NS-Kriegsdenkmal in Radolfzell und anderswo

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Das Touristenstädtchen Radolfzell am Bodensee gönnt sich, an seinem Luisenplatz ein NS-Kriegsdenkmal zu hegen, zu pflegen, zu striegeln und zu schniegeln, das seit Jahrzehnten zu Auseinandersetzungen und Medienberichten führt. Neonazis nutzen den Platz für Aufmärsche, die an die NS-Ideologie anknüpfen [Gei17]. Die Stadt begeht dort Jahr für Jahr den Volkstrauertag. Antifaschisten mahnen dort vor Faschismus, Rassismus, Militarismus und Krieg, sofern das Ordnungsamt ihre Kundgebung nicht behindert oder verbietet.

Radolfzell NS-Kriegsdenkmal 2018-04-21 K. Hug Marschieren für den Krieg – seit 80 Jahren auf der Stelle

Diese Webseite versammelt Informationen um das NS-Kriegsdenkmal und Vorschläge zum Umgang mit ihm und anderen NS-Kriegsdenkmalen. Da die Abschnitte das Denkmal unter verschiedenen Blickwinkeln betrachten, werden gewisse Wiederholungen toleriert. Quellen sind im Abschnitt Literatur angegeben; Quellverweise zu aktuellen Ereignisse stehen direkt im Abschnitt Chronologie; zu anderen Kriegsdenkmalen im Abschnitt Kriegsdenkmale anderswo; Kurzbelege wie [Abc12] verweisen auf Titel unter Literatur und ggf. per Hyperlink auf die Quelle im Web. Hauptquellen sind die von dem Historiker Markus Wolter gepflegten Webauftritte [IOGR] und [amw], insbesondere radolfzell-ns-geschichte.von-unten.org/ns-ehrenmal. Statt jede daraus übernommene Aussage einzeln zu belegen sei dem Leser empfohlen, die detaillierten Informationen in den Hauptquellen zu studieren.

Radolfzells NS/SS-Erbe

Dieses NS-Kriegsdenkmal steht nicht zufällig, nicht isoliert in Radolfzell, sondern hängt geplant mit Ereignissen und Relikten der NS-Zeit zusammen, mit denen die Stadt in das Naziregime verstrickt war: Sie war Sitz einer SA-Standarte, einer von wechselnden Waffen-SS-Verbänden genutzten Kaserne, einer SS-Unterführerschule, eines Außenkommandos des Konzentrationslagers Dachau, und einer SS-Schießanlage. Zu Radolfzells NS-Geschichte informiert der offizielle Webauftritt der Stadt erst seit Juli/August 2018 mit einigen Zeilen: ein zaghafter Schritt gegen die bisher dominierende schamvolle Verdrängung, siehe [Rad].

SS-Relikte

Die SS-Kaserne wurde nach Betreiben des Radolfzeller NS-Bürgermeisters Eugen Speer ab 1935 mit Einsatz von 800 Arbeitslosen gebaut und 1937 vom bejubelt empfangenen 3. Bataillon der SS „Germania“ bezogen [IOGR, SS-Kaserne]. „Die SS-Verfügungstruppe aus Radolfzell sprengte [in] der Reichspogromnacht am 9./10. November 1938 die Synagogen von Konstanz, Gailingen, Wangen und Randegg“ [WiRa]. Der Radolfzeller SS-Totenkopfverband beteiligte sich im Oktober 1940 daran, „alle 234 Jüdinnen und Juden aus der Umgebung von Radolfzell und der Höri in das südfranzösische Internierungslager Gurs“ zu deportieren [WiRa] [LR08-04-21]. Radolfzeller SS-Truppen beteiligten sich „am 'Anschluß' von Österreich, der Besetzung der Sudetendeutschen Gebiete, der Zerschlagung der Tschechoslowakei und dem Überfall auf Polen“ und begingen zahlreiche Verbrechen [IOGR].

Die SS-Unterführerschule in der SS-Kaserne führte zur Einrichtung des Außenkommandos des KZ Dachau und der SS-Schießanlage. Von 1941 bis 1942 zwang die SS 120 KZ-Häftlinge aus Dachau zur Fertigstellung einer Großkaliber-Schießanlage nordöstlich von Radolfzell; Waffen-SS-Einheiten der Unterführerschule nutzten sie dann für das Erlernen ihres Mordhandwerks [IOGR, SS-Schießanlage].

Radolfzell SS-Kaserne RIZ 2018-05-23 K. Hug Im Stabsgebäude der ehemaligen SS-Kaserne hinter denkmalschützend zuwuchernden Wachhäuschen residiert heute das RIZ, das der fremdenfeindlichen AfD Räume öffnet.

In der ehemaligen SS-Kaserne wurde 2003 das „Radolfzeller Innovations- und Technologiezentrum“ eröffnet. Erhaltene Bauten wurden 1995/97 unter Denkmalschutz gestellt, ab 2001 unterstützt durch die Stadt und ihre Denkmalschutzbehörde für das „Gewerbegebiet Nord“ umgebaut und saniert. Die Reithalle und die Pferdeställe, in denen 1941–1945 KZ-Häftlinge eingepfercht waren, verschwanden spurlos, lang bevor sie im Postkartenalbum des Touristenstädtchens hätten stören können. Vieles mehr, was die neue heilbringende Innovations-Tech-Welt hemmte, verschwand vom SS-Kasernen-Areal. In ihren „Leitlinien zur Erinnerungskultur“ gelobt die Stadt Radolfzell, „Spuren verschiedener Zeitschichten im Stadtbild zu erhalten“, nachdem sie im SS-Kasernen-Areal viele Spuren beseitigt hat.

Radolfzell SS-Schießstand Langbahn Kugelfang Bunkeröffnungen 2018-05-23 K. Hug SS-Schießstand: Spuren im Kugelfang der Langbahn mit Bunkeröffnungen

Günter Köhler:
Die Schießanlage aus der NS-Zeit in Radolfzell - YouTube
Video 11:25 (28.04.2018)
youtube.com/watch?v=X4tlsfcVzbQ&feature=youtu.be

Zeigt Wege zur SS-Schießanlage und ihren Zustand im März/April 2018.

Gedenkstätten

Radolfzell war als eine der acht SS-Garnisonsstädte im NS-Staat und durch das Außenkommando des KZ Dachau stärker in das Naziregime und seine Verbrechen verstrickt als andere Städte der Region. Daraus folgt eine stärkere Verantwortung für die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit. Das umfasst die Aufklärung darüber, was geschehen ist, wer was getan oder erlitten hat, warum sie es getan oder erlitten haben, die Beurteilung der Schuld der NS-Verbrechen, die Nennung der Täter und Opfer, die Wiedergutmachung der Schäden, die Vorsorge für eine friedliche, demokratische Zukunft (vgl. [Gol04]). Das führt zur Frage:
Wie praktizieren die Stadt Radolfzell, ihre Verwaltung, ihr Gemeinderat, ihr Kulturausschuss und ihr Arbeitskreis Erinnerungskultur ihre besondere Verantwortung für die Aufarbeitung der NS-Geschichte?
Radolfzell begann 62 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, Gedenkstätten zu NS-Verbrechen anzulegen. Inzwischen gibt es drei mit Mahnmal und Informationstafeln. Die zivilgesellschaftliche Initiative STOLPERSTEINE-RADOLFZELL verlegte bisher 23 Stolpersteine. Einige weitere „Erinnerungskulturleistungen“ sind zu respektieren und zu würdigen.

Gedenkstätte Gurs-Mahnmal am Seetorplatz: Das ökumenische Mahnmal-Projekt Neckarzimmern installierte 2007 am Seetorplatz gegenüber dem Bahnhof, unterstützt durch die Stadt, einen Gedenkstein zur Deportation der Juden im Oktober 1940 in das Internierungslager Gurs in Südfrankreich.

Radolfzell Gurs-Mahnmal 2018-05-23 K. Hug Haben Sie ihn bemerkt? Gedenkstein zur Deportation der Juden mit Informationstafel in Kniehöhe

Zu Juden in Radolfzell siehe radolfzell-ns-geschichte.von-unten.org/juden_in_radolfzell, zum Gurs-Mahnmal radolfzell-ns-geschichte.von-unten.org/mahnmal_am_seetorplatz, zum ökumenischen Mahnmal-Projekt Neckarzimmern Gedenksteine :: Mahnmal Neckarzimmern :: für die deportierten Jüdinnen und Juden Badens mahnmal-neckarzimmern.de. Die Steininschrift

„RADOLFZELL / 22.10.1940 / GURS“
wird seit Juni 2013 durch Informationen auf einer vom Rotary Club Radolfzell-Hegau gestifteten, daneben angebrachten Tafel ergänzt.

Radolfzell Gurs-Mahnmal Infotafel 2018-05-23 K. Hug Informationstafel zum Gurs-Mahnmal zum Vergrößern anklicken!

Gedenkstätte Ehemaliger SS-Schießstand: Die zivilinitiative Projektgruppe „Radolfzeller Gedenkstätten“ installierte am 16. Juni 2010 im Kugelfang der westlichen Kurzbahn der ehemaligen SS-Schießanlage eine Gedenktafel für die zum Bau der Anlage gezwungenen KZ-Häftlinge.

Radolfzell SS-Schießstand Gedenkstätte Kurzbahn westlich 2018-05-23 K. Hug SS-Schießanlage: Gedenktafel im Kugelfang der westlichen Kurzbahn

Zum Text der Gedenktafel siehe radolfzell-ns-geschichte.von-unten.org/_media/bilder:schiessanlage:gedenktafel.jpg. Am 8. April 2011 organisierten die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Radolfzell und das Weltkloster einen „Versöhnungsweg“ von der SS-Kaserne zur SS-Schießanlage, wo sie 121 mit den KZ-Häftlingsnamen beschriftete Steine beim Kugelfang der westlichen Kurzbahn einzementierten. Ein Jahr später errichtete die Stadt Radolfzell zusammen mit der Projektgruppe „Radolfzeller Gedenkstätten“ eine Informationstafel zur Nutzungsgeschichte des Areals (Text: Markus Wolter, Gestaltung und Layout: Alfred Heim, Evelyn Heim). Die am 16. November 2012 bei einer Gedenkveranstaltung enthüllte Tafel wurde 2013 beschädigt.

Radolfzell SS-Schießstand Gedenkstätte Infotafel 2018-05-23 K. Hug SS-Schießanlage: vandalisierte Informationstafel

Zur Gedenkstätte siehe Landeszentrale für politische Bildung Baden Württemberg, Stuttgart: Der ehemalige SS–Schießstand Radolfzell am Bodensee gedenkstaetten-bw.de/gedenkstaetten_anzeige.html? &no_cache=1&tx_lpbgedenkstaetten_pi1%5BshowUid%5D=230438 &cHash=78fca8febeea1b3bc711df0068c17fd6. Zum Inhalt der Tafel siehe Informationstafel: Ehemaliger Schießstand der Waffen-SS, Radolfzell radolfzell-ns-geschichte.von-unten.org/_media/pdf:infotafel_ss-schiessstand_radolfzell.pdf.

Gedenkstätte Ehemalige SS-Kaserne: Mit einem Festakt am „Tag des offenen Denkmals“ 8. September 2013 wurde das Ensemble aus einer Gedenkskulptur und vier Informationsstelen vor dem Stabsgebäude der ehemaligen SS-Kaserne eingeweiht. Die Skulptur aus Edelstahl schuf René Dantes, die Informationen auf den Stelen stammen von Achim Fenner und Markus Wolter.

Radolfzell SS-Kaserne Gedenkstätte 2018-05-23 K. Hug SS-Kaserne: Gedenkskulptur und vier Informationsstelen

Der ehemalige SS-Schießstand und die ehemalige SS-Kaserne wurden im August 2014 in die Liste der Gedenkstätten in Baden-Württemberg der Landeszentrale für politische Bildung aufgenommen (Gedenkstätten in Baden-Württemberg - Liste gedenkstaetten-bw.de/gedenkstaetten_bw_liste.html). Zur Gedenkstätte siehe Gedenkort ehemalige SS-Kaserne/KZAußenkommando in Radolfzell am Bodensee gedenkstaetten-bw.de/gedenkstaetten_anzeige.html? &no_cache=1&tx_lpbgedenkstaetten_pi1%5BshowUid%5D=230439 &cHash=ba904223577f56162671b617c557b736. Zu den Inhalten der vier Informationsstelen siehe

Stele I: „Gebaut für die Ewigkeit“ (Fenner)
radolfzell-ns-geschichte.von-unten.org/_media/text-stele_1_kaserne_-_fenner.pdf;

Stele II: „Täter, Opfer, Zuschauer“ (Wolter)
radolfzell-ns-geschichte.von-unten.org/_media/text-stele_2_-_kaserne.pdf;

Stele III: Die Waffen-SS-Unterführerschule und das KZ-Außenkommando Radolfzell (Wolter)
radolfzell-ns-geschichte.von-unten.org/_media/text-stele_3_-_kaserne.pdf;

Stele IV: Aus Besatzern werden Freunde / Eine Investition in die Zukunft - Gewerbegebiet Nord (Fenner)
radolfzell-ns-geschichte.von-unten.org/_media/text-stele_4-kaserne-fenner.pdf.

NS-Kriegsdenkmal in Radolfzell

Radolfzell NS-Kriegsdenkmal 2018-05-23 K. Hug Zwischen Informationstafeln und Textstele dominant marschierende NS-Kriegspropagandisten

Beschreibung

Zu vielen Merkmalen werden Daten und Fakten tabellarisch dargestellt, Entstehungszeit, Aufstellungsort und Symbole werden ausführlich erläutert.

Merkmal Ausprägung
ursprüngliche Bezeichnung „Ehrenmal für die Gefallenen des Weltkriegs“
Ort 1906–1934 und ab 1945: Luisenplatz,
1934–1945: Horst-Wessel-Platz,
N 47°44'15" – E 8°58'20",
Google Maps: google.de/maps/@ 47.7375024,8.9726172,217m/data=!3m1!1e3
OpenStreetMap Deutschland: Karte: openstreetmap.de/karte.html „Luisenplatz, Radolfzell“ suchen
Lage vor dem (östlichen) Obertor zur Altstadt, in einem kleinen Park an einer Durchgangsstraße zum Bahnhof und zur Halbinsel Mettnau
Entstehungszeit 1936–1938; am 22.05.1938 Einweihung durch SS-Obersturmbannführer Heinrich Koeppen, Enthüllung durch NS-Bürgermeister Josef Jöhle
Auftraggeber, Stifter, Förderer NS-beherrschte Stadt, NS-Bürgermeister Jöhle, SS-Kasernenkommandant Koeppen, NS-Reichskriegerbund-Kameradschaft, NS-Kriegsopfer-Versorgung, Soldatenbund
Kosten 30.000 RM, zur Hälfte finanziert über Postkarten und „Bausteine“
Bildhauer Entwurf und Modell: Wilhelm Kollmar (1871–1948), Karlsruhe; Ausführung: Paul Diesch (1884–1953), Konstanz
Material mainfränkischer Muschelkalk
Aufbau rechteckiges Fundament, quaderförmiger Sockel, Skulptur aus vier aufeinander geschichteten quaderförmigen Blöcken abgetragen
Maße Sockel: B 2,25 m, T 2,4 m, H 0,9 m; Skulptur: B rd. 2 m, T 2,2 m, H 4,2 m; gesamt H 5,1 m
Gewicht Skulptur: 4 * 127 Zentner = 25,4 Tonnen (1 Zentner = 50 kg); Sockel mit Skulptur: 30–40 Tonnen (KA BV 06.11.2018, Anlage 3)
optisches Gewicht schwer, massig, wuchtig, den Platz dominierend
Ansichtigkeit freistehend, allansichtig
Kontur blockhaft, fast ganz geschlossen
Oberfläche rau, porös, kalksteinfarben
Motiv, Form figurativ, überlebensgroß, zeitgenössisch gekleidet
Inhalt Figur aus zwei Soldaten mit Gewehr und Fahne, Fahnenträger und ihn begleitender Infanterist
Bewegung marschierend
Stil NS-Kriegspropaganda
Symbole Stahlhelm, Gewehr, Fahne, Eisernes Kreuz
Sockelinschrift 1938–1958: „DIE STADT RADOLFZELL / IHREN IM WELTKRIEGE / ✚ 1914–1918 ✚ / GEFALLENEN HELDEN“,
1958–2011: „DIE STADT RADOLFZELL / IHREN IN DEN WELTKRIEGEN / 1914–1918 UND 1939–1945 / GEFALLENEN SÖHNEN“,
ab 2011: keine

Signaturen sind nicht erkennbar.

Zubehör zwei Feuerschalen (eine erhalten); bis 1945: Reichsadler, Hakenkreuz, „Gedenktafel für die Toten der NS-Bewegung im Gau Baden“ [RaMu]; bis 1958: sieben Steintafeln mit Namen der „gefallenen Helden“ des Weltkriegs; heute: siehe Zubehör
[Gun38] [Kro] [Rad15, S. 40–42]

Radolfzell Stadtmuseum NS-Kriegsdenkmal Baustein+Postkarte 2018-09-11 K. Hug NS-Reichskriegerbund-Kameradschaft, NS-Kriegsopfer-Versorgung, Soldatenbund sammeln: „Baustein“-Stiftungsbescheinigung und Postkarte zum Vergrößern anklicken!

Entstehungszeit

Warum entstand das Kriegerdenkmal nicht bald nach dem Krieg, als die Not und das Leiden, die er gebracht hatte, noch gegenwärtig waren, Kriegsversehrte zum Straßenbild gehörten und Angehörige von Toten noch Schmerz und Trauer spürten? Warum erst 20 Jahre nach Kriegsende? Diese Fragen differenziert zu beantworten sei Historikern überlassen. Sicher ist: Nach der Machtübergabe an die Nazis forcierten diese den Bau von Kriegerdenkmalen als Kultstätten ihrer Kriegsreligion überall, wo noch keine standen, um ihre Kriegsvorbereitungen propagandistisch zu begleiten. Die Begründung des Kieler Oberbürgermeisters von 1935 hätten auch der Radolfzeller Bürgermeister Jöhle und der Kasernenkommandant Koeppen äußern können:
„Erst als der Mann, der das Opfer der Gefallenen und ihr Vermächtnis weitergetragen hatte, in einem 14 Jahre langen Kampf, durch den verewigten Generalfeldmarschall des Weltkrieges [Hindenburg, A.S.] die Führung Deutschlands übernahm, klang aus Walhall der Marschschritt von 2 Millionen toter Kameraden in den Herzen der lebenden Geschlechter...“ [Sch99, S. 64].
Ein Meilenstein der Kriegsvorbereitungen war das „Gesetz für den Aufbau der Wehrmacht“ vom 16. März 1935, das die „Reichswehr“ in „Wehrmacht“ umbenannte, die allgemeine Wehrpflicht zum Dienst in der Wehrmacht einführte, und die Stärke des Friedensheers auf 12 Korpskommandos und 36 Divisionen festlegte (documentArchiv.de). Dass damit „auch formal die letzten Beschränkungen des Versailler Vertrages abgestreift“ waren (Wikipedia), widerspiegelte sich in zunehmend aggressiv revanchistisch gestalteten Kriegerdenkmalen.

Aufstellungsort

Dieser Abschnitt folgt Kerstin Klingels Argumenten im Kapitel „Aufstellungsorte“ in [Kli06], auf das sich die Seitenangaben beziehen. Zur Frage „Wohin mit dem Denkmal?“ überlegen alle Denkmalplaner, „welche Funktion das Denkmal erfüllen und welche Wirkung es beim Betrachter erzeugen soll“ (S. 20). Verfolgen sie „propagandistische Zwecke [...] einer Aufforderung zur erneuten Kriegsführung“, so eigne „sich der öffentliche Raum als Aufstellungsort weitaus besser“ als ein Friedhof, bei dem Trauer um Tote überwiege (S. 29). Das Denkmal und die es umgebende Anlage und Bepflanzung sollen einen weihevoll wirkenden Bereich schaffen (S. 30).
„In diesem gesonderten Areal konnte der Toten, zu ›Helden‹, gestorben fürs ›Vaterland‹, stilisiert, gedacht werden. Der männliche Betrachter aber war vor allem aufgefordert, sich auf seinen patriotischen Geist zu besinnen, den Kriegstod als vorbildlich und den Kampf für das ›Vaterland‹ als ›heilige Pflicht‹ zu sehen, die auch er erfüllen muss. Gefühle der Trauer sollten hier nicht aufkommen, diese widersprachen dem revanchistischen Geist, aus dem heraus in der Weimarer Republik sehr viele Denkmalstiftungen initiiert wurden. Revanchegedanken, denen der Wunsch nach nationalem Wiedererstarken zu Grunde lag, waren in der damaligen Gesellschaft eine sehr weit verbreitete Reaktion auf den Versailler Vertrag“ (S. 30).
Die Nazis setzten dies fort und forderten von Aufstellungsorten ihrer Kriegsdenkmale zusätzlich die Eignung als Aufmarschplätze, die weniger dem Besinnen und Gedenken der Gefallenen dienten, als dem Aufputschen der Jungmannen mittels militaristischer Rituale.
„Bei Denkmälern, die im Dritten Reich im Sinne des Nationalsozialismus errichtet wurden, musste das Areal um das Denkmal so angelegt werden, dass sich dort eine größere Gruppe von Menschen zu Aufmärschen versammeln konnte. Der Aufstellungsort wurde so gewählt, dass die Denkmäler wieder Mittelpunkte des öffentlichen Lebens wurden; sie waren »Zentren der Stadtplanung«, gedacht als »kultische Weihestätten der Nation«, entwickelt aus der »Choreographie der aufmarschierenden Kolonnen«“ (S. 35, [Lur85, Bd. 5, S. 242f] zitierend).
In Radolfzell erinnerte die „parasakrale“ Platzarchitektur durch die als Naturelement einbezogene Platane an einen „Ehren-“ oder „Gedächtnishain“. Wie in Hamburg bot sich
„der freie Platz vor dem Denkmal [...] für Aufmärsche an, mittels derer die Botschaft des Denkmals, [...] aufrecht in den Kampf zu marschieren, unterstrichen wurde: Deutschland ist wieder zum Krieg bereit“ (S. 32).
Die Lage vor dem Obertor ließ die Soldaten aus der Enge der Altstadt hinaus in den Krieg marschieren (vgl. S. 38). Ob die Richtung zur Schweiz durch die Anlage bedingt war oder auf Hitlers Pläne anspielte, die Schweiz zu überfallen und zwischen Deutschland und Italien aufzuteilen, sei dahingestellt (geschichtslehrer.in/contentLD/HI/CH19mKrieg.pdf, hls-dhs-dss.ch/textes/d/D8927.php?topdf=1). NSDAP und SS inszenierten die Einweihungsfeier mit Aufmärschen militärischer Formationen als Demonstration ihrer Kriegstreiberei (s. Chronologie 22.05.1938).

