. 138] zit. n. [Beh96, S. 334].Die Bezeichnung „Kameraden“ für entindividualisierte Soldatentypen beruht „auf einer gefühlsbetonten patriarchalischen, autoritär-monarchischen und militärkonformen Orientierung“ [Vog93, S. 36]. „Kameradschaft“ ist ein billiges Schmiermittel zum teuren Zweck, die elementaren Rädchen der Kriegsmaschinerie zu synchronisieren. Was ist nicht zu sehen?Nicht zu sehen ist, was sie sehen: die Feinde, auf die sie gleich schießen werden. Nicht zu sehen ist, was sie zertrampelt haben und was hinter ihnen liegt: zerstörte Orte, blutgetränkte Erde, Verwundete, Tote. Kriegsfolgen werden verdrängt.Trauer um getötete Kameraden? Nicht die geringste Spur davon ist zu erkennen. Die Steinkrieger kennen nicht nur kein Trauergefühl, sondern ignorieren völlig die 17 Millionen Toten des Ersten Weltkriegs. Sie trauern nicht um ihre Mittäter, schon gar nicht um die Opfer ihrer Kriegshandlungen. Erinnerung an Kriegsereignisse? Keine Spur davon. Die Steinkrieger sind zwar gegenständlich, aber nicht realistisch modelliert. Reale Soldaten des Ersten Weltkriegs sind es nicht, denn diese blieben tot, zerschossen auf den Schlachtfeldern liegen oder kamen verstümmelt, verkrüppelt, verletzt, ausgemergelt, erschöpft, zerlumpt, demoralisiert, traumatisiert, besiegt aus dem Krieg zurück. Die Steinsoldaten verleugnen ihre eigenen Kriegserlebnisse, um vor ahnungslosen Folgegenerationen als kampfbereite Helden zu posieren. Trost für den Tod der Weltkrieger? Der Trost besteht aus Rache: weiter marschieren, um die Kriegstoten zu rächen – im Namen der Soldatenehre, die dem Kriegstod einen tröstenden Sinn verleihen soll, einer Ehre, die sich auf das Recht, zu töten und die Pflicht, sich töten zu lassen, reduziert. Ursachen und Verantwortliche des Kriegs? Sie bleiben im Dunkeln. Krieg soll als Ausdruck ewigen naturwüchsigen Germanentums erscheinen. Anklage gegen den Krieg? Nein, nicht gegen den Krieg, sondern dagegen, dass er mit dem Waffenstillstand von Compiègne endete. Mahnung zum Frieden? Nichts davon, im Gegenteil: Die Steinkrieger sehnen sich nicht nach Frieden, sondern verherrlichen den Krieg, in den sie immer wieder ziehen, weil sie nichts anderes können. Sind es Deserteure, Fahnenflüchtige? Gewiss nicht, denn ein Deserteur würde vielleicht mit einer Schusswaffe Verfolger abwehren, aber kaum mit flatternder Fahne abhauen. Sind es Opfer des Kriegs? Sicher nicht, sie sind nicht einmal verletzt. Sie sind willige Täter auf Kriegsschauplätzen, bereit zu töten und zu zerstören. Sind es Verantwortliche und Nutznießer des Kriegs? Nein, sie sind keine Masters of War, sondern Only a Pawn in Their Game (Bob Dylan, 1963, 1964). Einfache Soldaten zu Helden stilisiert auf ein Podest zu stellen, dient dem demagogischen Zweck, die Herren des Kriegs zu verbergen. Indem das Denkmal Antreiber, Gewinner und Opfer des Kriegs ignoriert, seine Ereignisse, Gräuel, Schrecken, Leid und Tod verschweigt, weder seine Toten beklagt noch zum Frieden mahnt, lässt es sich keiner der Kategorien „Trauerdenkmal“, „Opfermahnmal“, „Deserteurdenkmal“, „Erinnerungsdenkmal“, „Friedensmahnmal“ zuordnen. (Zu Denkmaltypen s. [EKBP14, S. 11–16].) Wie wirkt es auf Betrachter?Das fünf Meter hohe Denkmal dominiert den Platz schon durch seine Maße. Mit mehr als doppelter Lebensgröße auf einem meterhohen Sockel vorpreschend sollen die Steinkrieger Betrachter beeindrucken und einschüchtern: Die einen sollen ehrfürchtig erschaudern, die anderen angstvoll erzittern.
„Größe und Monumentalität einer in Stein gehauenen Person lassen einen fühlen, wie klein und ‘unbedeutend’ man selbst ist. Die Distanz, die der Sockel zur Person errichtet, zeigt, daß der Abstand zur ‘bedeutenden’ Person noch weit ist“ [Wen86] zit. n. [Vog93, S. 69–70]. Was ist damit intendiert, was soll es vermitteln?„Kriegerehrenmale [transportieren] – neben dem Ort der Trauer - Ideologien. Nicht die Getöteten, sondern die Überlebenden haben die Denkmäler für die Betrachter erbaut“ [pc14, S. 12].Das Radolfzeller Kriegerdenkmal haben nicht „die Überlebenden“ erbaut, sondern überlebende Nazis, und es ist kein Ort der Trauer. Aber es transportiert Ideologien: „Militaristische Ästhetik“, „militaristische Bildsprache dieser Kriegerskulptur“, zwei „martialische Soldatenstatuen, die mutigen Schrittes, mit Gewehr in Bereitschaft und munter im Wind flatternder Fahne den Deutschen Vorbild beim Überfall auf ihre Nachbarländer sein sollten“ (LR 29.10.2010). Mit den Ergebnissen des Ersten Weltkriegs unzufrieden, strickten nationalistische, militaristische, revanchistische, antidemokratische Kreise die Dolchstoßlegende, um vom eigenen Versagen abzulenken. Sie formten den Heldenkult, um den Tod der Soldaten, die ihr Leben für die Interessen der Kriegstreiber gegeben hatten, zu einem quasireligiösen Opfer fürs „Vaterland“ zu verbrämen. „Kampfesmut, stählerner Wille, höchste Einsatzbereitschaft für Volk und Vaterland!“ sollen aus einem „Helden-Denkmal“ zum Betrachter sprechen, forderte der Berliner Völkischer Wille, Das Kampfblatt für die bevölkerungspolitischen Ziele des neuen Deutschland in seiner Nr. 45 vom 05.11.1936 [Lur86, S. 31]. Offenbar wollten die Radolfzeller Auftraggeber und ihr Bildhauer dem entsprechen. Worauf zielte der Heldenkult und was trug zu ihm bei? Detlef Hoffmann antwortet [Hof98]: „Das Ziel der nationalsozialistischen Politik war der Krieg und insofern war der Mythos vom Helden nicht nur Kriegsverarbeitung sondern gleichermaßen Kriegsvorbereitung“ (S. 82).Wie die katholische Kirche den Opfermythos förderte, zeigt sich exemplarisch-typisch im Überlinger Münster, wo an einer Seitenkapellenwand unter einer Tafel mit Namen toter Soldaten des Ersten Weltkriegs diese (von Bürgermeister Dr. Heinrich Emerich verfasste) Inschrift den göttlichen Segen für den gerechten Krieg garantiert:
Direkt gegenüber der Namenstafel der „nicht umsonst gestorbenen tapferen Söhne“, aus deren „Opfertod einst des Vaterlandes Morgenrot steigen“ wird, liefert eine Pietà inmitten eines Altars die Interpretation: Der Opfertod Jesu erlöst die Menschen, der der krepierten Krieger das Vaterland. Schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde der Kriegstod mit Jesu Opfertod gleichgesetzt (s. z.B. [Lat92, S. 87]). Danach „entwickelte sich die religiöse Verbrämung eines unansehnlichen, oft grauenhaften Soldatentodes zu einem nationalistischen Topos“ [Beh96, S. 75]. (Vgl. [pc14, S. 10–11], ausführlich [Beh96, S. 71–76], in der evangelischen Theologie [See91, S. 238–241], [Dör08].)
Jesus aufersteht drei Tage nach seiner Kreuzigung. In Heinrich Heines (1797–1856) 1822 veröffentlichten Gedicht Die Grenadiere fantasiert einer der beiden, wie er „gewaffnet hervor aus dem Grab“ steigt, um „den Kaiser zu schützen“ – freilich mit Heines „leicht ironischem Unterton“. „In Festreden und Weihepredigten der 1920er Jahre“ stiegen tote Soldaten mitunter „selbst wieder aus ihren Gräbern, um eigenhändig Rache zu nehmen und den begonnenen Kampf zu einem siegreichen Ende zu bringen“ [Lib14, S. 116–117]. So konnten die Nazis nicht nur nahtlos an den Opfermythos anknüpfen, sondern den Totenkult zu einem Auferstehungsmythos jenseits jeglicher Trauermotive steigern. Im Horst-Wessel-Lied von 1929 marschierten erschossene Putschisten und Schläger im Geist in den Reihen der SA-Truppen mit. Am 10. Februar 1933 forderte der kurz zuvor installierte Reichskanzler Adolf Hitler (1889–1945) in seiner Wahlrede im Berliner Sportpalast: „Diese zwei Millionen [tote deutsche Soldaten; die restlichen 15 Millionen Toten des Ersten Weltkriegs waren Hitler egal, K.H.], die sollen vor den Augen unserer Jugend sich wieder erheben als ewige Warner, als Forderer, als Zeugen des Opfers für die Nation. Wir wollen die Jugend erziehen zur Ehrfurcht vor unserem alten Heer, an das sie wieder denken soll, das sie wieder verehren soll, und in dem sie wieder die gewaltigste Kraftäusserung der deutschen Nation, das Sinnbild der grössten Leistung, die unser Volk je in der Geschichte vollbracht hat, sehen soll. Damit wird dieses Programm sein ein Programm der nationalen Wiedererhebung auf allen Gebieten des Lebens, unduldsam gegen jeden, der sich gegen die Nation versündigt“ [Sch34, S. 420], vgl. [Dom73, Bd. 1, S. 206].Das „Gesetz für den Aufbau der Wehrmacht“ vom 16. März 1935 wurde als „Morgenröte des Auferstehungstages unseres Volkes“ gedeutet; Pastor Schmelzkopf verglich es am „Heldengedenktag“ 17. März 1935 „mit dem christlichen Auferstehungsfest“ [Lib14, S. 125]. Am 9. November 1935 schwärmte der Völkische Beobachter, Ausgabe Süddeutschland/München, über die NS-Kultfeier in München zum Jahrestag des Hitler-Ludendorff-Putschs im November 1923 im Leitartikel Opferflammen lodern über Sarkophagen: „In einem Meer von wehenden Hakenkreuzbannern und im Flammenschein rauchender Pylonen werden sie [die 16 Toten des Novemberputsches – F. M.] zur Auferstehung fahren“ [Mat90, S. 64, 68].Am „Heldengedenktag“ 12. Februar 1936 erklärte Hitler Horst Wessel (1907–1930) zum unsterblichen Märtyrer und fantasierte: „Unsere Toten sind alle wieder lebend geworden. Sie marschieren nicht nur im Geiste, sondern lebendig mit uns mit“ [Dom73, Bd. 2, S. 575].Auch dem Landesführer des Reichskriegerbunds Prof. Schmidt-Neustadt erschienen bei der Einweihung der Ehrenhalle in Kaiserslautern am 1. August 1937 die Kriegstoten: „Sie leben wieder in uns, sie kämpfen wieder mit uns und sie wollen mit uns den Sieg gewinnen, für den sie starben“ (Pfälzische Presse (02.08.1937) zit. n. [Lur86, S. 173]).Die auf den Schlachtfeldern zerfetzten Reichsheersoldaten suchen ihre zersplitterten Knochenreste zusammen, kriechen als Zombies aus ihren Massengräbern hervor, auferstehen, unverletzt, quicklebendig, greifen ihre Gewehre und Handgranaten, mutieren zu Wehrmachtssoldaten und marschieren als Propagandisten des Kriegs, dessen Sieg der „Führer“ hochheilig beschwört, von einem Kriegerdenkmal des „Tausendjährigen Reichs“ zum nächsten. „Schaut auf uns!“ sprechen sie zu den Alten, „Wir sind nicht sinnlos gestorben, wir sind nicht einmal tot, wir sind unbesiegt und unbesiegbar!“ „Schaut auf uns!“ locken sie die Jungen, „Wir marschieren für den Sieg. Kommt mit uns, macht mit, seid keine Feiglinge, seid Helden wie wir!“ „Schaut auf uns!“ brüllen sie ihre Gegner an, „Wir sind wieder da! Verschwindet oder wir jagen euch davon!“ Den Auferstehungsmythos ließen die Nazis in Stein meißeln – in kaum steigerbarer Deutlichkeit 1939 am NS-Kriegsdenkmal am Reeser Platz in Düsseldorf, wo an einer Reliefwand tote Soldaten des Ersten Weltkriegs aus ihrer Gruft auferstehen und bewaffnet in Reih und Glied mit ungebrochenem Kampfwillen in den Zweiten Weltkrieg marschieren. In die Inschrift dazu meißelten die Nazis die Namen eroberter Städte in Ost und West. [DISS12, S. 27–29], [Lur86, S. 149–151] Noch fünf Wochen vor der Kapitulation seiner Wehrmacht und vier Wochen vor seinem Suizid, am Ostermontag 2. April 1945, dem christlichen Auferstehungsfest, halluzinierte der „Führer“: „Je mehr wir leiden, desto ruhmreicher wird die Auferstehung des ewigen Deutschland sein!“ [Kno95, S. 169]Meinhold Lurz belegt Mythen des Auferstehens und Weiterlebens an NS-Kriegsmalen z.B. auf den Seiten 29, 38, 124–125, 128, 146–147, 166, 171, 173, 218, 229, 233, 256, 276–279, 304, 367, 388, 395 in [Lur86]. Klaus Vondung nennt viele Beispiele in der Literatur des Ersten Weltkriegs [Von80b]. George L. Mosse untersucht den „Gefallenenkult“ als säkularisierte Religion seit den Befreiungskriegen anhand verschiedener Materialien [Mos80]. Ulrich Linse spricht von „Unsterblichkeitssymbolik“ [Lin80]. Florian Matzner begründet den Begriff „Auferstehungsmythos“ anhand vieler Denkmale und bewertet „die ideologische Identifikation des deutschen Soldaten und seiner Funktion im Krieg mit dem Leben und Tod Christi“ „als die pervertierteste Form der Kriegsverherrlichung“ [Mat90, S. 63, 65]. Sabine Behrenbecks Der Kult um die toten Helden bietet eine Fülle an Informationen über Heldenkult und Opfermythos. Zu psychosozialen Ursachen des Auferstehungsmythos siehe [Beh96, S. 156–159], zu Auswirkungen von Heldenkult, Opfer- und Auferstehungsmythos im Zweiten Weltkrieg [Beh91]. Robert S. Wistrich untersucht den Propagandastrang von der „Kriegskameradschaft“ zur „Volksgemeinschaft“: „Hitler verstand instinktiv die Bedeutung der Kriegskameradschaft“ und „erkannte [..] die Wichtigkeit des patriotischen Kampfmythos und des Märtyrerkults für seine eigene nationalistische Bewegung. Das Blut derer, die für das Vaterland oder für die Nazi-Bewegung gefallen waren, sollte den Bund einer Gemeinschaft von Kameraden besiegeln. Auf diese Weise konnte der millionenfache Tod im Krieg in die nazistische Ideologie und später in die nationale Gemeinschaftsideologie des Dritten Reiches integriert werden. Es war, als ob die Millionen Toten des Ersten Weltkrieges wieder auferstanden und in den Massen, die sich neu erhoben hatten, wiedergeboren wären, um dem politischen Aufruf der Nationalsozialisten »Deutschland erwache« zu folgen“ [Wis96, S. 41].Gerhard Armanski formuliert sarkastisch: „der Totenkult als verweltlichter Abendmahlsmythos, in dem die Gefallenen pauschal der Entsühnung und Wiederauferstehung teilhaftig werden, obwohl sie doch als Opfer wie als Täter gegen das vierte Gebot verstießen: »Du sollst nicht töten«“ [Arm88, S. 18]. Fazit zu „Was stellt es dar?“Das Radolfzeller NS-Kriegsdenkmal übernimmt nicht nur den in der Weimarer Republik von militaristischen Verbänden gepflegten Krieger- und Heldenkult, es verherrlicht nicht nur den vergangenen Krieg als Bewährungsfeld für preußisch-obrigkeitsstaatliche Soldatentugenden, sondern es propagiert den künftigen Krieg als Erlösung von dem „Versailler Schandverdikt“ und der „jüdisch-kapitalistisch-bolschewistischen Verschwörung“. Der Steinklotz ist ein nationalistisches, militaristisches, revanchistisches Kriegspropagandamonument, ein Monstrum chauvinistischer Großmachtvisionen und nazistischer Kriegshetze, ein Werkzeug der allgemeinen Mobilmachung. In seiner arisch-rassistischen Dimension äußert sich antisemitischer Wahn. Seine Monumentalität drückt den totalitären Machtanspruch und realen Terror des Naziregimes aus. Somit lässt es sich den Denkmalkategorien „Kriegerkult“, „Heldenkult“, „Kriegsverherrlichung“, „Kriegspropaganda“ sowie „Herrschaftssymbol“ zuordnen.„Die Hitlerregierung, von den Rüstungsinteressenten an die Macht gebracht – von jenen Rüstungsmagnaten, welche die Nazibewegung finanzierten – macht rasende Anstrengungen, die Kriegsindustrien auf Kriegshöhe zu entwickeln und die Bevölkerung, besonders die Jugend auf Kriegsbereitschaft zu mobilisieren“ [Sch34, Vorwort S. 9]. Wie heißt es?„Wer die Dinge benennt, beherrscht sie. Definitionen schaffen "Realitäten". Wer definiert, greift aus der Fülle möglicher Aspekte einen heraus, natürlich denjenigen, der ihm wichtig erscheint.“„Denkmale“ heißen auch „Denkmäler“. Das Denkmalschutzgesetz und das Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg nennen „Denkmäler“ „Denkmale“. Das Landesamt nennt das Denkmal am Radolfzeller Luisenplatz „Gefallenendenkmal“; auch offizielle Radolfzeller Erinnerungskulturarbeiter scheinen diese Bezeichnung zu favorisieren.
Welche Bezeichnungen hat es erhalten?Je nach Sichtweise ohne oder mit Anführungszeichen:
„Kriegerdenkmale“ hießen seit den antinapoleonischen Befreiungskriegen die Erinnerungszeichen für in Kriegen getötete Soldaten, von den Stiftern als „Gefallene“, „Helden“ geehrt. Die Bezeichnung „Ehrenmal“ war typisch für die Weimarer Republik und den NS-Staat, danach hielt sie sich bis in die 1950er Jahre. Nach dem Ersten Weltkrieg versuchten Kriegserinnerungsakteure der Niederlage trotzend dem Kriegstod einen Sinn zu geben. „Die Nomenklatur "Ehrenmal" [..] hob die Vorbildlichkeit und die Würde hervor, die den Gefallenen erwiesen wurden. Ihr Achtung gebietendes Opfer sollte zur Nachfolge anregen“ [Lur87, S. 304]. Hettling meint, der Begriff „Kriegerdenkmal“ sei erst spät im 19. Jahrhundert entstanden und habe sich erst nach dem Ersten Weltkrieg durchgesetzt; im Nationalsozialismus sei „eine semantische Steigerung zu "Ehre"“ erfolgt [Het09, S. 108, 110]. Demnach stünde der Begriff „Ehrenmal“ in Nazi-Tradition.Nach dem Zweiten Weltkrieg flauten Trotzreaktionen ab, „Helden“ schrumpften zu „Opfern“, die die Betrachter mahnten; die Gedenkzeichen nannte man nun oft „Mahnmale“ – was bei neuen Malen passen mag, aber selten bei umfunktionierten alten Kriegsmalen. Meinhold Lurz empfiehlt, „den ältesten, abgegriffensten und daher wertneutralsten Begriff "Kriegerdenkmal" beizubehalten, eben weil er am wenigsten über den jeweils wechselnden Sinn des Gefallenengedächtnisses aussagt“ [Lur87, S. 305]. Soll man es „Gefallenendenkmal“ nennen?„Bei der Verwendung auf Denkmälern nach dem Ersten Weltkrieg ist [...] anzunehmen, dass das Wort »Gefallener« dazu dienen sollte, über die Realität des Sterbens in den Materialschlachten hinwegzutäuschen“Kurt Pätzold widmet der Frage „Gefallen. Wohin?“ ein Kapitel [Pät12, S. 29–33]. Vielleicht prägte Luther mit seiner Übersetzung des Alten Testaments die heute fragwürdige Metapher „fallen“ für „im Krieg ums Leben kommen“ [ebd. S. 31]. Werner Pieper bemerkt den Sexismus in dem Begriff: Ein gefallener Mann sei ein potenzieller Held, einer gefallenen Frau unterstelle man eine moralische Verfehlung [Pie15, S. 21]. Als sich der Kulturausschuss des Radolfzeller Gemeinderats auf seiner Sitzung am 15.05.2018 mit der Beschlussvorlage „Prüfaufträge für Neugestaltung des Luisenplatzes“ befasst, soll „Zusätzliche Information zur Begrifflichkeit von "Gefallenendenkmal" und "Kriegerdenkmal"“ klären helfen, wie man das Objekt nennen soll. Argumente stehen sich gegenüber:
Fazit: Umgekommene Soldaten „Gefallene“ zu nennen ist ein Steinchen im Mosaik antiquierten Heldenkults. „Gefallenendenkmal“ ist ein schönfärberischer Name für das NS-Kriegspropagandaobjekt, der nicht zu seriöser Erinnerungskultur passt. Bezeichnung nach dem Dargestellten statt nach der WidmungDer optische Eindruck eines fünf Meter hohen Steinklotzes wirkt direkt auf das Gefühl und dominiert das Verstehen von Widmungsdefinitionen und Texten, die kulturell vermittelt den Verstand ansprechen. Deshalb muss vom tatsächlich Dargestellten, nicht von politisch zweckdienlichen Widmungen ausgehen, wer eine schlüssige Bezeichnung anstrebt. Wer statt der Namenstafeln das Denkmal betrachtet, erkennt keine „Gefallenen“, sondern zwei marschierende, also lebende Krieger, Soldaten, Reichsheer-, Reichswehr-, Wehrmachtssoldaten. Deshalb ist „Soldatendenkmal“ eine passende Bezeichnung. Da die Soldaten unverletzt, befahnt und schießbereit vorwärtsschreiten, ist ein In-den-Krieg-Ziehen dargestellt. Deshalb passt „Kriegerdenkmal“ besser. Da es zur NS-Zeit geschaffen wurde, passt „NS-Kriegerdenkmal“ noch besser.Bezeichnung nach den Intentionen der Auftraggeber„Denkmäler sagen meistens sehr wenig aus über das, wofür sie stehen, oder über die, deren Namen auf ihnen verewigt sind – viel aber sagen sie aus über die Menschen, die sie erdacht / geplant / entworfen / gestaltet / finanziert haben, und über die Menschen, die die Denkmäler seit der Errrichtung in regelmäßigen rituellen Handlungen pflegen und damit den ‚Sinn‘, den die Errichtenden dem Denkmal geben wollten, zu aktualisieren versuchen“ [Sch99, S. 63].Kriegerdenkmale beziehen sich auf vergangene Ereignisse, kommentieren und interpretieren sie „und entwickeln daraus Botschaften für Gegenwart und Zukunft“. Deshalb seien sie „immer als politische Stellungnahmen derjenigen zu verstehen, die sie errichteten, also der Denkmalstifter. Sie richten sich häufig nach außen, gegen die militärischen Gegner, aber stets auch nach innen, an die eigenen Mitbürger“ [Kli06, S. 10]. Was Kerstin Klingel allgemein formuliert, konkretisieren die Duisburger Forscher: „Kriegsdenkmäler geben die Intentionen der jeweiligen Stifter wieder und nicht die der angeblich Geehrten und deren Hinterbliebenen. Häufig geht es dabei um Heldenverehrung und nicht um die Trauer um die Toten. Die Denkmäler weisen in die Zukunft: Zukünftige Generationen hätten die Pflicht, eines Tages ebenfalls für’s Vaterland zu sterben. [...] Die allermeisten dieser Denkmäler ehren nicht die toten Krieger, sondern den Krieg“ [DISS12, S. 9–10].Dies trifft auch auf das Radolfzeller Denkmal zu: Nach den Intentionen der NS-Auftraggeber sollte es den Krieger- und Heldenkult stärken, den vergangenen Krieg verherrlichen und den künftigen Krieg propagieren. Deshalb passt die Bezeichnung „NS-Kriegsdenkmal“ noch besser als „NS-Kriegerdenkmal“. Ist es ein „Mahnmal für den Frieden“?Wo man über ein Kriegsdenkmal debattiert, werden auch Ansichten geäußert wie, es erinnere an Kriegsopfer und Kriegsverbrechen, man solle es als Mahnmal gegen den Krieg und völkisch-rassistisches Denken lesen, es biete eine Chance, über eine friedliche Zukunft zu sprechen, es handle sich um ein Mahnmal für Frieden und Freiheit, ja das ganze Ensemble sei ein vom Friedensgedanken getragener Ort.Bei einem NS-Kriegspropagandaobjekt mögen solche Interpretationen gut gemeint sein, beruhen aber nicht auf Fakten, sondern auf Wunschträumen. Es sind Versuche, das Kriegsdenkmal für friedenspolitische Zwecke zu instrumentalisieren, die den urprünglichen kriegsverherrlichenden Zwecken diametral entgegenstehen. Unklar ist, ob solche Versuche – vielleicht ungewollt – historische Fakten zum Denkmal verschleiern und so eher zu Verdrängung als zu Aufklärung beitragen. Ob mit kontrafaktischen Instrumentalisierungsansätzen friedenspolitische Ziele erreicht werden können, erscheint fraglich. Der Vorschlag, etwas „gegen den Strich zu deuten“, könnte sich als Schlendern in Richtung Beliebigkeit erweisen. Die Tauglichkeit des „Gegen-die-Intention-Interpretierens“ kann man testen, indem man es auf andere Objekte als Kriegerdenkmale anwendet: Sollte man Hassreden und Morddrohungen mit dem Hinweis verbreiten, der Leser möge sie als Mahnung zu Liebe und Gewaltfreiheit auffassen? Sollte man Folterwerkzeuge mit dem Hinweis präsentieren, dies seien Mahnungen, sich körperlich und geistig gesund zu halten? Sollte man öffentliche Plätze mit Kriegswaffen aller Arten, Zeiten und Länder dekorieren – Kanonen, Panzern, Jagdbombern, Atomraketen – mit dem Hinweis, der Betrachter müsse sie als Ausdruck der Friedenssehnsucht der Menschheit erkennen? Dass das NS-Relikt kein Friedensmahnmal sein kann, bedeutet nicht, dass es nie zu etwas mahnte. In der Tat ermahnte es 1938–1945 die Bürger, sich dem Naziregime zu fügen und die Jungmannen, den vorbildlich toten Kriegsheroen zu folgen, sich besinnungslos in den Krieg führen zu lassen und ihr kurzes Leben tugendhaft im Heldentod zu erfüllen [Lur86, S. 304]. Der keinerlei pazifistischer Neigung verdächtige Hettling meint, es habe „sich seit 1945 ein diffuser Wortgebrauch durchgesetzt“, der den Begriff „Kriegerdenkmal“ vermeide „und stattdessen auf sachlich nicht adäquate Begriffe wie Mahnmal“ zurückgreife [Het09, S. 108]. „Die bundesdeutsche Gedenkkultur“ habe „mit "Mahnmal" einen Begriff in den Vordergrund gerückt, welcher die passiven Opfer kriegerischen Handelns thematisiert und Krieg an sich“ ablehne [ebd. S. 111]. Ist es ein Denkmal, ein Erinnerungsmal?Als Kriegspropagandamittel zielt es auf den Bauch, nicht auf den Kopf. Es soll Feindbilder bestätigen, Rachegelüste verstärken, Hassgefühle anstacheln, militärische Überlegenheit suggerieren, aber nicht zum Denken anregen. Dies rechtfertigt, es abweichend vom üblichen Sprachgebrauch auch schlicht „Mal“ statt „Denkmal“ zu nennen: Kriegermal, Kriegsmal, NS-Kriegermal, NS-Kriegsmal. Deutlicher drücken NS-Kriegspropagandamal und NS-Kriegsvorbereitungsmal seinen Zweck aus.Woran erinnert es? Nicht an Ereignisse und Ergebnisse des Ersten Weltkriegs, aber an die Vorbereitung des Zweiten Weltkriegs. Somit ist es ein Erinnerungsmal für die NS-Zeit, ein NS-Erinnerungsmal. Was ist es zudem?Im Jahr 1958 wurde es durch Ergänzung der Namenstafeln der 1939–1945 getöteten Soldaten zu einem Sammeldenkmal oder Kombi-Denkmal für beide Weltkriege uminterpretiert [Lur87, S. 42], [Lib14, S. 175], durch Anbringung der Ostlandtafel in ein Kriegsfolgendenkmal umfunktioniert [Lib18, S. 6]. Forschungsarbeiten fördern neue Aspekte zutage. Nach Sabine Behrenbecks Der Kult um die toten Helden [Beh96] ist es ein Heldenkultmal, Kultmal, NS-Heldenkultmal, NS-Kultmal, nach Loretana de Liberos Rache und Triumph [Lib14] ein Rachemal, NS-Rachemal.Fazit zu „Wie heißt es?“Zahlreiche Bezeichnungen treffen mehr oder weniger zu. Kurz und prägnant ist NS-Kriegsmal.Zubehör
Luisenplatz heißt eine Bushaltestelle.
4 6/8 bezeichnet weder Geburts- und Todesjahr der verehrten Großherzogin noch die Telefonnummer des von ihr geförderten Roten Kreuzes.
Lebendiger Zeuge der Geschichte
Westlicher Pylon mit Feuerschale: Antikisierendes Symbol des NS-Heldenkults
Den 1870/71er Krieg überlebten 30 von 31 Kriegsteilnehmern.
Die in diesem Text verwendete Bezeichnung Tätertafeln fokussiert auf die Hauptrolle der toten Soldaten. Sie soll weder Unterschiede zwischen Reichsheer, Wehrmacht und SS, noch zwischen Kriegsfreiwilligen, Wehrpflichtigen und Zwangsrekrutierten, noch verschiedene Rollen zwischen Tätern und Opfern ignorieren. Sie impliziert auch nicht, dass alle auf den Tafeln genannten Soldaten gleichermaßen für die Weltkriege verantwortlich oder schuldig seien. Doch so wenig es eine Kollektivschuld gibt, so wenig sollte es kollektive Freisprüche, undifferenzierte Viktimisierungen und pauschale Ehrungen geben.
Christliche Symbolik zwecks verstockter Verdrängung des NS-Angriffskriegs, schamloser Protektion von SS-Mitgliedern und revanchistischer Ostlandreiterei
Sie scheinen durch.
Es scheint durch.
Für eine leserliche Darstellung der Inhalte der fünf Informationstafeln siehe Kommentierende Texttafeln (2014) zur Entstehungsgeschichte des Kriegerdenkmals und zur Geschichte der „Gedenkkultur“ an diesem Ort radolfzell-ns-geschichte.von-unten.org/_media/tafeln_kriegerdenkmal_final_06.06.2014.pdf.
InschriftenDieser Abschnitt untersucht die Inschriften der Kriegerdenkmale von 1899 bis 2011 jeweils nach den Aspekten Stifterkreis, Erinnertenkreis, Aussagen und Zweck des Denkmals. Unter Aussagen wird gefragt, was die Inschrift im Kontext der Denkmalform zum Sinn des Kriegstods aussagt, aber auch zu Trauer, Trost, Ursachen und Verantwortlichen des Kriegs.Nach Meinhold Lurz konstituieren „Form, Aufstellungsort und Inschrift“ eines Denkmals seine Aussage und Identität, wobei die drei Faktoren „sich ergänzen, korrigieren oder in Spannung zueinander treten“ können. Da Inschriften verbalisieren, was „Form und Ort symbolisch verschlüsselt“ ausdrücken, beeinflussen sie die Identität eines Denkmals stark. [Lur87, S. 303] 1899 bis um 1943 Widmung zur Kriegstraditionspflege: Das auf Initiative des Militärvereins 1899 auf dem Marktplatz errichtete Kriegerdenkmal zum Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 trug die Inschrift „Den Verstorbenen zum Andenken, den Lebenden zur Erinnerung,[BlH17, S. 93–96, 117], eine Abwandlung der originären Widmungsinschrift „Den Gefallenen zum Gedächtniß, den Lebenden zur Anerkennung,des Berliner Kreuzbergdenkmals von 1821, die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft im kriegerischen Sinn verband (vgl. [Vog93, S. 30–32]). Vier Aspekte seien betrachtet:
„Gedenktafel für die Toten der NS-Bewegung im Gau Baden“,die Zukunft des nächsten Kriegs in der Skulptur der mit Fahne und Gewehr marschierenden Soldaten. War das wilhelminische Denkmal 28 Jahre nach Kriegsende und 15 Jahre vor Beginn des Ersten Weltkriegs eingeweiht worden, so das nazistische 20 Jahre nach Kriegsende und ein Jahr vor Beginn des Zweiten Weltkriegs. Aus der Empfehlung zur Nacheiferung war terroristischer Zwang geworden. Als weitere 20 Jahre später der Ex-Nazi Dombrowski die Umfunktionierung des NS-Kriegsvorbereitungsmals zum Kriegsfolgenmal leitete, war der NS-Staat vergangen und die BRD gegenwärtig. Nun repräsentierte die östliche Wand die Vergangenheit der beiden Weltkriege. Indem die Sinnstifter des Kriegstods die westliche Wand der Gegenwart mit Efeu zuwuchern ließen, dokumentierten sie ihre Sprachlosigkeit gegenüber den Verbrechen des NS-Staats und den politischen Gehversuchen der jungen BRD. Die Kriegerskulptur ließen sie weiterhin die Zukunft repräsentieren, umgedeutet in einen Revanchismus, der sich nur noch gegen den Ostblock richtete. Die Forderung zur Nacheiferung blieb in Stein gemeißelt stehen, wenn auch die Einbindung der BRD in den westlichen Block ihr die außenpolitische Option eines weiteren Angriffskriegs nahm. 1938 bis 1958 Ehrung der Helden: Die Inschrift am Sockel des NS-Kriegerdenkmals von 1938 lautete: „DIE STADT RADOLFZELL / IHREN IM WELTKRIEGE /Die obigen vier Aspekte seien wieder betrachtet:
„die verbreitete Doppeldeutigkeit der Denkmalsfiguren dieser Zeit, ob nun die Toten inschriftlich genannt wurden oder die Stifter sich selbst als Kriegsteilnehmer und Überlebende darstellten“ [Vog93, S. 173].1958 bis 2011 Ehrung des Soldatentums: Als der Denkmalausschuss 20 Jahre später das NS-Kriegsmal zum Sammeldenkmal uminterpretierte, lautete die angepasste Sockelinschrift: „DIE STADT RADOLFZELL / IHREN IN DEN WELTKRIEGEN /Dazu wieder die vier Aspekte:
„OB KIND DIESER STADT OB HEIMATVERTRIEBENWiederum die vier Aspekte:
„Als dieses Denkmal 1938 aufgestellt wurde, waren die Planungen für den nächsten Krieg und den Holocaust schon weit fortgeschritten. Millionen Männer, Frauen und Kinder wurden Opfer der nationalsozialistischen Unmenschlichkeit.Die vier Aspekte:
Dennoch seien Unschärfen genannt. Die „nationalsozialistische Unmenschlichkeit“ scheint sich ebenso zum Subjekt verselbstständigt zu haben wie die „Planungen“, von denen nicht gesagt wird, wer sie ausgeführt hat. Den Opfern stehen keine Täter gegenüber, sondern deren Eigenschaft der „Unmenschlichkeit“, die wohl auch die „Planungen“ zu verantworten hat. Umstellen der Wörter ergibt „unmenschlichen Nationalsozialismus“ oder „unmenschliche Nationalsozialisten“. So gewinnen Ursachen und Verantwortliche Kontur als nazistische Ideologie und deren Träger. Ab 2011 Selbstdarstellung des Gedenkens: Weitere 10 Jahre später migrierte die Sockelinschrift an die Tafelwand und mutierte von der Widmung zur Aussage „RADOLFZELL GEDENKT DER OPFER DER GEWALTHERRSCHAFT UND DER TOTEN ALLER KRIEGE“,einer Abwandlung der Widmung „Den Opfern der Kriege und der Gewaltherrschaft“zur Gedenktafel vor Schinkels ehemaligem Anatomiegebäude in Bonn, die als zentrales „Ehrenmal“ der BRD geplant und 1964 eingeweiht wurde [Lur 87, S. 81, 94–97, 334–336]. Die Formel ging ohne bestimmte Artikel in den Titel des Gräbergesetzes vom 1. Juli 1965 ein: „Gesetz über die Erhaltung der Gräber der Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft (Gräbergesetz)“.Es „stellte die Opfer der Gewaltherrschaft denen des Kriegs gleich“ [Lur87, S. 117]. In den Personenkreis der Opfer nahm es auf (§ 1 Anwendungsbereich): Kriegstote der Ersten Weltkriegs; von 1939 bis 1952 gefallene oder tödlich verunglückte Militärbedienstete, in Kriegsgefangenschaft oder danach Gestorbene, durch Kriegseinwirkungen gestorbene Zivilisten, während der Umsiedlung gestorbene Vertriebene; von 1933 bis 1952 durch nazistische Gewalt Umgekommene; „als Opfer des kommunistischen Regimes ums Leben gekommene“ Personen; seit 1939 während der Verschleppung oder danach gestorbene Deutsche; von 1939 bis 1945 in Lagern unter deutscher Verwaltung gestorbene Internierte und nach Deutschland verschleppte gestorbene Zwangsarbeiter; von 1945 bis 1950 in internationalen Sammellagern gestorbene Ausländer. „Die Formel ‚Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft‘, die sich allgemein durchgesetzt hat, schließt die gefallenen Soldaten der Weltkriege ein, was die aktive Dimension ihres Handelns ausblendet“ [HeE13, S. 142].So wurden Täter zu Opfern umdeklariert. Zudem verstand das Gräbergesetz unter „Gewaltherrschaft“ nicht nur die „nationalsozialistische“, sondern auch die „kommunistische“, ganz im Sinn der Relativierung des Naziregimes im Kalten Krieg mittels Totalitarismustheorien. Dieser historische Hintergrund des Begriffs „Gewaltherrschaft“ ist zu berücksichtigen. Die Tafelüberschrift weicht zweifach von der üblichen Formel ab: Sie setzt „GEWALTHERRSCHAFT“ an die erste Stelle vor „KRIEGE“, und sie teilt die Betroffenen in zwei Kategorien: „OPFER“ und „TOTE“. Insofern setzt sie – von den Zitaten abweichend – die beiden Gruppen von Betroffenen nicht gleich, und sie blendet die aktive Dimension des Handelns der toten Soldaten nicht aus, da sie sie nicht als „OPFER“, sondern als „TOTE“ kategorisiert (sofern man ausschließt, dass die Soldaten in beiden Kategorien vorkommen). Die gewandelte Formel widerspiegelt geänderte Sichten, zu denen auch die Wehrmachtsausstellungen von 1995 bis 2004 beigetragen hatten. Klaus Naumann bemerkt in seinem Beitrag Abwehr, Abschreckung, Distanzierung. Militär, Öffentlichkeit und Tod in der Bundesrepublik, dass der „Minimalkonsens des militärischen Totengedenkens, die deutschen Soldaten seien weder Helden noch Verbrecher gewesen, sondern pflichtergebene Opfer, eine Formel, die sich während der Bonner Republik herausbildete, [..] schließlich von den Debatten um die Rolle der Wehrmacht erschüttert“ wurde [HeE08, S. 166].Nun zu den vier Aspekten:
„Verhältnis von Denkmalmotiv und Inschrift [..] in den meisten Fällen das einer gegenseitigen Klärung; d.h. das Denkmalmotiv hilft bei der Deutung der Inschrift, und umgekehrt interpretiert die Inschrift das Denkmalmotiv“ [Lur87, S. 311].Insofern gehört das Radolfzeller Kriegsmalensemble zu den seltenen Fällen, in denen sich Motiv und Inschrift widersprechen: Weder klärt das Motiv des aggressiven Sturmtrupps die Tafelüberschrift des Gedenkens der Opfer der Gewaltherrschaft, noch diese das Erscheinen der Namen von 102 SS-Tätern. 2017 Alternative Werte: Vom 21./22. Januar bis zum 2. Februar 2017 trug der Denkmalsockel die Aufschrift „LIEBER BUNT ALS NAZI-SCHUND“in fünf Lackfarben – nicht als offizielle Inschrift, sondern als politisch-ikonoklastisches Artefakt (s. Chronologie). Da Medien den Spruch erwähnten, aber nicht analysierten, seien hier wie oben die vier Aspekte betrachtet:
Fazit zu „Zubehör“Nichts am NS-Kriegsdenkmalensemble drückt Trauer aus außer Hinweisen auf Opfer der Unmenschlichkeit und Gewaltherrschaft, nichts spendet Trost, außer der Platane. Nirgendwo im Ensemble wird der Krieg angeklagt, außer auf der Textstele. Nichts klärt über Ursachen, Voraussetzungen und Verantwortliche der Kriege auf. Die Schuldfrage klingt nur im Stelentext an. Nirgendwo ist vom Frieden die Rede, außer in drei Sätzen am Anfang und einem Satz am Ende der Informationstafeln. Kein ziviler Kriegstoter wird namentlich erwähnt, kein Kriegsgegner, kein Verfolgter des Naziregimes. Die Anlage enthält keine Artefakte, die friedensfördernd, völkerverständigend, demokratiefreundlich, humanistisch, zivilisatorisch wirken, außer der Textstele und den Informationstafeln.FunktionenNachdem das NS-Kriegsmal und sein Zubehör im Detail vorgestellt sind, sei zur Entwicklung des Denkmalensembles gefragt, welche Interessengruppen über welche Zeiträume welche ideologischen und politischen Funktionen (d.h. Mittel-Zweck-Relationen) einsetzen. Verschiedene Linien sind erkennbar, die mehr oder weniger gebrochen teils nach-, teils nebeneinander verlaufen.Ab 1938 Ritualisierung des Jahresablaufs (vgl. [Fis88, S. 197–204]): Um inhaltliche Funktionen herum bildet das Kriegsmalensemble einen formalen Rahmen für jährlich wiederholte Zeremonien wie den „Heldengedenktag“ und späteren Volkstrauertag. In dieser Funktion dient es dazu, überkommene Rituale zu zementieren. Ab 1938 Leugnung der Niederlagen in den Weltkriegen: Das marschierende Kriegerduo verkörpert den Spruch „Im Felde unbesiegt!“ zur Dolchstoßlegende, mit der die Reichswehrführung die Niederlage des Deutschen Heers im Ersten Weltkrieg verbrämte. „Die Kriegsniederlage sollte eben nichts an der traditionellen Einstellung zu Krieg und Kriegstod ändern, die alten Werte, für welche die Soldaten in den Krieg und in den Tod gezogen waren, sollten wegen ihrer vermeintlich staatstragenden Funktion um fast jeden Preis bewahrt werden“ [Beh89, S. 36].Die steinernen Tugendbolde fordern ihre Betrachter mittels „Inversionslogik“ (Koselleck) „zur Identifikation mit dem Vaterland auf, für das zu sterben trotz der Niederlage lohnt. Die Millionen Toten durften nicht sinnlos gestorben sein“ [Beh92, S. 358]. Indem sie nach dem Zweiten Weltkrieg weiter marschieren, verleugnen sie auch ihre noch größere zweite Niederlage und rühmen ihre Soldatentugenden, die zum millionenfachen gewaltsamen Tod beitrugen, bis heute. Ab 1938 Verherrlichung von Soldatentugenden: Die Steinkrieger repräsentieren überkommene konservativ-nationalistisch-militaristische Tugenden, die vom Naziregime „zur Staatsideologie erhoben wurden: Edelmut, Heroismus, Männlichkeit, Opferbereitschaft, Disziplin, Einordnungsvermögen, glühende Hingabe an den Staat und an die gemeinsame nationale Sache“ [Wet79, S. 113]. 1938 bis 1945 Instrumentalisierung toter Soldaten für den Nationalsozialismus (vgl. [Lib18, S. 2], [Beh96, S. 130], [Vog93, S. 183]): Indem die Nazis den Horst-Wessel-Platz und das Denkmal zugleich den „Gefallenen“ des Ersten Weltkriegs und den Toten der NS-Bewegung widmen, instrumentalisieren sie die toten Weltkriegssoldaten für die nazistischen Ziele. Die Nazis stellen die Reichsheersoldaten als Vorläufer der NS-Bewegung dar, sich selbst als Nachfolger der Weltkriegsfrontkämpfer, die deren Kampf auf den Straßen der Weimarer Republik fortführten und dank der Errichtung des „Dritten Reichs“ zum Sieg führen werden. Wie die Reichsheersoldaten als Kämpfer für das Kaiserreich, so seien die Nazi-Straßenschläger als Kämpfer für das „Dritte Reich“ und den „Führer“ „gefallen“. Da die toten Reichsheersoldaten keine militärischen Erfolge vorweisen konnten, stiegen sie zu Helden verklärt auf den Denkmalsockel, um den politischen Sieg der NS-Bewegung zu feiern (vgl. [KrK94, S. 111]). Nach dem Zweiten Weltkrieg sorgen die Siegermächte dafür, dass diese Ideologielinie abbricht – realisiert durch Beseitigen der Gedenktafel für die Toten der NS-Bewegung und Rückbenennen des Platzes. Ab 1938 Sakralisierung des „Opfers“ der Soldaten „auf dem Altar des Vaterlandes“ [Beh96, S. 74]: „Opfermetaphern für Kriegshandlungen und Kriegsfolgen leisten (a) die Sakralisierung des Tötens und Getötet-Werdens, (b) die Verherrlichung und Verehrung des Getöteten (Totenkult, Divinisierung), (c) Entlastung für die Tötenden und deren Nachfahren. Durch Sakralisierung wird Akzeptanz für Gewalt erzeugt und verewigt: Jedes ‘Opfer’ fordert eine würdige Antwort, die Gegenleistung, ein weiteres ‘Opfer’“ [Can88, S. 120] zit. n. [Beh96, S. 74].„Die nationalsozialistischen Initiatoren der heroischen Mythen“ zielten darauf, „den Heldentod im religiösen Sinne als notwendiges Opfer zu deuten und daraus politisches Kapital zu schlagen“ [Beh96, S. 83]. Das politische Kapital setzten sie zur Kriegsvorbereitung ein. Eine sakrale Aura erhielt die Denkmalanlage 1938 durch antikisierende Architekturelemente; sie wurde ab 1958 gärtnerisch gemildert. Das Sakrale entfaltete sich bei kultischen NS-Aufmärschen. Noch heute finden sich Spuren der Sakralisierung des Soldatentods in Gedenkfeiern am Volkstrauertag, die militärische Rituale mit liturgischen Elementen kombinieren, wie die Gedenkrede, die einer Predigt ähnelt und das gemeinsame Sprechen eines Texts, der einem Gebet ähnelt. An die Stelle des „Heldentods“ als „notwendiges Opfer“ tritt heute die „Verantwortung“, die Deutschland übernehmen müsse, indem es die Bundeswehr an „friedenserhaltenden“ und „friedenssichernden“ Maßnahmen beteiligt, bei denen Gewalteinsätze als akzeptabel erscheinen sollen. Entsprechend inkludiert der Gedenkpsalm des ehemaligen Pastors und damaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck „die Bundeswehrsoldaten und anderen Einsatzkräfte, die im Auslandseinsatz ihr Leben verloren“ (2015). Als sakrales Erbe überdauert die Sitte, das Heiligtum umgehend von frischen Farbflecken zu säubern. Ab 1938 Trivialisierung des Kriegs [Mos91, S. 32]: Scheinbar der Sakralisierung widersprechend, ergänzt diese Funktion im Alltag, was die Sakralisierung Festtagen vorbehält. George L. Mosse versteht unter Trivialisierung die Methode, „sich an den Krieg durch Verharmlosung zu gewöhnen, damit er alltäglich und gewöhnlich, statt schreckenerregend und fürchterlich erscheint“.Als Beispiele nennt er Tand wie Gewehre als Seifenstücke, Granaten als Papierwaagen, U-Boote als Mundharmonikas, verweist auf Theater und Film und erläutert ausführlich den Schlachtfeldtourismus. Tatsächlich lassen sich Gegensätze wie „sakral – trivial“, „heilig – profan“ oft an Kriegsdenkmalen beobachten. Mosse sieht darin „zwei Alternativen [..] die Kriegserinnerung zu bewältigen und von dem alles überragenden Schrecken des Krieges abzulenken“. Befürchtungen der „fanatischen Anhänger des Gefallenenkults“, die Trivialisierung bedrohe „jene weihevolle und ehrfurchttriefende Ergebenheit [..], welche man für die Grundvoraussetzung nationaler Erneuerung hielt“, hält Mosse entgegen, „daß massenhaft produziertes Kriegsspielzeug, die Trivialstücke und der Schlachtfeld-Tourismus eher dazu beigetragen haben, das Akzeptieren von Gewalt im Dienst eines höchsten Gebots zu erleichtern“ [Mos80, S. 258]. Zur Entstehungszeit des Radolfzeller NS-Kriegsmals wurden „Bausteine“ und Postkarten in mehreren Varianten verbreitet (s. radolfzell-ns-geschichte.von-unten.org/_media/bilder:ns-ehrenmal:ehrenmal_1938.jpg, zwei weitere in [IOGR, NS-Ehrenmal]); zwei davon sind die einzigen Exponate zum NS-Kriegsmal im Stadtmuseum. Heute bietet ein Internetshop vom Murger NS-Kriegsmal für 23,95 Euro das 16 cm hohe Modell „H0 Kriegerdenkmal“, passend zu einem stehenden, knienden oder liegenden Soldaten mit Gewehr und Mündungsfeuer. Das heutige Radolfzell allerdings enthält sich, Kriegerdenkmal-Kitsch zu vertreiben oder Kriegerdenkmal-Tourismus zu fördern. Ab 1938 Politisierung toter Soldaten (vgl. [Lib18, S. 3]): Indem die Nazis die „Gefallenen“ des Ersten Weltkriegs nicht als tot oder verwundet heimkehrende Soldaten, sondern als in den nächsten Krieg marschierende Krieger darstellen, missbrauchen sie sie für das politische Ziel des Bruchs des Versailler Vertrags, auf das sie seit 1933 mit Verstößen hinwirkten und schließlich durch die einseitige Aufkündigung zum 30. Januar 1937 erreichten. Die Funktion, den Willen zum Völkerrechtsbruch zu manifestieren, ist bis heute ungebrochen erhalten geblieben. 1938 bis 1958+ Heroisierung toter Soldaten (vgl. [Lib18, S. 4]): Indem die Nazis die „Gefallenen“ des Ersten Weltkriegs als unbesiegtes Kriegerduo darstellen, verklären sie die Massenschlächtereien mittels Dynamit und Giftgas, in denen Soldaten nur als Schräubchen einer gigantischen Kriegsmaschinerie vorkommen, zu ehrenhaften Heldenkämpfen treuer Kameraden. Die Auszeichnung „Helden“ soll den Kriegstod der Soldaten als sinnvoll und erstrebenswert darstellen, den Überlebenden als Trostersatz Stolz auf die tapferen Toten vermitteln sowie Trauer und Schmerz verdrängen [Kli06, S. 89]. Meinhold Lurz und Sabine Behrenbeck betonen den agitatorischen Aspekt: „Die Verherrlichung der Kriegstoten war symptomatisch für ein politisches System, in dem das Militär eine dominante Rolle spielte. Die Heroisierung des vergangenen Kriegstods diente als Ansporn zum künftigen Kriegseinsatz“ [Lur87, S. 305].Für Richard Bessel drängt der „Kult des heroischen Soldatentodes“ die „Erinnerungen der grausamen Wirklichkeit des Krieges“ zurück. Er beschreibt den psychosozialen Aspekt: „Die Anziehungskraft der heroischen Mythen, sowie ihre politische Wirkung war nicht zuletzt auf die Tatsache zurückzuführen, daß sie die tatsächlichen Kriegserfahrungen verneinten und dadurch das psychische Bedürfnis befriedigten, einen Sinn der Sinnlosigkeit des Ersten Weltkriegs zu finden“ [Bes91, S. 131].Gerhard Armanskis Mutter schreibt in einem Brief: „»Es ist herzzerbrechend, wenn man an all das Leid denkt, das Kriege gebracht haben. Der billigste Trost war, die Toten als Helden auf Denkmälern zu ehren«“ [Arm88, S. 11].Trost, Sinn, Rache, Opfertod: Die ideologische Funktion, pathetisch überhöhten, antiquierten Heroismus als Vorbild zu propagieren, wird 1958 auf der verbalen Widmungsebene durch das Umdeklarieren von „Helden“ zu „Söhnen“ gebrochen, bleibt aber auf der monumentalen Skulpturebene voll erhalten. Der verbal gemilderte Heldenbegriff bewahrt die Vorbildlichkeit der „Gefallenen“ und lässt ihren Kriegstod als nicht sinnlos erscheinen [Lur87, S. 305, 342]. Die zusätzliche Widmung des Kriegerdenkmals für Soldaten des Zweiten Weltkriegs überträgt die Heroisierung vom Reichsheer auf die Wehrmacht und die Waffen-SS. Gerade diese Funktion der Heroisierung der Nazi-Soldaten findet noch heute bei Rechtsextremen Anklang, während etablierte Erinnerungspolitiker für eine „Entmartialisierung“ der Skulptur plädieren. 1945 bis 2001+ Verdrängung der NS-Vergangenheit: Die Beseitigung der NS-Symbole Hakenkreuz, Reichsadler, NS-Gedenktafel und Platzname invertiert die Instrumentalisierung der toten Reichsheersoldaten für den NS-Staat – sie erscheinen nun als über den politischen Systemen schwebende deutsche Helden, die die NS-Zeit unbeschadet überdauert haben. Dominierenden Kräften der Nachkriegszeit gelingt es 56 Jahre lang, das Naziregime als unerklärlichen Betriebsunfall darzustellen, dessen dunkle Seiten ruhen sollen. „Die Verarbeitung der Niederlage und der NS-Verbrechen wird in Westdeutschland durch Verdrängung der Schuldgefühle und eine allzu rasche Identifizierung mit den Siegermächten im Zuge des Kalten Krieges verhindert“ [Beh89, S. 36].Nach der Zwischenkriegslegende des „unbesiegten Reichsheers“ repräsentiert das entnazifizierte NS-Mal die Nachkriegslegende der „sauberen Wehrmacht“. Jörg Echternkamp bemerkt in seinem Beitrag Kein stilles Gedenken. Die Toten der Wehrmacht im Erinnerungskonflikt der Bundesrepublik: „Eine positive Erinnerung an die Toten der Wehrmacht war in der Regel nur durch den Verzicht auf die Berücksichtigung des politisch-sozialen Zusammenhangs möglich, in dem die Person gestanden hatte, an die erinnert, derer gedacht wurde. Erst das Ausblenden des politischen Kontextes, konkret: des nationalsozialistischen Eroberungs- und Vernichtungskrieges, ermöglichte den Rückzug auf die Lichtgestalt des militärischen Führers, des fürsorglichen Vorgesetzten, des treuen Kameraden, des der Staatsführung treu dienenden, im Übrigen unpolitischen Soldaten“ [HeE08, S. 55].Das ideologische Ziel der Entlastung von der historischen Verantwortung für den Zivilisationsbruch des Vernichtungskriegs und des Holocaust wirkt bis heute stark – bis in Arbeitskreise von Erinnerungsakteuren hinein. Erst mit dem Aufstellen der Textstele 2001 erscheint eine Bruchstelle, an der die parallele Ideologielinie der kritischen Aufarbeitung der NS-Geschichte beginnt. 1958 bis 2011+ Verheimatung und Familisierung von Helden und Kriegsbetroffenen: In den 1950er Jahren passen weltmachtsüchtiger Nationalismus, rassistisch übersteigerter Heroismus, arische „Herrenmenschen“, die ihrem raumlosen Volk ferne Länder erobern, in denen nur versklavbare oder vernichtbare „Untermenschen“ leben, nicht zur Westintegration der BRD in die WEU und die Nato. Deshalb verzichten viele Orte in Inschriften auf ns-verzerrte Begriffe wie Heimat und Vaterland [Lur87, S. 340]. Nicht so Radolfzell, dessen Sinnstifter versöhnende, weltoffene Ideen meiden wollen. Als Ausweg bietet sich an, auf konservative Heimattümelei und patriarchale Familienbilder zurückzugreifen. Während in Stockach der NS-Kriegsverbrecher Willi Hermann zum Fasnachtsidol mutiert (SK 10.08.2018, 06.02.2019), lässt in Radolfzell der zum Erinnerungsakteur gereifte Ex-Nazi Konrad Dombrowski „Radolfzells Helden“ in der Sockelinschrift ihres Denkmals zu „Radolfzells Söhnen“ mutieren und seine Heimatvertriebenen-Tafel die emotionsgeladenen Substantive „Mann, Frau, Kind, Kind, Stadt, Heimat, Feld, Flucht“ nutzen. Die bis heute von Rechten genutzte ideologische Funktion, geopolitische Zusammenhänge im engen Blickwinkel von Familie und Heimat zu vernebeln, erhält sich in der Ostlandtafel, während sie in der Sockelinschrift 2011 neuen Anforderungen weicht. Ab 1958 Erweiterung des Erinnertenkreises zwecks Verharmlosung der NS-Verbrechen: Schränkten die Siegermächte den Erinnertenkreis 1945 ein, so gelingt es militärkonformen Kreisen nach der 1955 erlangten Souveränität der BRD, den Erinnertenkreis auf tote und vermisste Soldaten des Zweiten Weltkriegs auszudehnen. Wie vielerorts wird das Kriegerdenkmal des Weltkriegs zum „Sammeldenkmal“ [Lur87, S. 42] oder „Kombi-Denkmal“ [Lib14, S. 175] für beide Weltkriege umfunktioniert. Geführt von Ex-NS-Dombrowski geschieht das in Radolfzell durch unterschiedsloses Auflisten der Namen von Reichsheer-, Wehrmachts- und Waffen-SS-Soldaten auf sieben Tafeln. Die Gleichbehandlung der Namen suggeriert kontrafaktisch die Gleichwertigkeit des monarchistischen Reichsheers, der völkerrechtswidrigen Wehrmacht, und der terroristischen SS („Soldaten sind sich alle gleich“). Die Vermischung der drei Erinnertenkreise bezweckt, die Wehrmachts- und SS-Verbrechen zu verschleiern und als „normale“ Kriegshandlungen zu verharmlosen. Diese ideologische Funktion ist bis heute ungebrochen wirksam und ein Hauptgrund des Dauerkonflikts um das NS-Relikt. Ab 1958 Instrumentalisierung toter Soldaten für die Militarisierung der BRD (vgl. [Sch99, S. 64]): Das Erweitern des Denkmals für tote Soldaten des Ersten auf die des Zweiten Weltkriegs, das Verwischen der Unterschiede zwischen Reichsheer, Wehrmacht und SS, das Verklären der NS-Verbrechen, das Verehren eines unverzichtbar ewig währenden Soldatentums dienen auch dem Zweck, das Militärische wieder aufzuwerten, die Wiederbewaffnung der BRD, den Aufbau der Bundeswehr, ihre Eingliederung in die Nato, und die zunehmende Aufrüstung zu rechtfertigen und zu fördern. Der Kriegsdienst wird als „Normalität“ propagiert, das Grundrecht auf Kriegsdienstverweigerung zur Ausnahme degradiert, für die ein „Ersatzdienst“ etabliert wird. In diesem Kontext fungiert das NS-Kriegsmal als antipazifistisches Symbol. Die NS-Krieger marschieren als Sympathiewerber für die Bundeswehr. Die vordergründige Ehrung gestern getöteter Soldaten soll der heute auferstandenen Armee Akzeptanz verschaffen. Ab 1958 Viktimisierung der Aggressoren (vgl. [Lib18, S. 5]) und Instrumentalisierung toter Zivilisten für Revanchismus: Dombrowskis Ostlandtafel wandelt das Ensemble zu einem „Kriegsfolgendenkmal“ [Lib18, S. 6], das die von den alliierten Siegermächten neu geordneten Ländergrenzen in Frage stellt, die Schuld für Gebietsverluste in antisowjetischer Stoßrichtung auf überfallene Länder abwälzt, die Eroberungsziele der NS-Aggression verschweigt und Nazi-Deutschland nicht als besiegt oder gar befreit, sondern als unschuldiges Opfer darstellt. Opfer: Opferten sich die „Helden“ 1938–1958 selbst freiwillig fürs „Vaterland“, so präsentieren die Erinnerungsakteure sie ab 1958 als unfreiwillige „Opfer der Umstände, des Schicksals, des Weltensturms“ [Lib14, S. 150]. Die Mehrdeutigkeit von „Opfer für etwas“/„Opfer von etwas“ in der deutschen Sprache erleichtert diese Umdeutung. Kultische Opfer (engl. sacrifice) wurden vom Priester auf dem Altar geschlachtet, um Götter zu befriedigen. Was zwanghaft begann, führte zu freudigen Selbstopfern für gute Zwecke, gipfelnd in Jesu Kreuzestod zur Sühnung der Sünden der Welt. Dagegen wurden Märtyrer als unschuldig leidende Opfer für Ideale von Gegnern umgebracht, gipfelnd in Jesu Kreuzigung durch ... na, Sie wissen schon. Heutige Opfer (engl. victim) werden unfreiwillig gewaltsam durch Kriege, Naturereignisse, Unfälle, Verbrechen getötet. (Zur Vieldeutigkeit des Opferbegriffs s. [Beh96, S. 71–74], ausführlich [Beh91, S. 146–150], [Dör08].) Von realen Opfern des Naziregimes in Konzentrationslagern, Gestapokellern, Zuchthäusern ausgehend verlief die Viktimisierung über Bombenopfer, Heimatvertriebene, Kriegsgefangene zu „einfachen Soldaten“, die „in gutem Glauben ihre Pflicht erfüllt hatten“. Kleine Schritte ermöglichten, auch die Soldaten der Waffen-SS und die führenden Hitler-Generäle zu Opfern zu erklären, denen ehrendes Gedenken gebührte. Letztlich versammelt die Opfergemeinschaft alle bis auf den einen, „der an allem schuld war“. „Wenn sacrifice und victim miteinander amalgamiert würden, könne im Opfermythos »Macht in Ohnmacht, Aktivität in Passivität, Aggression in Verteidigung [verwandelt]« werden, so die Meinung der Forschung“Revanche: Schufen die Militaristen von 1938 das Denkmal zur Vorbereitung des Kriegs, der andere Länder erobern sollte, so deformieren es die Militaristen von 1958 zur Nachbereitung des Kriegs, um die Abtretung einiger Landesteile zu beklagen. Das NS-Kriegsmal mutiert zu einem Symbol des Kalten Kriegs. Im ganzen Denkmalensemble ist das Mutter+Kind-als-Opfer-zwischen-Kreuzen-und-Ruinen-Motiv der Ostlandtafel der einzige Teil, der Trauer evozieren kann. Aber sein Kontext verbiegt die Trauer um Personen in Trauer um verlorene Ostgebiete und missbraucht sie für revanchistische Ziele. Auch diese Entlastungsfunktionen wirken bis heute ungebrochen. Täter: Hier sei zum Opfer- der Täterbegriff kommentiert, den dieser Text abstrahierend für SS-, Wehrmachts- und Reichsheersoldaten benutzt. Dies soll nicht wesentliche Unterschiede zwischen den Gruppen verwischen, nicht Freiwillige und Wehrdienstpflichtige gleichsetzen, nicht einfache Soldaten zu Kriegsverbrechern erklären, sondern die faktische „aktive Dimension ihres Handelns“ [HeE13, S. 142] neutral benennen. Vielfältige Handlungsoptionen zeigt Wolfgang Proskes Buchreihe Täter, Helfer, Triffbrettfahrer [Pro17]. Passives Benutztwerden drückt Kurt Pätzold im Kapitel »Werkzeuge in Verbrecherhänden« aus: „Die deutschen Opfer, die da auf den Tafeln zum Ersten und Zweiten Weltkrieg namentlich oder im Ganzen erwähnt sind, waren, freiwillig oder nicht, zunächst einmal Instrumente von staatlichen Regimes, die eine imperialistische Politik trieben, gegen und auf Kosten anderer Völker.“ Als »Werkzeuge in Verbrecherhänden« (Franz Fühmann) „kamen Millionen um ihr Leben. Dies verbietet nicht, sie Opfer zu nennen, ihrer zu gedenken, um sie zu trauern. Aber es fehlt diesen Soldaten jedes Anrecht, dass ihrer als Soldaten ehrend oder gar dankbar gedacht wird. Das mag sich für ihr ziviles oder Arbeitsleben, für ihren Platz in Familien oder Freundskreisen anders darstellen. Als Soldaten oder, wie es früher hieß, als Kriegshandwerker jedoch haben sie, wenn sie nicht gegen die ihnen erteilten Befehle handelten, nichts vollbracht, was ihnen zur Ehre gereichen würde oder wodurch sie sich Dank verdient hätten“ [Pät12, S. 78].Die Täter-Opfer-Doppelrolle betont Wolfram Wette in seiner Einführung Militärgeschichte von unten. Die Perspektive des »kleinen Mannes« des Sammelbands, der „erhellt, wie der »kleine Mann« das Militär und den Krieg in der Doppelrolle des Täters und des Opfers erlebt und erlitten hat. Durch den Einsatz seiner physischen Kräfte und seiner technischen Fähigkeiten in der Bedienung immer »besserer« Waffen war er – gleich, ob aus eigener Überzeugung oder wider Willen – Teil einer großen Destruktionsmaschinerie, die um staatlicher Ziele willen zerstörte und tötete, um der politischen und militärischen Führung die Möglichkeit zu geben, der jeweiligen Gegenseite ihren Willen aufzuzwingen. Die »kleinen Leute« in Uniform waren keineswegs immer bereit, die Täter-, wie auch die Opferrolle, die sie zur eigenen Existenzsicherung oder in der Befolgung gesetzlicher Regelungen zu spielen gezwungen waren, widerspruchslos zu akzeptieren. Denn in der einen wie in der anderen Rolle erlebte der »kleine Mann« in Uniform die Angst vor dem Tod und die Angst vor dem Töten, die ihn nach Möglichkeiten suchen ließ, diesen nur schwer oder gar nicht tragbaren psychischen Belastungen zu entgehen“ [Wet92a, S. 24].Die Täter-Rolle beschreibt der Historiker und Geschichtsdidaktiker Prof. Dr. Peter Knoch (1935–1994) in seinem Beitrag Gewalt wird zur Routine. Zwei Weltkriege in der Erfahrung einfacher Soldaten: „Soldaten, die an die Front geschickt wurden, hatten die Aufgabe, ihre Waffen gegen den Feind zu gebrauchen, also zu töten und zu vernichten. Für diesen Zweck wurden sie ausgebildet, in einem technischen, moralischen und ethischen Sinne. Die Anwendung der Vernichtungsmittel gegen feindliche Ziele wurde dadurch erleichtert, daß die Soldaten Feindbilder und die Überzeugung von der Rechtmäßigkeit und Notwendigkeit der Gewaltanwendung gelernt hatten. Nach dem Eintreffen an der Front und beim ersten Kampfeinsatz trat dem Soldaten die kriegerische Gewalt in ihrem doppelten Gesicht entgegen: Den Feind bedrohen und vernichten bedeutete immer zugleich, sich der Bedrohung und Vernichtung durch eben diesen Feind auszusetzen“ [Wet92a, S. 313].Als die Sätze „“Ob einer im KZ Hitler gedient hat oder an der Front, macht in meinen Augen nur einen graduellen Unterschied aus. Das KZ stand schließlich nur so lange, wie die Front hielt.”“ [Vog93, S. 214–215]des CDU-Politikers Norbert Blüm (1935–2020) in einem Interview in Der Spiegel vom 10.07.1978 einen Proteststurm auslösten, erwiderte Blüm – die „aktive Dimension“ moralisch bewertend – „“..., daß auch derjenige, der sich persönlich nichts zuschulden kommen läßt, etwa ein pflichtgetreuer Soldat, in Schuld verstrickt wird, wenn das System, dem er dienen muß, Pflichterfüllung für verbrecherische Pläne mißbraucht”“ [ebd. S. 215].Zu Funktionen der Tätertafeln gehört freilich nicht, zu einer differenzierten Täter-Opfer-Diskussion beizutragen. Ab 1958 Propagierung tradierter Frauenrollen: Krieg ist Männersache, also auch Kriegserinnerungskultur. Die Ostlandtafel ist die einzige Stelle im Denkmalensemble, an der eine Frau vorkommt (vom Platznamen abgesehen). Das Maria-Zitat zeigt ihr die Rollen, die sie spielen darf: dulden, leiden, trauern, passiv zu Hause sitzen, in der Küche wirken, in die Kirche gehen, Kinder kriegen und behüten. Die Söhne soll sie zu Kriegern erziehen, die das unterbrochene Werk ihrer unvergessenen, heldenhaft gefallenen Väter eifrig in Rachefeldzügen fortführen. Im Relief sitzt der künftige Erlöser wie das Jesuskind auf dem Schoß der Madonna. Die Frau schaut trauernd auf die Ruinen, während ihr Söhnchen in entgegengesetzter Richtung den Sonnenaufgang erblickt, der in nicht zu ferner Zukunft den Siegestag erhellen soll (an dem der Sohn den Opfertod fürs Vaterland – nicht Mutterland! – gestorben sein wird und die Mutter wieder trauern darf). Ab 1969 Ergänzung des Erinnertenkreises: Mag das Anbringen der Namenstafeln des 1870/71er Kriegs eine Verlegenheitslösung sein (wohin sonst damit?), so bewirkt es doch eine weitere Verharmlosung der Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts und des größten Zivilisationsbruchs der Menschheitsgeschichte. Ab 2001 Kontrastierung der Kriegerskulptur: Mit dem Aufstellen der Textstele erwirken demokratische Kräfte erstmals eine Funktion, die nicht der Entlastung, sondern der Kritik der NS-Zeit dient. Ab 2011 Internationalisierung des Erinnertenkreises und Vermischung von Tätern und Opfern: Es ist die Zeit, in der die Bundesrepublik beginnt, das Völkerrecht zu brechen, am Angriffskrieg gegen Jugoslawien teilnimmt (Kosovokrieg, 1999), ihre Sicherheit am Hindukusch verteidigt (BMV Struck, 04.12.2002, 11.04.2004, S. 8601), ein Luftangriff der Bundeswehr 74 Zivilisten tötet und der verantwortliche Oberst zum Brigadegeneral avanciert (Kundus, 04.09.2009), Militäreinsätze Handelsinteressen wahren sollen (BP Köhler, 22.05.2010), und von den rund 130 Auslandseinsätzen der Bundeswehr seit 1960 rund 20 problematische Militäreinsätze sind. Indes fordern Antifaschisten verstärkt, der Opfer des NS-Terrors zu gedenken und das Holocaustdenkmal entsteht (2003–2005). Auf heimatlich und familial vereinnahmte Kriegsbetroffene beschränktes Gedenken verliert durch die Globalisierung an Bedeutung. Radolfzells Erinnerungsakteure lassen „Radolfzells Söhne“ vom Denkmalsockel verschwinden und erweitern den Erinnertenkreis diesmal in eine globale Dimension, die umgekommene Bundeswehrsoldaten ebenso einschließt wie deren zivile Opfer. Die Tafelwandwidmung für die „OPFER DER GEWALTHERRSCHAFT“ und „TOTEN ALLER KRIEGE“ dient nicht nur wie die früheren Erweiterungen des Erinnertenkreises der Verharmlosung der NS-Verbrechen. Indem sie mit „TOTEN“ den Erinnertenkreis über Soldaten hinaus auf Zivilisten und Terroristen erweitert, verwischt sie den Unterschied zwischen Tätern und Opfern. Zwar wird nun der Opfer gedacht, doch erscheinen die Täter als mit zivilen Kriegsopfern gleichgestellte Tote. Für Interpretationen offen ist die Formulierung „DER GEWALTHERRSCHAFT“: Meint sie die konkrete Gewaltherrschaft der Nazis, oder auch die der Sowjets, der SED, oder meint sie die Gewaltherrschaft als Abstraktum, das sich vielerorts auf dem Globus konkretisiert – in Serbien, Afghanistan, Irak, Syrien,... – und Hitlers klont, die es zu besiegen gilt, um ein weiteres Auschwitz zu verhindern? Die Alternativen haben wiederum die Funktion, die NS-Herrschaft zu relativieren und damit zu verharmlosen. Ab 2014 Kommentierung des Kriegsmalensembles: Zum 100. Jahrestag des Beginns des Ersten Weltkriegs gelingt demokratischen Kräften wieder ein Schritt vorwärts. Die Informationstafeln haben die Funktion, das Denkmalensemble zu kommentieren, um über seine Geschichte aufzuklären (auch wenn sie sie wegen Unleserlichkeit nicht erfüllen). Sie sind so dezent an den Rand gesetzt, dass sie nicht als Kontrapunkt zur Kriegerskulptur wirken. Stele und Informationstafeln funktionieren also unterschiedlich, dienen aber beide dem Zweck der Aufklärung. Beiden gemein ist, dass sie als Mittel zur Dekontextualisierung nicht ausreichen, da sie wenig an den Gebrauchswerten und nichts an den Nutzungsarten der Kriegerdenkmalanlage ändern. Fazit zu „Funktionen“Bis heute bewirkt das Kriegsmalensemble (ohne die Ostlandtafel) vor allem die Heroisierung und Sakralisierung toter Soldaten und ihre Instrumentalisierung für politische Zwecke, und die Relativierung und Verharmlosung der NS-Verbrechen durch die Ausdehnung des Erinnertenkreises und die Vermischung von Tätern und Opfern. Neben diesen reaktionären ideologischen und politischen Funktionen sind als demokratiefreundliche, humanistische Gegentendenzen die Kontrastierung und Kommentierung der Kriegerskulptur zu beobachten. Unterbelichtet sind Funktionen, die friedensfördernd, völkerverständigend, zivilisatorisch wirken.FazitDie NS-Kriegsmalanlage kann trotz mehrfacher uminterpretierender und umfunktionierender Umgestaltungen den Schoß nicht verleugnen, aus dem sie kroch. Trauer über Kriegstote und NS-Opfer, Anklagen gegen Krieg, Holocaust und Gewaltherrschaft finden sich höchstens in der Textstele und der Tafelwandüberschrift. Trost spendet höchstens die Platane. Aufklärung über Ursachen, Voraussetzungen und Verantwortliche der Kriege findet nicht statt. Die Schuldfrage klingt nur in der Stele an. Die Namenstafeln erinnern nur an Täter, nicht an Opfer. Nichts deutet auf Bereitschaft zur Versöhnung. Frieden wird nur in den Informationstafeln erwähnt.Die Denkmalskulptur des aggressiven Sturmtrupps perpetuiert den kriegsvorbereitenden NS-Heldenkult. Die Namen der SS-Täter an der Tafelwand dokumentieren Radolfzells unbewältigte Vergangenheit. Erweiterungen des Erinnertenkreises und Täter-Opfer-Konfusionen dienen der Relativierung und Verharmlosung der NS-Verbrechen. Diese Störfaktoren gegen die demokratische Entwicklung der Stadt lassen sich nicht durch Beschönigen integrieren. In der Kontrastierung und Kommentierung der Kriegerskulptur äußern sich demokratische, humanistische Gegentendenzen. Insgesamt ist das Ensemble weit davon entfernt, völkerverständigende, friedensfördernde Rollen zu spielen. ChronologieOrt ist stets das NS-Kriegsdenkmal am Luisenplatz, Stadt die Stadt Radolfzell am Bodensee mit ihrer Verwaltung, sofern nichts anderes angegeben. Eine thematisch weitere, aber zeitlich begrenzte Chronologie bietet [IOGR]: Chronologie. Historische Aufarbeitung der NS-Zeit, Erinnerungspolitik und Gedenken in Radolfzell seit dem Jahr 2005. Vieles ist daraus entnommen. Kommentare heben sich durch Einrückung vom Faktenteil ab.1906: Die Stadt widmet den Luisenplatz Großherzogin Luise von Baden. Bis dahin fanden dort große Vieh- und Fruchtmärkte statt, arbeiteten Stadtzöllner, schloss man im 1876 erbauten Urkundenhäuschen viele Kaufverträge (Urkunden), bis man es 1906 auf die Mettnau versetzte (WB 10.08.2018). 1934: Unter NS-Bürgermeister Eugen Speer wird der Luisenplatz am 05.04.1934 „zum ehrenden Gedenken an den für die nationale Erhebung gefallenen Vorkämpfer“ in Horst-Wessel-Platz umbenannt [Hau13, S. 111]. Die Nazis ändern den Zweck des Volkstrauertags von „Totengedenken“ zu „Heldenverehrung“. 1936 bis 1938: Entstehungsgeschichte des „Ehrenmals der Stadt Radolfzell für ihre im Weltkrieg 1914–1918 gefallenen Helden und den für das Dritte Reich und den Führer gefallenen Kämpfern des Landes Baden“: Weltkriegsfrontkämpfer und NS-Bürgermeister Josef Jöhle plädiert im Juni 1936 für den Horst-Wessel-Platz als Standort, da er sich für den Aufmarsch der Formationen am „Heldengedenktag“ eigne. Jöhle leitet Planung, Entwurf und Ausführung des NS-Kriegsdenkmals und der Platzumgestaltung zur „Heldengedenkstätte“, wofür der Bildhauer Wilhelm Kollmar unter Mitwirkung der Landesberatungsstelle für Denkmalpflege beauftragt wird. Das Scheffeldenkmal von 1891 wird auf die Mettnau verlegt. (Tafel 3 in radolfzell-ns-geschichte.von-unten.org/_media/tafeln_kriegerdenkmal_final_06.06.2014.pdf) März 1937: Der „verdiente Frontkämpfer“, „Kommandeur des III/SS "Germania"“, SS-Kasernenkommandant und SS-Obersturmbannführer Heinrich Koeppen propagiert: „Das Denkmal soll Zeuge werden einer großen Zeit“(Deutsche Bodenseezeitung, Nr. 57 (09.03.1937), in: [Hau17, S. 267]). 22. Mai 1938: Einweihungstag des „Ehrenmals für die Gefallenen des Weltkriegs“: „militärisches Wecken“; „Kreisappell des NS-Reichskriegerbundes“; „gewaltiger Aufmarsch der Formationen“: „Musikkorps des Infanterieregiments 14 Konstanz“, „Ehrenzug der Truppe unter Gewehr“, NS-Reichskriegerbund, Soldatenbund, NS-Kriegsopfer-Versorgung, „Ehrenkompanie der SS "Germania" mit Gewehr und dem Musikzug“, „Gliederungen und Formationen“ der NSDAP; „Ehrenplatz“ neben dem Denkmal für „die Schwerkriegsverletzten und die Angehörigen und Hinterbliebenen der Gefallenen“; „Ehrengäste“ sind „der Führer des SS-Abschnittes XXIX, SS-Oberführer Stein, und der Gebietsführer des Soldatenbundes, Oberst a. D. Eberhard“; SS-Kasernenkommandant Koeppen hält die Weiherede; NS-Bürgermeister Jöhle enthüllt das Denkmal; „Vorbeimarsch des NS-Reichskriegerbundes vor dem Gebietsinspekteur Oberstleutnant a. D. Knecht und die Uebergabe der neuen Fahne an mehrere Kameradschaften“; die Truppen präsentieren zum Lied vom Guten Kameraden das Gewehr; „vor den Tafeln mit den Namen der Gefallenen“ werden Kränze niedergelegt, „mit dem Sieg-Heil auf den Führer“ und „den Liedern der Nation“ findet „die denkwürdige Feier ihr Ende“ [Gun38].