Symbole

Symbole sind vieldeutige Zeichen, deren Bedeutungen sich aus sozialen und politischen Zusammenhängen erschließen; sie sollen gemeinschaftsbildend eher auf das Unterbewusstsein und das Gefühl als den Verstand wirken [Beh96, S. 58–59]. Dieser Abschnitt orientiert sich am Kapitel „Formen“ in [Kli06], das „stilistische Merkmale aufzeigen und historisch einordnen“ und „bildliche, plastische Motive entschlüsseln“ will (S. 42). Zu untersuchen ist auch deren intendierte Wirkung: Richtet sich ein Motiv eher nach außen, ans Ausland, den Gegner, den Feind? Oder eher nach innen, an die Bürger?
„Die Intention, den Krieg als etwas Positives darzustellen und den Kriegseinsatz als vorbildlich und heldenhaft zu propagieren, stand bei der Denkmalssetzung im Dritten Reich im Vordergrund. Symbole der Trauer und des Trostes verschwinden ganz, stattdessen soll auch mit Hilfe der Kriegerdenkmäler für einen neuen Krieg mobil gemacht werden“ (S. 67).
Tatsächlich tragen die Steinkrieger keine Zeichen, die Trauer ausdrücken oder Angehörigen getöteter Soldaten Trost spenden. Die aufgesetzten Stahlhelme, das Gewehr sowie weitere Bewaffnungs- und Ausrüstungsteile propagieren den Waffengebrauch und drücken die Ablehnung des Versailler Vertrags aus (S. 63). Revanchistisch gesinnt marschieren die beiden NS-Krieger nicht nur, um den Versailler Vertrag zu brechen, sondern auch, um fremde Länder zu erobern. Stahlhelme und Waffen sollen als kriegerische Drohung gegen den imaginierten Feind wirken.

Die Fahne ist ein Symbol für militärische „Ehre“ (zu töten und sich töten zu lassen) und „Treue“ (zur Obrigkeit bis zur tödlichen Selbstverleugnung). Fahnenträger, die mit Säbeln und Gewehren bewaffnet vorwärtsstürmen und feindliche Trophäen zertreten, waren auf Kriegsdenkmalen zum Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 beliebte Motive [Lib14, Abb. 162–164, S. 219–221].

„Die Fahne als repräsentatives Symbol stammt aus der Kriegführung und diente in Zeiten ohne einheitliche Uniformierung zur Unterscheidung von Freund und Feind. Aber sie war stets mehr als ein reines Erkennungszeichen mit Signalwirkung. Mit ihr verband sich einerseits die Identifizierung mit der Eigengruppe, unter ihr sammelten sich die Kämpfenden, sie brachte Ordnung in das Chaos des Kampfes. Die aufwärts gerichtete, flatternde Fahne wurde Symbol für den kämpferischen Geist und Ruhm des Soldaten.“ Im modernen Krieg „erhielt die symbolische Bedeutung der Flagge stärkeres Gewicht.“ Im religiösen Kult bezog die Fahne aus der Dialektik „"von Sieg und Tod [...] ihre mythische Kraft. Erst mit der Säkularisierung im Zuge der Aufklärung wurde die Fahne zum politischen Symbol." [...] Die Fahne bezieht ihren Reiz besonders daraus, daß sie ein bewegliches Symbol darstellt; ihr Flattern gilt als Sinnbild für Lebendigkeit, Dynamik und Siegeszuversicht. [...] Im nationalsozialistischen Heldenkult standen die Fahnen in enger symbolischer Bedeutung zu den toten Helden“ [Beh96, S. 422–423, [Pau90, S. 171] zitierend].
Radolfzell NS-Kriegsdenkmal Eisernes Kreuz 2018-05-23 K. Hug Eisernes Kreuz: Blechlohn für Kriegsdienst

Die Spitze der Fahnenstange umfasst ein Eisernes Kreuz (aus Stein). Vom preußischen König Friedrich Wilhelm III. erstmals 1813 kurz vor der Einführung der allgemeinen Wehrpflicht gestiftet, war es „der erste militärische Orden, der nicht nur an Offiziere, sondern auch an einfache Soldaten verliehen“ wurde, um einen Anreiz für Wehrpflichtige zu schaffen, „das eigene Leben im Krieg aufs Spiel zu setzen“ (S. 44). König Wilhelm I. und Kaiser Wilhelm II. stifteten es 1870 bzw. 1914 neu, Hitler nutzte es 1939 mit einem Hakenkreuz im Zentrum als Kriegsauszeichnung, seit 1956 dient es der Bundeswehr als Erkennungszeichen und seit 2008 zum „Ehrenkreuz“ gewandelt als Tapferkeitsauszeichnung. Das Eiserne Kreuz steht „symbolisch für die Anerkennung der besonderen ›Vaterlandstreue‹ der gefallenen Soldaten“, die sie durch ihren Tod im Krieg bewiesen hätten, und erklärt sie zu „Vorbildern für die Nachwelt“ (S. 45). An der Spitze der NS-Kriegerfahne symbolisiert es den Kriegsmarsch der Soldaten als nacheifernswert. Fahne und Kreuz sollen als militärische Droge für trauerunfähige Bürger wirken.

Was stellt es dar?

„Denkmäler stehen nicht für die historische Wahrheit. Sie sind nicht Zeugnisse des erinnerten Geschehens. Vielmehr bezeugen sie die Perspektive, die der Betrachter auf das historische Ereignis haben soll. Ein Denkmal läßt daher zwar Rückschlüsse auf die Zeitumstände seiner Stiftung zu, nicht aber auf die Ereignisse, die seinen Anlaß lieferten“
([Lur85, Bd. 1, S. 378f] zit. nach Eisert-Hilbert).
Radolfzell NS-Kriegsdenkmal 2018-05-23 K. Hug Überlebensgroße Figur aus zwei Soldaten mit Gewehr und Fahne

Krieger Helden
Zierde der Stadt
Soldaten Mörder Maschinen
Schandfleck der Zivilisation
„Es stellt zwei schreitende Krieger dar, von denen der eine mit kraftvoller Gebärde die Fahne voranträgt, während ihm der andere mit dem zum Sturm gesenkten Gewehr in den Händen folgt. Entschlossen und mutig ist der Ausdruck der Gesichter, die als Symbol einer großen Zeit auch kommenden Geschlechtern künden sollen vom Heldenkampf einer Nation, die alles daransetzte, den Feind von der Heimat fernzuhalten. Die überlebensgroßen Figuren wirken ungemein wuchtig und lebendig.“
Konrad Gunst: Das neue Gefallenenehrenmal in Radolfzell a. B. [Gun38]

„Die Heldendenkmäler und Gedächtnishaine werden durch ein neues Geschlecht zu Wallfahrtsorten einer neuen Religion gestaltet werden, wo deutsche Herzen immer wieder neu geformt werden im Sinne eines neuen Mythus. Dann ist durch die Kunst erneut einmal die Welt überwunden worden. [...] Das kommende Geschlecht wird in einem Kriegerdenkmal des Weltkrieges ein heiliges Zeichen für das Märtyrertum eines neuen Glaubens erblicken.“ Die toten Soldaten könnten „die Stelle der Heiligen einnehmen“.
Alfred Rosenberg (1893–1946), NS-Ideologe, Hauptschuldiger der NS-Kriegsverbrechen: Der Mythus des 20. Jahrhunderts [Ros34, S. 450, 618]

„Die Anlage bildet später sicher eine Zierde der Stadt.“
Deutsche Bodensee-Zeitung (08.05.1937) zit. nach [Rad15, S. 41]

„Da gab es vier Jahre lang ganze Quadratmeilen Landes, auf denen war der Mord obligatorisch, während er eine halbe Stunde davon entfernt ebenso streng verboten war. Sagte ich: Mord? Natürlich Mord. Soldaten sind Mörder.“
Kurt Tucholsky (1890–1935) alias Ignaz Wrobel: Der bewachte Kriegsschauplatz Die Weltbühne, Nr. 31 (04.08.1931) S. 191, s. auch Soldaten sind Mörder

„Alles Denken ist ihnen verhaßt. Sie pfeifen auf den Menschen! Sie wollen Maschinen sein, Schrauben, Räder, Kolben, Riemen – doch noch lieber als Maschinen wären sie Munition: Bomben, Schrapnells, Granaten. Wie gerne würden sie krepieren auf irgendeinem Feld! Der Name auf einem Kriegerdenkmal ist der Traum ihrer Pubertät.“
Ödön von Horváth (1901–1938): Jugend ohne Gott (1937) Kap. 5

„Wenn einer mit Vergnügen in Reih und Glied zu einer Musik marschieren kann, dann verachte ich ihn schon; er hat sein großes Gehirn nur aus Irrtum bekommen, da für ihn das Rückenmark schon völlig genügen würde. Diesen Schandfleck der Zivilisation sollte man so schnell wie möglich zum Verschwinden bringen. Heldentum auf Kommando, sinnlose Gewalttat und die leidige Vaterländerei, wie glühend hasse ich sie, wie gemein und verächtlich erscheint mir der Krieg; ich möchte mich lieber in Stücke schlagen lassen, als mich an einem so elenden Tun beteiligen!“ (a)
„Töten im Krieg ist nach meiner Auffassung um nichts besser als gewöhnlicher Mord.“ (b)
Albert Einstein (1879–1955): (a) Wie ich die Welt sehe Living Philosophies, Bd. 13, New York (1931) (b) Zur Abschaffung der Kriegsgefahr Kaizo, Tokio (1952), in: Carl Seelig (Hg.): Albert Einstein. Mein Weltbild Ullstein, Frankfurt/M (1983) (a) S. 9, (b) S. 47

Was ist zu sehen?

„Das sind harte Soldaten im Sturmschritt mit Gewehr“ (Siegfried Lehmann, SK 29.10.2010). Voran zieht der Fahnenträger, dessen rechter Arm erhoben angewinkelt nie ermüdet, dicht gefolgt von seinem Kameraden mit dem geladenen Gewehr, bereit auf alles zu schießen, was ihnen in die Quere kommt. Ihr Blick ist starr geradeaus in die Ferne gerichtet, sodass sie nicht sehen, was sie unter ihren Stiefeln zertrampeln.

Durch ihre Einheitsgesichter, die so wenig individuelle Züge wie ihre ummantelten grobschlächtigen Körper tragen, erscheinen sie als mythische Retortenkrieger arisch-nordisch-germanischen Typs. Diese Gesichtsmasken drücken Emotion nur durch herunter gezogene Mundwinkel aus. Ihre Träger sind wie Roboter bereit, die programmierten Befehle ihres „Führers“ gehorsam und gewissenlos zu befolgen. Denn nicht nur ihr Körper, auch ihr Geist ist uniformiert.

Radolfzell NS-Kriegsdenkmal Köpfe 2018-05-23 K. Hug Industriell produzierte Robotermasken

„Wer seine eigene Individualität durchstreicht, dokumentiert damit seine Bereitschaft, rücksichtslos auch gegen andere vorzugehen“ [Loi87, S. 138] zit. nach [Beh96, S. 334].

Was ist nicht zu sehen?

Nicht zu sehen ist, was sie sehen: die Feinde, auf die sie gleich schießen werden. Nicht zu sehen ist, was sie zertrampelt haben und was hinter ihnen liegt: zerstörte Orte, blutgetränkte Erde, Verwundete, Tote.

Trauer um getötete Kameraden? Nicht die geringste Spur davon ist zu erkennen. Die Steinkrieger kennen nicht nur kein Trauergefühl, sondern ignorieren völlig die 17 Millionen Toten des Ersten Weltkriegs. Sie trauern nicht um ihre Mittäter, schon gar nicht um die Opfer ihrer Kriegshandlungen.

Erinnerung an Kriegsereignisse? Keine Spur davon. Die Steinkrieger sind zwar gegenständlich, aber nicht realistisch modelliert. Reale Soldaten des Ersten Weltkriegs sind es nicht, denn diese blieben tot, zerschossen auf den Schlachtfeldern liegen oder kamen verstümmelt, verkrüppelt, verletzt, ausgemergelt, erschöpft, zerlumpt, demoralisiert, traumatisiert, besiegt aus dem Krieg zurück. Die Steinsoldaten verleugnen ihre eigenen Kriegserlebnisse, um vor ahnungslosen Folgegenerationen als kampfbereite Helden zu posieren.

Mahnung zum Frieden? Nichts davon, im Gegenteil: Die Steinkrieger sehnen sich nicht nach Frieden, sondern verherrlichen den Krieg, in den sie immer wieder ziehen, weil sie nichts anderes können.

Sind es Deserteure? Gewiss nicht, denn ein Deserteur würde vielleicht mit einer Schusswaffe Verfolger abwehren, aber kaum mit flatternder Fahne abhauen.

Sind es Opfer des Kriegs? Sicher nicht, sie sind nicht einmal verletzt. Sie sind willige Täter auf Kriegsschauplätzen, bereit zu töten und zu zerstören.

Sind es Verantwortliche und Nutznießer des Kriegs? Nein, sie sind keine Masters of War, sondern Only a Pawn in Their Game (Bob Dylan, 1963, 1964).

Indem das Denkmal Antreiber, Gewinner und Opfer des Kriegs ignoriert, seine Ereignisse, Gräuel, Schrecken, Leid und Tod verschweigt, weder seine Toten beklagt noch zum Frieden mahnt, lässt es sich keiner der Kategorien „Trauerdenkmal“, „Opfermahnmal“, „Deserteurdenkmal“, „Erinnerungsdenkmal“, „Friedensmahnmal“ zuordnen. (Zu Denkmaltypen s. [EKBP14, S. 11–16].)

Wie wirkt es auf Betrachter?

Das fünf Meter hohe Denkmal dominiert den Platz schon durch seine Maße. Mit mehr als doppelter Lebensgröße auf einem meterhohen Sockel vorpreschend sollen die Steinkrieger Betrachter beeindrucken und einschüchtern: Die einen sollen ehrfürchtig erschaudern, die anderen angstvoll erzittern.

Imagine: Stell dir vor, du bist Nachfahr jüdischer Vorfahren von der Höri, die nach Gurs deportiert und ermordet wurden. Du willst als Tourist die Altstadt besuchen, kommst von der Konstanzer Straße zum Luisenplatz, bemerkst das Steinmal, erkennst Wehrmachtssoldaten, die auf dich zustürmen, Erinnerungen kommen hoch: die brennende Synagoge, die Großeltern, von SS-Schergen aus der Wohnung gezerrt, die Prügel, der Hunger, die Güterzüge, das Gas. Du stehst vor SS-Schergen in Wehrmachtsuniformen. Was denkst du jetzt über Radolfzell?

Was ist damit intendiert, was soll es vermitteln?

„Kriegerehrenmale [transportieren] – neben dem Ort der Trauer - Ideologien. Nicht die Getöteten, sondern die Überlebenden haben die Denkmäler für die Betrachter erbaut“ [pc14, S. 12].
Das Radolfzeller Kriegerdenkmal haben nicht „die Überlebenden“ erbaut, sondern überlebende Nazis, und es ist kein Ort der Trauer. Aber es transportiert Ideologien: „Militaristische Ästhetik“, „militaristische Bildsprache dieser Kriegerskulptur“, zwei „martialische Soldatenstatuen, die mutigen Schrittes, mit Gewehr in Bereitschaft und munter im Wind flatternder Fahne den Deutschen Vorbild beim Überfall auf ihre Nachbarländer sein sollten“ (LR 29.10.2010).

Mit den Ergebnissen des Ersten Weltkriegs unzufrieden, strickten nationalistische, militaristische, revanchistische, antidemokratische Kreise die Dolchstoßlegende, um vom eigenen Versagen abzulenken. Sie formten den Heldenkult, um den Tod der Soldaten, die ihr Leben für die Interessen der Kriegstreiber gegeben hatten, zu einem quasireligiösen Opfer fürs „Vaterland“ zu verbrämen. Wie die katholische Kirche den Opfermythos förderte, zeigt sich exemplarisch-typisch im Überlinger Münster, wo an einer Seitenkapellenwand unter einer Tafel mit Namen toter Soldaten des Ersten Weltkriegs diese (von Bürgermeister Dr. Heinrich Emerich verfasste) Inschrift den göttlichen Segen für den gerechten Krieg garantiert:

Überlingen Münster StNikolaus Kriegsdenkmal Inschrift 2018-08-16 K. Hug Christliche Kriegslyrik im Überlinger Münster St. Nikolaus

Direkt gegenüber der Namenstafel der „nicht umsonst gestorbenen tapferen Söhne“, aus deren „Opfertod einst des Vaterlandes Morgenrot steigen“ wird, liefert eine Pietà inmitten eines Altars die Interpretation: Der Opfertod Jesu erlöst die Menschen, der der krepierten Krieger das Vaterland. Schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde der Kriegstod mit Jesu Opfertod gleichgesetzt; danach „entwickelte sich die religiöse Verbrämung eines unansehnlichen, oft grauenhaften Soldatentodes zu einem nationalistischen Topos“ [Beh96, S. 75]. (Vgl. [pc14, S. 10–11], ausführlich [Beh96, S. 71–76].)

Überlingen Münster StNikolaus Pietà-Altar 2018-08-16 K. Hug Erlösung durch Opfertod: Pietà-Altar neben Kriegsdenkmal im Überlinger Münster St. Nikolaus

„In Festreden und Weihepredigten der 1920er Jahre“ stiegen tote Soldaten mitunter „selbst wieder aus ihren Gräbern, um eigenhändig Rache zu nehmen und den begonnenen Kampf zu einem siegreichen Ende zu bringen“ [Lib14, S. 116–117]. So konnten die Nazis nicht nur nahtlos an den Opfermythos anknüpfen, sondern den Totenkult zu einem Auferstehungsmythos jenseits jeglicher Trauermotive steigern. Im Horst-Wessel-Lied von 1929 marschierten erschossene Putschisten und Schläger im Geist in den Reihen der SA-Truppen mit. Am 10. Februar 1933 forderte der kurz zuvor installierte Reichskanzler Adolf Hitler (1889–1945) in seiner Wahlrede im Berliner Sportpalast:

„Diese zwei Millionen [tote deutsche Soldaten; die restlichen 15 Millionen Toten des Ersten Weltkriegs waren Hitler egal, K.H.], die sollen vor den Augen unserer Jugend sich wieder erheben als ewige Warner, als Forderer, als Zeugen des Opfers für die Nation. Wir wollen die Jugend erziehen zur Ehrfurcht vor unserem alten Heer, an das sie wieder denken soll, das sie wieder verehren soll, und in dem sie wieder die gewaltigste Kraftäusserung der deutschen Nation, das Sinnbild der grössten Leistung, die unser Volk je in der Geschichte vollbracht hat, sehen soll. Damit wird dieses Programm sein ein Programm der nationalen Wiedererhebung auf allen Gebieten des Lebens, unduldsam gegen jeden, der sich gegen die Nation versündigt“ [Sch34, S. 420], vgl. [Dom73, Bd. 1, S. 206].
Das „Gesetz für den Aufbau der Wehrmacht“ vom 16. März 1935 wurde als „Morgenröte des Auferstehungstages unseres Volkes“ gedeutet; Pastor Schmelzkopf verglich es am „Heldengedenktag“ 17. März 1935 „mit dem christlichen Auferstehungsfest“ [Lib14, S. 125]. Am „Heldengedenktag“ 12. Februar 1936 erklärte Hitler Horst Wessel (1907–1930) zum unsterblichen Märtyrer und fantasierte:
„Unsere Toten sind alle wieder lebend geworden. Sie marschieren nicht nur im Geiste, sondern lebendig mit uns mit“ [Dom73, Bd. 2, S. 575].
Die auf den Schlachtfeldern zerfetzten Reichswehrsoldaten suchen ihre zersplitterten Knochenreste zusammen, kriechen als Zombies aus ihren Massengräbern hervor, auferstehen, unverletzt, quicklebendig, greifen ihre Gewehre und Handgranaten, mutieren zu Wehrmachtssoldaten und marschieren als Propagandisten des Kriegs, dessen Sieg der „Führer“ hochheilig beschwört, von einem Kriegerdenkmal des „Tausendjährigen Reichs“ zum nächsten.

„Schaut auf uns!“ sprechen sie zu den Alten, „Wir sind nicht sinnlos gestorben, wir sind nicht einmal tot, wir sind unbesiegt und unbesiegbar!“ „Schaut auf uns!“ locken sie die Jungen, „Wir marschieren für den Sieg. Kommt mit uns, macht mit, seid keine Feiglinge, seid Helden wie wir!“ „Schaut auf uns!“ brüllen sie ihre Gegner an, „Wir sind wieder da! Verschwindet oder wir jagen euch davon!“

Den Auferstehungsmythos ließen die Nazis in Stein meißeln – in kaum steigerbarer Deutlichkeit 1939 am NS-Kriegsdenkmal am Reeser Platz in Düsseldorf, wo an einer Reliefwand tote Soldaten des Ersten Weltkriegs aus ihrer Gruft auferstehen und bewaffnet in Reih und Glied mit ungebrochenem Kampfwillen in den Zweiten Weltkrieg marschieren. In die Inschrift dazu meißelten die Nazis die Namen eroberter Städte in Ost und West. [DISS12, S. 27–29]

Sabine Behrenbecks Der Kult um die toten Helden bietet eine Fülle an Informationen über Heldenkult und Opfermythos. Zu psychosozialen Ursachen des Auferstehungsmythos siehe [Beh96, S. 156–159].

Fazit: Das Radolfzeller NS-Kriegsdenkmal übernimmt nicht nur den in der Weimarer Republik von militaristischen Verbänden gepflegten Krieger- und Heldenkult, es verherrlicht nicht nur den vergangenen Krieg als Bewährungsfeld für preußisch-obrigkeitsstaatliche Soldatentugenden, sondern es propagiert den künftigen Krieg als Erlösung von dem „Versailler Schandverdikt“ und der „jüdisch-kapitalistisch-bolschewistischen Verschwörung“. Der Steinklotz ist ein nationalistisches, militaristisches, revanchistisches Kriegspropagandamonument, ein Monstrum chauvinistischer Großmachtvisionen und nazistischer Kriegshetze, ein Werkzeug der allgemeinen Mobilmachung. In seiner arisch-rassistischen Dimension äußert sich antisemitischer Wahn. Seine Monumentalität drückt den totalitären Machtanspruch und realen Terror des Naziregimes aus. Somit lässt es sich den Denkmalkategorien „Kriegerkult“, „Heldenkult“, „Kriegsverherrlichung“, „Kriegspropaganda“ zuordnen.

„Die Hitlerregierung, von den Rüstungsinteressenten an die Macht gebracht – von jenen Rüstungsmagnaten, welche die Nazibewegung finanzierten – macht rasende Anstrengungen, die Kriegsindustrien auf Kriegshöhe zu entwickeln und die Bevölkerung, besonders die Jugend auf Kriegsbereitschaft zu mobilisieren“ [Sch34, Vorwort S. 9].

„Von der Verherrlichung des Krieges zur Hetze gegen den Feind von gestern oder morgen ist nur ein Schritt“ [Sch34, S. 460].

„Die geistige Kriegführung geht dem Waffengang voraus, bereitet ihn vor“ [Sch39, S.94].

Wie heißt es?

„Wer die Dinge benennt, beherrscht sie. Definitionen schaffen "Realitäten". Wer definiert, greift aus der Fülle möglicher Aspekte einen heraus, natürlich denjenigen, der ihm wichtig erscheint.“
Martin Greiffenhagen (1928–2004), Politologe: Kampf um Wörter? Politische Begriffe im Meinungsstreit Hanser, München (1980) zit. nach bpb.de
„Denkmale“ heißen auch „Denkmäler“. Das Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg nennt „Denkmäler“ „Denkmale“ und das Denkmal am Radolfzeller Luisenplatz „Gefallenendenkmal“. Auch offizielle Radolfzeller Erinnerungskulturarbeiter scheinen diese Bezeichnung zu favorisieren.

Radolfzell NS-Kriegsdenkmal 2018-05-23 K. Hug Gedenken an „Gefallene“: Auferstandene Zombiesoldaten marschieren in den nächsten Krieg.

Welche Bezeichnungen hat es erhalten?

Je nach Sichtweise ohne oder mit Anführungszeichen:
  • Zur NS-Zeit: Denkmal, Ehrenmal für die Gefallenen des Weltkriegs, Erinnerungsstätte an die Toten des Ersten Weltkriegs, Gefallenenehrenmal, Kriegerehrenmal, Symbol einer großen Zeit, Zeuge einer großen Zeit, Zierde der Stadt.
  • Von der Neonazipartei „Der III. Weg: Ehrenmal, Erbe unserer Väter, Heldengedenkstätte, Heldenstein, Kriegerdenkmal, Soldatendenkmal, Stätte des Dankes an die schaffenden Ahnen.
  • Sonst: ambivalentes Symbol einer verlängerten „Stunde Null“, Anlaufstelle für rechtsradikal Gesinnte, anrüchiges NS-Soldatendenkmal, Anziehungspunkt für Nazis, Aufmarschfeld für Nazis, Betonsoldaten, Denkmal, drei Meter hohe Wehrmachtssoldatenstatue aus dem Jahre 1938, Ehrenmal, Erinnerung, Erinnerung an Kriegsverbrechen und die Opfer des Kriegs, Erinnerungsstätte, faschistisch anmutendes Kriegerdenkmal, Figur, Figuren, fragwürdiges Denkmal, furchtbar martialisches Mahnmal, Gedenkort, Gedenkstätte, Gedenkstätte für Rechtsradikale, Gedenkstätte für rechtsradikale Menschen, Gedenkstein, Gefallenendenkmal, Gefallenengedenkstätte, Gefallenenmahnmal, Geschichtsunterricht zum Nationalsozialismus, grimmige Gestalten, große Wehrmachtssoldatenstatue, imposantes Kriegerdenkmal, in sich stimmige Komposition der Einzelteile, in Stein gemeißeltes Zeugnis der Zeitgeschichte, kein Mahnmal, klobiges Kriegerdenkmal, kontrovers diskutiertes Denkmal, Kriegerburschen, Kriegerehrenmal, Kriegerdenkmal, Kriegerskulptur, Kriegerstatue, Kriegsdenkmal, Kriegskultmal, Kriegspropagandaobjekt, Kristallisationspunkt von Rechtsradikalen, Kristallisierungspunkt für radikale Gruppen, Kultort, Kultort für rechtsradikale Aktionen, Kultort neonazistischer Gruppierungen, Kultplatz von Rechten, Kultstätte, Kultstätte für Rechte, Kulturdenkmal, Mahnmal, Mahnmal der Erinnerung, der Trauer und der Hoffnung, Mahnmal für den Frieden, Mahnmal für Frieden und Freiheit, Mahnung, martialisch anmutende Soldaten, martialisch militärischer Ort, martialisch wirkende Figurengruppe von zwei Wehrmachtssoldaten, martialische Soldatenstatue, martialisches Denkmal, martialisches Kriegerdenkmal, martialisches Monument, martialisches Nazi-Denkmal, martialisches Wehrmachtsdenkmal, militaristisches von den Nazis errichtetes Kriegerdenkmal, Monument, monumentale Helden, monumentales Denkmal, Nazi-Denkmal, Nazi-Monument, Nazi-Schund, NS-Denkmal, NS-Ehrenmal, NS-Heldendenkmal, NS-Kriegerdenkmal, NS-Kultort, NS-Relikt, NS-Täter verherrlichendes Denkmal, Ort der Erinnerung, Ort des Erinnerns und Gedenkens, Ort des Gedenkens, Plastik der marschierenden Soldaten, Platz ohne Besinnung und Erinnerung, problembezogener Platz, Relikt, Schauplatz politischer Provokation, Skulptur der NS-Zeit, Soldaten, Soldatendenkmal, Soldatenfiguren, Soldaten-Skulptur, Soldaten-Statue, Spiegel des politischen und gesellschaftlichen Denkens, SS-Ehrenmal, Statue, Statue zweier bewaffneter Soldaten, Stein des Anstoßes, Steinfiguren, steingewordenes Symbol für NS-Verbrechen, Steinsoldaten, Symbol der menschenverachtenden Nazi-Ideologie, Symbol der Nationalsozialisten, übergroße Wehrmachtssoldaten, umstrittenes Kriegerdenkmal, unbequemes Denkmal, ungeeignetes Soldatenstandbild, unsägliches Kriegerdenkmal, unsägliches Monument, unverzichtbarer Ort der Erinnerung an im Krieg zu Tode gekommene Söhne und Väter, Versammlungsort rechtsorientierter Gruppierungen, vom Friedensgedanken getragener Ort, von den Nazis für ihre Zwecke genutztes Kriegerdenkmal, von der Radolfzeller Waffen-SS geweihtes „Ehrenmal“, von der Waffen-SS geweihtes Kriegerdenkmal, Wallfahrtsort für Neonazis, Wallfahrtsort und Identifikationssymbol für Rechtsextreme unterschiedlicher Couleur, Wehrmachtdenkmal, Werbemittel des Systems, würdige Stätte des Gedenkens, Trauerns und Hoffens, Zeitdokument, Zeitgeschichte bezeugendes Kulturdenkmal, zwei Figuren, zwei Soldatenfiguren mit Helm, Fahne und Gewehr.
  • Zudem: Anschauungsmaterial zur Auseinandersetzung mit der NS-Zeit, antipazifistisches Symbol, Aufmarsch- und Sammelplatz für nazistische, völkische, militaristische Gruppen, bestens gepflegtes kulturelles Erbstück, brutalistische Soldatenskulptur, Heldenkoloss, Heldenkultmal, in Stein gemeißeltes Zeugnis der Macht und Brutalität des Naziregimes, Koloss, Kriegermal, Kriegerstein, Kriegsmal, Kriegspropagandamonster, Kultmal, Kultobjekt, Kultstätte rechtsextremer Umtriebe, Magnet für rechtsextreme Umtriebe und militaristische Kulte, Magnet rechtsextremer Umtriebe, martialische Soldatenskulptur, militaristischer Propagandaschund, Monster nazistischer Kriegspropaganda und antisemitischen Wahns, Monstermonument, Monstersteinklotz, Monstrum, Monstrum chauvinistischer Großmachtvisionen und nazistischer Kriegshetze, Monument antisemitischen Wahns, Monument nazistischer Kriegspropaganda, nationalistisches, militaristisches, revanchistisches Kriegspropagandamonument, Nazi-Monster, Nazi-Objekt, Nazi-Steinklotz, nazistischer Wallfahrtsort und Sammelplatz, neonazistisches Kultobjekt, NS-Erinnerungsmal, NS-Heldenkultmal, NS-Heldenkultstätte, NS-Heldenmal, NS-Heldenplatz, NS-Krieger, NS-Kriegerheldensymbol, NS-Kriegermal, NS-Kriegerrelikt, NS-Kriegerstein, NS-Kriegsmal, NS-Kriegspropagandaobjekt, NS-Kriegspropagandarelikt, NS-Kriegspropagandisten, NS-Kultmal, NS-Mal, NS-Monster, NS-Monstrum, NS-Monument, NS-Objekt, NS-Rachemal, NS-Schund, NS-Soldaten, NS-Steinklotz, NS-Stück, öffentliches Kulturgut, Propagandamittel für den geplanten Krieg, Propagandasoldaten, Rachemal, Relikt der NS-Zeit, Skulptur, Soldatenstein, Spiegel der militaristischen, aggressiven NS-Ideologie, steingemeißelter Wahn, Steinklotz, Steinkrieger, Steinmal, Symbol des Kalten Kriegs, Teil der Radolfzeller NS-Geschichte, Treffpunkt reaktionärer Umtriebe, Unkulturdenkmal, Werkzeug der allgemeinen Mobilmachung, Zelebrationsort für den Volkstrauertag, „Zeuge“ von Koeppens „großer Zeit“ des SS-Terrors, der Verfolgungen, Besetzungen, Überfälle, Kriege, Vernichtungsfeldzüge, „Zeuge“ von Radolfzells „großer Zeit“ als eine von acht SS-Garnisonsstädten im „1000-jährigen Reich“.
Ohne Vollständigkeit zu beanspruchen zeigt die Liste, wie breit das Spektrum der Bezeichnungen – und Meinungen – ist.

Soll man es „Gefallenendenkmal“ nennen?

„Das Wort ['fallen' ist] im 20. Jahrhundert nur noch als eine euphemistische Formulierung zu verstehen, die das verschleiern soll, was heute im Kriege passiert: Soldaten werden 'niedergeschossen, niedergewalzt, zerfetzt' [...] Mit der Formulierung 'Gefallene' wird wieder eine Erhöhung zum Helden bewirkt“ [Sch99, S. 65].

„Bei der Verwendung auf Denkmälern nach dem Ersten Weltkrieg ist [...] anzunehmen, dass das Wort »Gefallener« dazu dienen sollte, über die Realität des Sterbens in den Materialschlachten hinwegzutäuschen“
[Kli06, S. 92].

Als sich der Kulturausschuss des Radolfzeller Gemeinderats auf seiner Sitzung am 15.05.2018 mit der Beschlussvorlage „Prüfaufträge für Neugestaltung des Luisenplatzes“ befasst, soll „Zusätzliche Information zur Begrifflichkeit von "Gefallenendenkmal" und "Kriegerdenkmal"“ klären helfen, wie man das Objekt nennen soll. Argumente stehen sich gegenüber:
Pro „Gefallenendenkmal“ Kontra „Gefallenendenkmal“
Widmungsargument: „Das Denkmal“ sei „offiziell den Gefallenen des Ersten Weltkriegs gewidmet“, deshalb sei es ein Gefallenendenkmal. Richtig: Der erste Kommandant der Radolfzeller SS-Kaserne, SS-Obersturmbannführer Koeppen, weihte das Denkmal am Horst-Wessel-Platz im Mai 1938 als „Ehrenmal für die Gefallenen des Weltkriegs“, die die Sockelinschrift „gefallene Helden“ nennt. Der Logik der Widmung und der eines Ministerpräsidenten und früheren NS-Richters – „Was damals Rechtens war, kann heute nicht Unrecht sein!“ – folgend, können wir das Denkmal auch „Ehrenmal“ oder „Heldendenkmal“ nennen. Welcher Propaganda sind wir aufgesessen, in welcher Ideologie befangen?

Zu erinnern ist daran, dass das NS-Objekt 1938–1945 offiziell auch den „Toten der NS-Bewegung im Gau Baden“ gewidmet war, also „Kämpfern“ paramilitärischer Gruppen, die bei Saalschlachten, Straßenschlägereien, Putschversuchen, Terroraktionen u.Ä. umkamen und von den Nazis als „Gefallene“ geadelt wurden. Dass diese Widmung 1945 verschwand, sollte für Erinnerungskulturarbeit nach dem Motto „Erklären statt Verschweigen, Verdrängen, Vergessen“ (Tracik 16./17.05.2018) kein Grund sein, sie zu verschleiern, sondern Anlass, darüber aufzuklären.

Tafelargument: „Ein Gefallenendenkmal“ erinnere „an die Gefallenen und Vermissten eines Krieges“. Da neben dem Denkmal „Tafeln zu den Gefallenen und Vermissten“ hängen, sei es ein Gefallenendenkmal. Diese arg formalistische Definition ignoriert das Denkmal: Entfernt man die Tafeln, so verliert es die Bedeutung „Gefallenendenkmal“.

Auf den Tafeln stehen die Namen von 102 Waffen-SS-Angehörigen, Tätern, Kriegsverbrechern. Ist das Denkmal demnach ein „Waffen-SS-Denkmal“, „Täterdenkmal“, „Kriegsverbrecherdenkmal“? Über den Tafeln steht „RADOLFZELL GEDENKT DER OPFER DER GEWALTHERRSCHAFT UND DER TOTEN ALLER KRIEGE“. Ist das Denkmal demnach ein „Opferdenkmal“, „Totendenkmal“? Oder verheddert man sich mit formalistischen Widmungsdefinitionen in unauflösbare Widersprüche?

Siegargument: „Ein Kriegerdenkmal erinnere an siegreiche Kriege und nenne viele Soldaten sowie nur wenige Gefallene.“ Deshalb sei es kein Kriegerdenkmal. Obwohl es bisher in vielen offiziellen Texten der Stadt so hieß. Auch das formalistische Gegenstück zur obigen Definition von „Gefallenendenkmal“ ignoriert das im Denkmal Dargestellte. Es ermöglicht die Behauptung, in Deutschland gebe es nach den Weltkriegen keine Kriegerdenkmale. Das NS-Kriegerdenkmal erinnert an den Krieg, dessen Sieg die Nazis planten. Siegreich war er für die Alliierten, zu unserem Glück.

Das Sieg- mit dem Tafelargument kombiniert ergibt, da neben dem Denkmal Namenstafeln der zu 96 % überlebenden Teilnehmer des siegreichen 1870/71er Kriegs hängen, dass es doch ein Kriegerdenkmal ist.

Dass Denkmale zu den Weltkriegen nur „Gefallene“ auflisten, ist pragmatisch begründet: Die Namenslisten waren so lang, dass man sie schwer unterbrachte. „Für die überlebenden Kriegsteilnehmer war kein Platz mehr“ [Kli06, S. 86].

? „Gefallenendenkmal“ ist ein doppelter Euphemismus: Erstens, weil das Denkmal keine „Gefallenen“ darstellt. Zweitens ist „Gefallener“ ein Euphemismus. Die deutsche Sprache kennt viele Wörter für „gestorben“: entschlafen, hingeschieden, umgekommen, abgekratzt, verreckt, krepiert, getötet, umgebracht, gehängt, geköpft, erstochen, erschossen, ermordet, vergast, vernichtet, eliminiert, liquidiert. Ein „Gefallener“ ist nicht hin- oder umgefallen, er wurde durch Kriegshandlungen umgebracht. Wer Euphemismen einsetzt, will etwas verniedlichen, verschleiern, vernebeln: Sondermüll, Entsorgungspark, Ankerzentrum, Endlösung. Wer sich um Aufklärung bemüht, vermeidet Euphemismen: Giftmüll, Müllkippe, Abschiebelager, Völkermord.
Fazit: „Gefallenendenkmal“ ist eine schönfärberische Bezeichnung für das NS-Kriegspropagandaobjekt, die nicht zu seriöser Erinnerungskultur passt.

Bezeichnung nach dem Dargestellten statt nach der Widmung

Der optische Eindruck eines fünf Meter hohen Steinklotzes wirkt direkt auf das Gefühl und dominiert das Verstehen von Widmungsdefinitionen und Texten, die kulturell vermittelt den Verstand ansprechen. Deshalb muss vom tatsächlich Dargestellten, nicht von willkürlichen Widmungen ausgehen, wer eine schlüssige Bezeichnung anstrebt. Wer statt der Namenstafeln das Denkmal betrachtet, erkennt keine „Gefallenen“, sondern zwei marschierende, also lebende Krieger, Soldaten, Reichswehr-, Wehrmachtssoldaten. Deshalb ist „Soldatendenkmal“ eine passende Bezeichnung. Da die Soldaten unverletzt, befahnt und schießbereit vorwärts schreiten, ist ein In-den-Krieg-Ziehen dargestellt. Deshalb passt „Kriegerdenkmal“ besser. Da es zur NS-Zeit geschaffen wurde, passt „NS-Kriegerdenkmal“ noch besser.

Bezeichnung nach den Intentionen der Auftraggeber

„Denkmäler sagen meistens sehr wenig aus über das, wofür sie stehen, oder über die, deren Namen auf ihnen verewigt sind – viel aber sagen sie aus über die Menschen, die sie erdacht / geplant / entworfen / gestaltet / finanziert haben, und über die Menschen, die die Denkmäler seit der Errrichtung in regelmäßigen rituellen Handlungen pflegen und damit den ‚Sinn‘, den die Errichtenden dem Denkmal geben wollten, zu aktualisieren versuchen“ [Sch99, S. 63].
Kriegerdenkmale beziehen sich auf vergangene Ereignisse, kommentieren und interpretieren sie „und entwickeln daraus Botschaften für Gegenwart und Zukunft“. Deshalb seien sie „immer als politische Stellungnahmen derjenigen zu verstehen, die sie errichteten, also der Denkmalsstifter. Sie richten sich häufig nach außen, gegen die militärischen Gegner, aber stets auch nach innen, an die eigenen Mitbürger“ [Kli06, S. 10]. Was Kerstin Klingel allgemein formuliert, konkretisieren die Duisburger Forscher:
„Kriegsdenkmäler geben die Intentionen der jeweiligen Stifter wieder und nicht die der angeblich Geehrten und deren Hinterbliebenen. Häufig geht es dabei um Heldenverehrung und nicht um die Trauer um die Toten. Die Denkmäler weisen in die Zukunft: Zukünftige Generationen hätten die Pflicht, eines Tages ebenfalls für’s Vaterland zu sterben. [...] Die allermeisten dieser Denkmäler ehren nicht die toten Krieger, sondern den Krieg“ [DISS12, S. 9–10].
Dies trifft auch auf das Radolfzeller Denkmal zu: Nach den Intentionen der NS-Auftraggeber sollte es den Krieger- und Heldenkult stärken, den vergangenen Krieg verherrlichen und den künftigen Krieg propagieren. Deshalb passt die Bezeichnung „NS-Kriegsdenkmal“ noch besser als „NS-Kriegerdenkmal“.

Ist es ein „Mahnmal für den Frieden“?

Wo man über ein Kriegsdenkmal debattiert, werden auch Ansichten geäußert wie, es erinnere an Kriegsopfer und Kriegsverbrechen, man solle es als Mahnmal gegen den Krieg und völkisch-rassistisches Denken lesen, es biete eine Chance, über eine friedliche Zukunft zu sprechen, es handle sich um ein Mahnmal für Frieden und Freiheit, ja das ganze Ensemble sei ein vom Friedensgedanken getragener Ort.

Bei einem NS-Kriegspropagandaobjekt mögen solche Interpretationen gut gemeint sein, beruhen aber nicht auf Fakten, sondern auf Wunschträumen. Es sind Versuche, das Kriegsdenkmal für friedenspolitische Zwecke zu instrumentalisieren, die den urprünglichen kriegsverherrlichenden Zwecken diametral entgegenstehen. Unklar ist, ob solche Versuche – vielleicht ungewollt – historische Fakten zum Denkmal verschleiern und so eher zu Verdrängung als zu Aufklärung beitragen. Ob mit kontrafaktischen Instrumentalisierungsansätzen friedenspolitische Ziele erreicht werden können, erscheint fraglich.

Dass das NS-Relikt kein Friedensmahnmal sein kann, bedeutet nicht, dass es nie zu etwas mahnte. In der Tat ermahnte es 1938–1945 die Bürger, sich dem Naziregime zu fügen und die Jungmannen, sich besinnungslos in den Krieg führen zu lassen.

Ist es ein Denkmal, ein Erinnerungsmal?

Als Kriegspropagandaobjekt zielt es auf den Bauch, nicht auf den Kopf. Es soll Feindbilder bestätigen, Rachegelüste verstärken, Hassgefühle anstacheln, militärische Überlegenheit suggerieren, aber nicht zum Denken anregen. Dies rechtfertigt, es abweichend vom üblichen Sprachgebrauch auch schlicht „Mal“ statt „Denkmal“ zu nennen: Kriegermal, Kriegsmal, NS-Kriegermal, NS-Kriegsmal.

Woran erinnert es? Nicht an Ereignisse und Ergebnisse des Ersten Weltkriegs, aber an die Vorbereitung des Zweiten Weltkriegs. Somit ist es ein Erinnerungsmal für die NS-Zeit, ein NS-Erinnerungsmal.

Was ist es zudem?

Forschungsarbeiten fördern neue Aspekte zutage. Nach Sabine Behrenbecks Der Kult um die toten Helden [Beh96] ist es ein Heldenkultmal, Kultmal, NS-Heldenkultmal, NS-Kultmal, nach Loretana de Liberos Rache und Triumph [Lib14] ein Rachemal, NS-Rachemal.

Zubehör

  1. Der Name Luisenplatz entstand 1906 durch Widmung an Prinzessin Luise von Preußen (1838–1923), seit 1856 durch Heirat mit dem badischen Großherzog Friedrich I. Großherzogin Luise von Baden. Die „Sozialpolitikerin“, „Wohltäterin der badischen Heimat“, „Mutter des Roten Kreuzes“ gründete 1859 den ersten Badischen Frauenverein, Vorläufer der Rotkreuz-Schwesternschaft, protegierte ein Netz von Hilfseinrichtungen in Baden, lebte nach dem Sturz der Monarchie im November 1918 und der Flucht aus der Residenz Karlsruhe zeitweilig im Schloss Langenstein und auf der Insel Mainau. (Wikipedia: Luise von Preußen (1838–1923); Institut für Frauen-Biographieforschung, fembio e.V.: Luise Großherzogin von Baden)

    Zur NS-Zeit wurde der Platz ab 1934 Horst-Wessel-Platz genannt, ab 1936 zur „Heldengedenkstätte“ umgestaltet und ab 1938 für kriegsverherrlichende Zeremonien genutzt. Danach blieben alle NS-Artefakte bis auf Hakenkreuz, Reichsadler und Gedenktafel für die Toten der NS-Bewegung auf dem Platz, nur der Name von 1906 wurde rezykliert.