1938 bis 1945: Geführt von der Radolfzeller SS inszenieren die Nazis jährlich „Heldengedenktage“ für ihre militaristischen Ziele, am 12.03.1939 erstmals am NS-Kriegsdenkmal, u.a. mit „Ehrenkompanien“ der Waffen-SS-Unterführerschule Radolfzell. 9./10. November 1938: Die von Koeppen geführte SS „Germania“ setzt alles daran, in der Pogromnacht die Synagogen der Region zu zerstören und die zum Feind gestempelten Juden zu misshandeln, einzusperren, zu berauben und aus ihrer Heimat zu vertreiben. September 1939: Der Generalprobe des SS-Terrors folgt am 01.09.1939 der Überfall auf Polen, wo Koeppen am 16.09.1939 durch Heldentod mit aufgeschlitztem Bauch zum Namensgeber der Radolfzeller SS-Kaserne aufsteigt [Klö10]. „Die Radolfzeller Bevölkerung habe bestürzt auf die Todesnachricht von Koeppen reagiert“ [Bra89]. 1942/43: Viele Tote, wenige Siege stören den Heldenmythos: Nach Stalingrad versuchen die Nazis durch Umbenennen der „Heldenehrungsfeiern“ in „Gefallenenehrungsfeiern“ der Konkurrenz kirchlicher Trauerfeiern zu trotzen, die Trauer der Angehörigen getöteter Soldaten zu unterbinden und sie mit einem Trostersatz in der Heimatfront zu halten. (Vgl. [Beh96, S. 498–499, 517].) 1944, 1945: Die „Gefallenengedenkfeiern“ finden in der SS-Kaserne statt, am Denkmal nur noch Kranzniederlegungen. Schon 1937 beginnt reichsweit ein Trend weg von Freiluft-Massenaufmärschen hin zu Feiern in geschlossenen Räumen. Gründe: Wetterabhängigkeit, hoher Aufwand, Überdruss an Großveranstaltungen, seit Kriegsbeginn Störungen durch Luftalarme, dringender Bedarf an Finanzmitteln andernorts. (Vgl. [Beh96, S. 390].) Nach 25. April 1945: Nach dem Einzug französischer Truppen und dem Ende der NS-Herrschaft in Radolfzell verschwinden Hakenkreuz, Reichsadler, NS-Totentafel. Der Name wandelt sich von Horst-Wessel- zurück in Luisenplatz. 22. Dezember 1945: Die französische Militärregierung erlässt eine unklare, daher wirkungsarme Dienstanweisung, dass „alle in den Gemeinden an größeren Verkehrsstraßen und auf öffentlichen Plätzen stehenden Denkmäler, die auf die Bevölkerung eine ständige Wirkung ausüben und Wahrzeichen darstellen, unter denen sich kriegerischer Sinn und Geist des deutschen Volkes formen, beseitigt werden“ [Lur87, S. 123].13. Mai 1946: Die vom Alliierten Kontrollrat erlassene Direktive Nr. 30 zur „Beseitigung deutscher Denkmäler und Museen militärischen und nationalsozialistischen Charakters“ verlangt, das NS-Kriegsdenkmal „bis zum 1. Januar 1947 vollständig zu zerstören und zu beseitigen“. Doch es bleibt illegal stehen bis zum 05.05.1955. 24. Mai 1949: Das inkraftgetretene Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland verpflichtet den Bund und die Länder in Artikel 26 (1) zum Frieden: „Handlungen, die geeignet sind und in der Absicht vorgenommen werden, das friedliche Zusammenleben der Völker zu stören, insbesondere die Führung eines Angriffskrieges vorzubereiten, sind verfassungswidrig. Sie sind unter Strafe zu stellen.“Auf dieser Rechtsbasis wäre es verfassungswidrig und strafbar, das kriegsvorbereitende Radolfzeller NS-Kriegsmal neu zu errichten. Bis Ende 1970er: Kriegsverbrecherlobbyisten der Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit der Angehörigen der ehemaligen Waffen-SS e. V. (HIAG) ehren bei öffentlichen Kundgebungen am NS-Relikt ihre Waffen-SS-Mittäter. Bis min. 2019: Die Stadt zelebriert den Volkstrauertag im November am NS-Kriegsdenkmal. 13. Juli 1953: In Baden-Württemberg stoppt das „Gesetz zur einheitlichen Beendigung der politischen Säuberung“ (Gesetzblatt für Baden-Württemberg 1953, S. 92ff.) die am Kriegsende von den Siegermächten initiierte Entnazifizierung. „Im verräterisch überdeutlichen Titel dieses Gesetzes wurde implizit das Land für gesäubert erklärt, indem die zahlreichen Verfahren eingestellt wurden und alle Spuren unter den Teppich der Verschwiegenheit gekehrt werden sollten: § 10 dieses Gesetzes verbietet nämlich für alle Zukunft den Bürgern die Einsicht in Akten über Entnazifizierungsverfahren, weil diese in gewissem Sinne Strafakten über erledigte und verbüßte Vergehen seien“ [Bur17, S. 80].In der Folgezeit gelangen zahlreiche NS-Belastete wieder an Schaltstellen in Wirtschaft, Politik, Medien und bis in höchste Staatsämter in Legislative, Exekutive, Judikative, von wo sie jahrzehntelang die demokratische Entwicklung des Landes hemmen. 5. Mai 1955: Das Gesetz Nr. A-37 der Alliierten Hohen Kommission setzt die Kontrollratsdirektive Nr. 30 für die Bundesrepublik Deutschland außer Wirkung. Seither steht das NS-Relikt zwar „legalisiert“, aber politisch illegitim und moralisch untragbar am Luisenplatz. 1956 bis 1958: Bürgermeister Hermann Albrecht (1914–1968) fordert eine „gründliche Bearbeitung“ des „Ehrenmal“-Ensembles. Dazu bildet sich ein Denkmalausschuss, dessen Vorsitz Konrad Dombrowski übernimmt, der nach seiner Karriere als Rektor in Heilsberg, Ostpreußen, NSDAP-Mitglied und Wehrmachtshauptmann als Stadtrat in Radolfzell, Oberlehrer an der gartenbaulichen Berufsschule und stellvertretender Bezirksgärtnermeister reüssiert. Der „vitale Ostpreuße“ nutzt die sich mit der „Legalisierung“ des unzerstörten NS-Kriegspropagandarelikts ergebende Chance, dieses im Sinn des Revanchismus des Kalten Kriegs zu restaurieren. Er arbeitet Pläne für die Umgestaltung der Anlage aus, schlägt vor, die oberste der drei Stufen zur Steinplattenwand abzutragen und den Streifen zu bepflanzen, die schon nach 20 Jahren unleserlich gewordenen Steinplatten mit den Namen der Gefallenen des Ersten Weltkriegs zu entfernen und durch Bronzetafeln zu ersetzen, denen sich gestaltgleiche Tafeln mit Namen des Zweiten Weltkriegs zugesellen, definiert die Kriterien für die Auswahl der Namen dafür so, dass sie SS-Mitglieder umfassen, und entwirft ein Relief für die Heimatvertriebenen, das an die verlorenen Ostgebiete erinnert. Das Bock-zum-Gärtner-Sprichwort invertiert zum Bezirksgärtnermeister, der die Platzumgestaltung so verbockt, dass sie die Stadt jahrzehntelang belasten wird. Dass der Gemeinderat am 10.03.1958 eine Ortsbegehung bei den NS-Kriegern im Streit um „Maggia-Granitplatten“ versus „Kopfsteinpflaster“ abbricht, ist nebensächlich. Bis 1958 wird der Platz neu eingeteilt, mit Zierrasenflächen, Blumenanlagen und einer Rotasphaltdecke versehen und das Kriegerdenkmal samt Mauern gereinigt und „in einen würdigen Zustand“ versetzt. Für die Kosten der Umgestaltung bringt eine Spendenaktion mit teils „großen, hochherzigen“ Beträgen rund 12.000 DM, den Rest trägt die Stadt.
Da ging dem Stadtrat der Hut hoch . . . Wieder einmal: Erhitzte Gemüter beim Diskussionsthema Gefallenenehrenmal
Wird das Ehrenmal bis Ende April fertig? Eine Stellungnahme des Denkmalausschusses zu den Vorgängen der letzten Woche Wie vielerorts wurde das Kriegerdenkmal des Ersten Weltkriegs durch zusätzliche Jahreszahlen und Namenstafeln zum Sammeldenkmal für beide Weltkriege uminterpretiert und durch eine Ostlandtafel zum Kriegsfolgendenkmal umfunktioniert. Gründe dafür:19. Juli 1958: Zur Einweihung des „umgestalteten Kriegerehrenmals“ am Vortag des katholischen Heimatfests „Hausherrentag“ läuten die Glocken vom Münsterturm einen Festgruß, versammeln sich Radolfzeller mit Angehörigen von Gefallenen und Vermissten, Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens und einer Delegation des Verbands der Landsmannschaften aus Singen „um das Ehrenmal der Gefallenen am Luisenplatz, teilzuhaben an der schlichten Feierstunde zur Enthüllung der neuen Namenstafeln“, lodern Flammen aus der Feuerschale, ziert hübscher Blumenschmuck die „Zierde der Stadt“ (DBZ 08.05.1937), schwenken Delegationen von Vereinen und Verbänden ihre Fahnen und die ehemaligen 114er und 14er (des 6. Badischen Infanterie-Regiments Kaiser Friedrich III. Nr. 114; frdl. Hinweis v. M. Wolter) ihre alte Regimentsfahne, tragen Heimatvertriebene auf Tafeln die Wappen verlorener Heimat, lauschen die Versammelten den Gedenkreden, senken sich die Fahnen und erklingt die Weise vom Guten Kameraden als Feuerwehrkommandanten die Tafeln enthüllen, legen die Stadtverwaltung, der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V., die Kameradschaft der 14er, der Verband der Kriegsbeschädigten, die Heimatvertriebenen und der von SS-Lobbyisten durchsetzte Verband deutscher Soldaten prächtige Kränze nieder, umrahmt von Mozarts, Schuberts und Brahms’ Musik (SK 21.07.1958). Was äußern die Gedenkredner? Hauptlehrer Zeiser gedenkt dankbar und treu derer, „die ihr junges Leben ganz dem Vaterlande schenkten“, ehrt ihre „soldatischen Tugenden“, „soldatische Ehre“, „Tapferkeit“, Treue zum Fahneneid (auf Hitler) und Pflichterfüllung als Soldaten, und erklärt einen an „unsere Spitze“ geratenen „Verbrecher“ zum Alleinverantwortlichen für „verbrecherische Taten“. Der Kreisverbandsvorsitzende des Bundes vertriebener Deutscher, Krüger, erinnert „an die Opfer der Heimatvertriebenen, an den Verlust alter Heimat“ und preist die Stätte mit der neuen Ostland-Gedenktafel als „Mahnmal der Erinnerung, der Trauer und der Hoffnung“, ohne das Ziel seiner Hoffnung zu nennen. Der Vorsitzende des Denkmalausschusses, Dombrowski, „auf dessen Initiative die Umgestaltung des Ehrenmales zurückgeht“, lobt den „Ehrentag für Radolfzell“. Bürgermeister Albrecht verspricht „gute Obhut“ für „dieses Mal aus Stein und Bronze“. (SK 21.07.1958) Anachronistische Züge der Reden sind, Verantwortung für die Verbrechen der NS-Zeit abzuwälzen, an entwerteten Soldatentugenden festzuhalten, und revanchistische Hoffnungen zu wecken. „Im Felde unbesiegt!“ – diese Formel der Militaristen zur Bewältigung ihrer Niederlage im Ersten Weltkrieg versagte nach dem Zweiten Weltkrieg total; sie reformulierten sie zu „Hitler war an allem schuld!“ – wobei sie ihren Hitler-Mythos von „heilig“ auf „teuflisch“ umpolten.Was erhält die Öffentlichkeit? Die neue Sockelinschrift „DIE STADT RADOLFZELL IHREN IN DEN WELTKRIEGEN 1914–1918 UND 1939–1945 GEFALLENEN SÖHNEN“ (zuvor „HELDEN“) funktioniert das NS-Kriegsvorbereitungsmal um in ein NS-Kriegsnachbereitungsmal. Die sieben Steintafeln von 1938 mit den Namen der 229 toten Reichsheersoldaten des Ersten Weltkriegs sind verschwunden. Die Namen erscheinen auf drei Bronzetafeln neben vier gestaltgleichen Tafeln mit Namen von 459 toten und vermissten Wehrmachtssoldaten des Zweiten Weltkriegs und 102 Waffen-SS-Angehörigen. Die Tätertafeln tauchen drei Jahre nach der „Legalisierung“ des NS-Relikts auf. Die Bronze-Relieftafel der Heimatvertriebenen ergänzt die Tafelwand am östlichen Ende. (Tafel 4 in radolfzell-ns-geschichte.von-unten.org/ _media/tafeln_kriegerdenkmal_final_06.06.2014.pdf)„Die nach dem Ende des Ersten Weltkrieges propagierte Dolchstoßlegende sowie die These von der deutschen Kriegsunschuld fanden nach 1945 insoweit eine gewisse Parallele, als auch jetzt [...] nach Möglichkeiten gesucht wurde, die eigenen Rechtfertigungs- und Schuldverdrängungsbedürfnisse zu befriedigen“ [Wet92b, S. 66].
Würdige Stätte des Gedenkens, Trauerns und Hoffens. Umgestaltetes Kriegerehrenmal am Luisenplatz seiner Bestimmung zurückgegeben Ich danke Markus Wolter für den Hinweis auf die drei Südkurier-Artikel. Die „Bestimmung“ des „Kriegerehrenmals“ zeigt exemplarisch der folgende Eintrag.27./28. April 1963: Bürgermeister Hermann Albrecht und Gemeinderat unterstützen das von der HIAG-Kreisgemeinschaft Radolfzell organisierte „Kameradschaftstreffen der ehemaligen Angehörigen des III. Btl. "Germania"“ zum 25. Jahrestag „des Einrückens [der] österreichischen Kameraden in die damalige Heinrich-Koeppen-Kaserne“ (die 1938 noch nicht so hieß, da sie erst nach dem „Heldentod“ Koeppens beim Überfall auf Polen so benannt wurde). Zum „großen Kameradschaftsabend“ am 27. April überfüllen rund 70 ehemalige SS-Angehörige aus Österreich und Baden-Württemberg den Saal des Hotels „Schiff“, als der Beauftragte des Bürgermeisters, Hans Köll, „die Grüße der Stadt“ in „herzliche Worte der Kameradschaft“ kleidet, „die in der Feststellung gipfelten, daß nichts über den Begriff jener echten Verbundenheit geht, die in den Kämpfen und Opfern des Krieges gepflegt wurde“.Der ehemalige SS-Hauptscharführer und HIAG-Kreisvorsitzende Willi Hille beschwört „die unvergeßlichen Tage unseres Beisammenseins in unserer alten Garnison“, lobt die Verdienste des SS-Kasernenkommandanten Koeppen, und verbrämt mit tradierten Pflichterfüllungs-, Schicksals- und Auferstehungsmythen den militaristischen Ungeist: „wollen wir uns gerne der Zeit erinnern, die sich wohl unser ganzes Leben lang nicht aus unserem Gedächtnis verwischen lassen wird. Hier in diesem Saal sitzen sie, die alten Kameraden des III. Btl. "Germania". Und mancher wird in diesem Augenblick im Geist jene Kameraden herbeirufen, mit denen er einst im Glauben an eine bessere Zukunft Schulter an Schulter auf den Schlachtfeldern des letzten Krieges getreu seine Pflicht erfüllte, bis ein jäher Schicksalsschlag den Kameraden neben ihn [!] für immer von sich riß.“ Zur „schlichten Gedenkfeier am Ehrenmal [...] werden sie unter uns sein, die toten Kameraden des III. Btl., angeführt von unserem unvergeßlichen Kommandeur Heinrich Koeppen, gefolgt von den Kompanie-, Zug- und Gruppenführern bis herab zum letzten Grenadier des Bataillons.“Am Vormittag des 28. April nehmen die SS-Ehemaligen „Aufstellung am Ehrenmal“, der „Gedenkstätte unserer gefallenen Kameraden des III. Btl. "Germania"“ für eine „kurze, aber erhebende Feier“ zur „Gefallenen-Ehrung“ mit Gedichtrezitation, „selbst gefertigter Gedenkkerze“ und prototypisch „feierlicher Kranzniederlegung“ vor der Tätertafelwand, ohne die Gewaltexzesse und Kriegsverbrechen zu erwähnen, die die Verbrecher- und Terrororganisation verübte, der sie bis 1945 angehört hatten. (Alle Zitate aus dem Bericht [KT63]; s. auch [Wol11, S. 4], M. Wolter: Infotafel 4: »Die gefallenen Söhne der Stadt« – Die Umgestaltung und die Namenstafeln von 1958 (2014), [Wol17, S. 303], [IOGR, NS-Ehrenmal]). 1969: Die zwei Bronzeplatten von 1899 mit den Namen der 31 Kriegsteilnehmer des Deutsch-Französischen Kriegs 1870/71 migrieren an die östliche Tafelwand. 23. März 1976: Die inkraftgetretene UN-Konvention „Internationaler Pakt über bürgerliche und politische Rechte“ (Zivilpakt) verpflichtet die BRD in Artikel 20: „(1) Jede Kriegspropaganda wird durch Gesetz verboten.Auf dieser Rechtsbasis wäre es gesetzwidrig, das kriegspropagandistische Radolfzeller NS-Kriegsmal neu zu errichten. 14. November 1982: Auf der Gedenkfeier zum Volkstrauertag beim NS-Kriegsmal am Luisenplatz spricht der Präsident des deutsch-französischen Clubs, Roland Durst (Hegau Jahresheft 43/44 1986/87 (Juli 1988), S. 352). Verhüllungsaktion: Am 21. Juli 1983 „fanden sich aus Anlaß der Friedenswoche eine Gruppe jüngerer und älterer Radolfzeller Bürgerinnen, die Organisation »Frauen helfen Frauen e. V.«, zu einer Protestaktion gegen das aus der NS-Zeit stammende Kriegerdenkmal am Luisenplatz zusammen. Sie verhüllten die monumentale Steinplastik fast ganz mit dunklen Tüchern. Ihr Motto: »Wir Frauen trauern anders!« Kritisiert wurde, daß auf dem Denkmal nur unzureichend auf die Leiden der Flüchtlinge, Frauen und Heimatvertriebenen hingewiesen werde, und daß die in KZ-Arbeitslagern ermordeten Menschen überhaupt nicht erwähnt seien“ (Hegau Jahrbuch 45/1988 (März 1990), S. 385).Am 13. November 1983 spricht „bei der Trauerfeier anläßlich des Volkstrauertages am Ehrenmal der Ortsvorsitzende des Volksbundes Deutscher Kriegsgräberfürsorge R. W. Moßbrucker; die Feier wurde musikalisch vom Männer- und Frauenchor Harmonie sowie von der Stadtkapelle umrahmt“ (ebd.).1984: Mit der im Dezember 1983 gestarteten Stationierung neuer Atomraketen der Typen Pershing II und Cruise Missiles in der Bundesrepublik und anderen europäischen Staaten eskaliert das Wettrüsten. Am 18. November 1984 führt der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge eine Volkstrauertagsfeier am NS-Kriegsmal durch, bei der Stadtrat Hans-Peter Späth empfiehlt: »Erinnern wir uns an die Vergangenheit für einen Frieden der Zukunft« (Hegau Jahrbuch 46/1989 (Juni 1991), S. 377).Juli 1992 bis Ende 2003: Das alte Stadtmuseum stellt die NS-Geschichte als Teil einer Dauerausstellung dar. 1999: Der Radolfzeller Lehrer und Filmemacher Günter Köhler dreht den kritischen Dokumentarfilm Krieger-Denk-mal!. 2001: Die Stadt stellt vor das NS-Denkmal eine transparente Textstele, die mit einem Satz auf die Vorbereitungen für den Krieg und den Holocaust hinweist. 13. November 2005: Auf der Volkstrauertagsfeier beim NS-Kriegsmal am Luisenplatz spricht Stadtrat Lothar Rapp jedweder Form kriegerischer Auseinandersetzung eine Existenzberechtigung ab. Danach findet die Kranzniederlegung erstmals nicht bei der Skulptur der in den Krieg ziehenden Soldaten statt, sondern bei den Namenstafeln der in die Weltkriege gezogenen und dort gebliebenen Soldaten.
Gerald Jarausch: 19. November 2006: Die Schülerin Johanna Thoma gesteht in ihrer Rede bei der Gedenkveranstaltung zum Volkstrauertag vor 150 Teilnehmern, dass das Radolfzeller Kriegerdenkmal für sie selbst wenig geeignet sei, den rechten Weg der Trauer zu finden. Sie stellt fest, dass die Gewalt auf der Welt zunehme, Konflikte immer öfter militärisch ausgetragen werden, und die Anstrengungen für ein friedliches Zusammenleben zu gering seien. Anschließend werden vor der Tafelwand mit den Namen der SS-Täter Kränze abgelegt.
Gerald Jarausch: Vor 2008: Bei einer Restauration werden viele Risse im Stein mit Steinkleber verfüllt. An manchen Figurteilen werden Armierungen aus Edelstahl eingearbeitet. An der Plinte (Fußplatte) werden viele Teile komplett durch Natursteinersatz angetragen. (KA BV 06.11.2018, Anlage 3)
Gedenkfeier für gefallene Soldaten am Volkstrauertag 16. November 2008: Auf der Gedenkveranstaltung zum Volkstrauertag beim renovierten NS-Kriegerdenkmal hält Gemeinderätin Cornelia Bambini-Adam eine Ansprache. Während der Kranzniederlegungen vor den Tätertafeln spielt die Stadtkapelle das Soldatenlied Ich hatt’ einen Kameraden. 15. November 2009: Jugendliche um Cem Güler stellen am Volkstrauertag mit einer Rede erstmals den Bezug zum KZ-Außenlager Radolfzell her; ihren Kranz widmen sie den KZ-Häftlingen und legen ihn an der Textstele ab. Der bunte Blumenschmuck um den Sockel des NS-Kriegsmals wird in einem Folgejahr schlichtem Rasen weichen, bis er 2019 in Form von Rosensträuchern wieder erscheinen wird. Februar 2010: Der Gemeinderat lehnt Norbert Lumbes Antrag zum Druck einer Broschüre mit Vorträgen des Stadtarchivars Achim Fenner über Radolfzells NS-Geschichte ab. Ein Gegenargument ist, die Stadt könne die Vorträge druckkostensparend in ihrem Webauftritt veröffentlichen. (SK 19.02.2010) (Der Webauftritt bietet bis Juli 2018 keine Informationen über den Zeitraum 1929–1947. Fenners Vorträge wurden bis heute weder online noch gedruckt publiziert.)
Torsten Lucht:
Holger Reile interviewt Günter Köhler: Der Radolfzeller Filmemacher Günter Köhler über seinen Dokumentarfilm Leichen im Keller: „Im Mittelpunkt meiner Dokumentation stehen die Überreste der Radolfzeller SS-Kaserne, das Kriegerdenkmal und die von KZ-Häftlingen unter unmenschlichen Bedingungen gebaute Schießanlage. [...] Aufgeregt habe ich mich schon vor zehn Jahren, als unter dem Radolfzeller Kriegerdenkmal der Volkstrauertag abgehalten wurde. Unter einem Denkmal, das von der SS "geweiht" wurde.“16. April 2010: Günter Köhlers Film Leichen im Keller über die NS-Zeit in Radolfzell (42 Min.) wird im Milchwerk vorgeführt, danach Podiumsdiskussion.
blogsport UG, Berlin: „Der gut gemachte Film schaffte es, erstaunlich viele Facetten des Themas in äußerst kurzer Zeit zu thematisieren: die Geschichte der SS-Kaserne und des KZ-Aussenlagers von Dachau, die Begeisterung der Radolfzeller an "ihrer Kaserne" in den späten 30er und frühen 40er Jahren, die ungeheuren Ausmaße des in Sklavenarbeit errichteten "Franzosen"-Schiessstandes, Geschichten von Flucht und Erschiessungen, Eheschliessungen zwischen Radolfzellerinnen und SS-Männern, Lebensborn in Grasbeuren, Reichsarbeitsdienst und Sexarbeit in Wahlwies, Kontinuität und Schweigen, Heldengedenken von, mit den und für die Nazis, spätere Volkstrauertage mit Kränzen vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge beim von der SS-geweihten Kriegerdenkmal im Nachkriegsradolfzell, wissenschaftliche Recherchen und unzugängliche Archive, informierte und nachdenkliche bzw. ignorante und nicht besonders reflektierte O-Töne von der Strasse des heutigen Radolfzells.“22. Juni 2010: Der Gemeinderat debattiert über Ort und Gestaltung des nächsten Volkstrauertags. Oberbürgermeister Dr. Jörg Schmidt stellt fest, „dass es kein »weiter so« am Kriegerdenkmal geben dürfe und könne“.Die Mehrheit will die Gedenkfeier am Volkstrauertag nicht mehr am Kriegerdenkmal – einem Symbol der Nazis – abhalten, sondern anderswo. Schmidt kann „sich eine Feierstunde auf dem Waldfriedhof vorstellen“. Christof Stadler schlägt den Bürgersaal vor, wo die Machtübernahme durch die Nazis stattgefunden habe. Siegfried Lehmann schließt „alle Plätze aus, die die Nazis für ihre Propaganda gebaut hätten“ und fordert einen Ort, „der allen Opfern der NS-Zeit gerecht wird“. Einige Redner erklären Täter zu Opfern und wollen das Denkmal und die Gedenkfeier wie bisher beibehalten. Am Ende delegiert man das Problem an den Arbeitskreis zur Gedenkstätte an der SS-Kaserne. (WB 23.06.2010, SK 24.06.2010)
Hans Paul Lichtwald:
Claudia Wagner:
Hans Paul Lichtwald: „Oberbürgermeister Dr. Jörg Schmidt geht davon aus, dass [die Gedenkfeier zum Volkstrauertag] am gleichen Ort, also am Kriegerdenkmal, stattfinden wird.“8. Oktober 2010: Das neue Stadtmuseum in der alten Stadtapotheke eröffnet die Themeninsel „Migration und Nationalsozialismus“. Dem NS-Kriegsdenkmal widmet sie zwei Exponate („Baustein“-Stiftungsbescheinigung, Postkarte) mit Kurzbeschreibung in einem Schaukasten, der vor allem NS-Propagandamaterial, -Reliquien und -Spielzeug enthält.Claudia Wagner: Gedenken ist ein schwieriger Prozess Südkurier (12.10.2010) suedkurier.de/archiv/region/kreis-konstanz/radolfzell/art1360095,4523424 Einer „Projektgruppe“, „die sich um die Gestaltung des Volkstrauertags kümmert“, gehören „die Gemeinderatsmitglieder Norbert Lumbe, Siegfried Lehmann, Christof Stadler, Jugendgemeinderat Cem Güler und Martin Lunitz, der Vorsitzende des Landesverbands des Volksbunds Deutsche Kriegsgräberfürsorge“ an. „Man habe die bisher am Volkstrauertag beteiligten Gruppen eingebunden: den Sozialverband VdK, den Bund der Vertriebenen, den deutsch-französischen Club und den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge.“28. Oktober 2010: Der Gemeinderat diskutiert die Vorschläge des im Juni beauftragten Arbeitskreises, wie der Volkstrauertag 14 Tage später begangen werden soll. Ergebnis: Das NS-Kriegsdenkmal bleibt Gedenkort, die Sockelinschrift wird provisorisch verdeckt, die Tätertafeln erhalten provisorisch die Überschrift „Radolfzell gedenkt der Opfer der Gewaltherrschaft und der Toten aller Kriege.“, der Platz wird gärtnerisch etwas umgestaltet. (SK 29.10.2010, LR 29.10.2010)
Anja Arning:
Volkstrauertag in Radolfzell: es bleibt bei kosmetischen Änderungen der offiziellen Gedenkpolitik 14. November 2010: Der Festakt zum Volkstrauertag findet wie vom Arbeitskreis vorgeschlagen am NS-Kriegsdenkmal statt. OB Schmidt wendet sich in seiner Rede gegen die Schlussstrich-Forderung. Das offizielle Gedenken kontrastierend stellt die „Initiative für Offenes Gedenken in Radolfzell“ sich und das Wiki Radolfzell zur NS-Zeit vor. (SK 15.11.10)
Torsten Lucht:
tol: „Auf 10 000 bis 20 000 Euro veranschlagt SPD-Stadtrat Norbert Lumbe die Kosten für die vorgesehenen Gestaltungsarbeiten beim Mahnmal auf dem Luisenplatz. Im Haushaltsplan für dieses Jahr ist davon jedoch nichts zu entdecken.“Oktober/November 2011: Die Stadt verdeckt die Sockelinschrift „DIE STADT RADOLFZELL IHREN IN DEN WELTKRIEGEN 1914–1918 UND 1939–1945 GEFALLENEN SÖHNEN“ von 1958 dauerhaft mit einer Steinplatte und installiert über den Tätertafeln die Überschrift in Metall-Lettern „RADOLFZELL GEDENKT DER OPFER DER GEWALTHERRSCHAFT UND DER TOTEN ALLER KRIEGE“.
Volkstrauertag: Kinder aus Böhringen gestalten Feier mit 13. November 2011: Auf der Volkstrauertagsfeier beim umbeschrifteten NS-Kriegerdenkmal tragen Böhringer Grund- und Hauptschüler Gedanken zum Frieden vor, der Seniorenbeiratsvertreter Othmar Freiherr von Bodman hält eine Gedenkrede. Danach werden vor die Tafeln der Reichsheer-, Wehrmachts- und Waffen-SS-Soldaten Kränze gelegt.
Stadtmuseum: Vortrag zum Kriegerdenkmal 16. Oktober 2012: Der Gemeinderat „nimmt die Verschiebung der Weiterentwicklung der Gedenkstätte Luisenplatz ins Jahr 2014 zur Kenntnis“.
Stadt Radolfzell am Bodensee, Gemeinderat:
Anja Arning:
gü: 18. November 2012: Auf einer Veranstaltung zum Volkstrauertag beim NS-Kriegsmal formulieren zwei Schüler des Friedrich-Hecker-Gymnasiums „ihre Sorge, dass zu wenig für den Erhalt des friedlichen Zusammenlebens getan wird“ und plädieren „für mehr Zusammenhalt“. Nachdem Bürgermeisterin Monika Laule verlangt, die Tradition des Volkstrauertags fortzusetzen, „»um gemeinsam an das Unrecht der Willkürherrschaft und an die Schrecken des Krieges, an das Leiden der Menschen, die verfolgt, verschleppt, vertrieben, gedemütigt, verwundet und getötet wurden, zu erinnern«“, platzieren sie, OB Jörg Schmidt und die Stadträte Jürgen Keck und Norbert Lumbe Kränze vor die Tafelwand, an der Namen von Soldaten stehen, die Menschen verfolgten, verschleppten, vertrieben, demütigten, verwundeten und töteten (SK 19.11.2012).
Gerald Jarausch: 17. November 2013: Auf der Volkstrauertagsfeier beim NS-Kriegsdenkmal fokussieren zwei Schülerinnen des Friedrich-Hecker-Gymnasiums ihren Beitrag „auf das Leid der Kinder bei kriegerischen Auseinandersetzungen“. Die neue Kulturamtsleiterin Angélique Tracik beschreibt in ihrer Hauptrede „Kinder als die größten Leidtragenden der Kriege, der Gewalt und des Terrors“. Danach gedenkt sie mit Bürgermeisterin Monika Laule und den Stadträten Norbert Lumbe und Christof Stadler mittels Kranzniederlegung der toten Soldaten der Weltkriege, durch deren Taten zahllose Kinder litten (SK 18.11.2013).
Gerald Jarausch: 2014: Die Stadt denkt über eine „künstlerische Umgestaltung“ zu einem „Platz des Friedens“ nach.
tol: 8. April 2014: Der Gemeinderat beschließt, als ersten Schritt das Denkmal durch vier Texttafeln und eine Bildtafel zu ergänzen. Der Vorschlag, dazu einen „Flyer“ zu erstellen, wird gern aufgenommen. „Es werde auch ein Hinweis im Internet erfolgen.“ (Bis heute gibt es keinen Flyer und weder die aktuellen Fassungen noch wenigstens einen Hinweis auf die Informationstafeln im städtischen Webauftritt.)
Stadt Radolfzell am Bodensee, Gemeinderat: Dort sind die originalen Fassungen der Informationstafeln erreichbar.Anja Arning: Begleitung für die Steinsoldaten Südkurier (10.04.2014) suedkurier.de/archiv/region/kreis-konstanz/radolfzell/art1360095,6850646 1. August 2014: Bei einer Gedenkstunde zum 100. Jahrestag des Beginns des Ersten Weltkriegs stellen Vertreter der Stadtverwaltung und des Volksbunds Deutscher Kriegsgräberfürsorge fünf Glas-Informationstafeln zur Entstehung des NS-Kriegsdenkmals der Öffentlichkeit vor. Unklar ist, ob die Unleserlichkeit der Informationstafeln beabsichtigt ist. Die Textfassungen vom 08.04.2014 wurden zu den veröffentlichten Fassungen überarbeitet, siehe Informationstafeln. Exemplarischer Textvergleich auf Tafel 4:
Neue Diskussionsrunde um Kriegerdenkmal
Georg Lange:
Torsten Lucht: Interview mit dem Historiker Markus Wolter über die neuen Informationstafeln, die SS-Täternamenstafeln und das NS-Denkmal. Wolter fordert eine Täter-Opfer-Debatte und die Verlegung der Volkstrauertagsrituale weg vom Luisenplatz.7. Oktober 2014: Der Kulturausschuss bespricht einen Vorschlag des Arbeitskreises Erinnerungskultur und des Künstlers Markus Daum, den Luisenplatz durch sieben auf der Tafelmauer platzierte, bis 50 cm hohe, weiße Tauben aus Aluguss zu gestalten, um „den Wunsch nach Frieden in aller Welt sichtbar zu machen“. Daums Entwurf ist umstritten und findet keine Zustimmung.
Stadt Radolfzell am Bodensee, Kulturausschuss:
Claudia Wagner:
Günter Köhler: Köhler schlägt vor, das Kriegerdenkmal um 80 Grad umzulegen oder durch eine halbkreisförmige Mauer zuzudecken.Claudia Wagner: Thema der Woche: Immer noch diskutiert die Stadt über das Gedenken am Volkstrauertag. Südkurier (15.11.2014) suedkurier.de/archiv/region/kreis-konstanz/radolfzell/art1360095,7408992 Nach Markus Wolter eignet sich der Luisenplatz nicht gut für die Gedenkfeier, „weil die Schriftzeile "Radolfzell gedenkt der Opfer der NS-Gewaltherrschaft" impliziere, dass man auch der auf den Namenstafeln genannten 102 SS-Angehörigen gedenke“.16. November 2014: Am Volkstrauertag gedenken rund 150 Bürger am Luisenplatz „der Opfer von Krieg, Terror und Gewaltherrschaft“. Oberbürgermeister Martin Staab ruft in seiner Rede dazu auf, die „Integration durch aufmerksame Toleranz zu fördern und den gemeinsamen, friedlichen Europa-Gedanken voranzutreiben“. Danach legen er, Bürgermeisterin Monika Laule und die Stadträte Norbert Lumbe und Christof Stadler Kränze an der Tafelwand mit den Namen der Wehrmachts- und SS-Täter nieder, die 1939–1945 Europa mit Krieg, Terror und Gewaltherrschaft überzogen hatten. (SK 17.11.2014)
Gerald Jarausch: 2015: Die Stadt will ihre „Erinnerungskultur“ entwickeln.
Torsten Lucht: 24. März 2015: In der Kulturausschusssitzung präsentiert Angélique Tracik, Fachbereichsleiterin Kultur, von ihr und Martin Lang, Abteilungsleiter Kulturbüro, verfasste, mit „Konzeptentwurf Erinnerung und Gedenken in Radolfzell - Grundlage und mögliche Leitlinien“ betitelte 13 Folien.
Stadt Radolfzell am Bodensee, Kulturausschuss: 8. Mai 2015: Mitglieder und Unterstützer der neonazistischen Partei „Der III. Weg“ nutzen eine Blumen+Kerzen-Hinlege-Aktion, um in Web-Berichten darüber den NS-Krieg völkisch zu verdrehen („Massenmord an uns Deutschen“, „die Alliierten als die eigentlichen "Kriegsverbrecher"“) und rassistisch gegen Ausländer zu hetzen („Masseneinwanderung“, „Verausländerung“, „wurzellose Multi-Kulti-Gesellschaft“, „unsere Identität rauben“). Nach einer Pressemitteilung der Initiative „Stolpersteine in Radolfzell“ vom 21.05.2015 erstattet die Stadtverwaltung Strafanzeige wegen Volksverhetzung (§ 130 StGB) gegen die Neonazis.
Torsten Lucht:
Torsten Lucht:
Rechtsextremistische Aktion in Radolfzell am 8. Mai 2015 23. Juni 2015: Der Kulturausschuss beschließt einstimmig das Konzept „Erinnerung und Gedenken in Radolfzell“, dessen Entwurf am 24.03.2015 vorgestellt und vom Arbeitskreis Erinnerung am 20.04. und 26.05.2015 überarbeitet wurde. Verbesserungen bestehen darin, den Umfang von 13 auf 9 Folien zu reduzieren, als Autorin Katharina Maier zu nennen, den Hinweis auf „wichtige Initiativen und Anregungen aus der Bevölkerung“ und die Fotos zur „bisherigen Arbeit der Erinnerungskultur“ zu entfernen, die Erläuterungen des Mahnmals am Seetorplatz und der Stolperstein-Initiative zu streichen, die Folie „Radolfzell gestern“ im Stadtmuseum wegzulassen, den Leitsatz „Gegen das Vergessen mit dem Blick in die Gegenwart und Zukunft“durch „Mit Verantwortung für Gegenwart und Zukunft gegen das Vergessen“zu ersetzen, „Verschweigen und Entfernen“ als Alternativen im Hintergrund zuzulassen, „an die Lebenswelten von Jugendlichen anknüpfende Formate des Gedenkens“ durch „den Anspruch, Kindern und Jugendlichen Geschichte erfahrbar zu machen“ zu ersetzen, den Satz „Die Wissenschaft hat dabei die Aufgabe die Ergebnisse der Beschäftigung mit der Vergangenheit und ihre Schlüsse daraus nachvollziehbar nach Kriterien der Wissenschaftlichkeit (u.a. Wahrheit und Vollständigkeit) darzulegen.“und den Bezug zum Kulturprogramm zu streichen, die Projekte „Straßennamen“ und „Lettow-Vorbeck-Straße“ zusammenzufassen, sowie einige Details zu ändern.
Stadt Radolfzell am Bodensee, Kulturausschuss:
Katharina Maier: Dem Dokument ist nicht zu entnehmen, ob es sich um das vom Kulturausschuss am 23.06.2015 beschlossene Erinnerungs- und Gedenkkultur-Konzept handelt. Verglichen mit der Fassung vom 04.05.2015 wurde Seite 9 entfernt. „Nationalsozialismus“, „Nazi“, „NS“ kommen darin nicht vor, „SS-Kaserne“, „SS-Schießstand“ je einmal.15. November 2015: Auf der Gedenkfeier zum Volkstrauertag beim NS-Kriegsmal erinnern Schüler des Friedrich-Hecker-Gymnasiums Radolfzell und des Gymnasiums Engen an die Opfer beider Weltkriege und aktueller Vorgänge wie Terroranschläge in Paris (Charlie Hebdo) und Ankara und „Ereignisse in Syrien“. Nach solcherlei Relativierungen der NS-Kriegsverbrechen legen OB Martin Staab, Bürgermeisterin Monika Laule, Gemeinderat Norbert Lumbe und Schuldirektorin Ulrike Heller-Paulus Kränze vor die Namenstafeln der Wehrmachts- und Waffen-SS-Täter. (SK 16.11.2015)
Gerald Jarausch:
Stadtmuseum zeigt Ausstellung zu Gefallenendenkmalen
Matthias Güntert: 27. Februar bis 17. April 2016: Die Sonderausstellung „Denk mal an den Krieg! Gefallenendenkmale in und um Radolfzell“ im Stadtmuseum lockt 1103 Besucher.
Stadtmuseum Radolfzell:
Natalie Reiser:
Matthias Güntert:
Dr. Patrick Brauns, Konstanz: 8. Mai 2016: Die Neonazipartei „Der III. Weg“ nutzt das NS-Kriegsdenkmal am Tag der Befreiung von Faschismus und Krieg für revisionistische, volksverhetzende „Ehrendienst“-Rituale, bei denen sie zum „Heldengedenken“ die Reichsflagge mit Kranz deponiert. 11. September 2016: Zum Tag des offenen Denkmals 2016 „Gemeinsam Denkmale erhalten“ organisiert Rüdiger Specht eine dreistündige „Radtour zur ehemaligen SS-Kaserne und den Gedenkstätten an die damit in Zusammenhang stehenden Verbrechen. Die Tour führt über die Kaserne und den ehemaligen SSSchießstand zurück zum Radolfzeller Kriegerdenkmal von 1938. Thema ist der Umgang mit der Erinnerung an die NS-Zeit vor Ort“ (Denkmalpflege, Veranstaltungsprogramm, S. 108). 2. Oktober 2016: Die Stadt installiert zur „Kulturnacht“ 38 von Schülern und Kindergartenkindern gestaltete „Friedensfahnen“. Die Schüler möchten damit „ein Zeichen für Frieden und Freiheit setzen“ (Gerhard-Thielcke-Realschule, 15.11.2016), die Stadt will den NS-Kultort zu einem „Platz des Friedens“ wandeln. Die Fahnen sollen bis zum 13.11.2016 (Volkstrauertag) stehen bleiben, werden aber sämtlich am 03./04.10.2016 von Unbekannten gestohlen. Am Tatort finden sich Flugblätter und Aufkleber der Neonazipartei „Der III. Weg“. Die Stadtverwaltung erstattet Strafanzeige gegen diese Partei. (SK 06.10.2016) 4. Oktober 2016: Der Gemeinderat beschließt einstimmig eine Erklärung gegen Gewalt und Rassismus, in der er sich „gegen jede Form von Gewalt, Diskriminierung, Rassismus, Antisemitismus, politischen Extremismus, Faschismus und Antiziganismus“positioniert, um neonazistischen Aktionen entgegenzutreten. „Der Gemeinderat fordert die Verwaltung auf, zukünftig alle rechtlichen Möglichkeiten auszuschöpfen, um Demonstrationen und Veranstaltungen mit extremistischem Hintergrund auf städtischem Gelände zu verhindern“.Sollte dies unvermeidbar sein, erwartet der Gemeinderat „eine direkte und schnelle Rückmeldung, damit die unterschiedlichsten Gruppen mit rechtsstaatlichen Mitteln aktiv werden könnten“.Die Erklärung erscheint im amtlichen Mitteilungsblatt Hallo Radolfzell (No. 43, Jahrgang 22, 27.10.2016), von dem das öffentliche Digitalarchiv nur den aktuellen und den vorhergehenden Jahrgang bereitstellt. Unter „Aktuelles“ verschwindet die Erklärung nach zwei Wochen spurlos von ihrer URL. Indirekt ist sie noch als Teil der Sitzungsunterlagen zugänglich, doch da der Suchindex den gescanten Text nicht erfasst, bleibt maschinelles Suchen danach erfolglos.
Stadt Radolfzell am Bodensee, Gemeinderat:
Oliver Fiedler:
Lisa Jahns:
Matthias Güntert:
Landeskoordinierungsstelle Demokratiezentrum Baden-Württemberg, Jugendstiftung Baden-Württemberg, Sersheim: 11. Oktober 2016: Die Räte im Sitzungssaal: ratlos. Der Kulturausschuss verwirft den Beschlussvorschlag der Verwaltung „Ein Künstlerwettbewerb zur weiteren Gestaltung des Kriegerdenkmals am Luisenplatz wird im Jahr 2017 durchgeführt.“und beschließt einstimmig: „Beibehaltung der jetzigen Gestaltung am Luisenplatz mit den informativen Tafeln ohne weitere künstlerische Maßnahmen. Beibehaltung der regelmäßigen Aktionen zur Betonung des Friedensgedankens am Luisenplatz, z.B. Fahnenaktion, Begehung des Weltfriedenstages, aktuelle Gestaltung des Volkstrauertages, etc.“So bleibt es nach dem Fahnendiebstahl dabei, Kränze unter die SS-Tätertafeln beim NS-Kriegsdenkmal zu legen.
Stadt Radolfzell am Bodensee, Kulturausschuss:
Nicole Rabanser: 13. November 2016: Am Volkstrauertag hält Stadtrat Reinhard Rabanser auf der „Gedenkveranstaltung am Luisenplatz anlässlich der in den Kriegen gefallenen Radolfzeller“ eine Rede. Er sieht in den 48 Friedensfahnen, die die Kinder zum Ersatz der gestohlenen Fahnen erstellten, ein Zeichen dafür, „den Wunsch nach Frieden weiterhin als höchstes Gut in sich zu tragen und dies auch nach außen hin zu zeigen“ (WB 15.11.2016). Danach hinterlegen er, OB Martin Staab, Bürgermeisterin Monika Laule und MdL Jürgen Keck Kränze „an der Gedenktafel für die Opfer von Krieg und Gewalt in der Welt“ (SK 13.11.2016), die nicht existiert; gemeint ist die Tafelwand mit den Namen der Wehrmachts- und SS-Täter.
Gerald Jarausch:
Matthias Güntert:
Stadtverwaltung Radolfzell, Pressestelle, Julia Theile:
Gedenktafel besprüht
Matthias Güntert: 2017: Nachdem der Gemeinderat eine Platzumgestaltung im Oktober 2016 verworfen hat, taucht das Problem 2017 wieder auf. 21./22. Januar 2017: Farbaktion von Unbekannten, die das NS-Kriegsdenkmal mit Lack beklecksen, mit fünf Farben „LIEBER BUNT ALS NAZI-SCHUND“auf den Sockel schreiben und auf den Tätertafeln den Namen des SS-Obersturmbannführers Koeppen gelb markieren. Siehe dazu im Abschnitt „Inschriften“ 2017 Alternative Werte.SK: Wieder Schmierereien am Kriegerdenkmal in Radolfzell Südkurier (22.01.2017) suedkurier.de/region/kreis-konstanz/radolfzell/Wieder-Schmierereien-am-Kriegerdenkmal-in-Radolfzell;art372455,9096909
Oliver Fiedler: Offenbar handelt es sich um einen Fall von politischem Ikonoklasmus, nicht um Vandalismus.Farbattacke auf Kriegerdenkmal in Radolfzell LinksRhein (23.01.2017) linksrhein.blogsport.de/2017/01/23/farbattacke-auf-kriegerdenkmal-in-radolfzell
Claudia Wagner: „Der Historiker Markus Wolter beleuchtet die Frage, warum das Denkmal immer wieder als Provokation wirkt.“26. Januar 2017: Die Neonazipartei „Der III. Weg“ fordert die Stadt auf, „das Kriegerdenkmal unverzüglich zu säubern und herzurichten“ und droht eine „eigene Säuberungsaktion“ an. Die Stadt antwortet, dass „Minus-Temperaturen“ und „poröser Stein“ die Reinigung verzögern. Daraufhin stellen die Neonazis der Stadt das Ultimatum, „bis Ende Februar [..] die bitter notwendigen Reinigungen durchzuführen“.
Markus Wolter: 2. Februar 2017: Eine Spezialreinigungsfirma schließt die Entfernung der Farbkleckse ab. Bürgermeisterin Monika Laule mailt dem vom Verfassungsschutz als höchst gewaltbereit eingestuften „III. Weg“ zwei Beweisfotos mit dem Hinweis, das Denkmal sei nun gereinigt. (SM 02.05.2017, SK 15.01.2018)
Georg Becker:
J. Geiger: Zeigt ein Foto des bunt beklecksten NS-Kriegsdenkmals.Matthias Güntert: Beweise führen nach Königsfeld. Mutmaßlicher Fahnendieb könnte gefasst sein Singener Wochenblatt (26.04.2017) wochenblatt.net/heute/nachrichten/article/beweise-fuehren-nach-koenigsfeld
jüg: Kritisiert die peinlich anbiedernden E-Mails der Bürgermeisterin an den „III. Weg“.Claudia Wagner: Für Frieden und Vielfalt: Zwei Kundgebungen für den 8. Mai geplant Südkurier (03.05.2017) suedkurier.de/region/kreis-konstanz/radolfzell/Fuer-Frieden-und-Vielfalt-Zwei-Kundgebungen-fuer-den-8-Mai-geplant;art372455,9240767
Antifaschistischer Infostand in Radolfzell am 8. Mai
hpk: 8. Mai 2017: Zwei Schüler organisieren eine Kundgebung am Luisenplatz mit dem Titel „Radolfzell ist bunt – Sag ja zu Vielfalt und nein zu Menschenhass“, an der rund 60 Menschen teilnehmen. Vier Rechtsextreme stören die Kundgebung. Die Polizei erzwingt den Abbau des Informationspavillons, der vor dem Regen schützen sollte. (SK 03.05.2017, 08.05.2017)
Claudia Wagner, Anna-Maria Schneider:
Matthias Güntert:
DS:
Stellungnahme des OAT Konstanz bezüglich des antifaschistischen Infostandes in Radolfzell am 08. Mai Beschreibt, wie Stadtverwaltung und Polizei antifaschistisches Engagement am Tag der Befreiung von Faschismus und Krieg schikanieren und behindern.Kundgebungen am 8. Mai gegen Neonazis vom „III. Weg“ durch Stadt Radolfzell und Polizei behindert LinksRhein (11.05.2017) linksrhein.blogsport.de/2017/05/11/kundgebungen-am-8-mai-gegen-neonazis-vom-iii-weg-durch-stadt-radolfzell-und-polizei-behindert
Ramona Löffler: Der wegen des Diebstahls der 38 Friedensfahnen im Oktober 2016 angeklagte 24-jährige Aktivist der Neonazipartei wird freigesprochen, da ein einzelner Fingerabdruck auf einem Plakat kein Beweis dafür ist.29. Juni 2017: Wegen „Vorkommnissen im ersten Halbjahr 2017 am Luisenplatz durch rechts- und linksextreme Gruppen“ diskutiert der Arbeitskreis Erinnerung Vorschläge „für eine zusätzliche Gestaltung des Luisenplatzes“ und wählt folgende zur Prüfung aus (Liste und Zitate aus Stadtgeschichte Beschlussvorlage 2017/2176):
17. Oktober 2017: Der Kulturausschuss befasst sich mit den zehn Vorschlägen des Arbeitskreises Erinnerung vom 29.06.2017 und ergänzt sie um diese:
Stadt Radolfzell am Bodensee, Kulturausschuss:
Anna-Maria Schneider: „Am meisten Anklang fand die Idee des Seniorenrates, das Denkmal mit Efeu bewachsen zu lassen und nur zum Volkstrauertag die Tafeln mit den Namen der Gefallenen von dem Grün zu befreien.“Matthias Güntert: Luisenplatz soll umgestaltet werden Ausschuss will Prüfaufträge im Mai präsentieren Singener Wochenblatt (25.10.2017) wochenblatt.net/heute/nachrichten/article/luisenplatz-soll-umgestaltet-werden
Georg Lange: „"Mein Wunsch ist es, dass sich Bürger gemeinsam für ihre Demokratie aktiv einsetzen und dass sie sich an Aktionen beteiligen, sie selbst initiieren und ein Zeichen gegen Rassismus, Extremismus und jegliche Form von Diskriminierung und Gewalt in unserer Stadt setzen", ruft Monika Laule die Radolfzeller Bürger auf.“Welcome to Radolfzell – Demonstation [!] gegen Neonazis OAT Konstanz (14.11.2017) oatkn.blogsport.de/2017/11/14/welcome-to-radolfzell-demonstation-gegen-neonazis
WELCOME TO RADOLFZELL – Gegen «Heldengedenken» von NS-Verbrechern in Radolfzell –
Für eine Aufarbeitung der NS-Vergangenheit und des Widerstands
Kundgebung: Welcome to Radolfzell! Aufrufe zu einer Demonstration, die am 19.11.2017 am Luisenplatz stattfinden soll.16. November 2017: Die Stadt genehmigt die für den 19.11.2017 am Luisenplatz angemeldete Demonstration „Welcome to Radolfzell!“ zu Radolfzells NS-Geschichte und zur Neonazipartei „Der III. Weg“. 17. November 2017: Die Stadt untersagt die vortags genehmigte Versammlung. Bürgermeisterin Monika Laule begründet das Demonstrationsverbot so: „Nachdem in der Nacht vom 16. auf den 17. November der Sockel des Kriegerdenkmals am Luisenplatz unerlaubt mit Plakaten beklebt worden war, haben wir heute die Versammlung untersagt. Es werden dennoch Polizeikräfte vor Ort sein, um für die öffentliche Sicherheit und Ordnung zu sorgen.“Unklar ist, welche Beziehung zwischen den unbekannten Plakatklebern und der Anmelderin bestehen könnte, wie die Versammlung die „öffentliche Sicherheit und Ordnung unmittelbar gefährden“ könnte, und wie die Verhältnismäßigkeit der Mittel (Plakatierung ./. Demoverbot) garantiert sein soll. Das Verbot erreicht die Anmelderin zum freitäglichen Büroschluss der Anwaltskanzleien, was ihr Rechtswege gegen das Verbot verbaut. (LR 16./17.11.2017, WB 21.11.2017, LR 30.03.2018) Am 02.08.2018 wird das Verwaltungsgericht Freiburg das Demonstrationsverbot als rechtswidrig beurteilen.19.11.: Demonstration „Welcome to Radolfzell“ LinksRhein (16./17.11.2017) linksrhein.blogsport.de/2017/11/16/19-11-demonstration-welcome-to-radolfzell
Anna-Maria Schneider: Zeigt ein Foto des mit drei DIN-A4-Plakaten „sachbeschädigten“ NS-Kriegsdenkmalsockels.Matthias Güntert: Stadt untersagt »Antifa«-Kundgebung Linksaktivisten bekleben Kriegerdenkmal auf dem Luisenplatz Singener Wochenblatt (17.11.2017) wochenblatt.net/heute/nachrichten/article/stadt-untersagt-antifa-kundgebung
Gegen Behörden Willkür und Repression in Radolfzell
Matthias Güntert: 19. November 2017: Bei der Volkstrauertagsfeier spielt das Jugendblasorchester Michael Jacksons Heal the World. Die Präventionsratsvorsitzende Nina Breimaier mahnt vor rechter Stimmungsmache, Ausgrenzung von Minderheiten, Demokratiefeindlichkeit und gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit, konzediert, dass es ihr schwer falle, am NS-Kriegsdenkmal „der Vertriebenen, Verfolgten, all der zivilen Opfer zu gedenken“ und schlägt vor, den Platz in ein „Geschichtsdenkmal“ umzuwandeln. Danach legen sie, OB Martin Staab, Bürgermeisterin Monika Laule und MdL Jürgen Keck Kränze vor der Tafelwand mit den Namen der SS-Terroristen nieder. (SK 19.11.2017, WB 21.11.2017, FGL 01.02.2018) Als sich rund 20 Antifaschisten spontan am Seetorplatz versammeln, um zum Luisenplatz zu ziehen, werden sie ohne erkennbare Rechtsgrundlage beim Untertorplatz von über 40 Polizisten und zwei Hunden eingekesselt. Die Polizei nimmt vier „Rädelsführer“ fest und behandelt sie erkennungsdienstlich. Die Staatsanwaltschaft verhängt Bußgeldbescheide und Strafanzeigen wegen „Aufrufs zu und Teilnahme an einer verbotenen Demonstration“ und „Widerstands gegen die Staatsgewalt“, und leitet fünf Ermittlungsverfahren ein. Stadträtin Gisela Kögel-Hensen kommentiert: „Der Einsatz von Polizeihunden war vielleicht doch etwas überzogen.“(SK 19.11.2017, SM 20.11.2017, LR 30.03.2018, SK 22.04.2018) Bis August 2018 werden drei, bis September 2018 vier, bis November 2018 fünf der fünf Ermittlungsverfahren eingestellt sein (LR 04.08.2018, SM 09.08.2018, LR 22.08.2018, 18.09.2018, SM 29.11.2018). War vielleicht nicht nur der Hundeeinsatz überzogen?Petra Reichle: Gedenkfeier zum Volkstrauertag: Appell für vielfältige und friedliche Stadt Südkurier (19.11.2017) suedkurier.de/region/kreis-konstanz/radolfzell/Gedenkfeier-zum-Volkstrauertag-Appell-fuer-vielfaeltige-und-friedliche-Stadt;art372455,9503044
Kundgebung eskaliert: Zeigt ein Foto der von Polizisten umzingelten Antifaschisten.Demonstrieren ist keine Straftat! OAT Konstanz (19.11.2017) oatkn.blogsport.de/2017/11/19/demonstrieren-ist-keine-straftat
jüg:
Polizeiwillkür und schlechter Journalismus in Radolfzell Kritisiert fehlende Rechtsgrundlagen der Auflösung der Spontandemonstration am 19.11.2017.Uwe Johnen: Volkstrauertag – aktuell wie nie zuvor. Bewegende Rede zum Gedenken aller Opfer von Krieg, Verfolgung und Gewaltherrschaft Singener Wochenblatt (21.11.2017) wochenblatt.net/heute/nachrichten/article/volkstrauertag-aktuell-wie-nie-zuvor Singener Wochenblatt (22.11.2017) Ausgabe Radolfzell wochenblatt.net/fileadmin/Archiv/2017/RAS/2017_47_RAS.pdf
Radolfzell: Denkmal am Luisenplatz mit Farbbeuteln beworfen
Oliver Fiedler: 14. bis 16. Januar 2018: Ein Bekennerschreiben nennt „Antifa Paradise“ als „autonome antifaschistische Gruppe“, die am 14./15.01.2018 eine Farbaktion gegen das NS-Kriegsdenkmal verübt habe. Die Stadtverwaltung lässt die Farben am 15.01. bis auf Reste entfernen und zeigt die „Beschädigung des Denkmals“ an. Der Radolfzeller Polizeirevierleiter Willi Streit weiß nicht, wer hinter dem Bekennerschreiben stecke und gibt den Fall an den Staatsschutz weiter, der immer bei politisch motivierten Straftaten eingeschaltet werde. Unklar ist, wie Farbkleckse auf einem NS-Kriegspropagandarelikt den demokratischen Rechtsstaat gefährden könnten. (SK 15.01.2018)
Anna-Maria Schneider:
Oliver Fiedler:
Freie Grüne Liste Radolfzell e.V.: Auszüge aus der Rede von Gemeinderätin Nina Breimaier zum Volkstrauertag 2017.Karlheinz Hug: Überlegungen zum NS-Kriegerdenkmal in Radolfzell (14.02.2018) Gewidmet dem Radolfzeller Kulturausschuss und dem Arbeitskreis Erinnerungskultur, 7 S. karlheinz-hug.de/hegau-bodensee/start/Radolfzell_NS-Kriegerdenkmal_Ueberlegungen_2018-02-14_K_Hug.pdf Diskutiert 11 Optionen zum Umgang mit dem NS-Kriegsdenkmal.15. März 2018: Der Arbeitskreis Erinnerungskultur diskutiert die vier Prüfaufträge des Kulturausschusses vom 17.10.2017 und ergänzt sie um die folgenden sieben Vorschläge (Liste aus Stadtgeschichte Beschlussvorlage 2017/2176-01):
LinksRhein (30.03.2018) linksrhein.blogsport.de/2018/03/30/aufruf-zur-antifaschistischen-demo-am-21-4-in-radolfzell
Aufruf zur antifaschistischen Demo am 21.4 [!] in Radolfzell Aufruf zur „Demonstration gegen Nazistrukturen & Repressionen in Radolfzell“ am 21.04.2018, die von der Stadt durch extreme Auflagen behindert werden soll.April 2018: Das „Bündnis Bodensee Nazifrei“, dem die „Offenen antifaschistischen Treffen“ (OAT) Konstanz und Freiburg und die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA) Konstanz angehören, meldet eine „Demonstration gegen Nazistrukturen & Repressionen in Radolfzell“ am 21.04.2018 an, die vom Bahnhof über ns-belastete Orte zum NS-Kriegsdenkmal führen soll. Die Stadt versucht, die Demonstration durch zahlreiche Auflagen u.a. zu Zeit, Weg, Ziel, Inhalten zu verhindern (Liste s. LR 22.04.2018). Das Verwaltungsgericht Freiburg spricht im Eilverfahren der Anmelderklage dagegen in allen Punkten Recht zu, erläutert der Stadt die Grundlagen der Demokratie und des Versammlungsrechts, bescheinigt, dass die Auflagen „offensichtlich rechtswidrig“ seien und „der herrschenden verfassungs- und verwaltungsrechtlichen Rechtsprechung“ widersprächen, eine Störung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung nicht zu befürchten sei usw. Die Stadt trägt die Verfahrenskosten, die Demonstration darf wie geplant stattfinden. (LR 22.04.2018, SK 22.04.2018)
MM: 21. April 2018: An der „Demonstration gegen Nazistrukturen & Repressionen in Radolfzell“ beteiligen sich 50 bis 100 mit sechs Transparenten ummantelte und vier roten Wimpeln bewaffnete junge Antifaschisten, allseitig begleitet von etwa ebenso vielen meist jungen Polizisten in schwarzen hieb-, stich- und schusssicheren Schutzanzügen, ausgestattet mit diversen Waffen und Kommunikationsgeräten, denen drei Polizeifahrzeuge voraus- und zwei hinterherfahren, ergänzt durch zwei Polizisten in gelben mit „AntiKonfliktTeam“ beschrifteten Warnwesten. Bürgermeisterin Monika Laule rechtfertigt das Polizeiaufgebot als vorsorgliche Maßnahme im Sicherheitsinteresse. Unklar ist, wessen Sicherheit eine Demonstration bedrohen könnte, die zur Aufklärung der Radolfzeller NS-Geschichte beitragen will. Zur Abschlusskundgebung umzingeln die Demonstranten das NS-Kriegsdenkmal. (LR 22.04.2018, SK 22.04.2018, BN 22.04.2018)
Oliver Fiedler:
Klatsche vor Gericht:
Michael Jahnke:
Protest gegen Behördenwillkür in Radolfzell.
Nazi-GegnerInnen können erst nach Eilentscheidung Freiburger Richter demonstrieren
Enthält vier Videos mit drei Reden sowie Fotos. Drittes Video:Demobericht 21.4. Radolfzell OAT Konstanz (22.04.2018) oatkn.blogsport.de/2018/04/22/demobericht-21-4-radolfzell
jüg:
Radolfzell bleibt bunt! – 8. Mai Kundgebung Luisenplatz in Radolfzell Aufruf zu der vor Monaten angemeldeten „Kundgebung für mehr Toleranz und gegen örtliche Nazistrukturen“ am 08.05.2018, die von der Stadt kurzfristig verboten wird.8. Mai 2018: Das Kundgebungsverbot für die vor Monaten angemeldete „Kundgebung für mehr Toleranz und gegen örtliche Nazistrukturen“ begründet die Stadt damit, das später angemeldete „Friedensfest“ des Präventionsrats der Stadt und des „Bürgerbündnisses Radolfzell für Demokratie“ (BRD) würde Vorrang genießen. Die Stadt erteilt das Verbot am 07.05., sodass kein Eilverfahren für Rechtsschutz mehr möglich ist, und verdrängt die am Luisenplatz verbotene Kundgebung zum Forsteibrunnen, wo der Infotisch von Polizisten in fünf Fahrzeugen überwacht wird. Unklar ist, wie sich Diskriminierung, Privilegierung und Tricksereien mit Demokratie und Recht vertragen. (BN 12.05.2018)
Polizeipräsidium Konstanz, Sauter: Zum „Friedensfest“ wird das NS-Kriegsdenkmal in eine helle Stoffbahn gewickelt. Über Grund, Zweck und Sinn der Verhüllung rätselnde Zuschauer erhalten weder per Flugblatt noch per Ansage mitgeteilt, was das soll. Zur Verhüllungsaktion von 1983 ist kein Erinnerungsbezug erkennbar. Der Südkurier berichtet, man habe die dominierenden NS-Soldaten unsichtbar und Luise, die Namensgeberin des Platzes, sichtbar machen wollen. „Das Friedensfest solle auch dazu beitragen, dass Erinnerungen an die militärische Tradition verschwinden.“ Zugleich preisen die Veranstalter die Erinnerungskulturleitlinien der Stadt, nach denen „Spuren verschiedener Zeitschichten sichtbar zu machen“ seien. Unklar ist, wieso sie die Spur der militaristischen NS-Zeit, die in den Steinsoldaten erhalten ist, ausgerechnet am Tag der Befreiung von Faschismus und Krieg verstecken, anstatt den Tag zu nutzen, um über dieses Propagandamittel für den geplanten Krieg aufzuklären. Unklar bleiben auch Bezüge Luises zum Naziregime einerseits, zu seinem Sturz und zur bundesdeutschen Demokratie andererseits.
Auf dem Rasen vor dem verhüllten NS-Relikt stehen Friedensfahnen der Art der im Oktober 2016 gestohlenen.
Auf vor der Tätertafelwand ausgerollten Stoffbahnen visualisieren Kinder und Stadträte das von der privatinitiativen Vorjahrsveranstaltung übernommene Motto „Radolfzell ist bunt“, ohne das verhüllte NS-Relikt zu beklecksen. Der Jugendgemeinderat und die Initiative STOLPERSTEINE-RADOLFZELL beteiligen sich am Friedensfest, ein Großaufgebot der Polizei schützt es vor „rechter und linker Szene“. Der Präventionsrat will diese Art von Friedensfest dauerhaft im Radolfzeller Jahreskalender verankern. Privilegierte Spätanmeldung hält Konkurrenten fern. (SK 08.05.2018)
Gerald Jarausch:
Oliver Fiedler:
Matthias Güntert: „Obwohl Merk weiß, welche Bedeutung dem Platz zukommt, hofft sie in Sachen Umgestaltung des Luisenplatzes auf Fingerspitzengefühl. »Radolfzell muss sich nicht vor seiner Geschichte verstecken. Ohnehin tut die Stadt viel, um den Bürgern ihre Geschichte zu erklären«, betonte sie.“Sandy Uhl: Am Ende siegt „die Antifa“ Friedensfest verdrängt antifaschistischen Protest gegen Neonazis in Radolfzell Beobachter News (12.05.2018) beobachternews.de/2018/05/12/am-ende-siegt-die-antifa Enthält 25 Fotos.15. Mai 2018: Der Kulturausschuss befasst sich mit den vier Prüfaufträgen vom 17.10.2017, den sieben Vorschlägen des Arbeitskreises Erinnerungskultur vom 15.05.2018, sowie der Alternative, den Luisenplatz im Status quo zu belassen. Zum Prüfauftrag „Grünbewuchs“ hat die Abteilung Landschaft und Gewässer sechs Varianten erarbeitet. Davon scheiden „Efeu“ und „weiße Kletterrosen“ aus, da sie „das Gefallenendenkmal beschädigen würden“. Die vier anderen – „wilder Wein“, „hohe weiße Strauchrosen (z.B. Sorte Friedenslicht®)“, „immergrüne Schnittgehölze“ um das Denkmal oder auf der Gesamtfläche – bringen zwar Nachteile wie Eingriffe in Platanenwurzeln, Pflegeaufwand, Stützgerüste, Kosten, gestalterische Betonung des Denkmals, aber auch den Vorteil, dass das Denkmal zumindest teilweise verschwindet. Den Prüfauftrag „Schaffung eines Aufenthaltsortes“ bewertet die Abteilung Landschaft und Gewässer als schwierig wegen dem Straßenverkehr. Zum Prüfauftrag „Versetzung der Figuren an einen anderen Standort innerhalb des Luisenplatzes“ meldet die Abteilung, dass dies statisch begleitet werden muss, ggf. die Statik der Außenmauer vorab geprüft werden muss, Schädigungen des Wurzel- und Kronenbereichs der Platane zu erwarten sind, und die Voruntersuchungen und Maßnahmen einen fünfstelligen Betrag kosten werden. Die in der Sitzung gestellten Anträge
„Das Gefallenendenkmal und die Namenstafeln auf dem Luisenplatz werden begrünt.Obwohl die Abteilung Landschaft und Gewässer „von der kompletten Begrünung der Gedenkwand“ abrät, erwähnt der Beschluss die Tafeln. Nebenbei hat sich die neue Sprachregel durchgesetzt, das NS-Kriegsdenkmal „Gefallenendenkmal“ zu nennen. OB Martin Staab sichert zu, die Anregung, „den Volkstrauertag in einem anderen Rahmen (neuer Ort oder neue Form) abzuhalten, mitzunehmen“.
Stadt Radolfzell am Bodensee, Kulturausschuss:
Matthias Güntert: „»Unsere Leitlinien sollen erklären, nicht verdrängen, verschwinden lassen oder verstecken«, betonte Angélique Tracik, Leiterin des Fachbereichs Kultur.“Isabelle Arndt: Zwischen Verhüllen und Verstecken: Radolfzell berät über Umgestaltung des Kriegerdenkmals Südkurier (17.05.2018) suedkurier.de/region/kreis-konstanz/radolfzell/Zwischen-Verhuellen-und-Verstecken-Radolfzell-beraet-ueber-Umgestaltung-des-Kriegerdenkmals;art372455,9741496 „Wir wollen nicht verschweigen, entfernen und vergessen“, sagte Kulturbereichsleiterin Angélique Tracik. Nur verhüllen, versetzen, begrünen.Karlheinz Hug: Fragen zum NS-Kriegerdenkmal in Radolfzell (27.05.2018) Gerichtet an den Radolfzeller Kulturausschuss und den Arbeitskreis Erinnerungskultur, 10 S. karlheinz-hug.de/hegau-bodensee/start/Radolfzell_NS-Kriegerdenkmal_Fragen_2018-05-27_K_Hug.pdf Stellt 37 Fragen zum Webauftritt der Stadt Radolfzell, den „Leitlinien zur Erinnerungskultur“, und der Empfehlung des Kulturausschusses vom 15.05.2018 für den Gemeinderat.Initiative STOLPERSTEINE-RADOLFZELL: Unserer [!] Aktivitäten beim BRD-FRIEDENSFEST auf dem Luisenplatz am 8. Mai 2018 (03.06.2018) stolpersteine-radolfzell.de/wp-content/uploads/2018/06/2018-05-08-STOLPERSTEINE-RADOLFZELL-Aktivitäten-beim-BRD-Friedensfest.pdf Enthält fünf Fotos.Matthias Güntert: Verhüllen oder mit wildem Wein begrünen? Luisenplatz soll umgestaltet werden – nur wie, darauf kann sich der Rat nicht einigen Singener Wochenblatt (05.06.2018) wochenblatt.net/heute/nachrichten/article/verhuellen-oder-mit-wildem-wein-begruenen Singener Wochenblatt (06.06.2018) Ausgabe Radolfzell wochenblatt.net/fileadmin/Archiv/2018/RAS/2018_23_RAS.pdf „Oberstes Ziel der geplanten Maßnahmen: die Entmartialisierung des Platzes. »Wir tragen eine große Verantwortung der Geschichte gegenüber und gegen das kollektive Vergessen. Wir wollen auch auf dem Luisenplatz nichts verschweigen und verschwinden lassen«, betonte Angélique Tracik, Leiterin Fachbereich Kultur. Für Tracik ist allein der Begriff »Kriegerdenkmal« überholt. »Der Luisenplatz sollte und muss in Zukunft als Gefallenendenkmal gesehen werden«, so Tracik weiter. Wie ernst es ihr damit war, wurde in ihrer Vorlage deutlich: Kein einziges Mal tauchte der Begriff »Kriegerdenkmal« darin auf. Denn das Denkmal ist offiziell den Gefallenen des Ersten Weltkriegs gewidmet.“Karlheinz Hug: Vorschläge zum NS-Kriegerdenkmal in Radolfzell (16.06.2018) Gerichtet an den Gemeinderat der Stadt Radolfzell am Bodensee, 12 S. karlheinz-hug.de/hegau-bodensee/start/Radolfzell_NS-Kriegerdenkmal_Vorschlaege_2018-06-15_K_Hug.pdf Bestandsaufnahme der Objekte am Luisenplatz +Juli/August 2018: Im offiziellen Webauftritt der Stadt erscheinen in der vierseitigen, die NS-Zeit bisher ignorierenden „Chronik der Radolfzeller Stadtgeschichte“ 18 Zeilen über „Machtergreifung, Garnisonsstadt und Kapitulation“ (ohne Korrektur der fehlerhaften Überschrift), siehe [Rad]. 2. August 2018: Das in Singen tagende Verwaltungsgericht Freiburg beurteilt das von der Stadt Radolfzell am 17.11.2017 erteilte Demonstrationsverbot als rechtswidrig. Die Stadt anerkennt am Vortag per Fax den in der Klageschrift erhobenen Vorwurf der Rechtswidrigkeit des Kundgebungsverbots und bleibt der Verhandlung fern. Der Fortsetzungsfeststellungsklage der Anmelderin der für den 19.11.2017 am Luisenplatz geplanten Demonstration zu Radolfzells NS-Geschichte und zur Neonazipartei „Der III. Weg“ gegen die Stadt gibt das Gericht statt. Das Ordnungsamt hatte die Versammlung wegen drei von Unbekannten an den NS-Kriegsdenkmalsockel geklebten DIN-A4-Plakaten untersagt. Das Gericht folgt der Einschätzung der Klägerin, „eine nicht aufgeklärte Sachbeschädigung rechtfertige keinen Einschnitt in das Grundrecht der Versammlungsfreiheit“. (LR 04.08.2018, SM 09.08.2018, SK 11.08.2018)
Radolfzeller Verbot einer Kundgebung gegen örtliche Nazistrukturen war rechtswidrig 8. August 2018: Das Wochenblatt veröffentlicht ein Interview mit OB Staab mit einer Frage zum Luisenplatz (WB 08.08.2018): „Wie können Plätze wie der Luisenplatz aus der Schusslinie der Rechten genommen werden?J. Geiger: Radolfzell: Städtisches Demoverbot war rechtswidrig SeeMoZ (09.08.2018) seemoz.de/lokal_regional/radolfzell-demoverbot-war-rechtswidrig DIE LINKE im Kreis Konstanz - Sozial. Gerecht. Frieden. Für alle. (11.08.2018) die-linke-konstanz.de/2018/08/11/radolfzell-staedtisches-demoverbot-war-rechtswidrig
Steffen Mierisch:
Anna-Maria Schneider:
Radolfzell: Bußgeld- und Strafverfahren gegen AntifaschistInnen eingestellt Drei der fünf Ermittlungsverfahren, die gegen Teilnehmer der Spontandemonstration am 19.11.2017 eingeleitet wurden, sind inzwischen eingestellt.Neuer Webauftritt: NS-Kriegsdenkmal in Radolfzell und anderswo LinksRhein (02.09.2018) linksrhein.blogsport.de/2018/09/02/neuer-webauftritt-ns-kriegsdenkmal-in-radolfzell-und-anderswo
Radio Dreyeckland gBetriebs-GmbH, Freiburg: Jan Keetman interviewt „Laura“ aus Radolfzell.Radolfzell: 4. Verfahren gegen Antifaschisten eingestellt LinksRhein (18.09.2018) linksrhein.blogsport.de/2018/09/18/radolfzell-4-verfahren-gegen-antifaschisten-eingestellt Vier der fünf Ermittlungsverfahren, die gegen Teilnehmer der Spontandemonstration am 19.11.2017 eingeleitet wurden, sind inzwischen eingestellt.20. September 2018: Zum Prüfauftrag der Versetzung des Kriegerdenkmals führt die Stadtverwaltung mit einem Ingenieur für Tragwerksplanung und einem Steinhandwerker einen Ortstermin durch. Beide Experten liefern am 12.10.2018 Kurzgutachten zur Machbarkeit einer Versetzung (KA BV 06.11.2018, Anlagen 2, 3).
„Die Krieger [...] sollen nicht mehr so präsent auf dem Luisenplatz stehen, um weitere politische Diskussionen zu verhindern.“Als Lösung schlägt er vor: „Eine gärtnerische Gestaltung oder eine Umgestaltung durch einen Künstler, der es versteht, das Denkmal so umzugestalten, dass man genau sieht, wie sehr sich die Stadt Radolfzell vom Nationalsozialismus distanziert. Die einfachste Lösung ist natürlich der Rückbau des Denkmals.“Unklar ist, wie sich die Verhinderung politischer Diskussionen über das NS-Kriegsmal mit den Erinnerungskulturleitlinien verträgt und wie sich die Stadt von ihren NS-Erblasten distanzieren will. September–November 2018: Erinnerungskultur: Im Webauftritt des Stadtmuseums verschwindet der Verweis auf das Leitlinien-Dokument von 2015, stattdessen erscheint die neue Seite Erinnerung und Gedenken in Radolfzell, die daraus den Leitsatz und die sechs Leitlinien exzerpiert und über den „Arbeitskreis Erinnerung“ informiert. Wer von nun an das Original-Leitlinien-Dokument komplett lesen will, darf sich auf eine Verweis-Such-Odyssee in den städtischen Webauftritt begeben. 6. November 2018: Der Kulturausschuss berät über zwei Prüfaufträge und einen Vorschlag vom 15.05.2018:
Zur Versetzung des Kriegerdenkmals liegen die nach dem Ortstermin 20.09.2018 erstellten Kurzgutachten des Ingenieurbüros für Tragwerksplanung und des Steinhandwerkers vor, die das Versetzen (und Umdrehen) als aufwendig, kostenintensiv und das Denkmal und die Platane schädigend beurteilen. Der Beschlussvorschlag, das Denkmal nicht an einen anderen Standort zu versetzen, wird einstimmig angenommen. Zur Verlegung des Volkstrauertags (der Tag wird mit der Feier identifiziert) an einen anderen Standort wird der Beschlussvorschlag, das Problem im nächsten AK Erinnerung zu beraten und das Ergebnis dem Gemeinderat zur Beschlussfassung vorzulegen, mit acht Nein- gegen drei Ja-Stimmen abgelehnt. Die Alternative, auf eine Verlegung zu verzichten, wird mit acht Ja- gegen drei Nein-Stimmen angenommen. Damit lautet das Ergebnis dieser Kulturausschusssitzung zum Tagesordnungspunkt Luisenplatz: Die Abteilung Stadtgeschichte wird beauftragt, die Pflanzung von weißen Sophie-Scholl-Strauchrosen um das Gefallenendenkmal (ggfs. im Hochbeet) in die Planung für 2019 aufzunehmen.Generelles dazu siehe unter Begrünen, Spezielles im Kommentar unten sowie in der begleitenden Seite Kommentare zur Rosenbepflanzung des Radolfzeller NS-Kriegsmals.
Stadt Radolfzell am Bodensee, Kulturausschuss: Kommentar: Obwohl seit Jahren gefordert wird, am Volkstrauertag nicht mehr beim NS-Kriegerdenkmal und den SS-Tätertafeln zu feiern, haben sich wieder kultbewahrende Kräfte durchgesetzt, sodass auch 2018 alles beim Alten bleibt. Die Taktik: Der Vorschlag bleibt liegen, bis der OB sein Versprechen vergessen hat und praktisch keine Zeit für eine Verlegung bleibt. Dass die Taktik wirkt, lässt kein übermäßiges Problem- und Geschichtsbewusstsein vermuten.Natalie Reiser: Weiße Rosen erinnern an Widerstandsgruppe gegen die Nazis Südkurier (07.11.2018) suedkurier.de/region/kreis-konstanz/radolfzell/Weisse-Rosen-erinnern-an-Widerstandsgruppe-gegen-die-Nazis;art372455,9951360
Natalie Reiser: Rosen seien „edle Gewächse, sie schmücken Hochzeiten, feierliche Tafeln, werden auf Gräber gelegt. Sinnbild tiefer Gefühle“, bemerkt Natalie Reiser, und stellt die Fragen: „Wie werden Rosen um das Kriegerdenkmal wirken? Können Rosen den Soldaten ihren Schrecken nehmen? Oder wird Vorübergehende das Gefühl beschleichen, die grimmigen Gestalten würden geschmückt?“OAT Konstanz: Bunte Demo statt braunes Denkmal Antifaschistische Kundgebung zum Vokstrauertag in Radolfzell am Sonntag, 18.11.2018, 11:30–16:00 Uhr, Seetorstraße/Luisenplatz facebook (07.11.2018) de-de.facebook.com/events/491576801250024
Matthias Güntert: Erwähnt nicht, dass es sich um Sophie-Scholl-Rosen mit Bezug zur Widerstandsgruppe „Weiße Rose“ handelt.18. November 2018: Bei der Gedenkfeier am Volkstrauertag erinnern lodernde Flammen in der Feuerschale auf dem Pylonen vor dem NS-Kriegerdenkmal daran, wie die Nazis auf dem Horst-Wessel-Platz archaische Brandopferriten in ihre Kriegsheldenkulte einbauten [Beh96, S. 326].
Rund 100 Bürger und 30 Stadtkapellenmusiker gedenken „der Opfer der Gewaltherrschaft und der Toten aller Kriege“, denen der gemeinsam gesprochene Gauck-Text von 2015 auch „die Bundeswehrsoldaten und andere Einsatzkräfte, die im Auslandseinsatz ihr Leben verloren“, zuordnet, die keiner Gewaltherrschaft dienen und sich an keinen Kriegen beteiligen, sondern regierungsamtlich nur an Friedensmissionen. In seiner bedenkenswerten Rede erwähnt Stadtrat Christof Stadler zwar weder Ursachen noch Verantwortliche des Ersten Weltkriegs, zitiert aber persönliche Erinnerungen an seine Folgen, hinterfragt die Rüstungsexporte und ruft dazu auf, den Frieden zu bewahren. Danach hängen er, OB Martin Staab, Bürgermeisterin Monika Laule und Stadtrat Walter Hiller Kränze an Ständer vor den Namenstafeln der Wehrmachts- und SS-Täter, die 1939–1945 hochgerüstet Gewaltherrschaft und Krieg exportierten. Dazu erklingt mit Trompete und Trommelwirbel das Lied vom Guten Kameraden.
Eine später am Luisenplatz stattfindende antifaschistische Kundgebung mit dem Titel „Bunte Demo statt braunes Denkmal“ reproduziert weder tradierte Rituale noch die jahrzehntelang gepflegte Täter-Opfer-Konfusion, sondern benennt die kriegsvorbereitende Funktion des NS-Heldenkultplatzes und die Opfer des SS-Terrors in den Konzentrationslagern.
Gerald Jarausch:
Matthias Güntert: 27. November 2018: Auf der Gemeinderatssitzung stellt Siegfried Lehmann fest, dass das Soldatendenkmal und die Tafeln mit Namen von SS-Angehörigen belastend für die Volkstrauertagsfeier seien. Es sei problematisch, dort Kränze niederzulegen. Trotz jahrzehntelangen Diskutierens sei keine Lösung in Sicht. Für das Kriegerdenkmal sei weder eine Rosenbepflanzung noch ein Laufband eine angemessene Lösung.
J. Geiger: Während vier der fünf Ermittlungsverfahren gegen Teilnehmer der Spontandemonstration am 19.11.2017 eingestellt wurden, produzierte die Staatsanwaltschaft zum fünften einen Strafbefehl wegen „Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte“ (§ 113 StGB). Das Amtsgericht Radolfzell stellte das Verfahren unter der Auflage an den Beschuldigten ein, 400 Euro an Amnesty International zu zahlen.6. Dezember 2018: Die Facebook-Seite des rechtsextremistischen „Nationalen Medienkollektivs“ veröffentlicht Fotos von rechtsextremistischen „Heldengedenk“-Aktionen am Volkstrauertag u.a. aus Konstanz und Radolfzell, wohl bei den NS-Relikten, „um zu zeigen, dass es in diesem verkommenen System noch Leute gibt, welche sich noch an die ruhmvollen Taten unserer Groß- und Urgroßväter würdevoll erinnern!“ [LVBW19]15. Dezember 2018 bis 16. Juni 2019: Die Sonderausstellung „Wirtschaftswunder. Bewegte Jahre in Radolfzell“ im Stadtmuseum will „ein Panoptikum der Wirtschaft und der Alltagskultur im Radolfzell der 1950er und 1960er Jahre“ zeigen. Hinter einem 1950er-Nostalgie-Wohnzimmer mit Schlager-Singles und Motorroller fokussieren drei Räume auf Wirtschaftsleistungen lokaler Betriebe vor der Kulisse des Kalten Kriegs.
Stadtmuseum Radolfzell: Kommentar: Dank wirtschaftswunderlicher Spenden und Steuergelder wurde das NS-Kriegsmal zum Kriegsfolgenmal umgeformt, doch dieser Teil der „Alltagskultur“ bleibt ebenso unerwähnt wie die Unterstützung der Stadt für die HIAG-Feiern bei den restaurierten NS-Kriegern. Der Geschichte des Kaufhauses Kratt von 1950 bis heute ist eine ganze Tafel gewidmet, der Vorgeschichte keine Zeile. Verschwiegen wird, dass August Kratt (1882–1969) seit 1. Mai 1933 NSDAP-Mitglied war, 1933–1942 „Förderndes Mitglied der SS“, 1934–1943 Block- und Zellenleiter, Mitglied der antijüdischen Arbeitsgemeinschaft deutsch-arischer Fabrikanten der Bekleidungsindustrie e.V. (Adefa), von Oktober 1942 bis Kriegsende kommisarischer Bürgermeister [Hau17, S. 256, 268], [Wol17, S. 281], [IOGR, Juden in Radolfzell]. Die Tätertafeln des NS-Kriegsmals nennen die Namen von drei der vier Söhne August Kratts: Alfred, Friedrich, Heinrich.
Alfred Wüger (Text), Michael Kessler (Fotos): Befasst sich vorrangig mit der SS-Kaserne und der SS-Schießanlage, nebenbei mit dem NS-Kriegsdenkmal.Mai 2019: Zum 74. Jahrestag der Befreiung von Faschismus und Krieg, dem 8. Mai, kündigt das „Offene antifaschistische Treffen“ (OAT) Konstanz auf seiner Facebook-Seite eine Kundgebung am Luisenplatz an. Der Südkurier meldet am 7. Mai um 18:18 Uhr, dass am 8. Mai der Präventionsrat der Stadt in Kooperation mit dem „Bürgerbündnis Radolfzell für Demokratie“ (BRD) „anlässlich dieses geschichtsträchtigen Tages“ ein „Friedensfest“ im Stadtgarten veranstalten werde, auf dem „dem Ende des Zweiten Weltkrieges gedacht“, informiert, gespielt, gemalt und „ein Zeichen für Frieden und Demokratie gesetzt“ werde, „alles ohne politische Parolen“. Weder der städtische Webauftritt noch der des BRD haben das „Friedensfest“ angekündigt.
OAT Konstanz:
Matthias Güntert: 8. Mai 2019: Unangekündigt setzt die Stadt die im November 2018 beschlossene Rosenbepflanzung des NS-Relikts um, doch nicht mit im Beschluss genannten Sophie-Scholl-Rosen, die nur eineinhalb Meter hoch wachsen. An jeder Sockelecke sprießt ein „Ramblerrosen“-Sträuchlein sowie mittig unter den Soldatenstiefeln ein „Friedenslicht“-Rosenstrauch, die in zwei Jahren sechs Meter hoch wachsen sollen. Die Umhüllung solle dem Denkmal – so OB Staab – „sein martialisches Äußeres nehmen“, es „nicht verdecken“, sondern „auf eine andere Art und Weise sichtbar machen“. Für Bürgermeisterin Laule sei sie „ein wertvoller Schritt, um sich mit der wechselhaften Historie von Radolfzell auseinanderzusetzen“; die Radolfzeller Erinnerungskultur sei wichtig, da „die kommenden Generationen [..] nicht mehr von ihren Eltern und Großeltern [erfahren] wie schrecklich die Ereignisse des Kriegs und der nationalsozialistischen Herrschaft waren“. Erfahren kommende Generationen durch Beschauen von Friedenslicht- und Ramblerrosen, „wie schrecklich die Ereignisse des Kriegs und der nationalsozialistischen Herrschaft waren“?Matthias Güntert: Die Friedensrose soll wachsen: Rosensträuche sollen das Gefallenendenkmal auf dem Luisenplatz umhüllen Südkurier (08.05.2019) suedkurier.de/region/kreis-konstanz/radolfzell/Die-Friedensrose-soll-wachsen-Rosenstraeuche-sollen-das-Gefallenendenkmal-auf-dem-Luisenplatz-umhuellen;art372455,10141469
Dominique Hahn:
Der Massenandrang zur „antifaschistischen Kundgebung“ am NS-Kriegsmal und dem „Friedensfest“ im Stadtgarten bleibt dank Sparwerbung der Veranstalter und Dauerregen überschaubar.
Wenige Stunden später erscheinen die Tafeln wieder gestriegelt und geschniegelt, die kommentierenden Farbmarkierungen und der erklärende Hinweis „SS-TÄTER“ sind entfernt, die Tafeln verschweigen wieder die SS hinter den Namen. Für Bürgermeisterin Laule ist der Luisenplatz „der richtige Ort“ für den Volkstrauertag. Dagegen hält die Präventionsratsvorsitzende Breimaier den Luisenplatz für geeignet für das „Friedensfest“. Die dafür versprochene Information zum Zweiten Weltkrieg besteht aus Broschüren des Demokratiezentrums Baden-Württemberg über Hate Speech, Fake News, Mythen und Verschwörungstheorien. Militärisch geprägte Trauerrituale vor SS-Tätertafeln oder parolenfreie Kindermalereien vor berostem NS-Kriegsmal – ist das die Frage einer „Erinnerungskultur gegen das Vergessen“?Gerald Jarausch: Klares Bekenntnis zur Demokratie beim Friedensfest Südkurier (08.05.2019) suedkurier.de/region/kreis-konstanz/radolfzell/Klares-Bekenntnis-zur-Demokratie-beim-Friedensfest;art372455,10141715 12. Mai 2019: Wer sich zum Befreiungstag über Radolfzells NS-Geschichte informieren will, dem bietet die Kulturkiste Überlingen e.V. in Nußdorf die Vorführung von Günter Köhlers Film Leichen im Keller zwischen zwei Filmen über den Goldbacher Stollen, das KZ Überlingen-Aufkirch und dem Spielfilm Viehjud Levi. Einem Radolfzeller Bürger ist es die Reise vom Unter- zum Obersee wert.
Friedensrose am Gefallenendenkmal „Die Rosen werden mit der Zeit das Denkmal umhüllen und ihm sein martialisches Äußeres nehmen. [...] "Wir wollen das Denkmal nicht verdecken, sondern es auf andere Art und Weise sichtbar machen. Die Rosen werden dem Gefallenendenkmal eine neue friedlichere Bedeutung verleihen. [...]", so OB Martin Staab.“September 2019: Wie stellt sich das NS-Kriegsmal vier Monate nach der Berosungsaktion dar? Sind schon Entmartialisierungseffekte wahrnehmbar?
17. November 2019: Beim Volkstrauertagsritual am NS-Kriegskultmal züngeln Flämmchen aus der Feuerschale, Musiker spielen vor dem Sturmtrupp das altenglische Liebeslied Scarborough Fair und den Gospelsong Swing Low, Sweet Chariot, den Wallace Willis um 1870 schrieb, die NS-Reichsmusikkammer 1939 als „unerwünscht und schädlich“ verbot und der US-Staat Oklahoma 2011 zum offiziellen „Oklahoma State Gospel Song“ erklärte. Redner thematisieren Polizei, Feuerwehr, soziale Dienste, Käthe Kollwitz, Dietrich Bonhoeffer, Wolfgang Borchert, Kriege in aller Welt, die Schlacht von Verdun, Berichte heimatvertriebener Sudetendeutscher und kriegsflüchtiger Syrer, loben die Demokratie und danken allen, die sich dafür einsetzten, dass wir so gut in Frieden leben können. Als Der gute Kamerad ertönt, ehrt man mit zwei Kränzen vor der Tafelwand die Werkzeuge, Helfer, Täter und Opfer der Angriffs-, Eroberungs- und Vernichtungskriege des Kaiserreichs und des Naziregimes, unter denen sich auch Kriegsverbrecher befinden.
Gerald Jarausch, Michael Jahnke: Mai 2020: Die Betonschale am Eingang zur NS-Kriegskultanlage erhält eine erinnerungsgärtnerische Frühlingskreation.
Rankelhilfen sollen den Ramblerrosen die Entmartialisierungsarbeit erleichtern. Zwei Drahtseile überspannen diagonal die Skulptur, von den Ecken des Sockels über die Schultern der Krieger, sich am rechten Unterarm des Fahnenträgers kreuzend.
Tatsächlich erreichen die Ramblerrosen schon die Höhe der Oberschenkel der Krieger, während der Entmartialisierungsbeitrag der „Friedenslichter“ an den Sockelseiten bescheiden bleibt. Würde die Weinheimer Erinnerungselite solch eine Verdrahtung eines „NS-Kunstwerks“ als „Geschichtsfälschung“ ablehnen? Möchte Radolfzell sie unter „Volksaufklärung“ einordnen? Wie dem auch sei: Eine gewisse Respektlosigkeit gegenüber dem „Heldenehrenmal“ ist nicht zu verleugnen, was die Berosung von „apologetischem Bewahren“ hin zu „schamvollem Verstecken“ lenkt. In einem Jahr werden sich die Triebe der vier Ramblerrosen treffen und ein Kreuz bilden. Hoffentlich ohne Haken.Feministisches Antifaschistisches Kollektiv - FAK: Entnazifizierung - Raus zum 8. Mai! facebook (04.05.2020) facebook.com/events/637206747121197 Ankündigung einer „antifaschistischen Kundgebung für mehr Geschichtsaufarbeitung und gegen Nazis!“ am 8. Mai 2020 von 18 bis 19 Uhr am Luisenplatz in Radolfzell.8. Mai 2020: Zum 75. Jahrestag der Befreiung von Nazifaschismus und Krieg findet am Luisenplatz dank Corona-Sperren kein privilegiert spätangemeldetes offizielles Kindermalfriedensfest statt, aber eine Versammlung von rund 50 Menschen, die an diesem Tag nicht zu Hause bleiben, sondern an der vom „Feministischen Antifaschistischen Kollektiv - FAK“ organisierten Kundgebung teilnehmen, an der sich verschiedene antifaschistische und humanitäre Gruppen beteiligen. Eine Stunde lang stehen vor der Namenstafelwand Informationstafeln.
Fünf Redebeiträge – alle von Frauen gehalten – kritisieren Erscheinungen, die dem Vermächtnis des Befreiungstags widersprechen: die unmenschliche Flüchtlingspolitik der EU; die Umgitterung einer Flüchtlingsunterkunft in Radolfzell; die Entwicklung der AfD zum blaubraunen Sammelbecken; die rechtsextremen Mordanschläge von Kassel, Halle, Hanau; die fehlende Geschichtsaufarbeitung; das „untragbare Nazi-Denkmal“; die fortdauernden Volkstrauertagsehrungen für SS-Terroristen an der Radolfzeller Tätertafelwand.
Da die Anwesenden die Abstands- und Mund-Nase-Schutz-Regeln vorbildlich einhalten, bleibt den beiden Polizisten, die die Versammlung pflichtgemäß beäugen und emsig mit ihrer Einsatzzentrale telefonieren, sonst nichts zu tun als die Personalien eines Ankreiders aufzunehmen.
Feministisches Antifaschistisches Kollektiv - FAK: Bericht aus der Sicht der Veranstalterinnen. Dazu ein Redebeitrag:Kundgebung zum 8. Mai 2020 auf dem Luisenplatz (09.05.2020) radolfzell-ns-geschichte.von-unten.org/default_sidebar_right Kurzer Bericht mit Fotos.jüg: 8. Mai in Radolfzell: DemonstrantInnen fordern Entnazifizierung SeeMoZ (11.05.2020) seemoz.de/lokal_regional/8-mai-in-radolfzell-demonstrantinnen-fordern-entnazifizierung Ausführlicher Bericht.6./9. August 2020: Zu den 75. Jahrestagen der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki führen die Greenpeace-Gruppe Bodensee und die Künstlerin Cornelia Pfitzer am Luisenplatz eine Kunstaktion für Frieden, gegen Atomwaffen durch. Sie enthüllen das zwei mal drei Meter große Gemälde Phönix aus der Asche, verlangen den Abzug der 20 in Büchel gelagerten us-amerikanischen Atombomben, und appellieren an die Bundesregierung, endlich dem Atomwaffenverbotsvertrag beizutreten, der auf der UN-Generalversammlung im Juli 2017 von 122 Staaten verabschiedet und inzwischen von 81 Staaten unterzeichnet und von 38 ratifiziert wurde. Jede in Büchel gelagerte Atombombe hat eine mindestens zehnfache Sprengkraft der Hiroshima-Bombe. Daher könnte man mit den 20 Büchel-Bomben (= 200 Hiroshima-Bomben) locker die Infrastruktur Deutschlands zerbröseln und die gesamte Bevölkerung entweder direkt umbringen oder qualvoll dahinsiechen lassen. Auf dem ehemaligen NS-Kriegsplatz atomare Abrüstung zu fordern ist allemal besser, als SS-Terroristen zu beweihräuchern.Netzwerk Friedenskooperative / Förderverein Frieden e.V., Bonn: Der Hiroshima und Nagasaki Gedenktag - ein Aktionsangebot des Netzwerk Friedenskooperative hiroshima-nagasaki.info
Dominique Hahn:
Oliver Fiedler: Mit Video (7:07) der Kunstaktion.Gerald Jarausch: Kunstprojekt für den Frieden: Greenpeace erinnert an den Bombenabwurf auf Hiroshima Südkurier (09.08.2020) suedkurier.de/region/kreis-konstanz/radolfzell/kunstprojekt-fuer-den-frieden-greenpeace-erinnert-an-den-bombenabwurf-auf-hiroshima;art372455,10584011 15. November 2020: Der Corona-Pandemie zufolge entfällt am Volkstrauertag die übliche Zeremonie beim NS-Kriegsmal. Kein Publikum, keine Trompete, keine Trommel, kein Lied vom ermordeten Mörder – doch der Kommandant der SS-Kaserne Heinrich Koeppen, seine 101 SS-Kumpanen und die 688 Soldaten der nazistischen Wehrmacht und des kaiserlichen Reichsheers müssen nicht auf die üblichen Kränze „In ehrendem Gedenken“ der Stadtverwaltung und des Volksbunds Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. verzichten.
Da der Volksbund heuer coronabedingt nicht die übliche Spendensammlung von Haus- zu Wohnungstür durchführen kann, kontert er die Bedrohung seines Geschäftsmodells am 06.11.2020 mit einem Bettelbrief an die Haushalte, der die Einnahmelücke schließen helfen soll. Anstelle der ausgefallenen Volkstrauerrede sei dieser Brief hier kommentiert: „Mehr als 65 Millionen Tote beider Weltkriege und die ungezählten Toten der Kriege in den Jahren danach mahnen zum Frieden“, aber „die beste Mahnung zum Frieden“ seien die „832 Kriegsgräberstätten“ des Volksbunds „mit einer Fläche von 770 Hektar“ „in 46 Staaten“, deren Pflege stetiger Spenden bedarf. Damit nicht genug! In Schlachtfeldern vom Atlantik zum Ural bis Nordafrika warten Millionen toter Soldaten der Wehrmacht und der Waffen-SS darauf, dass der Volksbund ihre Knochenreste ausbuddelt und umbettet in Kriegsgräberstätten, damit sie dort endlich so richtig zum Frieden mahnen und nebenbei „Deutschlands Ruhm und Ehre“ glorifizieren können.
Ohne Mund-Nase-Schutz! Wir fürchten weder Corona, noch COVID-19, noch SARS-CoV-2.
Welche Fortschritte sind vom Entmartialisierungsprojekt am NS-Kriegsmal zu berichten? Die Zuwächse von Mai bis November 2020 sind überschaubar.
Keine Entmartialisierungsexperimente sind am Böhringer NS-Kriegsmal zu beobachten. Der bis zum Scherbensieg durchhaltende Fahnenschwenker erhält volkstrauertägliches Lob durch einen Kranz „In ehrendem Gedenken
Militärischer Totenkult in Böhringen in Zeiten der Corona-Pandemie
Dominique Hahn: Das „traditionelle“ Friedensfest fand bisher einmal statt, nämlich 2018. 2019 fiel es wegen Regen aus, 2020 und 2021 wegen Corona.MM/red: Alle Jahre wieder: Heraus zum 8. Mai! SeeMoZ (07.05.2021) seemoz.de/lokal_regional/alle-jahre-wieder-heraus-zum-8-mai 8. Mai 2021: Am Tag der Befreiung von Nazismus und Krieg führt die VVN-BdA Kreisvereinigung Konstanz eine Kundgebung beim Radolfzeller NS-Mal durch, an der sich die Gruppen Bildungsbude e.V., Konstanzer Seebrücke – Schafft sichere Häfen, Linksjugend 'solid Konstanz, OAT Konstanz, SARAH Seenotrettung, Stolpersteine Konstanz u.a. beteiligen. Rund 50 coronaverordnungsgemäß maskierte Menschen lauschen den Redebeiträgen, während ein Nachbar seine Motorsäge aufkreischen lässt und die Polizei dezent im Hintergrund bleibt. Zentrale Forderung ist, den 8. Mai zum Feiertag zu erklären. Zu hören ist auch: „Weg mit dem Nazi-Denkmal! Weg mit den Tätertafeln!
Mit Fahnen dekorierte Soldatenskulptur, Infotafeln zu Tätern, Opfern, Sinti, Roma, Widerstand, mit Kreide markierte SS-Täternamen.
Am 14. November 2021 findet erstmals nach vielen jährlichen Volkstrauertagen nicht nur keine Feier beim NS-Kriegsmal statt, sondern vor den Tafeln mit den SS-Täternamen werden auch keine Ehrenkränze deponiert. Wie kommt's? Anlass ist der 150. Jahrestag des Endes des 1870/71er Kriegs gegen Frankreich, weshalb man den Volkstrauertag beim „Baum der deutsch-französischen Freundschaft“ feiert, der 2012 im RIZ-Hof gepflanzt wurde, vor der Kaserne, die von 1945 bis 1977 von französischen Besatzungstruppen belegt war. Dass es sich um die ehemalige SS-Kaserne mit einem Außenkommando des KZ Dachau handelt, wird in den zwei Reden erwähnt, sie zielen jedoch auf unsere neue, gelungene deutsch-französische Freund- und Waffenbrüderschaft, freilich ohne das Engagement französischer Streitkräfte in postkolonialen „friedenschaffenden“ Interventionskriegen zu thematisieren.
Gerald Jarausch: Welche Entmartialisierungsfortschritte sind am NS-Kriegsmal zu notieren?
Am 8. Mai 2022 steht der Tag der Befreiung von Nazismus und Krieg unter dem Eindruck des Ukraine-Kriegs, der 2014 mit dem Militäreinsatz der Kiewer Regierung gegen die Autonomiebestrebungen der Donbassrepubliken begann und 14.000 Todesopfer forderte, bis er am 24. Februar 2022 mit dem Angriff Russlands auf die Ukraine zum USA-Nato-Russland-Stellvertreterkrieg eskalierte, der an den Rand eines Atomkriegs führen kann, worauf die Bundesregierung mit einem Aufrüstungsprogramm von 100 Milliarden Euro, der Lieferung schwerer Waffen an die Ukraine und der Beteiligung an zahlreichen Sanktionsmaßnahmen gegen Russland reagierte, damit nicht Putin den Krieg gewinne (Bundeskanzler Scholz), sondern Russland ruiniert werde (Außenministerin Baerbock). Was tun in dieser schwierigen Situation? Die Stadt Radolfzell führt am Luisenplatz und im Stadtpark ein buntes Friedensfest „für Demokratie und Menschlichkeit“ mit Spielen, Bastelaktionen und einer Geschichtsstunde durch. Redebeiträge von OB Simon Gröger, Dunia Binder von der städtischen Stabstelle Partizipation und Integration, Silvan Hild von Greenpeace Bodensee und Siegfried Lehmann und Norbert Lumbe als Gemeinderäte vermitteln u.a. die Erkenntnis, der Frieden in Europa sei wertvoll und zerbrechlich. Die Umsetzung der Idee der Freien Grünen Liste, das NS-Kriegsmal mit den an die Front marschierenden Soldaten mit einem schwarzen Tuch zu verhüllen, um Trauer über den Krieg in Europa auszudrücken, wird durch das Ordnungsamt verhindert.
Georg Lange: Wozu ist es nütze?Hat das NS-Kriegsdenkmal noch einen Gebrauchswert und wenn ja, wie viele, welche und für wen? Für welche Interessengruppen erfüllt es aus welchen Gründen welche Zwecke? Zu erinnern, für wen und wozu das NS-Kriegsdenkmal 1938–1945 nütze war, kann helfen, diese Fragen zu klären. Dazu knüpft das Folgende an den Abschnitt „Was stellt es dar?“ an.
Seit den 1920er Jahren betrieben die Wehrverbände und ab 1933 verstärkt der NS-Staat mit Kriegerdenkmalen „heroische Gesinnungsbildung“, um die Bevölkerung zum Kriegsdienst zu erziehen, sie moralisch auf Krieg vorzubereiten und „Opferbereitschaft für Volk und Vaterland bis in den Tod“ zu erzeugen [Lur86, S. 22, Zitate aus dem Buch Volkstümliche Wehrkunde des Universitätsprofessors Paul Schmitthenner (1937)]. Hitler verkündete am 3. Februar 1933 – vier Tage nach seiner Installation als Reichskanzler – in einer geheimen Besprechung mit den Befehlshabern der Reichswehr seine Kriegspläne:
In Radolfzell formten 1936–1938 die NS-beherrschte Stadt, ihr NS-Bürgermeister Jöhle, ihr SS-Kasernenkommandant Koeppen, ihre NS-Reichskriegerbund-Kameradschaft, ihr Soldatenbund und ihre NS-Kriegsopfer-Versorgung den Horst-Wessel-Platz mit dem „Ehrenmal“ für die im Weltkrieg 1914–1918 „gefallenen Helden“ und die für das „Dritte Reich und den Führer gefallenen Kämpfer“ der „nationalen Revolution“ im Gau Baden. Das „Ehrenmal“ sollte „durch Generationen hindurch das Gedenken an unsere toten Helden und an eine große Zeit festhalten und vermitteln“. [Gun38] Die Nazis knüpften an nationalistische und militaristische Traditionen an, beschworen den „Frontgeist“ des verlorenen Weltkriegs, stilisierten die toten Soldaten des Weltkriegs zu Vorkämpfern ihrer NS-Bewegung und instrumentalisierten sie für ihre Kriegspropaganda. Heroisierte und sakralisierte Soldaten sollten die Wirklichkeit ihres Krepierens in den Schützengräben verdrängen und die Massenschlächtereien leugnen. Furcht vor wahrheitsgemäßen Erinnerungen und verbohrter Wille zur Verdrängung äußern sich im Aufwand für das martialische Monument. [Beh89, S. 36] Meinhold Lurz beginnt seine Ausführungen zum propagandistischen Zweck der Kriegerdenkmale so: „Anders als in der Weimarer Republik verfolgten die Denkmäler des Dritten Reichs einheitlicher und zielstrebiger den gleichen Zweck. Sie traten homogener und geschlossener auf“, was damit zusammenhing, „daß sie als offizielles Propagandamittel eingesetzt wurden. Der totalitäre Staat erkannte die in den Denkmalen und Feierstunden liegende Chance zu ideologischer Kriegsvorbereitung“ [Lur86, S. 27].Heldenrituale um die Soldatenskulptur sollten die Bürger emotional auf den geplanten Krieg einstimmen, ideologisch aufrüsten und junge Männer so verblenden, dass sie sich als neue „Helden“ in den Krieg schicken ließen. Seit Hitler mit Hindenburgs Tod am 2. August 1934 „Oberster Kriegsherr“ geworden war, wurden alle deutschen Soldaten – wie von der Reichswehrführung vorgeschlagen – persönlich auf Hitler vereidigt [Wet79, S. 148]: „Ich schwöre bei Gott diesen heiligen Eid, dass ich dem Führer des deutschen Reiches und Volkes Adolf Hitler, dem Obersten Befehlshaber der Wehrmacht, unbedingt Gehorsam leisten und als tapferer Soldat bereit sein will, jederzeit für diesen Eid mein Leben einzusetzen“Zum steingemeißelten Wahn bilden Liedertexte der NSDAP, der SA, der Hitler-Jugend ein völkisch-musikantisches Pendant (zit. n. [Sch34, S. 429–431]): „Gedenkt der stolzen Tage,Wie ein Lied seine Wirkung im Gesang entfaltet, so bestand die Wirkung der Kriegerdenkmale „wesentlich im Zeremoniell der davor abgehaltenen Feiern und ihrer Reden. Das Denkmal diente nur als Altar, an dem das Geschehen kulminierte. Es war einfach, anspruchslos und schlicht wie Hitlers Uniform. Die Weihestunde am Denkmal entsprach der in der HJ oder am Parteitag. Dabei wurde Alltägliches zum Ritual stilisiert und militärische Funktionen bekamen den Geruch von Weihrauch. Zurecht beanspruchte der nationalsozialistische Staat von sich, er habe den Geist der Frontsoldaten politisch verwirklicht. Die Militarisierung der Gesellschaft fand auf dem Dorf und in der Kleinstadt ihren sichtbaren Ausdruck im Aufmarsch am Denkmal. Die darin zum Tragen kommende Verdummung des Volks lag übrigens durchaus im Interesse der Nazis“ [Lur86, S. 32–33]. Kultstätte für rechtsextreme UmtriebeGrund, Zweck, Nutzer: Unübersehbar ist das NS-Kriegsdenkmal zur Nazizeit entstanden, steht in nationalistischen, militaristischen, revanchistischen Traditionen und verherrlicht den Krieg und seine „Helden“. Das erkennen auch rechtsextreme, völkische, neonazistische Gruppen, die den aggressiv-militärischen Ungeist tradieren. Deshalb liegt es für sie nahe, für Provokationen, Propagandaaktionen, Aufmärsche, Rituale das NS-Relikt zu nutzen, zumal es dafür präpariert ist. Die Schirmherrschaft der NS-Soldaten verstärkt ihre antidemokratischen, rassistischen Umtriebe, bei denen sie gegen „Gutmenschen“, Flüchtlinge, Asylbewerber und allgemein Ausländer hetzen.Kommentar: Wer mit zwanghaft spießigem Ordnungssinn ein Nazi-Denkmal hegt und pflegt, striegelt und schniegelt, der sollte sich nicht wundern, wenn es Neonazis anzieht wie Kerzenlicht Motten. Wer, wie Oberbürgermeister Martin Staab, Aufmärschen Rechtsextremer „keinen Platz bieten“ will (SK 17.05.2018), der darf sich nicht mit Kosmetik am NS-Kriegsdenkmal begnügen. Wer demokratie- und ausländerfeindlicher Hetze wirksam entgegentreten will, der muss einen deutlichen Trennstrich ziehen zur NS-Zeit und ihren Relikten. Fazit: Um es Rechtsextremen zu vergällen, das NS-Kriegspropagandamonument für ihre menschen- und demokratieverachtenden Zwecke zu instrumentalisieren, muss man den Luisenplatz und sein Zubehör grundlegend umgestalten. Öffentlicher Zelebrationsort für den Volkstrauertag„Jedes Gedenken der Gefallenen, also Ermordeten, ohne die klare Ableugnung der Kriegsidee ist eine sittliche Schande und ein Verbrechen an der nächsten Generation.“Grund, Zweck, Nutzer: Den Volkstrauertag zelebrieren wir schon immer dort. Noch nie haben wir ihn woanders begangen. Die Trauerfeier, der Standort der Gedenkstätte, das Denkmal, die Tafeln, Symbole und Riten müssen so bleiben. In Radolfzell beteiligen sich am Volkstrauertag u.a. Vertreter der Stadt, des Landtags, des Volksbunds Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. (Volksbund), und des Bunds der Vertriebenen, der die NS-Vergangenheit seiner Gründungsgeneration nur zögerlich aufarbeitet. (Volkstrauertage in der Chronologie s. 13.11.2005, 19.11.2006, 16.11.2008, 15.11.2009, 14.11.2010, 13.11.2011, 18.11.2012, 17.11.2013, 16.11.2014, 15.11.2015, 13.11.2016, 19.11.2017, 18.11.2018, 17.11.2019, 15.11.2020.) Wie entstand der Volkstrauertag? Nachdem der 1919 gegründete Volksbund einen Gedenktag für tote deutsche Weltkrieger vorgeschlagen hatte, gab es in den Ländern der Weimarer Republik ab 1922 Gedenkfeiern an verschiedenen Tagen, aber keinen republikweiten gesetzlichen Volkstrauertag [Lur86, S. 383]. Als erstes Land führte Thüringen 1931 unter der 1930 etablierten ersten völkisch-nazistischen Landesregierung und deren NSDAP-Innenminister Wilhelm Frick (1877–1946) den Volkstrauertag als gesetzlichen Feiertag ein [Pet98, S. 13]. Gründungsmitglieder des Volksbunds hatten sich u.a. aus „Vertreter[n] aus Kirchen, jüdischen Kultusgemeinden, den großen Fürsorgeverbänden, aus Kriegerverbänden, zivilen und militärischen Staatsbehörden“rekrutiert [Vog93, S. 122]. Dem Volksbund, der die Weimarer Republik äußerst skeptisch betrachtet, die Schützengrabengemeinschaft verherrlicht, nationalistische Töne wie die Dolchstoßlegende verbreitet [Hof86, S. 106], und sich schließlich „wie die Frontkämpferverbände als Vorkämpfer und Steigbügelhalter des Dritten Reichs engagiert“ hatte, boten sich nach der Machtübergabe an Hitler bessere Chancen, seine Interessen durchzusetzen [Lur86, S. 352]. Der Gründer und „Bundesführer“ des Volksbunds Dr. Siegfried Emmo Eulen (1890–1945) empfahl am 6. Januar 1934 seinem NSDAP-Genossen, dem Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda Dr. Joseph Goebbels (1897–1945): „Der Gedenktag für die Gesamtheit der Toten des Krieges und der Freiheitsbewegung muß für alle Zeiten im Leben des Volkes vereinbart werden, weil er Volkstum und Volkskraft stärkt. Wenn dies erreicht werden soll, darf er auf die Dauer nicht ein Tag der Trauer sein, sondern muß ein Tag der Erhebung werden, ein Tag des Hoffens auf das Aufgehen der blutigen Saat“ [Lur86, S. 383–384].Mit Erfolg: Am 27. Februar 1934 führte die Reichsregierung mit dem Gesetz über die Feiertage den „Heldengedenktag“ reichsweit ein, den Militaristen und Nazis 1934–1945 erst mit Kriegsbegeisterung, dann mit Durchhalteparolen zelebrierten [Lur86, S. 384]. Mit dem Naziregime verschwand auch der Name „Heldengedenktag“, aber nicht der Volksbund. Ab 1946 fanden regionale Volkstrauertage statt, ab 1950 eine Gedenkstunde im Bundestag, ab 1952 entstanden Feiertagsgesetze in den Bundesländern, die den Volkstrauertag als zu schützenden Tag, nicht als gesetzlichen Feiertag festlegen. (S. auch [Kli06, S. 122–125].) Noch 1951 fand der Volkstrauertag wie zuvor der „Heldengedenktag“ im Frühling statt, wohin ihn die Nazis gelegt hatten, um den Aufbruch des NS-Reichs durch den Aufbruch der Natur zu symbolisieren. Gegen den Willen des Volksbunds ließen ihn Bund, Länder und Kirchen ab 1952 im November stattfinden, der besser zum Trauerzweck passt. [Lur87, S. 440–441, 509–510] Was leistete der Volksbund in der NS-Zeit außerdem? Dieser Frage widmet Meinhold Lurz u.a. die Seiten 71–76, 95, 123–136, 227–230, 238–240, 270–272, 356–358, 383–388, 405–406 in [Lur86], wo folgende Zitate belegt sind. Kurz gefasst: Der Volksbund inszenierte schon auf seinem 1932 eingeweihten Heldenhain in Langemarck in Flandern zur Parole „Deutschland muß leben auch wenn wir sterben müssen“(nach Heinrich Lerschs (1889–1936) Gedicht Soldatenabschied) die nazistische Fiktion der „lebenden Toten“ [Lur83, S. 68], [Kub90, S. 80], bekannte sich „dazu, schon dem Nationalsozialismus angehangen zu haben, als es diesen noch gar nicht gab, und ihm vielmehr den Weg bereitet zu haben“ (S. 357), beförderte den Heldenkult, den Opfer- und den Auferstehungsmythos, passte sich freudig in das Naziregime ein, brachte in den 1930er Jahren „nahezu alle aufwendigen und überregional bedeutsamen Ehrenmale unter seine Kontrolle“ (S. 238), baute einen Ring von Heldenhainen und Totenburgen um Großdeutschland, aus denen der „Geist des deutschen Soldaten, der Opfergeist des Weltkrieges, die Bereitschaft, die Kameradschaft, das Heldentum“ sprachen (S. 126) und die „über den Gedanken der Heldenehrung durch Vorbildlichkeit zur Nachfolge anspornen“ sollten (S. 239), die Lurz jedoch als „rassistische Kulturpropaganda“ und „Symbol des deutschen Übermenschentums“ interpretiert (S. 181), meldete als Bundesführer Eulen 1935 an Hitler, er wolle „nicht eher ruhen, bis überall in der Welt deutsche Heldenstätten von den Leistungen und Opfern unserer feldgrauen Heere im Weltkriege Kunde geben. Heil mein Führer“ (S. 230),errichtete zwei Denkmale zum „Gedächtnis der Gefallenen der NSDAP“ (S. 270), nachdem er dafür in § 1a seiner Satzung den NS-Begriff „Freiheitsbewegung“ eingefügt hatte, sodass dort stand: „Herrichtung, Schmuck und Pflege der deutschen Grabstätten des Krieges und der Freiheitsbewegung im Auslande sowie der Grabstätten des Krieges und der Freiheitsbewegung im Reichsgebiet zu fördern“ (Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge. Arbeitsbericht 1936-37, o.O., o.J. (Berlin 1938) S. 21, zit. n. [Kub90, S. 82]),jubilierte nach Hitlers Überfall auf Polen „über seine erhofften neuen Arbeitsmöglichkeiten“ (S. 95), versandte den Neujahrsgruß 1940 des Bundesführers: „Wir Lebenden haben die Pflicht der Arbeit, des Kampfes und des Opfers. In dieser soldatischen Haltung tragen wir die Fahne weiter in ein neues Jahr des Sieges, in ein neues Jahrzehnt der bedingungslosen Hingabe für Großdeutschland und seinen Führer“ (S. 357),predigte als „Gauführer“ Max Arendt im September 1943 (nach Stalingrad): „Soldatentod ist pflichtgemäßer oder freiwilliger kämpferischer Einsatz aller Kraft für die völkische Gemeinschaft. Soldatengräber sind nicht Orte stiller Trauer, sie sind die Wurzelstöcke nie versiegenden Kampfes- und Siegeswillens“ (S. 228),sinnierte als „Bundesamtsführer“ Otto Margraf (1949–1960 Generalsekretär) im November 1944 über die Weimarer Zeit: „Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge bedeutete Besinnung auf Ehre und Größe der Nation, auf das heldische Opfer und den Todesmut unserer Gefallenen, auf die Dankespflicht gegen diese Toten, er bedeutete Besinnung auf das Deutschtum überhaupt und Einsatz für deutsche Kulturwerte. Solche Gesinnung war den damaligen Machthabern mit ihren jüdischen Söldlingen aufs tiefste verhaßt“ (S. 358),steigerte mit der Totenzahl des Zweiten Weltkriegs die Bezieherzahl seines Mitteilungsblatts Kriegsgräberfürsorge auf fast eine Million und seine Mitgliederzahl auf rund zwei Millionen, und „vervielfachte seinen Jahresetat“ (S. 75). Was leistete der Volksbund nach der NS-Zeit? Er befasste sich nach dem Krieg kaum aufklärend mit seiner Verstrickung in das Naziregime und die kriegstreibende Propaganda, sondern geschichtsklitterte als ehemaliger stellvertretender Bundesführer Manfred Zimmermann schon im Juli 1945: „Der Volksbund D.K. ... hat sich seit seiner Gründung ausschließlich seinen ethischen Aufgaben gewidmet und ist wiederholt den oft sehr dringlichen Versuchen der NSDAP, den Volksbund nach dem Beispiel anderer Verbände sich einzugliedern, immer energisch und mit Erfolg entgegengetreten. Er kennt aus seiner Tätigkeit die Not, die zwei schwere Kriege über das deutsche Volk gebracht haben, und sieht seine Aufgabe darin, im Geiste des Antifaschismus daran mitzuwirken, das Elend künftiger Kriege zu vermeiden“ [Lur83, S. 68], [Lur87, S. 436],„stellte sich auf die Seite der angeblich sauberen Wehrmacht gegen die bösen Nazis und gab sich das Image eines Widerstandskämpfers“ [Lur87, S. 438], ignorierte die aus politischen und rassistischen Motiven ermordeten NS-Opfer [Wit90, S. 93], baute auch nach 1945 Totenburgen nach nazistischen Prinzipien [Kub90, S. 85] und prägte mit seinem aus christlichen Kreuzen gebastelten Logo die Kriegerfriedhöfe des Zweiten Weltkriegs [Hof86, S. 106]; in den 1950er Jahren distanzierte er sich von der Friedensbewegung, unterstützte die Remilitarisierung der BRD mit Bundeswehr und Wehrpflicht [Wit90, S. 94] und propagierte „die alten Tugenden Ehrfurcht, Pflicht, und Verantwortung gegenüber dem Vaterland [..] – ohne deren unheilvolle Funktion im Nationalsozialismus zu reflektieren“ [ebd. S. 92]; er versuchte noch 1962 – namens des seit NS-Zeiten aktiven 2. Bundesgeschäftsführers und Hauptschriftleiters Klaus von Lutzau –, den schon staatspolitisch entsorgten militaristischen Heldenbegriff wieder salonfähig zu machen [Lur87, S. 306–308], transformierte in den 1960er Jahren das Gedenken an „unsere Toten des Krieges“ in ein Gedenken an „die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft“ [Wit90, S. 94], stilisierte „die deutschen Soldaten, ohne deren blinde Gefolgschaft Hitlers Angriffskriege nicht hätten in dieser Weise realisiert werden können“, zu Opfern [ebd. S. 93], bettete auf „Kriegsopferstätten“ Täter und Opfer zusammen: „So wurden in der 1960 eingeweihten ‚Kriegsopferstätte‘ Kloster Arnsburg bei Lich/Hessen Angehörige der SS und von der SS erschossene ‚Fremdarbeiter‘ nebeneinander bestattet“ [Kub90, S. 85],und trug so zur Täter-Opfer-Konfusion bei, polemisierte gegen die Friedensbewegung der 1980er Jahre [ebd. S. 96], kooperierte jahrzehntelang mit der HIAG, auch nachdem diese 1987 aus dem Volksbund ausgetreten war [Pie15, S. 46], und wendehalste sich in den folgenden Jahrzehnten zu einer „humanitären Organisation“, die „Verständigung, Versöhnung und Frieden unter den Menschen und Völkern“ fördern will (Leitbild des Volksbundes) – im Rahmen der militärkonformen Gräberordnung, versteht sich. Ohne zu aktiver Friedenspolitik substanziell beizutragen, repräsentiert der Volksbund bis heute ein etabliertes Geschäftsmodell zwischen staatlichen Zuwendungen und Spendensammlungen. Schlimmer noch: Seit 2010 pflegt der Volksbund den „Soldatenfriedhof“ in Uspenska in der Ukraine (heute Republik Donezk), den die SS-Panzer-Division „Wiking“ 1942 im damaligen Uspenskaja angelegt hatte und den Waffen-SS-Veteranen mit der beim HIAG-Zerfall gegründeten „Kriegsgräberstiftung – Wenn alle Brüder schweigen“ seit 1993 zum „Ehrenhain“ der „Ersten Europäischen Panzer-Division“ ausbauten. Die Webseite Kriegsgräberstätte Uspenskaja / Uspenka - Bau, Pflege und Instandsetzung des Volksbunds, volksbund.de/kriegsgraeberstaette/uspenskaja-uspenka.html, verschweigt, dass es sich um den Friedhof der SS-Division „Wiking“ handelt, den SS-Nostalgiker für ihre revisionistischen Ziele instrumentalisieren. [Wer18, S. 408–412] Kommentar: Am Volkstrauertag trauert das Volk – genauer: ein Teil des Volks. Wer oder was wird kollektiv betrauert? Die Nazis trauerten über den verlorenen Krieg und feierten die Helden, die ihnen den nächsten Krieg gewinnen sollten. Klar, das geht nicht mehr. Aber wer sind die Betrauerten?