Radolfzell Luisenplatz Bushaltestelle 2018-09-11 K. Hug Luisenplatz heißt eine Bushaltestelle. 4 6/8 bezeichnet weder Geburts- und Todesjahr der verehrten Großherzogin noch die Telefonnummer des von ihr geförderten Roten Kreuzes. Straßenschilder „Luisenplatz“ (ohne Erläuterungen) stehen 80 und 120 Meter die Straße auf- bzw. abwärts (wo keine Plätze sind), um das 200 Meter lange Straßenstück zwischen Konstanzer Straße und Scheffelstraße zu bezeichnen.
  1. Den Platz ziert die über 100-jährige Platane mit dem Naturdenkmal-Dreieck.
Radolfzell Luisenplatz Platane 2018-09-11 K. Hug Lebendiger Zeuge der Geschichte

Radolfzell Luisenplatz Platane Naturdenkmal 2018-09-11 K. Hug Namenlos kategorisiert

  1. Die Umfassungsmauern, zwei Pylonen mit Feuerschalen, Treppen und Wände aus Hegauer/Randegger Muschelkalk wurden 1936–1938 nach NS-Plänen geschaffen. Von den ursprünglich drei Stufen zur Tafelwand sind zwei erhalten geblieben, die Zugangstreppe von der Fürstenbergstraße wurde durch Betonstufen ersetzt, die Feuerschale auf dem östlichen Pylon ist verschwunden. Die Feuerschale stand „nach dem Ersten Weltkrieg und zur Zeit des Nationalsozialismus für das neue Reich“ [Kli06, S. 80].
Radolfzell Luisenplatz westlicher Pylon mit Feuerschale 2018-09-11 K. Hug Westlicher Pylon mit Feuerschale: Antikisierendes Symbol des NS-Heldenkults

Radolfzell Luisenplatz Feuerschale 2018-09-11 K. Hug Wo einst loderne Flammen Jungmannen animierten, ihr Leben dem „Führer“ zu schenken, warnt die Schachtel: „Rauchen ist tödlich – Rauchen verursacht Mund-, Rachen- und Kehlkopfkrebs“.

  1. Vom Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 blieben zwei Bronze- oder Kupferplatten mit den Namen von 31 Kriegsteilnehmern, davon 30 Überlebenden, 21 Kombattanten (Angehörige der Streitkräfte mit Kampfauftrag) und 10 Nichtkombattanten. Die 1969 an der Ostseite der Tafelwand angebrachten Platten sind Relikte des 1899 auf dem Marktplatz errichteten Kriegerdenkmals. Die Nazis versetzten es 1939 in den Stadtgarten, schmolzen 1943 seine Bronzefigur eines jungen sterbenden Soldaten ein und bauten den Obelisken bald darauf ab. Die Denkmalreste wurden 1962 beseitigt. [BlH17, S. 94, 96, 117]
Radolfzell NS-Kriegsdenkmal Kupfer-Schriftplatten 1870/71 2018-09-11 K. Hug Den 1870/71er Krieg überlebten 30 von 31 Kriegsteilnehmern.
  1. Zum Ersten Weltkrieg 1914–1918 listen seit 1958 drei Bronzetafeln (im Stil der Tafeln für 1939–1945) an der breiten Wand die Namen von 229 gefallenen Reichswehrsoldaten, als man die im NS-Jahr 1938 installierten sieben Steintafeln ersetzte. (Wo sind die Steintafeln geblieben?)
  2. Daneben listen seit 1958 vier Bronzetafeln zum Zweiten Weltkrieg 1939–1945 die Namen von 459 toten und vermissten Wehrmachtssoldaten sowie von 102 Waffen-SS-Angehörigen, die 1937–1939 in Radolfzell stationiert, polizeilich gemeldet oder verheiratet waren. Die Auswahl der Namen traf Konrad Dombrowski (1896–1985), einst Mitglied der NSDAP, Hauptmann der Wehrmacht, Rektor in Heilsberg, Ostpreußen (heute Lidzbark Warminski, Polen), später Oberlehrer an der gartenbaulichen Berufsschule in Radolfzell, stellvertretender Bezirksgärtnermeister, unabhängiger Stadtrat und Vorsitzender des Denkmalausschusses für die „Ehrenmal“-Gestaltung.
    Jeder genannte Soldat hat im statistischen Mittel 7–8 ungenannte Menschen getötet, bevor er selbst getötet wurde. Also fielen den 661 Wehrmachts- und SS-Tätern statistisch rund 5.000 Menschen zum Opfer, deren Namen niemand kennt. (Zahlenbasis in Wikipedia)
Auf den sieben Tafeln reihen sich die Namen von Tätern deutscher Aggressions- und Vernichtungskriege unterschiedslos, ob sie für das Kaiserreich, das Naziregime oder eine Verbrecherorganisation Krieg führten. Wieviele Menschen jeder einzelne umbrachte, bevor er selbst umkam, weiß niemand. Die alphabetischen Sortierungen ohne Todesdaten informieren nicht darüber, wie die Kriegsverläufe die Totenraten beeinflussten. Das Weglassen militärischer Dienstgrade verschleiert die SS-Mitgliedschaft.

Radolfzell NS-Kriegsdenkmal Tafelwand 2018-09-11 K. Hug Tätertafelwand: 102 SS-Angehörige unter 790 in den Weltkriegen umgekommenen Soldaten, deren Namen auf sieben Tafeln stehen, umrankelt von Immergrün aus einem Beet, das seit 1958 die obersten Stufenplatten ersetzt.

  1. Am östlichen Wandende zeigt die 1958 installierte Bronze-Relieftafel der Heimatvertriebenen – von Ex-NS-Dombrowski entworfen, Maria mit Jesuskind zitierend, vom Stuttgarter Bildhauer Erich Glauer (1903–1987) ausgeführt – eine Mutter mit Kind zwischen Sonnenaufgang, Kreuzen, Ruinen und dem Text
    „OB KIND DIESER STADT OB HEIMATVERTRIEBEN
    OB IM FELD AUF DER FLUCHT IN DER HEIMAT GEFALLEN
    OB MANN FRAU ODER KIND VERGESSET SIE NIE“.
    Die auch als Vertriebenendenkmal, Ostland-Gedenkplatte bezeichnete Tafel dehnt die Bezeichnung „Gefallene“ auf getötete Zivilisten, vermeidet jeden Bezug auf das Naziregime und seine Verbrechen und appelliert stattdessen an Gefühle für Heimat und Familie.
Radolfzell NS-Kriegsdenkmal Bronze-Relieftafel 2018-05-23 K. Hug Christliche Symbolik zwecks verstockter Verdrängung des NS-Angriffskriegs, schamloser Protektion von SS-Mitgliedern und revanchistischer Ostlandreiterei
  1. Die Stadt platzierte 2001 einige Meter vor den NS-Kriegern die transparente Textstele mit dem Satz:
    „Als dieses Denkmal 1938 aufgestellt wurde, waren die Planungen für den nächsten Krieg und den Holocaust schon weit fortgeschritten. Millionen Männer, Frauen und Kinder wurden Opfer der nationalsozialistischen Unmenschlichkeit.

    Stadt Radolfzell am Bodensee Volkstrauertag 2001“

Radolfzell NS-Kriegsdenkmal Textstele+NS-Kriegsdenkmal 2018-09-11 K. Hug Sie scheinen durch.
  1. Im November 2011 erhielten die Tätertafeln die Überschrift in Metall-Lettern:
    „RADOLFZELL GEDENKT DER OPFER DER GEWALTHERRSCHAFT UND DER TOTEN ALLER KRIEGE“.
    Der Bezug auf Tote in aller Welt lenkt ab von den Opfern, die die Täter auf den Tafeln und die Regime, denen sie dienten, zu verantworten haben. Namentlich erwähnt das Denkmalensemble nur deutsche Soldaten aus drei Kriegen, aber weder Opfer noch Tote anderer Nationalitäten und Kriege.
  2. Am 100. Jahrestag des Beginns des Ersten Weltkriegs, dem 1. August 2014, präsentierte die Stadt die fünf Glas-Informationstafeln zur Entstehung des NS-Kriegsdenkmals, die westlich dahinter vor einer efeuberankten Mauer stehen. Der Radolfzeller Künstler Markus Daum gestaltete die Tafeln. Die von Mitgliedern des städtischen Arbeitskreises Erinnerungskultur (Achim Fenner, Norbert Lumbe, Christof Stadler, Markus Wolter) verfassten Texte sind informativ und verständlich, aber optisch fast unleserlich, weil das Glas spiegelt und der Hintergrund unruhig ist. Die Tafeln enthalten keine Hinweise auf den Grund und das Datum ihrer Aufstellung, die dem Leser die historische Einordnung erleichtern könnten.
Radolfzell NS-Kriegsdenkmal Infotafeln 2018-09-11 K. Hug Es scheint durch.

Radolfzell NS-Kriegsdenkmal Infotafel 1 2018-05-23 K. Hug Infotafel 1: »Wann wird man je verstehn?« zum Vergrößern anklicken!

Radolfzell NS-Kriegsdenkmal Infotafel 2 2018-05-23 K. Hug Infotafel 2 mit Fotos zum Vergrößern anklicken!

Radolfzell NS-Kriegsdenkmal Infotafeln 3+4 2018-05-23 K. Hug Infotafel 3: Erinnerung an »gefallene Helden« der Stadt Radolfzell, Infotafel 4: »Die gefallenen Söhne der Stadt« – Die Umgestaltung und die Namenstafeln von 1958 zum Vergrößern anklicken!

Radolfzell NS-Kriegsdenkmal Infotafel 5 2018-05-23 K. Hug Infotafel 5: »Wer vor der Vergangenheit die Augen schließt, wird blind für die Gegenwart.« R. v. WEIZSÄCKER zum Vergrößern anklicken! Wer vor diesen Glastafeln die Augen öffnet, wird blind von dem Geflimmer.

Für eine leserliche Darstellung der Inhalte der fünf Informationstafeln siehe Kommentierende Texttafeln (2014) zur Entstehungsgeschichte des Kriegerdenkmals und zur Geschichte der „Gedenkkultur“ an diesem Ort radolfzell-ns-geschichte.von-unten.org/_media/tafeln_kriegerdenkmal_final_06.06.2014.pdf.

Radolfzell Luisenplatz total 2018-09-11 K. Hug Gesamtansicht des Luisenplatzes als Suchbild: Wo sind Textstele und Informationstafeln?

Fazit: Nirgendwo im Denkmalensemble wird der Krieg angeklagt, außer auf der Textstele. Nirgendwo ist vom Frieden die Rede, außer in drei Sätzen am Anfang und einem Satz am Ende der Informationstafeln. Kein ziviler Kriegstoter wird namentlich erwähnt, kein Kriegsgegner, kein Verfolgter des Naziregimes.

Funktionen

Nachdem das NS-Kriegsdenkmal und sein Zubehör im Detail vorgestellt sind, sei zur Entwicklung des Denkmalensembles gefragt, welche Interessengruppen über welche Zeiträume welche ideologischen und politischen Funktionen (d.h. Mittel-Zweck-Relationen) einsetzen. Verschiedene Linien sind erkennbar, die mehr oder weniger gebrochen teils nach-, teils nebeneinander verlaufen.

1938 bis 1945 Instrumentalisierung toter Soldaten für den Nationalsozialismus (vgl. [Lib18, S. 2], [Beh96, S. 130]): Indem die Nazis den Horst-Wessel-Platz und das Denkmal zugleich den „Gefallenen“ des Ersten Weltkriegs und den Toten der NS-Bewegung widmen, instrumentalisieren sie die toten Weltkriegssoldaten für die nazistischen Ziele. Die Nazis stellen die Reichswehrsoldaten als Vorläufer der NS-Bewegung dar, sich selbst als Nachfolger der Weltkriegsfrontkämpfer, die deren Kampf auf den Straßen der Weimarer Republik fortführten und dank der Errichtung des „Dritten Reichs“ zum Sieg führen werden. Wie die Reichswehrsoldaten als Kämpfer für das Kaiserreich, so seien die Nazi-Straßenschläger als Kämpfer für das „Dritte Reich“ und den „Führer“ „gefallen“. Nach dem Zweiten Weltkrieg sorgen die Siegermächte dafür, dass diese Ideologielinie abbricht – realisiert durch Beseitigen der Gedenktafel für die Toten der NS-Bewegung und Rückbenennen des Platzes.

Ab 1938 Sakralisierung des „Opfers“ der Soldaten „auf dem Altar des Vaterlandes“ [Beh96, S. 74]:

„Opfermetaphern für Kriegshandlungen und Kriegsfolgen leisten (a) die Sakralisierung des Tötens und Getötet-Werdens, (b) die Verherrlichung und Verehrung des Getöteten (Totenkult, Divinisierung), (c) Entlastung für die Tötenden und deren Nachfahren. Durch Sakralisierung wird Akzeptanz für Gewalt erzeugt und verewigt: Jedes ‘Opfer’ fordert eine würdige Antwort, die Gegenleistung, ein weiteres ‘Opfer’“ [Can88, S. 120] zit. nach [Beh96, S. 74].
„Die nationalsozialistischen Initiatoren der heroischen Mythen“ zielten darauf, „den Heldentod im religiösen Sinne als notwendiges Opfer zu deuten und daraus politisches Kapital zu schlagen“ [Beh96, S. 83]. Das politische Kapital setzten sie zur Kriegsvorbereitung ein.

Noch heute finden sich Spuren der Sakralisierung des Soldatentods in Gedenkfeiern am Volkstrauertag, die militärische Rituale mit liturgischen Elementen kombinieren, wie die Gedenkrede, die einer Predigt ähnelt und das gemeinsame Sprechen eines Texts, der einem Gebet ähnelt. An die Stelle des „Heldentods“ als „notwendiges Opfer“ tritt heute die „Verantwortung“, die Deutschland übernehmen müsse, indem es die Bundeswehr an „friedenserhaltenden“ und „friedenssichernden“ Maßnahmen beteiligt, bei denen Gewalteinsätze als akzeptabel erscheinen sollen. Entsprechend inkludiert der Gedenkpsalm des ehemaligen Pastors und damaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck „die Bundeswehrsoldaten und anderen Einsatzkräfte, die im Auslandseinsatz ihr Leben verloren“ (2015).

Ab 1938 Politisierung toter Soldaten (vgl. [Lib18, S. 3]): Indem die Nazis die „Gefallenen“ des Ersten Weltkriegs nicht als tot oder verwundet heimkehrende Soldaten, sondern als in den nächsten Krieg marschierende Krieger darstellen, missbrauchen sie sie für das politische Ziel des Bruchs des Versailler Vertrags, auf das sie seit 1933 mit Verstößen hinwirkten und schließlich durch die einseitige Aufkündigung zum 30. Januar 1937 erreichten. Die Funktion, den Willen zum Völkerrechtsbruch zu manifestieren, ist bis heute ungebrochen erhalten geblieben.

1938 bis 1958+ Heroisierung toter Soldaten (vgl. [Lib18, S. 4]): Indem die Nazis die „Gefallenen“ des Ersten Weltkriegs als unbesiegtes Kriegerduo darstellen, verklären sie die Massenschlächtereien mittels Dynamit und Giftgas, in denen Soldaten nur als Schräubchen einer gigantischen Kriegsmaschinerie vorkommen, zu ehrenhaften Heldenkämpfen treuer Kameraden. Die Auszeichnung „Helden“ soll den Kriegstod der Soldaten als sinnvoll und erstrebenswert darstellen, den Überlebenden als Trostersatz Stolz auf die tapferen Toten vermitteln sowie Trauer und Schmerz verdrängen [Kli06, S. 89].

„Der nationalsozialistische Heldenkult der 30er Jahre muß [..] auch im Zusammenhang mit den Kriegsvorbereitungen gesehen werden. Er diente bereits in den Vorkriegsjahren dazu, innerhalb der Bevölkerung, besonders unter den künftigen Soldaten, eine positive Haltung gegenüber Aggression, Kampf und gewaltsamem Tod entstehen zu lassen. Was am Beispiel der ‚Blutzeugen aus der Kampfzeit‘ und der Gefallenen des Ersten Weltkriegs zelebriert wurde, sollte nicht nur vergangene Erfahrungen sinnvoll deuten, sondern bezog sich immer schon auf künftige Kriegsopfer. [...] Der gewaltsame Tod im Kampf wurde zum heroischen und fruchtbaren Selbstopfer stilisiert und verklärt. Die potentiellen Kombattanten sollten im vorhinein in ihren eigenen Tod einwilligen, da er sinnvoll und notwendig sei. Auf diese Weise versuchte man, ihre natürliche Todesangst und den Selbsterhaltungstrieb zu mindern. Dabei legte die NS-Propaganda großen Wert darauf, einen politischen Soldatentypus heranzubilden, denn nur mit diesem würde sich die ideologisch motivierte Kriegführung praktizieren lassen. [...] Der Heldenkult, durch den die Wehrpflichtigen auch vor und außerhalb ihrer Dienstzeit beeinflußt wurden, trug maßgeblich zur Ideologisierung bei“ [Beh96, S. 455–456].
Die ideologische Funktion, pathetisch überhöhten, antiquierten Heroismus als Vorbild zu propagieren, wird 1958 auf der verbalen Widmungsebene durch das Umdeklarieren von „Helden“ zu „Söhnen“ gebrochen, bleibt aber auf der monumentalen Skulpturebene erhalten. Die zusätzliche Widmung des Kriegerdenkmals für Soldaten des Zweiten Weltkriegs überträgt die Heroisierung von der Reichswehr auf die Wehrmacht und die Waffen-SS. Gerade diese Funktion der Heroisierung der Nazi-Soldaten findet noch heute bei Rechtsextremen Anklang, während etablierte Erinnerungskulturarbeiter für eine „Entmartialisierung“ der Skulptur plädieren.

1945 bis 2001+ Verdrängung der NS-Vergangenheit: Die Beseitigung der NS-Symbole Hakenkreuz, Reichsadler, NS-Gedenktafel und Platzname invertiert die Instrumentalisierung der toten Reichswehrsoldaten für den NS-Staat – sie erscheinen nun als über den politischen Systemen schwebende deutsche Helden, die die NS-Zeit unbeschadet überdauert haben. Dominierenden Kräften der Nachkriegszeit gelingt es 56 Jahre lang, das Naziregime als unerklärlichen Betriebsunfall darzustellen, dessen dunkle Seiten ruhen sollen. Das ideologische Ziel der Entlastung von der historischen Verantwortung für den Zivilisationsbruch des Vernichtungskriegs und des Holocaust wirkt bis heute stark – bis in Arbeitskreise von Erinnerungsakteuren hinein. Erst mit dem Aufstellen der Textstele 2001 erscheint eine Bruchstelle, an der die parallele Ideologielinie der kritischen Aufarbeitung der NS-Geschichte beginnt.

1958 bis 2011+ Verheimatung und Familisierung von Helden und Kriegsbetroffenen: In den 1950er Jahren passen weltmachtsüchtiger Nationalismus, rassistisch übersteigerter Heroismus, arische „Herrenmenschen“, die ihrem raumlosen Volk ferne Länder erobern, in denen nur versklavbare oder vernichtbare „Untermenschen“ leben, nicht zur Westintegration der Bundesrepublik in die WEU und die NATO. Andererseits gilt es, weltoffene und internationalistische Ideologien zu meiden. Als Ausweg bietet sich an, auf konservative Heimattümelei und patriarchale Familienbilder zurückzugreifen.

Während in Stockach der NS-Kriegsverbrecher Willi Hermann zum Fasnachtsidol mutiert (SK 10.08.2018), lässt in Radolfzell der zum Erinnerungsakteur gereifte Ex-Nazi Konrad Dombrowski „Radolfzells Helden“ in der Sockelinschrift ihres Denkmals zu „Radolfzells Söhnen“ mutieren und seine Heimatvertriebenen-Tafel die emotionsgeladenen Substantive „Mann, Frau, Kind, Kind, Stadt, Heimat, Feld, Flucht“ nutzen. Die bis heute von Rechten genutzte ideologische Funktion, geopolitische Zusammenhänge im engen Blickwinkel von Familie und Heimat zu vernebeln, erhält sich in der Ostlandtafel, während sie in der Sockelinschrift 2011 neuen Anforderungen weicht.

Ab 1958 Erweiterung des Gedenktenkreises zwecks Verharmlosung der NS-Verbrechen: Schränkten die Siegermächte den Gedenktenkreis 1945 ein, so gelingt es militaristischen Kräften nach der 1955 erlangten Souveränität der Bundesrepublik, den Gedenktenkreis um tote und vermisste Soldaten des Zweiten Weltkriegs zu erweitern. Wie vielerorts wird das Kriegerdenkmal des Weltkriegs zum „Kombi-Denkmal“ [Lib14, S. 175] für beide Weltkriege umfunktioniert. Geführt von Ex-NS-Dombrowski geschieht das in Radolfzell durch unterschiedsloses Auflisten der Namen von Reichswehr-, Wehrmachts- und Waffen-SS-Soldaten auf sieben Tafeln. Die Gleichbehandlung der Namen suggeriert kontrafaktisch die Gleichwertigkeit der monarchistischen Reichswehr, der völkerrechtswidrigen Wehrmacht, und der terroristischen SS („Soldaten sind sich alle gleich“). Die Vermischung der drei Gedenktenkreise bezweckt, die Verbrechen der Wehrmacht und der SS zu verschleiern und als „normale“ Kriegshandlungen zu verharmlosen. Diese ideologische Funktion ist bis heute ungebrochen wirksam und ein Hauptgrund des Dauerkonflikts um das NS-Relikt.

Ab 1958 Instrumentalisierung toter Soldaten für die Militarisierung der BRD (vgl. [Sch99, S. 64]): Das Erweitern des Denkmals für tote Soldaten des Ersten Weltkriegs auf die des Zweiten Weltkriegs, das Verwischen der Unterschiede zwischen Reichswehr, Wehrmacht und SS, das Verklären der NS-Verbrechen, das Verehren eines unverzichtbar ewig währenden Soldatentums dienen auch dem Zweck, das Militärische wieder aufzuwerten, die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik, den Aufbau der Bundeswehr, ihre Eingliederung in die NATO, und die zunehmende Aufrüstung zu rechtfertigen und zu fördern. Der Kriegsdienst wird als „Normalität“ propagiert, das Grundrecht auf Kriegsdienstverweigerung zur Ausnahme degradiert, für die ein „Ersatzdienst“ geschaffen wird. In diesem Kontext dient das NS-Kriegsmal als antipazifistisches Symbol.