Hütt, Kunst, Matzner und Pabst erkennen in Totengedenkfeiern subjektive Ernsthaftigkeit, rufen jedoch auf „zu einer stärkeren Sensibilität gegenüber der künstlerischen Form als Träger politischer Bedeutung. Denn während die Nationalsozialisten sehr genau um die politische Wirkung von Kunst im öffentlichen Raum wußten [...], gelingt es bis heute, das von den Beteiligten oft subjektiv ernst gemeinte mahnende Gedenken an die Toten der Kriege an solchen Denkmälern zu organisieren, die gerade diesen Kriegstod feiern und fordern. Könnte dieser Widerspruch bewußt gemacht werden, so wäre der unheiligen Allianz derjenigen, die den Krieg nach wie vor billigend in Kauf nehmen, mit der überwältigenden Mehrheit der Kriegsgegner ein weiterer Riegel vorgeschoben“ [HKMP90, S. 9].Sabine Behrenbeck analysiert den Totenkult. Zu Kulten gehören Symbole, Rituale, Mythen. Ein Symbol verdinglicht einen Mythos, ein Ritual übersetzt ihn in eine Handlung, ein Mythos erklärt Symbole und Riten mit einer Erzählung [Beh96, S. 52]. Alljährlich werden am Volkstrauertag Rituale zu Ehren der Toten formalisiert wiederholt, die aus religiösen und militärischen Kulten stammen und bei zahlreichen nazistischen Totengedenkfeiern, auch am Horst-Wessel-Platz, wichtige Rollen spielten [Lur86, S. 37, 40], [Beh96, S. 325–343, S. 499]. Zu Opferritualen zählen das Entzünden von Brandopferfeuern in der Feuerschale und das Niederlegen von Kränzen vor den Wehrmachts- und SS-Tätertafeln unter Trompeten- und Trommelklängen des Lieds vom Guten Kameraden – Symbol sinnvollen Soldatentods. „Trommelwirbel und Paukenschläge waren neben Fanfarenrufen durchgängige Gestaltungsmittel der nationalsozialistischen Feiern, sie dienten zum ‚Zusammentrommeln‘ der Feierteilnehmer, hämmerten ihnen gewissermaßen die Inhalte ein und vermochten in dramatischen Höhepunkten Spannung erzeugen, so z. B. bei der Totenehrung im Münchner Zeremoniell vom 9. November [für die 16 getöteten NS-Putschisten von 1923, K.H.]. [...] Insgesamt dienen Schlag- und Blasinstrumente im Militär als Signale beim Exerzieren und zur weithin hörbaren Unterstützung von Kommandos. Früher wurde zum Angriff geblasen, Trommeln gaben Marschtempo und -rhythmus vor und sorgten für Gleichschritt [...]. Trommelwirbel von festgelegter Dauer gelten noch heute als militärische Ehrbezeugung für hohe Würdenträger“ [Beh96, S. 317–318].Doch diesen Ritualen ist ihr Mythos abhanden gekommen, der NS-Heldenmythos. Zu sinnentleerten Ritualen kommentiert Behrenbeck, sich auf Dan Diners Aufklärung nach Auschwitz beziehend: „‚Ritual‘ wird zum Ausdruck für ‚leeren Konformismus‘, für einen ebenso sinnlos wie gedankenlos befolgten Mechanismus und entfremdetes Rollenverhalten. In diesem Zusammenhang ist auch die liturgische Erinnerung an die Opfer der nationalsozialistischen Verbrechen an festgelegten Gedenktagen als oberflächliche und überflüssige Ersatzhandlung bezeichnet worden, die eine echte, innere Auseinandersetzung mit Schuld und Verantwortung behindere“ [Beh96, S. 50].Für Kai und Wolfgang Kruse erscheint hinter Sinnlosigkeit Zynismus: „Der Versuch, am Volkstrauertag einen militaristischen Kult in einen pazifistischen umzuwandeln, ohne dabei von den althergebrachten Ritualen der Kriegerehrung Abstand zu nehmen, war von Anfang an wenig überzeugend; zumal das noch immer geblasene Lied »Ich hatt’ einen Kameraden« geradezu als ein Hohn auf die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft erscheinen muß, deren Gedenken der Volkstrauertag eigentlich auch gewidmet ist“ [KrK94, S. 128].Gerhard Armanski deutet „das Aufgesetzte, Veranstaltete“ der „Festtäglichkeit“ des politischen Totenkults als herrschaftssichernde Inszenierung, die allerdings nur noch „ein Rand- und Ritualdasein“ fristet [Arm88, S. 11, 27]. Fazit: Das NS-Kriegsensemble ist als kollektives Trauermal für immer diskreditiert, als Friedensmahnmal völlig ungeeignet. Das Brauchtum militärisch-sakraler Trauerrituale am NS-Relikt mit den SS-Tätertafeln ist bestattungsreif, nachdem mehrere Demokratisierungsschübe durch die Republik auch den Bodensee erreicht haben. Als Zelebrationsort für den Volkstrauertag muss kurzfristig ein anderer Platz dienen. Mittelfristig muss die NS-Kriegsmalanlage umgestaltet werden. Hohle Rituale eignen sich (unabhängig vom Ort) kaum dazu, junge Menschen an Erinnerungskultur heranzuführen. „Ehrendes Gedenken“ der Soldaten, die in Diensten des Kaiserreichs und des Naziregimes in Angriffskriegen umkamen, ihre Gleichsetzung mit „Opfern von Krieg und Gewaltherrschaft“, soll angeblich dem Frieden dienen, setzt aber Militarisierung, Aufrüstung, Rüstungsexporten und Militäreinsätzen der Bundeswehr zur Durchsetzung globaler Interessen Deutschlands kein Hemmnis entgegen. Privater Trauerplatz für Familien getöteter Soldaten„Kein Mensch vermag eine ganze Epoche seines Daseins als sinnlos zu empfinden. Er muß sich einen Vers darauf machen. Er kann seine Leiden verfluchen oder loben, zu verdrängen versuchen oder sie lebendig halten – aber daß sie sinnlos gewesen seien, das kann er nicht annehmen. Der Pazifismus hat seinen großen Augenblick versäumt, welcher das Ende des Jahres 1918 war. Wir haben den Millionen, die zurückgekehrt sind, kein seelisches Äquivalent für ihre Leiden gegeben – hätte man die Krüppel als Opfer einer Idee gefeiert, so wäre das im Menschen wohnende Element der lebensnotwendigen Eitelkeit Triebfeder zum Frieden, zur Kriegsverneinung geworden. Die andre Seite hat diese gebornen Agenten des Pazifismus eingefangen.“Tucholskys Idee wurde nach dem Zweiten Weltkrieg realisiert. Um Sinnsuche geht es auch beim Nutzungszweck als Trauerplatz für Angehörige von Kriegstoten. Grund, Zweck, Nutzer: Der Platz sei angelegt worden, um gefallener Soldaten zu gedenken. Deren Namen seien auf Tafeln aufgeführt. Einige Familien hätten kein Grab, an dem sie um ihre Gefallenen trauern könnten. Für sie seien diese Tafeln noch heute ein kleiner Ersatz. Viele der von den Ereignissen der Kriege noch heute betroffenen Familien bräuchten wie seit Jahrzehnten einen Platz der Erinnerung. Als angemessene Form des Gedenkens an die Opfer beider Weltkriege sei diesen Familien ihr Platz zu erhalten. Auch in der Sitzung des Kulturausschusses am 06.11.2018 wird behauptet, „dass Menschen, die in den Kriegsjahren Schicksalsschläge erlitten hätten, seit Jahren an diesem Platz ihrer Angehörigen gedächten“ (SK 07.11.2018). Kommentar: Als nicht prüfbar sei die Aussage hingenommen, die heutigen Hinterbliebenen von „Gefallenen“ wünschten sich als Trauerplatz genau das Denkmal, das die Nazis 1938 zur Kriegsvorbereitung errichteten.
„Wenn überhaupt, könnte das Kriegsdenkmal als Ort der Trauer eines Kollektivs verstanden werden. Es wäre dann aber eine Trauer um einen verlorenen Krieg. Zudem wird diese Trauer aggressiv gewendet mit der indirekten Werbung für einen neuen Krieg, der die »Niederlage« und »Schmach« des Ersten Weltkrieges aufheben und rächen soll.Den allgemeinen Unterschied zwischen Denkmal und Grabmal beschreibt Prof. Dr. Herfried Münkler, Politikwissenschaftler an der Humboldt-Universität Berlin, in seinem Beitrag Militärisches Totengedenken in der postheroischen Gesellschaft: Ein politisches Denkmal „steht für den politischen Auftrag; mit ihm geht es nicht um die Toten als Verwandte und Freunde, sondern als Soldaten, die sich für politische Ziele und moralische Werte in die Pflicht nehmen ließen. Das Persönliche verschwindet im Offiziellen, was auch heißt, dass das Offizielle nicht durch das Persönliche geschützt ist.“ Dagegen sei ein Grabmal davor geschützt, „zum Austragungsort politischer Meinungs- und Gesinnungskämpfe zu werden“ [HeE08, S. 29].Prof. Dr. Wolfgang Kruse, Historiker an der FernUniversität Hagen, spürt ein Spannungsfeld zwischen persönlicher Trauer und öffentlichem Kult: „Während in der persönlichen Erinnerung Tote als ehemals Lebende im Gedächtnis bewahrt werden, geht es im Gefallenenkult vor allem um die öffentliche Auseinandersetzung mit dem Charakter und der Bedeutung, mit dem Sinn ihres Todes. [...] Die öffentliche Erinnerung an den gewaltsamen Tod für das Kollektiv war untrennbar mit dem Zweck des jeweiligen Krieges verbunden und tendierte so von Anfang an zu einer Ideologisierung von Krieg und Soldatentod, wie sie gerade in Deutschland lange Zeit den monumentalen Gefallenenkult geprägt hat“ [Kru08, S. 34].Kein einziges Symbol des Radolfzeller Kriegsdenkmalensembles drückt glaubhaft Trauer aus, auch die Ostlandtafel nicht. Kein einziges Symbol spendet Trost. Das Ensemble soll Gefühle in revanchistische Bahnen lenken. Zudem ist fraglich, ob sich eine Bushaltestelle an einer Durchgangsstraße zum Trauern eignet. Ausgerechnet das NS-Kriegsmal mit den SS-Tätertafeln als Trauerplatz zu wählen, dokumentiert eher „die Unfähigkeit zu trauern“ (Alexander und Margarete Mitscherlich, 1967) als die Verarbeitung der Trauer. Soldatengräber auf dem Waldfriedhof: Andererseits liegt im Radolfzeller Waldfriedhof eine Gedenkstätte für die „Gefallenen“ beider Weltkriege mit Soldatengräbern und einem Inschriftstein, die sich als Ort persönlicher Trauer besser als das NS-Mal eignet (vgl. denkmalprojekt.org/dkm_deutschland/ radolfzell_wk1u2_frdh_bw.htm). Allerdings könnte ein im Stadtzentrum wohnender Trauernder einwenden, dass ihm der Weg dorthin aus dem Bebauungsgebiet hinaus zu weit ist.
Fazit: Das NS-Relikt ist als Ort privater, persönlicher Trauer weder notwendig noch geeignet. Die Stadt Radolfzell kann die überlebenden Nachfahren der auf den Tafeln genannten Toten dabei unterstützen, Trauerplätze auf Friedhöfen oder anderswo zu finden, und ggf. Fahrdienste einrichten. Kulturdenkmal der Zeitgeschichte und der kollektiven ErinnerungGrund, Zweck, Nutzer: Das (euphemistisch verklärte) „Gefallenendenkmal“ sei als Kulturdenkmal ein wichtiger Teil der Geschichte und der kollektiven Erinnerung. Es müsse als unbequemes Denkmal bestehen bleiben. Es sei ein Spiegel des politischen und gesellschaftlichen Denkens und damit ein wichtiges, in Stein gemeißeltes Zeugnis der Zeitgeschichte, das deshalb noch heute eine Daseinsberechtigung habe und darüber hinaus schützenswert sei. Die Soldatenfiguren seien zu erhalten, um heutigen und folgenden Generationen die Macht der damals herrschenden Einflüsse zu vergegenwärtigen.Kommentar:
„Sachen, Sachgesamtheiten und Teile von Sachen, an deren Erhaltung aus wissenschaftlichen, künstlerischen oder heimatgeschichtlichen Gründen ein öffentliches Interesse besteht“samt dem „Zubehör, soweit es mit der Hauptsache eine Einheit von Denkmalwert bildet“ (§ 2 (1), (2)). Auch „die Umgebung eines Kulturdenkmals“ kann „Gegenstand des Denkmalschutzes“ sein (§ 2 (3)). Die fachliche Prüfung und Beurteilung, ob ein Objekt eine definierende Eigenschaft eines Kulturdenkmals im Sinn des DSchG besitzt, obliegt dem Landesamt für Denkmalpflege (§ 3a). Vier denkmalschutzrechtliche Status kann ein Objekt einnehmen. Der erste Status ist „ungeprüft“, d.h. das Objekt wurde nicht daraufhin untersucht, ob es die Kulturdenkmaleigenschaft besitzt. Die Prüfung des Objekts kann zu den Beurteilungen „kein Kulturdenkmal“ oder „Kulturdenkmal“ führen. Im dritten Fall wird das Objekt vom Landesamt für Denkmalpflege in einer Liste erfasst, dokumentiert und erforscht (§ 3a). Der vierte Status ist „im Denkmalbuch eingetragen“: „Kulturdenkmale von besonderer Bedeutung genießen zusätzlichen Schutz“, wenn sie in das „Denkmalbuch“ eingetragen sind (§ 12 (1)), das „von der höheren Denkmalschutzbehörde geführt“ wird (§ 14 (1)), die Eintragungen und Löschungen vornimmt (§ 13 (1)). Nach Auskunft der unteren Denkmalschutzbehörde, der Abteilung Baurecht der Stadtverwaltung Radolfzell am Bodensee vom 28.03.2019 ist „das Kriegerdenkmal einschließlich Anlage nicht in der Liste der Kulturdenkmale eingetragen“. Dann ist es wohl auch nicht im Denkmalbuch eingetragen, also entweder „ungeprüft“ oder „kein Kulturdenkmal“ im Sinn des DSchG. Das NS-Kriegsmal genießt also keinen Denkmalschutz. Was folgt daraus für die Pflege? Das Land und die Gemeinde sind nicht gesetzlich beauftragt, die NS-Kriegsmalanlage zu schützen und zu pflegen (§ 1 (2)). Die Stadt als Eigentümerin muss sie nicht im Rahmen des Zumutbaren erhalten und pfleglich behandeln (§ 6), sondern kann entscheiden, was sie der demokratischen Öffentlichkeit zumuten will für die Pflege des NS-Relikts, das von Neonazis für demokratiefeindliche Aktionen genutzt wird, nach der Kontrollratsdirektive Nr. 30 hätte zerstört werden müssen und nach Grundgesetz Art. 26 (1) und UN-Zivilpakt Art. 20 nicht mehr neu errichtet werden dürfte. Was folgt daraus für den Schutz? Das NS-Kriegsmal darf ohne Genehmigung der Denkmalschutzbehörde „1. wiederhergestellt oder instand gesetzt werden,und sogar „1. zerstört oder beseitigt werden,Was folgt daraus für Vorschläge zum Umgang mit dem NS-Kriegsmal? Bei seinem heutigen Status ist zwar keine Denkmalschutzbehörde involviert, doch könnte eine (erneute) Prüfung zu einem Schutzstatus führen. Man kann argumentieren, dass an der Erhaltung des NS-Relikts aus wissenschaftlichen und heimatgeschichtlichen Gründen ein öffentliches Interesse besteht, es also ein Kulturdenkmal im Sinn des DSchG ist. (Umstritten sind künstlerische Gründe, s. „Kunst – Kitsch – Schund?“.) Deshalb empfiehlt sich, vor gravierenden Eingriffen die Denkmalschutzbehörden zu konsultieren. Dem Abschnitt „Was tun damit?“ vorgreifend betrifft dies Vorschläge aus den Kategorien „Technokratisch Hervorheben“ (z.B. Mit Glas verhüllen, Beleuchten), „Schamvoll Verdrängen“ (z.B. Versetzen), „Aufklärend Dekontextualisieren“ (z.B. Färben, Umkippen, Zerlegen). Vorschläge der Kategorie „Achtlos zerstören“ und andere irreversible Maßnahmen wie „Wegmeißeln des Gewehrs“ kämen erst in Frage, wenn es keinerlei Gründe mehr für ein öffentliches Interesse an der Erhaltung gäbe. Fazit: Das NS-Kriegsmal ist ein derzeit nicht denkmalgeschütztes Kulturdenkmal. Einerseits darf denkmalschützerischer Eifer nicht die Erkenntnis verdrängen, dass NS-Kriegspropaganda sozial schädlich ist. Andererseits sollte antifaschistisches Engagement nicht darauf zielen, NS-Objekte zu zerstören, sondern faschistische Denk- und Machtstrukturen zurückzudrängen. Denkmalschutz und Antifaschismus sind zusammen zu bedenken. Auf der Agenda steht, das NS-Kriegerrelikt als Dokument der Zeitgeschichte zu dekontextualisieren und wirksam in einen aufklärenden Kontext einzubetten. Kunst – Kitsch – Schund?„Die Kunst [ist] eben kein Zeitvertreib für den Frieden, sondern auch eine scharfe geistige Waffe für den Krieg!“Grund, Zweck, Nutzer: Das Argument, das NS-Kriegsdenkmal sei ein wertvolles Kunstwerk und als solches zu schützen, wird von keiner Seite vorgebracht. Gelegentlich erwähnt werden „wuchtige Ästhetik“, „militaristische Ästhetik“, das Denkmal sei „ganz im Sinne nationalsozialistischer Ästhetik geschaffen“ [IOGR, NS-Ehrenmal]. Unbelegt ist eine Diskussion darüber, was die behauptete „NS-Ästhetik“ charakterisieren könnte. Auch der Kategorie „Kitsch“ wird das Objekt kaum zugeordnet. Dagegen taucht die Kategorie „Nazi-Schund“ gelegentlich in Flugblättern und als Beschriftung des Denkmalsockels bei Farbaktionen auf (SM 21.04.2017). Kommentar: Der Gebrauchswert des NS-Kriegsdenkmals als Kunstwerk ist so gering, dass es sich hier nicht lohnt, Fragen seines künstlerischen Werts, der Ästhetik der in Stein gemeißelten Brutalität, der Verschandelung des Stadtbilds usw. zu diskutieren. Allgemeines zur NS-Formensprache sei aus Sabine Behrenbecks Werk [Beh96, S. 432–436] zitiert: Die Kunstproduktion der NS-Zeit „ist mit den herkömmlichen Stilbegriffen nicht recht zu erfassen. Sie ist nicht realistisch oder naturalistisch, schon gar nicht ‚sachlich‘, denn obschon stark an der Natur orientiert, wird doch keine individuelle Gestalt, sondern ein Idealtypus dargestellt, frei von allen Zufälligkeiten der Natur. Auch ist der Stil keineswegs expressiv oder gar expressionistisch, dennoch drückt die Darstellungsweise eindeutige Stimmungen und Gefühlswerte aus.Doch „obwohl ein Stilbegriff fehlt, sind viele Kunstwerke aus dieser Zeit eindeutig zu identifizieren. Diese Zuordnungsmöglichkeit hängt sowohl mit der äußeren Form der Werke als auch mit dem unbewußt wahrgenommenen Inhalt bzw. Gehalt eines Baues oder einer Figur zusammen. [...] Kennt der Betrachter den ideologischen Kontext der Kunstwerke, so ist ihre symbolische Aussage in der ‚Sprache der Steine‘ verständlich. Sie allerdings in wissenschaftliche Termini zu fassen, fiel nicht nur den Kunsttheoretikern des NS-Regimes schwer.Robert S. Wistrich warnt vor der Verführungskraft der Nazi-Kunst: „Die Architektur und Plastik [waren] dazu bestimmt [..], die Macht und Großartigkeit des Dritten Reiches widerzuspiegeln. Ihre symbolische Funktion und öffentliche Rolle als Vehikel einer »heroischen« Ideologie und des Willens zur Macht war für die Nazis von großer Bedeutung. Es sind die bildenden Künste [...], die uns am besten den Größenwahn, den Monumentalismus und Drang nach Vorherrschaft zeigen, die charakteristisch für das Reich Hitlers waren“ [Wis96, S. 19].Ulrich Roloff-Momin, Präsident der Hochschule der Künste Berlin, folgert aus der Dokumentation [Fis88] in seinem Vorwort: „Sicher kann das, was der Nationalsozialismus an ‚Kunst‘ hervorgebracht hat, kaum als solche gelten, es ist unbedeutendes, letzlich mißbrauchtes Mittelmaß, das schon ästhetischen Kategorien einer Bewertung nicht standhält“ [ebd. S. 9].Fazit: Nicht „Was wollte der Künstler damit sagen?“ ist die Frage, sondern „Was wollten die Nazis damit bezwecken?“. Daher passt das Artefakt in die Kategorie „NS-Propagandamittel“. „Der NS produzierte keine Kunst, wie irrtümlich in öffentlichen Diskussionen und Publikationen noch behauptet wird, sondern Kult“ [Mün84, S. 152] zit. n. [Beh96, S. 211].Den Kult der Kriegerhelden zum Zweck der Kriegsvorbereitung. Fazit, Leitlinien, ZieleVon den Gebrauchswerten „Nazikultstätte, Volkstrauerfeierort, Privattrauerplatz, Kulturdenkmal, Kunstwerk“ ist für Demokraten nur der Gebrauchswert „Kulturdenkmal der Zeitgeschichte und der kollektiven Erinnerung“ akzeptabel; der Gebrauchswert „Kultstätte für rechtsextreme Umtriebe“ ist nicht tolerabel, der Rest tolerabel, aber nicht akzeptabel. Zwischen „Wozu ist es nütze?“ und „Was tun damit?“ stellt sich die Frage „Wozu soll es künftig nütze sein?“. Um sie zu beantworten, seien Leitlinien aus dem Konzept „Erinnerung und Gedenken in Radolfzell“ des Kulturausschusses vom 20.10.2015 und Ziele dieser Webseite nebeneinander gestellt.
Was tun damit?„Die Zerstörung von Denkmälern stellt m.E. einen Versuch dar, Geschichte zu korrigieren, sich von früheren Einstellungen zu distanzieren, indem man ihre frühere Existenz einfach verleugnet.Wie soll man mit dem NS-Kriegsdenkmal und seinem Zubehör umgehen? Leicht gefragt, schwer zu klären. Antworten hängen davon ab, welchen Gebrauchswert man den Objekten zuerkennt und welche Ziele man verfolgt. Viele Vorschläge liegen vor; die meisten entspringen ernsthaften Bemühungen, sich kritisch mit der NS-Geschichte auseinanderzusetzen, außer auf apologetisches Bewahren der NS-Kultstätte zielende Vorschläge.
Nicht jeder, der den Status quo des NS-Kriegsdenkmals kritisiert, will es im Bodensee versenken, „wie ein Pharao ungeliebte Vorgänger ausmeißeln“, „wie Napoleon Burgen schleifen“, wie Heiner Geißler die Siegessäule in Berlin sprengen (ZDF Aspekte, 15.06.2012), oder das Abendland dem Untergang weihen. Die meisten Vorschläge zum Umgang mit dem NS-Relikt sind gut gemeint und deshalb respektvoll zu diskutieren und sorgfältig zu prüfen. Dabei sollte man nie vergessen, dass die Kontrollratsdirektive Nr. 30 vom 13. Mai 1946 forderte, die NS-Krieger als eines der Denkmäler, „die darauf abzielen, die deutsche militärische Tradition zu bewahren und lebendig zu erhalten, den Militarismus wachzurufen oder die Erinnerung an die nationalsozialistische Partei aufrechtzuerhalten, oder ihrem Wesen nach in der Verherrlichung von kriegerischen Ereignissen bestehen [, ...] vollständig zu zerstören und zu beseitigen“.Der politische Auftrag, die Direktive verspätet zu erfüllen, und die moralische Pflicht, NS-Kriegspropaganda aus öffentlichen Parks zu entfernen, treffen auf Vorschläge des Bewahrens und Erhaltens. Bevor man einen Vorschlag realisiert, sollte man bedenken, dass das NS-Kriegsmal zwar nicht denkmalgeschützt ist, aber werden könnte, und im Zweifelsfall die Denkmalschutzbehörden einbeziehen (s. Denkmalschutz). Dieser Abschnitt ordnet Vorschläge in sieben Kategorien: „Bewahren – Hervorheben – Verdrängen – Dekontextualisieren – Lagern – Beschädigen – Zerstören“.Da sich die Kategorien kaum strikt gegeneinander abgrenzen lassen und bei manchen Vorschlägen Begründungen und Zwecksetzungen unklar bleiben, sind Zuordnungen manchmal schwer zu treffen. Solche Fälle werden nach „passt am besten“ entschieden. Belege werden gegeben, wenn sie nützliche Informationen liefern. Manche Vorschläge werden kurz zusammengefasst, manche ausführlich präsentiert nach dem Schema: Vorschlag: was?Auf den ersten Blick mag eine grobe Einteilung in „Stehen lassen“ und „Entfernen“ plausibel erscheinen. Ein zweiter Blick erkennt, dass es für beides sehr unterschiedliche Gründe und Zwecke gibt. So kommt „Stehen lassen“ in allen Kategorien außer „Lagern“ und „Zerstören“ vor. „Entfernen“ kann zu den Kategorien „Verdrängen“, „Dekontextualisieren“, „Lagern“, „Zerstören“ passen; es schließt nicht nur „Abbauen“ mit zeitweiligem Lagern oder endgültigem Beseitigen ein, sondern auch „Wiederaufbauen“ an anderen Orten, an denen man das Objekt verdrängen oder dekontextualisieren kann. Dies sei nach der Kategorienliste erläutert. Davor sei eine Skizze von Reinhart Koselleck zur Rezeptionsgeschichte von Kriegerdenkmalen zitiert und auf das Radolfzeller NS-Kriegsmal angewandt kommentiert.
Apologetisch BewahrenDiese Kategorie erfasst zwecks Vollständigkeit die bei Rechtsextremen beliebte Option, das NS-Kriegsdenkmal mit Zubehör unverändert als Treffpunkt reaktionärer Umtriebe zu erhalten. So freuen sich Aktivisten der Neonazipartei „Der III. Weg“ nach jeder Säuberungsaktion der Stadt „aus tiefsten Herzen, dass der Heldenstein wieder in neuem Glanz erstrahlt“, denn man müsse die „Stätte des Dankes an die schaffenden Ahnen, die mit ihrem selbstlosen Handeln ermöglichten, dass wir heute als Volk noch existieren“, „pflegen und bewahren“ (02.05.2017).Keine demokratische Kraft plädiert für diese Option. Zwar gibt es Vorschläge, den Status quo zu erhalten, jedoch anders begründet und vorgeblich nicht auf den Erhalt der Nazikultstätte zielend. Solche Vorschläge erscheinen in anderen Kategorien. Technokratisch HervorhebenDen Vorschlägen dieser Kategorie ist gemein, dass sie das Denkmal mit technischen Mitteln betonen. Sie tun das nicht mit apologetischer Absicht, unbedingt die NS-Kultstätte aufzuwerten, sondern mit technokratischer Begeisterung dafür, Machbares zu machen, ohne nach Sinn und Zweck zu fragen.Neugier und Experimentierfreude sind menschlich. Der Wunsch, innovative Techniken anzuwenden, ist nachvollziehbar und verständlich, bedarf aber kritischer Reflexion. Mit Glas verhüllen Mit Glas verhüllenVorschlag: Das Denkmal wird durch eine Glaskonstruktion verhüllt oder überbaut, die ein- oder mehrfarbig gestaltet und beleuchtet sein kann.Grund: „Vorkommnisse durch rechts- und linksextreme Gruppen“ Zweck: nicht dokumentiert Vorgeschlagen: Der vom Arbeitskreis Erinnerung am 29.06.2017 diskutierte Vorschlag findet in der Kulturausschusssitzung am 17.10.2017 keine Mehrheit. Eine Erklärung dazu (KA WP 17.10.2017): „Ich finde es jetzt schade, dass jetzt in der Vorlage eigentlich die falschen "Illustrationen des Glases" oder der Überbauung durch Glas ist, weil viele andere Variationen drin waren mit einem Glaszylinder und Glasstelen. Vielleicht hat das auch einige beeindruckt. Ich möchte doch, wenn man jetzt diese Glasgeschichte in Auftrag gibt, auch nochmals das, was schon im Arbeitskreis Erinnerungskultur herumging und als Vorschlag eingegangen wurde, nochmal mit mitberücksichtigt. Da gibt es andere Vorschläge wie Zylinder und dergleichen. Dass es nicht nur um die rote Farbe und die beleuchtete Geschichte geht, sondern dass man alle Möglichkeiten ausschöpft.“ Kommentar: Leider ist den vorliegenden Informationen keine Zwecksetzung zu entnehmen. Sie lassen nur darauf schließen, dass das Verhüllen oder Überbauen mit Glaszylindern oder -stelen technisch machbar ist. Daher ist ein technokratischer Ansatz zu vermuten. Eine Umhüllung des fünf Meter hohen Denkmals würde es als etwas besonders zu Beachtendes hervorheben und damit aufwerten. Fazit: Der Sinn dieses Vorschlags erschließt sich nicht von selbst. BeleuchtenVorschlag: Eine auf das NS-Kriegsdenkmal ausgerichtete Scheinwerferanlage wird permanent installiert, damit es bei Dunkelheit bestrahlt werden kann.Realisiert beispielsweise in Pinneberg, dessen Stadtverwaltung das 1934 eingeweihte, 2017 für rund 58.000 Euro sanierte NS-Kriegsdenkmal um Weihnachten 2017 mit neuen Strahlern ins rechte Licht stellte, bis es sich im Januar 2018 nach Protesten ausstrahlte [Are18], [Hil18, S. 25]. Vorgeschlagen in Radolfzell als Teil der Glasverhüllung. Kommentar: Die Illuminierung des NS-Kriegsdenkmals würde seine bei Tageslicht wirkende martialische Dominanz auch bei Dunkelheit betonen. Indem sie das NS-Relikt als bestrahlenswert aufwertet, trägt sie nicht zu Aufklärung, sondern zu Kriegsverherrlichung bei. Im Dunkeln bleiben Erinnerungen an Hass, Gewalt und Terror, Vertreibung, Vernichtung und Zerstörung, Not, Leid und Tod [Lib18, S. 7]. Zudem ist die sinnlose Beleuchtung als schädliche Lichtverschmutzung ökologisch intolerabel. Fazit: Die Beleuchtungsidee sollte man schleunigst ausknipsen. SonstigesDer Arbeitskreis Erinnerung diskutiert am 15.05.2018 den Vorschlag, „die ganze Anlage einzuhausen“. Unklar sind Details, Begründungen und Zwecksetzungen einer „Einhausung“ (KA BV 15.05.2018). Da sie vermutlich mit technischem Aufwand verbunden ist, sei der Vorschlag hier erwähnt.Fazit zu „Technokratisch Hervorheben“Aufklärende Wirkungen dieser Vorschläge scheinen verglichen mit verursachten Aufwänden bescheiden. Zu überlegen bleibt, ob nicht mit weniger technischer Effekthascherei mehr nachhaltige Aufklärung erreichbar ist.Schamvoll VerdrängenNach dem Motto „Nicht grundsätzlich verändern, aber wandeln“ plädieren Vorschläge dieser Kategorie dafür, den Status quo des NS-Kriegsdenkmals samt Zubehör im Wesentlichen zu erhalten, nur Details behutsam zu modifizieren. Das NS-Relikt soll „stehen bleiben, weil es einfach zu unserer oft schwer erträglichen deutschen Geschichte gehört“. Doch soll der martialische Eindruck entschärft werden, der kriegerische Charakter seine Dominanz verlieren, das Bedrohliche in den Hintergrund treten, keine Angriffsflächen für „Verunglimpfung“ und „Verschandelung“ bieten, die ursprüngliche Intention verschwinden. Man will das kriegspropagandistische Unwesen des NS-Monuments wegzaubern, ohne es anzutasten, ohne es zu erklären.Sich über Unangenehmes zu schämen und es verdrängen zu wollen sind menschliche Reaktionen, die unabhängig von politischen Anschauungen auftreten. Es leuchtet auch ein, dass Radolfzell seinen Touristen ungern hässlich braune Seiten zeigt und den Eindruck vermeiden will, es halte verbissen am Nazitum fest. So nachvollziehbar und verständlich die folgenden Vorschläge sind, so bedürfen sie doch kritischer Diskussion. Verhüllen VerhüllenVorschlag: Das NS-Kriegsdenkmal wird in eine Stoffbahn gewickelt und bleibt vier Stunden lang verhüllt.Realisiert beim „Friedensfest“ am 08.05.2018. Grund: Grund, Zweck und Sinn der Verhüllung sind während der Aktion unklar. Anscheinend stören die NS-Krieger das Konzept des „Friedensfests“. Zweck: Man habe die dominierenden NS-Soldaten unsichtbar und die Platznamensgeberin sichtbar machen wollen. Erinnerungskultur: „Das Friedensfest solle auch dazu beitragen, dass Erinnerungen an die militärische Tradition verschwinden.“ (SK 08.05.2018) Kommentar: Das Verhüllen der NS-Krieger erscheint als Versuch, Verhüllungsaktionen des Künstlerehepaars Christo und Jeanne-Claude zu plagiieren. Die beiden verhüllten Dosen, Flaschen, Stühle, Autos, Bäume, Brunnen, Denkmale, Stadtmauern, Türme, Häuser, Kunsthallen, Museen, Reichstage, Parkwege, Brücken, Täler, Küstenstreifen. Stets Dinge, deren Wert den Menschen durch die Verhüllung bewusst wurde und deren Enthüllung Freude auf den wieder gewonnenen Wert bereitete. Dies trifft beim NS-Kriegsdenkmal nicht zu. Man verhüllt es, um es schamvoll zu verstecken. Das Verhüllen löst Freude aus, dass der NS-Schund verschwindet, das Enthüllen Bedauern, dass er wieder hervorkommt. Ging es Christo und Jeanne-Claude stets darum, etwas sichtbar zu machen, das man vorher übersehen hat, so geht es hier darum, etwas unsichtbar zu machen, das vorher unübersehbar war. Wurden von Christo und Jeanne-Claude verpackte Dinge durch den entzogenen Blick interessant, so soll das dem Blick entzogene NS-Stück durch die Verpackung uninteressant werden. So verballhornt das Verhüllungsplagiat Christos und Jeanne-Claudes Kunst in ein Feigenblatt. Vielleicht wollten die Verhüllungsakteure gar keinen Bezug zu Christo und Jeanne-Claude herstellen? Kritische symbolische Kunstaktionen können durchaus aufklärend wirken [DISS12, S. 45]. Als Beispiele genannt seien
Fazit: Die Veranstalter haben mit der gut gemeinten Verhüllung einen interessanten Versuch durchgeführt, der lehrt, dass ein Versteckspiel keine Aufklärungsarbeit ersetzt. BegrünenVorschlag des Arbeitskreises Erinnerung vom 29.06.2017 und Prüfauftrag des Kulturausschusses vom 17.10.2017: „Grünbewuchs (Wilder Wein, Efeu, weiße Rosen) Das Denkmal wird von Pflanzen zugewachsen“. Einstimmiger Beschluss des Kulturausschusses am 15.05.2018, dem Gemeinderat zu empfehlen, die Abteilung Stadtgeschichte möge in die Planung 2019 aufnehmen: „Das Gefallenendenkmal und die Namenstafeln auf dem Luisenplatz werden begrünt.“Die Abteilung Landschaft und Gewässer rät „von der kompletten Begrünung der Gedenkwand“ ab, sodass unklar ist, warum der Beschluss trotzdem die Tafeln erwähnt. Fürs NS-Kriegsdenkmal schlägt der Beschluss vier Begrünungsvarianten mit Vor- und Nachteilen vor:
Am 06.11.2018 beauftragt der Kulturausschuss die Abteilung Stadtgeschichte, die Pflanzung von weißen Sophie-Scholl-Strauchrosen um das Gefallenendenkmal (ggfs. im Hochbeet) – ungeachtet ihrer Nachteile – in die Planung für 2019 aufzunehmen (KA BV 06.11.2018, KA WP 06.11.2018, s. auch Chronologie 06.11.2018). Siehe dazu die begleitende Seite Kommentare zur Rosenbepflanzung des Radolfzeller NS-Kriegsmals. Realisiert bei Wachhäuschen und Mauer vor der ehemaligen SS-Kaserne. Grund: „Vorkommnisse durch rechts- und linksextreme Gruppen“ Zweck: Da jede Begrünungsvariante den Vorteil bietet, dass das Denkmal zumindest teilweise verschwindet, scheint dies kein Nebeneffekt, sondern Hauptzweck des Begrünens zu sein. Andererseits wird behauptet, „operatives Ziel“ sei „eine weitere Sichtbarmachung der Geschichte des Luisenplatzes und Erläuterung des Gefallenendenkmals“. Das Begrünen sei „nicht als eine Art "Verstecken" des Denkmals unter Pflanzen zu verstehen [..]. Ganz im Gegenteil soll auch mit der Begrünung der Zweck einer Kommentierung verfolgt werden, indem dem Denkmal sein martialischer Ausdruck und seine ursprüngliche Intention genommen wird.“ „Eine weitere erläuternde Gestaltung des Luisenplatzes soll [ihm] auch seine politische Brisanz für das rechts- oder linksextreme Spektrum“ nehmen. Kommentar zum Sprachgebrauch: Ein Kommentar zu einer Erscheinung steht üblicherweise neben ihr und verändert sie nicht, kann aber ihre Wahrnehmung verändern. In obigen Sätzen hingegen liefert die Erscheinung den Kommentar und die Gestaltung erläutert. Obwohl es fragwürdig erscheint, den Unterschied zwischen Kommentieren und Gestalten zu verwischen, wird dieser Sprachgebrauch im Folgenden hingenommen.Kommentar: Das Begrünen des NS-Kriegsdenkmals und der Tätertafeln wirft viele Fragen auf: Will man über das NS-Relikt „Gras wachsen lassen“? Erledigt sich Erinnerungskulturarbeit im „Dornröschenschlaf“ (Lumbe 15.05.2018)? Wieso ist „Begrünen“ kein „Verstecken“, wenn in der Beschlussvorlage zur Kulturausschusssitzung vom 15.05.2018, Anlage 1, ausdrücklich als Vorteil des Begrünens das Verschwinden des Denkmals steht und als Nachteil das Auftauchen im Winter (kein Laub)? Wie ist der Vorteil des Verschwindens des Denkmals unter Pflanzen mit dem „operativen Ziel“ der „Sichtbarmachung der Geschichte des Luisenplatzes und Erläuterung des Gefallenendenkmals“ vereinbar? Wie passt das Postulat „Erklären statt Verschweigen, Verdrängen, Verstecken, Verschwinden lassen, Entfernen, Vergessen“ (Tracik 16./17.05.2018) zum Verschwindenlassen durch Begrünung? Wie passt das Verschwindenlassen zum Aufwerten des Denkmals durch edle Pflanzen? Welcher „Erkenntnis- und Erfahrungsgewinn“ (Erinnerungskulturleitlinie 3) soll mit dem Begrünen verbunden sein? Wenn der Zweck einer Kommentierung des Denkmals verfolgt wird, indem ihm „sein martialischer Ausdruck und seine ursprüngliche Intention genommen wird“, warum soll das durch Begrünen geschehen und nicht durch Färben? Denn auch bunte Färbungen kommentieren das Denkmal, nehmen ihm „seinen martialischen Ausdruck und seine ursprüngliche Intention“, wie mehrfach bewiesen (21./22.01.2017, 14./15.01.2018). Worin bestehen „der martialische Ausdruck und die ursprüngliche Intention“ des NS-Kriegsdenkmals? An welchen Elementen lassen sie sich festmachen? Aus welchen Gründen, mit welcher Intention, zu welchen Zwecken wurde das Denkmal mit einem „martialischen Ausdruck“ versehen? Wer war dafür verantwortlich? Warum sollen Antworten auf diese Fragen nicht Teil eines öffentlichen Kommentars zum Denkmal sein? Aus welchen Gründen sollen dem Denkmal „sein martialischer Ausdruck und seine ursprüngliche Intention“ genommen werden? Soll man analog NS-Liedertexte umdichten, um ihnen ihren „martialischen Ausdruck“ und ihre „ursprüngliche Intention“ zu nehmen? Warum soll der übers ganze Jahr verdrängte „martialische Eindruck“ ausgerechnet für den Volkstrauertag durch Freischneiden wieder herausgestellt werden? Solche Fragen werden immer wieder aufkommen, solang die NS-Krieger am Luisenplatz marschieren und keine widerspruchsfreien, nachvollziehbaren, überzeugenden Antworten vorliegen. Was Begrünen real bewirkt, zeigt sich an den Wachhäuschen und der Mauer vor dem Stabsgebäude der ehemaligen SS-Kaserne. Sie sind zur Unkenntlichkeit überwuchert. Von der Gedenkstätte aus gesehen verschwindet der SS-Kasernenbau hinter einer grünen Wand, vom RIZ aus gesehen ist die Gedenkstätte hinter Grünzeug versteckt. Eine „Spur“ der NS-„Zeitschicht“ ist verwischt, statt sie „sichtbar zu machen“, wie Erinnerungskulturleitlinie 2 fordert. Wie wahrscheinlich ist es, dass Neonazis und Antifaschisten das gepflegt überwucherte NS-Kriegsdenkmal nicht mehr als NS-Kriegsdenkmal erkennen? Dass Neonazis auf Aufmärsche, Antifaschisten auf Mahnungen verzichten? Ein NS-Kriegspropagandaobjekt bleibt ein NS-Kriegspropagandaobjekt, selbst wenn es Friedenslichter® zurankeln. Kann der Wunsch des Oberbürgermeisters, „einem Aufmarsch keinen Platz [zu] bieten“, so Wirklichkeit werden? Wohl kaum, im Gegenteil: Ein Grünbewuchs böte Neonazis regelmäßig Anlass, Rückschnittaktionen analog zu den Farbkleckssäuberungsaktionen anzudrohen. Anstatt über den kriegspropagandistischen Zweck des NS-Relikts aufzuklären, schämt man sich seiner, man will es verdecken, verstecken. Man will es stehen, aber nicht sehen lassen. Man konzediert, dass sein ehemaliger Gebrauchswert im öffentlichen Raum nicht mehr tolerabel ist und will ihn trotzdem erhalten. Fazit: Das gut gemeinte Begrünen ist das gärtnerische Pendant zum künstlerischen Verhüllen, ein Ausdruck von Scham- und Verdrängungskultur. Feigenblätter sollen das Denkmal, dessen man sich schämt, verstecken. Man will ihm seine kriegspropagandistische Intention nehmen, indem man sie unter Laub verbirgt, vertuscht. So lässt man sie unterschwellig weiter wirken. Zudem unterbietet der Vorschlag die bescheidenen Erinnerungskulturleitlinien.
VersetzenVorschlag: Prüfauftrag des Kulturausschusses vom 17.10.2017: „Versetzung der Figuren an einen anderen Standort innerhalb des Luisenplatzes“. Beschluss des Kulturausschusses am 15.05.2018, dem Gemeinderat zu empfehlen, die Abteilung Stadtgeschichte möge in die Planung 2019 aufnehmen: „Das Gefallenendenkmal wird an einen anderen Standort auf dem Luisenplatz versetzt.“Die Abteilung Landschaft und Gewässer meldet, dass das Versetzen des Denkmals an einen anderen Standort auf dem Luisenplatz statisch begleitet werden muss, ggf. die Statik der Außenmauer vorab geprüft werden muss, Schädigungen des Wurzel- und Kronenbereichs der Platane zu erwarten sind, und die Voruntersuchungen und Maßnahmen einen fünfstelligen Betrag kosten werden. Trotzdem stimmt der Kulturausschuss einstimmig für diesen Prüfauftrag. (KA BV 15.05.2018, KA WP 15.05.2018) Nachdem Kurzgutachten eines Ingenieurbüros für Tragwerksplanung und eines Steinhandwerkers das Versetzen als aufwendig, kostenintensiv und das Denkmal und die Platane schädigend beurteilen, lehnt der Kulturausschuss das Versetzen am 06.11.2018 einstimmig ab (KA BV 06.11.2018, KA WP 06.11.2018). Grund: „Vorkommnisse durch rechts- und linksextreme Gruppen“ Zweck: „Operatives Ziel“ sei „eine weitere Sichtbarmachung der Geschichte des Luisenplatzes und Erläuterung des Gefallenendenkmals“. „Eine weitere erläuternde Gestaltung des Luisenplatzes soll [ihm] auch seine politische Brisanz für das rechts- oder linksextreme Spektrum“ nehmen. Einem Diskussionsbeitrag zufolge könne man „das Denkmal links an das Ende der Tafel versetzen, damit ein parkähnlicher Zustand entstehe“. Kommentar: Ein NS-Kriegspropagandaobjekt bleibt ein NS-Kriegspropagandaobjekt, selbst wenn man es vom Sockel herunterholt, ein paar Meter versetzt und in der Ecke auf eine bodengleiche Plattform stellt. Das Versetzen des NS-Kriegsdenkmals wirft viele Fragen auf: Wie ist das Versetzen mit dem „operativen Ziel“ der „Sichtbarmachung der Geschichte des Luisenplatzes und Erläuterung des Gefallenendenkmals“ vereinbar? Wie passt das löbliche Motto „Erklären statt Verschweigen, Verdrängen, Verstecken, Verschwinden lassen, Entfernen, Vergessen“ (Tracik 16./17.05.2018) zum Versetzen? Was erklärt das Versetzen? Wie erklärt man, dass das Versetzen des Denkmals keine lächerliche, sinnlose, zerstörerische, teure Maßnahme ist? Welcher „Erkenntnis- und Erfahrungsgewinn“ (Erinnerungskulturleitlinie 3) soll mit der Versetzung verbunden sein? Wenn der Zweck einer Kommentierung des Denkmals verfolgt wird, warum soll das durch Versetzen geschehen und nicht durch effektivere Maßnahmen? Wie wahrscheinlich ist es, dass Neonazis und Antifaschisten das versetzte NS-Kriegsdenkmal nicht mehr als NS-Kriegsdenkmal erkennen? Dass Neonazis auf Aufmärsche, Antifaschisten auf Mahnungen verzichten? Kann der Wunsch des Oberbürgermeisters, „einem Aufmarsch keinen Platz [zu] bieten“, so Wirklichkeit werden? Eher nicht, denn ob sich Rechtsextreme hier oder ein paar Meter weiter sammeln, ist belanglos. Das versetzte Denkmal bleibt zwar als Anschauungsmaterial zur NS-Zeit erhalten, wird aber nicht nachhaltig dekontextualisiert, sodass der Luisenplatz nazistischer Wallfahrtsort und Sammelplatz bleiben kann. Daher wirkt dieser Vorschlag eher als Scheinlösung, die kein aufklärerisches Ziel erreicht, aber Aufwand und Kosten verursacht und letztlich nur dazu dient, dass die Verantwortlichen sich schulterklopfend bestätigen: Wir tun etwas. Der Kulturausschuss scheint zu halbherzigen Maßnahmen bereit, die keine Probleme lösen. Oder geht es darum, Fördermittel abzugreifen und in blindem Aktionismus zu verbraten? (SK 08.05.2018) Fazit: Das gut gemeinte Versetzen ist ein Ausdruck von Hilf- und Mutlosigkeit gegenüber dem Problem, das NS-Relikt als Magnet rechtsextremer Umtriebe nachhaltig zu entwerten. Man will ihm seine kriegspropagandistische Intention nehmen, indem man seine räumliche Lage verändert. Doch dort wirkt sie offen weiter. Dabei ignoriert der Vorschlag die dürftigen Erinnerungskulturleitlinien. SonstigesAufgrund von „Vorkommnissen durch rechts- und linksextreme Gruppen“ diskutieren der Arbeitskreis Erinnerung und der Kulturausschuss am 29.06.2017 bzw. 17.10.2017 später nicht weiter verfolgte Vorschläge mit teils unklaren Details und Zwecksetzungen (KA BV 17.10.2017, KA WP 17.10.2017). Als kosmetische Ablenkungsmanöver lassen sie sich gut hier kategorisieren:
Fazit zu „Schamvoll Verdrängen“Ob unverhüllt, verhüllt, begrünt, berost – stets wird beschwört, das NS-Relikt möge ein vom Krieg abschreckendes Friedensmahnmal sein. Doch vorzutäuschen, es sei kein Kriegspropagandamittel, oder davon abzulenken, dass es eines ist, dient keiner Erinnerung. Erinnerungskultur darf nicht zu Verdrängungs- und Ablenkungskultur verkommen. Zwei Leitlinien können dabei helfen:
Aufklärend Dekontextualisieren„Die aus den Nachkriegszeiten überlieferten Kriegerdenkmale sind Zeugen einer gemeinsamen Vergangenheit, sind Anschauungsmaterial und Warnung zugleich. Sie bestimmen noch immer das kulturelle öffentliche Gedächtnis, aber ihr Vorhandensein ist kein Urteil, das die Geschichte (oder die Denkmalpflege) über uns verhängt hätte. Der aktive Umgang mit den alten Gedenkzeichen kann die ursprüngliche Aussage der Denkmale verändern und Gegenentwürfe hervorbringen. So kann das Nebeneinander von alternativen Denkmal-Aussagen – weit mehr als die Tabuisierung oder Demontage der unerwünschten – eine kritische Auseinandersetzung mit dem Krieg fördern. Wenn öffentlich sichtbar wird, daß man über den „Sinn“ des Krieges geteilter Meinung sein kann, ist die oft unfriedliche Wirkung der alten Ehrenmale gebrochen und der Anspruch auf ein verbindliches Geschichtsbild zweifelhaft geworden“ [Beh92, S. 363–364].Offenbar konfligieren die aus der offiziellen Erinnerungskultur verdrängte Kontrollratsdirektive Nr. 30, das NS-Relikt „vollständig zu zerstören und zu beseitigen“, der politische Auftrag, die Direktive verspätet zu erfüllen, und die moralische Pflicht, NS-Kriegspropaganda aus öffentlichen Parks zu entfernen, mit dem denkmalschützerischen Ziel, „Zeugnisse der Zeitgeschichte“ zu erhalten. Aleida Assmann zeigt einen Weg, diesen Konflikt zu lösen: NS-Denkmale seien zu „historisieren“ und „durch Erklärungen oder Markierungen in einen neuen Kontext“ zu stellen, sodass „sie ihre erinnerungsgeschichtliche Relevanz“ behalten, ohne die NS-Ideologie zu fördern [Bru18, Aleida Assmann paraphrasierend]. Diese Kategorie sammelt konkrete Vorschläge, das NS-Kriegsdenkmal zu dekontextualisieren und wirksam in einen aufklärenden Kontext einzubetten. Sachverständige anhörenEine offizielle Entweihung des NS-Kriegsdenkmals, die die SS-Weihung von 1938 annulliert, wäre ein symbolischer Akt der Dekontextualisierung, der sich leicht vollziehen ließe. Unklar ist, warum die Gremien diesen preiswerten Vorschlag ignorieren, während sie Vorschläge beschließen, die fünfstellige Beträge kosten. Sachverständige anhörenVorschlag: Die Stadt lädt Sachverständige zu einer öffentlichen Anhörung, in der diese ihre Erkenntnisse über die Entwicklung des NS-Kriegsdenkmalensembles mündlich und schriftlich erläutern und die öffentliche Debatte um seine künftige Nutzung versachlichen. Die Stadt publiziert die schriftlichen Beiträge zur Anhörung dauerhaft in ihrem Webauftritt.Realisiert in Pinneberg am 8. Mai 2018: Auf Beschluss der Ratsversammlung organisierte eine Arbeitsgruppe eine „Öffentliche Anhörung der Sachverständigen zur Umgestaltung des Denkmals am Bahnhof“ mit dem Titel „So nicht, aber wie?“, an der Prof. Dr. Loretana de Libero, Historikerin an der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg-Blankenese und der Universität Potsdam, Wolfgang J. Domeyer, Leiter des VHS-Landesverbands Schleswig-Holstein und Aktiver der VHS-Geschichtswerkstatt, und Pastor i.R. Ulrich Hentschel, ehemaliger Studienleiter für Erinnerungskultur an der Evangelischen Akademie der Nordkirche, teilnahmen. Die Ergebnisse sind unter denk-mal-gegen-krieg.de/kriegerdenkmaeler/schleswig-holstein-p-r (→ Pinneberg) publiziert. Grund: Informationen zum Radolfzeller NS-Kriegsdenkmalensemble sind auf viele Stellen verteilt. Unter den wenigen Veröffentlichungen, die sich ausführlich mit ihm befassen, ist die Webseite radolfzell-ns-geschichte.von-unten.org/ns-ehrenmal die informativste. Publikationen der Stadt zu ihrem „Gefallenendenkmal“ sind ausbaubar, insbesondere in ihrem Webauftritt. Eine umfassende, kritische Aufarbeitung der Geschichte des Ensembles ist eine Voraussetzung für die Debatte über den künftigen Umgang damit. Die fünfte Leitlinie des Radolfzeller Erinnerungskulturkonzepts lautet: „Insbesondere bei kritischen Sachverhalten werden Expertisen von WissenschaftlerInnen als unabhängige Meinung hinzugezogen.“Da die Debatte zum NS-Kriegsdenkmalensemble seit zwei Jahrzehnten anhält, ohne dass sich ein nachhaltiger Kompromiss abzeichnet, handelt es sich zweifellos um einen „kritischen Sachverhalt“. Doch die Stadt hat bisher „Expertisen von WissenschaftlerInnen als unabhängige Meinung“ kaum hinzugezogen. Soll ihre Erinnerungspraxis glaubwürdig sein, so darf sie ihre eigenen Leitlinien nicht ignorieren. Ein weiterer Satz, der vom Entwurf des Erinnerungskonzepts nicht in die beschlossene Fassung gelangte, bleibt beachtenswert: „Die Wissenschaft hat dabei die Aufgabe die Ergebnisse der Beschäftigung mit der Vergangenheit und ihre Schlüsse daraus nachvollziehbar nach Kriterien der Wissenschaftlichkeit (u.a. Wahrheit und Vollständigkeit) darzulegen.“Der Vorschlag „Abriss des Mahnmals und Ausschreibung eines künstlerischen Wettbewerbs mit dem Auftrag, etwas zu entwerfen als "Mahnung zum Frieden"“ verfehlte in der Kulturausschusssitzung am 15. Mai 2018 mit sechs Ja- gegen sechs Nein-Stimmen die Mehrheit nur knapp (KA WP 15.05.2018). Die zum begrüßenswerten zweiten Teil dieses Vorschlags zur Umgestaltung des Denkmalensembles formulierten Begründungen und Zwecksetzungen sind erweiterbar (s. Vorschlag Ideenwettbewerb zur kompletten Umgestaltung durchführen). Es fehlt die wichtige Grundlage wissenschaftlich aufbereiteter Informationen, auf der die Radolfzeller Erinnerungspolitiker zielgerichtet diskutieren können, warum sie was und wozu sie wohin mit dem Denkmalensemble wollen. Zweck: Die Sachverständigenanhörung soll dazu beitragen, für die Debatte zum Umgang mit dem NS-Kriegsdenkmalensemble eine wissenschaftliche Grundlage zu schaffen, Erfahrungen von Erinnerungspraktiken anderer Städte mit vergleichbaren NS-Relikten einzubringen, die Debatte zu versachlichen und anzuregen, und für die Diskussion von Gestaltungsvorschlägen Argumente für Begründungen und Zwecksetzungen bereitzustellen. Kommentar: Sachverständige muss man nicht aus Norddeutschland einfliegen. Wissenschaftlicher und erinnerungskultureller Sachverstand sind in der Universität Konstanz und in ganz Baden-Württemberg vorhanden. Fazit: Was Pinneberg kann, sollte auch Radolfzell können. Tradierte ritualisierte Feiern verlegen„Wer hinter Nazifahnen herläuft, der ist auch ein Stück weit ein Nazi. Da beißt die Maus keinen Faden ab. Das müssen wir immer wieder in der Diskussion ganz deutlich sagen.“Vorschlag: Im April 2010 äußert der Radolfzeller Filmemacher Günter Köhler, er habe sich schon vor zehn Jahren aufgeregt, als der Volkstrauertag unter dem von der SS „geweihten“ Kriegerdenkmal abgehalten wurde (SM 14.04.2010). Im Juni 2010 stellt Oberbürgermeister Dr. Jörg Schmidt fest, „dass es kein »weiter so« am Kriegerdenkmal geben dürfe und könne“ und eine Gemeinderatsmehrheit will die Gedenkfeier am Volkstrauertag nicht mehr am Nazi-Symbol abhalten (WB 23.06.2010, SK 24.06.2010). Im Mai 2018 hält Stadträtin Nina Breimaier „es nicht mehr für vertretbar, die Feier am Volkstrauertag auf diesem Platz in dieser Konstellation abzuhalten“ und OB Martin Staab versichert, die Anregung, „den Volkstrauertag in einem anderen Rahmen (neuer Ort oder neue Form) abzuhalten, mitzunehmen“ (KA WP 15.05.2018). Die Forderung, die Nutzung von NS-Kriegsdenkmalen für ritualisierte Feiern zu beenden, wird vielerorts erhoben, trifft auf traditionsbefangenes Beharrungsvermögen und führt zu teils heftigen öffentlichen Debatten [DISS12, S. 42]. Realisiert beispielsweise in Engen, wo die Gedenkfeier am Volkstrauertag seit 2009 nicht mehr am NS-Kriegsdenkmal von 1936 stattfindet, sondern beim neuen „Friedenszeichen“ auf dem Friedhof [Bla14, S. 246]. Und in Furtwangen, das sie seit der Nachkriegszeit nicht am NS-Kriegsdenkmal von 1937, sondern auf dem Friedhof durchführt [Kai12, S. 86]. Grund: Feiern an NS-Relikten sind für einen demokratischen Rechtsstaat, der sich als zivilisatorische Antithese zum Naziregime legitimiert, untragbar. Unreflektierte Traditionspflege mit Totengedenkritualen läuft Gefahr, den Trennstrich zu rechtsextremen Bräuchen zu verwischen. Zweck: Gedenkfeiern so gestalten, dass sie den Werten Frieden, Freiheit, Demokratie entsprechen. Einen deutlichen Trennstrich zu nazistischen, militaristischen, völkischen Traditionen ziehen. Kommentar und Fazit: Was Engen und Furtwangen können, sollte auch Radolfzell möglich sein. Informationstafeln installierenZwei Vorschläge zum „operativen Ziel“ der „Erläuterung des Gefallenendenkmals“ wurden realisiert: 2001 die transparente Textstele zu den Vorbereitungen für den Krieg und den Holocaust, 2014 die fünf Glas-Informationstafeln zur Entstehung des Denkmals. Neben Zustimmung gibt es unterschiedliche Kritik und Änderungswünsche:
Die Informationen zu reduzieren wäre ein Rückschritt. Historische Hintergründe lassen sich nicht auf (zwar richtige, aber kurze) Parolen reduzieren. Fakten darzustellen und Zusammenhänge zu erläutern erfordert Platz. Freilich dürfen die Verfasser nicht versäumen, die Inhalte didaktisch gut aufzubereiten. Unleserliches kann man nicht lesen, egal ob es kompliziert oder einfach, lang oder kurz, schwer oder leicht verständlich ist. Leserliches kann man lesen; wem es zu kompliziert, zu lang, zu schwer ist, gibt auf, die anderen lesen es. Wem nützen unleserliche Informationstafeln? Wer will sie so haben? Was haben der Arbeitskreis Erinnerung und der Kulturausschuss seit 2014 getan, um die Leserlichkeit der Informationen zu verbessern? Was wollen sie wann dafür tun? Welche Aufwände und Kosten erfordert das? Möglicherweise resultiert das Unleserlichkeitsproblem aus dem Ansatz, eine „in sich stimmige Komposition der Einzelteile“ zu bewahren, indem man sie dezent mit transparenten, kaum wahrnehmbaren Tafeln garniert, die den „Kunstgenuss“ der „Primärwerke“ nicht beeinträchtigen. Solche Behutsamkeit ist vielen anderen Bau- und Naturdenkmalen zu wünschen, bei denen eine gedankenlos davor platzierte hässliche Informationstafel den Anblick stört. Aber nicht dem NS-Relikt! Fazit: Um das NS-Kriegsdenkmal wirkungsvoll zu dekontextualisieren, bedarf es nicht weniger, sondern mehr aussagekräftiger Informationen in Text und Bild in leserlicher Form. Ein künstlerischer Ansatz dazu sollte die Form der Funktion unterordnen, statt die Funktion der Form zu opfern. Friedensfahnen aufstellenVorschlag: Kindergartenkinder und Schüler gestalten „Friedensfahnen“, die auf der Grünfläche vor dem NS-Kriegsdenkmal temporär installiert werden.Realisiert zur „Kulturnacht“ am 02.10.2016 und beim „Friedensfest“ am 08.05.2018. Grund: Kinder und Jugendliche in die Erinnerungskultur einbeziehen Zweck: Die Fahnen sollen den NS-Kultort in einen „Platz des Friedens“ verwandeln. Kommentar: Enthält das Befahnen Atome der Verdrängung und Ablenkung, so überwiegen doch die Moleküle emotionaler Dekontextualisierung. Zwar wird das NS-Relikt von der Straßenseite aus gesehen hinter einem Fahnenwald versteckt, aber nicht allseits Blicken entzogen (wie bei der Verhüllung), sondern bleibt zugänglich für rationale Aufklärung. Mit ihrer bunten Bemalung und Beschriftung signaliseren die Fahnen: Jetzt sind wir hier, das ist unser Platz, wir leben wie es uns gefällt, brauner Militaristenmist ist mega-out. Etwas Flair der Flower-Power-Ära der späten 1960er Jahre mit „Make love, not war“ und „Give Peace a Chance“, ein Hauch der regenbogenfarbenen Friedens-, Umwelt- und Frauenbewegungen der 1970er und 80er Jahre mit dem CND-Peace-Symbol und der Friedenstaube wird spürbar. Zudem kontrastieren die Friedensfahnen zur Kriegsfahne der NS-Soldaten. Dass die Friedensfahnen in andere Richtungen flattern, zeigt sich auch daran, dass sie am 03./04.10.2016 zur unverhohlenen Freude des neonazistischen „III. Wegs“ gestohlen wurden. Fazit: In einem Konzept aufklärender Dekontextualisierung können Friedensfahnen als emotionale Elemente eine wichtige Rolle spielen. Vergittern
Hinter Gittern – vom Stadtgarten aus gesehen
Vorschlag: Die NS-Skulptur wird mit Gittern umgeben. Viele Varianten sind denkbar: Ein Gitterzaun, offen oder geschlossen, eckig oder rund. Ein Käfig, auch oben geschlossen. Realisiert ansatzweise im Frühjahr 2020 durch zwei über die Skulptur gespannte Drahtseile. Warum nur zwei? Es könnten viel mehr Drahtseile sein, mit denen die Krieger gefesselt werden. Realisiert auch menschenverachtend am falschen Objekt, als die Stadt Radolfzell eine Flüchtlingsunterkunft mit Gittern umstellt, die Menschen wie in ein Gefängnis einsperrt und das Coronavirus als Begründung bemüht. Grund: Der andauernde Marsch der Krieger gefährdet den Frieden, weil er Militarismus und Krieg verherrlicht. Man muss die Krieger daran hindern, weiter in den Krieg zu marschieren, weiter für Militarismus zu werben. Zweck: Das Gitter verdeutlicht die Gefahr, die von dem NS-Kriegsmonster ausgeht, und bannt sie zugleich. Die eingesperrten Krieger sind gebändigt, können Frieden, Freiheit und Demokratie nicht mehr bedrohen. Die Menschen können sie wie wilde Tiere im Zoo betrachten. Füttern verboten! Vorgeschlagen hat Günter Köhler im Südkurier vom 13.10.2014, das Kriegerdenkmal durch eine halbkreisförmige Mauer zuzudecken. Der Gitter/Käfig-Vorschlag variiert diese Idee, ohne zu schamvollem Verdecken/Verstecken zu tendieren. Kommentar: Das vergitterte Kriegsmal bleibt in seiner Brutalität voll sichtbar. Vergittern versucht nicht, das Objekt zu entmartialisieren, seine Martialität zu verschleiern, sondern diese zu enthüllen. Fazit: Der Vorschlag sollte weiter diskutiert werden. FärbenDie vom Arbeitskreis Erinnerung am 29.06.2017 diskutierten Vorschläge
Grund: „Vorkommnisse durch rechts- und linksextreme Gruppen“ Zweck: nicht dokumentiert Kommentar: Der Vorschlag, das NS-Relikt farbig anzustreichen, reagiert auf die Farbaktion vom 21./22.01.2017, die er als Ausdruck antifaschistischen Protests begreift, der in geordnete Bahnen zu lenken ist. An die Stelle spontaner Farbklecksereien tritt ein professioneller Farbanstrich mit möglichst künstlerischem Anspruch, um die Protestkultur zu domestizieren, auf die Ebene seriöser Hochkultur zu heben und zu veredeln. Der Vorschlag, die NS-Soldaten durch farbiges Granulat förmlich zu verändern, ist ambivalent: Je nach Ausführung kann er Elemente technokratischer Hervorhebung, schamvoller Verdrängung oder aufklärender Dekontextualisierung enthalten. Unklar ist, warum eine öffentlich steuerfinanzierte Deformierung des Steins mit Granulat „die Geschichte des Luisenplatzes weiter sichtbar macht“ und „das Soldatendenkmal erläutert“, hingegen eine anonym privatfinanzierte Beklecksung des Steins mit Farben eine Sachbeschädigung darstellt. Fazit: Färben kann ein Ausdruck von Protest- und Aufklärungskultur sein. Man protestiert gegen das NS-Kriegsdenkmal, indem man seinen „martialischen Ausdruck“ und seine „ursprüngliche Intention“ durch Farben hervorhebt, verfremdet und bewusst macht. Gleichzeitig macht man sie offen unwirksam. Färbungsaktionen veranstaltenVorschlag: Die Stadt organisiert am Luisenplatz antifaschistische Gedenkfeiern mit integrierten Färbungsaktionen, die den Monstersteinklotz in bunte Volkskunstwerke verwandeln. Die Aktionen können Anstreichen oder Besprühen mit Farben, Bewerfen mit Farbbeuteln oder andere Formen umfassen. Sie finden viermal jährlich statt. Durch Einbeziehen von Schülern erhalten sie einen betont demokratischen Charakter. Verteilt man die Aktionen auf die fünfte bis dreizehnte Klasse, so kommt jeder Jahrgang etwa alle zwei Jahre dran. Man kann jeweils Themen vorgeben, Wettbewerbe zwischen Klassen organisieren, jungen Graffiti-Künstlern Chancen geben, die Optionen sind vielfältig. Schließlich lassen sich die Färbungsaktionen überregional als touristische Attraktionen gewinnbringend vermarkten.Grund: Nutzung des NS-Kriegsdenkmals durch Rechtsextreme für menschen- und demokratiefeindliche Propaganda Zweck: Die Färbungsaktionen entwerten das NS-Relikt nachhaltig als Kultobjekt rechtsextremer Umtriebe und demonstrieren glaubhaft, dass Radolfzell bunt ist. Vorgeschlagen in [Hug18U, S. 6] ohne Kenntnis des Färbungsvorschlags des Arbeitskreises Erinnerung vom 29.06.2017. Kommentar: Vorteilhaft an Färbungsaktionen ist, dass sie dem NS-Monster einen neuen Gebrauchswert als demokratisches Kunstwerk im öffentlichen Raum geben. War die NS-Zeit nur ein Vogelschiss, so kann hier jeder einen symbolischen Vogelschiss auf das NS-Relikt setzen. Der bunte Steinklotz langweilt nie, da er regelmäßig neue Farbkompositionen erhält. Wird er außerhalb offizieller Färbungsaktionen Ziel von Farbbeutelwürfen, braucht dies keine Entrüstung mehr zu verursachen, da seine Umfärbung zum normalen Alltag gehört. Der polizeiliche Staatsschutz ist von der Aufgabe entlastet, nach Farbklecksern zu fahnden. Die Färbungsaktionen bieten weitere Vorteile: Bisher hat die Stadtverwaltung immer wieder Steuergelder vergeudet für sinnlose Säuberungen des NS-Kriegsdenkmals nach Farbaktionen. Künftig kann sie nicht nur Ausgaben für Spezialreinigungsaufträge sparen, sondern auch peinlich anbiedernde E-Mail-Wechsel mit Neonazis über Beginn, Verlauf und Ende der Säuberungen, die ihrem Ansehen überregional geschadet haben [Gei17]. Freilich werden Rechtsextreme aufheulen. Sollten sie versuchen, Säuberungsaktionen vorzunehmen, könnte man diese als Sachbeschädigung eines öffentlichen Kunstwerks strafrechtlich verfolgen, besser aber gebührenpflichtig erlauben und durch mediale Dokumentation der Lächerlichkeit preisgeben. Trotz der Farbüberdeckungen bleibt das NS-Denkmal als Anschauungsmaterial zur Auseinandersetzung mit der NS-Zeit erhalten. Die Option einer späteren Verlagerung und Wiederaufstellung in einem Museum bleibt offen. Auch die Entfernung der Farbschichten steht zukünftigen Generationen frei. Fazit: Stärker als ein von einem Künstler einmalig durchgeführter Farbanstrich sind wiederholte Färbungsaktionen, an denen sich alle Interessierten beteiligen können, ein Ausdruck von Protest- und Aufklärungskultur. Jeder kann sich durch seinen individuellen Farbklecks auf dem NS-Relikt vom braunen Militärgeist distanzieren. UmkippenVorschlag: Das NS-Kriegsdenkmal lässt sich um 90 Grad kippen. Beim Umlegen nach vorne fallen die Steinsoldaten auf die Schnauze, was das Ende des Kriegs und den Sturz des Naziregimes plastisch symbolisiert. Praktisch muss man die Figuren sanft kippen, ohne sie zu beschädigen. Nachteilig ist, dass wesentliche Teile des gekippten Denkmals verdeckt sind. Diesen Nachteil vermeidet man, indem man das Denkmal seitlich kippt, am besten so, dass die Gewehrmündung nach unten zeigt und der Steinsoldat in den Boden ballert.Grund: Nutzung des NS-Relikts durch Rechtsextreme für menschen- und demokratiefeindliche Propaganda Zweck: Das Umkippen der NS-Soldaten symbolisiert das Kriegsende und den Sturz des Naziregimes und entwertet so das Kultobjekt rechtsextremer Umtriebe nachhaltig. Vorgeschlagen in [Hug18U, S. 5] ohne Kenntnis der Idee Günter Köhlers von 2014, das Kriegerdenkmal um 80 Grad umzulegen, „abgestützt auf einem stählernen Pfosten“ (Leserbrief SK 13.10.2014). Kommentar: Verglichen mit zaghaftem „Schieflegen“ der NS-Soldaten setzt das Umkippen ein stärkeres Symbol, das sich kaum übersehen oder missverstehen lässt. Durch die gekippte Lage hat das Denkmal seine bisherige Dominanz am Luisenplatz verloren. Ein neues Friedensmahnmal in der Nähe kann den Konkurrenzkampf um Höhe und Dominanz gewinnen. Rechtsextreme werden aufheulen, aber kaum fähig sein, eine Wiederaufrichtungsaktion anzudrohen. Auch das Ziel, das Denkmal als Anschauungsmaterial zu erhalten, wird erreicht. Da das Denkmal nur gekippt, aber nicht beschädigt wird, bleibt die Option einer späteren Verlagerung und Wiederaufstellung in einem Museum offen. Fazit: Die umgekippten NS-Soldaten haben als Mittel der Kriegspropaganda ausgedient. In Flachlage dürfen sie aufklärend wirken. Nachtrag 11.03.2021: Die Idee des NS-Denkmalsturzes kam in Göppingen 1997 auf. Dort stellte „Stadträtin Ilona Abel-Utz von der GAL im Gemeinderat den Antrag, das Kriegerdenkmal abzureissen und «umgestürzt als Mahnmal gegen den Nationalsozialismus liegen zu lassen.»“ [Nol20, S. 72–73]. Der Antrag sorgte „für Stunk“ und wurde abgelehnt. Zerlegen + Umkippen + VerteilenDieser Vorschlag zur Dekontextualisierung erweitert und detailliert den vorigen, die Skulptur umzukippen, und zwar seitlich um 90 Grad in östlicher Richtung. Das Monument aus Sockel und Soldaten besteht aus fünf Schichten. Der Sockel bleibt stehen, wo und wie er ist. Die Soldaten werden in die vier Blöcke zerlegt, aus denen sie zusammengesetzt wurden. Diese Blöcke werden einzeln umgekippt mit einigem Abstand vor der breiten Wand verteilt.Dem Sockel wird eine (leserliche!) Informationstafel beigestellt mit dem Hauptsatz „Der Sockel steht noch, von dem das stürzte.“,der an „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.“ aus Bertolt Brechts (1898–1956) Theaterstück Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui von 1941 erinnert. Er verweist auf die vier daneben liegenden Skulpturteile und warnt vor neonazistischen Umtrieben. Die Informationstafel erläutert auch den Sturz der Soldaten, etwa so beginnend: „Hier stand seit dem 22. Mai 1938 ein NS-Kriegspropagandaobjekt, bis es am ... gestürzt wurde, um einen Trennstrich zum Naziregime zu ziehen und ein Zeichen zu setzen gegen Krieg und Faschismus, für Frieden und Völkerverständigung ...“Die transparente Textstele bleibt vor dem Sockel stehen, da ihr Text auch nach dem Umlegen der Soldaten richtig bleibt. Die verteilten Blöcke wirksam in einen aufklärenden Kontext einzubetten erfordert weitere Maßnahmen wie das Umgestalten der Tafelwand und das Umbenennen des Platzes. Sie sind folgend in eigenen Abschnitten beschrieben, da sie auch ohne Zer- und Umlegen der Soldaten durchführbar sind. Grund: Nutzung des NS-Relikts durch Rechtsextreme für menschen- und demokratiefeindliche Propaganda Zweck: Das Zerlegen, Umkippen und Verteilen der NS-Soldaten soll das Kriegsende, den Sturz des Naziregimes und die Zerschlagung der NSDAP symbolisieren und so das Kultobjekt rechtsextremer Umtriebe nachhaltig entwerten. Vorgeschlagen in [Hug18V, S. 9–10]. Kommentar: Das Zerlegen und Umkippen symbolisiert das Ende des Kriegs und den Sturz des Naziregimes. Die Soldaten marschieren nicht mehr für den Krieg, sie sind „gefallen“ und haben so ihren Kontext der NS-Kriegspropaganda verloren. Das Verteilen der vier Blöcke symbolisiert die Zerschlagung der NSDAP, warnt aber auch, dass weiterhin neonazistische, militaristische, rassistische und rechtsextreme Organisationen existieren. Die Kontrollratsdirektive Nr. 30 wird zwar nicht wörtlich erfüllt, da das Denkmal nicht vollständig zerstört, sondern unbeschädigt zerlegt, und nicht beseitigt wird, sondern am Ort bleibt. Das Umlegen der Soldaten kann aber als symbolische Erfüllung der Direktive gelten. Das 1946–1955 rechtswidrig Versäumte lässt sich 2018 ohnehin nicht buchstäblich nachholen. Doch kann die Stadt Radolfzell damit guten Gewissens behaupten, sie habe den politischen Auftrag und die moralische Pflicht erfüllt, die NS-Kriegspropaganda aus dem öffentlichen Park zu entfernen. Dies unterscheidet die Umlege-Maßnahme prinzipiell von schamvoller Verdrängungskosmetik wie Verhüllen, Begrünen, Versetzen. Wandeln: Wie verhält sich das Umlegen zu den Nichts-verändern-aber-wandeln-Forderungen? Der martialische Eindruck der marschierenden Soldaten ist entschärft, der kriegerische Charakter hat seine Dominanz verloren, da jeder Block nur noch etwa zwei Meter hoch ist, das Bedrohliche ist in den Hintergrund getreten, da die Soldaten kampfunfähig zerlegt am Boden liegen. Die ursprüngliche Intention der NS-Kriegspropaganda ist nicht nebulös verschleiert, sondern aufklärend freigelegt, „ohne dabei Gefahr zu laufen, überkommene Ideale aufs Neue zu bewerben“ [Bru18, Aleida Assmann paraphrasierend]. Allerdings: Angriffsflächen für „Verunglimpfung“ und „Verschandelung“ bleiben unvermeidlich erhalten. Schützen: Wie verhält sich das Umlegen zur denkmalschützerischen Forderung, ein zeitgeschichtebezeugendes Kulturdenkmal zu erhalten? Alle Teile des Kulturdenkmals bleiben vollständig bestehen, kein Teil wird vernichtet, nur die Anordnung der Teile ändert sich. Die Zerlegung der Skulptur erfolgt reversibel, wie man sie auch bei einer temporären Lagerung vornehmen müsste. Im Unterschied zu den 80 % Stadtmauer, die für immer verschwunden sind, bleiben vom NS-Kriegsdenkmal 100 % erhalten [Sta17, S. 66]. Die Teile lassen sich jederzeit wieder zusammensetzen und in einem Museum aufstellen. Nichts Materielles geht verloren. Erhalten: Wie verhält sich das Umlegen zur aufklärerischen Forderung, für folgende Generationen Dokumentations- und Anschauungsmaterial zur NS-Zeit zu erhalten? Die zerlegte Skulptur lässt sich gedanklich zum ehemaligen Kriegspropagandaobjekt zusammensetzen. Der bedrohliche, martialische Charakter bleibt an den Teilen erkennbar. Der aufklärende Kontext wird durch Umgestaltung des Platzes hergestellt. Freilich: Kränze kann man auch an den gestürzten Kriegern nicht guten Gewissens ablegen! Fazit: Der Vorschlag ist praktikabel und effektiv. An den fünf Teilen der zerlegten, umgekippten und verteilten NS-Soldaten ist erkennbar, dass sie weit über die NS-Zeit hinaus der Kriegspropaganda gedient, aber nun ausgedient haben. Die Bruchstücke lehren, dass die demokratische Gesellschaft nicht länger bereit ist, aggressiv-militaristischen Nationalismus zu tradieren. Nachtrag 07.11.2018: Das Kurzgutachten des Steinhandwerkers vom 12.10.2018 zur Machbarkeit einer Versetzung nennt Risiken, von denen die Beschneidung des Astwerks der Platane über dem Denkmal für einen Kran auch für das Umkippen zu beachten ist (s. Chronologie 06.11.2018; KA BV 06.11.2018, Anlage 3). Der Schutzstatus des Naturdenkmals Platane ist höher als der des NS-Denkmals. Die Platane ist unbedingt vor Beschädigungen zu schützen. Am NS-Relikt sind Schäden tolerabel, die auch durch natürlichen Verfall vorkommen. Es sind Alternativen zu einem großen Kran zu erwägen. Bei Denkmalstürzen dienen oft Seilzüge als Hilfsmittel. Das Furtwanger NS-Kriegsdenkmal zeigt, dass man mit einem Seilzug einen Oberkörper zum Sturz bringen kann. Beschädigungen abzogener Teile mindern sich, wenn sie auf eine weiche Unterlage fallen. Mauerwerk erhalten und NS-Platzarchitektur erläuternVorschlag: Das Mauerwerk mit Umfassungsmauern, Pylonen, Treppen, Wänden bleibt erhalten (sofern nicht längst spurlos geschleift). Die NS-Platzarchitektur wird durch einen architekturhistorischen Beitrag auf einer (leserlichen!) Informationstafel erläutert.Grund: Die Gestaltung des Platzes 1936–1938 integrierte sich zwar in den NS-Heldenkult, die rechtwinklig-monumentalen Stilelemente entsprachen seinem Zweck als Aufmarschplatz der Formationen (s. Aufstellungsort), doch wirkt das kriegspropagandistische Element des Mauerwerks – im Kontrast zur brutalistischen Soldatenskulptur – dezent, auch weil es in Jahrzehnten durch Bepflanzung „entmartialisiert“ wurde. Der Platzgestaltung lässt sich kaum eine eigenständige NS-Ästhetik zusprechen, da Architekten und Künstler im Dienst des Naziregimes plagiierten, was sich gerade anbot. Deshalb ist hier die Erinnerungskulturleitlinie 1 „Erklären statt Entfernen“ anzuwenden. Zweck: Eine Spur der NS-Zeitschicht im Stadtbild erhalten und das „operative Ziel“ „einer weiteren Sichtbarmachung der Geschichte des Luisenplatzes“ erreichen. Vorgeschlagen in [Hug18V, S. 10]. Kommentar und Fazit: Mit dem Vorschlag „Zerlegen + Umkippen + Verteilen“ kombiniert ergibt sich eine differenzierte Vorgehensweise: Schädliches wird unschädlich gemacht, Brauchbares wird umgenutzt. Namenstafeln umsiedelnVorschlag: (a) Der Arbeitskreis Erinnerung und der Kulturausschuss diskutieren am 29.06.2017 bzw. 17.10.2017 den Vorschlag „Versetzung der Namenstafeln Die Tafeln mit den Namen der Gefallenen sollen auf den Waldfriedhof versetzt werden“, der keine Mehrheit findet (KA BV 17.10.2017). Am 15.03.2018 kombiniert der Arbeitskreis Erinnerung die Vorschläge „die Namenstafeln werden auf dem Friedhof angebracht“ und „die Namenstafeln werden auf den Friedhof versetzt“ mit anderen Vorschlägen; sie finden in der Kulturausschusssitzung am 15.05.2018 keine Mehrheit (KA BV 15.05.2018).(b) Mit anderer Begründung und Zwecksetzung greift [Hug18V, S. 10–11] den Vorschlag auf, detailliert und präzisiert ihn: Alle Namenstafeln werden an einer Waldfriedhofsumfassungsmauer am Weg zur SS-Schießanlage angebracht, und zwar die von 1870/71 und 1914–1918 innen, die von 1939–1945 außen. In der Nähe befindet sich ein Durchgang. Für Angehörige der auf den Tafeln genannten Toten wird ggf. außen eine Trauerzone angelegt. Informationstafeln auf beiden Mauerseiten erklären den Kontext. Die äußere Tafel umfasst einen Wegweiser und Informationen zur SS-Schießanlage und stellt den Bezug her zwischen den Namen der SS-Soldaten und dem Ort, an dem sie ihr Mordhandwerk übten. Die Bronze-Relieftafel der Heimatvertriebenen kommt an die Friedhofsaußenmauer, die Überschrift in Metall-Lettern ins Museum. Grund und Zweck: (a) „Vorkommnisse durch rechts- und linksextreme Gruppen“ (b) siehe Kommentar Kommentar: Zerstören der Tafeln und der Überschrift an der Wand steht wie beim Kriegerstein außer Frage, Verlagern in ein Museum wäre ideal, da diese „Überreste der Vergangenheit [...] ihre lebendigen Bezüge und Kontexte verloren haben“ [Rad15, S. 11, 40, Aleida Assmann paraphrasierend], Namen von Waffen-SS-Tätern in einem öffentlichen Park nicht tolerabel sind, und der Dokumentationswert der Artefakte im Museum am besten bewahrt wird. Sollte dies nicht praktikabel oder nicht mehrheitsfähig sein, bietet sich als Kompromiss an, alle Namenstafeln auf den Waldfriedhof zu verlegen, den passenden Ort für private, persönliche Trauer. Dort ist zu differenzieren: Die Namenstafeln der Soldaten von 1870/71 und 1914–1918 werden an der Innenseite einer Umfassungsmauer angebracht, die Namenstafeln von 1939–1945 an ihrer Außenseite. Durch den nahe gelegenen Durchgang können Besucher leicht die Seiten wechseln. Die Mauer liegt am Weg, auf dem in einigen Gehminuten die ehemalige SS-Schießanlage erreichbar ist. Zivilisationsbruch verdeutlichen: Die Zweiseitigkeit symbolisiert den Zivilisationsbruch der NS-Aggressionskriege und des Holocaust. Die SS war eine unrechtsstaatlich organisierte Terrorbande, die Wehrmacht eine nach dem Versailler Vertrag illegale Armee, die sich durch ihre Eroberungs- und Vernichtungskriege zusätzlich delegitimierte [Pro17, S. 310]. Die Außenlage der Wehrmachts- und SS-Tätertafeln zitiert den früheren Brauch, Ausgestoßene außerhalb der Friedhofsmauern zu verscharren, sie sagt: „Ihr habt euch durch eure Verbrechen außerhalb der menschlichen Zivilisation gestellt, also erinnern wir außerhalb des Friedhofs an euch.“Das schließt nicht aus, für Angehörige der auf den Tafeln genannten Toten dort eine Trauerzone anzulegen. Die Forderung, die Namenstafeln in einen aufklärenden Kontext einzubetten, gilt auch hier und wird mit (leserlichen!) Informationstafeln auf beiden Mauerseiten erfüllt. In der Heldenkult-Variante der SS und ihrem Selbstverständnis als „heroische Elite“ galt: „Kirchliche Friedhöfe eigneten sich nicht für die Bestattung von SS-Angehörigen. Vielmehr sollten SS-eigene ‚Ahnstätten‘ geschaffen werden“ [Beh96, S. 504]. Also kommt das Anbringen der SS-Tätertafeln an der Friedhofsaußenmauer der SS-Ideologie sogar entgegen. Eine andere Option ist, die Wehrmachts- und SS-Tätertafeln in der ehemaligen SS-Schießanlage anzubringen, etwa im Kugelfang der östlichen Kurzbahn. Die SS-Schießanlage war ein Ort der Täter und der Opfer. Durch die 2010 im Kugelfang der westlichen Kurzbahn angebrachte Gedenktafel für die KZ-Häftlinge, die 2012 davor aufgestellte Informationstafel zum Areal, und die davon entfernt aufgehängten Namenstafeln wird es zu einem Ort des Gedenkens der Opfer und des Erinnerns an die Täter. Die Relieftafel spreizt das Meinungsspektrum. Sicher meint sie mit „heimatvertrieben“ nicht die aus ihrer Heimat vertriebenen und ermordeten europäischen Juden. Das Relief erscheint als Produkt der Verlogenheitskultur der miefigen 1950er Jahre, da es vor Verdrängung der Verantwortung, Verzerrung der Fakten und Revanchismus trieft. Solche Dinge gehören ins Museum. Andererseits würde so ein wichtiger Zusammenhang zerrissen: Ex-NS-Wehrmachtshauptmann Dombrowski, der die SS-Täter für die Namenstafeln auswählte, entwarf die Relieftafel mit der christlichen Symbolik. Das Geflecht aus verstockter Verdrängung des Angriffskriegs, schamloser Protektion von SS-Schergen und revanchistischer Ostlandreiterei konkret zu veranschaulichen, gelingt besser, wenn die Tätertafeln und die Relieftafel am selben Ort hängen. Demnach gehört die Relieftafel an die Friedhofsaußenmauer oder an den Kugelfang der östlichen Kurzbahn. Die Überschrift von 2011 ist gut gemeint, aber durch das Anhängsel „UND DER TOTEN ALLER KRIEGE“ ein unglaubwürdiger Versuch, den Zivilisationsbruch zu relativieren und von der eigenen historischen Verantwortung abzulenken. Niemand glaubt Radolfzell, dass es der Toten des Jüdischen Kriegs 66–70 gedenkt, des Hundertjährigen Kriegs 1337–1453, des Iran-Irak-Kriegs 1980–1988, von zahllosen anderen Kriegen abgesehen, da nichts darauf hinweist, wie Radolfzell dafür verantwortlich sein könnte. Verantwortlich ist Radolfzell für seine NS/SS-Vergangenheit. Zu dieser Verantwortung sollte es sich ohne Wenn und Aber bekennen. Platziert über den Tafeln mit den SS-Täternamen wirkt die Überschrift verlogen. Deshalb gehört die Überschrift ins Stadtmuseum. Zum Gegenargument: Manche meinen, die Skulptur und die Namenstafeln gehörten zusammen, ohne es zu begründen (z.B. SK 20.10.2017). Als freie Interpretation der Denkmalanlage ist dies zu tolerieren. Historischen Fakten entspricht es nicht. Die Skulptur bildete 1938–1945 mit dem Reichsadler, dem Hakenkreuz und der Gedenktafel für die Toten der NS-Bewegung eine Einheit, die nach dem Sturz des NS-Staats aufgelöst wurde. Die Namenstafeln wurden 1958 auf Betreiben des Ex-NSDAP-Mitglieds Dombrowski zum Umfunktionieren des NS-Ensembles zu einem Denkmal für die Soldaten des Zweiten Weltkriegs angebracht und bilden seither mit der Skulptur eine revanchistisch geprägte Einheit. Will man die politische Sprengkraft des Denkmalensembles entschärfen, so muss man Skulptur und Namenstafeln räumlich trennen. Fazit: Die Verlagerung der Tätertafeln, der Ostland-Gedenkplatte und der verschleiernden und relativierenden Überschrift an besser geeignete Orte ist ein unverzichtbarer Schritt der Umgestaltung des Luisenplatzes zu einem Friedensplatz. Tafelwand zu Informationswand umgestaltenMit der Formel Wände + Informationstafeln = Informationswand unterbreitet [Hug18V, S. 10] den Vorschlag zusammen mit „Zerlegen + Umkippen + Verteilen“ und „Namenstafeln umsiedeln“. Sinnvoll kann er auch nach einer anderen konsequenten Dekontextualisierung des NS-Kriegsdenkmals sein.Die von den Bronzetafeln befreiten Wände werden für neue (leserliche!) Informationstafeln genutzt, die die Ausstellung zur NS-Zeit im Stadtmuseum um eine jederzeit zugängliche öffentliche Ausstellung bereichern. Dazu lassen sich die Inhalte der fünf Informationstafeln von 2014 in unzensierter, bearbeiteter und erweiterter Fassung wiederverwenden, ergänzt um Beiträge kompetenter Historiker zu bisher vernachlässigten Aspekten wie Machtübergabe in Radolfzell, SS-Kaserne, KZ-Außenlager, SS-Schießanlage, Antisemitismus, Pogromnacht, Deportation von Juden, Roma, Sinti, Kriegszüge der Radolfzeller Waffen-SS. Die alten Informationstafeln bleiben stehen, bis die neue Informationswand fertiggestellt ist. Danach haben sie ihren historischen Zweck erfüllt (den sie praktisch wegen Unleserlichkeit verfehlten) und können ins Museumsarchiv migrieren. Grund: Die Wände sind von den umgesiedelten Bronzetafeln befreit und bereit für eine sinnvolle Nutzung. Die Informationen auf den Tafeln von 2014 sind unleserlich und unvollständig. Zweck: Die Informationswand schafft einen aufklärenden Kontext zum dekontextualisierten NS-Relikt und zu den umgesiedelten Bronzetafeln. Der Platz der NS-Kriegspropaganda wandelt sich zu einem Platz der Aufklärung über die Verbrechen des Naziregimes und zu einer Gedenkstätte für seine Opfer, kurz: zu einem Friedensplatz, der sich auch zum Zelebrieren des Volkstrauertags eignet. Kommentar: Die Aufenthaltsqualität des Friedensplatzes lässt sich durch Ruhebänke verbessern. Wenn man will, dass viele Besucher die Informationswand studieren, sollte man ihnen Sitzgelegenheiten gönnen. Fazit: Die Umnutzung der Tätertafelwand zu einer Wand der Aufklärung ist ein wichtiger Schritt zu einem Friedensplatz. Platz umbenennenVorschlag: Falls der umgestaltete Platz nicht schlicht Friedensplatz oder ähnlich heißen soll, sondern man auch eine Person damit ehren will, muss man zuerst Auswahlkriterien definieren. Infrage kommt eine Person mit Bezug zu Radolfzell, die
Grund: Von Großherzogin Luise von Baden ist weder bekannt, ob sie ihren Platz je betreten, noch ob sie in ihren letzten Lebensjahren die NSDAP gefördert hat. Vermutlich steht sie in keiner direkten Beziehung zum zehn Jahre nach ihrem Tod etablierten Naziregime. Dennoch wird sie seit über 70 Jahren diskreditiert, indem ihr Name für den NS-Heldenkultplatz vernutzt wird und sie so als Vorkämpferin der NS-Kriegspropaganda erscheint. Sicher tut man ihr damit unrecht. Eignet sich Großherzogin Luise als Namensgeberin für den zum Friedensplatz umgestalteten Platz? Auch dafür gibt es kaum Anhaltspunkte. Luise war keine Bertha von Suttner und keine Vorkämpferin des Grundgesetzes. Um ihr soziales Engagement und ihre karitativen Verdienste zu würdigen und einen lebendigen Erinnerungsbezug zu ihr herzustellen, ist es weitaus besser, ihr einen Platz (oder eine Straße) mit einer Rot-Kreuz-Station oder einem Krankenhaus zu widmen. Zweck: Der umgestaltete Platz erhält einen passenden Namen. Großherzogin Luise von Baden erhält einen passenden Platz gewidmet. Vorgeschlagen in [Hug18V, S. 11–12]. Alternativvorschlag (30.11.2018): Da derzeit „Luisenplatz“ keinen Platz bezeichnet, sondern das 200 Meter lange Straßenstück zwischen Konstanzer Straße und Scheffelstraße, kann man das Straßenstück in „Luisenstraße“ umbenennen und dem umgestalteten NS-Kultplatz einen neuen Namen geben, insbesondere, wenn man für Luise keine inhaltlich passende Örtlichkeit findet. Diese Lösung böte die Vorteile, dass die kleine Änderung von „Platz“ zu „Straße“ wohl nur geringe Zustell- und Suchprobleme verursacht und die Sprachkonfusion, eine Straße Platz zu nennen, verschwindet. Kommentar und Fazit: Die Umbenennung des Platzes ist ein symbolischer Schritt nach seiner Umgestaltung zu einem Friedensplatz. Platane benennenVorschlag: Die Platane erhält zeitgleich mit der Umbenennung des Luisenplatzes den Namen Luisenplatane.Grund: Die wunderschöne Platane unbedingt zu schützen hat oberste Priorität. Keine Umgestaltungsmaßnahme darf die Platane gefährden, beeinträchtigen oder gar beschädigen [RaUA07]. Zweck: Der Name Luisenplatane ist ein Zeichen der andauernden Wertschätzung für die Großherzogin Luise von Baden wie für die Platane am alten Luisenplatz. Die Luisenplatane bewahrt den Bezug Luises zum Platz. Vorgeschlagen in [Hug18V, S. 12]. Kommentar: Vermutlich wurde die Platane um 1906 gepflanzt, als der Platz Großherzogin Luise gewidmet wurde; dann wäre sie jetzt 112 Jahre alt. Die Nazis integrierten die Platane in den zur NS-Heldenkultstätte umformierten Platz und zeigten damit mehr Sensibilität als manch heutiger Platzgestalter, der alte Bäume reihenweise umlegen lässt, um ihren Platz mit grauen Steinen zu veröden. Die Platane überstand auch die Wirtschaftswunderzeit, in der viele Bäume Parkplätzen weichen mussten. Fazit: Die Benennung des Platane ist ein symbolischer Schritt zur Würdigung der Großherzogin Luise und der Platane. Die oben genannten Vorschläge zur Dekontextualisierung Tradierte ritualisierte Feiern verlegen, Informationstafeln installieren, Friedensfahnen aufstellen, Färben, Färbungsaktionen veranstalten, Umkippen, Zerlegen + Umkippen + Verteilen, Mauerwerk erhalten und NS-Platzarchitektur erläutern, Namenstafeln umsiedeln, Tafelwand zu Informationswand umgestalten, Platz umbenennen, Platane benennen lassen sich in ein Konzept zur Umgestaltung des Luisenplatzes in einen Friedensplatz integrieren. Sie belassen das NS-Kriegsdenkmal in veränderten Farben oder Formen am Platz. Die nächsten beiden Vorschläge führen die Idee des Färbens durch einen Künstler weiter, die darauf folgenden Vorschläge entfernen das NS-Relikt vom Platz. In Hochkunstwerk veredelnAls Option nennt [Hug18U, S. 7] den Vorschlag: Ein Künstler wird beauftragt, das NS-Kriegsdenkmal in ein kritisch-satirisches Kunstobjekt zu verwandeln.Kommentar: Das Ziel „Entwertung als rechtsextremes Kultobjekt“ ist sicher erreichbar, beim Ziel „Erhaltung des Dokumentationswerts“ wird es schwieriger. Man braucht gute Begründungen und Zwecksetzungen für diese Option. Als Nachteile sind zu nennen: Ein Auftrag an einen etablierten Künstler bedeutet hohe Kosten. Da das Ergebnis ein Hochkunstwerk im öffentlichen Raum ist, muss man es gegen Angriffe aus verschiedenen Richtungen schützen. Es könnte sein, dass linksautonome Farbbeutel gegen erhaltene NS-Teile fliegen, rechtsextreme Farbbeutel gegen hochkünstlerische Erweiterungen. Für Spezialsäuberungsfirmen ein Dauergeschäft, für die Allgemeinheit ein fragwürdiger Gewinn. Fazit: Da die Nachteile einer Hochkunstveredelung ihre Vorteile überwiegen, ist davon eher abzuraten. Gegendenkmal errichten„Gegendenkmäler können [..] dazu beitragen, innenpolitische Frontstellungen zu entschärfen, den Betrachter dazu aufrufen, neue Antworten zu suchen, statt die Erinnerung an den ehemaligen innenpolitischen Feind auszulöschen“ [Kos94, S. 17].Vorschlag: Ein Künstler wird beauftragt, ein Friedensmahnmal zu entwerfen und auszuführen, das zum NS-Kriegsdenkmal ausdrucksstark kontrastiert und in dessen Nähe installiert wird [DISS12, S. 43]. „Als künstlerischer Gegenpol werden Bilder von militärischen Niederlagen installiert. Als Kontrapunkt zum Gefallenendenkmal ist ein künstlerischer Gegenpol aus Bildern von Niederlagen und Katastrophen denkbar. Zusätzlich zum künstlerischen Kontrapunkt mit Niederlagenbildern noch ein weiterer künstlerischer Gegenpol.“ Diese Vorschläge des Arbeitskreises Erinnerung vom 15.03.2018 finden in der Kulturausschusssitzung am 15.05.2018 keine Mehrheit (KA BV 15.05.2018). Realisiert vielerorts, beispielsweise Alfred Hrdlickas Gegendenkmal zum 76er-Kriegerdenkmal von 1985/86 am Dammtor-Bahnhof in Hamburg [Arm88, S. 32–67], [Hüt90], Jenny Holzers Black Garden von 1992–1995 in Nordhorn, Hubertus von der Goltz’ Mahnmal für die Opfer von Gewalt, Krieg und Verfolgung von 1999 in Weinheim, das zu den drei Kollmar-Kriegern kontrastiert, die den zwei Radolfzeller Kollmar-Kameraden vorausmarschierten. Kommentar: Bevor man einen Künstler beauftragt, sollten Begründungen und Zwecksetzungen für ein Gegendenkmal zum NS-Relikt mit breitem Konsens erarbeitet sein. Zu bedenken ist, dass der Luisenplatz dafür wenig Raum lässt. Ein Friedensmahnmal, das für Gedenkfeiern und Kranzniederlegungen nutzbar ist, muss das NS-Relikt deutlich ins Abseits drücken. Um das NS-Relikt in einen aufklärenden Kontext zu stellen, wird es kaum genügen, „Bilder von militärischen Niederlagen und Katastrophen“ zu installieren. Bücherverbrennungen, Pogrome, Vertreibungen, Konzentrationslager, Vernichtungsfeldzüge, Holocaust waren keine militärischen Niederlagen, sondern staatlich organisierte Schwerstverbrechen. Fazit: Ob zusätzlich zu den obigen Vorschlägen ein Friedensmahnmal neu geschaffen und aufgestellt werden soll, bleibt zu diskutieren. In Museum verlagernDen Vorschlag der Verlagerung in ein Museum erwähnt [Hug18U, S. 4]. Vom Arbeitskreis Erinnerung am 15.03.2018 als „Das Gefallenendenkmal muss in ein Museum“ formuliert findet er in der Kulturausschusssitzung am 15.05.2018 keine Mehrheit (KA BV 15.05.2018).Kommentar:
Nachtrag 08.04.2020: Inzwischen ist die Praktikabilität des Vorschlags erwiesen, ein erstes Kriegsmal in einem Museum aufgestellt: Das Kriegerdenkmal von 1924 in Ornbau, Mittelfranken, weniger kriegsfeiernd als das Radolfzeller, wurde 2016 abgebaut, 2018 in das Freilandmuseum Bad Windsheim gebracht und dort im Juni 2019 der Öffentlichkeit vorgestellt.
Fränkisches Freilandmuseum Bad Windsheim:
Olaf Przybilla: Ideenwettbewerb zur kompletten Umgestaltung durchführenDer Vorschlag „Abriss des Mahnmals und Ausschreibung eines künstlerischen Wettbewerbs mit dem Auftrag, etwas zu entwerfen als "Mahnung zum Frieden"“ erhält in der Kulturausschusssitzung am 15.05.2018 sechs Ja- und sechs Nein-Stimmen (KA WP 15.05.2018).Kommentar: Das bemerkenswerte Abstimmungsergebnis zeigt, wie gespalten der Kulturausschuss in der Frage des Umgangs mit dem NS-Relikt ist. Mit einer Stimme mehr wäre ein fast revolutionärer Vorschlag angenommen, der die Verdrängungskosmetik weit hinter sich lässt. (Dafür sei der Lapsus, NS-Kriegspropaganda als „Mahnmal“ zu bezeichnen, verziehen.) Dennoch sei angemerkt: Solang die Gremien sich auf keine Begründungen und Zwecksetzungen für die Umgestaltung des NS-„Heldenplatzes“ einigen, solang sie nicht wissen, warum sie was und wozu sie wohin wollen, solang sollten sie weiter diskutieren und die demokratische Öffentlichkeit in die Diskussion einbeziehen. Zu hoffen, dass konkurrierende Künstler auf den Zuruf „Entwerft mal was!“ konsensfähige Lösungen liefern, erscheint zweifelhaft. Ein Schritt vorwärts könnte die Diskussion des Vorschlags Sachverständige anhören sein. Fazit: Friedensmahnmal? Ja, bitte! Aber gut geplant soll es sein. Fazit zu „Aufklärend Dekontextualisieren“Dies ist die Kategorie mit den meisten Vorschlägen, nämlich 18. Davon lassen sich 13 in ein Gesamtkonzept zur Umgestaltung des Luisenplatzes einbringen, die das NS-Relikt nachhaltig dekontextualisiert und in einen aufklärenden Kontext stellt, dabei aber seinen zeitgeschichtlichen Dokumentationswert erhält. Auch die beiden Vorschläge zu einem neu zu schaffenden Gegendenkmal oder Friedensmahnmal lassen sich integrieren. Nur „In Hochkunstwerk veredeln“ scheidet wegen seiner Nachteile aus, „In Museum verlagern“ wegen Impraktikabilität.Ratlos LagernDiese Kategorie reduziert sich darauf, das NS-Kriegsdenkmal temporär zu lagern. „Ratlos“ steht für Unentschiedenheit zwischen „Stehen lassen“ und „Wegwerfen“. Da das Monstrum kaum am Stück lagerbar ist, muss man es vorher abbauen. Wer das Wort „Abbau“ sät, darf Widerrede ernten, etwa diese:„Es wäre eine Kapitulation vor den Rechtsextremen, das Denkmal mit dem Argument abzubauen, weil die dort ihre Kulte abbrennen. Dann müsste man auch das Brandenburger Tor in Berlin abbauen.“Die Schlussfolgerung sei Anlass, Folgendes zu bedenken zu geben:
Abbauen + DeponierenVorschlag: Das NS-Denkmal lässt sich ohne unumkehrbare Zerstörung aus der Öffentlichkeit entfernen: Man kann es abbauen, in Teile zerlegen und diese in einem Museumsarchiv oder einem Bauhof für die Nachwelt aufbewahren.Vorgeschlagen in [Hug18U, S. 4]. Kommentar:
Protestierend BeschädigenDiese Kategorie erfasst keine Vorschläge, sondern schon durchgeführte Aktionen, die NS-Kriegsdenkmale als Ausdruck von Protest beschädigten, also politischem Ikonoklasmus zuzuordnen sind. Ausgeschlossen sind also Beschädigungen durch ordinären Vandalismus, Verkehrsunfälle, offizielle Maßnahmen, Umwelteinflüsse wie Luftverschmutzung, Sturmschäden, Vogelschisse, natürlichen Verfall u.Ä. Da Sachbeschädigung eine Straftat nach § 303 StGB ist, sei hier ausdrücklich darauf hingewiesen, dass dieser Abschnitt weder zu Sachbeschädigungen aufruft noch welche befürwortet, sondern sich davon distanziert, sie aber zur Kenntnis nimmt und hier einige Beispiele auflistet:
„Wo die Sinnlosigkeit des Kriegstodes im Bewußtsein wachgehalten wird, vollzieht sich dies in außerinstitutionellen Bahnen. Dies äußert sich in häufiger Übermalung der Kriegerdenkmäler durch Inschriften mit dem Aufruf: Nie wieder Krieg. Ohne kultische Formen gewinnt die Erinnerung an die Millionen Toten einen neuen Sinn: Das Überleben selbst wird zur einzigen Herausforderung“ [Kos92, S. 343]. Fazit zu „Protestierend Beschädigen“Beschädigungen aus Protest treffen oft auf Unverständnis und führen zu steuer- oder spendenfinanzierten Restaurierungsmaßnahmen. Das Bochumer Beispiel zeigt, dass sie auch Denkanstöße auslösen können.Achtlos ZerstörenDiese Kategorie sammelt Vorschläge zum irreversiblen Beseitigen des NS-Kriegsdenkmals, sei es durch Sprengen, Abreißen, Verschottern, Zerbröseln oder Pulverisieren. „Achtlos“ steht für Unbekümmertheit, den Gebrauchswert als Unkulturdokument der NS-Geschichte unwiederbringlich zu vernichten. Die Kategorie ist wie Protestierend Beschädigen dem politischen Ikonoklasmus zuzuordnen, grenzt aber an Kulturvandalismus, einem „von oben“ gesteuerten Vandalismus.Macht kaputt, was euch kaputt macht sangen Ton Steine Scherben 1970, eine allgemein-menschliche Neigung ausdrückend, die in allen politischen Strömungen vorkommt. So forderte der CDU-Politiker Heiner Geißler (1930–2017) wiederholt, die Berliner Siegessäule zu sprengen, weil sie „das dümmste Denkmal Deutschlands“ sei (ZDF Aspekte, 15.06.2012; Spiegel Online, 18.06.2012; The European, 23.06.2012; Süddeutsche Zeitung, 05.06.2015). Als im November 1969 DGB-Jugendgruppen aus Nordrhein-Westfalen forderten, „Kriegerdenkmäler als Ausdruck des steingewordenen Faschismus niederzureißen“, warf Der Heimkehrer. Stimme der Kriegsgeneration (Nr. 23, 15.12.1969) der Jugend vor, dass sie „"alles das zerschlagen will, was noch ist: die bürgerliche Weihnacht, Moral, Sitte, Tradition, den Totensonntag und die Kriegerdenkmäler"“, und folgerte, dass dann auch die sowjetischen Ehrenmale in West- und Ostberlin und in Wolgograd, der Hadrianbogen in Rom und das Grab des unbekannten Soldaten in Paris gestürzt werden müssten [Lur87, S. 431]. Die „emotionale Komponente unterscheidet das Symbol vom neutral informierenden Zeichen. Sie macht den Reiz des Symbols aus, aber ihretwegen gibt es auch erbitterten Streit um Symbole. Um das Ende eines politischen Regimes auszudrücken, kommt es häufig zu spontanen Denkmalstürzen: In symbolischen Gemeinschaftsaktionen werden Symbolfiguren ihrer Bedeutung als Leitbilder beraubt, steinerne Stellvertreter des alten Systems vom Sockel gestoßen. Die Sieger der Geschichte schleifen die Symbole des überwundenen Gegners, um ein Weiterwirken seiner Ideen zu verhindern“ [Beh96, S. 58].Zu verhindern, dass die NS-Ideologie weiterwirkt, war auch Ziel der rational geplanten Alliierten Kontrollratsdirektive Nr. 30 vom 13. Mai 1946 zur „Beseitigung deutscher Denkmäler und Museen militärischen und nationalsozialistischen Charakters“, nach der das NS-Kriegerheldensymbol bis zum 1. Januar 1947 hätte vollständig zerstört und beseitigt werden müssen. Sprengen – Zerstören – Befreien – Entfernen – AbreißenVorschläge: Im Juni 2017 diskutiert der Arbeitskreis Erinnerung den „Gestaltungsvorschlag der Sprengung und Zerstörung des Denkmales“, der nicht zur Auswahl steht, „da es nicht den Leitlinien zur Erinnerungskultur entspricht, das Denkmal zu zerstören“ (KA BV 17.10.2017). Im Oktober 2017 meint Stadträtin Derya Yildirim, „die Stadt könne beruhigt mehr Demokratie wagen und sich von den beiden Kriegerdenkmalen befreien. Der Sandstein und Sockel könne belassen [...] werden“ (KA WP 17.10.2017).Im Januar 2018 fordert eine „autonome antifaschistische Gruppe“ „die Entfernung des Denkmals und eine komplette Umgestaltung des Luisenplatzes, der den Opfern und nicht den Tätern gedenkt“ (Bekennerschreiben der Antifa Paradise zum Kriegerdenkmal Radolfzell 16.01.2018). Im März 2018 schlägt der Arbeitskreis Erinnerung vor: „Das Gefallenendenkmal wird komplett entfernt und die Namenstafeln werden auf dem Friedhof angebracht“ (KA BV 15.05.2018). Im Mai 2018 findet der Antrag „Abriss des Mahnmals und Ausschreibung eines künstlerischen Wettbewerbs mit dem Auftrag, etwas zu entwerfen als "Mahnung zum Frieden"“ in der Kulturausschusssitzung keine Mehrheit (KA WP 15.05.2018). Im November 2018 konstatiert Stadtrat Richard Atkinson: „Es handelt sich dabei nach wie vor um eine Skulptur der NS-Zeit. Hier wird Krieg verehrt“, doch sein Antrag, das NS-Relikt abzureißen und abzuschaffen, erhält im Kulturausschuss nur eine Ja-Stimme (SK 07.11.2018, WB 09.11.2018). Kommentar: „Eine Zerstörung des Denkmals entspricht nicht den Radolfzeller Leitlinien zur Erinnerungskultur.“ Aus denkmalschützerischer Sicht ist dem zuzustimmen: Der dokumentarische Wert des NS-Denkmals ist in öffentlichem Interesse für kommende Generationen zu erhalten. Dies gilt entsprechend für Waffenarsenale des Mittelalters, Folterwerkzeuge der Hexenverfolgungen, Konzentrationslager der NS-Zeit. Welche Maßstäbe gelten bei Erhaltung und Zerstörung kultureller Artefakte? In Wangen belegt ein Campingplatz den Standort der in der Pogromnacht zerstörten Synagoge. Was Radolfzell an Kulturgütern vernichtet hat, schildert eindrücklich Christof Stadler [Sta17]. In jeder Gemeinde wurden und werden Gebäude mit einmaligem zeitgeschichtlichen Wert beseitigt oder hoffnungslos verschandelt, um profitableren Objekten Platz zu schaffen. Erinnerungskultur ja, aber Profitinteressen gehen vor? Andererseits stehen vielerorts NS-Kriegspropagandaobjekte wie in Radolfzell, oft fast wie seit ihrer Aufstellung. Dass in der Nachkriegszeit mit Altnazis durchsetzte Verwaltungen Eingriffe in NS-Denkmale abwehrten, ist nachvollziehbar. Verwunderlich ist, dass trotz biologischer Lösung des Altnazitums NS-Relikte immer noch wie heilige Kühe geschützt werden, denen keiner ein Schwanzhaar krümmen darf. Nur nichts verändern oder gar beschädigen! Jeder Farbklecks an einem Nazi-Monument führt zu medialer Empörung und strafrechtlicher Verfolgung der Kleckser wegen Sachbeschädigung eines öffentlichen Kulturguts. Offenbar setzen sich unterschiedliche Maßstäbe durch, je nach Stärke oder Schwäche der beteiligten Interessengruppen. Das Beispiel Furtwangen zeigt, dass ein Gemeinderat den Abbruch eines NS-Relikts beschließen und 16 Jahre später den Beschluss widerrufen kann, unterschiedliche Gründe gegen einen Abbruch sprechen können, ein Konsens zum Abbruch schwer zu erreichen ist, und eine Abbruchdebatte eine Gemeinde unproduktiv spalten kann. Fazit: Nein zu Zerstörung und Nein zu hysterischer Entrüstung, falls jemand wagt, die Zerstörung eines NS-Kriegspropagandaobjekts zu fordern. Sonstiges, FazitWie am Anfang des Abschnitts „Was tun damit?“ erwähnt, folgt ein Vorschlag, der in keine der obigen Kategorien passt.Migrieren an einen anderen GedenkplatzAls Option erwähnt [Hug18U, S. 4] den Vorschlag: Das NS-Kriegsdenkmal lässt sich abbauen und an einem anderen Platz wiederaufbauen, der zu einem öffentlichen Gedenkplatz deklariert wird.Realisiert beispielsweise in Murg, wo das 1938 errichtete NS-Kriegsdenkmal mit dem Handgranatenwerfer bei der Ortssanierung 2014 restauriert und um 50 Meter versetzt wurde – mit einem Kostenaufwand von mehreren zehntausend Euro (SK 23.10.2014). Kommentar: Damit wird das NS-Relikt zwar seines bisherigen Kontexts am Luisenplatz entledigt, aber nicht des Kontexts, als NS-Kriegspropagandaobjekt Teil eines Gedenkplatzes zu sein. Ob damit das Ziel erreicht wird, das Denkmal als Magnet rechtsextremer Umtriebe zu entwerten, erscheint fraglich. Denn auch der neue Platz könnte zum nazistischen Wallfahrtsort verkommen. Zwar wird das Ziel erreicht, das Denkmal als Anschauungsmaterial zu erhalten, aber das Problem, wie man an einem öffentlichen Platz Hintergrundinformationen effektiv vermitteln kann, stellt sich wie am Luisenplatz. Man kann das NS-Stück am neuen Standort apologetisch bewahren, technokratisch hervorheben, schamvoll verdrängen, aufklärend dekontextualisieren, protestierend beschädigen. Mit bloßer Migration ist nichts entschieden. Fazit: Die Migrationsoption löst keine Probleme, sondern verlagert sie nur. Fazit zu „Was tun damit?“Von den sieben Kategorien zum Umgang mit dem NS-Relikt sind „Apologetisch Bewahren“ und „Achtlos Zerstören“ nicht tolerabel, „Technokratisch Hervorheben“, „Schamvoll Verdrängen“ und „Protestierend Beschädigen“ tolerabel aber problematisch, „Ratlos Lagern“ tolerabel, und „Aufklärend Dekontextualisieren“ akzeptabel. Rund zehn Vorschläge liegen in inakzeptablen Kategorien. In der einzigen akzeptablen Kategorie finden sich 16 Vorschläge, die man näher untersuchen, diskutieren, weiter entwickeln und ergänzen kann.Selbst wenn ein Konsens bestünde, sich auf die Diskussion akzeptabler Vorschläge zu konzentrieren, wäre das ein langsamer Prozess, der sich weder erzwingen noch beschleunigen lässt. Doch auch was lang dauert, kann gute Ergebnisse hervorbringen. Den Radolfzeller Gremien sind für die anstehenden Diskussionen und Entscheidungen Mut und Entschlossenheit zu wünschen, damit sie für den Umgang mit dem NS-Kriegsdenkmal Lösungen finden, die sich klar und deutlich gegen Krieg und Faschismus, für Frieden und Demokratie positionieren und die überkommene Verdrängungskultur überwinden.
„EPILOG Kriegsdenkmale anderswo„Die Zahl der deutschen Kriegerdenkmäler zur Zahl der deutschen Heine-Denkmäler verhält sich hierzulande wie die Macht zum Geist.“Deutschland hat über 100.000 Kriegsdenkmale (alte BRD, inkl. Gedenktafeln, nach Carola Nathan) [WiKD]. Davon präsentiert dieser Abschnitt eine kleine Auswahl von NS-Kriegsmalen, die durch ihre Martialität mit dem Radolfzeller Exemplar konkurrieren oder Debatten zum Umgang mit ihnen auslösten, aus denen Radolfzell Lehren ziehen kann, sowie einige Kriegsdenkmale aus Vor- und Nach-NS-Zeiten, die Kontinuitäten und Brüche zeigen. Zudem ist die in den Radolfzeller Erinnerungskulturleitlinien auf Seite 3 aufgestellte Behauptung „Im Vergleich mit anderen Städten muss sich die bisherige Erinnerungskulturarbeit in Radolfzell nicht verstecken (siehe bspw. Soldatendenkmal in Göppingen, Schlageter Denkmal in Auendorf, etc.)“zu prüfen. Die Darstellung der Denkmale ist locker strukturiert nach Merkmalen, Chronologie, Lehren. Quellverweise sind chronologisch geordnet, sodass Schlagzeilen Debattenverläufe widerspiegeln. Kreis KonstanzRielasingen RielasingenDer Ortsteil Rielasingen von Rielasingen-Worblingen bietet kein Kriegerdenkmal aus der NS-Zeit, sondern je eines aus den Zeiten davor und danach. Sie stehen in einem kleinen Park beim Rathaus an der Hegau-/Lessingstraße nebeneinander, sodass man direkt Gemeinsamkeiten und Unterschiede erkennen kann. (Das ältere Denkmal wurde 2014 von der verkehrsreichen Kreuzung Haupt-/Ramsen-/ Albert-Brink-Straße rechts neben das jüngere versetzt.) Der Webauftritt der Gemeinde informiert nicht über diese Kriegerdenkmale, bei denen an Volkstrauertagen Gedenkfeiern stattfinden.Das wohl in der Zeit der Weimarer Republik entstandene steinerne „Ehrenmal“ ist ein gleichschenklig-spitzwinkliges Dreieck auf einem einstufigen Podest, dem ein quaderförmiger Sockel mit einer Skulptur „Toter Soldat und Frau“ vorgesetzt ist, die das christliche Pietà-Motiv der auf einem Stuhl sitzenden Maria mit ihrem toten Sohn Jesus über den Knien abwandelt. Die Inschriften lauten auf der Vorderseite des Dreiecks unter einem Eisernen Kreuz „DEN TAPFEREN HELDENund auf dem Sockel „ES STARBEN DEN HELDENTOD“,gefolgt von 65 Namen, geordnet nach Jahreszahlen.
Die Frau im Schneidersitz hält den schlaff liegenden Körper des Helden mit beiden Händen auf ihrem Schoß, ihm ihren mit einem Tuch umhüllten Kopf zuneigend. Der uniformierte Held zeigt keine Spur einer Verletzung, nur sein unbehelmter Kopf hängt hintenüber. Unter seinem Knie liegt ein mit einem Zweig bedecktes Schwert. Während die Frau durch ihre Haltung persönliche Trauer um ihren Sohn oder Mann ausdrückt, überhöht das Pietà-Zitat den sinnlosen Kriegstod zu einem religiös erlösenden Opfertod, für den sich die weltliche Gemeinde mit militärischen Symbolen bedankt. Solche ambivalenten Weltkriegsdenkmale entstanden in der Weimarer Zeit, nicht mehr in der NS-Zeit. Christus starb nicht als mit dem Schwert kämpfender Held. Pietà-Denkmale, die den Leichnam „durch ein Schwert oder eine Uniform als Soldat“ kennzeichneten und „die Trauer der Hinterbliebenen [..] in die Trauer Marias“ verkleideten, waren nach dem Ersten Weltkrieg gängig [Lur87, S. 224]. Indem das Motiv auf Trauer fokussierte, lenkte es „vom Problem des Massenmords im Krieg teilweise ab. Es drückte christlichen Trost aus. [...] Nach den Ursachen und Gründen des Kriegstods wurde nicht gefragt. Übrig blieb die neue Aura des Sterbens, das durch die Analogie zum biblischen Heilsgeschehen heroisiert wurde. Die elenden Umstände des Tods an der Front kamen nicht zur Sprache“ [Lur87, S. 224].Nach dem Zweiten Weltkrieg präparierte man dieses Denkmal als Kombi-Denkmal für beide Weltkriege, indem man auf der Rückseite des Dreiecks die Inschrift „UNSERE GEFALLENEN UND VERMISSTEN 1939 BIS 1945“ergänzte, gefolgt von 141 Namen (134 tot, 7 vermisst; offen ist, ob SS-Angehörige darunter sind). Dabei blieb es nicht – im Rathauspark entstand ein zweites Kombi-Denkmal aus drei massiven Steinkreuzen mit den Inschriften
Drei christliche Kreuze – oder Eiserne Kreuze?
Der Stifterkreis ist ungenannt. Der Erinnertenkreis kann sich – durch die Jahresintervalle angedeutet – auf den des ersten Denkmals beziehen, aber auch zivile Tote umfassen. Das große und die zwei kleinen Kreuze erinnern an die Kreuzigungsszene auf dem Kalvarienberg, die breiten, sich nach außen etwas verbreiternden Balken an Eiserne Kreuze. Damit ist neben den figürlich-symbolisch-verbalen Komplex des ersten Denkmals ein ambivalent christlich-militärisches Symbol gesetzt. Hier gibt es keine tapferen Helden und keine für deren Tod dankbare Gemeinde, ja nicht einmal eine explizite Widmung. Stattdessen appelliert das Denkmal verbal an die Betrachter – nicht wie zuvor üblich, bald in den nächsten Krieg zu ziehen, sondern dafür zu sorgen, den Frieden zu erhalten. Vereinfacht gesagt: Weil der Trost- und Appellgehalt (Heldenmythos) des ersten Denkmals entwertet war und nur der Trauergehalt (Pietà) erhalten blieb, bedurfte es eines zweiten Denkmals mit modifiziertem Trost- und Appellgehalt. Dieses Kriegerdenkmal ist typisch für die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, als etwa 90 % der neu errichteten Kriegerdenkmale „sich zumindest äußerlich der christlichen Ikonographie“ bedienten [Lur87, S. 217], sich oft „auf die Symbolik des Kreuzes aus Stein oder Metall“ beschränkten, „angesichts der Unmöglichkeit, dem Opfertod von Millionen ein Zeichen zu setzen, auf jeden plastischen Schmuck“ verzichteten, und wortlos „eine Statistik des Tods durch Auflistung der Namen“ lieferten [Lur87, S. 419]. Das Eiserne Kreuz kam nach dem Zweiten Weltkrieg – anders als nach dem Ersten – nur noch selten in Reinform vor, da es „militärische Verdienste in den Vordergrund“ stellte und „eine christliche Deutung des Kriegstods auszuschließen“ schien [Lur87, S. 219, 242]. Doch kombiniert mit dem christlichen Kreuz konnte sich das Eiserne Kreuz als Motiv „der traditionellen, konservativen Ehrung der Kriegstoten“ in die Nachkriegszeit retten [Lur87, S. 398]. Das christliche Kreuz symbolisiert die christliche Deutung des Kriegstods: „Es markiert die Erfüllung des Selbstopfers Christi und damit den Schlüssel zur Erlösung der Menschen. Die Analogie zum Soldatentod lag nahe, der ebenfalls als Tod für die Menschen gebracht wurde. Das Kreuz weckt die Hoffnung auf ein Weiterleben nach dem Tod. Insofern spendet es Trost“ [Lur87, S. 219].Wie erklärt sich „die überwältigende Häufigkeit der christlichen Motive“ in den Kriegerdenkmalen der Nachkriegszeit [Lur87, S. 469]? Meinhold Lurz liefert die Erklärung, „daß der Zusammenbruch des Nationalismus, sein Verbot, sowie das Verbot militärischer Motive durch den Alliierten Kontrollrat eine total anders geartete Alternative erforderten, eine dem Nationalismus diametral entgegengesetzte und möglichst politisch unbescholtene, - und hier nur das Christentum infrage kam: denn es sollte sich doch immerhin um eine Alternative handeln, die die große Mehrheit der Deutschen ebenso überzeugte, wie zuvor der Nationalismus es in mehreren Schattierungen 150 Jahre lang vermocht hatte. Akzeptiert man diese Erklärung, so muß das Nachkriegschristentum als bloßer Ausweg oder Vorwand eingeschätzt werden, der den überlebenden Angehörigen wenigstens einen einigermaßen plausiblen Sinn ihres Opfers und Schmerzes anbieten sollte“ [Lur87, S. 469, 470].Konnte das durch den Zerfall der NS-Ideologie entstandene Vakuum durch „die Rückkehr zur christlichen Metaphysik“ gefüllt werden, so enthielt diese doch „eine Flucht ins Jenseits“ [Lur87, S. 398]. „Das Christentum diente [..] als das Vehikel, um den Angehörigen Trost zu spenden, während gleichzeitig die nötige Vergangenheitsbewältigung ausfiel“ [Lur87, S. 295]. Nach Kathrin Hoffmann-Curtius half „die christliche Ikonographie bei der Bewältigung von metaphysischem Schicksal“, doch „Fragen nach Ursachen und geschichtlichem Verlauf des Krieges wie des Nationalsozialismus wurden bis auf einige wenige Ausnahmen nicht thematisiert. Außerdem herrschte die Kunstrichtung der Abstrakten vor, so daß das Kreuzzeichen gerade noch als autonome Form in öffentlichen Gedenkstätten der zeitgenössischen Mode entsprach“ [Hof86, S. 106].Auch verbale Mahnungen zum Frieden kommen in Kriegerdenkmalen der Nachkriegszeit oft vor, doch meist „steht nicht in den Inschrifttexten, auf welche Weise die Wahrung des Friedens geschehen solle“ [Lur87, S. 344]. Offen bleiben Fragen nach Hintergründen, Ursachen und Verantwortlichen des Zweiten Weltkriegs. Lurz erklärt, wie die Reduktion der Denkmale auf abstrakt-symbolische Formen mit der Konzentration ihrer Aussagen auf Inschriften zusammenhängt: „Vereinfacht gesagt, in der Abkehr vom Realismus und Neoklassizismus des Dritten Reichs verzichtete man auf Eindeutigkeit in den Formen und reduzierte die Aussage auf ihre verbale Formulierung. [...] Seit den Befreiungskriegen erheben die Denkmäler als Sprachrohr der Toten Forderungen an die Überlebenden. Charakteristisch sind dabei der normative Anspruch und die Kontinuität der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Bis zum Ende des Nationalsozialismus bestand die Forderung für die Zukunft in der Nachfolge der Gefallenen. Insofern erhoben die Toten, bzw. die Denkmäler als ihr vorgebliches Organ, eine Mahnung zur Nacheiferung [..]. Nach dem 2. Weltkrieg kam sogar diese noch vor. Häufig aber wurde lediglich der Blick in die Zukunft zu einer Mahnung zum Frieden umgedeutet. Auch dabei blieb die Appellstruktur als solche erhalten, ja es war sogar wie im Dritten Reich noch immer von einer Mahnung die Rede, auch wenn deren Inhalt scheinbar gegensätzlich ausfiel. Scheinbar deswegen, weil in aller Regel nur vom Frieden geredet wurde, ohne eine Perspektive zu seiner Verwirklichung aufzuweisen. In den fünfziger Jahren stellten die Denkmäler noch eine unspezifische Aufforderung zur Pflichterfüllung in der [!] Vordergrund. Diese Pflicht nahm in den sechziger Jahren den Frieden zu ihrem Ziel.Lehren: Da Rielasingen das Nachkriegsproblem erspart blieb, wie es mit einem NS-Kriegsmal umgehen solle, konnte es sein erstes, christlich beeinflusstes Kriegerdenkmal dem Traueraspekt widmen und ein zweites dem christlichen Trost. Für solch eine Lösung ist in Radolfzell die Zeit abgelaufen. Quellen[Hof86], [Lur87]
Genealogische Gesellschaft Hamburg e.V., W. Leskovar:
Oliver Fiedler: HilzingenDie allgemeinen Bemerkungen zum zweiten Rielasinger Kriegerdenkmal lassen sich an dem in Hilzingen nach dem Zweiten Weltkrieg im Friedhof errichteten Denkmal prüfen. Die Gemeinde informiert in ihrem Webauftritt nicht über ihr Kriegerdenkmal, bei dem sie an Volkstrauertagen Gedenkfeiern durchführt – vier Steinkreuze, vor denen eine rechteckige Steinplatte liegt mit der Inschrift„1914–18 ✚ 1939–45
Mahnkreuze mit Mahnplatte
Die beiden Denkmale in Rielasingen und Hilzingen vergleichend erkennt man Gemeinsamkeiten und Unterschiede:
QuellenGenealogische Gesellschaft Hamburg e.V., W. Leskovar:Hilzingen, Kreis Konstanz, Baden-Württemberg denkmalprojekt.org/ohne_namen/hilzingen_wk1u2_on_bw.htm NeuhausenEin weiteres steinernes Kriegerdenkmal aus der Weimarer Zeit steht im Ortsteil Neuhausen von Engen auf einer Verkehrsinsel an der Lindenstraße, ohne dass der Webauftritt der Gemeinde darüber informiert. Dieses Kriegerdenkmal wurde 1923 in der Ortsmitte vor der Friedenslinde von 1871 errichtet; der an seinem Fuß eingebaute Brunnen ist verschwunden (Hotz, S. 299). Auf einem fünffach gegliederten, zwei Meter hohen Sockel kniet ein Soldat, der ein Gewehr mit beiden Händen hält. Die fast völlig unleserliche Inschrift auf der Vorderseite des Sockels lautet(e)„Weltkrieg
Vor stattlichem Baum, von Bäumchen flankiert, mit Blumen geschmückt:
unleserliche Namen, die im Gedächtnis bleiben sollen
Der steinerne Neuhauser Soldat hat einen bronzenen Zwillingskameraden, der auf einem Zementsockel vor dem Kirchturm in Stapel im Amt Neuhaus/Landkreis Lüneburg kniet. Das spendenfinanzierte Kriegerdenkmal zum Ersten Weltkrieg wurde 1921 eingeweiht, die Bronzefigur in den 1940ern von Metall-zu-Kanonen-Aktionen der Nazis verschont, 1948 aufgrund der Kontrollratsdirektive Nr. 30 heruntergenommen und zum Volkstrauertag 1993 wieder aufgestellt [VDK19, S. 21]. Beim Neuhauser Kriegerdenkmal finden Gedenkfeiern an Volkstrauertagen seit Jahren nicht mehr statt.
Anders als der tote Rielasinger Held ist der Neuhauser Soldat lebend unverletzt aus dem Weltkrieg heimgekehrt. Demütig kniet er nieder, senkt den Kopf und die Lider. Dankt er seinem Gott fürs Überleben? Trauert er um seine toten Kameraden? Hat er die Hände zum Gebet gefaltet? Seinem Gesichtsausdruck nach scheint er nicht auf Rache zu sinnen. Doch das Gebot „Helm ab zum Gebet!“ hat er nicht beachtet. Das Gewehr hat er nicht von sich geworfen. Mit dem linken Bein ist er bereit, aufzustehen. Wird er wieder kämpfen? Gehört diese Skulptur zum Denkmaltyp „trauernder Kamerad“, der sich in ländlichen, religiös geprägten Gegenden bis in die NS-Zeit hielt [Lur86, S. 30]?
Auch dieses Kriegerdenkmal erweiterte man nach dem Zweiten Weltkrieg zu einem Kombi-Denkmal für beide Weltkriege, und zwar recht kostengünstig, indem man den Löwenkopf vor dem Sockelfuß mit einem Holzbrett umgab, auf das man „1939 ∼ 1945“malte, gefolgt von 15 Namen, wobei offen ist, ob darunter SS-Angehörige sind.
Brüllende Löwen auf Kriegerdenkmalen des 19. Jahrhunderts sollten Wehrkraft demonstrieren und den Feind erschrecken. Das zur Weimarer Zeit antiquierte Symbol hielt sich in ländlichen Gegenden. Der Neuhauser Löwe allerdings brüllt nicht, sondern scheint über den Halsschmuck zu rätseln, der nur Zahlen und Namen nennt, keine Worte für Helden, Ruhm, Ehre und Dank findet.
Da der Stifterkreis dieses Kriegerdenkmals die Gemeinde ist, drücken sich darin verschiedene Interessen aus. Der Erinnertenkreis umfasst die namentlich gelisteten toten Soldaten der beiden Weltkriege. Das Denkmal kombiniert die militärischen Symbole Löwenkopf und Kanonenkugeln mit einer mehrdeutigen Soldatenfigur ohne explizite christliche Symbole. Das ergänzende Brett zum Zweiten Weltkrieg bleibt sprachlos, sein Trauer- und Trostgehalt ist gering. Quellen[Lur86], [VDK19]
Genealogische Gesellschaft Hamburg e.V., W. Leskovar:
Joachim Hotz: Hotz nennt für Neuhausen diese Quellen: DuchtlingenDas Motiv des Neuhauser Kriegerdenkmals, ein kniender Soldat mit Gewehr, kehrt in dem Denkmal wieder, das im Hilzinger Ortsteil Duchtlingen unterhalb der Stützmauer des Hofs der katholischen Pfarrkirche St. Gallus und Rochus steht. Der Duchtlinger Soldat kniet auf einem quaderförmigen Sockel, der durch ein zweistufiges Podest erhöht ist. Der Sockel trägt vorne die Inschrift„ZU EHREN DER GEFALL. HELDENan der rechten Seite (von vorn gesehen) „AUF DEM FELDE DER EHRE FIELEN“,gefolgt von 17 schwer leserlichen Namen, geordnet nach Jahreszahlen.
Im Vergleich mit dem Neuhauser Denkmal sieht „das Duchtlinger Denkmal [..] ganz anders aus und ist auch bewusst viel militaristischer und revanchistischer, weil es in der NS-Zeit aufgestellt wurde und bereits Teil der NS-Kriegsvorbereitungspropaganda war“Die Aussage wird durch diese Unterschiede gestützt:
Auch dieses NS-Kriegsmal erfuhr nach dem Zweiten Weltkrieg eine Erweiterung zu einem Kombi-Denkmal für beide Weltkriege, indem man neben beide Seiten Steinquader stellte mit den Inschriften links „ZUM ANDENKEN AN DIE GEFALLENENund rechts „ZUM ANDENKEN AN DIE VERMISSTENunter die man jeweils eine aus einer Schale steigende Flamme ritzte, die an die Feuersymbolik der NS-Aufmärsche erinnert. Ohne Eiserne oder christliche Kreuze ergänzte man auf der linken Seite des Sockels „DIE KRIEGSTEILNEHMER“,gefolgt von 77 schwer leserlichen Namen, geordnet nach Jahreszahlen, wobei offen ist, ob sich darunter SS-Angehörige befinden. Zwar wurden Helden zu Kriegsteilnehmern, Gefallenen, Vermissten; Ehre und Dank zu Andenken, doch die ergänzenden Steinquader wirken eher als apologetische Verstärkung des NS-Kriegsmals, als dass man sie als Gegendenkmal interpretieren könnte.
Der Webauftritt der Gemeinde informiert nicht über das NS-Relikt, an dem an Volkstrauertagen regelmäßig Gedenkfeiern stattfinden.
Am Weg zum Duchtlinger Friedhof steht ein Steinkreuz mit einem metallenen gekreuzigten Christus, sich wie beim Eisernen Kreuz nach außen verbreiternden Balken, und der Sockelinschrift „Getreu bis in den Tod! Off. 2.10
Vermutlich fand die Familie Auer über den Soldatentod von drei Angehörigen, deren Namen nicht auf dem revanchistischen NS-Kriegsmal bei der Kirche stehen, dort keinen Trost, sodass sie in ihrem christlichen Glauben Trost suchte. Wie schwer ihr das fiel, drückt die Inschrift aus. Das Zitat aus der Offenbarung offenbart Verwirrung über den Unterschied zwischen Treue zum Naziregime und Treue zu Gott. Meinhold Lurz führt zum „christlichen Fatalismus“ aus: „Gibt man dem Kriegsgeschehen einen christlichen Sinn, entsteht das Problem, letzten Endes den allmächtigen Gott als seinen Urheber annehmen zu müssen. Dieser Konflikt entsteht unabhängig von einer konfessionellen Festlegung“ [Lur87, S. 352].Weitere Exemplare privater Kriegstotenkreuze stehen bei Weiterdingen am Mühlhauser Sträßchen (Erster Weltkrieg, dem Andenken eines Opfers einer Granatexplosion gewidmet ist die Fehldeutung oder Fälschung einer Stelle des Johannes-Evangeliums: „Wie Gott sein Leben für uns hingab, so sollen auch wir für die Brüder das Leben laßen. Joh. 3, 16.“), zwischen Weiterdingen und Welschingen beim Goethe-Stein (Erster Weltkrieg, nur durchs Kreuz erlangst dus ewge Licht) und bei Tengen an der Leipferdinger Straße (Zweiter Weltkrieg, klag deinem Heiland dein Leid und Schmerz, er tröstet dann dein armes Herz). Lehren: Der Trauer- und Trostgehalt des Duchtlinger NS-Ensembles ist minimal, der des privaten Totenkreuzes fatalistisch. Aufklärungsgehalt ist nicht zu erkennen. Jedoch kann Radolfzell von Duchtlingen lernen, dass man ein NS-Kriegsmal nicht dauernd striegeln, schniegeln und berosen muss, da Flechten und Moose es kostenlos entmartialisieren. Quellen[Lur86], [Lur87], [Vog93]
Genealogische Gesellschaft Hamburg e.V., W. Leskovar: AachNach dem Krieg ist vor dem Krieg. Wie die Kriegerdenkmale in Neuhausen und Duchtlingen zeigt das in Aach einen Soldaten mit Gewehr, doch nicht kniend nach der Schlacht, nach dem Krieg, sondern stehend auf halber Höhe über dem Dorf, unterhalb der Bergstadt, an einem geschichtsträchtigen Ort [Lur86, S. 255]. Der Soldat hält Wacht, schützt die Gemeinde vor dem Feind, schenkt den Bürgern Sicherheit – so sein Propagandaauftrag. Die wuchtige fünfschichtige Steinquaderstele mit der vorgestellten halbplastischen Soldatenfigur wurde in der NS-Zeit auf einer Terrasse an einer Bergwegkreuzung zwischen den Ortsteilen vor einem antikisierenden Halbrund errichtet, das für nazistische Massenaufmärsche Platz bot. Die Stele trägt vorne hoch über dem Soldaten die Aufschrift„EHRE UNDder Sockel darunter „1914–18.“.