Ab 1958 Viktimisierung der Aggressoren (vgl. [Lib18, S. 5]) und Instrumentalisierung toter Zivilisten für Revanchismus: Dombrowskis Ostlandtafel wandelt das Ensemble zu einem „Kriegsfolgendenkmal“ [Lib18, S. 6], das die von den alliierten Siegermächten neu geordneten Ländergrenzen in Frage stellt, die Schuld für Gebietsverluste in antisowjetischer Stoßrichtung auf überfallene Länder abwälzt, die Eroberungsziele der NS-Aggression verschweigt und Nazi-Deutschland nicht als besiegt oder gar befreit, sondern als unschuldiges Opfer darstellt.

Opferten sich die „unbesiegbaren Helden“ 1938–1958 selbst freiwillig fürs Vaterland, so präsentieren die Erinnerungsakteure sie ab 1958 als unfreiwillige „Opfer der Umstände, des Schicksals, des Weltensturms“ [Lib14, S. 150]. Die Mehrdeutigkeit von „Opfer“ in der deutschen Sprache erleichtert diese Umdeutung. Kultische Opfer (engl. sacrifice) wurden vom Priester auf dem Altar geschlachtet, um Götter zu befriedigen. Was zwanghaft begann, führte zu freudigen Selbstopfern für gute Zwecke, gipfelnd in Jesu Kreuzestod zur Sühnung der Sünden der Welt. Dagegen wurden Märtyrer als unschuldig leidende Opfer von Gegnern umgebracht, gipfelnd in Jesu Kreuzigung durch... na, Sie wissen schon. Heutige Opfer (engl. victim) werden unfreiwillig gewaltsam durch Kriege, Naturereignisse, Unfälle, Verbrechen getötet. [Beh96, S. 71–74]

Das NS-Kriegsmal mutiert zu einem Symbol des Kalten Kriegs. Im ganzen Denkmalensemble ist das Mutter+Kind-als-Opfer-zwischen-Kreuzen-und-Ruinen-Motiv der Ostlandtafel der einzige Teil, der Trauer evozieren kann. Aber sein Kontext verbiegt die Trauer um Personen in Trauer um verlorene Ostgebiete und missbraucht sie für revanchistische Ziele. Auch diese Entlastungsfunktionen wirken bis heute ungebrochen.

Ab 1958 Propagierung tradierter Frauenrollen: Krieg ist Männersache, also auch Kriegserinnerungskultur. Die Ostlandtafel ist die einzige Stelle im Denkmalensemble, an der eine Frau vorkommt (vom Platznamen abgesehen). Das Maria-Zitat zeigt ihr die Rollen, die sie spielen darf: dulden, leiden, trauern, passiv zu Hause sitzen, in der Küche wirken, in die Kirche gehen, Kinder kriegen und behüten. Die Söhne soll sie zu künftigen Kriegern erziehen, die das unterbrochene Werk ihrer unvergessenen, heldenhaft gefallenen Väter eifrig in Rachefeldzügen fortführen. Im Relief schaut die Frau trauernd auf die Ruinen, während ihr Kind in entgegengesetzter Richtung den Sonnenaufgang erblickt, der in nicht zu ferner Zukunft den Siegestag erhellen soll.

Ab 1969 Ergänzung des Gedenktenkreises: Mag das Anbringen der Namenstafeln des 1870/71er Kriegs eine Verlegenheitslösung sein (wohin sonst damit?), so bewirkt es doch eine weitere Verharmlosung der Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts und des größten Zivilisationsbruchs der Menschheitsgeschichte.

Ab 2001 Kontrastierung der Kriegerskulptur: Mit dem Aufstellen der Textstele erwirken demokratische Kräfte erstmals eine Funktion, die nicht der Entlastung, sondern der Kritik der NS-Zeit dient.

Ab 2011 Internationalisierung des Gedenktenkreises und Vermischung von Tätern und Opfern: Es ist die Zeit, in der die Bundesrepublik am völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen Jugoslawien teilnimmt (Kosovokrieg, 1999), ihre Sicherheit am Hindukusch verteidigt (BMV Struck, 04.12.2002, 11.04.2004, S. 8601), ein Luftangriff der Bundeswehr 134 Zivilisten tötet und der verantwortliche Oberst zum Brigadegeneral avanciert (Kundus, 04.09.2009), Militäreinsätze Handelsinteressen wahren sollen (BP Köhler, 22.05.2010), und von den rund 130 Auslandseinsätzen der Bundeswehr seit 1960 rund 20 problematische Militäreinsätze sind. Andererseits fordern Antifaschisten verstärkt, der Opfer des NS-Terrors zu gedenken und das Holocaustdenkmal entsteht (2003–2005).

Auf heimatlich und familial vereinnahmte Kriegsbetroffene beschränktes Gedenken verliert durch die Globalisierung an Bedeutung. Radolfzells Erinnerungsakteure lassen „Radolfzells Söhne“ vom Denkmalsockel verschwinden und erweitern den Gedenktenkreis diesmal in eine globale Dimension, die umgekommene Bundeswehrsoldaten ebenso einschließt wie deren zivile Opfer. Die Tafelwandwidmung für die „OPFER DER GEWALTHERRSCHAFT UND DER TOTEN ALLER KRIEGE“ dient nicht nur wie die früheren Erweiterungen des Gedenktenkreises der Verharmlosung der NS-Verbrechen. Indem sie mit „TOTEN“ den Gedenktenkreis über Soldaten hinaus auf Zivilisten und Terroristen erweitert, verwischt sie den Unterschied zwischen Tätern und Opfern. Zwar wird nun der Opfer gedacht, doch erscheinen auch die Täter als Opfer.

„Die Formel ‚Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft‘, die sich allgemein durchgesetzt hat, schließt die gefallenen Soldaten der Weltkriege ein, was die aktive Dimension ihres Handelns ausblendet“ [HeE13, S. 142].
Für Interpretationen offen ist die Formulierung „DER GEWALTHERRSCHAFT“: Meint sie die konkrete Gewaltherrschaft der Nazis, oder meint sie die Gewaltherrschaft als Abstraktum, das sich vielerorts auf dem Globus konkretisiert – in Serbien, Afghanistan, Irak, Syrien,... – und Hitlers klont, die es zu besiegen gilt, um ein weiteres Auschwitz zu verhindern? Der zweite Fall hat wiederum die Funktion, die NS-Herrschaft zu relativieren und damit zu verharmlosen.

Ab 2014 Kommentierung des Kriegsdenkmalensembles: Zum 100. Jahrestag des Beginns des Ersten Weltkriegs gelingt demokratischen Kräften wieder ein Schritt vorwärts. Die Informationstafeln haben die Funktion, das Denkmalensemble zu kommentieren, um über seine Geschichte aufzuklären (auch wenn sie sie wegen Unleserlichkeit nicht erfüllen). Sie sind so dezent an den Rand gesetzt, dass sie nicht als Kontrapunkt zur Kriegerskulptur wirken. Stele und Informationstafeln funktionieren also unterschiedlich, dienen aber beide dem Zweck der Aufklärung. Beiden gemein ist, dass sie als Mittel zur Dekontextualisierung nicht ausreichen, da sie wenig an den Gebrauchswerten und nichts an den Nutzungsarten des Kriegsdenkmalensembles ändern.

Fazit

Das NS-Kriegsdenkmalensemble enthält keine Artefakte, die friedensfördernd, völkerverständigend, demokratiefreundlich, humanistisch, zivilisatorisch wirken, außer der Textstele und den Informationstafeln.

Chronologie

Ort ist stets das NS-Kriegsdenkmal am Luisenplatz, Stadt die Stadt Radolfzell am Bodensee mit ihrer Verwaltung, sofern nichts anderes angegeben. Eine thematisch weitere, aber zeitlich begrenzte Chronologie bietet [IOGR]: Chronologie. Historische Aufarbeitung der NS-Zeit, Erinnerungspolitik und Gedenken in Radolfzell seit dem Jahr 2005. Vieles ist daraus entnommen.

1906: Die Stadt widmet den Luisenplatz Großherzogin Luise von Baden. Bis dahin fanden dort große Vieh- und Fruchtmärkte statt, arbeiteten Stadtzöllner, schloss man im 1876 erbauten Urkundenhäuschen viele Kaufverträge (Urkunden), bis man es 1906 auf die Mettnau versetzte (WB 10.08.2018).

1934: Unter NS-Bürgermeister Eugen Speer wird der Luisenplatz am 05.04.1934 „zum ehrenden Gedenken an den für die nationale Erhebung gefallenen Vorkämpfer“ in Horst-Wessel-Platz umbenannt [Hau13, S. 111]. Die Nazis ändern den Zweck des Volkstrauertags von „Totengedenken“ zu „Heldenverehrung“.

1936 bis 1938: Entstehungsgeschichte des „Ehrenmals der Stadt Radolfzell für ihre im Weltkrieg 1914–1918 gefallenen Helden und den für das Dritte Reich und den Führer gefallenen Kämpfern des Landes Baden“: Weltkriegsfrontkämpfer und NS-Bürgermeister Josef Jöhle plädiert im Juni 1936 für den Horst-Wessel-Platz als Standort, da er sich für den Aufmarsch der Formationen am „Heldengedenktag“ eigne. Jöhle leitet Planung, Entwurf und Ausführung des NS-Kriegsdenkmals und der Platzumgestaltung zur „Heldengedenkstätte“, wofür der Bildhauer Wilhelm Kollmar unter Mitwirkung der Landesberatungsstelle für Denkmalpflege beauftragt wird. Das Scheffeldenkmal von 1891 wird auf die Mettnau verlegt. (Tafel 3 in radolfzell-ns-geschichte.von-unten.org/_media/tafeln_kriegerdenkmal_final_06.06.2014.pdf)

März 1937: Der „verdiente Frontkämpfer“, „Kommandeur des III/SS "Germania"“, SS-Kasernenkommandant und SS-Obersturmbannführer Heinrich Koeppen propagiert:

„Das Denkmal soll Zeuge werden einer großen Zeit“
(Deutsche Bodenseezeitung, Nr. 57 (09.03.1937), in: [Hau17, S. 267]).

22. Mai 1938: Einweihungstag des „Ehrenmals für die Gefallenen des Weltkriegs“: „militärisches Wecken“; „Kreisappell des NS-Reichskriegerbundes“; „gewaltiger Aufmarsch der Formationen“: „Musikkorps des Infanterieregiments 14 Konstanz“, „Ehrenzug der Truppe unter Gewehr“, NS-Reichskriegerbund, Soldatenbund, NS-Kriegsopfer-Versorgung, „Ehrenkompanie der SS "Germania" mit Gewehr und dem Musikzug“, „Gliederungen und Formationen“ der NSDAP; „Ehrenplatz“ neben dem Denkmal für „die Schwerkriegsverletzten und die Angehörigen und Hinterbliebenen der Gefallenen“; „Ehrengäste“ sind „der Führer des SS-Abschnittes XXIX, SS-Oberführer Stein, und der Gebietsführer des Soldatenbundes, Oberst a. D. Eberhard“; SS-Kasernenkommandant Koeppen hält die Weiherede; NS-Bürgermeister Jöhle enthüllt das Denkmal; „Vorbeimarsch des NS-Reichskriegerbundes vor dem Gebietsinspekteur Oberstleutnant a. D. Knecht und die Uebergabe der neuen Fahne an mehrere Kameradschaften“; die Truppen präsentieren zum Lied vom Guten Kameraden das Gewehr; „vor den Tafeln mit den Namen der Gefallenen“ werden Kränze niedergelegt, „mit dem Sieg-Heil auf den Führer“ und „den Liedern der Nation“ findet „die denkwürdige Feier ihr Ende“ [Gun38].

Radolfzell NS-Kriegsdenkmal 2018-05-23 K. Hug Fast wie von SS-Obersturmbannführer Koeppen geweiht – stets flink von Farbklecksen gesäubert

1938 bis 1945: Geführt von der Radolfzeller SS inszenieren die Nazis jährlich „Heldengedenktage“ für ihre militaristischen Ziele, am 12.03.1939 erstmals am NS-Kriegsdenkmal, u.a. mit „Ehrenkompanien“ der Waffen-SS-Unterführerschule Radolfzell.

9./10. November 1938: Die von Koeppen geführte SS „Germania“ setzt alles daran, in der Pogromnacht die Synagogen der Region zu zerstören und die zum Feind gestempelten Juden zu misshandeln, einzusperren, zu berauben und aus ihrer Heimat zu vertreiben.

September 1939: Der Generalprobe des SS-Terrors folgt am 01.09.1939 der Überfall auf Polen, wo Koeppen am 16.09.1939 durch Heldentod mit aufgeschlitztem Bauch zum Namensgeber der Radolfzeller SS-Kaserne aufsteigt [Klö10]. „Die Radolfzeller Bevölkerung habe bestürzt auf die Todesnachricht von Koeppen reagiert“ [Bra89].

1942/43: Viele Tote, wenige Siege stören den Heldenmythos: Nach Stalingrad versuchen die Nazis durch Umbenennen der „Heldenehrungsfeiern“ in „Gefallenenehrungsfeiern“ der Konkurrenz kirchlicher Trauerfeiern zu trotzen, die Trauer der Angehörigen getöteter Soldaten zu unterbinden und sie mit einem Trostersatz in der Heimatfront zu halten. (Vgl. [Beh96, S. 498–499, 517].)

1944, 1945: Die „Gefallenengedenkfeiern“ finden in der SS-Kaserne statt, am Denkmal nur noch Kranzniederlegungen. Schon 1937 beginnt reichsweit ein Trend weg von Freiluft-Massenaufmärschen hin zu Feiern in geschlossenen Räumen. Gründe: Wetterabhängigkeit, hoher Aufwand, Überdruss an Großveranstaltungen, seit Kriegsbeginn Störungen durch Luftalarme, dringender Bedarf an Finanzmitteln andernorts. (Vgl. [Beh96, S. 390].)

Nach 25. April 1945: Nach dem Einzug französischer Truppen und dem Ende der NS-Herrschaft in Radolfzell verschwinden Hakenkreuz, Reichsadler, NS-Totentafel. Der Name wandelt sich von Horst-Wessel- zurück in Luisenplatz.

13. Mai 1946: Die vom Alliierten Kontrollrat erlassene Direktive Nr. 30 zur „Beseitigung deutscher Denkmäler und Museen militärischen und nationalsozialistischen Charakters“ verlangt, das NS-Kriegsdenkmal „bis zum 1. Januar 1947 vollständig zu zerstören und zu beseitigen“. Doch es bleibt illegal stehen bis zum 05.05.1955.

Bis Ende 1970er: Kriegsverbrecherlobbyisten der Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit der ehemaligen Angehörigen der Waffen-SS e. V. (HIAG) ehren bei öffentlichen Kundgebungen am NS-Relikt ihre Waffen-SS-Mittäter.

Bis min. 2018: Die Stadt zelebriert den Volkstrauertag im November am NS-Kriegsdenkmal.

5. Mai 1955: Das Gesetz Nr. A-37 der Alliierten Hohen Kommission setzt die Kontrollratsdirektive Nr. 30 für die Bundesrepublik Deutschland außer Wirkung. Seither steht das NS-Relikt zwar „legalisiert“, aber politisch illegitim und moralisch untragbar am Luisenplatz.

1956 bis 1958: Bürgermeister Hermann Albrecht fordert eine „gründliche Bearbeitung“ des „Ehrenmal“-Ensembles. Dazu bildet sich ein Denkmalausschuss, dessen Vorsitz Konrad Dombrowski übernimmt, der nach seiner Karriere als Rektor in Heilsberg, Ostpreußen, NSDAP-Mitglied und Wehrmachtshauptmann als Stadtrat in Radolfzell, Oberlehrer an der gartenbaulichen Berufsschule und stellvertretender Bezirksgärtnermeister reüssiert.

Der „vitale Ostpreuße“ nutzt die sich mit der „Legalisierung“ des unzerstörten NS-Kriegspropagandarelikts ergebende Chance, dieses im Sinn des Revanchismus des Kalten Kriegs zu restaurieren. Er arbeitet Pläne für die Umgestaltung der Anlage aus, schlägt vor, die oberste der drei Stufen zur Steinplattenwand abzutragen und den Streifen zu bepflanzen, die schon nach 20 Jahren unleserlich gewordenen Steinplatten mit den Namen der Gefallenen des Ersten Weltkriegs zu entfernen und durch Bronzetafeln zu ersetzen, denen sich gestaltgleiche Tafeln mit Namen des Zweiten Weltkriegs zugesellen, definiert die Kriterien für die Auswahl der Namen dafür so, dass sie SS-Mitglieder umfassen, und entwirft ein Relief für die Heimatvertriebenen, das an die verlorenen Ostgebiete erinnert.

Das Bock-zum-Gärtner-Sprichwort invertiert zum Bezirksgärtnermeister, der die Platzumgestaltung so verbockt, dass sie die Stadt jahrzehntelang belasten wird. Dass der Gemeinderat am 10.03.1958 eine Ortsbegehung bei den NS-Kriegern im Streit um „Maggia-Granitplatten“ versus „Kopfsteinpflaster“ abbricht, ist nebensächlich.

Bis 1958 wird der Platz neu eingeteilt, mit Zierrasenflächen, Blumenanlagen und einer Rotasphaltdecke versehen und das Kriegerdenkmal samt Mauern gereinigt und „in einen würdigen Zustand“ versetzt. Für die Kosten der Umgestaltung bringt eine Spendenaktion mit teils „großen, hochherzigen“ Beträgen rund 12.000 DM, den Rest trägt die Stadt.

Da ging dem Stadtrat der Hut hoch . . . Wieder einmal: Erhitzte Gemüter beim Diskussionsthema Gefallenenehrenmal
Südkurier (13.03.1958)
radolfzell-ns-geschichte.von-unten.org/ _detail/umgestaltung_kd_1958_-_dombrowski.jpg?id=ns-ehrenmal

Wird das Ehrenmal bis Ende April fertig? Eine Stellungnahme des Denkmalausschusses zu den Vorgängen der letzten Woche
Südkurier (um 20.03.1958)

19. Juli 1958: Zur Einweihung des „umgestalteten Kriegerehrenmals“ am Vortag des katholischen Heimatfests „Hausherrentag“ läuten die Glocken vom Münsterturm einen Festgruß, versammeln sich Radolfzeller mit Angehörigen von Gefallenen und Vermissten, Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens und einer Delegation des Verbands der Landsmannschaften aus Singen „um das Ehrenmal der Gefallenen am Luisenplatz, teilzuhaben an der schlichten Feierstunde zur Enthüllung der neuen Namenstafeln“, lodern Flammen aus der Feuerschale, ziert hübscher Blumenschmuck die „Zierde der Stadt“ (DBZ 08.05.1937), schwenken Delegationen von Vereinen und Verbänden ihre Fahnen und die ehemaligen 114er und 14er (des 6. Badischen Infanterie-Regiments Kaiser Friedrich III. Nr. 114; frdl. Hinweis v. M. Wolter) ihre alte Regimentsfahne, tragen Heimatvertriebene auf Tafeln die Wappen verlorener Heimat, lauschen die Versammelten den Gedenkreden, senken sich die Fahnen und erklingt die Weise vom Guten Kameraden als Feuerwehrkommandanten die Tafeln enthüllen, legen die Stadtverwaltung, der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V., die Kameradschaft der 14er, der Verband der Kriegsbeschädigten, die Heimatvertriebenen und der von SS-Lobbyisten durchsetzte Verband deutscher Soldaten prächtige Kränze nieder, umrahmt von Mozarts, Schuberts und Brahms’ Musik (SK 21.07.1958).

Was äußern die Gedenkredner? Hauptlehrer Zeiser gedenkt dankbar und treu derer, „die ihr junges Leben ganz dem Vaterlande schenkten“, ehrt ihre „soldatischen Tugenden“, „soldatische Ehre“, „Tapferkeit“, Treue zum Fahneneid (auf Hitler) und Pflichterfüllung als Soldaten, und erklärt einen an „unsere Spitze“ geratenen „Verbrecher“ zum Alleinverantwortlichen für „verbrecherische Taten“. Der Kreisverbandsvorsitzende des Bundes vertriebener Deutscher, Krüger, erinnert „an die Opfer der Heimatvertriebenen, an den Verlust alter Heimat“ und preist die Stätte mit der neuen Ostland-Gedenktafel als „Mahnmal der Erinnerung, der Trauer und der Hoffnung“, ohne das Ziel seiner Hoffnung zu nennen. Der Vorsitzende des Denkmalausschusses, Dombrowski, „auf dessen Initiative die Umgestaltung des Ehrenmales zurückgeht“, lobt den „Ehrentag für Radolfzell“. Bürgermeister Albrecht verspricht „gute Obhut“ für „dieses Mal aus Stein und Bronze“. (SK 21.07.1958) Anachronistische Züge der Reden sind, Verantwortung für die Verbrechen der NS-Zeit abzuwälzen, an entwerteten Soldatentugenden festzuhalten, und revanchistische Hoffnungen zu wecken.

Was erhält die Öffentlichkeit? Die neue Sockelinschrift „DIE STADT RADOLFZELL IHREN IN DEN WELTKRIEGEN 1914–1918 UND 1939–1945 GEFALLENEN SÖHNEN“ (zuvor „HELDEN“) funktioniert das NS-Kriegsvorbereitungsmal um in ein NS-Kriegsnachbereitungsmal. Die sieben Steintafeln von 1938 mit den Namen der 229 toten Reichswehrsoldaten des Ersten Weltkriegs sind verschwunden. Die Namen erscheinen auf drei Bronzetafeln neben vier gestaltgleichen Tafeln mit Namen von 459 toten und vermissten Wehrmachtssoldaten des Zweiten Weltkriegs und 102 Waffen-SS-Angehörigen. Die Tätertafeln tauchen drei Jahre nach der „Legalisierung“ des NS-Relikts auf. Die Bronze-Relieftafel der Heimatvertriebenen ergänzt die Tafelwand am östlichen Ende. (Tafel 4 in radolfzell-ns-geschichte.von-unten.org/ _media/tafeln_kriegerdenkmal_final_06.06.2014.pdf)

Radolfzell NS-Kriegsdenkmal östlicher Pylon 2018-09-11 K. Hug Dombrowskis erinnerungsgärtnerisches Verdrängungskunstwerk

Würdige Stätte des Gedenkens, Trauerns und Hoffens. Umgestaltetes Kriegerehrenmal am Luisenplatz seiner Bestimmung zurückgegeben
Südkurier (21.07.1958)
radolfzell-ns-geschichte.von-unten.org/ _detail/umgestaltung_kd_1958_-_dombrowski-3.jpg?id=ns-ehrenmal

Ich danke Markus Wolter für den Hinweis auf die drei Südkurier-Artikel. Die „Bestimmung“ des „Kriegerehrenmals“ zeigt exemplarisch der folgende Eintrag.
27./28. April 1963: Bürgermeister und Rat unterstützen das von der HIAG-Kreisgemeinschaft Radolfzell organisierte „Kameradschaftstreffen der ehemaligen Angehörigen des III. Btl. "Germania"“ mit „Gefallenen-Ehrung“ am NS-Kriegsdenkmal, bei der der ehemalige SS-Hauptscharführer und HIAG-Kreisvorsitzende Willi Hille die Verdienste von „unserem unvergesslichen Kommandeur Heinrich Koeppen“ würdigt (Bericht des HIAG-Verbandsorgans „Der Freiwillige“ im Bundesarchiv-Militärarchiv Freiburg, N756/108 b, zit. nach [Wol11, S. 4], [Wol17, S. 303], [IOGR, NS-Ehrenmal]).