Wachposten vor dem Aufgang zum Unteren Stadttor der Altstadt
An der Stelenrückseite trägt eine vorgestellte Steintafel die Inschrift „SÖHNE DERan den Seiten listen Steintafeln 43 Namen und Todesdaten, geordnet nach den Jahreszahlen 1914 bis 1918.
Als die Nazis 1936 dieses Kriegsmal bauten, benutzte Hitler öffentlich noch die Friedensrhetorik, um das besorgte Ausland zu beschwichtigen, während er heimlich die Kriegsvorbereitungen vorantrieb. Nicht zufällig steht „EHRE“ vor „FRIEDEN“, denn vorrangig ging es den Nazis darum, den Militarismus zu verherrlichen. Der „HEIMAT“-Bezug sollte ihre Großmachtsucht verschleiern, die familiäre Kontinuität von „VÄTERN“ zu „SÖHNEN“ die mythische Kriegsbegeisterung von 1914 heraufbeschwören.
Der Soldat symbolisiert Wehrhaftigkeit. Noch hält er sein Gewehr bei Fuß, aber zweifellos ist er bereit, auf Befehl des „Führers“ zu marschieren und zu schießen. Wie seine beiden Kriegerdenkmal-Kameraden von 1934 am Obertorturm in Marbach am Neckar, siehe [Kro].
Das NS-Kriegsvorbereitungsmal funktionierte man nach dem Zweiten Weltkrieg zu einem Kriegsnachbereitungs- und Kombi-Denkmal für beide Weltkriege um, indem man hangseitig rechts und links vor die Stele und neben zwei aussichtsreiche Sitzbänke je zwei rechtwinklig angeordnete freistehende Steinwände aufstellte, je eine mit einem Bild und eine mit Namenslisten. Die linke Inschriftwand beginnt mit „+ STADT AACH / HEGAU + GEFALLENE UNDgefolgt von 92 Namen bis zur rechten Inschriftwand, geordnet nach „GEFALLENEN“ und „VERMISSTEN“ und Jahreszahlen von 1939 bis 1947, wobei offen ist, ob sich darunter SS-Angehörige befinden.
Man verzichtete auf militärische Symbole wie Eiserne Kreuze, die Kreuze zwischen den Totennamen lassen sich als Pluszeichen deuten. Motive christlicher Kunst beeinflussten die Bilder ziviler Menschen auf den äußeren Steinwänden. Links tröstet ein alter Mann (Vater) eine junge Frau (Tochter), die um ihren toten Soldatenmann trauert, rechts tröstet eine alte Frau (Mutter) eine junge trauernde Frau (Tochter) und ein Kind (Enkel). Männer der mittleren Generation kommen nicht vor, sie sind „im Krieg geblieben“. Der Traueraspekt überwiegt; nur die alten Menschen versuchen, Trost zu spenden. In Nachkriegsdenkmalen „die Relation von Trauer und Trost“ untersuchend bemerkt Meinhold Lurz, „daß in den Formen nach dem 2. Weltkrieg sehr viel mehr Leidensmotive (trauernde Frauen, Leidensweg Christi etc.) auftraten, als Motive der Erlösung (Jüngstes Gericht, Opfertod Christi). [...] Im Unterschied zu den Denkmälern des Dritten Reichs und den Monumenten konservativer Stifter in der Weimarer Republik wurde in der Bundesrepublik der Blick von den aktiven Soldaten auf die passiven Hinterbliebenen gewendet. Traten damals in den Formen zahlreiche Kämpfer mir [!] revanchistischen Absichten auf die Denkmalssockel, so jetzt die trauernden Angehörigen der Toten. Dabei läßt sich im Verhältnis von Formen und Inschriften eine eigenartige Rollenverteilung feststellen. In den Formen tauchen nämlich sehr viel mehr Leidensmotive als Hinweise auf die Erlösung auf“ [Lur87, S. 398].Lurz’ Feststellung bestätigt sich in Aach bei den Bildern, aber nicht bei der Inschrift, die auf ein tröstendes Bibelzitat verzichtet, sodass sich „die Relation von Trauer und Trost“ zur Trauerseite neigt. Zwar fügen sich die ergänzten Steinwände architektonisch in das NS-Kriegsensemble ein, doch da dieses kein Trauermotiv zeigt, kann man die Bildteile der Nachkriegsergänzung durchaus als eine Art zaghaftes Gegendenkmal dazu deuten, allerdings ohne Aufklärungsgehalt. Der Webauftritt von Aach bietet außer einem historischen Foto vom „Kriegerdenkmal auf dem Stadtberg“ weder Informationen über das NS-Relikt noch über das Zusatzdenkmal. Auf der gepflegten Denkmalanlage erklärt keine Informationstafel ihren geschichtlichen Hintergrund. So dient sie der Gemeinde als Veranstaltungsort an Volkstrauertagen, um sich einmal jährlich „dem besonderen Gedenken an die unzähligen Opfer von Krieg, Gewalt und Terror“ zu widmen. Lehren: Frei nach Tucholsky liegt das Niveau der Aacher Erinnerungskultur zum NS-Kriegsmal so tief wie dieses hoch über der Aach. Deshalb kann Radolfzell von Aach nichts lernen. Eher umgekehrt. Quellen[Kro], [Lur86], [Lur87]
Kurt Landolt:
Genealogische Gesellschaft Hamburg e.V., W. Leskovar: KonstanzWie Aach besitzt Konstanz eine in der NS-Zeit errichtete Steinquaderstele mit einem Soldaten in Mantel und Helm. Das als „Chérisy-Soldat“ bekannte NS-Relikt steht im Ortsteil Fürstenberg an der Ecke Chérisy-/Bückle-/Oberlohn-Straße am südlichen Eingang des nach der ehemaligen Chérisy-Kaserne benannten Areals.
Teilen sich der Aacher Wachposten am Berg und der Konstanzer Fahnenträger vor dem Chérisy-Areal die Stelenform, so unterscheidet sich die Konstanzer Komposition doch sichtbar von der in Aach:
Der Soldat vor dem Studentenwohnheim zieht in den Krieg – ob ihm Studenten folgen?
Unterschiede erklären sich durch die Adressaten und den Zweck der Konstanzer Soldatenstele. Die Nazis stellten sie im März 1938 vor die Chérisy-Kaserne, die dritte Konstanzer Kaserne, die sie nach der Wiedereinführung der Wehrpflicht im März 1935 ab Februar 1936 zügig gebaut und im Januar 1937 bezogen hatten. Somit richtete sich der Fahnenträger als Propagandist der Remilitarisierung und direkten Kriegsvorbereitungen an die dort kasernierten Soldaten. Um diese für den geplanten Krieg zu motivieren, suchten die Nazis nach Ruhmestaten Konstanzer Helden im Weltkrieg, und fanden eine im nordfranzösischen Dorf Chérisy, „wo das Konstanzer Infanterie-Regiment 114 im April 1917 einen britischen Angriff abgewehrt hatte“ (Infotafel). Die Verluste der 114er – über 3000 Tote, 9000 Verwundete und Verstümmelte (SK 14.08.2014) – durch Namenslisten an der Stele zu präsentieren erschien nicht opportun. Zur Fertigstellung der Skulptur verschleierte die Konstanzer Zeitung/Bodensee-Rundschau am 11. März 1938 – Goebbels’ Propagandamuster folgend – die Kriegsziele mit Friedensrhetorik, garniert mit Waffengeklirr: „Der Fahnenträger an der Chérisykaserne versinnbildlicht die zukunftsbedeutsamen Entscheidungen des Führers an den Märztagen 1936, in welchen Adolf Hitler die düsteren Wolken von Versailles mit dem blanken Schwert der Ehre durchstieß und damit seinem Volke und der Welt den Weg zur Freiheit und zum Frieden zeigte“ (zit. n. Wiesenbacher 2018, S. 276).
Zukunftsweisend oben: Vier Meter hoher Muschelkalksoldat auf sechs Meter hoher Stele
Der Chérisy-Soldat lässt sich als Regimentsdenkmal kategorisieren (ein in den 1920er Jahren verbreiteter Denkmaltyp, dessen Motive NS-Kriegsmale beeinflussten [Lur86, S. 29]). Sein Bezug zur Kaserne ist direkter als der des Radolfzeller NS-Kriegsmals zur SS-Kaserne. Durch das Motiv des Fahnenträgers scheint der Chérisy-Soldat von der linken Hälfte des Radolfzeller Soldatenduos geklont, doch da dieses erst im Mai 1938 eingeweiht wurde, könnte es auch umgekehrt gewesen sein. Sicher ist, dass der Konstanzer Bildhauer Paul Diesch (1884–1953) den Chérisy-Soldaten schuf und die Radolfzeller Skulptur nach dem Entwurf von Wilhelm Kollmar meißelte (s. Beschreibung). Nicht geklont sind die Spitzen der Fahnenstangen: Die in Radolfzell umschließt ein Eisernes Kreuz, die in Konstanz einen Reichsadler mit Hakenkreuz. Als motivisches Vorbild für den Chérisy-Soldaten könnte der Fahnenträger von 1934 gedient haben, der in Meßkirch auf einer acht Meter hohen Stele das Kriegerdenkmal in der Kirchstraße dominiert, siehe [Kro]. Er marschiert nicht, sondern steht im Kontrapost, hält die Fahne mit einer Hand und ballt die andere zur Faust. Ein weiteres Kriegsmal dieser Art „mit einer von Kriegsstürmen (noch) unbewegten Fahne“ wurde 1936 in Suttrop bei Soest enthüllt: Auf einem sandsteinverkleideten Sockel steht breitbeinig ein bronzener, „überlebensgroßer Krieger mit geschwellter Brust, zeitgenössischem Stahlhelm, den Kopf trotzig auf die festumschlossene, aufrechtgehaltene, ruhig hängende Fahne gerichtet, in der Linken ein Lorbeerkranz“ [Vog93, S. 172–173].
Die französischen Truppen, die von Juni 1945 bis 1977 in der Kaserne weilten, ließen das NS-Kriegsmal stehen. Als die Stadt 1981 begann, das Areal zivil umzunutzen und ab 2014 Studentenwohnheime hineinbaute, entwickelte sich eine öffentliche, von Plakat- und Farbaktionen angeregte Debatte darüber, wie mit dem NS-Relikt umzugehen sei. Kritiker wollten es umgestalten, versetzen oder abreißen, das Landesdenkmalamt stufte es als erhaltenswertes „unbequemes Denkmal“ ein (SM 22.05.2015). Schließlich sandstrahlte die Stadt den Soldaten, sanierte den Sockel und montierte im November 2016 beidseitig die erklärende, nicht mahnende Tafel „DER FAHNENTRÄGER vor der ehemaligen Chérisy-Kaserne“,deren Text der Historiker und Stadtarchivar Dr. Jürgen Klöckler verfasst hatte. Auch der städtische Webauftritt informiert über den Chérisy-Soldaten, wenn auch nicht brandaktuell, da er nicht mitgekriegt hat, dass die Infotafel seit drei Jahren installiert ist, und deren Text nicht bringt (Zugriff 28.10.2019).
Als direkter Kriegsanreiz brauchte der Chérisy-Soldat keine Namenstafeln an seiner Stele. In Franzosenhand blieb ihm die Umfunktionierung zu einem Kriegsfolgen- und Kombi-Denkmal mit Totenlisten erspart, sodass die Frage entfällt, ob sie SS-Angehörige enthalten. Bei ihm wurde kein Volkstrauertag zelebriert, kein Neonazi-Aufmarsch bemerkt. Trotzdem ist er kaum weniger umstritten als das Radolfzeller NS-Kriegsmal.
Der Verlauf der Debatte zum Chérisy-Soldaten sei mit Zitaten verdeutlicht. Im August 2014 teilt der städtische Pressesprecher Ulrich Hilser mit: „»Der Soldat ist ein Zeugnis seiner Zeit und sollte aus Sicht der Stadt als Mahnmal gekennzeichnet werden«“ (SK 30.08.2014).Wozu das NS-Zeitzeugnis heute mahnen soll, meldet der Südkurier nicht – von 1938 bis 1945 mahnte es die Soldaten der Chérisy-Kaserne, den 114ern nacheifernd in den Heldentod zu marschieren. Ebenso offen bleibt, mit welchen Kennzeichen eine voluntaristische Instrumentalisierung zu bewerkstelligen sei. Zwei Tage vor dem Antikriegstag 2014 kennzeichnet die Konstanzer Friedensinitiative die Stele mit einem „Verhüllungskunstwerk“ in Form einer Plastikplane, auf der „Propaganda – Realität“ zu lesen und „ein vekrüppelter Soldat als Abbild des kraftstrotzenden Stein-Kriegers“ zu sehen ist (SM 31.08.2014); ein rot ummantelter Friedenspriester verflucht den Soldaten mittels Klobürsten-Sprenkeleien (Schluroff 31.08.2014). Monate später empfiehlt der Konstanzer Kulturausschuss dem Gemeinderat, am Chérisy-Soldaten eine Erläuterungstafel anzubringen. Die Friedensinitiative sieht „diese Empfehlung als bedauerliche politische Fehlleistung“, da „eine bloße Informationstafel angesichts der riesigen Ausmaße des "Soldaten" nur eine Alibi-Funktion haben“ könne (SM 09.12.2014).
Wo einst deutsche und französische Soldaten wohnten, residiert jetzt ein Karate+Fitness-Studio.
Nach einem umstrittenen Textentwurf von Jürgen Klöckler für die Erläuterungstafel (SM 12.05.2015) fordert die Friedensinitiative im Juni 2015 „einen historisch, politisch und kulturgeschichtlich angemessenen Umgang“ mit dem „militaristischen Nazi-Denkmal“. Da man sich einem angemessenen Umgang nicht durch eine Texttafel, sondern „nur durch eine ernsthafte Diskussion annähern“ könne, fordert sie „eine Podiumsdiskussion, beispielweise mit ausgewählten Historikern und Kulturwissenschaftlerinnen, über die Bedeutung des "Chérisy-Soldaten" und anderer Nazi-Relikte, mit anschließender öffentlicher Diskussion“, auf deren Basis dann „eine Ausschreibung zu Vorschlägen für eine "Kenntlichmachung" / Umgestaltung erfolgen“ könne. (SM 19.06.2015) Maik Schluroff ergänzt: „Keine Einzelperson und kein Ausschuss kann eine abschließende Lösung für den Umgang mit diesem Monstrum dekretieren: die kann nur aus der Debatte entstehen, einer Debatte, an der nicht nur Historiker ("Wann ist der Soldat entstanden und wer hat ihn erstellt?"), sondern auch Kulturwissenschaftler ("Erinnerungskultur: Wie mit der Vergangenheit umgehen?") und Kunsthistoriker ("Was sieht wer in dem Denkmal?") beteiligt werden sollten.
Der neben die Stele gepflanzte Baum kann den Fahnenträger in einigen Jahren verstecken.
Im November 2015 einigt sich der Kulturausschuss auf eine bearbeitete Textfassung für die Erklärtafel, die nicht erklärt, aufgrund welcher Merkmale das NS-Kriegspropagandaobjekt ein erhaltenswertes Denkmal sei. Im August 2016 erinnert die Konstanzer Kunstgruppe „Freie Konst“ mit einem Redo der Plakat+Klobürste-Aktion an die fehlende Texttafel. (SK 29.08.2016)
Wenige Monate nach ihrer Installation am erneuerten und herausgeputzten NS-Relikt werden die Tafeln von Unbekannten aus ihrer Verankerung gebrochen und zerstört (SM 27.07.2017). Die Ersatztafeln aus widerstandsfähigerem Material werden zwei Tage nach ihrer Anbringung von Unbekannten entwendet (SM 05.09.2017). Die Täter und ihre Motive vermutet man im rechtsextremen Milieu. Die Ereignisse um den Chérisy-Soldaten zeigen, dass die Universitätsstadt Konstanz beim Umgang mit ihrer NS-Geschichte Konflikte bewältigen muss – mehr als eine beschauliche kleine Gemeinde. Die vielfältigen Sichtweisen der Interessengruppen inner- und außerhalb städtischer Gremien führen zu widersprüchlichen Maßnahmen. Die Sandbestrahlung des verschmutzten Soldaten tendiert zu apologetischem Bewahren, das Soldatentümler ergötzt. Das Pflanzen eines Baums direkt neben der Stele zielt darauf, das „unbequeme Denkmal“ bequem zu verstecken, lässt sich also als schamvolles Verdrängen einordnen. Als weniger schamvoll erscheint die architektonische Kombination der Stele mit einem Fahrradschuppen und soldatenartig aufgereihten Müllbehältern. Das Anlegen eines Spielplatzes neben dem NS-Relikt deutet auf undurchdacht schamloses So-tun-als-ob-es-nicht-da-wäre. Dagegen stellen die Texttafeln einen Versuch dar, das NS-Erbstück aufklärend zu dekontextualisieren. Protestierendes Beschädigen kommt in zwei Varianten vor: Wen Sätze wie „Der Fahnenträger vor der ehemaligen Chérisy-Kaserne [steht] für nachfolgende Generationen sinnbildlich für Militarismus, Chauvinismus, Krieg, Leiden und Tod“ (Infotafel)stören, der zerstört oder stiehlt die Infotafel und verursacht der Stadt Kosten für die Wiederbeschaffung. Wen das Sinnbild für Militarismus usw. stört, der malt Graffiti oder wirft Farbbeutel drauf und verursacht Striegel- und Schniegelkosten. Lehren: Da sich Konstanz mit seinem NS-Relikt ähnlich schwertut wie Radolfzell mit seinem, fragt sich, was Radolfzell von Konstanz lernen kann:
Quellen[Kro], [Lur86], [Vog93]
Stadt Konstanz:
Daniel Kuppel:
Tobias Engelsing:
hpk: Fahnenstange zu Krücke, Arm verbunden – so entwarf der Tuttlinger Künstler Andreas Schönian in den 1980ern eine Umgestaltung des Steinsoldaten. Weitere historische Vorschläge dazu.Claudia Wagner: Steinsoldat bei Chérisy-Kaserne soll erhalten bleiben Südkurier (30.08.2014) suedkurier.de/archiv/region/kreis-konstanz/konstanz/art1360087,7210530
Maik Schluroff: „Aktion anlässlich des Antikriegstags 2014: Gegenentwurf zum Soldatendenkmal an der Cherisy-Kaserne Konstanz“hpk: Chérisy-Soldat mit neuem Beinkleid SeeMoZ (31.08.2014) seemoz.de/lokal_regional/cherisy-soldat-mit-neuem-beinkleid
hpk:
Philipp Zieger:
Peter Müller-Neff, Günter Beyer-Köhler:
PHZ:
Linke Liste Konstanz:
PM/hpk:
hpk:
hpk:
hpk:
Anke Schwede, Holger Reile, Hans-Peter Koch, Marco Radojevic:
Maik Schluroff: Kommentiert die Debatte des Kulturausschusses des Konstanzer Gemeinderats zur Erläuterungstafel kritisch. Enthält die „Medienmitteilung Konstanzer Friedens-Initiative: Nazi-Denkmäler kenntlich machen“ und Diskussionsbeiträge.Philipp Zieger: Steinsoldat an der Chérisy: Warten auf die erklärende Tafel Südkurier (25.07.2016) suedkurier.de/region/kreis-konstanz/konstanz/Steinsoldat-an-der-Cherisy-Warten-auf-die-erklaerende-Tafel;art372448,8823414
hpk: Skizziert die Geschichte des Umgangs mit dem „hässlichen“, „gruseligen“, „kriegsverherrlichenden“ „Soldaten-Schandmal“.Claudia Rindt: Künstler protestieren: Am Nazi-Soldatendenkmal fehlt immer noch die versprochene Erklärtafel Südkurier (29.08.2016) suedkurier.de/region/kreis-konstanz/konstanz/Kuenstler-protestieren-Am-Nazi-Soldatendenkmal-fehlt-immer-noch-die-versprochene-Erklaertafel;art372448,8876422
Maik Schluroff: Kritisiert das „Aufpolieren der Statue“ und die „wenig aussagekräftige Erläuterungstafel“ als „ästhetisch gelungen, politisch missraten“ und warnt vor schlimmen Folgen.hpk: Vandalismus am Schandmal SeeMoZ (27.07.2017) seemoz.de/lokal_regional/vandalismus-am-schandmal
Anke Schwede, Holger Reile, Simon Pschorr:
Maik Schluroff, Anke Schwede, Holger Reile, Simon Pschorr: Bringt die Stellungnahmen der Friedens-Initiative (FI: Rubbel die Katz am Chérisy-Soldaten) und der LLK Konstanz (LLK und Linke fordern Konsquenzen [!]) zur zweiten Vandalisierung der Infotafeln.Patrick Wiesenbacher: Wehrmacht – Französische Besatzung – Studenten: Konstanzer Umbruchzeiten am Beispiel der Chérisy-Kaserne hegau, Zeitschrift für Geschichte, Volkskunde und Naturgeschichte des Gebietes zwischen Rhein, Donau und Bodensee, Themenband »Umbruchzeiten«, Jahrbuch 75/2018, Hegau-Geschichtsverein e.V., Singen/Hohentwiel, S. 271–284 v. 320 Schildert die Geschichte des Chérisy-Areals „zwischen nationalsozialistischem Rüstungswahn und alternativen Studenten- und Wohngemeinschaften“, wobei der „steinerne Soldat am einst streng bewachten Kaserneneingang“ als „Kunstwerk“ und „Streitobjekt“ 17 Zeilen und drei Fotos erhält. EngenDas 1936/37 errichtete NS-Kriegsdenkmal in Engen steht bis heute beim verschwundenen Obertor in der exponierten Ecke des alten Stadtgartens vor dem Steilhang. Der rund ein Meter hohe Sockel mit trapezförmigem Grundriss trägt eine massige, rund zwei Meter hohe Skulptur aus Tengener Muschelkalkstein, die allansichtig freisteht. Ihre Kontur ist blockhaft geschlossen, ihre Oberfläche rau, porös, kalksteinfarben. Das Motiv ist eine überlebensgroße Figur aus zwei marschierenden Soldaten mit Fahne und Gewehr, deren Stil dem des Radolfzeller Soldatensteins ähnelt. Die Frontseite des Sockels trägt mit Metalllettern die Aufschrift „DEN TOTEN / BEIDER / WELTKRIEGE“, die offenbar nicht aus der NS-Zeit stammt. An den Sockelseiten sind Inschriften erkennbar: „E. GUTMANN BILDH. 1.IV.36 / E. BOTTLING ARCH. / AUSFÜHRUNG RUPP u. MÖLLER“. Namen von Toten sind unleserlich. Der Karlsruher Bildhauer Egon Gutmann (1894–1955) und der Engener Architekt Bottling lieferten den Entwurf (Hotz, S. 280). Der Karlsruher Kollmar kannte ihn wohl, als er für Radolfzell loslegte.
Ähnlichkeiten bei den Engener und Radolfzeller Soldatenduos sind offensichtlich: Mit Helm, Mantel, Stiefel, Gürtel, Fahne, Gewehr marschieren sie starren Blicks dem Feind entgegen. Aus bildhauerischen Gründen hat bei beiden Duos der figürlich linke Soldat den rechten Fuß vorne, der rechte den linken. Beide Denkmale lassen sich nach Meinhold Lurz dem Denkmaltyp „Sturmtrupp beim Marsch“ im Stil des NS-Pseudo-Realismus zuordnen [Lur86, S. 137, 141, 155]. Sie teilen auch ihre Lagen vor geschichtsträchtigen Stadttoren, von wo sie heimatschützend in den Krieg ziehen [Lur86, S. 255].
Auch Unterschiede sind festzustellen. Formal die Spiegelung: In Engen trägt der figürlich linke Soldat die Fahne und der rechte das Gewehr, in Radolfzell ist es umgekehrt. Die Engener Soldaten sind zwei Jahre älter und zwei Meter kleiner als die Radolfzeller und aus drei statt vier Blöcken zusammengesetzt. Die SS-Garnisonsstadt begnügte sich weder mit einem Mini-„Ehrenmal“ noch mit einer doppelt so großen Kopie. Als das Engener Kriegsmal entstand, sprach Hitler noch vom Frieden. Von 1936 bis 1938 verstärkten die Nazis ihre Kriegsvorbereitungen und -propaganda. Hält der Engener Fähnerich eine kurze Fahnenstange ziemlich schräg, sodass die Fahne bis zu den Kniekehlen hinunter schlafft, so trägt der Radolfzeller eine doppelt so lange Stange steil, sodass die Flagge über den Helmen flattert. Hat der Engener Infanterist sein Gewehr geschultert, sodass es auf Fotos kaum auffällt, so ist der Radolfzeller bereit, sofort zu schießen, denn der Krieg naht. Zwei spiegelbildlich geschulterte Gewehre erscheinen 1936 auch am Weinheimer NS-Mal. Anders variiert den Engener Gewehrträger das NS-Kriegerdenkmal von 1937 in Odenheim (Kreis Karlsruhe). Dort schultert ein Frontkämpfer ein leichtes Maschinengewehr Typ 08-15 und marschiert mit erhobener Linken forschen Schritts über einen französischen Helm [Lib14, Abb. 172, S. 280].
Auch das Engener NS-Kriegsmal war einst Nazikultstätte, als Volkstrauerfeierort diente es letztmals 2008. Dann entschied sich Engen dafür, das NS-Relikt zu dekontextualisieren. Die Tafeln mit den Namen der toten und vermissten Soldaten kamen an die Außenwand der Friedhofskapelle (67 Erster, 147 Zweiter Weltkrieg, wobei offen ist, ob sich darunter SS-Angehörige befinden). Inkonsequenterweise blieb die Totenwidmung am Sockel. Ein aufklärender Kontext wurde bisher nicht hergestellt, es gibt keine Informationen zur Geschichte des Denkmals, das funktionslos zwischen Bäumen steht, weder auf einer Tafel daneben noch im städtischen Webauftritt. (Zum 2021 angebrachten Täfelchen s. 24. November 2020.) Hier hat Radolfzell mit seinen unleserlichen Informationstafeln die Nase etwas vorn. Gleichauf liegen Engen und Radolfzell darin, dass sie ihre NS-Kriegsdenkmale als nicht sehenswert unter Tourismus & Kultur verschweigen.
Friedenszeichen: Im Auftrag der Stadt Engen gestaltete die Künstlerin Madeleine Dietz (*1953) 2008/09 ein „Friedenszeichen“, an dessen Idee sich 110 Engener Bürger beteiligten, indem sie den Satz „Ich will Frieden“ händisch schrieben. Diese Schriftzüge wurden aus einer gebogenen Schriftrolle aus Cortenstahl herausgeschnitten, die jetzt auf dem Rasen zwischen der Friedhofskapelle und den Kriegsgräbern an zwei Pfeilern befestigt scheinbar leicht über dem Boden schwebt. Die Kosten lagen bei rund 40.000 Euro.
Offiziell eingeweiht wurde das Friedenszeichen an dem von der Jugend gestalteten Friedenstag im Mai 2009. Bürgermeister Johannes Moser erklärte: „Der heutige Friedenstag [...] sendet eine Botschaft des guten Miteinanders, des Friedens und der Toleranz in unserer Stadt und unter allen Generationen, und ist deshalb der geeignete Tag zur Einweihung des neuen Friedenszeichens. [...] Wenn wir heute ein Friedenszeichen einweihen, so ist das nicht nur die Gegenüberstellung von Krieg und Frieden. Wir stellen einem schlechten Propagandadenkmal ein intelligentes und hochwertiges Kunstwerk gegenüber. Ein Kunstwerk, das Menschen nicht trennt, sondern zusammenführt“ (SK 22.05.2009).
Das Friedenszeichen steht vor den Kriegernamenstafeln, die vom NS-Kriegsdenkmal an die Friedhofskapellenwand geführt wurden.
Am Volkstrauertag 2009 fand die Engener Gedenkfeier erstmals beim neuen Friedenszeichen auf dem Friedhof statt, nicht mehr am NS-Kriegsdenkmal. Bürgermeister Moser betonte: „Wenn wir mit diesen Kriegerdenkmälern leben wollen, die den Krieg und das Sterben im Krieg verherrlichen, dann bedarf es einer Antwort der heutigen Generation, die uns, unsere Kinder und Jugendliche an unsere Verantwortung im Frieden erinnert“ (SK 16.11.2009).
Die individuellen Schriften kontrastieren zu den allesamt gleich gestalteten Namen auf den Tafeln,
die die Gleichschaltung der Soldaten im Leben wie im Tod ausdrücken.
Ostermarsch 2020: Als Ein-Mann-Kundgebung drapiert Thomas Jochim das Kriegerdenkmal mit Friedensfahnen und Schildern wie „Krieg? Nein! Nicht schon wieder!“ und „Wie wär’s mit Frieden? Give peace a chance!!!“ und teilt der Presse mit: „Nach der Corona-Krise darf es kein ‚Weiter so!‘ geben. Nehmen wir unseren ganzen Mut und unsere Zuversicht zusammen und setzen wir die freigesetzten Gelder für eine weltweite Transformation in eine friedliche, erdverträgliche und menschenwürdige Wirtschaft und Gesellschaft ein!“ (WB 14.04.2020, 15.04.2020, SK 20./21.04.2020)
Feldgraue in Regenbogenfarben umgenutzt zu Schilderständern © Thomas Jochim
24. November 2020: Die zehn Mitglieder des Engener Verwaltungs-, Kultur- und Sozialausschusses beschliessen „die Anbringung einer Gedenktafel am Kriegerdenkmal“. Im Gemeinderats- und Bürgerinformationssystem wird die Einladung zur Sitzung mit der Tagesordnung veröffentlicht, aber weder die Beschlussvorlage und der Tafeltext noch das Protokoll der Diskussion und des Abstimmungsergebnisses. Die Gedenktafel soll das „Bekenntnis zu Frieden, Freiheit, Menschlichkeit und Toleranz“ signalisieren (WB 02.12.2020). Gedanken dazu stehen hier: Engen_NS-Kriegsmal_Gedenktafel_Kommentar_2020-12-06_K_Hug.pdf. Dezember 2020: Zum 1. Advent findet am NS-Kriegsmal eine Mahnwache für „Frieden und Klimagerechtigkeit“ statt. Mitorganisator Thomas Jochim kritisiert die Erhöhung des Rüstungsetats auf 46 Milliarden Euro: „Geld in umweltzerstörende Industrien und in die Aufrüstung zu stecken ist das falsche Signal“ (WB 01.12.2020). Mai 2021: Wie im November 2020 beschlossen wird am Sockel des NS-Mals eine Gedenktafel angeschraubt (Engen 31.05.2021). Die Stadt teilt mit, dass die Tafel den Willen der Engener Bürgerschaft „zum Gedenken an alle Opfer politischer Gewalt“ und ihre Einstellung zu Kriegsverherrlichung und NS-Gewaltherrschaft ausdrücke. Demnach schloss die Bürgerschaft einen umfassenden Diskussionsprozess mit der einhelligen Formulierung des Tafeltexts ab. Unklar ist, wann wo wie dieser Konsensfindungsprozess stattgefunden haben könnte. Dagegen heißt es aus der Stadtverwaltung, man wolle mit der Gedenktafel Diskussionen anstoßen und das Bewusstsein für ein schwieriges Kapitel der Vergangenheit schärfen und wachhalten. Unklar ist, warum die Tafel, die als Diskussionsergebnis der Bürgerschaft ihren festen Willen, ihre einheitliche Einstellung und ihr scharfes Geschichtsbewusstsein ausdrückt, diese Diskussion in der Bürgerschaft eröffnen soll.
Eine aktualisierte und erweiterte Version des Kommentars vom Dezember 2020 steht hier: Engen_NS-Kriegsmal_Gedenktafel_Kommentar_2021-06-06_K_Hug.pdf. Lehren: Engen liegt bei diesen Dekontextualisierungsmaßnahmen vor Radolfzell:
Quellen[Bla14, S. 246], [Lur86]
Bildungsverein Region Karlsruhe e.V., Karlsruhe:
Genealogische Gesellschaft Hamburg e.V., W. Leskovar:
Joachim Hotz: In dem 462 Seiten umfassenden Sammelband zu Engens Geschichte widmet der Beitrag von Dr. Hotz, Direktor des Historischen Museums Bamberg, dem NS-Kriegsmal sieben Zeilen und nennt als Quelle Deutsche Bodensee-Zeitung Nr. 248 vom 23.10.1937, S. 7.jw: Wie ein aufgeschlagenes Buch Südkurier (23.10.2008) suedkurier.de/archiv/region/kreis-konstanz/engen/art1360081,3480103
Jürgen Waschkowitz:
hor:
Maria Anna Hübner: Dokumentation über die Engener Bürgerin Vera Backmund (1912–1990), die am Kriegsende entscheidend half, die Zerstörung Engens zu verhindern. Im April 1945 verschanzten sich Radolfzeller SS-Einheiten in und um Engen zum „Kampf bis zum letzten Mann“ gegen die anrückende französische Armee, die drohte, die Stadt zu bombardieren. Backmund verhandelte am 24. April mit französischen Offizieren über die friedliche Übergabe der Stadt und marschierte neben einem französischen Offizier vor französischen Panzern in Engen ein. Das offizielle Engen verweigerte Backmund jahrzehntelang die Anerkennung ihres Einsatzes für die Erhaltung Engens, bis der Gemeinderat 2015 die Historikerin Heike Kempe beauftragte, das Kriegsende in Engen zu erforschen. Dennoch klafft in der Geschichtsseite von Engens Webauftritt eine Lücke zwischen dem Stadtbrand 1911 und der Altstadtsanierung Mitte der 1970er Jahre, die es ohne Backmunds Zivilcourage nicht hätte geben können.Ute Mucha: Ein-Mann-Kundgebung für den Frieden Thomas Jochim aus Engen zeigt Flagge am Kriegerdenkmal - mit Sicherheitsabstand Wochenblatt (14.04.2020) wochenblatt.net/heute/nachrichten/article/ein-mann-kundgebung-fuer-den-frieden
Thomas Jochim:
Leserbrief: Besinnungspause mit Corona
SK:
Ute Mucha:
Ute Mucha: Karlheinz Hug:Stadt Engen im Hegau: Anbringung einer Gedenktafel am Gefallenendenkmal (31.05.2021) engen.de/pb/2933234.html
Gedenktafel ordnet problematisches Denkmal ein Karlheinz Hug: BöhringenAls „schlechtes Propagandadenkmal“ zur Kriegsverherrlichung übertrifft die NS-Soldatenskulptur im Radolfzeller Ortsteil Böhringen die Skulpturen in Radolfzell und Engen, denn während die Radolfzeller und Engener Soldaten noch dem Kriegsschauplatz zustreben, befinden sich ihre Böhringer Kameraden schon auf dem Schlachtfeld. Einer ist verwundet niedergesunken, der Andere ruft dazu auf, weiterzukämpfen.
Bekannte Zutaten sind
Durchhaltepredigt zum Opfertod auf dem Altar des Vaterlands
Das Böhringer Soldatenduo variiert als „aggressiver Sturmtrupp im Kampf“ Lurz’ Denkmaltypen [Lur86, S. 155]. Der Niedergesunkene hält sein Gewehr fest und dreht den Kopf gen Himmel, in den er dank seiner Heldentaten ruhmreich eingehen wird. Der Schreitende verweist mit der linken Hand auf seinen sterbenden Kameraden, nicht mit einer Trauergeste, sondern um die Schandtat des Feinds anzuprangern, die es zu vergelten gilt. Mit der rechten Hand die Fahne fassend, stürmt er voran ins Kampfgetümmel, als glühendes Vorbild für die bisher überlebenden Helden ringsum. „Man wird euch erzählen, daß alle Letten, Schweden, Tschechen oder Franzosen Lumpen seien – die Erzähler sind es. Ihr seid dem Staat nicht euer Leben schuldig; ihr seid dem Staat nicht euer Leben schuldig; ihr seid dem Staat nicht euer Leben schuldig.Meinhold Lurz stellt fest, dass auf NS-Kriegsmalen nicht allzu oft Verletzte, Sterbende und Tote auftraten (mehr dazu s. Furtwangen). „Wo dennoch Verwundete wiedergegeben wurden, demonstrierten sie indirekt das Thema der Kameradschaft als solches. Es ging dabei um die Hilfeleistung, nicht um den Schmerz und die Verwundung“ [Lur86, S. 160]. „Wo Schmerz und Verwundung gezeigt wurden, trat zugleich eine Kampfszene auf, die zu Fortsetzung des Kriegs und Rache der Gefallenen aufrief. Eigentliche Trauermotive blieben selten“ [Lur86, S. 293].Von den Motiven bestätigt die Böhringer Szene weniger Schmerz, Hilfestellung und Trauer, als Rache und Fortsetzung des Kampfs. Als Trauersymbole, die dem Kampfsymbol Fahne gegenüberstehen, sind nur die Eichenkränze unter den Stahlhelmen auf den Pylonen deutbar. Bei dem 1936 im katholischen Pfarrhof von Suttrop aufgestellten Kriegsmal, das einen Fahnenträger mit einem Eichenkranz kombinierte, „zog die Gestalt des Fahnenträgers aus der Trauer um die Toten den Entschluß zur Fortsetzung des Kampfs“ [Lur86, S. 159]. Der Böhringer Fahnenträger entschließt sich dazu, ohne zu trauern. Seltener noch als Tote stellen NS-Kriegsmale Feinde dar, auch nicht in Kampfszenen: „in keiner Inszenierung [... ist] der Feind, die Macht des Bösen körperlich anwesend [..] Trotzdem ist der Feind omnipräsent, der Jude, der Bolschewik oder beides in einem“ [Hof98, S. 83].Nicht nur das Böhringer Exemplar bestätigt diesen Befund, sondern auch alle anderen hier betrachteten Objekte.
Weil Böhringens Kriegerdenkmal auf dem Friedhof mit der Inschrift „DEN HELDENTOD STARBEN IM WELTKRIEGE 1914–1918 [Namen] GEWIDMET VON DER DANKBAREN GEMEINDE BÖHRINGEN“ den Nazis wegen seines Trauergehalts nicht genügte, errichteten sie 1935 ihr „Gegendenkmal“ im Dreieck zwischen der Singener Straße und der Friedensstraße (heutige Namen). Von damaligen Inschriften blieb nichts erhalten. An der Vorderseite der Stele trägt eine Metallplatte die Aufschrift „UNSEREN TOTENmit 45 Namen zum Ersten und 93 Namen zum Zweiten Weltkrieg, wobei offen ist, ob sich darunter SS-Angehörige befinden. Auf beiden Seiten der Stele wurden Metallplatten angebracht, auf denen große christliche Kreuze die ideologische Uminterpretation zum Kombi-Denkmal anzeigen. Sie bestätigen Lurz’ Beobachtungen in [Lur87]: „Durch die Ergänzung eines Kreuzes konnten Denkmäler des 1. Weltkriegs umgedeutet werden“ (S. 221). „Bei Umgestaltungen älterer Denkmale wurde die nationale durch die christliche Symbolik ersetzt“ (S. 508). „Dabei erscheint das christliche Kreuz meistens nur additiv und wie angeklebt. Die architektonische Lösung ist nicht aus dem Kreuz heraus entwickelt“ (S. 141).Auf Böhringens nachkriegszeitlich umgestaltetes NS-Relikt übertragen lässt sich auch Kathrin Hoffmann-Curtius’ Feststellung, „in der Weimarer Zeit [...] sakralisierte das Kreuz nationale Gedenkstätten, die nicht frei von Dolchstoßlegende und Rachegedanken errichtet worden waren“ [Hof86, S. 109].
Vorher Siegesgewissheit, nachher Totenstatistik
Böhringens offizielle Webseite, von Radolfzell redigiert, bietet nichts zu seinem NS-Kriegsmal. Genutzt wird es einmal jährlich – für das Volkstrauertagsritual. Ignoriert wird es ganzjährig vom daran vorbeirauschenden Dauerverkehr zwischen Radolfzell und Singen.
Der Natur überlassen ist das Kriegerdenkmal der Weimarer Zeit auf dem nahe gelegenen Friedhof.
Lehren: Dass die Erinnerungskultur eines Ortsteils vorbildlich für den Hauptort sein könnte, davon mag man träumen wie davon, dass Radolfzell von Böhringen lernen könnte. Denn Böhringen bewahrt apologetisch sein NS-Relikt, dessen Herkunft es kaum schamvoll mit christlichen Kreuzen zu verschleiern versucht. Quellen[Hof86], [Lur86], [Lur87], [Mat90]
Genealogische Gesellschaft Hamburg e.V., W. Leskovar: Baden-WürttembergMurg MurgEin weiterer „aggressiver Sturmtrupp im Kampf“, die NS-Soldatenskulptur in Murg (Hochrhein), präsentiert im Handlungsablauf eine Szene zwischen der in Radolfzell und Engen und der in Böhringen. Die beiden Murger Soldaten haben die Phase des Losziehens zum Kriegsschauplatz hinter und die des Tötens und Sterbens vor sich. Gerade am Rand des Schlachtfelds angekommen, stehen sie Schulter an Schulter im rechten Winkel und sichten das Kampfgeschehen. Zögert der figürlich linke, mit der geballten Faust das Gewehr zu greifen, so macht sich der rechte bereit, eine Handgranate heroisch den Feinden entgegen zu schleudern.
„Der deutsche Feldsoldat im Stahlhelm zeigt den Typus an, Inschriften auf den Sockeln nennen die Heldennamen, Blumen und Kränze bezeugen die Liebe, welche das Andenken an die Toten umgibt“, die „die Stelle der Heiligen einnehmen könnte[n]“ Alfred Rosenberg: Der Mythus des 20. Jahrhunderts [Ros34, S. 618].Quelle: commons.wikimedia.org/wiki/File:Murg_Kriegerdenkmal_1080668.jpg Urheber: Flominator (talk) Lizenz: GNU Free Documentation License Das 3,85 Meter hohe „Kunstwerk“ wurde 1938 vom Freiburger Bildhauer Hugo Knittel (1888–1958) aus Beton gegossen und im Hof der Murger Murgtalschule auf einem wuchtigen, 1,4 Meter hohen Sockel errichtet, auf dem vorne die Widmung der Gemeinde und seitlich Namen von „Gefallenen“ standen, um die Schüler frühstmöglich an die Kriegskunst heranzuführen – die Kunst, sein Leben sinnlos für Kriegstreiber zu opfern. In einem Zeugnis für den Künstler pries der Bürgermeister das Murger Kriegerdenkmal als eines der schönsten Oberbadens, da es „das Wollen und Kämpfen des deutschen Soldaten“ in vollendeter Form darstelle (SK 11.01.2012). Der Perfektionist Knittel war aus Gesundheitsgründen aus dem Weltkriegsdienst entlassen worden, freiwillig der NSDAP beigetreten und obligatorisch der Reichskammer für bildende Künste, wie alle „arischen“ und „politisch zuverlässigen“ Kunstschaffenden [Kai12, S. 80–81]. Der Murger Bürger F.B., Jahrgang 1931, erinnert sich mit 83 Jahren an die Soldaten-Heiligen: „Als 1939 der Zweite Weltkrieg ausbrach, wurde ich in die 1. Klasse der Murger Volksschule eingeschult. [...] Das damals erst seit Kurzem aufgestellte Murger Kriegerdenkmal war fast wie ein Heiligtum. In der Pause durften wir niemals um das Denkmal herum rennen, da war Oberlehrer Schiess sehr streng“ (Murg im Wandel).Wozu ein Kriegerdenkmal auf dem Schulhof? Antworten geben sechs Zitate, die nicht aus Reden der NS-Prominenz bei der Einweihung am 23. August 1938 stammen. Schon 1924 schrieb der nach dem Putschversuch vom 9. November 1923 wegen Hochverrats in der Justizvollzugsanstalt Landsberg am Lech in Festungshaft sitzende NSDAP-Vorsitzende Adolf Hitler in Mein Kampf: „Das Heer als letzte und höchste SchuleIm Oktober 1932 forderte Reichswehrminister General von Schleicher (1882–1934) in einem Brief an Reichskanzler von Papen (1879–1969), „die gesamte heranwachsende Jugend einer systematischen Wehrertüchtigung zu unterziehen“ [Wet79, S. 124].An solche „Vorarbeiten zur psychologischen Mobilisierung“ anknüpfend kommandierte NS-Kultusminister Bernhard Rust (1883–1945) bei der Einweihung der „Hochschule für Lehrerbildung“ in Lauenburg, Pommern, am 24. Juli 1933: „Die Schule hat sich auszurichten nach dem Geiste unseres grossen feldgrauen Heeres und hat dafür zu sorgen, dass ein ganzes Volk in seiner Totalität auf diesen Gedanken hin erzogen wird“ [Sch34, S. 461].Der Propagandist der „Wehrwissenschaft“, NS-Professor Ewald Banse (1883–1953) von der Technischen Hochschule Braunschweig, der dieses Fach schon an den Schulen gelehrt haben wollte, in Heft 8 der Deutschen Schule: „Es ist wichtiger, dass das deutsche Kind über die Grundfragen der Wehrtechnik und über die Wehrlage Frankreichs unterrichtet ist, als dass es die Lebensbedingungen der Lurche oder die Agrarfragen der alten Römer kennt“ [Sch34, S. 468].Im August 1933 schlug die Pfälzische Presse vor, der Kaiserslauterner Jugend eine „Pflegestätte für die nationale Volksertüchtigung“ zu widmen, in der sich Volkssport, Schießübungen und Geländesport ergänzen sollten: „Der Geist unserer Toten aus dem Weltkrieg wird an dieser Stätte weiter leben und unsere Jugend begeistern, es ihnen gleichzutun in den besten deutschen Mannestugenden, wie sie sich in den alten Soldaten verkörpert haben: in der Bereitschaft zum Opfer bis in den Tod, in der Treue und in der Kameradschaft in dem Kampfe für das Vaterland“ (Pfälzische Presse (12.08.1933) zit. n. [Lur86, S. 171]).Die Frankfurter Nachrichten berichteten am 30. Oktober 1933: „Im deutschen Jungen ist der Soldat erwacht, der immer in ihm steckt. Er fiebert, vom Hosenmatz an, auf den Augenblick, da er in der Reihe stehen kann, gehorchen lernen muss und einmal vielleicht befehlen darf“ [Sch34, S. 470].
Erwachte deutsche Jungen am neuen Standort hinter der alten Schule:
„Und wenn die Handgranate kracht, das Herz im Leibe lacht.“ © Willmut Glanert
Mit dem Geist „unseres grossen feldgrauen Heeres“ und „unserer Toten aus dem Weltkrieg“ wehte der Geist der nazistischen Pädagogik durch Murg wie durch andere Städte, die als Aufstellungsorte ihrer Kriegerdenkmale Schulen wählten, „in denen sich die Denkmäler speziell an die Jugend wandten“; seither steht die Murgtalschule in Murg in einer Reihe mit dem „Realgymnasium von Uelzen bei Hannover, der Adolf-Hitler-Schule in Pforzheim und der Kreisoberrealschule in Kaiserslautern“ [Lur86, S. 244]. „Die Aufrichtung von Kriegerdenkmälern in Schulen verpflichtet deutlicher als andere Aufstellungsorte speziell die Jugend, sich in der Tradition der Kriegstoten zu begreifen“ [Lur87, S. 286].Das Murger NS-Kriegsmal belegt: „Die Universitäten und Schulen leisteten ebenso wie die Hitler-Jugend, die SA, der Arbeitsdienst und der Bund Deutscher Mädel (BDM) ihren Beitrag zur psychologischen Rüstung für den Krieg“ [Wet79, S. 126–127].Die Symbole Faust, Gewehr und Handgranate, die dem Denkmal seine Aggressivität verleihen, wählte Knittel aus tradiertem Fundus. Faustballende Krieger standen seit Ende des Ersten Weltkriegs als beliebtes Motiv auf deutschen Kriegsmalen, wie in Berlin-Kreuzberg (1924), Göttingen (1925), Hamburg-Altona (1925), Stuttgart-Feuerbach (1929), Enger (1929), Hüllhorst (1930), Göttingen (1931), Wuppertal-Nächstebreck (1931), Hamburg-Harburg (1932), Paderborn (1934), Rüthen-Kneblinghausen (1934–1938), Weinheim (1936), Rostock (1936) [Lib14, Abb. 27–39, S. 74–81]. Die Faust visualisierte die „Ohnmacht der Geschlagenen“, die Wut über den Versailler Vertrag, Rachegefühle, Entschlossenheit und Bereitschaft zu Kampf und Krieg; sie diente „als Zeichen von Trotz und Revancheabsichten“ [ebd.; Lur86, S. 144]. Die faustballende Knittel-Figur ähnelt inhaltlich und stilistisch stark den Einzelfiguren in Hüllhorst, Paderborn und Rüthen-Kneblinghausen, denn auch sie halten mit der rechten Hand ein auf den Boden gestelltes Gewehr. Doch während sie statisch breitbeinig auf ihrem Sockel stehen, als Wachposten „einer größeren Zukunft entgegenharrend“, bewegt Knittel seine Figur in den Kontrapost, versetzt sie in den aktuellen Kampf und gesellt ihr einen Handgranatenwerfer dazu. Auch handgranatenwerfende Figuren waren international bei Kriegsmalstiftern beliebt; für 1919–1936 listet de Libero 8 in Deutschland, 8 in Frankreich und 7 in Österreich, Italien, Belgien, Großbritannien und Australien [Lib14, Abb. 69, 70, S. 106–108]. Doch nicht nur Bildhauer nutzten das Motiv; so zeigte die „Große Deutsche Kunstausstellung“ 1937 in München das Ölgemälde Die letzte Handgranate des NS-Malers Elk Eber (1892–1941) [Mat90, S. 57–58], [Sch12, S. 75]; der „Dekorateur der Gewalt“ Franz Eichhorst (1885–1948) malte 1938 in sein Wandbild Maschinengewehrnest im Rathaus Schöneberg einen Handgranatenwerfer über drei krepierte Kameraden [Fis88, S. 206–208, 285]. Das Kölner „Reichsehrenmal der deutschen Feldartillerie“ von 1936 platzierte hinter „ein zerschossenes Geschütz“ einen „noch mit einer Handgranate kämpfenden Feldartilleristen“ [Lur86, S. 144]. Das sozialdemokratische Potsdamer Volksblatt kommentierte am 11. Juli 1923 die Einweihung des Handgranatenwerfers des ehemaligen Garde-Jäger-Bataillons in Potsdam: „Der Soldat als Mörder, wie er die Handgranate hebt und sie auf den Gegner schleudert! Sind es Wahnsinnige oder sind es überspannte Menschen, die den Krieg verherrlichen, die nach Rache schreien in einer Stunde, wo den Völkern der Frieden zur [!] ihrer Gesundung und Heilung nötiger tut denn je“ [Lib14, S. 108].In Murg gab es 1938 keine Zeitung mehr, die solch einen Kommentar hätte veröffentlichen können. Nach dem Zweiten Weltkrieg überstand das Murger NS-Kriegsvorbereitungsmal die Kontrollratsdirektive Nr. 30 unbeschadet. Durch Austauschen der Inschrift wurde es zum NS-Kriegsnachbereitungsmal umfunktioniert – wie vielerorts.
Das insgesamt 5,25 Meter hohe NS-Kriegsrelikt auf dem Schulhof war stets umstritten. Im Jahr 1992 entscheidet sich der Murger Gemeinderat gegen eine teure Sanierung der bröckelnden NS-Krieger und für ein neues Denkmal an einem geeigneteren Standort. Doch das Landesdenkmalamt stuft die NS-Skulptur als erhaltenswert ein und akzeptiert keinen Abbau, nur eine Verlegung. Da sich kein Ersatzstandort findet, verwittert sie bis zur Baufälligkeit. Im Jahr 2000 erhört der Gemeinderat die Rufe der Traditionsbewahrer und beschließt die Sanierung des NS-Relikts für 45.000 Euro. (SK 30.01.2003) Versetzung: Wenige Jahre später erlebt Murg eine erregte Debatte darüber, ob man die NS-Soldaten im Zuge der Neugestaltung der Ortsmitte abräumen, ersetzen, versetzen – und falls ja, wohin – oder am Standort lassen soll. Im August 2011 beschließen sieben Vorstandsmitglieder des Murger Ortsverbands des Sozialverbands VdK Deutschland e.V. (VdK = „Verband der Kriegsbeschädigten, Kriegshinterbliebenen und Sozialrentner Deutschlands“), dass „das Kriegerdenkmal [...] am jetzigen Standort neben der Murgtalschule erhalten bleiben und nicht versetzt werden“ soll (SK 15.08.2011). Dafür sammelt der VdK-Ortsverband im Januar 2012 Unterschriften mit diesen Argumenten:
Am 23. Oktober 2014 wird das aus sechs Betonteilen bestehende Monument mithilfe eines Krans versetzt. Die Kosten belaufen sich inklusive Restaurierung auf mehrere zehntausend Euro. (SK 23.10.2014)
Wozu ein Kriegerdenkmal neben dem Sportplatz? „Sport und Leibeserziehung als Wehrertüchtigung zu begreifen“, war „bereits seit den Freiheitskriegen geübte Praxis“ [Fis90, S. 33]. „Auch im wilhelminischen Kaiserreich lebte diese Tradition weiter“ [ebd.]. In der Weimarer Republik „wurden zahlreiche Sportstätten mit Gefallenendenkmälern verbunden“, z.B. in Berlin, Hannover, Kassel [ebd. S. 34]. Im Tannenberg-Denkmal in Ostpreußen wurde eine Jugendherberge eingerichtet, direkt daneben eine „Kampfbahn“ angelegt [ebd. S. 32]. „Von den Sportlern wurde also erwartet, daß sie den Wettkampf als Vorbereitung für einen künftigen Krieg begriffen. Sport wurde so zum Mittel, das Individuum in eine kampfbereite Gemeinschaft einzuordnen“ [ebd. S. 34]. So verwundert es nicht, dass die Nazis den Sport für ihre Kriegsvorbereitungen nutzten.
Mahntafel: Im Jahr 2017 erhalten die versetzten NS-Krieger eine Metallstele mit der Inschrift „NIE / WIEDER / KRIEG“ und dem Zusatz „Für Frieden / Freiheit und / Demokratie“ beigestellt. Murgs Bürgermeister Adrian Schmidle enthüllt die neue Mahntafel am Volkstrauertag mit dem Hinweis, sie solle das Kriegerdenkmal „in einen geschichtlichen Kontext setzen. Zudem soll demnächst eine noch anzufertigende Informationstafel das Denkmal erklären und über den Künstler informieren.“ Doch den Kranz legt der Bürgermeister zu Füßen des Handgranatenwerfers nieder. Die Botschaft: Friedensfreunde, da habt ihr eure Mahntafel, wir bekränzen trotzdem unsere NS-Helden. (SK 19.11.2017)
Die künstlerisch spracharme Lösung der rostigen Stele verzichtet „auf eine figürliche oder symbolische Deutung des Kriegstods“ und beschränkt „ihre Aussage auf die Inschrift“ [Lur87, S. 140]. Die Botschaft dringt nicht in die „gewählte Form“ vor, die Stele dient als „bloßer Schriftträger“ [Lur87, S. 537]. Die Mahnungen lassen offen, wie Krieg verhindert und Frieden gesichert werden soll – ob mit weniger oder mehr Waffen, durch Verständigungs- oder Drohpolitik. Warum greifen die Mahnmalstifter auf das „Nie wieder Krieg!“ aus der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg zurück? Warum konfrontieren sie die NS-Krieger nicht mit der nach dem Zweiten Weltkrieg erhobenen konkreteren Forderung „Nie wieder deutsche Soldaten!“? Warum verschmähen sie Franz Josef Strauß’ Mahnung von 1947: „Wer noch einmal ein Gewehr in die Hand nimmt, dem soll die Hand abfallen!“? [Wet92b, S. 40]Murgs offizieller Webauftritt bietet weder zur neuen Mahntafel noch zum restaurierten NS-Relikt noch zur NS-Geschichte einen Hinweis. Unter „Freizeit & Tourismus“, „Kunst & Kultur“, „Historisches & Kirchen“, „Murgs Geschichte“ finden sich allerlei Informationen und Fotos, aber nichts zu Murgs „ortsbildprägender eindrucksvoller Sehenswürdigkeit“. Zehntausende Euro für Sanierung und Versetzung, keine Zeile im Webauftritt.
Wie ordnen sich Murgs Maßnahmen zu seinem NS-Relikt in die Was-tun-damit-Kategorien ein? Nicht eindeutig. Apologetisches Bewahren greift durch das mehrfache Restaurieren einen starken Anteil. Verdrängen – wenn auch kaum schamvolles – äußert sich im Versetzen der NS-Krieger von der Front der Schule an den Rand der Rückseite. Aufklärung schwächelt mit der simplen Mahntafel, die in Fotos als braunes Rechteck erscheint. Dekontextualisierung ist nicht erkennbar, wo ein Handgranatenwerfer als Volkstrauerkranzdeponie dient. Lehren: Was kann Radolfzell von Murg lernen (und umgekehrt)?
Kinderspielplatz, Sportplatz, Schule, Handgranatenwerfer – Murks in Murg © Willmut Glanert
Quellen[Lib14], [Lur86]
Genealogische Gesellschaft Hamburg e.V., W. Leskovar:
Wikipedia:
Hugo Knittel
Brigitte Chymo:
Werner Vökt:
Bleiben die Krieger in Murgs Mitte?
herbrig:
Unterschriften für Kriegerdenkmal
Markus Vonberg:
Ein Denkmal mit Vorgeschichte
Markus Vonberg:
Markus Vonberg:
Markus Vonberg:
Markus Vonberg:
Denkmal im Blick der Historiker
Ortsverband rudert zurück
Markus Vonberg:
Markus Vonberg:
Die Debatte ums Murger Kriegerdenkmal
Michael Gottstein, Winfried Dietsche:
Markus Vonberg:
Namen der Gefallenen auf Kriegerdenkmal bleiben präsent
Kriegerdenkmal wird heute versetzt
Michael Gottstein:
Markus Vonberg:
Michael Gottstein:
Michael Gottstein:
Charlotte Fröse: FurtwangenEntgegen alphabetischer oder chronologischer Ordnung folgt Furtwangen im Schwarzwald auf Murg aufgrund der Szene, die sein NS-Kriegsmal darstellt: Statt zwei zeigt es drei Soldaten, statt am Rand des Schlachtfelds befinden sie sich mittendrin, statt zu zögern holt der figürlich rechte Soldat sprungbereit zum Handgranatenwurf aus, während die Handgranate am geschwungenen Arm des aufrechten mittleren Soldaten kurz vor dem Wegfliegen ist und der linke Kamerad das Gewehr haltend auf die Knie sinkt, um den „heroische[n] Tod, das edle Sterben ohne Blut und Wunden“ vorzuführen [Lib14, S. 212]. Der stehende Handgranatenwerfer existiert allerdings nur noch von der Hüfte fußwärts, da sein Oberkörper 1977 verschwand. Als „aggressiver Sturmtrupp beim Angriff“ variiert das Trio Lurz’ Denkmaltypen [Lur86, S. 155].
Wie das Murger wurde das Furtwanger Soldatendenkmal von Hugo Knittel geschaffen. Obwohl sich die Murger Szene in die Furtwanger fortsetzt, wurde die Furtwanger Skulptur 1937 eingeweiht, die Murger 1938. Anders als die mehrfach sanierten Murger Soldaten sind deren Furtwanger Kameraden dem Schicksal alles Vergänglichen überlassen. Sie präsentieren sich nicht herausgeputzt neben dem Sportplatz Schuljungen zum Vorbild, sondern fügen sich abseits im Schatten der Bäume des Stadtgartens am Bregufer ihrem natürlichen Verfall.
Nichts weist in der Schwarzwaldstadt mit der renommierten Hochschule und in ihrem Webauftritt darauf hin, dass sie neben dem Uhrenmuseum eine weitere historische Attraktion bietet: das im Stadtgarten versteckte NS-Relikt. Doch sei dessen Geschichte der Reihe nach als Exzerpt des hervorragenden Beitrags von Helga und Hans Kaiser erzählt [Kai12], auf den sich die Seitenangaben beziehen. NS-Bürgermeister Dr. Miltner und NS-Gemeinderäte bildeten 1934 einen Ausschuss, der die „Erstellung eines Kriegerdenkmals in Furtwangen“ prüfen sollte (S. 78). Am 26. Mai 1936 warb Knittel, der schon Dutzende von Kriegerdenkmalen geschaffen hatte, in einem Brief an die Stadtverwaltung Furtwangen für „seine ergebensten Dienste“ (S. 80): „Der bekannte Gelehrte, Kunsthistoriker u. Denkmalspfleger Badens, Prof. Dr. Jos. Aug. Behringer [Beringer aus Mannheim, K.H.][...] schreibt wie folgt über meine Arbeiten: ‚Knittel hat in Form und Gestalt immer aus tiefster Empfindung und inniger Volksverbundenheit in volksverständlicher und natürlicher Gestaltung den Dank der Heimat an die Opfer des Weltkriegs ausgesprochen und dem Tod auf dem Felde der Ehre seine Schrecken und sein Peinigendes genommen, den Mitlebenden zum Danke, den Nachlebenden zum Beispiel und zur Nacheiferung‘“ (S. 81).
„Dem Tod auf dem Felde der Ehre seine Schrecken und sein Peinigendes genommen“:
Mit unsichtbar zerschmetterter Heldenbrust stirbt er glückselig für seinen „Führer“.
Mit den Plazets von Kriegerbund und Denkmalausschuss beauftragte der Bürgermeister am 24. November 1936 Knittel mit der Ausführung des Projekts „Ehrenmal im Stadtgarten“ zum Gesamtpreis von 12.000 RM, der mit Freitreppe, Pylonen und Gestaltung der Anlage auf rund 20.000 RM anstieg (S. 81). „Der Entwurf Knittels sah eine Figurengruppe von drei Soldaten in eineinhalbfacher Lebensgröße vor, zwei Kämpfende und ein Sterbender, gefertigt aus wetterhartem, imprägnierten Vulkan-Kunstmuschelkalkstein, der Sockel aus gleichem Material, mit eingehauenen Inschriften und den Namen der Toten, der Untersockel mit Betonfundament sowie zwei seitlich angebrachten Steinkloben für die Aufhängung der Kränze und zwei Pylonen mit Bronze-Feuerschalen“ (S. 82).
Das Furtwanger NS-Kriegsdenkmal 2018 ohne Steinkloben, Pylonen, Feuerschalen
Als Sockelinschrift fand Knittel den passenden Sinnspruch unter den „Heldengedichten“ des „Freiheitskämpfers“ Theodor Körner (1791–1813) im Drama Zriny, 5. Akt, 2. Auftritt (S. 82):
SIE HIELTEN AUS IN KAMPF UND STURMESWETTERN UND STANDEN TREU BEI TUGEND RECHT UND PFLICHT DAS SCHICKSAL KANN DIE HELDENBRUST ZERSCHMETTERN DOCH EINEN HELDENWILLEN BEUGT ES NICHT“ An den beiden Sockelseiten steht über heute unleserlichen Namen:
Romantisch-patriotische Lyrik aus den antinapoleonischen Befreiungskriegen zur pseudo-realistisch gestalteten Szene aus dem Ersten Weltkrieg? Das über ein Jahrhundert ältere Zitat sollte das NS-Werk ins Zeitlose überhöhen – eine damals gern geübte Mittel-Zweck-Relation [Lur86, S. 276]. Nach dem Ersten Weltkrieg wurden auch Zitate anderer berühmter Dichter wie Friedrich Schiller und Ernst Moritz Arndt, die das Vaterland als höchsten Wert priesen, an Kriegskultmalen missbraucht [Lur87, S. 326]. Von der Friedrichstraße führte eine breite Freitreppe hinunter zum „Aufmarschplatz“, der vor dem Denkmal mit beidseitig begrünter Nische einen „Heldenhain“ andeutete (S. 82). Erstmals genutzt wurde er zur Einweihung des Denkmals am 1. August 1937, dem 23. Jahrestag des Beginns des Ersten Weltkriegs, als NS-Formationen, Hitler-Jugend, politische Führer, Stadtkapelle und SA-Standartenführer Max Egon II. Fürst zu Fürstenberg (1863–1941) aufmarschierten und der Badische Innenminister, SS-Mitglied Karl Pflaumer (1896–1971) die Hauptfestrede hielt. Auch die ritualisierten Aufmärsche zu den „Heldengedenktagen“ fanden beim Kriegertrio statt (ab 1940 in der Festhalle). (S. 84–85) Das Schwarzwälder Tagblatt schrieb zur Einweihung, die eine Handgranate gen Westen werfende Hauptfigur stelle „den Soldaten ohne Furcht vor. In dem anschleichenden, spähenden Krieger erkennt man die Gefahr, die unsere Soldaten umlauerte. Der Krieger rechts ist der sterbende Soldat, der im Sterben noch heldisch wirkt“ [Cre17, S. 292].Am 18. September 1937 stellte NS-Bürgermeister Miltner NS-Bildhauer Knittel ein glänzendes Zeugnis aus: „‚So ist das Denkmal zu einer der größten Sehenswürdigkeiten der Stadt geworden, und ein ewiges Beispiel für die deutsche Jugend.‘ Und rühmt die hohe künstlerische Qualität der Darstellung, ‚die in besonderem Grade heldischen, kulturellen und erzieherischen Wert‘ habe. Das Denkmal habe bei der gesamten Einwohnerschaft vollste Zufriedenheit ausgelöst“ (S. 84).
Ewiges Beispiel mit heldischem Wert für die deutsche Jugend: bröckelnder Arm mit Handgranate auf bemooster Basis
Obwohl Knittel „unbegrenzte Garantie und beste Haltbarkeit des Materials“ versprochen hatte, musste das Denkmal schon 1943 überholt werden (S. 82).
Nach dem Krieg finden die Volkstrauertagsfeiern bei den Soldatengräbern auf dem Friedhof statt. Allmählich distanzieren sich die Redner – Geistliche, Schulleiter, Heimkehrerverbandsvorsitzende – von den Handgranatenwerfern. Irgendwann verschwinden Freitreppe, Feuerschalen, Pylonen. (S. 86) Im Jahr 1960 schlagen die Stadtpfarrer Blattmann (kath.), Thoma (evang.) und Eggert (altkath.) in ihrer „Denkschrift Kriegerdenkmal Furtwangen“ vor, „Figurengruppe und Sockel durch ein würdigeres Denkmal besser: Mahnmal, zu ersetzen“ und zu erwägen, „auch die Gefallenen des letzten Krieges mit einzubeziehen“ (S. 86–87).Während die SPD-Ortsgruppe, die Gartenbauarchitektin Baumann, der CDU-Stadtrat und Rektor Diemer und andere der Entfernung des NS-Denkmals zustimmen, fordert „der Heimkehrerverband ein gesondertes Denkmal für die Toten des II. Weltkriegs auf dem Friedhof“ (S. 87–88). Am 21. November 1967 beschließt der Gemeinderat „mit neun gegen sieben Stimmen“, „das Denkmal zu entfernen“, aber „den Abbruch erst zu vollziehen, wenn auf dem Friedhof ein würdiges Mahnmal für die Opfer beider Weltkriege erstellt sei“ (S. 88).Daraufhin sammelt die Aktion „Kriegerdenkmal“ mit der Begründung, „daß dieses Ehrenmal für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs seinen Platz schon seit dreißig Jahren richtig hat und nicht abgebrochen werden soll“, 1655 Unterschriften (S. 90).
Eine Phase protestierenden Beschädigens beginnt 1968: „Von 1968 bis 1976 wurde das Kriegerdenkmal fünfmal mit Anti-Kriegs-Parolen besprüht: ‚Nie wieder Krieg!‘ oder ‚Wir wollen leben, auch wenn Deutschland sterben muß‘, hieß es beispielsweise. [...] Die Gemeinde ließ durch den Bauhof das Denkmal immer wieder säubern. [...]
Das Seil war um seinen Hals gelegt, doch seinen Heldenwillen beugt’ es nicht.
Die Stadtverwaltung stellt „Anzeige gegen Unbekannt“ und setzt eine Belohnung von 1.000 DM für sachdienliche Mitteilungen aus, doch staatsanwaltschaftliche Ermittlungen bleiben erfolglos. Dank Abbruchbeschluss wird das Angebot des Bildhauers Pfaff, die zerstörte Figur für 8.000–10.000 DM zu reparieren, nicht realisiert. Der Ausschuss für das auf dem Friedhof zu erstellende Mahnmal für die Opfer beider Weltkriege, dem „Vertreter der Kriegsgräberfürsorge, des Heimkehrerverbandes, des Verbandes der Kriegsbeschädigten sowie der Heimatvertriebenen angehören“, schlägt am 13. Dezember 1978 vor, einen Findling mit einer Inschrift aufzustellen. Einstimmig weist der Gemeinderat am 6. März 1979 Bauhof und Forstamt an, „einen großen, dem Denkmal angemessenen Granitfindling zu suchen“. Schließlich wird das Mahnmal auf dem Friedhof mit der Inschrift „UNSEREN / OPFERN / DER KRIEGE / +ZUM+ / GEDENKEN“am Volkstrauertag 1980 eingeweiht. (S. 92)
Ohne auf die Problematik des Opferbegriffs einzugehen sei bemerkt:
Am Volkstrauertag 2006 ruft Stadtarchivar Ludger Beckmann dazu auf, das „nicht mehr zeitgemäß[e ...] Kriegermal durch ein würdigeres Denkmal zu ersetzen“, obwohl seit 26 Jahren ein Ersatz-Mahnmal auf dem Friedhof steht (SK 21.11.2006, 05.12.2006, 16.11.2007). „Ein Bild des Kriegermals könnte in einem Museum an diesen Teil der Furtwanger Geschichte erinnern“ (SK 05.12.2006). Im April 2008 diskutiert die SPD Furtwangen „über die Zukunft des Kriegerdenkmals“. Vorgeschlagen wird u.a., „das Denkmal nicht komplett abzureißen, sondern es umzugestalten“, auf einer Tafel seine Entwicklung darzustellen und zu kommentieren, und einen „Gestaltungswettbewerb im Kunstunterricht“ durchzuführen. (SK 17.04.2008) Im Mai 2008 ist das Kriegerdenkmal bei Verschönerungen des Stadtgartens ausgeklammert. „Die Diskussion um das Relikt aus dem Nationalsozialismus soll [...] nach dem Kommunalwahlkampf 2009 beginnen.“ (SK 10.05.2008) Bei der Volkstrauerfeier 2012 sieht der evangelische Pfarrer Lutz Bauer das „zerstörte Kriegerdenkmal im Stadtgarten [...] nicht als Symbol des Scheiterns, sondern als Chance, miteinander ins Gespräch zu kommen über eine friedliche Zukunft“ (SK 19.11.2012).Zur erneuten Kandidatur zur Bürgermeisterwahl am 8. Oktober 2017 erläutert Bürgermeister Josef Herdner, der Stadtgarten „müsse neu gestaltet werden“ und dazu „werde sicher über das Kriegerdenkmal wieder diskutiert“ (SB 15.09.2017, SK 15.09.2017).
Passt Furtwangens Umgang mit seinem NS-Relikt zu den Was-tun-damit-Kategorien? Positiv ist zu verbuchen, dass nach dem Krieg eine Phase der Dekontextualisierung begann, als man den Volkstrauertag auf dem Friedhof beging, vermutlich bedingt durch die als unerträglich empfundene Aggressivität des Knittel-Werks, verglichen mit seinem Murger Kriegerduo. Aufklärung ist allerdings nicht zu erkennen. Protestierendes Beschädigen hat sichtbare Spuren hinterlassen. Unklar ist der Verbleib des 1977 abgetrennten Figurenoberteils. Vertan wurde die Chance, das Ober- neben dem Unterteil liegen zu lassen und die Entwicklung von der alten zur neuen Komposition mit einer Informationstafel zu erläutern. Auch das Zubehör verschwand unerklärt. Schamvolles Verdrängen zeigt sich darin, dass das NS-Relikt von Bäumen umstanden ist. Der Wille zum achtlosen Zerstören stößt auf verschiedene Kräfte der Bewahrung. Lehren: Was kann Radolfzell von Furtwangen lernen (und umgekehrt)?
Inschrift auf der Rückseite: „ERRICHTET IM JAHRE“ mit unleserlicher Zahl
Lebenshingabe als Supertugend, Selbstopfertod als Heldenpflicht„Die Soldaten des 1. Weltkriegs wurden wie Schlachtvieh hinausgetrieben und darin besteht kein Heldentum.“Der Furtwanger Sturmtrupp erkämpft sich diesen Nachtrag, den im Vortrag vier Stellen vorbereiten, dank seines im edlen Sterben noch heldisch wirkenden sterbenden Soldaten, der mit unsichtbar zerschmetterter Heldenbrust ohne Blut und Wunden glückselig für seinen „Führer“ seinen heroischen Tod auf dem „Feld der Ehre“ ohne Schrecken und Peinigendes stirbt, den Mitlebenden zum Dank, den Nachlebenden zum Beispiel und zur Nacheiferung. Die Seitenangaben beziehen sich auf [Lur86]. Um die NS-Kriegsmaschine in Gang zu bringen und am Laufen zu halten, stellte die Propaganda die Hingabe individuellen Lebens für die „Volksgemeinschaft“ als höchste Tugend dar, den freiwilligen Opfertod als Pflicht des Kriegshelden. „Die alle anderen Werte übersteigende Bedeutung des Kriegstods brachte ein Satz Hitlers zum Ausdruck: "In der Hingabe des eigenen Lebens für die Existenz der Gemeinschaft liegt die Krönung allen Opfersinnes". [...] Der Satz findet sich - und das unterstreicht seine zentrale Bedeutung - in einem Feierentwurf der NSDAP aus dem Jahr 1940 zitiert“ (S. 303).Dabei musste die Kriegspropaganda den natürlichen Selbsterhaltungstrieb der zu Opfernden brechen und die Trauergefühle der Angehörigen Geopferter umlenken oder unterdrücken. Für Kriegsmale ergab sich daraus das Problem:
Schmerzfrei sterben, vom Nachruhm träumen
Quellen[Cre17], [Kai12], [Lur86]
Genealogische Gesellschaft Hamburg e.V., W. Leskovar:
Wikipedia:
Hugo Knittel
hei/ket:
hei:
wur:
Stefan Heimpel:
wur:
wur:
Das Kriegerdenkmal
hjk:
Mehrheit für einen Abbruch
wur:
Christa Hajek:
Jens Wursthorn:
Christa Hajek: OppenauNicht nur im Süden und Osten des Schwarzwalds, sondern auch im Westen, im zum Ortenaukreis gehörenden Oppenau im Renchtal, steht ein von Hugo Knittel geschaffener „aggressiver Sturmtrupp“ auf einem quaderförmigen Sockel, und zwar schon seit 1934, also vier bzw. drei Jahre länger als in Murg bzw. Furtwangen. Auftraggeber war der Kriegerverein Oppenau.
In sein Oppenauer Opus integrierte Knittel Elemente, die er in seinen Furtwanger und Murger Werken modifiziert wiederverwendete. Gemeinsame Merkmale seien daher kurz, Unterschiede ausführlicher beschrieben:
Die geballte Faust am gestreckten Arm kehrt an Knittels Murger Gewehrschützen wieder.
Knittels Oppenauer Krieger entstanden in einem dafür vorbereiteten Umfeld. Das Schwarzwaldstädtchen Oppenau mit seinen rund 5.000 vorwiegend katholischen Einwohnern war und ist bis heute mit Kriegerdenkmalen reich gesegnet:
Kein Munitionsmangel: Der Sterbende hat noch drei, sein Rächer vier Handgranaten übrig.
Das christliche Trauer- und Trostmal in der Pfarrkirche genügte dem Kriegerverein nicht, deshalb stellte er ein militaristisches Rachemal dagegen, ein nazistisches Gegenmal. Als das „Ehrenmal“ der Kirchspiel-Gemeinden Oppenau im unteren Stadtpark am 3. Juni 1934 mit einer fahnenreichen Nazi-Feier eingeweiht wurde, stand es erhöht über eine fünfstufige Treppe erreichbar. Der Sockel auf einem Podest in Form eines flachen Pyramidenstumpfs trug vorne die Inschrift „DEN HELDEN / 1914 ✚ 1918“,seitlich unter „AUF DEM FELDE DER EHRE GEFALLEN / OPPENAU [...] / 1914 [...]“die Namen von 190 toten Soldaten, alphabetisch sortiert und geordnet nach Kirchspiel und Todesjahr.
Nach dem Zweiten Weltkrieg blieb das NS-Mal trotz der Kontrollratsdirektive Nr. 30 stehen. Als man es 1955 – dem Jahr, in dem die Direktive außer Wirkung gesetzt wurde – zum Kombi-Denkmal umfunktionierte, ersetzte man die vordere Sockelinschrift durch „UNSEREN TOTEN / 1914 1918 / 1939 1945“,ließ also „HELDEN“ und Eisernes Kreuz verschwinden. Auf zwei hohen Stelen mit quadratischer Grundfläche listete man unter den Jahreszahlen 1939 bis 1945 und den Ortsnamen die Namen derjenigen Toten, derer zusätzlich gedacht werden sollte. Jede Stele krönte man mit einem Metallkreuz, das ein großes christliches mit einem kleinen Eisernen Kreuz kombinierte. Die Stelen stellte man pylonenartig in symmetrischer Anordnung mit seitlichem Abstand hinter die Skulptur, um der Anlage eine sakrale Aura zu verleihen. So war das um abstrakte Wachposten erweiterte Kriegsmalensemble für das alljährliche Volkstrauertagsritual bis 2013 gerüstet, den Jahresrest durch hohe Hecken vor unliebsamen Blicken geschützt. Im November 2013 schrieb baden online: „Der martialische Zuschnitt, aber noch mehr die Inschrift, gibt immer wieder Anlass zur Diskussion. Vor einigen Jahren waren die Teilnehmer des Volkstrauertaggedenkens einmal dadurch überrascht worden, dass das Kriegerdenkmal mit Farbe verunstaltet war“ (bo 16.11.2013).
Deutlicher als in anderen Kriegsmalen: Handgranate als Phallussymbol des Helden, Position A
Probleme treten 2013 mit dem Umbau des Rathausvorplatzes auf, durch den dort Parkplätze wegfallen. Zur Kompensation will die Stadt elf neue Parkplätze schaffen – am Standort der NS-Kriegsmalanlage. Überlegungen im Gemeinderat, in dem CDU und UWO (Unabhängige Wählervereinigung Oppenau e.V.) exklusiv das Meinungsspektrum des Orts vertreten, reichen „von Versetzen, Zischenlagern [!] bis zum gänzlichen Entfernen des Denkmals“ „wegen seiner an die Nazizeit erinnernden Beschaffenheit“. Als Argumente, das nicht denkmalgeschützte NS-Kriegspropagandaobjekt „trotz seines martialischen Aussehens und der immer wieder beanstandeten Inschrift“ zu erhalten, werden genannt: Es könnte „gerade durch seine Art auch künftigen Generationen als Mahnung dienen“, es sei „ein historisches Zeitzeugnis“, es werde für „die Feiern zum Volkstrauertag“ gebraucht, man solle „auch das Gedenken an die in den beiden Weltkriegen Gefallenen [..] achten“. (bo 16.11.2013, 21.05.2015) Im November 2013 erklärt Bürgermeister Thomas Grieser, „dass die Entfernung des Denkmals aus dem Stadtpark für eine gewisse Zeit unumgänglich sei“ (bo 21.11.2013). Stadträte äußern im Januar 2014, das Kriegerdenkmal habe wegen der Namen am Sockel „nicht nur eine zeithistorische, sondern auch eine familienhistorische Dimension“ und „zudem Vorbildfunktion für viele andere im Raum Süddeutschland gehabt“, es sei „baufällig und müsse restauriert werden“ und es „müsse ein würdiger Platz [dafür] im Stadtpark gesucht werden“ (bo 22.01.2014). Im Mai 2014 beschließt der Gemeinderat, das Kriegerdenkmal abzubauen, einzulagern, zu restaurieren und zu verlagern, wobei „offen bleibt, wo es wieder aufgebaut wird“. Der Oberkircher Denkmalpfleger Rudolf Hans Zillgith empfiehlt, „sich an Hamburg ein Beispiel zu nehmen“, wo „das martialische alte Denkmal“ um ein modernes ergänzt worden sei, „das an die Opfer von Gewalt und Terror“ erinnere. Ein Stadtrat reduziert die Idee darauf, „Erklärungstafeln mindestens zweisprachig (Deutsch und Französisch) zu halten“. (bo 08.05.2014) Im Juni 2014 beauftragt der Gemeinderat einen Steinbildhauermeister für rund 36.400 Euro, das Denkmal abzubauen, zwischenzulagern, zu renovieren und wieder aufzubauen – wo, solle der neue Gemeinderat entscheiden (bo 05.06.2014). Der Abbau des Kriegsmals beginnt sofort nach Auftragserteilung.
Der weltbekannte Konzept- und Lichtkünstler Tim Otto Roth (*1974), die von der Erinnerungskultur des Ersten Weltkriegs und der Frontkämpferliteratur der Weimarer Republik faszinierte Literaturwissenschaftlerin Miriam Seidler, und der Nachrichtenredakteur und Autor Willi Keller erkennen das Folgeproblem der temporären Absenz des NS-Kriegsmals: Es fehlt im „Jubiläumsjahr 2014“ (Seidler) zum Jubilieren über den 100. Jahrestag des Beginns des Ersten Weltkriegs und am Volkstrauertag, denn es sei „die einzige Erinnerungsstätte an alle 190 Kriegstoten in Oppenau“, „die einzige Stätte in Oppenau, die namentlich alle gefallenen Soldaten des Ersten Weltkrieges anführt“, es gebe sonst „keinen Ort [..], an dem allen aus Oppenau und den Ortschaften stammenden Gefallenen gedacht werden“ könne, da deren Namen nur auf dem Sockel des Sturmtrupps komplett gelistet sind, nicht auf Oppenaus anderen Kriegerdenkmalen. Roth konzipiert und realisiert die Ersatzlösung Memento 190, die vom 1. August 2014 (Beginn des Ersten Weltkriegs 1914) bis zum 15. November 2015 (Einweihung der neuen Kriegsmalanlage) alle 190 Namen öffentlich sichtbar macht. Das „temporäre Denkmal“ Memento 190 ist eine zeitgemäße Kunstinstallation, die den politischen Totenkult digital inszeniert. Sie besteht aus einer gelben Laufschrift-LED-Anzeige, die im Oberlicht der Eingangstür zu Roths Künstleratelier im Oppenauer Bahnhof untergebracht ist und auf den Bahnsteig zeigt, „wo ebenfalls gelbe Laufschriften der Ortenau-S-Bahn Informationen zum aktuellen Zugverkehr geben“. Ab dem 1. August 2014 laufen die deutschen Kriegserklärungen von 1914 an Russland und Frankreich über die LED-Anzeige. Zur Einweihung des temporären Denkmals am 12. August 2014 zeigt die Laufschrift 190 Kreuze und Namen getöteter Oppenauer Soldaten, was nicht nur zur gegenüber liegenden Anzeige von Uhrzeit und Ankunft/Abfahrt der Züge kontrastiert, sondern durch direkten Ortsbezug daran erinnert, dass die Soldaten hier in Züge an die Fronten stiegen, und durch das Tempo des Laufbands daran, wie schnell sie dort umkamen. Eine von Roth, Seidler, Keller und dem Trompeter Bernhard Münchbach veranstaltete Einweihungsfeier wird mit Fanfarenklängen eröffnet, Roth spricht ein „Salut-Wort“, Keller rezitiert von Seidler ausgewählte „Kriegsgedichte aus dem Augsut [!] 1914, die für heutige Ohren auf erschreckende Weise den Krieg bejubeln“, und verliest „die Namen von Oppenauer Kriegstoten“, abschließend ertönt Der gute Kamerad. „Eine kleine Ausstellung zeigt Dokumente von 1934 zur Entstehung des abgebauten Denkmals.“ Eine interaktive Europakarte verzeichnet die bekannten Sterbeorte und -daten von Oppenauer Soldaten. (Direkte Zitate aus memento190.de, s. auch BNN 08.08.2014, bo 11.08.2014, BZ 11.08.2014, bo 14.08.2014, BZ 14.08.2014.) Hintergründe, Ursachen, Verantwortliche des Ersten Weltkriegs thematisiert das digitale Denkmal so wenig wie das alte und erneuerte steinerne. Im engen Renchtal verengt Memento 190 den Blick auf die Oppenauer Soldaten, entlässt sie aus ihrer Täterrolle und stilisiert sie zu Opfern, ohne Gedanken an die von ihnen getöteten Feinde, die Opfer der Feindesländer.Im Mai 2015 finden Stadträte und -verwaltung den „geeignetsten“ neuen Standort für das restaurierte NS-Kriegsmalensemble links neben dem Gedenkstein des Turn- und Sportvereins im unteren Stadtpark beim Lierbach (bo 21.05.2015).
Das am 2. Juni 1923 aufgestellte und am 8. Juli 1923 eingeweihte Denkmal des Turnvereins Oppenau ist ein granitener Findling mit einer bronzenen Gedenktafel mit der Aufschrift „1914 ✚ 1918Nach dem Zweiten Weltkrieg ergänzten die Turner und Sportler darunter eine Tafel mit der Aufschrift „1939 ✚ 1945Werden die Kameraden/Mitglieder für ihre sportlichen Leistungen oder ihre kriegerischen Taten geehrt? Der Kontext beeinflusst die Antwort.
Zwischen Juni und November 2015 wird der Bereich um den schlichten TuS-Gedenkstein zu einer Multi-Kriegerdenkmalanlage umgestaltet, in die sich das NS-Relikt flankiert von Symbolen der Weimarer und der Bonner Zeit integrieren soll. Das gesäuberte Knittel-Duo wird rund 50 Meter vom alten Standort platziert, „um 135 Grad in Richtung Osten gedreht“, ohne das pyramidale Podest von 1934 darunter (memento190.de). Die alte sakralisierende Symmetrie der Wachposten-Stelen weicht einer Anordnung, in der die renovierten Stelen als modernes „Gegendenkmal“ zur NS-Skulptur erscheinen und die zudem den Vorteil bietet, dass auf Fotos von Volkstrauertagsfeiern die Redner vor den Stelen und dem TuS-Findling erscheinen können und die Handgranatenszene hinter den Stelen verschwindet. Die Anlage wird gepflastert, Blumenbeete werden angelegt, Ruhebänke aufgestellt. Hinter den Kriegsmalen liegt ein Kinderspielplatz, den Platz davor belebt munteres Markttreiben. „Trutzig-karg recken sich da Stahlhelmsoldaten, kantigen Kinns werfen sie marmorne Handgranaten auf Marktplätze, und kein anständiger Ort, der nicht ein Reklame-Kriegerdenkmal sein eigen nennt: ›Immer wieder Krieg!‹“„Eine vor zwei Jahren ins Spiel gebrachte Erklärungstafel wird noch angebracht werden“ (bo 12.11.2015). Zum Volkstrauertag am 15. November 2015 wird das aufgewertete Kriegsmalensemble eingeweiht, das temporäre Digitalmal Memento 190 abgeschaltet. Weiterhin als „Ehrenmal“ bezeichnet, kann man wie bis 2013 vor dem NS-Kriegspropagandaobjekt alljährlich Friedensreden halten, Kränze ablegen und der in Auslandseinsätzen umgekommenen Bundeswehrsoldaten gedenken.
Auf den in sechs Jahrzehnten marode gewordenen Stelen waren „die Namen kaum mehr zu lesen“ (bo 12.11.2015). Die stilistisch modernisierten Stelen listen unter der Überschrift „1939♦1945“auf jeder Seite Orte, Jahreszahlen, Namen, Todesdaten, wobei offen ist, ob SS-Angehörige dabei sind. Die aufgesetzten christlich-Eisernen Kreuze von 1955 relativieren die Modernität der Stelen.
Im Jahr 2017 entdeckt ein Besucher den „in Beton gegossenen Klotz braunen Allmachtswahnsinns“ (Leserbrief BZ 21.11.2017), worauf er an die Oppenauer Stadtverwaltung mailt: „"Mit großer Bestürzung musste ich bei meinem letzten Abstecher ins hintere Renchtal feststellen, dass das unsägliche Nazi-Denkmal wieder aufgestellt worden ist. Diese Dreistigkeit verschlägt mir die Sprache"“Das „Nazi-Denkmal“ soll bleiben, ohne Touristen zu vertreiben. So dauert es nur ein Jahr, bis die vor vier Jahren versprochene Erklärungstafel installiert wird, wenn auch nicht zweisprachig.
der Kirchspielgemeinden Oppenau erinnern.
Es wurde gestaltet vom Freiburger Bildhauer Hugo Knittel
Mit der Beschwörung dieser angeblich militärischen "Tugenden"
Die Gefallenen des 1. Weltkriegs wurden erneut zu Opfern,
Die 1955 aufgestellten Säulen mit den Namen der Gefallenen Der revanchistische Geist der Inschrift ist„Die Kriegsverherrlichung einordnen“ soll dieser Text auf der Edelstahltafel auf der Muschelkalksteinstele, den der Gymnasiallehrer und Historiker Heinz G. Huber verfasst hat – dabei fällt schon der erste Satz auf die NS-Propaganda herein. Als einziger Akteur erscheint Knittel, die sonstigen verschwinden in drei Passivsätzen. Dass der Text sich darauf beschränkt, tote Oppenauer Soldaten zu viktimisieren, provoziert die Frage, wie die Oppenauer Gedenkpraxis aussähe, wenn sie lebend aus dem Zweiten Weltkrieg heimgekehrt wären? Gab es keine anderen Opfer der „menschenverachtenden Ideologie“? „Das Denkmal im Oppenauer Stadtpark als Mahnmal zu betrachten“, empfiehlt Huber. (bo 17.10.2018) Wozu soll es mahnen? Wer die Handgranate schneller wirft und besser trifft, der siegt? Wer zögert und sich treffen lässt, krepiert? Deutlicher als Huber erklärt René Zipperlen Knittels NS-Kriegspropaganda – aber auch ausführlicher; hier ein Zitat von ihm, gerahmt als alternative Erklärtafel:
Oppenaus Maßnahmen zu seinem NS-Relikt verteilen sich dem Murger Murks vergleichbar auf die Was-tun-damit-Kategorien. Das Bewahren nimmt stark apologetische Züge an, die man durch den TuS-Gedenkstein, die Stelen und die Erklärtafel zu bremsen versucht. Schamvolles Verdrängen äußert sich darin, dass Oppenau in seinem offiziellen Webauftritt mit keinem Wort, keinem Bild über seine Kriegerdenkmale, keinem Bit über seine neusten 36-K-Euro-Errungenschaften informiert. Ansätze zu Aufklärung zeigen sich in der Infotafel, die direkt vor dem Kriegerduo platziert und leserlich ist. Doch leider verzettelt sich der knappe Text in Halbheiten, sodass die Tafel eher eine Alibifunktion erfüllt. Dekontextualisierung liegt fern, wo ein NS-Kriegspropagandaobjekt als „Ehrenmal“ betitelt und zum Volkstrauerkultmal zerklärt wird.
Lehren: Was können Radolfzell und Oppenau voneinander lernen?
QuellenGenealogische Gesellschaft Hamburg e.V., W. Leskovar:Baden-Württemberg - Onlineprojekt Gefallenendenkmäler - Ortenaukreis denkmalprojekt.org/covers_de/d_badwuert.htm#Ortenaukreis Listet zu Oppenau sechs Seiten, die weder den Gedenkstein des Turn- und Sportvereins noch das NS-Kriegsmal mit den dazu gestellten Stelen registrieren.Tim Otto Roth, Miriam Seidler, Willi Keller: in memoriam temporalis - kontroverses Denkmal im 'Umzug' memento190.de Der Künstler und Kunstwissenschaftler Tim Otto Roth, die Literaturwissenschaftlerin Miriam Seidler, und der Nachrichtenredakteur und Autor Willi Keller dokumentieren die digitale Kriegerdenkmal-Kunstinstallation Memento 190, die von August 2014 bis November 2015 die temporär entfernte NS-Kriegsmalanlage ersetzte.Dr. Miriam Seidler, Köln: Narrative des Ersten Weltkrieges - Ringvorlesung an der Heinrich-Heine-Universität miriamseidler.de/events/narrativeWW1_ss2014.html Zum Oppenauer NS-Kriegsmal, das einen lokalen Beitrag zu den reichsweiten Kriegsvorbereitungen des Naziregimes darstellte, schreibt Seidler:Wikipedia: Hugo Knittel„Gemeinsam mit den anderen von Knittel entwickelten Denkmälern, stellt es einen wichtigen Beitrag zur Regionalgeschichte in Süddeutschland dar.“Sie verwendete ein Foto des NS-Kriegspropagandaobjekts auf einem Poster zur Ringvorlesung „Narrative des Ersten Weltkriegs“, die sie im Sommersemester 2014 mit Johannes Waßmer an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf organisierte. Das Plakat ähnelt mehr dem Titelblatt eines Landser-Hefts als einer wissenschaftlichen Publikation. de.wikipedia.org/wiki/Hugo_Knittel
Turn- und Sportverein 1905 e. V. Oppenau: Dokumentiert die Vorgeschichte des Turner-Kriegerdenkmals bis zur Einweihung 1923.Horst Hoferer: Oppenau: Parkplätze statt Denkmal? baden online (16.11.2013) bo.de/lokales/achern-oberkirch/parkplaetze-statt-denkmal
Simon Allgeier:
red/RK:
Simon Allgeier:
Patric König:
Simon Allgeier:
René Zipperlen, www.der-sonntag.de: Informativer Blogbeitrag mit fünf Kommentaren.MH: Gedenken in LED. Tim Otto Roth erinnert in Oppenau an Gefallene Badische Neueste Nachrichten (08.08.2014) memento190.de/docs/presse/BNN_GedenkeninLED_140808.pdf
Gertrud Schley/Jutta Hagedorn:
Robert Ullmann:
Katharina Reich:
Robert Ullmann:
Horst Hoferer:
Horst Hoferer:
Jutta Schmiederer:
rv/m/AK/j:
Moritz Lehmann:
Simon Allgeier:
Bernhard Huber:
Bernhard Huber, Roman Vallendor, Jutta Schmiederer: WeinheimWas teilt Weinheim an der Bergstraße mit Radolfzell am Bodensee? In beiden Städten marschieren von Wilhelm Kollmar gestaltete NS-Krieger. So liegt es nahe, diese Werke und ihre Geschichte zu vergleichen. Anders als das Radolfzeller NS-Relikt hat es das Weinheimer geschafft, in einem Buch (Werner Pieper: Mensch, Denk Mal [Pie15]) und in Wikipedia (Weinheimer Kriegerdenkmal) behandelt zu werden. (Leider ist der Wiki-Beitrag nicht zitierbar, weil er u.a. mehrere Stellen dieser Webseite plagiiert. Der Wiki-Autor begründet die Plagiate damit, karlheinz-hug.de/kriegsdenkmal-radolfzell sei nicht zitierbar. Aber plagiabel.)
Die Vorgeschichte beginnt am oberen Ende des historischen Marktplatzes, wo vor der 1911–1913 erbauten katholischen St.-Laurentius-Kirche das 1890 errichtete Kaiser- und Kriegerdenkmal steht. Auf mehrgliedrig hohem, mit des Kaisers Büste geschmücktem Sockel stürmt ein Krieger symbolisch mit Gott und Kaiser, faktisch mit gezogenem Säbel und emporgestreckter Fahne zum Marktplatz gegen die verhassten Franzosen, deren Nachfahren mit Menschen aus aller Welt in den von Bäumen beschatteten Straßenrestaurants und -cafés verweilen.
Voranstürmende Fahnenträger seines Typs standen „an mindestens 15 weiteren Orten im damaligen Deutschen Reich“ (Baer-Schneider 2011). Das Weinheimer Exemplar nahm die Kriegstheologie des Ersten Weltkriegs vorweg, die „der Garnisonspfarrer Dr. O. Meyer in Tübingen am 20. September 1914 vor dem Ausmarsch Kriegswilliger“ so predigte: „»Gott und das Vaterland. Wir spüren es jetzt unmittelbar: Beide gehören zusammen. [...] Eure Arbeit ist ›ein Werk des Herrn‹, euer Kriegsdienst ist ein Gottesdienst«“ [Hof86, S. 107].An der rechten Sockelseite informiert eine Tafel: „Kaiser- und KriegerdenkmalMöglich war die „grundlegende Restaurierung“ des neubarocken Pickelhaubenträgers auch, weil er 1940 der Metall-Kriegsspendensammlung der Nazis zwecks Wiederverwertung zur Kanone dank seines minderen bronzeimitierenden Zinkgussmaterials entfleucht war (Baer-Schneider 2011, [Pie15, S. 60]), anders als sein bronzener Radolfzeller Kamerad, der am 1870/71er Kriegsmal im Sterben lag, bis er 1943 eingeschmolzen wurde. Auch seinen bronzenen, drei Meter hohen Zwilling, der in Gottmadingen vom Rathaus mit Säbel und Fahne losstürmte, ereilte dieses Schicksal, zu dem Blaschka und Kramer fragen [BKH15, S. 8]: „Gibt es einen schöneren Tod für eine solche Heldenfigur?“„Fast vollständig“ bedeutet 73 %, denn zu den 2011er Gesamtkosten von 48.000 Euro spendeten Weinheimer Bürger 3.000, die Sparkasse (die 1935 das NS-Mal gesponsert hatte) 35.000, der Rest kam wohl aus Steuermitteln [Pie15, S. 61]. So darf man den vom „schöneren Tod“ verschonten Säbel-Fähnerich weiter „vor der Fassade der katholischen Kirche als einen störenden und zum ganzen unharmonischen Fremdkörper empfinden“,wie schon ein Kommentator der Lokalen Nachrichten vom 7. August 1913 [Pie15, S. 59–60]. Pieper berichtet ausführlich zum stürmenden Krieger und zu Folgendem. Für NS-Massenaufmärsche waren Weinheims Altstadtgassen zu eng. Deshalb platzierten der ns-beherrschte Stadtrat, SA, SS und Militärvereine das NS-Kriegskultmal-Aufmarschgelände davor im Bürgerpark (Hindenburgpark von 21.03.1933 bis ?) an der Bahnhofstraße, die heute eine belebte Geschäftsstraße ist ([Pie15, S. 69], WN 02.03.2016).
Zu dem im September 1934 ausgeschriebenen Wettbewerb, an dem sich nur Mitglieder der Reichskulturkammer beteiligen durften (nur diese hatten kein Berufsverbot), gingen 62 Entwürfe ein, aus denen am 14. Dezember 1934 Kollmars Entwurf ausgewählt wurde [Lur86, S. 99, 156], [Pie15, S. 70]. Finanziert wurde die Anlage durch rund 40.000 RM Spenden; eingeweiht wurde sie am 18. Oktober 1936, dem 123. Jahrestag der Völkerschlacht bei Leipzig, mit Aufmärschen aller NS-Formationen, SA, SS, HJ, BDM, Fahnen, Chören, Kranzablagen, Reden und Sieg-Heil-Rufen als Mahnmal zum Heldentod im geplanten Krieg [Pie15, S. 69–72]. Weinheims OB Joseph Huegel in seiner Einweihungsrede: „Der Soldatentod ist nicht mehr Opfer, er ist Erfüllung. Das Ehrenmal ist zugleich zum Mahnmal geworden, es soll ’uns alle Mann für Mann zum Heldentod mahnen’. Diese Gedanken zeigen sich auch in unserem Ehrenmale“ (Weinheimer Nachrichten, Nr. 245 (19.10.1936) zit. n. [Lur86, S. 157]).
Zum Heldentod-Erfüllungsmal führen zwei Auf-/Abmarschwege von der Straße, zwei von hinten.
Rechts vom rechten Straßenzugang steht eine Informationstafel, im Februar 2016 vom Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg angeregt, von der Bürgerstiftung Weinheim mitfinanziert, von der Stadt umgesetzt, am 9. November 2017 von OB Heiner Bernhard und Jugendgemeinderatsmitgliedern bei einer Gedenkveranstaltung zur Reichspogromnacht enthüllt, der ein Schweigemarsch zum Opfer-Mahnmal (s. unten) folgte (RNZ 11.11.2017). Bernhard erklärte den Umgang mit dem „Gegenstand hitziger Diskussionen“ vor der Enthüllung der Tafel als „schwierig“, „denn ein Teil unserer Bevölkerung sieht es allein als propagandistisches und martialisches Werk der Nationalsozialisten zur Kriegsverherrlichung. Für andere ist es vor allem ein Ort des Gedenkens an die Gefallenen der beiden Weltkriege, für manche ein Ort der Erinnerung an Angehörige und Freunde“ (SW 09.11.2017).Offen blieben Alter und Anzahl der „Angehörigen und Freunde“, deren Erinnerungsvermögen des NS-Kriegsmals bedarf.
So erfreulich es ist, dass es in Weinheim 72 Jahre nach der Befreiung vom Naziregime und 18 Jahre nach der Errichtung des Opfer-Mahnmals gelang, in diesem Aufklärungszeichen einige Fakten zu nennen, so bedenklich schwächelt der von der Stadt und dem Landesamt für Denkmalpflege formulierte Text. Kollmar erscheint als frei schaffender Künstler, Stifter und andere Akteure heißen „man“ oder verschwinden in Passivformen. Der Satz „Somit eignete sich dieses Denkmal auch vor allem zur vorausgreifenden Kriegspropaganda“ lässt den Hauptzweck der Anlage als Zufallseffekt einer „vereinfachenden Formensprache“ erscheinen. Die „Zeit des Nationalsozialismus (1933-1945)“ reduziert sich auf Adjektive wie „monumental“, „heldenhaft“, „heroisierend“. Der Text erwähnt „die Ausgrenzung der Juden“, aber nicht Holocaust, Angriffs-, Eroberungs- und Vernichtungskriege. Die „Kunst im Nationalsozialismus“ wird bemüht, um das Kriegsvorbereitungsobjekt aufzuwerten (s. Kunstwerk). In voluntaristischer Manier wird sein Zweck in Phrasen umgedeutet: Es diene „heute nicht der Kriegsverherrlichung“, sondern fordere auf „zur Auseinandersetzung mit der Geschichte und der eigenen Position“ und solle „zu einem bewussten und sensiblen Umgang mit Geschichte auffordern“. Seit wann? Stell dir vor, das NS-Mal fordert, und keiner folgt!Die Partei „Die Linke“ kritisierte an der Infotafel, dass „der Gemeinderat nicht eingebunden wurde“ sowie „die gestalterische Umsetzung“ in eine „Textwüste“, bei der „Eyecatcher“, Mehrsprachigkeit und ein QR-Code mit zugehöriger Webseite fehlen (RN 14.01.2018). Wozu das Kultmal dem Naziregime diente und was es forderte, zeigt Meinhold Lurz anhand der Wettbewerbsbestimmungen vom 1. September 1934 und von Reden und Berichten zur Einweihungsfeier sowie weiteren NS-Quellen [Lur86, S. 155–157, 245–246, 334–335].
Die NS-Kriegskultanlage in Weinheim besteht wie die in Radolfzell aus antikisierenden Tafelmauern um eine ns-pseudo-realistische Skulptur, die in Lurz’ Ordnung einen „aggressiven Sturmtrupp“ darstellt [Lur86, S. 155–157]. Nach Lurz stand das 1870/71er-Siegesdenkmal am Marktplatz Pate für den Sturmtrupp, der im Gleichschritt zur Front, zum nächsten Sieg eilt [Lur86, S. 157, 246]. Die strenge Symmetrie mit der Kreisbogenmauer und der Skulptur im Kreismittelpunkt wurde in Radolfzell aus Platzmangel nicht realisiert, sondern durch rechtwinklige Formen ersetzt. In Akten „bewussten und sensiblen Umgangs mit Geschichte“
Die Hecke über den zwei Stufen dient dazu, für die Frontansicht den 80 cm hohen Betonsockel zu verstecken, auf dem die rund 3,15 Meter hohen Muschelkalksoldaten marschieren. Zudem verdeckt sie die trampelnden Stiefel bis zu den Unterkanten der langen Mäntel, sodass die Marschbewegung weniger auffällt. Schon lang vor den Radolfzeller Entmartialisierungsversuchen, die zur Berosung des NS-Relikts führten, praktizierte Weinheim diese rosenlose Variante, die in Kniehöhe zurückgeschnitten wird. Wobei zu beachten ist, dass sich das rund 30 % höhere Radolfzeller Monstrum schwerer verbergen lässt als das Weinheimer (0,9+4,2=5,1 / 0,8+3,15=3,95).
Den Säbel des zum Sieg stürmenden Marktplatzkriegers ersetzen hier zwei zeitgemäße Gewehre, dessen Fahne wird Kollmar einem Radolfzeller Krieger in die Fäuste geben, an die Stelle der Fahne tritt hier zur Abwechslung eine Trommel. Die geballte Faust von Knittels 1934er Helden in Oppenau hat sich auf dem Weg rheinabwärts über Karlsruhe nach Weinheim verdoppelt. Befindet sich der Marktplatzstürmer im Kampfgetümmel, so ist das Kriegertrio erst beim Anmarsch dorthin, die Gewehre noch geschultert. Ein geschultertes Gewehr kommt etwa zeitgleich beim Engener Kriegerduo vor, wenn auch andersrum. Zwei Jahre später, ein Jahr vor Kriegsbeginn, hat einer der Radolfzeller Krieger das Gewehr von der Schulter genommen, um sich schießbereit dem Feind zu nähern. Was Christine Fischer-Defoy an NS-Wandmalereien feststellt, trifft auch auf Kollmars (und Knittels) Skulpturen zu: Der Feind ist nicht zu sehen, vielmehr verherrlichen die Szenen „Kampfeswillen und Opferbereitschaft“ [Fis88, S. 207]. „Dargestellt wird der Kampf als Opfer im Dienst eines übergeordneten Zieles. Ikonographisch sind sie gekennzeichnet durch Schablonisierung und damit Entindividualisierung der Figuren“ [ebd. S. 206].
„Die Trommel schlug zum Streite, Er ging an meiner Seite, In gleichem Schritt und Tritt.“Ludwig Uhland: Der gute Kamerad (1809) Gehören die meisten Requisiten des Trios zum Standardrepertoire zahlreicher NS-Kriegerskulpturen, so kommt die Trommel zwar seltener vor, zeichnet sich aber als Symbol für Aggressionsbereitschaft aus: „Früher wurde zum Angriff geblasen, Trommeln gaben Marschtempo und -rhythmus vor und sorgten für Gleichschritt“ [Beh96, S. 317–318].Das Hakenkreuzbanner Nr. 286 (15.10.1936) kolportierte des Kreators Kollmar Deutung der Drei als „’zwei Musketiere und einen Tambour’, die das ’hohe Lied vom guten Kameraden’ versinnbildlichten“ [Lur86, S. 156], [Pie15, S. 70]. Dagegen sah ein lokales Presseorgan „die Figur des Trommlers als Weckruf des 3. Reiches“ [Pie15, S. 27] ... zum Marsch in den Zweiten Weltkrieg. Die „Große Deutsche Kunstausstellung“ 1937 in München präsentierte die geweckte nächste Generation mit Franz Bernhards Kunststeinrelief Unsere Jugend: Ein Fahnenträger und ein Trommler in HJ-Uniformen trugen den Weckruf ins „Haus der Deutschen Kunst“, in den „Saal der weiblichen Aktplastiken“, wo „die Frau zur Nachwuchsbeschafferin für das NS-Regime“ und den Krieg avancierte [Sch12, S. 91, 211, 939].
Mit der um 1958 initiierten Erweiterung zum Kombi-Denkmal beauftragte man „Prof. Dr. Linde, der 1934 schon als Jurymitglied bei der Auswahl der Denkmal-Künstler mitgewirkt hatte“ [Pie15, S. 75]. In Akten „bewussten und sensiblen Umgangs mit Geschichte“
„Die Gefallenen der Stadt Weinheim im Weltkrieg 1914 – 1918.“Zum Vergleich: Radolfzell 229+561 Tote inkl. 102 SS-Männer ohne Dienstgrade, Weinheim 477+1168 Tote inkl. 29 SS-Männer mit gefälschten Dienstgraden.
Bei den OB-Wahlen 1974 erhielt der später mehrfach wegen Holocaustleugnung verurteilte NPD-Funktionär Günter Deckert 25,3 % der Stimmen. Das „schaurige Nazi-Denkmal“ war „Deckerts bevorzugte Kulisse bei Kundgebungen“, schreibt Jutta Ditfurth in ihren Jugenderinnerungen (gemäß Piepers dürftigen Angaben). [Pie15, S. 104–105] Demnach war Deckerts Geschichtsrevisionismus kompatibel mit dem Gruselmal. Am Volkstrauertag 18.11.2018 führte die NPD dort ein „Heldengedenken“ durch [LVBW19], am Vortag die Stadt eine „Ehrenzeremonie“ mit „feierlicher Kranzniederlegung“ (WN 06.11.2018).
Der Heimatdichter Wilkendorf (1892–1971) schrieb nicht nur im Führer, sondern hatte auch in des „Führers“ Werk gelesen: „Ein Mahnmal der UnsterblichkeitDas ewig unsterblich germanische Wahrhaftigkeitsmal unterlag zahlreichen Aktionen von politischem Ikonoklasmus, eventuell auch von schlichtem Vandalismus; dazu eine Auswahl aus [Pie15, S. 76–78]:
„die Figurengruppe hat in ihrem vorwärtsstürmenden Rhythmus und in ihrer Geschlossenheit außerordentliche Wirkung“Preisgericht des Weinheimer Kriegerdenkmal-Wettbewerbs in der Begründung für den Ersten Preis, zit. n. Weinheimer Nachrichten, Nr. 293 (17.12.1934) zit. n. [Lur86, S. 334] Ideen zur legalen aufklärenden Umgestaltung des NS-Kultmals entstanden Anfang der 1990er Jahre in der „Friedensinitiative Weinheim“ und fanden Unterstützung beim Stadtjugendring, beim SPD-Ortsverein und bei der Grünen Alternativen Liste. Ein Wettbewerb der Friedensinitiative zur Neugestaltung des NS-Relikts führte 1993 zur Prämierung des Entwurfs des Künstlers Rainer Negrelli (*1943), der vorsah, die Skulptur in einem Stahlgerüst in Seilen nach vorn geneigt aufgehängt umzupositionieren. [Pie15, S. 79–80]
Eine illegale Umgestaltung erlitt der figürlich rechte Soldat in der Nacht zum 7. November 1994, indem er geköpft wurde. Die sich Tage später „Gewaltfreie Aktionsgruppe Clara Wichmann“ nennenden Täter stemmten den Kopf mit einem Wagenheber weg, beschilderten die Restskulptur mit „Keine Nazidenkmäler“, und versenkten den Kopf im Rhein. Details des Tatvorgangs erfuhr Werner Pieper allerdings erst 17 Jahre später aus gut informierter Quelle. (Pieper 09.08.2011, [Pie15, S. 84, 103–104]) Die für die Tat instrumentalisierte Clara Wichmann (1885–1922) war eine Pazifistin, die vor dem Erstarken des Faschismus starb. Erwartbar löste die Kriegerköpfung vielfältige Reaktionen aus:
Gemeinsamkeiten an Kollmars NS-Kriegskultanlagen in Weinheim und Radolfzell liegen offen. Welche denkmalschutzrechtlichen Status genießen sie? Beide hätten nach der Kontrollratsdirektive Nr. 30 zerstört werden müssen, dürften nach Grundgesetz Art. 26 (1) und UN-Zivilpakt Art. 20 nicht mehr neu errichtet werden, und werden von Rechtsextremen für demokratiefeindliche Aktionen genutzt.
Die Ehretstraße ist zu Ehren Heinrich Ehrets benannt, der 1885–1912 Bürgermeister von Weinheim war, um 1890 das „Comitee für Errichtung eines Kaiser- u. Kriegerdenkmals in Weinheim“ leitete, und beim Einweihungsfest des Denkmals am 17./18. August 1890 pflichtgemäß „den Kriegern Weinheims, welchen es vergönnt war, in den glorreichen Kämpfen der Jahre 1870/71 ihr Leben für das Vaterland einzusetzen, unsern Dank“ abstattete [Pie15, S. 57–58].
Am oberen Ende der Ehretstraße sichtbar ist der rechte Pfeiler des Opfer-Mahnmals –
„bewusst in Sichtweite des Kriegerdenkmals als Gegendenkmal errichtet“ (Informationstafel).
Gibt es einen „bewussten und sensiblen Umgang mit Geschichte“, ohne handelnde Menschen zu nennen?
Das Gegendenkmal „in Sichtweite des Kriegerdenkmals“: Zwei hoch aufragende Sandsteinpfeiler begrenzen den Zugang zu einem streng symmetrischen Platz vor dem Stadtpark mit Sportanlagen, wo im 19. Jahrhundert ein Friedhof lag, bis man ihn geschichtssensibel umformte [Pie15, S. 91]. Die Verbindung aus schwarzem Metall zwischen den Pfeilern in rund 2,5 Meter Höhe fällt zunächst nicht auf. Nach Betreten des Platzes erkennt man eine Aufschrift, die die Anlage erklärt.
Von einigen Stellen der verkehrsarmen Straße ist erkennbar, was hoch oben zwischen den Pfeilern geschieht.
Wie entstand das „bewusst als Gegendenkmal“ (Infotafel zum NS-Mal) angelegte Mahnmal? Nach der Wiederbekopfung des geköpften NS-Soldaten orientierte die Friedensinitiative auf ein „Mahnmal für die Opfer von Krieg und Verfolgung“. Auf Vorschlag von OB Kleefoot stimmte der Gemeinderat im April 1995 für ein Opfer-Mahnmal ohne Beschränkung auf die NS-Zeit, im Oktober 1996 beschloss der Rat die Planung des Mahnmals, doch Spenden sprudelten dafür spärlicher als für den Nazi-Kopf, schließlich musste „die Stadt 120.000 DM aus den Haushaltsmitteln abzwacken“. Nach einem Künstlerwettbewerb wurde das Mahnmal von dem Installationskünstler Hubertus von der Goltz (*1941) gestaltet und mit dem Gedenken an die Reichspogromnacht am 9. November 1999 eingeweiht. [Pie15, S. 91–93] Goltz ist bekannt für Installationen von Silhouetten von Menschen, die auf Balken balancieren. (S. z.B. Goltz’ Balance von 1997 am Feuerwehrturm in Engen.) Nach Goltz balanciert die entwurzelte, orientierungslose Menschengruppe zeitlich zwischen Vergangenheit und Zukunft über den Balken, an dessen räumlichen Enden Trümmer und scharfkantige Abwehrstangen den Weg versperren, wie von der Platzseite aus erkennbar ist.
Goltz’ Webauftritt zeigt ein Foto, auf dem das Opfer-Mahnmal deutlicher als oben zu erkennen ist (hubertus-von-der-goltz.de/de/content/mahnmal-fuer-die-opfer-von-gewalt-krieg-und-verfolgung-der-stadt-weinheim); von dort stammt auch diese Beschreibung: „Die Säulen und Mauern des Mahnmals sind aus rotem Sandstein, wie er in der Stadt Weinheim traditionell auftaucht. Die Figurengruppe und die Endstücke sind aus patinierter Bronze und lagern auf einem 9 m langen Edelstahlträger (15x10cm), der mit Bronzeblech verkleidet ist. Die Figurengruppe ist 200x180 cm. Der Stern auf dem Platz ist aus rotem und grauen Kies, durch Bandstahl in der Form gehalten.“Der rotgraue Kiesstern soll einen Davidstern darstellen. Die Stadt sieht 2017 in Goltz’ Opfer-Mahnmal „eine unmissverständliche Antwort auf das Kriegerdenkmal“ (Infotafel zum NS-Mal), doch es erlaubt vielfältige Interpretationen. Zwar liegt es in einer Sichtachse mit dem NS-Mal, aber mit 280 Pieper-Schritten [Pie15, S. 93] räumlich so weit von jenem entfernt, dass es in keinem direkt wahrnehmbaren optischen Kontrast dazu steht. Die Bezeichnung „Gegendenkmal“ ist demnach eher inhaltlich zu fassen. Indem es statt bewaffneter Soldaten auf dem Kriegsmarsch schutzlose Menschen auf der Flucht zeigt, stellt es sich im Gegensatz „Täter – Opfer“ eindeutig auf die Seite der Opfer. Es kann zu Empathie für Opfer, Solidarität mit ihnen anregen. Doch indem Goltz seine Geschöpfe „in dem Moment zwischen Vergangenheit und Zukunft“ balancieren lässt, entzieht er sie dem konkreten historischen Kontext der NS-Zeit. Der antifaschistische Gehalt des Mahnmals geht auf in einem allgemein menschlichen. So lässt sich das Opfer-Mahnmal auch als selbstständiges, vom NS-Mal unabhängiges Mahnmal deuten, worauf auch die Bezeichnung Mahnmal für die Opfer von Gewalt, Krieg und Verfolgung hinweist. Dass die daraus resultierende Relativierung der Verbrechen des Naziregimes – Gewalt, Krieg und Verfolgung gibt es immer überall – durchaus beabsichtigt war, zeigt die Vorgeschichte des Mahnmals. Dieser Deutung entgegen steht der in den Boden eingelassene Davidstern, der kaum noch zu erkennen ist. Das Opfer-Mahnmal zeigt hilflose Opfer, jugendliche und erwachsene Flüchtende, es mahnt: Jeder kann Opfer anonymer Gewalt, unheimlicher Mächte werden, keiner dem unerklärten Schicksal entkommen. Indem das Mahnmal im Spektrum „Täter, Helfer, Werkzeuge, Opfer, Widerständige“ auf Opfer fokussiert, positioniert es sich gegen den bis zum 8. Mai 1945 ns-staatlich verordneten Heroisierungskult, nicht gegen die seit 9. Mai 1945 sich ausbreitenden Viktimisierungstendenzen: Wir sind alle Opfer, über Täter schweigen wir. In der Nachkriegszeit erhielt die Opfergruppe der Flüchtlinge eine prominente Rolle vor anderen Opfergruppen wie Zwangsarbeiter, ermordete Juden, Sinti, Roma, Alte, Behinderte, Homosexuelle. Das Opfer-Mahnmal steht in dem Spannungsfeld, einerseits als Gegendenkmal zum NS-Kriegsmal reklamiert zu werden, andererseits kaum über Ursachen und Verantwortliche des Naziregimes und seiner Kriege aufzuklären. Freilich ist von einem einzelnen Kunstwerk nicht zu erwarten, umfassende Erkenntnisse zu dem Fragenkomplex zu vermitteln, durch wen und wie Faschismus entsteht und wer ihn wie verhindern kann. Bestenfalls regt das Mahnmal zur Auseinandersetzung mit der NS-Geschichte an. Offen bleibt: Hat Goltz hier ernsthaft ein Gegendenkmal zum NS-Kultmal konzipiert? Hat er sein übliches Markenzeichen versiert an den Auftrag angepasst? „Das Weinheimer Gegendenkmal ist eines der wenigen Gegendenkmäler in Südwestdeutschland“ [EKBP14, S. 16]. Doch es steht nicht nur „gegen“, sondern laut Bezeichnung auch „für“ etwas. Werner Pieper kritisiert, dass sich die Intention des Mahnmals kaum einem Menschen offenbare und der Platz zum Hundeausführen missbraucht werde [Pie15, S. 93]. Wie gestalten Radolfzell und Weinheim ihre Gedenkfeiern zu Volkstrauertagen?
Lehren: Können Radolfzell und Weinheim etwas voneinander lernen?
Quellen[EKBP14], [Fis88], [Hof86], [Lur86], [Pie15]
flickr:
Förderkreis des Museums Weinheim e.V.: Reichhaltige Materialsammlung, gut aufbereitet, dreisprachig.Genealogische Gesellschaft Hamburg e.V., W. Leskovar: Weinheim (1870-71), Rhein-Neckar-Kreis, Baden-Württemberg denkmalprojekt.org/2014/weinheim_rhein-neckar-kreis_1870_bawue.html Weinheim (1. Weltkrieg), Rhein-Neckar-Kreis, Baden-Württemberg denkmalprojekt.org/2014/weinheim%20_rhein-neckar-kreis_1.wk_bw.html
Stadt Weinheim (Hg.):
Claudia Baer-Schneider: Berichtet über den 1870/71er Krieg, die ihm folgende Denkmalwelle, das Zinkgussverfahren, und die Geschichte des Weinheimer Kaiser- und Kriegerdenkmals bis zu seiner Restaurierung 2011.Werner Pieper: Werner Pieper erzählt aus seinem Buch "Mensch, Denk Mal" - YouTube Video 4:12 (09.08.2011) youtube.com/watch?v=CiK2df0dudw „Medienexperimentor Werner Pieper erzählt eine Geschichte über ein Weinheimer Kriegsdenkmal, die auch in seinem Buch "Mensch, Denk Mal" näher beschrieben wird.“ Nämlich die Köpfung des NS-Kriegers.Slipperman: Kriegerdenkmal endlich ‘echt’ – kaputt. Denk Mal! Graswurzelrevolution, Heidelberg, Münster (01.10.2011) graswurzel.net/gwr/2011/10/kriegerdenkmal-endlich-echt-kaputt
shy:
hr:
Lydia Dartsch:
Oleksandr Byelkin:
Bunter Schlips fürs Denkmal
Matthias Wildmann:
Linke gegen Sanierung am Kriegerdenkmal
„Man kann Geschichte nicht nachträglich korrigieren“
Feine Pinselstriche auf Stein
Unbequem, aber nicht ganz ohne Sinn
Brückenschlag zum Mahnmal
Martin Black, Weinheim: Das 360-Grad-Panoramafoto zeigt die NS-Kriegskultanlage vor dem Aufstellen der Informationstafel, als dort noch die nach gegenüber versetzte Sitzbank stand und THE TOUCH noch das Sonnenstudio Beauty-Center beherbergte.Werner Pieper: Sind Krieger- und Kriegs-Denkmale heute noch zeitgemäß? „Mensch, Denk Mal“ – Mußte doch mal geschrieben werden dürfen … Neue Rundschau (Juli 2016) rundschau-hd.de/2016/07/sind-krieger-und-kriegs-denkmale-heute-noch-zeitgemaess-mensch-denk-mal-musste-doch-mal-geschrieben-werden-duerfen Hier irrt Pieper wie in [Pie15, S. 109]: Das Murger NS-Mal ist nicht von Wilhelm Kollmer, der Kollmar heißt, sondern von Hugo Knittel.Die Hetze von damals gibt es noch heute Weinheimer Nachrichten (10.11.2016) wnoz.de/Lokales/Weinheim/Die-Hetze-von-damals-gibt-es-noch-heute-20607c61-c764-4c33-aee6-a67ae2ae216b-ds
Werner Pieper:
Stadt Weinheim, Pressestelle und Veranstaltungsmanagement: Erinnerungskultur: Die Stadt Weinheim lässt ihre Pressemeldungen verschwinden, web.archive.org erinnert daran.Erklärende Worte schlagen die Brücke Weinheimer Nachrichten (09.11.2017) wnoz.de/Erklaerende-Worte-schlagen-die-Bruecke-83b11940-5c44-4e59-a321-c53f36d60a58-ds
„Kopflose“ Zeit löst neue Diskussion aus
Eine klare Antwort
Die „Achse des Erinnerns“ nimmt weiter Formen an
Bewahren ist weiter wichtig
Günther Grosch: „Erläuterungstafel im Bürgerpark enthüllt - Um das Denkmal gab [!] immer wieder Diskussionen“Weinheim: Riesenstein des Anstoßes Mannheimer Morgen (18.11.2017) morgenweb.de/mannheimer-morgen_artikel,-weinheim-riesenstein-des-anstosses-_arid,1149399.html
Die Linke fordert Überarbeitung der Infotafel
Linke Kritik am Weinheimer Kriegerdenkmal: Textwüste statt "Eyecatcher" „Auch Nichteinbindung des Gemeinderats sei problematisch - Seit Jahren politische Debatte“vmr: Kritik an Info-Tafel am Denkmal Weinheimer Nachrichten (24.01.2018) wnoz.de/Lokales/Weinheim/Kritik-an-Info-Tafel-am-Denkmal-385509e9-5106-4db7-bc77-233cb3818c36-ds
Feuerwerk hinterlässt hässliche Spuren
krs: „Stadt erinnerte mit Gedenkfeier am Mahnmal für Opfer von Gewalt, Krieg und Verfolgung an die Ereignisse des 9. Novembers“Christel Schneider: Wo bleibt der Aufschrei? Weinheimer Nachrichten (23.11.2019) Leserbrief wnoz.de/Wo-bleibt-der-Aufschrei-f2584ea5-52cf-41f5-be24-feabe924a49e-ds
Dr. Wolfgang Walter:
Marlies Brinkmeier: AulfingenNach dem modernen Opfer-Mahnmal in Weinheim betrachten wir zwei „klassische“ Trauermale nach dem christlichen Pietà-Motiv. Eines steht in Aulfingen im Aitrachtal, einem Stadtteil von Geisingen im Landkreis Tuttlingen, vor der Ostseite der katholischen Kirche St. Nikolaus, erbaut 1912 im neubarocken Stil an der Stelle, für die erstmals 1437 eine Kapelle bezeugt ist. Über den Bildhauer und das Entstehungsjahr des Kriegerdenkmals liegen keine Informationen vor.
Anders als beim Pietà-Kriegsmal in Rielasingen zeigt die grob bearbeitete Steinplastik keine militärischen Symbole. Die auf einem Hocker sitzende Frau hält auf ihren Knien einen Toten mit nach links abgewandtem Kopf und schlaff zum Boden hängenden Armen, die Hände geöffnet. Hier ballt sich keine Faust, liegt kein Helm, Schwert oder Gewehr daneben. Es kann sich um Maria und Jesus handeln – also das rein christliche Trauermotiv. Der militärische Teil des Ensembles ist eine in die Kirchenwand eingebaute Gedenktafel, auf derem mehrgliedrigen Gesims zwei Handgranaten, ein Stahlhelm und Laubzweige liegen. Zwischen zwei von Eichenlaub umkränzten Eisernen Kreuzen steht die Inschrift „1914darunter sind 14 Namen gelistet. Bei der Erweiterung zum Kombi-Denkmal fand der dritte Teil keinen Platz in der Kirchenwand, sondern davor abgerückt von der Skulptur als schlichter Betonquader auf zwei Betonfüßen. Der Inschrift „DEN GEFALLENEN UND VERMISSTENfolgen Jahreszahlen und 59 Namen (1940: 1, 41: 5, 42: 9, 43: 9, 44: 14, 45: 21).
Die steigenden Totenzahlen erschöpften die Dankbarkeit der Gemeinde für ihre Heldensöhne. Die Trauer der zurückgebliebenen Frauen trat in den Vordergrund. QuellenGenealogische Gesellschaft Hamburg e.V., W. Leskovar:Aulfingen, Kreis Tuttlingen, Baden-Württemberg denkmalprojekt.org/2009/aulfingen_wk1u2_bw.htm GöppingenFehrles Pietà: Eine weitere Steinskulptur nach dem Pietà-Motiv steht in Göppingen seit 1939 neben dem Haupteingang des Neuen Friedhofs: die rund fünf Meter hohe Muschelkalkplastik des Schwäbisch Gmünder Bildhauers Jakob Wilhelm Fehrle (1884–1974), der 1928 eine Professur erhalten hatte.
Wie die Aulfinger Pietà zeigt auch diese keine militärischen Symbole; beide Werke lassen sich als „zeitlose Variante[n] der profanierten [..] Pietà“ kategorisieren [Nol20, S. 33, nach Volker Probst]. Doch hier liegt der fast nackte Tote nicht waagrecht auf dem Schoß der sitzenden umhüllten Frau, sondern sie hält den knienden Toten senkrecht vor sich, ihre rechte Hand auf seiner Brust, ihren Kopf an seinen nach links gekippten Kopf geschmiegt. (Vgl. Michelangelos Palestrina-Pietà.) Diese Haltung verstärkt den Ausdruck der nicht-los-lassen-wollenden Liebe, des Schmerzes und der Trauer der Mutter um ihren Sohn.
Wie kam es dazu? Im November 1927 forderte die Göppinger NSDAP-Gruppe, ein Kriegerdenkmal zu errichten; im März 1928 stimmte der Gemeinderat einem „politisch neutralen“, „schlicht menschlichen“ Kriegsmal zu – gegen „eine relativ starke Minderheit“ von KPD- und SPD-Mitgliedern, die mit den Mitteln lieber Kriegsgeschädigten helfen wollten [Nol20, S. 36, 38–39]. So wurde Fehrles Trauerszene als erstes Göppinger Kriegerdenkmal zum Weltkrieg im Juli 1928 von einer Wettbewerbsjury gewählt, vom Gemeinderat beschlossen, im Juni 1930 großenteils durch 50.000 Mark Spenden finanziert, am Totensonntag 1930 beim Alten Friedhof eingeweiht ([Lur86, S. 262], SWP 29.06.2013, [Nol20, S. 41–42]). Da es nur dem Opfermythos, nicht dem Heldenmythos entsprach, verlangten Göppinger Nazis ab 1934 seine Beseitigung und erreichten im Juli 1939 seine Versetzung an den heutigen Standort (detailliert [Nol20, S. 51–57, 60]). Dies als „Denkmalsturz“ und Fehrle als „verfemt“ zu bezeichnen ist freilich übertrieben. Fehrle konnte auch anders. Zwar entfernten die Nazis ab 1933 einige seiner Werke aus öffentlichen Sammlungen, doch erteilten sie ihm große öffentliche Aufträge wie 1935 für das „Kriegerehrenmal“ in Schwäbisch Gmünd: eine neun Meter hohe Bronzesäule mit umlaufendem Relief ausziehender, kämpfender und fallender Soldaten, gekrönt von Hakenkreuz und Reichsadler, die Fehrle 1948 durch einen St. Michael mit Flammenschwert auf einer Kugel ersetzte; die trauerlosen, nationalismustriefenden, heldenopferehrenden Inschriften lauten „1914-1918 sind 670 Söhne unserer Stadt GmündZu präzisieren bleibt: „für das monarchistische Deutschland – für die nazistische Heimat“.Die Nazis präsentierten 1939–1944 auf der „Großen Deutschen Kunstausstellung“ in München 17 Skulpturen Fehrles, darunter die Frauenakte Diana (1941), Göttin des Frühlings (1941), Aphrodite (1942), Selene (1944), die Frauenbüsten Ophelia (1939), Julia (1940), Frühling (1944), die Männerakte Flötenspieler (1942), Bauer (1943) und den schwertschwingenden Hüter (1943). Fehrle fertigte 1938 ein Reliefportrait Adolf Hitlers, 1942 eine Büste Joachim von Ribbentrops und erhielt 1954 das Große Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland. (GDK Research, German Art Gallery, [Kro], Wikipedia)
Fehrles Pietà beim Neuen Friedhof soll zwar an „die gefallenen und in fremder Erde ruhenden Göppinger Soldaten“ erinnern, doch weisen weder Widmungen, Jahreszahlen noch Namenstafeln auf diese Funktion hin (goeppingen.de). Suchen wir also ihren ursprünglichen Standort zwischen dem Alten Friedhof bei der Oberhofenkirche und der Mörikeanlage auf.
Für NS-Massenaufmärsche bot die zentrumsnahe Mörikeanlage reichlich Platz. An ihrem nördlichen Ende steht heute nicht nur ein NS-Kriegsmal, sondern eine Ansammlung von Denkmalen, darunter eine Glocke, eine Stele für die Banater Schwaben, ein Brunnen mit Relief und Beschriftung: „DEN TOTEN DER HEIMAT +++ DEN OPFERN DER VERTREIBUNG
Informationsstele zum Kriegerdenkmal zum Vergrößern anklicken!
Nuss’ Soldatenduo: Im angrenzenden Oberhofenpark, wo 1930–1939 Fehrles Pietà stand, steht seit Dezember 1939 das von Fritz Nuss (1907–1999) geschaffene fast fünf Meter hohe Kriegerdenkmal aus Muschelkalk, Sieger des 1937 von den Nazis organisierten Wettbewerbs. Allerdings blieb es bis 1946 versteckt in einem Holzverschlag, weil die Nazis es erst nach dem „Endsieg“ einweihen wollten. Von Nuss präsentierten die Nazis 1937–1944 auf der „Großen Deutschen Kunstausstellung“ 25 Skulpturen, oft nackte Athleten wie Der Überlegene (1941), aber auch Frauenakte, Büsten und Statuetten. Nuss erhielt 1943 eine Professur und 1979 die Verdienstmedaille des Landes Baden-Württemberg. (GDK Research, Wikipedia) Manchmal wird der Regierungsbaumeister Rudolf Burkhardt als Mitschöpfer des Soldatenduos genannt (SWP 29.06.2013, 28.08.2014; [Nol20, S. 58]).
Diese Krieger stehen am Grab ihrer Kameraden, die Helme abgenommen. Blickt der figürlich linke Soldat typisch starr in die Ferne, so senkt der rechte die Augen – innehaltend, nicht unbedingt trauernd. Anscheinend merkten die Nazis, dass beim Alten Friedhof ein Handgranatenwerfer Knittelscher Machart unpassend wirken könnte. Sie wählten ein Begräbnismotiv, das sich von Fehrles Pietà unterscheidet: Kein Toter ist sichtbar, die sitzende trauernde Frau weicht zwei stehenden bewaffneten Soldaten, persönliche Trauer mutiert zu militärischem Ritual. In Lurz’ Systematik passt die Plastik am besten zum ns-pseudo-realistischen Denkmaltyp „Trauernde Kameraden“, der ziemlich selten vorkam: „Dem Zweck der Kriegerdenkmäler des Dritten Reichs, zum neuen Kampf zu animieren, lief es zuwider, trauernde Kameraden darzustellen. Sie weckten die falsche Einstellung gegenüber dem Kriegstod. [...] Trotzdem finden sich vereinzelt auch nach 1933 noch trauernde Kameraden, die am Grab Gefallener gedacht sind“ [Lur86, S. 159].
Keine Handgranate – die Hände umfassen den Helm fast zärtlich wie einen Kinderkopf ...