1969: Die zwei Bronzeplatten von 1899 mit den Namen der 31 Kriegsteilnehmer des Deutsch-Französischen Kriegs 1870/71 migrieren an die östliche Tafelwand.

Juli 1992 bis Ende 2003: Das alte Stadtmuseum stellt die NS-Geschichte als Teil einer Dauerausstellung dar.

1999: Der Radolfzeller Lehrer und Filmemacher Günter Köhler dreht den kritischen Dokumentarfilm „Krieger-Denk-mal!“.

2001: Die Stadt stellt vor das NS-Denkmal eine transparente Textstele, die mit einem Satz auf die Vorbereitungen für den Krieg und den Holocaust hinweist.

19. November 2006: Die Schülerin Johanna Thoma gesteht in ihrer Rede bei der Gedenkveranstaltung zum Volkstrauertag vor 150 Teilnehmern, dass das Radolfzeller Kriegerdenkmal für sie selbst wenig geeignet sei, den rechten Weg der Trauer zu finden. Sie stellt fest, dass die Gewalt auf der Welt zunehme, Konflikte immer öfter militärisch ausgetragen werden, und die Anstrengungen für ein friedliches Zusammenleben zu gering seien. Anschließend werden vor der Tafelwand mit den Namen der SS-Täter Kränze abgelegt.

Gerald Jarausch:
Den Jungen fehlt der Bezug
Südkurier (20.11.2006)
suedkurier.de/archiv/region/kreis-konstanz/radolfzell/art1360095,2310277

vor 2008: Bei einer Restauration werden viele Risse im Stein mit Steinkleber verfüllt. An manchen Figurteilen werden Armierungen aus Edelstahl eingearbeitet. An der Plinte (Fußplatte) werden viele Teile komplett durch Natursteinersatz angetragen. (KA BV 06.11.2018, Anlage 3)

15. November 2009: Jugendliche um Cem Güler stellen am Volkstrauertag mit einer Rede und einer Kranzniederlegung erstmals den Bezug zum KZ-Außenlager Radolfzell her.

Februar 2010: Der Gemeinderat lehnt Norbert Lumbes Antrag zum Druck einer Broschüre mit Vorträgen des Stadtarchivars Achim Fenner über Radolfzells NS-Geschichte ab. Ein Gegenargument ist, die Stadt könne die Vorträge druckkostensparend in ihrem Webauftritt veröffentlichen. (SK 19.02.2010) (Der Webauftritt bietet bis Juli 2018 keine Informationen über den Zeitraum 1929–1947. Fenners Vorträge wurden bis heute weder online noch gedruckt publiziert.)

Torsten Lucht:
Läuft die Stadt an der NS-Zeit vorbei?
Südkurier (19.02.2010)
suedkurier.de/archiv/region/kreis-konstanz/radolfzell/art1360095,4173894

Holger Reile interviewt Günter Köhler:
„Flüsterstadt“ Radolfzell: Der Film zum Theaterstück
SeeMoZ (14.04.2010)
seemoz.de/lokal_regional/%e2%80%9eflusterstadt%e2%80%9c-radolfzell-der-film-zum-theaterstuck

Der Radolfzeller Filmemacher Günter Köhler über seinen Dokumentarfilm „Leichen im Keller“: „Im Mittelpunkt meiner Dokumentation stehen die Überreste der Radolfzeller SS-Kaserne, das Kriegerdenkmal und die von KZ-Häftlingen unter unmenschlichen Bedingungen gebaute Schießanlage. [...] Aufgeregt habe ich mich schon vor zehn Jahren, als unter dem Radolfzeller Kriegerdenkmal der Volkstrauertag abgehalten wurde. Unter einem Denkmal, das von der SS "geweiht" wurde.“
16. April 2010: Günter Köhlers Film „Leichen im Keller“ über die NS-Zeit in Radolfzell (42 Min.) wird im Milchwerk vorgeführt, danach Podiumsdiskussion.

blogsport UG, Berlin:
Überwältigende Resonanz auf Filmvorführung und Podiumsdiskussion zur NS-Zeit in Radolfzell
LinksRhein (17.04.2010)
linksrhein.blogsport.de/2010/04/17/ueberwaeltigende-resonanz-auf-filmvorfuehrung-und-podiumsdiskussion-zur-ns-zeit-in-radolfzell

„Der gut gemachte Film schaffte es, erstaunlich viele Facetten des Themas in äußerst kurzer Zeit zu thematisieren: die Geschichte der SS-Kaserne und des KZ-Aussenlagers von Dachau, die Begeisterung der Radolfzeller an "ihrer Kaserne" in den späten 30er und frühen 40er Jahren, die ungeheuren Ausmaße des in Sklavenarbeit errichteten "Franzosen"-Schiessstandes, Geschichten von Flucht und Erschiessungen, Eheschliessungen zwischen Radolfzellerinnen und SS-Männern, Lebensborn in Grasbeuren, Reichsarbeitsdienst und Sexarbeit in Wahlwies, Kontinuität und Schweigen, Heldengedenken von, mit den und für die Nazis, spätere Volkstrauertage mit Kränzen vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge beim von der SS-geweihten Kriegerdenkmal im Nachkriegsradolfzell, wissenschaftliche Recherchen und unzugängliche Archive, informierte und nachdenkliche bzw. ignorante und nicht besonders reflektierte O-Töne von der Strasse des heutigen Radolfzells.“
22. Juni 2010: Der Gemeinderat debattiert über Ort und Gestaltung des nächsten Volkstrauertags. Oberbürgermeister Dr. Jörg Schmidt stellt fest,
„dass es kein »weiter so« am Kriegerdenkmal geben dürfe und könne“.
Die Mehrheit will die Gedenkfeier am Volkstrauertag nicht mehr am Kriegerdenkmal – einem Symbol der Nazis – abhalten, sondern anderswo. Schmidt kann „sich eine Feierstunde auf dem Waldfriedhof vorstellen“. Christof Stadler schlägt den Bürgersaal vor, wo die Machtübernahme durch die Nazis stattgefunden habe. Siegfried Lehmann schließt „alle Plätze aus, die die Nazis für ihre Propaganda gebaut hätten“ und fordert einen Ort, „der allen Opfern der NS-Zeit gerecht wird“. Einige Redner erklären Täter zu Opfern und wollen das Denkmal und die Gedenkfeier wie bisher beibehalten. Am Ende delegiert man das Problem an den Arbeitskreis zur Gedenkstätte an der SS-Kaserne. (WB 23.06.2010, SK 24.06.2010)

Hans Paul Lichtwald:
Anderer Volkstrauertag. Gemeinderat sucht neue Wege aus Geschichte
Singener Wochenblatt (23.06.2010)
wochenblatt.net/heute/nachrichten/article/anderer-volkstrauertag

Claudia Wagner:
Gesucht wird ein Ort des Gedenkens
Südkurier (24.06.2010)
suedkurier.de/archiv/region/kreis-konstanz/radolfzell/art1360095,4347213

Hans Paul Lichtwald:
NS-Zeit in Etappen dokumentiert. Am Samstag offizielle Einweihung im Museum
Singener Wochenblatt (06.10.2010)
wochenblatt.net/heute/nachrichten/article/ns-zeit-in-etappen-dokumentiert

„Oberbürgermeister Dr. Jörg Schmidt geht davon aus, dass [die Gedenkfeier zum Volkstrauertag] am gleichen Ort, also am Kriegerdenkmal, stattfinden wird.“
8. Oktober 2010: Das neue Stadtmuseum in der alten Stadtapotheke eröffnet die Themeninsel „Migration und Nationalsozialismus“.
Dem NS-Kriegsdenkmal widmet sie zwei Exponate („Baustein“-Stiftungsbescheinigung, Postkarte) mit Kurzbeschreibung in einem Schaukasten, der vor allem NS-Propagandamaterial, -Reliquien und -Spielzeug enthält.
Claudia Wagner:
Gedenken ist ein schwieriger Prozess
Südkurier (12.10.2010)
suedkurier.de/archiv/region/kreis-konstanz/radolfzell/art1360095,4523424
Einer „Projektgruppe“, „die sich um die Gestaltung des Volkstrauertags kümmert“, gehören „die Gemeinderatsmitglieder Norbert Lumbe, Siegfried Lehmann, Christof Stadler, Jugendgemeinderat Cem Güler und Martin Lunitz, der Vorsitzende des Landesverbands des Volksbunds Deutsche Kriegsgräberfürsorge“ an. „Man habe die bisher am Volkstrauertag beteiligten Gruppen eingebunden: den Sozialverband VdK, den Bund der Vertriebenen, den deutsch-französischen Club und den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge.“

Stadtarchivar Achim Fenner arbeitet an „einer historischen Broschüre über die NS-Zeit“. (Sie ist bis heute nicht erschienen.)

28. Oktober 2010: Der Gemeinderat diskutiert die Vorschläge des im Juni beauftragten Arbeitskreises, wie der Volkstrauertag 14 Tage später begangen werden soll. Ergebnis: Das NS-Kriegsdenkmal bleibt Gedenkort, die Sockelinschrift wird provisorisch verdeckt, die Tätertafeln erhalten provisorisch die Überschrift „Ra­dolf­zell ge­denkt der Opfer der Ge­walt­herr­schaft und der Toten aller Krie­ge.“, der Platz wird gärtnerisch etwas umgestaltet. (SK 29.10.2010, LR 29.10.2010)

Anja Arning:
Neuer Ablauf für den Volkstrauertag
Südkurier (29.10.2010)
suedkurier.de/archiv/region/kreis-konstanz/radolfzell/art1360095,4551444

Volkstrauertag in Radolfzell: es bleibt bei kosmetischen Änderungen der offiziellen Gedenkpolitik
LinksRhein (29.10.2010)
linksrhein.blogsport.de/2010/10/29/volkstrauertag-in-radolfzell-es-bleibt-bei-kosmetischen-aenderungen-der-offiziellen-gedenkpolitik

14. November 2010: Der Festakt zum Volkstrauertag findet wie vom Arbeitskreis vorgeschlagen am NS-Kriegsdenkmal statt. Oberbürgermeister Schmidt wendet sich in seiner Rede gegen die Schlussstrich-Forderung. Das offizielle Gedenken kontrastierend stellt die „Initiative für Offenes Gedenken in Radolfzell“ sich und das Wiki Radolfzell zur NS-Zeit vor. (SK 15.11.10)

Torsten Lucht:
Gute Rede
Südkurier (15.11.2010)
suedkurier.de/archiv/region/kreis-konstanz/radolfzell/art1360095,4579602

tol:
Luisenplatz: Geld für Mahnmal ist nicht eingeplant
Südkurier (10.02.2011)
suedkurier.de/archiv/region/kreis-konstanz/radolfzell/art1360095,4719254

„Auf 10 000 bis 20 000 Euro veranschlagt SPD-Stadtrat Norbert Lumbe die Kosten für die vorgesehenen Gestaltungsarbeiten beim Mahnmal auf dem Luisenplatz. Im Haushaltsplan für dieses Jahr ist davon jedoch nichts zu entdecken.“
Oktober/November 2011: Die Stadt verdeckt die Sockelinschrift „DIE STADT RADOLFZELL IHREN IN DEN WELTKRIEGEN 1914–1918 UND 1939–1945 GEFALLENEN SÖHNEN“ von 1958 dauerhaft mit einer Steinplatte und installiert über den Tätertafeln die Überschrift in Metall-Lettern „RA­DOLF­ZELL GE­DENKT DER OPFER DER GE­WALT­HERR­SCHAFT UND DER TOTEN ALLER KRIE­GE“.

Stadtmuseum: Vortrag zum Kriegerdenkmal
Südkurier (28.11.2011)
suedkurier.de/archiv/region/kreis-konstanz/radolfzell/art1360095,5250562

16. Oktober 2012: Der Gemeinderat „nimmt die Verschiebung der Weiterentwicklung der Gedenkstätte Luisenplatz ins Jahr 2014 zur Kenntnis“.

Stadt Radolfzell am Bodensee, Gemeinderat:
Radolfzeller Erinnerungsstätten: ehemalige Kaserne, ehemaliger Schiessstand, Luisenplatz
(16.10.2012) Wortprotokoll
radolfzell.sitzung-online.de/bi/to020.asp?TOLFDNR=6289

Anja Arning:
Anderer Blickwinkel auf die Geschichte
Südkurier (18.10.2012)
suedkurier.de/archiv/region/kreis-konstanz/radolfzell/art1360095,5731828

gü:
Der Vergangenheit stellen. Rat stimmt Erinnerungsstätte an Kaserne zu
Radolfzeller Wochenblatt (24.10.2012)
wochenblatt.net/fileadmin/Archiv/2012/RAD/2012_43_RAD.pdf

2013: ?

2014: Die Stadt denkt über eine „künstlerische Umgestaltung“ zu einem „Platz des Friedens“ nach.

tol:
Entwürfe für Luisenplatz sind fertig
Südkurier (07.03.2014)
suedkurier.de/archiv/region/kreis-konstanz/radolfzell/art1360095,6754866

8. April 2014: Der Gemeinderat beschließt, als ersten Schritt das Denkmal durch vier Texttafeln und eine Bildtafel zu ergänzen. Der Vorschlag, dazu einen „Flyer“ zu erstellen, wird gern aufgenommen. „Es werde auch ein Hinweis im Internet erfolgen.“ (Bis heute gibt es keinen Flyer und weder die aktuellen Fassungen noch wenigstens einen Hinweis auf die Informationstafeln im städtischen Webauftritt.)

Stadt Radolfzell am Bodensee, Gemeinderat:
Gestaltungsvorschlag für das Kriegerdenkmal auf dem Luisenplatz –
Ergänzung des bestehenden Denkmals um 5 Informationstafeln

(08.04.2014) Wortprotokoll
radolfzell.sitzung-online.de/bi/to020.asp?TOLFDNR=12563

Dort sind die originalen Fassungen der Informationstafeln erreichbar.
Anja Arning:
Begleitung für die Steinsoldaten
Südkurier (10.04.2014)
suedkurier.de/archiv/region/kreis-konstanz/radolfzell/art1360095,6850646

1. August 2014: Bei einer Gedenkstunde zum 100. Jahrestag des Beginns des Ersten Weltkriegs stellen Vertreter der Stadtverwaltung und des Volksbunds Deutscher Kriegsgräberfürsorge fünf Glas-Informationstafeln zur Entstehung des NS-Kriegsdenkmals der Öffentlichkeit vor. Unklar ist, ob die Unleserlichkeit der Informationstafeln beabsichtigt ist. Die Textfassungen vom 08.04.2014 wurden zu den veröffentlichten Fassungen überarbeitet, siehe Informationstafeln. Exemplarischer Textvergleich auf Tafel 4:

Original Veröffentlicht
„Weder die zivilen Opfer noch die erst spät und formelhaft eingeführten "Opfer der Gewaltherrschaft" wurden bei Volkstrauertagen der ersten Nachkriegsjahrzehnte berücksichtigt. Die Kriterien dieser für die allgemeine Gedenkkultur jener Zeit ebenso typischen wie fragwürdigen Kriegsopfer-Auswahl wurden in Radolfzell von Lehrer und Stadtrat Konrad Dombrowski (1896-1985), einem ehemaligen NSDAP-Mitglied und Major der Wehrmacht, formuliert und vom Gemeinderat beschlossen.“ „Weder die zivilen Opfer des Krieges noch die Verfolgten und Opfer der NS-Gewaltherrschaft wurden bei Volkstrauertagen der ersten Nachkriegsjahrzehnte berücksichtigt. Die Kriterien für die Kriegsopfer-Auswahl waren für die allgemeine Gedenkkultur jener Zeit ebenso typisch wie fragwürdig. In Radolfzell wurden sie förmlich vom Gemeinderat beschlossen.“
Die redaktionellen Änderungen erfolgten ohne Kenntnis und Zustimmung des Autors Markus Wolter. Strich ein Schutzengel den Namen des Waffen-SS- und Ostlandvertriebenen-Lobbyisten Dombrowski?

Neue Diskussionsrunde um Kriegerdenkmal
Seemal – das Magazin (04.08.2014, 27.11.2015)
seemal.de/neue-diskussionsrunde-um-kriegerdenkmal-2

Georg Lange:
Neue Runde in der Diskussion ums Kriegerdenkmal
Südkurier (04.08.2014)
suedkurier.de/archiv/region/kreis-konstanz/radolfzell/art1360095,7147587

Torsten Lucht:
Diskussion um Kriegerdenkmal: „Dem Luisenplatz täte Stille gut“
Südkurier (09.08.2014)
suedkurier.de/archiv/region/kreis-konstanz/radolfzell/art1360095,7161936

Interview mit dem Historiker Markus Wolter über die neuen Informationstafeln, die SS-Täternamenstafeln und das NS-Denkmal. Wolter fordert eine Täter-Opfer-Debatte und die Verlegung der Volkstrauertagsrituale weg vom Luisenplatz.
7. Oktober 2014: Der Kulturausschuss bespricht einen Vorschlag des Arbeitskreises Erinnerungskultur und des Künstlers Markus Daum, den Luisenplatz durch sieben auf der Tafelmauer platzierte, bis 50 cm hohe, weiße Tauben aus Aluguss zu gestalten, um „den Wunsch nach Frieden in aller Welt sichtbar zu machen“. Daums Entwurf ist umstritten und findet keine Zustimmung.

Stadt Radolfzell am Bodensee, Kulturausschuss:
Gestaltungsvorschlag für das Kriegerdenkmal bzw. den Luisenplatz
(07.10.2014) Fachbereich Kultur Mitteilungsvorlage 14/25/882-1-2
radolfzell.sitzung-online.de/bi/vo020.asp?VOLFDNR=1137
(07.10.2014) Wortprotokoll
radolfzell.sitzung-online.de/bi/to020.asp?TOLFDNR=13816

Claudia Wagner:
Luisenplatz soll durch Taubenfiguren belebt werden
Südkurier (09.10.2014)
suedkurier.de/archiv/region/kreis-konstanz/radolfzell/art1360095,7310119

Claudia Wagner:
Thema der Woche: Immer noch diskutiert die Stadt über das Gedenken am Volkstrauertag.
Südkurier (15.11.2014)
suedkurier.de/archiv/region/kreis-konstanz/radolfzell/art1360095,7408992

Nach Markus Wolter eignet sich der Luisenplatz nicht gut für die Gedenkfeier, „weil die Schriftzeile "Radolfzell gedenkt der Opfer der NS-Gewaltherrschaft" impliziere, dass man auch der auf den Namenstafeln genannten 102 SS-Angehörigen gedenke“.
16. November 2014: Am Volkstrauertag gedenken rund 150 Bürger am Luisenplatz „der Opfer von Krieg, Terror und Gewaltherrschaft“. Oberbürgermeister Martin Staab ruft in seiner Rede dazu auf, die „Integration durch aufmerksame Toleranz zu fördern und den gemeinsamen, friedlichen Europa-Gedanken voranzutreiben“. Danach legen er, Bürgermeisterin Monika Laule und die Stadträte Norbert Lumbe und Christof Stadler Kränze an der Tafelwand mit den Namen der Wehrmachts- und SS-Täter nieder, die 1939–1945 Europa mit Krieg, Terror und Gewaltherrschaft überzogen hatten. (SK 17.11.2014)

Gerald Jarausch:
Gedenkfeier zum Volkstrauertag: OB Staab für mehr Frieden in der Welt
Südkurier (17.11.2014)
suedkurier.de/archiv/region/kreis-konstanz/radolfzell/art1360095,7412322

2015: Die Stadt will ihre „Erinnerungskultur“ entwickeln.

Torsten Lucht:
Radolfzell entwickelt Erinnerungskultur
Südkurier (17.03.2015)
suedkurier.de/archiv/region/kreis-konstanz/radolfzell/art1360095,7706994

24. März 2015: In der Kulturausschusssitzung präsentiert Angélique Tracik, Fachbereichsleiterin Kultur, von ihr und Martin Lang, Abteilungsleiter Kulturbüro, verfasste, mit „Konzeptentwurf Erinnerung und Gedenken in Radolfzell - Grundlage und mögliche Leitlinien“ betitelte 13 Folien.

Stadt Radolfzell am Bodensee, Kulturausschuss:
Konzeptentwurf Erinnerung und Gedenken in Radolfzell
(24.03.2015) Fachbereich Kultur Mitteilungsvorlage 2015/47/1251
radolfzell.sitzung-online.de/bi/vo020.asp?VOLFDNR=1364
(24.03.2015) Wortprotokoll
radolfzell.sitzung-online.de/bi/to020.asp?TOLFDNR=15947

8. Mai 2015: Mitglieder und Unterstützer der neonazistischen Partei „Der III. Weg“ nutzen eine Blumen+Kerzen-Hinlege-Aktion, um in Web-Berichten darüber den NS-Krieg völkisch zu verdrehen („Massenmord an uns Deutschen“, „die Alliierten als die eigentlichen "Kriegsverbrecher"“) und rassistisch gegen Ausländer zu hetzen („Masseneinwanderung“, „Verausländerung“, „wurzellose Multi-Kulti-Gesellschaft“, „unsere Identität rauben“). Nach einer Pressemitteilung der Initiative „Stolpersteine in Radolfzell“ vom 21.05.2015 erstattet die Stadtverwaltung Strafanzeige wegen Volksverhetzung (§ 130 StGB) gegen die Neonazis.

Torsten Lucht:
Radolfzell stellt Strafanzeige wegen Volksverhetzung
Südkurier (30.05.2015)
suedkurier.de/archiv/region/kreis-konstanz/radolfzell/art1360095,7891372

Torsten Lucht:
Wichtiges Signal
Südkurier (30.05.2015)
suedkurier.de/archiv/region/kreis-konstanz/radolfzell/art1360095,7891730

Rechtsextremistische Aktion in Radolfzell am 8. Mai 2015
LinksRhein (31.05.2015)
linksrhein.blogsport.de/2015/05/31/rechtsextremistische-aktion-in-radolfzell-am-8-mai-2015

23. Juni 2015: Der Kulturausschuss beschließt einstimmig das Konzept „Erinnerung und Gedenken in Radolfzell“, dessen Entwurf am 24.03.2015 vorgestellt und vom Arbeitskreis Erinnerung am 20.04. und 26.05.2015 überarbeitet wurde. Verbesserungen bestehen darin, den Umfang von 13 auf 9 Folien zu reduzieren, als Autorin Katharina Maier zu nennen, den Hinweis auf „wichtige Initiativen und Anregungen aus der Bevölkerung“ und die Fotos zur „bisherigen Arbeit der Erinnerungskultur“ zu entfernen, die Erläuterungen des Mahnmals am Seetorplatz und der Stolperstein-Initiative zu streichen, die Folie „Radolfzell gestern“ im Stadtmuseum wegzulassen, den Leitsatz

„Gegen das Vergessen mit dem Blick in die Gegenwart und Zukunft“
durch
„Mit Verantwortung für Gegenwart und Zukunft gegen das Vergessen“
zu ersetzen, „Verschweigen und Entfernen“ als Alternativen im Hintergrund zuzulassen, „an die Lebenswelten von Jugendlichen anknüpfende Formate des Gedenkens“ durch „den Anspruch, Kindern und Jugendlichen Geschichte erfahrbar zu machen“ zu ersetzen, den Satz
„Die Wissenschaft hat dabei die Aufgabe die Ergebnisse der Beschäftigung mit der Vergangenheit und ihre Schlüsse daraus nachvollziehbar nach Kriterien der Wissenschaftlichkeit (u.a. Wahrheit und Vollständigkeit) darzulegen.“
und den Bezug zum Kulturprogramm zu streichen, die Projekte „Straßennamen“ und „Lettow-Vorbeck-Straße“ zusammenzufassen, sowie einige Details zu ändern.

Stadt Radolfzell am Bodensee, Kulturausschuss:
Konzept "Erinnerung in Radolfzell"
(23.06.2015) Fachbereich Kultur Beschlussvorlage 2015/47/1251-1
radolfzell.sitzung-online.de/bi/vo020.asp?VOLFDNR=1466
(23.06.2015) Wortprotokoll
radolfzell.sitzung-online.de/bi/to020.asp?TOLFDNR=17326

Katharina Maier:
Erinnerung und Gedenken in Radolfzell - Grundlage und Leitlinien
Radolfzell am Bodensee, Abteilung Stadtgeschichte (20.10.2015) 8 Folien radolfzell.de/bausteine.net/f/12026/KonzeptErinnerungundGedenkeninRadolfzell-finaleFassungSchreibgesch%c3%bctzt.pdf?fd=2

Dem Dokument ist nicht zu entnehmen, ob es sich um das vom Kulturausschuss am 23.06.2015 beschlossene Erinnerungs- und Gedenkkultur-Konzept handelt. Verglichen mit der Fassung vom 04.05.2015 wurde Seite 9 entfernt. „Nationalsozialismus“, „Nazi“, „NS“ kommen darin nicht vor, „SS-Kaserne“, „SS-Schießstand“ je einmal.
Stadtmuseum zeigt Ausstellung zu Gefallenendenkmalen
Südkurier (24.02.2016)
suedkurier.de/region/kreis-konstanz/radolfzell/Stadtmuseum-zeigt-Ausstellung-zu-Gefallenendenkmalen;art372455,8541459

Matthias Güntert:
»Denk mal an den Krieg!« Neue Sonderausstellung im Stadtmuseum Radolfzell
Singener Wochenblatt (26.02.2016)
wochenblatt.net/heute/nachrichten/article/denk-mal-an-den-krieg

27. Februar bis 17. April 2016: Die Sonderausstellung „Denk mal an den Krieg! Gefallenendenkmale in und um Radolfzell“ im Stadtmuseum lockt 1103 Besucher.

Stadtmuseum Radolfzell:
Denk mal an den Krieg! Gefallenendenkmale in und um Radolfzell
(27.02.–17.04.2016) Sonderausstellung
t4-ausstellung.de/dokumente/160214_Sonderausstellung_Stadtmuseum.pdf

Natalie Reiser:
Radolfzell: Vom Umgang mit Gefallenen-Denkmälern
Südkurier (02.03.2016)
suedkurier.de/region/kreis-konstanz/radolfzell/Vom-Umgang-mit-Gefallenen-Denkmaelern;art372455,8558770

Matthias Güntert:
Sensibel und erläuternd. Stadtmuseum widmet sich Kriegerdenkmälern
Singener Wochenblatt (06.03.2016)
wochenblatt.net/heute/nachrichten/article/sensibel-und-erlaeuternd

Dr. Patrick Brauns, Konstanz:
Denkmäler-Vortrag in Radolfzell am 12. April 2016
(10.03.2016)
patrickbrauns.net/denkmaeler-vortrag-in-radolfzell

8. Mai 2016: Die Neonazipartei „Der III. Weg“ nutzt das NS-Kriegsdenkmal am Tag der Befreiung von Faschismus und Krieg für revisionistische, volksverhetzende „Ehrendienst“-Rituale, bei denen sie zum „Heldengedenken“ die Reichsflagge mit Kranz deponiert.

2. Oktober 2016: Die Stadt installiert zur „Kulturnacht“ 38 von Schülern und Kindergartenkindern gestaltete „Friedensfahnen“. Die Schüler möchten damit „ein Zeichen für Frieden und Freiheit setzen“ (Gerhard-Thielcke-Realschule, 15.11.2016), die Stadt will den NS-Kultort zu einem „Platz des Friedens“ wandeln. Die Fahnen sollen bis zum 13.11.2016 (Volkstrauertag) stehen bleiben, werden aber sämtlich am 03./04.10.2016 von Unbekannten gestohlen. Am Tatort finden sich Flugblätter und Aufkleber der Neonazipartei „Der III. Weg“. Die Stadtverwaltung erstattet Strafanzeige gegen diese Partei. (SK 06.10.2016)

4. Oktober 2016: Der Gemeinderat beschließt einstimmig eine Erklärung gegen Gewalt und Rassismus, in der er sich

„gegen jede Form von Gewalt, Diskriminierung, Rassismus, Antisemitismus, politischen Extremismus, Faschismus und Antiziganismus“
positioniert, um neonazistischen Aktionen entgegenzutreten.
„Der Gemeinderat fordert die Verwaltung auf, zukünftig alle rechtlichen Möglichkeiten auszuschöpfen, um Demonstrationen und Veranstaltungen mit extremistischem Hintergrund auf städtischem Gelände zu verhindern“.
Sollte dies unvermeidbar sein, erwartet der Gemeinderat
„eine direkte und schnelle Rückmeldung, damit die unterschiedlichsten Gruppen mit rechtsstaatlichen Mitteln aktiv werden könnten“.
Die Erklärung erscheint im amtlichen Mitteilungsblatt „Hallo Radolfzell“ (No. 43, Jahrgang 22, 27.10.2016), von dem das öffentliche Digitalarchiv nur den aktuellen und den vorhergehenden Jahrgang bereitstellt. Unter „Aktuelles“ verschwindet die Erklärung nach zwei Wochen spurlos von ihrer URL. Indirekt ist sie noch als Teil der Sitzungsunterlagen zugänglich, doch da der Suchindex den gescanten Text nicht erfasst, bleibt maschinelles Suchen danach erfolglos.

Stadt Radolfzell am Bodensee, Gemeinderat:
Interfraktioneller Antrag gegen Gewalt und Rassismus
(04.10.2016) Fachbereich Bürgerdienste Beschlussvorlage 2016/1745
radolfzell.sitzung-online.de/bi/vo020.asp?VOLFDNR=1985
(dort Verweis auf die Erklärung des Gemeinderates der Stadt Radolfzell gegen Gewalt und Rassismus)
(04.10.2016) Wortprotokoll
radolfzell.sitzung-online.de/bi/to020.asp?TOLFDNR=21189

Oliver Fiedler:
Wahrscheinlich politisch motivierter Diebstahl
Schülerkunstwerk der Kulturnacht wurde entfernt

Singener Wochenblatt (05.10.2016)
wochenblatt.net/heute/nachrichten/article/wahrscheinlich-politisch-motivierter-diebstahl

Lisa Jahns:
Nach Diebstahl von Friedensfahnen:
Stadt erstattet Anzeige gegen rechtsextreme Partei

Südkurier (06.10.2016)
suedkurier.de/region/kreis-konstanz/radolfzell/Nach-Diebstahl-von-Friedensfahnen-Stadt-erstattet-Anzeige-gegen-rechtsextreme-Partei;art372455,8936126

Matthias Güntert:
»Armseligkeit von Rechts« Rat setzt klares Zeichen gegen Rechtsradikalismus
Singener Wochenblatt (06.10.2016)
wochenblatt.net/heute/nachrichten/article/armseligkeit-von-rechts

Landeskoordinierungsstelle Demokratiezentrum Baden-Württemberg, Jugendstiftung Baden-Württemberg, Sersheim:
Friedensfahnen gestohlen (Oktober 2016) S. 51
in: Rechtsextreme und fremdenfeindliche Vorfälle in Baden-Württemberg – Monitoring Bericht 2016, 68 S.
demokratiezentrum-bw.de/wp-content/uploads/2018/04/ Monitoring_2016_Demokratiezentrum-BAden-W%C3%BCrttemberg.pdf

11. Oktober 2016: Die Räte im Sitzungssaal: ratlos. Der Kulturausschuss verwirft den Beschlussvorschlag der Verwaltung

„Ein Künstlerwettbewerb zur weiteren Gestaltung des Kriegerdenkmals am Luisenplatz wird im Jahr 2017 durchgeführt.“
und beschließt einstimmig:
„Beibehaltung der jetzigen Gestaltung am Luisenplatz mit den informativen Tafeln ohne weitere künstlerische Maßnahmen. Beibehaltung der regelmäßigen Aktionen zur Betonung des Friedensgedankens am Luisenplatz, z.B. Fahnenaktion, Begehung des Weltfriedenstages, aktuelle Gestaltung des Volkstrauertages, etc.“
So bleibt es nach dem Fahnendiebstahl dabei, Kränze unter die SS-Tätertafeln beim NS-Kriegsdenkmal zu legen.

Stadt Radolfzell am Bodensee, Kulturausschuss:
Luisenplatz: Gestaltungswettbewerb
(11.10.2016) Stadtgeschichte Beschlussvorlage 2016/1673
radolfzell.sitzung-online.de/bi/vo020.asp?VOLFDNR=1900
(11.10.2016) Wortprotokoll
radolfzell.sitzung-online.de/bi/to020.asp?TOLFDNR=21286

Nicole Rabanser:
Ein Zeichen des Friedens gesetzt
Stadt stellt 48 neue Friedensfahnen beim Kriegerdenkmal auf

Singener Wochenblatt (21.10.2016)
wochenblatt.net/heute/nachrichten/article/ein-zeichen-des-friedens-gesetzt

13. November 2016: Am Volkstrauertag hält Stadtrat Reinhard Rabanser auf der „Gedenkveranstaltung am Luisenplatz anlässlich der in den Kriegen gefallenen Radolfzeller“ eine Rede. Er sieht in den 48 Friedensfahnen, die die Kinder zum Ersatz der gestohlenen Fahnen erstellten, ein Zeichen dafür, „den Wunsch nach Frieden weiterhin als höchstes Gut in sich zu tragen und dies auch nach außen hin zu zeigen“ (WB 15.11.2016). Danach hinterlegen er, OB Martin Staab, Bürgermeisterin Monika Laule und MdL Jürgen Keck Kränze „an der Gedenktafel für die Opfer von Krieg und Gewalt in der Welt“ (SK 13.11.2016), die nicht existiert; gemeint ist die Tafelwand mit den Namen der Wehrmachts- und SS-Täter.

Gerald Jarausch:
Volkstrauertag in Radolfzell: Die Fahnen wehen wieder
48 Friedensfahnen als Zeichen der Hoffnung sind zum Volkstrauertag am Luisenplatz aufgestellt worden

Südkurier (13.11.2016)
suedkurier.de/region/kreis-konstanz/radolfzell/Volkstrauertag-in-Radolfzell-Die-Fahnen-wehen-wieder;art372455,8997276

Matthias Güntert:
Fahnen als Zeichen des Friedens. 48 neue Friedenssymbole zum Volkstrauertag
Singener Wochenblatt (15.11.2016)
wochenblatt.net/heute/nachrichten/article/fahnen-als-zeichen-des-friedens

Stadtverwaltung Radolfzell, Pressestelle, Julia Theile:
Tafel am Luisenplatz |
Unbekannte besprühten die Tafel am Kriegerdenkmal Luisenplatz

(24.11.2016)
radolfzell.de/docs/index.aspx?id=15368&n_d_from_y=2001&n_d_from_m=1& n_d_to_y=2016&n_d_to_m=12&newsrefid=15314&newsid=245125

Gedenktafel besprüht
Wieder Beschädigung am Kriegerdenkmal

Singener Wochenblatt (24.11.2016)
wochenblatt.net/heute/nachrichten/article/gedenktafel-besprueht

Matthias Güntert:
Erneuter Vandalismus am Kriegerdenkmal
Stadt stellt Strafanzeige gegen Unbekannt

Singener Wochenblatt (25.11.2016)
wochenblatt.net/heute/nachrichten/article/erneuter-vandalismus-am-kriegerdenkmal

2017: Nachdem der Gemeinderat eine Platzumgestaltung im Oktober 2016 verworfen hat, taucht das Problem 2017 wieder auf.

21./22. Januar 2017: Farbaktion von Unbekannten, die das NS-Kriegsdenkmal mit Lack beklecksen, mit fünf Farben

„LIEBER BUNT ALS NAZI-SCHUND“
auf den Sockel schreiben und auf den Tätertafeln den Namen des SS-Obersturmbannführers Koeppen gelb markieren.

SK:
Wieder Schmierereien am Kriegerdenkmal in Radolfzell
Südkurier (22.01.2017)
suedkurier.de/region/kreis-konstanz/radolfzell/Wieder-Schmierereien-am-Kriegerdenkmal-in-Radolfzell;art372455,9096909

Oliver Fiedler:
Schon wieder Vandalismus am Kriegerdenkmal
Farbbeutel geworfen und Schriftzug aufgemalt

Singener Wochenblatt (22.01.2017)
wochenblatt.net/heute/nachrichten/article/schon-wieder-vandalismus-am-kriegerdenkmal

Farbattacke auf Kriegerdenkmal in Radolfzell
LinksRhein (23.01.2017)
linksrhein.blogsport.de/2017/01/23/farbattacke-auf-kriegerdenkmal-in-radolfzell

Claudia Wagner:
Unbekannte haben das Kriegerdenkmal am Luisenplatz mit Farbbeuteln beworfen
Südkurier (23.01.2017)
suedkurier.de/region/kreis-konstanz/radolfzell/Unbekannte-haben-das-Kriegerdenkmal-am-Luisenplatz-mit-Farbbeuteln-beworfen;art372455,9099038

„Der Historiker Markus Wolter beleuchtet die Frage, warum das Denkmal immer wieder als Provokation wirkt.“
26. Januar 2017: Die Neonazipartei „Der III. Weg“ fordert die Stadt auf, „das Kriegerdenkmal unverzüglich zu säubern und herzurichten“ und droht eine „eigene Säuberungsaktion“ an. Die Stadt antwortet, dass „Minus-Temperaturen“ und „poröser Stein“ die Reinigung verzögern. Daraufhin stellen die Neonazis der Stadt das Ultimatum, „bis Ende Februar [..] die bitter notwendigen Reinigungen durchzuführen“.

Markus Wolter:
Farbbeutelwurf auf Kriegerdenkmal:
Warum das Denkmal und der Gedenkort umstritten bleiben werden

Südkurier (27.01.2017)
suedkurier.de/region/kreis-konstanz/radolfzell/Farbbeutelwurf-auf-Kriegerdenkmal-Warum-das-Denkmal-und-der-Gedenkort-umstritten-bleiben-werden;art372455,9104133

2. Februar 2017: Eine Spezialreinigungsfirma schließt die Entfernung der Farbkleckse ab. Bürgermeisterin Monika Laule mailt dem vom Verfassungsschutz als höchst gewaltbereit eingestuften „III. Weg“ zwei Beweisfotos mit dem Hinweis, das Denkmal sei nun gereinigt. (SM 02.05.2017, SK 15.01.2018)

Georg Becker:
Buntes auf dem Luisenplatz in Radolfzell stört die Nationalsozialisten
Südkurier (17.02.2017)
suedkurier.de/region/kreis-konstanz/radolfzell/Buntes-auf-dem-Luisenplatz-in-Radolfzell-stoert-die-Nationalsozialisten;art372455,9137345

J. Geiger:
Die Stadt und die Nazis
SeeMoZ (21.04.2017)
seemoz.de/lokal_regional/die-stadt-und-die-nazis

Zeigt ein Foto des bunt beklecksten NS-Kriegsdenkmals.
Matthias Güntert:
Beweise führen nach Königsfeld. Mutmaßlicher Fahnendieb könnte gefasst sein
Singener Wochenblatt (26.04.2017)
wochenblatt.net/heute/nachrichten/article/beweise-fuehren-nach-koenigsfeld

jüg:
Pschorr: Steilvorlage für die Nazis
SeeMoZ (02.05.2017)
seemoz.de/lokal_regional/pschorr-steilvorlage-fuer-die-nazis

Kritisiert die peinlich anbiedernden E-Mails der Bürgermeisterin an den „III. Weg“.
Claudia Wagner:
Für Frieden und Vielfalt: Zwei Kundgebungen für den 8. Mai geplant
Südkurier (03.05.2017)
suedkurier.de/region/kreis-konstanz/radolfzell/Fuer-Frieden-und-Vielfalt-Zwei-Kundgebungen-fuer-den-8-Mai-geplant;art372455,9240767

Antifaschistischer Infostand in Radolfzell am 8. Mai
OAT Konstanz (03.05.2017)
oatkn.blogsport.de/2017/05/03/antifaschistischer-infostand-in-radolfzell-am-8-mai

hpk:
Drei Veranstaltungen in Radolfzell wollen am Montag eine vierte verhindern
SeeMoZ (05.05.2017)
seemoz.de/lokal_regional/drei-veranstaltungen-in-radolfzell-wollen-am-naechsten-montag-eine-vierte-verhindern

8. Mai 2017: Zwei Schüler organisieren eine Kundgebung am Luisenplatz mit dem Titel „Radolfzell ist bunt – Sag ja zu Vielfalt und nein zu Menschenhass“, an der rund 60 Menschen teilnehmen. Vier Rechtsextreme stören die Kundgebung. Die Polizei erzwingt den Abbau des Informationspavillons, der vor dem Regen schützen sollte. (SK 03.05.2017, SK 08.05.2017)

Claudia Wagner, Anna-Maria Schneider:
Kundgebung für Frieden und Vielfalt wird gestört von mutmaßlichen Mitgliedern des "Dritten Weg"
Südkurier (08.05.2017)
suedkurier.de/region/kreis-konstanz/radolfzell/Kundgebung-fuer-Frieden-und-Vielfalt-wird-gestoert-von-mutmasslichen-Mitgliedern-des-Dritten-Weg;art372455,9246140

Matthias Güntert:
Zwei Zeichen für Toleranz - eins für Intoleranz
Kundgebungen auf dem Markt- und Luisenplatz in Radolfzell

Singener Wochenblatt (08.05.2017)
wochenblatt.net/heute/nachrichten/article/zwei-zeichen-fuer-toleranz-eins-fuer-intoleranz

DS:
Radolfzell trotzt Rechtsextremen und Verwaltung
SeeMoZ (09.05.2017)
seemoz.de/lokal_regional/radolfzell-trotzt-rechtsextremen-und-verwaltung

Stellungnahme des OAT Konstanz bezüglich des antifaschistischen Infostandes in Radolfzell am 08. Mai
OAT Konstanz (10.05.2017)
oatkn.blogsport.de/2017/05/10/stellungnahme-des-oat-konstanz-bezueglich-des-antifaschistischen-infostandes-in-radolfzell-am-08-mai

Beschreibt, wie Stadtverwaltung und Polizei antifaschistisches Engagement am Tag der Befreiung von Faschismus und Krieg schikanieren und behindern.
Kundgebungen am 8. Mai gegen Neonazis vom „III. Weg“ durch Stadt Radolfzell und Polizei behindert
LinksRhein (11.05.2017)
linksrhein.blogsport.de/2017/05/11/kundgebungen-am-8-mai-gegen-neonazis-vom-iii-weg-durch-stadt-radolfzell-und-polizei-behindert

Ramona Löffler:
Beweise reichen nicht für Verurteilung:
Freispruch für Anhänger von Partei "Der dritte Weg" im Luisenplatz-Prozess

Südkurier (03.06.2017)
suedkurier.de/region/kreis-konstanz/radolfzell/Beweise-reichen-nicht-fuer-Verurteilung-Freispruch-fuer-Anhaenger-von-Partei-Der-dritte-Weg-im-Luisenplatz-Prozess;art372455,9277925

Der wegen des Diebstahls der 38 Friedensfahnen im Oktober 2016 angeklagte 24-jährige Aktivist der Neonazipartei wird freigesprochen, da ein einzelner Fingerabdruck auf einem Plakat kein Beweis dafür ist.
29. Juni 2017: Wegen „Vorkommnissen im ersten Halbjahr 2017 am Luisenplatz durch rechts- und linksextreme Gruppen“ diskutiert der Arbeitskreis Erinnerung Vorschläge „für eine zusätzliche Gestaltung des Luisenplatzes“ und wählt folgende zur Prüfung aus (Liste und Zitate aus Stadtgeschichte Beschlussvorlage 2017/2176):
  1. Glasverhüllung (einfarbig, farbig, beleuchtet)
    Das Denkmal wird durch eine Galskonstruktion [!] verhüllt, welche z.B. farbig gestaltet sein kann.
  2. Grünbewuchs (Wilder Wein, Efeu, weiße Rosen)
    Das Denkmal wird von Planzen [!] zugewachsen.
  3. Farbe (Anstrich, bunt)
    Das Denkmal wird farbig umgestaltet.
  4. Farbiges Gummigranulat (bunt und plastisch)
    Das Denkmal wird farbig und in seiner Form verändert.
  5. Texttafel Luise von Baden
    Eine Erläuterungstafel zur Großherzogin soll den Namen des Platzes erläutern.
  6. Versetzung der Namenstafeln
    Die Tafeln mit den Namen der Gefallenen soll [!] auf den Waldfriedhof versetzt werden.
  7. Schieflegung der Soldatenfiguren
    Die Soldaten werden in ihrer Achse verschoben und sollen damit "schief" dastehen, was ihnen die Bedrohlichkeit nehmen soll.
  8. Versenkung der Figuren
    Die Figuren sollten entweder ganz oder zum Teil im Boden verschwinden, was ihnen die Höhe und damit Bedrohlichkeit nehmen soll.
  9. Schaffung eines Aufenthaltsort [!]
    Es soll ein Ort mit hoher Aufenthaltsqualität mit Spielgeräten und Bänken geschaffen werden. Der Luisenplatz soll dadurch mehr belebt werden.
  10. Erklärungen in leichter Sprache
    Die Erläuterungstafeln werden in leicht verständlicher Weise durch sogenannte "leichte Sprache" ergänzt (Tafeln, Bildschirme, etc.).
Der Arbeitskreis diskutiert auch den „Gestaltungsvorschlag der Sprengung und Zerstörung des Denkmales“, der nicht zur Auswahl steht, „da es nicht den Leitlinien zur Erinnerungskultur entspricht, das Denkmal zu zerstören“.