„Nuß [...] verzichtete bei seinen Soldaten auf jedes militaristisches [!] Beiwerk“ (SWP 28.08.2014) – eine kontrafaktische Behauptung. Denn auch am Grab müssen sich Fäuste ballen, müssen Schwerter Wehrbereitschaft bekunden, müssen die Soldaten bei aller Nachdenklichkeit zeigen, dass sie wie ihre toten Kameraden bereit sind, ihr Leben heroisch für den NS-Staat zu opfern. Warum blieben die Nuss-Soldaten verhüllt? Auf der Informationsstele vor dem Nuss-Objekt steht: „Mit der Einweihung des neuen Denkmals wollte man bis zum ‚Endsieg‘ warten.“ Eine frühere Version dieses Texts meinte, dass die Skulptur verpackt blieb, weil sich die an den Alten Friedhof angepasste Trauerszene bei Kriegsbeginn nicht dazu eignete, die Kriegsbereitschaft anzustacheln, denn sie zeigt zwei Soldaten nicht vor dem Kampf, nicht im Kampfgetümmel, sondern danach. Aber stimmt diese Deutung? Simone-Tamara Nold erörtert die Warum-verhüllt-Frage in ihrer umfassenden Arbeit Verhüllte Soldaten über die Göppinger Kriegerdenkmale auf den Seiten 61 bis 67 [Nol20]. Weitere Informationen dazu hat Nold in den Archivalien des Stadtarchivs Göppingen recherchiert. Daraus seien zwei ideologische Begründungen und eine materielle hypothetisch exzerpiert. Die Seitenangaben der folgenden fünf Absätze beziehen sich auf [Nol20], (*) auf Mitteilungen von Simone-Tamara Nold, für die ich ihr besonders danke. Antitrauerthese: Mit dem Überfall auf Polen am 1. September 1939 begannen NS-Soldaten den realen Kriegstod zu sterben. Da die Soldatenbegräbnisszene die Kriegsakzeptanz schwächen konnte, statt sie zu stärken, war sie nun unerwünscht. Etwa diese Sicht vertreten Manfred Schwarz (Kriegerdenkmäler in Göppingen. Lokalhistorischer Ansatz zur Friedenserziehung an einer 9. Hauptschulklasse, 1981) und Konrad Plieninger (Botschaft in Stein. Kriegerdenkmäler und Mahnmale in Göppingen, 1998). Dagegen spricht, dass die „Heldengedenktage“ bis 1942 bei Fehrles Pietà stattfanden, 1934–1939 im Oberhofenpark und danach beim Neuen Friedhof (S. 61–62). Obwohl die Pietà nicht nur Trauer, sondern auch Schmerz und Leid ausdrückt, obwohl militärische Akteure sie als „pazifistisch“ und „bolschewistisch“ werteten, blieb sie unverhüllt und in den nazistischen Totenkult eingebunden (S. 63–64). Verglichen damit hätte das schmerz- und leidfreie Soldatenduo die Pflicht zum rächenden Opfertod besser propagieren können. Belohnungsthese: Für den bald erwarteten Sieg erschien es „propagandistisch wirkungsvoller“ zu versprechen, die dann erfüllte Verpflichtung der Lebenden gegenüber den Toten, die „Bereitschaft zum bedingungslosen Selbstopfer“ mit der Enthüllung des „Ehrenmals“ zu belohnen (S. 63). Nold hält ihre (hier verkürzt interpretierten) Überlegungen für nicht nachweisbar, doch stehen ihnen keine Fakten entgegen. Kriegswirtschaftsthese: Im Sommer 1937 stellten die Stadt 25.000 RM und die Reichskulturkammer 3.000 RM für das NS-Mal bereit (S. 57). Nach Verteilung von 6.000 RM Preisgeldern für die fünf besten Entwürfe des Wettbewerbs blieben 22.000 RM Gesamtvergütung für die Ausführung, mit der Nuss 1938 beginnen konnte (S. 57, *). Bei Kriegsbeginn war der Oberhofenpark eine Baustelle. Zwar standen im Dezember 1939 die Steinsoldaten, das Denkmal war „bis auf die letzte Feinbearbeitung fertiggestellt“, doch war schon entschieden, die Skulptur werde „eingehüllt bleiben, bis der Krieg beendet ist“ (*, Brief von OB Pack). Gab es dafür ideologische Gründe? War die Erweiterung auf ein Kombi-Denkmal geplant? (*) Obwohl weitere Auftragnehmer Bodenplatten ersetzten und die Aufgangstreppe verbreiterten, war die Anlage zum „Heldengedenktag“ am 10. März 1940 nicht fertig (*). Der Krieg wurde am 9. April 1940 mit den Überfällen auf Dänemark und Norwegen ausgeweitet. Bis 25. April 1940 erhielt Nuss 18.092 RM, also 82 % seiner Gesamtvergütung, danach nichts mehr bis 1948. Im September 1940 wunderte sich OB Pack, dass „das Kriegerehrenmal noch nicht endgültig fertiggestellt“ war (*). Anscheinend wollte Pack das Kriegsmal im Krieg fertigstellen, aber erst danach einweihen. Die Angriffe auf Belgien, Holland, Frankreich im Mai 1940 und die Sowjetunion im Juni 1941 eskalierten den Krieg. Bis Kriegsende blieben geplante Eingriffe am Ehrenhof (Mauern, Geländer) und „eine in den Plattenbelag eingelassene Bodenplatte mit Inschrift und symbolischen Flachreliefs“ unausgeführt (S. 59, 67). Im Krieg wurden die 1931 an der Anlagenmauer angebrachten zehn Bronzetafeln mit den Namen der 800 im Weltkrieg umgekommenen Soldaten „und die Widmungstafel eingeschmolzen, wohl im Rahmen der Metallspende-Aktionen zwischen 1940 und 1942 – nun ist nur noch das von einem Bretterzaun umgebene Denkmal zu sehen“ (S. 43, 61). Von da an war die Fertigstellung des Kriegsmals vor Kriegsende nicht mehr machbar. Nach dem Krieg wurde „mit dem Künstler verhandelt, ob noch Restzahlungen ausstehen“ (S. 67). Die Stadtverwaltung verzichtete auf unausgeführte Arbeiten für 1.100 RM und vergütete Nuss ausgeführte Arbeiten für 2.900 RM am 19. Juni 1948 (*), also einen Tag vor der Währungsreform, sodass Nuss am 21. Juni davon 290 DM blieben. Den ausgehandelten Beträgen zufolge hatte Nuss in der NS-Zeit 95 % der beauftragten Arbeiten ausgeführt, davon 13 % unbezahlt, 5 % blieben unausgeführt. Ungeklärt ist, ob Nuss nicht mehr arbeiten wollte, konnte oder durfte, ob Gelder oder Ressourcen fehlten. Klar ist, dass die Arbeiten an der Denkmalanlage nicht abgeschlossen wurden. Das „Ehrenmal“ der Nazis und Militaristen ist bei Kriegsbeginn nicht fertig. Unfertig wollen sie es nicht einweihen. Uneingeweiht wollen sie dort keinen „Heldengedenktag“ feiern. Den „Endsieg“ erwarten sie bald. Doch schon im März 1940 ordnet der Oberbefehlshaber der Luftwaffe und Beauftragte für den Vierjahresplan Hermann Göring (1893–1946) Metallsammlungen an, bald darauf müssen sie Tafeln am fast fertigen Kriegsmal demontieren. „Ehrentafeln“? Kanonen! Warum nicht die organisatorische, wirtschaftliche Not zur ideologischen Tugend erheben und die durch die Rationierung von Lebensmitteln, Kleidung, Heizmaterial, Benzin gebeutelte „Volksgemeinschaft“ auf die Einweihung eines „Siegesmals“ vertrösten? Kriegswirtschafts- und Belohnungsthese passen zusammen! Und die Göppinger Bürger? Reizte sie damals das hinter dem Bretterverschlag im Oberhofenpark verborgene „Heldenehrenmal“, oder sorgten sie sich eher darum, was sie zum Essen, Trinken, Anziehen, Heizen bekamen? Die Nuss-Soldaten blieben auch verhüllt, weil Mittel für das Kriegspropagandaobjekt dem Kriegsgeschehen zuflossen – diese These scheint plausibler als die Antitrauerthese.
19 Namenstafeln und Täfelchen: Erster Weltkrieg 781, Zweiter Weltkrieg 993 Tote
Die 1951 zwecks Umwidmung in ein Kombi-Denkmal aufgehängten Steintafeln mit Namen toter Soldaten der Weltkriege verwitterten zu Unleserlichkeit. Indem man sie nicht restaurierte, sondern 2008 durch gerahmte verglaste Täfelchen mit leserlichen Namen ergänzte, transformierte man sie von kultischen Objekten in museale Artefakte, allerdings ohne kritische Distanz. Offen ist, ob auf den Tafeln Namen von SS-Angehörigen erscheinen. (Totenzahlen denkmalprojekt.org wk1, wk2, Jahreszahlen der Tafeln [Nol20, S. 68, 69, 81].)
Zwischen den Namenstafeln hängen seit 1958 Tafeln mit den Inschriften „† NIEMAND HAT †Dazu kam 1963 die Widmungstafel „DEN TOTEN / DES / SCHÖNHENGSTGAUES“.Der Schönhengstgau im heutigen Tschechien wurde 1938 durch das Münchner Abkommen an Nazideutschland angeschlossen und erhielt 1955 Göppingen als Partnerstadt.
Auch das Göppinger NS-Mal erlebt ikonoklastische Aktionen. Um 1997 hinterlassen „Angriffe bereits seit mehreren Jahren alle paar Wochen“ „mit Farbbeutel und Sprühdose“ Sprüche wie „Soldaten sind Mörder“ oder „Weg mit dem Nazi-Denkmal“ [Nol20, S. 72]. Nach dem Volkstrauertag 2013 färben unbekannte Täter die Figuren mit roten, die Tafeln mit braunen Mustern und eine davon mit den weißen Worten „TÄTER KEINE OPFER!“ (Mörike-Gymnasium, SWP 28.08.2014). Wovon bald keine Spur bleibt. Denn heute stehen die zeitweilig bemoosten Soldaten gestriegelt und geschniegelt da. Im Jahr 2012 beantragt die Grünen-Fraktion im Göppinger Gemeinderat, die Pietà beim Neuen Friedhof und das NS-Kriegsmal beim Alten Friedhof zu vertauschen, also die Pietà vom Verbannungsort an ihren Urort im Oberhofenpark zurückzuholen. Die Idee trifft auf Skepsis – zum Glück, denn die Pietà erfüllt inzwischen beim Hauptfriedhof eine Trauerfunktion jenseits militaristischer Kulte, während das NS-Kriegsmal dort noch deplatzierter als im Oberhofenpark wirken würde. Am 4. Juli 2013 lehnt der Gemeinderat den Denkmal-Tausch ab, stattdessen sollen an beiden Standorten Infotafeln das Gedenken auf getötete Zivilisten erweitern (SWP 06.07.2013). So hat der Vorschlag die Debatte befördert, was mit einem „der umstrittensten Erinnerungsobjekte in der Region Stuttgart“ geschehen soll. Manche sehen darin eine „schöne Gedenkstätte, die seit jeher ein Andenken an die toten Soldaten symbolisiert“, andere ein „fragwürdiges Denkmal, welches das Kriegerische verherrlicht und die Trauer in den Hintergrund stellt“. „Wie viel Heldenverehrung, wie viel Heldendenkmal darf sein?“, fragt 2013 Prof. Dr. Stefanie Endlich von der Universität der Künste in Berlin bei einem Vortrag. (SWP 28.08.2014, 26.06.2015)
Kommentierende Ergänzung: „Nach zweijähriger intensiver Vorbereitungszeit“ beschließt der Gemeinderat am 7. Juli 2015, dass „dunkle Info-Stelen“ an der Pietà und am NS-Kriegsmal „die Einordnung in den geschichtlichen Rahmen erleichtern“, letzteres „in seiner kritikwürdigen Darstellung erklären“ oder „in seiner Aussagekraft mindern“ sollen. Im Oberhofenpark sollen drei Gedenkpulte an der Mauer zur Mörikeanlage „die Zahlen der Weltkriegs-Toten in den jeweiligen Ländern“ aufführen. „63 000 Euro soll das alles kosten.“ (SWP 26.06.2015) Die Arbeiten dafür beginnen im Februar 2017 (SWP 21.02.2017).
Statt die Schrecken der Kriege mit Liebe-Herz-Lyrik zu verbrämen, ernüchtern die Todesstatistiken auf den Gedenkpulten, die den Blick über die Mauer öffnen.
Das 1952 erstmals veröffentlichte Antikriegsgedicht Alle Tage der österreichischen Autorin Ingeborg Bachmann (1926–1973) versagt den Soldaten beiderseits der Stele die „ Auszeichnung des armseligen Sterns der Hoffnung über dem Herzen“.
Im Jahr 2016 führt Veronika Adam, die künstlerische Leiterin des Kunstvereins Göppingen, den international renommierten Berliner Konzeptkünstler Nasan Tur (*1974) zu interessanten Orten in Göppingen, um ihn „mit der örtlichen Geschichte vertraut zu machen und ein Thema für ein künstlerisches Projekt im öffentlichen Raum zu entdecken“. Daraus entsteht „in direkter Auseinandersetzung“ mit dem NS-Kriegsmal Turs Schalung, eine Art „Anti-Skulptur“, die den Bretterverschlag zitiert, in dem die Nuss-Soldaten 1939–1946 dem „Endsieg“ entgegenharrten. (SZ 09.10.2017)
Nasan Tur kommentiert sein am 6. Oktober 2017 öffentlich enthülltes, provisorisch aufgestelltes Werk im Webauftritt des Kunstvereins Göppingen (ähnlich in Tur): „"Schalung" ist eine Skulptur, die nicht aus einer Eigenständigkeit erschaffen worden ist. Sie ist eher eine Reflexion einer schon bestehenden, sehr umstrittenen und geschichtlich stark aufgeladenen Skulptur. Eine Reflexion, die zu einer Spiegelung von Form und Größe führt, jedoch diese, durch ihre kritische Analyse der Themen wie die der machtpolitischen Funktionalisierung von Kunst und Geschichte, bricht und den vergangenen und gegenwärtigen Missbrauch als eigentliche Geste zur Schau stellt.
Wer schneller schießt und genauer trifft, siegt.
Die „Anti-Skulptur“ kostet 40.000 Euro – wer soll das bezahlen? Der Kunstverein Göppingen sammelt in einer groß angelegten Spendenaktion 30.000 Euro von Bürgern und Firmen, die restlichen 10.000 Euro legt der Gemeinderat dazu. Am 15. Mai 2019 wird die öffentliche Einweihung und Übergabe des Werks an die Stadt im Beisein des Künstlers gefeiert. „Der Kunstverein [...] möchte sich mit der Bewahrung der Plastik in der Stadt auch für das konstante bürgerschaftliche Engagement bedanken, aus dem er sich und seine Aktivitäten speist. Vor allem jedoch geht es darum, mit dem Kunstwerk in einer schwieriger werdenden Zeit ein Zeichen gegen Krieg, totalitäres Denken und die politische Vereinnahmung von Kultur zu setzen: Das ursprüngliche Kriegerdenkmal, dem Nasan Turs Arbeit wie bei einem Duell gegenübersteht, war offiziell als Erinnerung an die Gefallenen des Ersten Weltkriegs errichtet worden, soll jedoch durch die heroische Haltung der beiden dargestellten Soldaten von der Trauer ablenken und zum Durchhalten auffordern. Die Arbeit „Schalung“ antwortet in ihren blockhaften, in sich geschlossenen Formen auf jene des älteren Monuments und stellt sie auf beinah ironische Art in Frage“ (Kunstverein Göppingen).
Trojanisches Pferd oder moderne Mordmaschine?
Deutet man die Informationsstele richtig, so fanden Volkstrauertagsfeiern 1952–1970 beim NS-Kriegsmal statt und ab 1971 auf dem Neuen Friedhof. Dem Webauftritt der Stadt zufolge findet die zentrale Gedenkfeier am Volkstrauertag seit 1954 auf dem Neuen Friedhof beim Kriegsdenkmal für die Opfer des Zweiten Weltkriegs statt. Die „rituelle Rezeption“ des NS-Mals endete 1970, in den 1980er Jahren begannen „wissenschaftliche und politische Auseinandersetzungen“ und „die Historisierung der Gedenkstätte“ [Nol20, S. 6, 21, 28, 66]. Turs Skulptur ist kein Denkmal. Man kann dort nicht bequem Helden-Opfer-Totenkulte zelebrieren, sie entzieht sich „ritueller Rezeption“. Aber verschwinden mit ihr neonazistische Umtriebe, verstummen politische Debatten?
Das NS-Kriegsmal zieht immer wieder Neonazis zu Treffen, Kundgebungen und Demonstrationen an. Am Volkstrauertag 2012 feiern „Autonome Nationalisten Göppingen“ dort ein „Heldengedenken“, um danach im Web zu propagieren, etwa 25 „heimattreue Deutsche“ seien fahneschwingend in Zweierreihen zum Denkmal marschiert, hätten eine Rede gehalten, Lieder gesungen, einen Kranz und die schwarz-weiß-rote Flagge des Kaiserreichs niedergelegt: „den toten Ahnen ehrenvoll gedenken, frei vom staatlich aufgezwungenen Schuld- und Sühne-Dogma“ (SWP 20.11.2012, 21.11.2012, 22.11.2012). Am 13. November 2016 exerzieren Neonazis des „III. Wegs“ das „Heldengedenken“ an den Kriegsmalen in Eislingen und Göppingen (nazifrei 2017, S. 20). Können die Informationstafeln und Turs Anti-Skulptur Neonazis abschrecken? Die Initiative „KREIS GÖPPINGEN nazifrei e.V.“ stellt fest: „Das Göppinger Kriegerdenkmal bleibt politisches Konfliktobjekt“. Mitte Februar 2017 scharen sich einige Neonazis um das NS-Kriegsmal mit Fackeln, einer Reichsfahne und einem Banner des „III. Wegs“ mit der Aufschrift „Bombenterror gegen Deutschland – Wir gedenken der Opfer!“ (nazifrei 2018, S. 12, 15, 17). Am Volkstrauertag 2017, dem 19. November, postieren fünf Neonazis mit brennenden Fackeln und Fahnen bei den NS-Kriegern, um anschließend auf der Facebook-Seite „Aktionsblog Württemberg“ zu melden, es hätten sich „volkstreue Männer und Frauen am örtlichen Kriegerdenkmal“ versammelt und „in Stille der tapferen Soldaten gedacht, die für Volk und Vaterland hinaus in den Krieg zogen“. Der stille Spuk endet, als eine andere gewaltbereite Gruppe den Neonazitrupp aus dem Oberhofenpark verscheucht. (SWP 20.11.2017, BN 21.11.2017, SWP 11.09.2018) Am 11. November 2018 inszeniert der AfD-Kreisverband Göppingen eine Gedenkfeier für „Gefallene“ des Ersten Weltkriegs beim NS-Kriegsmal mit Fahnenträgern – wie in Vorjahren der „III. Weg“ und die „Autonomen Nationalisten Göppingen“ (nazifrei 2019, S. 28).
Hier sei ein Vergleich der betrachteten „Gegendenkmale“ versucht. Madeleine Dietz’ Friedenszeichen in Engen entstand im Auftrag der Stadt nicht als direktes Gegenstück zum NS-Kriegsmal, sondern von diesem räumlich entfernt und inhaltlich positiv bestimmt als Ausdruck des Friedenswillens vieler Menschen. Hubertus von der Goltz’ Mahnmal für die Opfer von Gewalt, Krieg und Verfolgung in Weinheim war Gewinner eines Wettbewerbs, den der Gemeinderat beschloss, nachdem die Friedensinitiative jahrelang die Umgestaltung des NS-Kriegsmals gefordert hatte. Als Gegendenkmal dazu reklamiert, steht es zu diesem zwar in Sichtachse, aber räumlich entfernt und inhaltlich als „Opfer-Mahnmal“ deklariert. Nasan Turs Schalung in Göppingen entstand als gemeinsames „Projekt im öffentlichen Raum“ des Kunstvereins Göppingen mit dem Künstler. Hier gab es keine im Gemeinderat ausgehandelte Kompromiss-Idee für einen Wettbewerb, keinen Auftrag an den Künstler, keine programmatischen Anforderungen an ein Mahnmal für oder gegen etwas. Dennoch kann man die „Anti-Skulptur“ als Gegendenkmal zum NS-Kriegsmal betrachten: Sie steht ihm direkt gegenüber und reagiert inhaltlich darauf; kein Betrachter kann den optischen Kontrast der beiden Skulpturen ignorieren. Hier stellt sich nicht die Frage, ob der Künstler sein Markenzeichen dem Auftrag angepasst hat, denn Tur schafft vielfältige Werke mit verschiedensten Medien: Aquarelle, Holzschnitte, Fotografien, Tonaufnahmen, Videos, Radioprogramme, Installationen, Performances. Wo ist Turs Schalung im Täter-Opfer-Spektrum zu verorten? Es ist kein Opfer-, sondern ein Tätermal. Es bedient keinen Viktimisierungstrend, es schweigt nicht über die Täter, sondern stellt sie dar, aber nicht apologetisch. Indem das eckig-kantige Holzkonstrukt von der ohnehin blockhaften pseudo-realistischen Steinskulptur abstrahiert, eliminiert es Anzeichen von Trauer, die an ihr zu vermuten sein könnten. Es steigert die nachdenklich-bedrohlichen NS-Figuren zu entmenschlichten Akteuren, es spiegelt sie als roboterhafte, rücksichtslose Kriegsmaschine. So mindert es die Aussagekraft des NS-Werks nicht, sondern klärt darüber auf. In der scheinbaren Verschalung des NS-Kriegsmals äußert sich die Enthüllung seines militaristischen Kerns. Darin besteht der antifaschistische Gehalt von Turs Werk.
Lehren: Was kann Radolfzell von Göppingen lernen?
Blick vom Alten Friedhof zur Denkmalanlage
Quellen[Lur86], [Nol20]
Dirimart, Istanbul, Türkei:
flickr:
Genealogische Gesellschaft Hamburg e.V., Wiebke Dannenberg:
German Art Gallery:
Stadt Göppingen, Referat Presse- und Öffentlichkeitsarbeit:
KREIS GÖPPINGEN nazifrei e.V:
René & Peter van der Krogt:
Kunstverein Göppingen:
Nasan Tur:
Wikipedia:
Jakob Wilhelm Fehrle
Zentralinstitut für Kunstgeschichte, München:
SWP: Studenten der Kunstakademie Nürnberg beleben das vom Kunstverein Göppingen initiierte „Projekt Kunst im öffentlichen Raum“: Am NS-Kriegsmal appelliert Meng Huang mit einer Sprachperformance durch das Rezitieren von Konfuzius an Humanität und Nächstenliebe. Ines Klaue und Almut Reichenbach präsentieren eigenwillige Vorschläge zum Umgang mit einem Kriegerdenkmal.Antifaschistische Gruppe Göppingen: Nazidenkmal im Oberhofenpark | Antifa Göppingen (18.11.2012) antifagp.blogsport.eu/2012/11/18/nazidenkmal-im-oberhofenpark
Jürgen Schäfer: „Haben Neonazis am Volkstrauertag ein sogenanntes Heldengedenken in Göppingen veranstaltet? Im Internet zumindest brüsten sie sich damit. Für die Stadt wäre es eine Straftat.“JS: Neonazi-Feier am Volkstrauertag in Göppingen? Südwest Presse (21.11.2012) swp.de/suedwesten/staedte/geislingen/neonazi-feier-am-volkstrauertag-in-goeppingen_-21774637.html
JS:
Helge Thiele: „Der von den Grünen geforderte Denkmal-Tausch kommt vorerst nicht zustande: Die Pietà bleibt am Göppinger Hauptfriedhof. Das umstrittene Kriegerdenkmal darf seinen Standort in den Oberhofenanlagen behalten.“Helge Thiele: Denkmal-Tausch ist vom Tisch Südwest Presse (29.06.2013) swp.de/suedwesten/staedte/goeppingen/denkmal-tausch-ist-vom-tisch-19582135.html „Das von den Nazis aufgestellte Kriegerdenkmal in den Göppinger Oberhofenanlagen bleibt, wo es ist. Das gilt auch für die Pietà am Friedhof. Die Stadt will aber künftig auf die Geschichte der Figuren hinweisen.“SWP: Kriegerdenkmal: Grüne sehen vergebene Chance Südwest Presse (06.07.2013) swp.de/suedwesten/staedte/goeppingen/kriegerdenkmal_-gruene-sehen-vergebene-chance-19683367.html
Mörike-Gymnasium Göppingen, F.K.: Enthält zwei Fotos vom gefärbten Kriegerdenkmal.Marcus Zecha: Das Göppinger Kriegerdenkmal erhitzt die Gemüter Südwest Presse (28.08.2014) swp.de/suedwesten/staedte/goeppingen/das-goeppinger-kriegerdenkmal-erhitzt-die-gemueter-20764309.html „Seit Jahren wird darüber gestritten: Ist das Göppinger Kriegerdenkmal angemessen, zu heldisch oder gar Nazi-Kunst? Der letzte Versuch, das Mahnmal aus dem Oberhofenpark zu verbannen, scheiterte 2013.“Arnd Woletz: Geschichte Kriegerdenkmal aus der Nazi-Zeit und Pieta bekommen erklärenden Text Südwest Presse (26.06.2015) swp.de/suedwesten/staedte/goeppingen/kriegerdenkmal-aus-der-nazi-zeit-und-pieta-bekommen-erklaerenden-text-19923545.html „Sie erhitzen die Gemüter, seit sie geschaffen wurden: Das Kriegerdenkmal im Göppinger Oberhofenpark und die Pieta am Friedhof. Erklärende Hinweise sollen künftig die richtige Einordnung erleichtern.“Helge Thiele: LEITARTIKEL zum Denkmal-Streit: Kultur braucht Anstand Südwest Presse (02.10.2015) swp.de/suedwesten/staedte/goeppingen/leitartikel-zum-denkmal-streit_-kultur-braucht-anstand-22344317.html „In Göppingen ist in den vergangenen Jahren viel über Denkmäler gestritten worden.“SWP: Infostelen am Kriegerdenkmal: Arbeiten haben begonnen Südwest Presse (21.02.2017) swp.de/suedwesten/staedte/goeppingen/infostelen-am-kriegerdenkmal_-arbeiten-haben-begonnen-23348281.html
Arnd Woletz:
SWP: „Für Verwunderung sorgte die Installation einer Skulptur im Göppinger Oberhofenpark.“Marcus Zecha: Projekt: Anti-Skulptur steht Soldaten gegenüber Südwest Presse (06.10.2017) swp.de/suedwesten/staedte/goeppingen/anti-skulptur-steht-soldaten-gegenueber-23683691.html „Eine Skulptur als Spiegel einer anderen Skulptur: Nasan Tur setzt sich in seiner Arbeit für den Kunstverein Göppingen mit dem umstrittenen Kriegerdenkmal auseinander.“Corinna Meinke: Nasan Tur in Göppingen: Aug in Aug mit dem Kriegerdenkmal Stuttgarter Zeitung (09.10.2017) stuttgarter-zeitung.de/inhalt.nasan-tur-in-goeppingen-aug-in-aug-mit-dem-kriegerdenkmal.3463a865-7f89-463a-ae7d-6b73c9a5bec1.html „Die politische Vereinnahmung von Kunst ist das Thema von Nasan Tur. Der Berliner Künstler hat nun in Göppingen seine kritische Handschrift hinterlassen.“RUW/DH: Heftiger Streit am Kriegerdenkmal Südwest Presse (20.11.2017) swp.de/blaulicht/goeppingen-geislingen/heftiger-streit-am-kriegerdenkmal-24121886.html „Gut 15 Vermummte haben am Sonntag fünf Personen am Kriegerdenkmal in der Mörikestraße angegriffen. Einer der fünf erlitt schwere Verletzungen. Die Polizei schließt nicht aus, dass der Streit politisch motiviert war.“Auseinandersetzung am Göppinger Kriegerdenkmal hat vermutlich politischen Hintergrund Neonazis ergreifen nach Heldengedenken die Flucht Beobachter News (21.11.2017) beobachternews.de/2017/11/21/neonazis-ergreifen-nach-heldengedenken-die-flucht
Eugen El: Interview mit Nasan Tur „über die Rolle politischer Kunst, die Entwicklungen in der Türkei und seine Anfänge in Frankfurt“.SWP: Kunstverein will Werk sichern Südwest Presse (16.05.2018) swp.de/suedwesten/staedte/goeppingen/goeppingen_-spendenaktion-fuer-werk-nasan-turs-26771664.html „Kunstverein Göppingen sammelt Spenden, damit die Stadt Nasan Turs Skulptur "Schalung" kaufen kann.“SWP: Spenden: 15 000 Euro Spenden für Nasan Turs Plastik Südwest Presse (18.07.2018) swp.de/suedwesten/staedte/goeppingen/15_000-euro-spenden-fuer-nasan-turs-plastik-27168368.html
Margit Haas:
Marcus Zecha: „26.000 Euro hat der Kunstverein Göppingen für Nasan Turs Installation "Schalung" gesammelt. Noch fehlen 14.000 Euro.“Marcus Zecha: Künstler Nasan Tur spricht über seine „Schalung“ Südwest Presse (24.10.2018) swp.de/suedwesten/staedte/goeppingen/interview-mit-dem-berliner-kuenstler-nasan-tur-28167670.html „Der Konzeptkünstler Nasan Tur spricht über die gefährdete Demokratie und seine Göppinger Installation "Schalung".“ AnderswoPinneberg PinnebergDas NS-Kriegsmal in Pinneberg, einer Kreisstadt in Schleswig-Holstein, erscheint hier als Beispiel für technokratisches Hervorheben durch Beleuchten. Es wirkt weniger martialisch als die Radolfzeller Skulptur, da sein Motiv nicht figurativ, sondern symbolisch ist. In Lurz’ NS-Stilen platziert es sich mit Stele, Schwert, Adler zwischen Neoklassizismus und Reichssymbolen [Lur86, S. 161, 220].
Zwischen der Pinneberger Stadtmitte und dem Bahnhof steht die Denkmalanlage auf dem Bahnhofsvorplatz, der 1933–1945 Adolf-Hitler-Platz hieß. Am 45. „Führer“-Geburtstag, dem 20. April 1934, legte der Denkmalausschuss mit dem Vorsitzenden NSDAP-Gauamtsleiter, SA-Sturmführer und Bürgermeister Heinrich Backhaus und Vertretern von NSDAP, SA, SS, Stahlhelm, Kriegerverein und NS-Kriegsopfer-Versorgung feierlich den Grundstein für das „Krieger-Ehrenmal für die Gefallenen des Weltkriegs“, in den er eine Urkunde einließ, deren Text den Zweck formulierte: „Es soll an diesem Platze, an einer Strecke des schaffenden Volkes, für alle Zeiten den auf dem Felde der Ehre gefallenen Pinneberger Helden gewidmet sein. Es soll ferner der heutigen und den künftigen Generationen eine Mahnung an die Großtat des unbesiegten deutschen Heeres im Weltkriege 1914 -1918 sein und bleiben“ (Domeyer, 08.05.2018, S. 13).Errichtet wurde die heldengewidmete Heeresgroßtatmahnung aus hellem Sandstein mittels Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, finanziert durch Spenden in Höhe von 12.000 RM. Zum Pomp der Einweihung des „nationalen Ehrenmals“ am 1. Juli 1934 gehörten die Festpredigt des Pastors Fölster, Wehrverbände mit Fahnen, die Weiherede des Oberkonsistorialrats Pg. Peperkorn, die Ansprache des NS-Bürgermeisters. Am 19. Januar 1936 weihte der Bezirksleiter für das Deutschtum im Ausland, NS-Lehrer Hubert Koch, zur siegreichen Saar-Abstimmung den „Saar-Gedenkstein“, der die Anlage links außen an der Mauer ergänzte (bis er nach dem Krieg verschwand), mit den Worten ein: „Aus den grauen, endlosen Reihen des Volkes rief Gott den Führer, der seinem Volke einen neuen Gestaltungswillen brachte“ (Seifert, S. 157).Zwei rechtwinklig zueinander liegende vierstufige Treppen führen zu einem Podest mit einer Mauer, in deren Ecke eine schlanke, rund zehn Meter hohe Stele auf einem massiven Sockel steht, von der rechts eine siebenstufige Treppe zum Stadtwald steigt. Auf der schmalen Vorderseite der Stele prangen zwei symbolträchtige Bronzereliefs: ein 5,5 Meter hoch aufgerichtetes Schwert, darüber ein Reichsadler, der sich auf einen Ehrenkranz um ein Eisernes Kreuz krallt. Mit dem Schwert sollte „die Mannhaftigkeit und der Wehrwille des deutschen Mannes vor aller Welt bekundet werden“ (Grundsteinurkunde, Domeyer, S. 13).Von 1934 an war das Kreuz unterm Adler ein Hakenkreuz, bis es 1945 zu einem Eisernen Kreuz „entnazifiziert“ wurde. Inschriften an der Stele sind in den Stein graviert. An der Vorderseite unten steht „1914–1918“, an der linken Seite in vier Meter Höhe „IN UNWANDELBAREReine kleine Signatur an der Stele weist auf den Stadtbaumeister und das Entstehungsjahr hin: „Ih Hansen 1934“ (denkmalprojekt.org). 1949 beschließt der Hauptausschuss, das Denkmal vor Verfall zu schützen. 1952 lässt der Magistrat in die „Saar-Gedenkstein“-Lücke die vom Ortsverband des Verbands der Heimkehrer gestiftete Tafel setzen und dauerhaft beleuchten, deren als Relief herausgearbeitete Inschrift lautet [Lib18, S. 5]: „DIE HEIMATBis heute finden am alljährlichen Volkstrauertag Kranzniederlegungen am NS-Relikt statt. Das Landesamt für Denkmalpflege Schleswig-Holstein nimmt es am 26. Februar 2016 in die Liste der Kulturdenkmale auf und stellt es unter Denkmalschutz mit der Begründung: „Mit der Ikonographie wurde der Obelisk als Denkmal des Nationalsozialismus und Symbol der Nazi-Herrschaft instrumentalisiert, so galt das aufrecht stehende Schwert auf dem Obelisken als Zeichen des Wehrwillens. Die Grundsteinlegung wurde am Geburtstag Adolf Hitlers zelebriert. Wichtiges historisches Zeugnis, das Aufschluss über die nationalsozialistische Diktatur und die damalige Kriegsverherrlichung gibt“ [Hil18, S. 25], (Mahnmal-Initiative 02.2020, S. 2).Am 20. Juni 2017 verteidigt die Bürgerinitiative „Mahnmal statt Kriegerdenkmal am Pinneberger Bahnhof“ auf ihrer Veranstaltung „Unwidersprochen“ in der Christuskirchengemeinde Pinneberg den Denkmalschutz gegen Forderungen, das NS-Relikt abzureißen, „denn man sollte die Geschichte nicht vergraben, sondern aufklären“. Es dürfe aber „weder bei dem Missbrauch der wehrlosen toten Soldaten noch bei einer womöglich von den Nazis erhofften kriegsverherrlichenden Wirkung bleiben“. Pinneberg „benötige eine kluge und wirkungsvolle Ergänzung im Umfeld des Bauwerks, damit dieses zu einem Mahnmal wird“. [Hil18, S. 25] „Diese Ergänzung soll verhindern, dass das Denkmal je wieder – wie ursprünglich – Krieg verherrlicht und für militaristisches und nationalistisches Denken und Handeln in Anspruch genommen werden kann“ (Antifa Pinneberg, 28.01.2018; GW 03.2018). Am 20. Juli 2017 beschließt die Pinneberger Ratsversammlung, das NS-Relikt solle „künftig genutzt werden, um an das Morden aller Kriege zu erinnern und zum Nachdenken anzuregen“ und beauftragt den Stadtentwicklungsausschuss, „eine zusätzliche Darstellung zur Erinnerung und Mahnung an diesem Denkmal anzubringen sowie eine Arbeitsgruppe Denkmal zu gründen“ [Are18]. Beleuchtung: Die Pinneberger Stadtverwaltung verzögert die Bildung der Arbeitsgruppe und handelt selbst. Sie lässt das kriegsverherrlichende Kulturdenkmal für rund 58.000 Euro sanieren und ab November 2017 – rechtzeitig zur Weihnachtszeit – von drei starken neuen Strahlern morgens und abends beleuchten, sodass die im Dunkeln sonst unsichtbare heldenehrende Inschrift, das mannhafte Schwert, der Adler schon von weitem sichtbar sind. Die strahlende Glorifizierung der NS-Kriegspropaganda provoziert Kritik. Zur Protestkundgebung „Nein zum Krieg! – Kein Licht für Kriegsverherrlichung!“ der Initiative „Mahnmal statt Kriegerdenkmal am Pinneberger Bahnhof“ am 30. Januar 2018, die von der Antifaschistischen Initiative, dem DGB-Kreisverband, Vertretern von SPD, Grünen, Unabhängigen, Kirche und jüdischer Gemeinde sowie Künstlern unterstützt wird, versammeln sich rund 80 Menschen vor dem beleuchteten NS-Relikt. Probst Thomas Drope spricht: „Gemeinsam wenden wir uns gegen die unwidersprochene Hinnahme dieses Kriegerehrenmals. Wir können doch nicht ernsthaft die Opfer der Nationalsozialisten beklagen und gleichzeitig die Symbole der Nazis, von denen es mehr gibt als das Hakenkreuz, unkommentiert stehen lassen – und sie durch neue Scheinwerfer noch besonders hervorheben. Wir fordern eine dauerhafte, öffentlich sichtbare Distanzierung von der Botschaft und Symbolik dieses Denkmals. Denn es ist in seiner ganzen Gestalt eine Manifestation nationalsozialistischer Lüge“ (Drope, 30.01.2018).Der Protest wirkt: Schon vor der Kundgebung reagiert die Stadtverwaltung damit, „die Beleuchtung vorerst ständig auszuschalten“ [Are18]. So endet die Beleuchtungsepisode nach zwei Monaten. Im Februar 2018 setzt der Stadtentwicklungsausschuss die „Arbeitsgruppe Denkmal“ ein, der Vertreter der Ratsfraktionen, der Religionsgemeinschaften und der VHS-Geschichtswerkstatt angehören und die am 27. März 2018 erstmals tagt. Um dem Auftrag der Ratsversammlung zu entsprechen, plant sie eine Anhörung und einen Wettbewerb für eine künstlerische Erweiterung des NS-Relikts. Zur öffentlichen Sachverständigenanhörung am 8. Mai 2018 mit dem Titel „So nicht, aber wie?“ sind Prof. Dr. Loretana de Libero, Historikerin an der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg-Blankenese und der Universität Potsdam, Wolfgang J. Domeyer, Leiter des VHS-Landesverbands Schleswig-Holstein und Aktiver der VHS-Geschichtswerkstatt, und Pastor i.R. Ulrich Hentschel eingeladen. De Libero führt in ihrem Vortrag aus: „Das Pinneberger ‚Ehrenmal‘ war ganz im Sinne der nationalsozialistischen Denkmalstifter kein Ort der Trauer oder gar ein ‚Mahnmal‘ gegen den Krieg. Es diente als Kulisse für nationalistische Kundgebungen und Aufzüge, für den Empfang von Rekruten am Bahnhof ebenso wie für HJ-Appelle, den 1. Mai, den 9. November oder eben für den im März begangenen ‚Heldengedenktag‘. Die Gefallenen des Ersten Weltkrieges wurden für die Selbstinszenierung des Regimes missbraucht. Mit Kriegsbeginn 1939 sollte ihr Tod ein weiteres Mal für die verbrecherische Politik der NS-Diktatur herhalten. Ihr ‚Opfer‘ sollte in diversen markigen Reden – nicht nur am Denkmal – Ansporn sein, den ‚Angriffs- und Vernichtungskrieg, ein vom nationalsozialistischen Deutschland verschuldetes Verbrechen‘ (Deutscher Bundestag, 15. Mai 1997), weiterzuführen. Auch nach dem Krieg diente das Denkmal ungebrochen politischer Erinnerung und Sinnstiftung, unter den Vorzeichen des Kalten Krieges in antibolschewistischer Ausrichtung. Im Zuge der Sanierung ist die seit 2016 denkmalgeschützte Anlage wiederum verändert worden, nunmehr durch eine Beleuchtungsanlage, die auf die Stele ausgerichtet ist (November 2017). Die Erinnerung an die Gefallenen wird dadurch ein weiteres Mal überlagert, wird doch das Denkmal, das ‚historische‘ Objekt als solches ‚angestrahlt‘. Die Folgen von Krieg, Tod, Zerstörung, Hass und Gewalt bleiben im Dunkeln“Der nächste Schritt soll „die Ausschreibung eines Wettbewerbs für eine künstlerische Umgestaltung der Umgebung des Nazi-Denkmals“ sein [Hil18, S. 26]. In den Folgemonaten einigen sich die Akteure darauf, „das Kriegerdenkmal mit einer zusätzlichen gut sichtbaren Erklärung“ zu ergänzen, „weil sonst eine historische und inhaltliche Einordnung für die meisten Bürger nicht möglich sei“. Die Arbeitsgruppe um Ratsherr Kai Vogel will „diese optische Ergänzung durch einen Schülerwettbewerb“ ausloben. (PT 07.11.2018) Im Dezember 2018 erreicht die Schulen der Aufruf, bis Ende Februar 2019 Vorschläge und Entwürfe zur Umgestaltung des „Kriegerkultmals“ (Hilbert) einzureichen. Drei Schülergruppen von zwei Schulen beteiligen sich mit 19 kreativen Vorschlägen. In der Ratsversammlung am 25. April 2019 präsentieren die Schüler ihre Entwürfe in Zehn-Minuten-Vorträgen und eine Jury prämiert die drei besten Entwürfe mit insgesamt 500 Euro – zwei von Schülern der Johann-Comenius-Schule in Pinneberg-Thedorf, einen von Schülern des Wolfgang-Borchert-Gymnasiums in Halstenbek. „NEIN ZUM KRIEG!“, „KRIEG IST NIE DIE LÖSUNG!“ lauten Parolen einer Friedenskundgebung zum Antikriegstag 1. September 2019 am NS-Kriegsmal (PT 03.09.2019). „In stillem Gedenken Stadt Pinneberg“ steht auf den Schleifen eines zum Volkstrauertag 17. November 2019 vor dem NS-Kriegsheldenkultmal deponierten Kranzes. „Dieser Platz ist nicht der richtige für ein stilles Gedenken an die Opfer eines sinnlosen Weltkrieges. Nie wieder Faschismus!“ entgegnet die Initiative „Mahnmal statt Kriegerdenkmal am Pinneberger Bahnhof“, die sich bald „Initiative zur Ergänzung der Pinneberger Nazi-Stele am Bahnhof zu einem Mahnmal“ nennen wird, da sie die NS-Stele nicht beseitigen, sondern als Mahn-Anlass umnutzen will (PT 22.11.2019). Indes stockt die Umgestaltung der NS-Anlage trotz der Schülerentwürfe. Ein enttäuschter Schüler: „Wir finden es schade, wie Pinneberg damit umgeht. Es wurde nicht offen diskutiert und das Thema wurde nicht mit der Wichtigkeit behandelt, die wir uns gewünscht hätten“ (zit. n. PT 25.02.2020).Der Beschluss zum 2018 geplanten Künstlerwettbewerb, dessen Gewinner für ein Preisgeld von 3.000 Euro ein Gegendenkmal auf der Basis der prämierten Schülerwerke entwerfen soll, wird im Januar 2020 trotz gesicherter Finanzierung und Landeszuschuss vertagt. Die Mahnmal-Initiative fordert in einem Offenen Brief an die Ratsmitglieder, der Nazi-Stele „ein Zeichen für Offenheit, Toleranz und Frieden“ entgegenzusetzen (Mahnmal-Initiative 02.2020, S. 2). Der Ausschuss für Stadtentwicklung soll am 17. März 2020 über den Künstlerwettbewerb und 100.000 Euro Haushaltsmittel dafür entscheiden. (PT 29.02.2020) Doch dank Corona-Sperren fällt die Ausschusssitzung aus. Bei einer die Abstands- und Mund-Nase-Schutz-Regeln einhaltenden Aktion am NS-Relikt veröffentlicht die Mahnmal-Initiative eine Presseerklärung zum 75. Jahrestag der Befreiung vom Naziregime am 8. Mai 2020 (PT 07.05.2020). Sie kritisiert „Die Lügen, die das Bauwerk am Pinneberger Bahnhof verbreitet, wurden bis heute von der Stadt nicht öffentlich markiert. Erst dann würde das Bauwerk zu einem Mahnmal werden.“und fordert von der Stadt eine „Ergänzung der Pinneberger Nazi-Stele zu einem Mahnmal, das die kriegsverherrlichende Botschaft des Denkmals in eine Warnung vor einer Wiederholung übersetzt“ (Mahnmal-Initiative 05.2020, S. 2).Obwohl die Pinneberger Stadtverwaltung ihr NS-Relikt 2017 für sehenswert genug hielt, um es zu illuminieren, enthält ihr offizieller Webauftritt noch 2020 keine Informationen dazu und auch nichts zur NS-Geschichte der Stadt. In den Was-tun-damit-Kategorien erscheint die Beleuchtungsmaßnahme der Stadtverwaltung unter „technokratisch Hervorheben“, während sich die Bemühungen der Mahnmal-Initiative und der „Arbeitsgruppe Denkmal“ sowie die Entwürfe der Schüler unter „aufklärend Dekontextualisieren“ im Planungsstadium einordnen. Lehren: Von Pinneberg kann Radolfzell lernen, dass
Quellen[Are18], [Hen18], [Hil18], [Lib18], [Lur86]
Genealogische Gesellschaft Hamburg e.V., Wiebke Dannenberg:
Pinneberg
Johannes Seifert:
Wikipedia:
Liste der Ehrenmale im Kreis Pinneberg – Pinneberg
Deichgraf63:
Claudia Eisert-Hilbert:
Thomas Pöhlsen:
René Erdbrügger:
René Erdbrügger:
René Erdbrügger:
Pinneberg: 30.01.2018: Nein zum Krieg! – Kein Licht für Kriegsverherrlichung!
René Erdbrügger, Felisa Kowalewski:
Kriegerdenkmal in Pinneberg: Diskussion hält an
Günther Stamer:
René Erdbrügger:
Wolfgang J. Domeyer:
pö:
Karl-Heinz Stolzenberg:
René Erdbrügger:
Mirjam Rüscher:
René Erdbrügger:
Kirsten Kunz: Pastorin Kunz schildert die Geschichte des „Kriegerkultmals“ mit kritischem Blick auf die Rolle der Kirche bei seiner Einweihung:Hans-Joachim Kölln:„eine Verquickung von Kirche und Politik im Nationalsozialismus, die es dringend aufzuarbeiten gilt. Damit verbunden ist auch die Verantwortung, die daraus für die Gegenwart erwächst: Aufklärung und Ermahnung, damit sich eine Sensibilität für gefährliche gesellschaftliche Tendenzen entwickeln kann“ (S. 6).Die Christuskirchengemeinde engagiert sich in der Mahnmal-Initiative und führt Veranstaltungen zu „Frieden-Krieg-Kirche“ durch. Anti-Kriegstag in Pinneberg Diskussion über Mahnmal am Bahnhof Pinneberger Tagblatt (03.09.2019) shz.de/lokales/pinneberger-tageblatt/diskussion-ueber-mahnmal-am-bahnhof-id25419462.html „Christuskirche und Initiative beenden ihre Aktionswoche mit einer Versammlung vor dem Kriegerdenkmal am Bahnhof.“René Erdbrügger: Kriegerdenkmal am Bahnhof „Kein Ort der Trauer“: Wieder Zoff um Pinneberger „Nazi-Denkmal“ Pinneberger Tagblatt (22.11.2019) shz.de/lokales/pinneberger-tageblatt/kein-ort-der-trauer-wieder-zoff-um-pinneberger-nazi-denkmal-id26441237.html „Eine Initiative kritisiert die unkommentierte Kranzniederlegung am Volkstrauertag. Es ist nicht der einzige Kritikpunkt.“Initiative zur Ergänzung der Pinneberger Nazi-Stele am Bahnhof zu einem Mahnmal: Offener Brief an die Ratsdamen und Ratsherren der Stadt Pinneberg (Februar 2020) Pinneberg_Mahnmal-Initiative_OffenerBrief_2020-02.pdf Ich danke Jochen Hilbert für die Genehmigung zur Veröffentlichung.Felisa Kowalewski: Wolfgang-Borchert-Gymnasium „Wir dürfen nicht vergessen“: Halstenbeker Schüler arbeiten Geschichte des ehemaligen KZ Neuengamme auf WoBo-Schüler arbeiten Geschichte von Neuengamme auf Kriegerdenkmal-Wettbewerb: Teilnehmer sauer auf die Stadt Pinneberg Pinneberger Tagblatt (25.02.2020) shz.de/lokales/pinneberger-tageblatt/wir-duerfen-nicht-vergessen-halstenbeker-schueler-arbeiten-geschichte-des-ehemaligen-kz-neuengamme-auf-id27478517.html
René Erdbrügger: „Eine Initiative drängt darauf, endlich ein Ergänzungsmahnmal zu errichten. Sie macht weiter Druck auf die Politik.“René Erdbrügger: Streit um Nazi-Stele Sie kämpfen weiter für ein Mahnmal am Pinneberger Bahnhof Pinneberger Tagblatt (13.03.2020) shz.de/lokales/pinneberger-tageblatt/sie-kaempfen-weiter-fuer-ein-mahnmal-am-pinneberger-bahnhof-id27683117.html „Seit 2017 setzt sich eine Initiative für ein zusätzliches Mahnmal am Kriegerdenkmal ein. Nun ist die Politik gefragt.“Alexander Sulanke: Das Denkmal, das einer Einordnung bedarf Ideen für [die] Kriegerstele am Pinneberger Bahnhof gefragt. Mahnmal-Initiative macht sich für Künstlerwettbewerb stark. Politik entscheidet. Hamburger Abendblatt (16.03.2020) abendblatt.de/region/pinneberg/article228700567/Das-Kriegerdenkmal-das-einer-Einordnung-bedarf.html
sul:
René Erdbrügger, Felisa Kowalewski: „75 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs müsse das Denkmal in Pinneberg endlich um eine Kommentierung ergänzt werden.“ „Kriegerdenkmal am Pinneberger Bahnhof: Initiative appelliert aus Anlass des Kriegsendes am 8. Mai an die Verantwortlichen, zu handeln“René Erdbrügger: Pinneberger Bahnhof Strittige Stele: Künstler sollen Entwürfe für Gegendenkmal einreichen Pinneberger Tagblatt (22.12.2020) shz.de/lokales/pinneberger-tageblatt/strittige-stele-kuenstler-sollen-entwuerfe-fuer-gegendenkmal-einreichen-id30690377.html „Für das umstrittene Denkmal soll es eine zusätzliche Installation geben, die den geschichtlichen Kontext einordnet.“René Erdbrügger: Pinneberg Mahnmal am Bahnhof: Wie geht es nach dem Künstlerwettbewerb weiter? Pinneberger Tagblatt (30.12.2020) shz.de/lokales/pinneberger-tageblatt/mahnmal-am-bahnhof-wie-geht-es-nach-dem-kuenstlerwettbewerb-weiter-id30734812.html „Im Haushalt 2021 müssten nach Auffassung der Initiative Planungs- und Baukosten bis zu 100.000 Euro eingestellt werden.“René Erdbrügger: Umstrittene Nazi-Stele Pinneberger Mahnmahl-Initiative nimmt die Politik in die Pflicht Pinneberger Tagblatt (20.01.2021) shz.de/lokales/pinneberger-tageblatt/pinneberger-mahnmahl-initiative-nimmt-die-politik-in-die-pflicht-id30932787.html „Geschichte sollte man nicht entsorgen, sondern sie reflektieren, sagt Jochen Hilbert von der Initiative. Deswegen kämpft er für ein Mahnmal am Bahnhof.“René Erdbrügger: „Ein monumentales Symbol des Hasses“ Pinneberger Tagblatt (20.01.2021) „Pinneberg: Was wird aus der umstrittenen Stele am Bahnhof? Interview mit Jochen Hilbert von der Mahnmal-Initiative“ Gundelfingen an der DonauSeit 1938 steht in Gundelfingen an der Donau eine NS-Kriegskult-Tempelanlage. Das zerbröselnde Relikt wurde um 2020 renoviert und weiß getüncht. Der Künstler und Fotomonteur John Heartfield (1891–1968), der Ostern 1933 nach Prag emigriert war, berichtete über„die erste Montage meiner Emigrationszeit. Hitler hatte gerade angeordnet, alle Häuser seien neu zu weißen. Meine Montage zeigte einen großen Anstreichpinsel. Die Unterschrift lautet:Sind nun die NS-Kriegsmale dran?‚Das deutsche Volk ist angeschmiert,(zit. n. Eckhard Siepmann: Montage: John Heartfield, Elefanten Press Galerie, Berlin West (1977) S. 148 v. 299).
Karlheinz Hug: FazitNach dieser Tour zu einigen Kriegerdenkmalen im Land sei daran erinnert, was die Radolfzeller Erinnerungskulturleitlinien behaupten:„Im Vergleich mit anderen Städten muss sich die bisherige Erinnerungskulturarbeit in Radolfzell nicht verstecken“.Verglichen mit anderen Städten – was haben die Stadt Radolfzell und ihre zivilgesellschaftlichen Initiativen in der Aufarbeitung der NS-Geschichte im Allgemeinen und im Umgang mit dem NS-Kriegsmal im Besonderen erreicht? Was kann Radolfzell vorweisen, was von anderen Städten lernen? Im vergangenen Jahrzehnt fanden neonazistische Aktionen an NS-Kriegsmalen in Radolfzell, Weinheim und Göppingen statt. Die Skulpturen in Radolfzell und Weinheim des Typs „aggressiver Sturmtrupp“ von Wilhelm Kollmar werden für offizielle Volkstrauertagsfeiern gepflegt. Das Göppinger NS-Mal des Typs „trauernde Kameraden“ kommt seit 1954 oder 1971 ohne Volkstrauerfeiern aus, dafür wurde ihm 2017 eine Anti-Skulptur entgegengestellt. Bei allen drei NS-Kriegsmalen stehen Informationstafeln. So ist zu vermuten, dass besonders martialische, offiziell gepflegte und als Volkstrauermale genutzte NS-Male in Städten auf Neonazis zwar attraktiv wirken, diese sich aber durch Infotafeln und Gegendenkmale weniger als Vampire durch Knoblauchknollen abschrecken lassen. Die meisten Kriegerdenkmale dienen als Treffpunkte für Volkstrauertagsfeiern, auch die NS-Male in Radolfzell, Duchtlingen, Aach, Böhringen, Murg, Oppenau, Weinheim, Pinneberg. Ausnahmen bilden das Neuhauser Denkmal aus der Weimarer Zeit (kleiner Ort) und die NS-Male in Konstanz (Regimentsdenkmal), Göppingen (Alternativen aus der Weimarer Zeit und den 1950ern), Furtwangen (Alternative 1980 auf Friedhof), Engen (Friedenszeichen 2009 auf Friedhof). Vollständig „außer Betrieb“ gesetzt wurden nur die NS-Kriegsmale in Furtwangen und Engen, die Namenstafeln verlagert. Warum Radolfzell nicht wie Göppingen, Furtwangen, Engen die Volkstrauertagsfeiern auf dem Friedhof durchführt, sondern beharrlich beim NS-Kriegsmal und den Namenstafeln mit 102 SS-Tätern, ist eine offene Frage. Ikonoklastische Aktionen gab es an vielen NS-Kriegsmalen. Meist wurden Schäden zügig spurlos beseitigt, oft die Denkmale aufwendig renoviert. Eine Ausnahme bildet Furtwangen, das den abgerissenen Oberkörper des Handgranatenwerfers nicht restaurierte. Bepflanzungen der NS-Kriegsmale dienten früher apologetischem Hervorheben (Blumenbeete um die Krieger in Radolfzell und Murg) und schamvollem Verdecken (Hecken vor den Kriegern in Weinheim und Göppingen). Die 2019 initiierte Berosung des Radolfzeller Sturmtrupps wirkt seltsam rückwärts gewandt. Überzeugendere Entmartialisierung leisten die gärtnerlose Natur in Duchtlingen und Furtwangen mit Flechten und Moosen und die Alltagskultur in Konstanz mit Müllbehältern. Versetzungen von NS-Kriegsmalen gab es in Murg und Oppenau. Beidesmal handelt es sich um Werke von Hugo Knittel, beidesmal wurden Chancen zum aufklärenden Dekontextualisieren vertan zugunsten apologetischen Bewahrens. Hinter diesen abschreckenden Fehlentwicklungen muss sich Radolfzell tatsächlich nicht verstecken. Informationstafeln wurden bei den NS-Kriegsmalen in Radolfzell (2001/14), Konstanz (2016), Oppenau (2018), Weinheim (2017) und Göppingen (2017) aufgestellt. Die in Radolfzell sind unleserlich, die in Oppenau und Weinheim schwächeln inhaltlich. Hier war Radolfzell Vorreiter, kann aber von Konstanz und Göppingen lernen. Die offiziellen Webauftritte der Gemeinden informieren fast nie über Kriegerdenkmale, schon gar nicht NS-Male, ausser Konstanz mit veraltetem Inhalt. Meist bleibt es zivilgesellschaftlichen Initiativen überlassen, mit Webauftritten über die NS-Zeit zu informieren. Manchmal unterstützt eine Gemeinde solche Initiativen (Weinheim); Radolfzell lässt Potenziale ungenutzt. Gegendenkmale zu NS-Kriegsmalen wurden in Weinheim (1999), Engen (2009) und Göppingen (2017) geschaffen. In Pinneberg engagiert sich die Initiative „Mahnmal statt Kriegerdenkmal am Pinneberger Bahnhof“ in diese Richtung. Radolfzell sollte aufpassen, dass es den Anschluss nicht verpasst. Die Behauptung, Radolfzell müsse sich nicht hinter Göppingen verstecken, trifft seit 2017 nicht mehr zu. Die durch die Gegendenkmale höher gelegten Messlatten hat Radolfzell noch nicht erreicht. Zur wissenschaftlichen Aufarbeitung der Geschichte seines NS-Kriegsmals hat Pinneberg Maßstäbe gesetzt, an denen sich Radolfzell ebenso orientieren könnte wie an Schülerwettbewerben und Künstleraktionen anderer Städte. LiteraturQuellverweise zu aktuellen Ereignissen finden sich im Abschnitt Chronologie, zu anderen Kriegsdenkmalen im Abschnitt Kriegsdenkmale anderswo. [nv] bedeutet, dass die Quelle nicht vorliegt; sie wird aus jeweils angegebener Quelle zitiert.Hauptquellen
NS-Quellen
Kreis Konstanz
Glücklich gewählt hat das Storchenpaar die Lage seines Nests auf dem Stockacher Kriegsmal aus der Zeit,
die nur ein „Vogelschiss“ in AfD-Gaulands Geschichte war.
Oder sollen die Kinderbringer kriegslüsternen Eltern frisches Kanonenfutter besorgen? (Vgl. [Lib14, S. 103].)
Aus Nummern werden Menschen Südkurier (05.04.2011) suedkurier.de/archiv/region/kreis-konstanz/radolfzell/art1360095,4814522 Bericht über einen Vortrag des Historikers Markus Wolter zum KZ-Außenkommando und den Versöhnungsweg des Arbeitskreises Christlicher Kirchen.hpk: „Alle Straßennamen sollten überprüft werden“ SeeMoZ (24.04.2013) seemoz.de/lokal_regional/alle-strasennamen-sollten-uberpruft-werden Interview mit der Historikerin Heike Kempe zur abgelehnten Umbenennung der nach dem Massenmörder und Kriegsverbrecher Lettow-Vorbeck benannten Straße in Radolfzell.Onlineprojekt Gefallenendenkmäler, Greenwich, Connecticut, USA; Thilo C. Agthe; W. Leskovar: Radolfzell am Bodensee, Landkreis Konstanz, Baden-Württemberg (07.01.2007) denkmalprojekt.org/2012/ radolfzell-am-bodensee_lk-konstanz_kombattanten_bawue.html radolfzell-am-bodensee_lk-konstanz_wk1_bawue.html radolfzell-am-bodensee_lk-konstanz_wk2_a-k_bawue.html radolfzell-am-bodensee_lk-konstanz_wk2_l-z_bawue.html Enthält die Namenslisten der Tafelwand, ohne zwischen Wehrmacht und SS zu differenzieren.Natalie Reiser: Stolpersteine für Euthanasie-Opfer Südkurier (10.09.2015) suedkurier.de/archiv/region/kreis-konstanz/radolfzell/art1360095,8139348 Die Historiker Markus Wolter und Thomas Stöckle berichten über die „Euthanasie“-Morde in der Vernichtungsstätte Grafeneck bei Reutlingen und den Bezug zu Radolfzell.Claudia Rindt: Die Härten der Wehrmacht Südkurier (05.04.2011) suedkurier.de/archiv/region/kreis-konstanz/konstanz/art1360087,4814399 Neues Wissen für das Erinnern Südkurier (09.04.2011) suedkurier.de/archiv/region/kreis-konstanz/konstanz/art1360087,4822959 Berichte über eine Wanderausstellung des Deutschen Historischen Instituts in Warschau, die Verbrechen der Wehrmacht und Radolfzeller SS-Truppen im September/Oktober 1939 in Polen und die Rolle des SS-Kasernenkommandanten Koeppen thematisiert.Die SS und ihre Kaserne in Radolfzell Südkurier (03.11.2010) suedkurier.de/archiv/region/kreis-konstanz/radolfzell/art1360095,4559619 Kurzbeitrag zur Geschichte der SS-Kaserne vom Plan zum RIZ.Verein für jüdische Geschichte Gailingen e.V., Gailingen: Jüdisches Museum Gailingen jm-gailingen.de Baden-Württemberg
Anderes
»Gott mit uns – Kirchliche & religiöse Propaganda für Krieg und Vaterland« Flandernbunker Kiel (30.01.–30.06.2015) Ausstellung, Exponate, 24 S. denk-mal-gegen-krieg.de/assets/Texte/3-Geschichte/Ausstellung-Gott-mit-uns-Ev-Akademie-der-Nordkirche.pdf Zeigt anhand einer Sammlung von Bildpostkarten von den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs „religiöse und kirchliche Propaganda für die Kriegsziele und die Kriegsführung des deutschen Kaiserreichs“.Christian Lopau: Vom Heldendenkmal zum Mahnmal Vortrag im Ratssaal des Ratzeburger Rathauses (28.02.2017) 25 S. nordkirche-nach45.de/ fileadmin/user_upload/baukaesten/Baukasten_Neue_Anfaenge/ NA_2017_Ratzeburg_Lopau_Heldendenkmal-Mahnmal_28-02-2017.pdf Im Vortrag des Stadtarchivars Lopau zur Ausstellung „Neue Anfänge nach 1945? – Wie die Landeskirchen Nordelbiens mit ihrer NS-Vergangenheit umgingen“ bricht die elfseitige „Geschichte der Kriegerdenkmäler“ mit der Weimarer Republik ab und fährt nach dem Zweiten Weltkrieg fort. Ausgespart sind Kriegsdenkmale in der NS-Zeit als Mittel der Kriegsvorbereitung. So bleibt der Vortrag der Verdrängungskultur verhaftet, zu deren Aufarbeitung die Ausstellung beitragen soll. Fünf Seiten schildern Beispiele zur Ergänzung, Umgestaltung und Neuerrichtung von Kriegerdenkmalen.Kirsten Westhuis: Der schwierige Umgang mit Soldatendenkmälern Sendung im Deutschlandradio Kultur „Kirche contra Kriegsverklärung“ (2012) 4 S. denk-mal-gegen-krieg.de/assets/Texte/Veraenderung/DRadio-Kultur-Kirche-contra-Kriegsverklaerung.pdf Interviews mit Pastor Ulrich Hentschel zum Krieger- und Gegendenkmal bei der St. Johanniskirche in Hamburg-Altona und mit Ulrike Dorfmüller vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge über dessen Jugendarbeit. Kommentare zur Rosenbepflanzung
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Meta:
Seit dem 1. September 2018, dem 79. Jahrestag des Überfalls auf Polen, an dem sich Radolfzeller SS-Truppen beteiligten,
und zu dessen ideologischer Vorbereitung das Radolfzeller NS-Kriegsdenkmal beitrug,
erscheint diese Webseite in gelegentlich aktualisierten und erweiterten Versionen.
Die Informationen habe ich nach bestem Wissen und Gewissen zusammengestellt.
Mein Dank gilt Zitat- und Ratgebern.
Besonders herzlich danke ich Markus Wolter für seine aufschlussreichen Arbeiten, Hinweise und Anregungen.
Nina Breimaier, Achim Fenner, Norbert Lumbe, Christof Stadler
sei für ihr andauerndes Engagement in der Auseinandersetzung mit der NS-Zeit und dem NS-Kriegsdenkmal stellvertretend für viele andere gedankt.
Dankeschön auch an Ursula und Willmut Glanert, Jochen Hilbert und wikimedia für die Fotos.
Hinweise auf Fehler nehme ich gerne an.
25.02.2019: Der Wiki-Beitrag Weinheimer Kriegerdenkmal plagiiert an mehreren Stellen Formulierungen, Sätze, Abschnitte und Zitate von Dritten aus dieser Webseite. So erfreulich es ist, dass diese Seite gelesen und als plagiabel betrachtet wird, so deutlich erkläre ich, dass sie nichts aus dem Wiki-Beitrag zitiert, sondern bei textlichen Übereinstimmungen diese Seite das Original, der Wiki-Beitrag das Plagiat darstellt. K. Hug Änderungen: 04.09.2018: Pinneberg bearbeitet und erweitert. 08.09.2018: Engen Fotos ergänzt. „Chronologie“ 1956–1958 Umgestaltung erweitert. 12.09.2018: „Chronologie“ und Fotos ergänzt. 18.09.2018: In „Chronologie“ zwei Zitate entfernt [zz]. 22.09.2018: Volkstrauerfeierort, Privattrauerplatz erweitert. Murg Fotos ergänzt. 23.09.2018: Funktionen hinzugefügt. 25.09.2018: Vorschlag Sachverständige anhören hinzugefügt. 01.10.2018: Aufstellungsort und Symbole hinzugefügt. 09.10.2018: Furtwangen hinzugefügt. 28.10.2018: Entstehungszeit, Mahnmal?, Denkmal? hinzugefügt, Murg Fotos ergänzt. 12.11.2018: „Chronologie“ 20.09.2018, 06.11.2018 ergänzt. 19.11.2018: „Chronologie“ Volkstrauertag 18.11.2018 ergänzt. 26.11.2018: Zitate aus [Beh96] hinzugefügt. 22.12.2018: Zitate aus [Lur86], Stil und Denkmaltyp, Feiern, Lebenshingabe als Supertugend, Selbstopfertod als Heldenpflicht hinzugefügt, Volkstrauerfeierort erweitert. 12.02.2019: Zitate aus [KoJ94], [Lur87], [Wet92a], Inschriften hinzugefügt. 25.02.2019: Zitate aus [HKMP90], [NiR92] hinzugefügt. 04.03.2019: Zitate aus [Arm88], [LiMP90], [Vog93] hinzugefügt. 14.03.2019: Zitate aus [HeE08], [Pät12] hinzugefügt. 27.03.2019: Zitate aus [Von80a] hinzugefügt. 06.04.2019: Denkmalschutzaspekte hinzugefügt. 09.05.2019: „Chronologie“ 2019 ergänzt. 20.05.2019: Soldatengräber hinzugefügt, „Chronologie“ 1963, 15.12.2018 ff. und Pinneberg ergänzt. 21.05.2019: Pinneberg Foto hinzugefügt. 24.06.2019: Zitate aus [DMVW79], [Fis88], [Wis96] hinzugefügt. 24.09.2019: „Chronologie“ September 2019, [Rad] ergänzt. 28.10.2019: „Chronologie“ Volkstrauertage 13.11.2005, 16.11.2008, 13.11.2011, 18.11.2012, 17.11.2013, 15.11.2015 ergänzt. Rielasingen, Hilzingen, Neuhausen, Duchtlingen, Aach, Konstanz, Böhringen hinzugefügt. 09.11.2019: Oppenau hinzugefügt. 12.11.2019: Oppenau verbessert. 18.11.2019: „Chronologie“ Volkstrauertag 17.11.2019, Volkstrauerfeierort ergänzt. 26.02.2020: „Chronologie“ 1982, 1983 ergänzt. 03.03.2020: Pinneberg ergänzt. Menü verbessert. 25.03.2020: Weinheim hinzugefügt, Neuhausen, Murg ergänzt. 27.03.2020: Kunstwerk, Weinheim ergänzt. 23.04.2020: Aulfingen, Göppingen, Zitate aus [Het09], [Hof98], [Pet98] hinzugefügt; In Museum verlagern, Konstanz, Engen, Böhringen ergänzt. 01.05.2020: Fazit hinzugefügt, Engen ergänzt. 12.05.2020: „Chronologie“ 2020, Engen, Pinneberg ergänzt, Vergittern hinzugefügt. 09.08.2020: „Chronologie“ August 2020, Neuhausen ergänzt. 26.10.2020: Engen ergänzt. 16.11.2020: Fehlbezeichnung „Reichswehr“ zu „Reichsheer“ korrigiert. „Chronologie“ November 2020, Böhringen ergänzt. 26.11.2020: Details korrigiert. 22.12.2020: Engen Dezember 2020 ergänzt. 11.03.2021: Göppingen Zitate aus [Nol20] hinzugefügt. Auferstehungsmythos, Umkippen, Duchtlingen, Pinneberg Details ergänzt. 25.04.2021: Gundelfingen an der Donau hinzugefügt. 11.05.2021: „Chronologie“ 2021 ergänzt. 06.06.2021: Engen Mai 2021 ergänzt. 16.11.2021: „Chronologie“ November 2021 ergänzt. Duchtlingen Foto hinzugefügt. 29.05.2022: „Chronologie“ 2022 ergänzt.
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