17. Oktober 2017: Der Kulturausschuss befasst sich mit den zehn Vorschlägen des Arbeitskreises Erinnerung vom 29.06.2017 und ergänzt sie um diese:

  • „Die Figuren werden umgedreht und laufen auf die Totentafel zu.“
  • „Die Figuren werden an einen anderen Standort innerhalb des Luisenplatzes versetzt.“
„Operatives Ziel [...] ist eine weitere Sichtbarmachung der Geschichte des Luisenplatzes und Erläuterung des Soldatendenkmals.“ „Eine weitere erläuternde Gestaltung des Luisenplatzes soll [ihm] auch seine politische Brisanz für das rechts- oder linksextreme Spektrum“ nehmen. Entsprechend zielgerichtet wählt der Kulturausschuss vier der 12 Vorschläge jeweils mehrheitlich in den Beschluss: „Die Abteilung Stadtgeschichte wird beauftragt, folgende Vorschläge zur Umgestaltung des Luisenplatzes hinsichtlich Umsetzbarkeit, Finanzierung und Sicherheit prüfen zu lassen:
  • Grünbewuchs (Wilder Wein, Efeu, weiße Rosen)
    Das Denkmal wird von Pflanzen zugewachsen.
  • Texttafel Luise von Baden
    Eine Erläuterungstafel zur Großherzogin soll den Namen des Platzes erläutern.
  • Schaffung eines Aufenthaltsortes
    Es soll ein Ort mit hoher Aufenthaltsqualität mit Bänken geschaffen werden.
  • Versetzung der Figuren an einen anderen Standort innerhalb des Luisenplatzes.“
Für Prüfungen der Umsetzbarkeit der Vorschläge sind 5.000 Euro im Haushalt 2018 angemeldet. „Vor allem die Realisierbarkeit hinsichtlich Statik, Architektur und Sicherheit bzw. in Hinblick auf Umwelt, Landschaft und Gewässer“ müssen Experten prüfen. Nach den Umsetzbarkeitsprüfungen der Vorschläge soll sie der Arbeitskreis Erinnerung im März 2018 besprechen und der Kulturausschuss im Mai 2018 vorstellen. „Anschließend soll ein Künstlerwettbewerb zur Umsetzung der ausgewählten Vorschläge stattfinden.“

Stadt Radolfzell am Bodensee, Kulturausschuss:
Prüfaufträge für Neugestaltung des Luisenplatzes
(17.10.2017) Stadtgeschichte Beschlussvorlage 2017/2176
radolfzell.sitzung-online.de/bi/vo020.asp?VOLFDNR=2520
(17.10.2017) Wortprotokoll
radolfzell.sitzung-online.de/bi/to020.asp?TOLFDNR=24509

Anna-Maria Schneider:
So könnte der Luisenplatz umgestaltet werden
Südkurier (20.10.2017)
suedkurier.de/region/kreis-konstanz/radolfzell/So-koennte-der-Luisen­platz-umgestaltet-werden;art372455,9462838

„Am meisten Anklang fand die Idee des Seniorenrates, das Denkmal mit Efeu bewachsen zu lassen und nur zum Volkstrauertag die Tafeln mit den Namen der Gefallenen von dem Grün zu befreien.“

Die SS-Täternamen zum Volkstrauertag „befreien“?

Matthias Güntert:
Luisenplatz soll umgestaltet werden
Ausschuss will Prüfaufträge im Mai präsentieren

Singener Wochenblatt (25.10.2017)
wochenblatt.net/heute/nachrichten/article/luisenplatz-soll-umgestaltet-werden

Georg Lange:
Demokratie leben: Bürgerkonferenz im Radolfzeller Zunfthaus
Südkurier (10.11.2017)
suedkurier.de/region/kreis-konstanz/radolfzell/Demokratie-leben-Buergerkonferenz-im-Radolfzeller-Zunfthaus;art372455,9491063

„"Mein Wunsch ist es, dass sich Bürger gemeinsam für ihre Demokratie aktiv einsetzen und dass sie sich an Aktionen beteiligen, sie selbst initiieren und ein Zeichen gegen Rassismus, Extremismus und jegliche Form von Diskriminierung und Gewalt in unserer Stadt setzen", ruft Monika Laule die Radolfzeller Bürger auf.“
Welcome to Radolfzell – Demonstation [!] gegen Neonazis
OAT Konstanz (14.11.2017)
oatkn.blogsport.de/2017/11/14/welcome-to-radolfzell-demonstation-gegen-neonazis

WELCOME TO RADOLFZELL – Gegen «Heldengedenken» von NS-Verbrechern in Radolfzell – Für eine Aufarbeitung der NS-Vergangenheit und des Widerstands
oatkn.blogsport.de/images/WelcometoRadolfzell.pdf

Kundgebung: Welcome to Radolfzell!
facebook.com/events/743649239155897

Aufrufe zu einer Demonstration, die am 19.11.2017 am Luisenplatz stattfinden soll.
16. November 2017: Die Stadt genehmigt die für den 19.11.2017 am Luisenplatz angemeldete Demonstration „Welcome to Radolfzell!“ zu Radolfzells NS-Geschichte und zur Neonazipartei „Der III. Weg“.

17. November 2017: Die Stadt untersagt die vortags genehmigte Versammlung. Bürgermeisterin Monika Laule begründet das Demonstrationsverbot so:

„Nachdem in der Nacht vom 16. auf den 17. November der Sockel des Kriegerdenkmals am Luisenplatz unerlaubt mit Plakaten beklebt worden war, haben wir heute die Versammlung untersagt. Es werden dennoch Polizeikräfte vor Ort sein, um für die öffentliche Sicherheit und Ordnung zu sorgen.“
Unklar ist, welche Beziehung zwischen den unbekannten Plakatklebern und der Anmelderin bestehen könnte, wie die Versammlung die „öffentliche Sicherheit und Ordnung unmittelbar gefährden“ könnte, und wie die Verhältnismäßigkeit der Mittel (Plakatierung ./. Demoverbot) garantiert sein soll. Das Verbot erreicht die Anmelderin zum freitäglichen Büroschluss der Anwaltskanzleien, was ihr Rechtswege gegen das Verbot verbaut. (LR 16./17.11.2017, WB 21.11.2017, LR 30.03.2018)
Am 02.08.2018 wird das Verwaltungsgericht Freiburg das Demonstrationsverbot als rechtswidrig beurteilen.
19.11.: Demonstration „Welcome to Radolfzell“
LinksRhein (16./17.11.2017)
linksrhein.blogsport.de/2017/11/16/19-11-demonstration-welcome-to-radolfzell

Anna-Maria Schneider:
Stadt untersagt Antifa-Demo
Südkurier (17.11.2017)
suedkurier.de/region/kreis-konstanz/radolfzell/Stadt-untersagt-Antifa-Demo;art372455,9500914

Zeigt ein Foto des mit drei DIN-A4-Plakaten „sachbeschädigten“ NS-Kriegsdenkmalsockels.
Matthias Güntert:
Stadt untersagt »Antifa«-Kundgebung
Linksaktivisten bekleben Kriegerdenkmal auf dem Luisenplatz

Singener Wochenblatt (17.11.2017)
wochenblatt.net/heute/nachrichten/article/stadt-untersagt-antifa-kundgebung

Gegen Behörden Willkür und Repression in Radolfzell
OAT Konstanz (18.11.2017)
oatkn.blogsport.de/2017/11/18/gegen-behoerden-willkuer-und-repression-in-radolfzell

Matthias Güntert:
Erinnern und Gedenken. Volkstrauertag am kommenden Sonntag
Singener Wochenblatt (18.11.2017)
wochenblatt.net/heute/nachrichten/article/erinnern-und-gedenken

19. November 2017: Bei der Volkstrauertagsfeier spielt das Jugendblasorchester Michael Jacksons Heal the World. Die Präventionsratsvorsitzende Nina Breimaier mahnt vor rechter Stimmungsmache, Ausgrenzung von Minderheiten, Demokratiefeindlichkeit und gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit, konzediert, dass es ihr schwer falle, am NS-Kriegsdenkmal „der Vertriebenen, Verfolgten, all der zivilen Opfer zu gedenken“ und schlägt vor, den Platz in ein „Geschichtsdenkmal“ umzuwandeln. Danach legen sie, OB Martin Staab, Bürgermeisterin Monika Laule und MdL Jürgen Keck Kränze vor der Tafelwand mit den Namen der SS-Terroristen nieder. (SK 19.11.2017, WB 21.11.2017, FGL 01.02.2018)

Als sich rund 20 Antifaschisten spontan am Seetorplatz versammeln, um zum Luisenplatz zu ziehen, werden sie ohne erkennbare Rechtsgrundlage beim Untertorplatz von über 40 Polizisten und zwei Hunden eingekesselt. Die Polizei nimmt vier „Rädelsführer“ fest und behandelt sie erkennungsdienstlich. Die Staatsanwaltschaft verhängt Bußgeldbescheide und Strafanzeigen wegen „Aufrufs zu und Teilnahme an einer verbotenen Demonstration“ und „Widerstands gegen die Staatsgewalt“, und leitet fünf Ermittlungsverfahren ein. Stadträtin Gisela Kögel-Hensen kommentiert:

„Der Einsatz von Polizeihunden war vielleicht doch etwas überzogen.“
(SK 19.11.2017, SM 20.11.2017, LR 30.03.2018, SK 22.04.2018)
Bis August 2018 werden drei, bis September 2018 vier der fünf Ermittlungsverfahren eingestellt sein (LR 04.08.2018, SM 09.08.2018, LR 22.08.2018, LR 18.09.2018). War vielleicht nicht nur der Hundeeinsatz überzogen?
Petra Reichle:
Gedenkfeier zum Volkstrauertag: Appell für vielfältige und friedliche Stadt
Südkurier (19.11.2017)
suedkurier.de/region/kreis-konstanz/radolfzell/Gedenkfeier-zum-Volkstrauertag-Appell-fuer-vielfaeltige-und-friedliche-Stadt;art372455,9503044

Kundgebung eskaliert:
Polizei löst nicht genehmigte Demo der Antifaschistischen Aktion auf

Südkurier (19.11.2017)
suedkurier.de/region/kreis-konstanz/radolfzell/Kundgebung-eskaliert-Polizei-loest-nicht-genehmigte-Demo-der-Antifaschistischen-Aktion-auf;art372455,9503173

Zeigt ein Foto der von Polizisten umzingelten Antifaschisten.
Demonstrieren ist keine Straftat!
OAT Konstanz (19.11.2017)
oatkn.blogsport.de/2017/11/19/demonstrieren-ist-keine-straftat

jüg:
„Schwarze Stunde für die Demokratie in Radolfzell“
SeeMoZ (20.11.2017)
seemoz.de/lokal_regional/schwarze-stunde-fuer-die-demokratie-in-radolfzell

Polizeiwillkür und schlechter Journalismus in Radolfzell
LinksRhein (20.11.2017)
linksrhein.blogsport.de/2017/11/20/polizeiwillkuer-und-schlechter-journalismus-in-radolfzell

Kritisiert fehlende Rechtsgrundlagen der Auflösung der Spontandemonstration am 19.11.2017.
Uwe Johnen:
Volkstrauertag – aktuell wie nie zuvor. Bewegende Rede zum Gedenken aller Opfer von Krieg, Verfolgung und Gewaltherrschaft
Singener Wochenblatt (21.11.2017)
wochenblatt.net/heute/nachrichten/article/volkstrauertag-aktuell-wie-nie-zuvor
Singener Wochenblatt (22.11.2017) Ausgabe Radolfzell
wochenblatt.net/fileadmin/Archiv/2017/RAS/2017_47_RAS.pdf

Radolfzell: Denkmal am Luisenplatz mit Farbbeuteln beworfen
Südkurier (27.12.2017)
suedkurier.de/region/kreis-konstanz/radolfzell/Denkmal-am-Luisenplatz-mit-Farbbeuteln-beworfen;art372455,9555065

Oliver Fiedler:
Schon wieder Farbanschlag auf Kriegerdenkmal
Feuerwehr konnte teils flüssige Farbe wieder entfernen

Singener Wochenblatt (27.12.2017)
wochenblatt.net/heute/nachrichten/article/schon-wieder-farbanschlag-auf-kriegerdenkmal

14. bis 16. Januar 2018: Ein Bekennerschreiben nennt „Antifa Paradise“ als „autonome antifaschistische Gruppe“, die am 14./15.01.2018 eine Farbaktion gegen das NS-Kriegsdenkmal verübt habe. Die Stadtverwaltung lässt die Farben am 15.01. bis auf Reste entfernen und zeigt die „Beschädigung des Denkmals“ an. Der Radolfzeller Polizeirevierleiter Willi Streit weiß nicht, wer hinter dem Bekennerschreiben stecke und gibt den Fall an den Staatsschutz weiter, der immer bei politisch motivierten Straftaten eingeschaltet werde. Unklar ist, wie Farbkleckse auf einem NS-Kriegspropagandarelikt den demokratischen Rechtsstaat gefährden könnten. (SK 15.01.2018)

Anna-Maria Schneider:
Antifa Paradise bekennt sich zum Farbanschlag am Kriegerdenkmal
Südkurier (15.01.2018)
suedkurier.de/region/kreis-konstanz/radolfzell/Antifa-Paradisebekennt-sich-zum-Farbanschlag-am-Kriegerdenkmal;art372455,9576758
Ein Hauch von Rosa für die Betonsoldaten
Südkurier (30.01.2018) Ausgabe Singen, S. 21

Oliver Fiedler:
Schon wieder Farbbeutel am Kriegerenkmal [!]
Antifa-Gruppe hinterlässt Bekennerschreiben

Singener Wochenblatt (15.01.2018)
wochenblatt.net/heute/nachrichten/article/schon-wieder-farbbeutel-am-kriegerenkmal

Freie Grüne Liste Radolfzell e.V.:
Wir bewegen Radolfzell | FGL Beitrag im Hallo Radolfzell am 01.02.2018
Ist der Luisenplatz noch der richtige Ort, um Feierlichkeiten abzuhalten?

fgl-radolfzell.de/2018/02/05/fgl-beitrag-im-hallo-radolfzell-am-01-02-2018
Hallo Radolfzell, Amtsblatt der großen Kreisstadt Radolfzell, Nr. 5, Jg. 24 (01.02.2018) S. 5
radolfzell.de/bausteine.net/f/13806/01.02.18klein.pdf?fd=2

Auszüge aus der Rede von Gemeinderätin Nina Breimaier zum Volkstrauertag 2017.
Karlheinz Hug:
Überlegungen zum NS-Kriegerdenkmal in Radolfzell
(14.02.2018) Gewidmet dem Radolfzeller Kulturausschuss und dem Arbeitskreis Erinnerungskultur, 7 S.
karlheinz-hug.de/hegau-bodensee/start/Radolfzell_NS-Kriegerdenkmal_Ueberlegungen_2018-02-14_K_Hug.pdf
Diskutiert 11 Optionen zum Umgang mit dem NS-Kriegsdenkmal.

Repliken aus der Stadtverwaltung: „Ganz herzlichen Dank ... gebe Ihre Nachricht an den Fachbereich Kultur weiter zur Befassung des AK Erinnerung.“ „haben Ihr Papier an die Mitglieder des Arbeitskreises "Erinnerungskultur" geschickt und werden es bei unserer nächsten Sitzung Mitte März zusammen mit den weiteren Gestaltungsvorschlägen diskutieren.“ „für Ihre Nachricht mit Ihren Bemerkungen ... bedanken ... werden Ihre Anregungen in unsere laufende Diskussion zur Gestaltung des Luisenplatzes integrieren.“

15. März 2018: Der Arbeitskreis Erinnerungskultur diskutiert die vier Prüfaufträge des Kulturausschusses vom 17.10.2017 und ergänzt sie um die folgenden sieben Vorschläge (Liste aus Stadtgeschichte Beschlussvorlage 2017/2176-01):
  • Das Gefallenendenkmal wird komplett entfernt und die Namenstafeln werden auf dem Friedhof angebracht.
  • Das Gefallenendenkmal wird versetzt, der Platz aufgelöst, die Erinnerung daran muss jedoch bleiben und fortgeführt werden. Die Namenstafeln könnten am Luisenplatz bleiben.
  • Das Gefallenendenkmal bleibt an seinem Standort und die Namenstafeln werden auf den Friedhof versetzt. Als künstlerischer Gegenpol werden Bilder von militärischen Niederlagen installiert.
  • Das Gefallenendenkmal muss in ein Museum.
  • Eventuell könnte die ganze Anlage „eingehaust“ werden (muss noch geklärt werden).
  • Als Kontrapunkt zum Gefallenendenkmal ist ein künstlerischer Gegenpol aus Bildern von Niederlagen und Katastrophen denkbar.
  • Zusätzlich zum künstlerischen Kontrapunkt mit Niederlagenbildern noch ein weiterer künstlerischer Gegenpol.
Aufruf zur antifaschistischen Demo am 21.4. in Radolfzell
LinksRhein (30.03.2018)
linksrhein.blogsport.de/2018/03/30/aufruf-zur-antifaschistischen-demo-am-21-4-in-radolfzell

Aufruf zur antifaschistischen Demo am 21.4 [!] in Radolfzell
OAT Konstanz (05.04.2018)
oatkn.blogsport.de/2018/04/05/40

Aufruf zur „Demonstration gegen Nazistrukturen & Repressionen in Radolfzell“ am 21.04.2018, die von der Stadt durch extreme Auflagen behindert werden soll.
April 2018: Das „Bündnis Bodensee Nazifrei“, dem die „Offenen antifaschistischen Treffen“ (OAT) Konstanz und Freiburg und die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA) Konstanz angehören, meldet eine „Demonstration gegen Nazistrukturen & Repressionen in Radolfzell“ am 21.04.2018 an, die vom Bahnhof über ns-belastete Orte zum NS-Kriegsdenkmal führen soll. Die Stadt versucht, die Demonstration durch zahlreiche Auflagen u.a. zu Zeit, Weg, Ziel, Inhalten zu verhindern (Liste s. LR 22.04.2018). Das Verwaltungsgericht Freiburg spricht im Eilverfahren der Anmelderklage dagegen in allen Punkten Recht zu, erläutert der Stadt die Grundlagen der Demokratie und des Versammlungsrechts, bescheinigt, dass die Auflagen „offensichtlich rechtswidrig“ seien und „der herrschenden verfassungs- und verwaltungsrechtlichen Rechtsprechung“ widersprächen, eine Störung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung nicht zu befürchten sei usw. Die Stadt trägt die Verfahrenskosten, die Demonstration darf wie geplant stattfinden. (LR 22.04.2018, SK 22.04.2018)

MM:
Demo am Radolfzeller Kriegerdenkmal geplant
SeeMoZ (13.04.2018)
seemoz.de/lokal_regional/demo-am-radolfzeller-kriegerdenkmal-geplant

Von ZH an die Demo nach Radolfzell!
Barrikade, Infoportal aus der Deutschschweiz (17.04.2018)
barrikade.info/Von-ZH-an-die-Demo-nach-Radolfzell-1028

21. April 2018: An der „Demonstration gegen Nazistrukturen & Repressionen in Radolfzell“ beteiligen sich 50 bis 100 mit sechs Transparenten ummantelte und vier roten Wimpeln bewaffnete junge Antifaschisten, allseitig begleitet von etwa ebenso vielen meist jungen Polizisten in schwarzen hieb-, stich- und schusssicheren Schutzanzügen, ausgestattet mit diversen Waffen und Kommunikationsgeräten, denen drei Polizeifahrzeuge voraus- und zwei hinterherfahren, ergänzt durch zwei Polizisten in gelben mit „AntiKonfliktTeam“ beschrifteten Warnwesten. Bürgermeisterin Monika Laule rechtfertigt das Polizeiaufgebot als vorsorgliche Maßnahme im Sicherheitsinteresse. Unklar ist, wessen Sicherheit eine Demonstration bedrohen könnte, die zur Aufklärung der Radolfzeller NS-Geschichte beitragen will. Zur Abschlusskundgebung umzingeln die Demonstranten das NS-Kriegsdenkmal. (LR 22.04.2018, SK 22.04.2018, BN 22.04.2018)

Radolfzell Demo gegen Nazistrukturen & Repressionen 2018-04-21 K. Hug Vom Ordnungsamt Radolfzell verboten, vom Verwaltungsgericht Freiburg erlaubt: barfüßiger Demonstrant zwischen schwarzbestiefelten Polizisten

Radolfzell Demo gegen Nazistrukturen & Repressionen 2018-04-21 K. Hug Auf dem Weg vom Gurs-Mahnmal zum NS-Kriegsdenkmal stoppt die Demonstration mehrfach, um an nazi-belasteten Orten aufzuklären. Am Marktplatz schützt eine Polizistenbarriere Straßencafégäste vor Antifaschisten.

Radolfzell Demo gegen Nazistrukturen & Repressionen 2018-04-21 K. Hug Wohin auch das Auge blicket: Polizisten links, rechts, vorne, hinten tragen der Bedrohungslage trotzend ihre Schutzhelme in den Händen.

Radolfzell Demo gegen Nazistrukturen & Repressionen 2018-04-21 K. Hug Drei Polizeifahrzeuge und zahlreiche Polizisten bahnen der Demonstration den Weg durch Radolfzells Gassen und Straßen.

Radolfzell Demo gegen Nazistrukturen & Repressionen 2018-04-21 K. Hug Beim Polizeigebäude fallen kritische Worte über fragwürdige Polizeieinsätze.

Radolfzell Demo gegen Nazistrukturen & Repressionen 2018-04-21 K. Hug Beim NS-Kriegsdenkmal verhindert die geballt auftretende Staatsgewalt eine Farbattacke gegen das bestens gepflegte kulturelle Erbstück, obwohl keine Hinweise vorliegen, dass die Demonstranten solches geplant haben könnten.

Radolfzell Demo gegen Nazistrukturen & Repressionen Tafel Täter 2018-04-21 K. Hug Was die Stadt seit Jahrzehnten versäumt, schaffen die Demonstranten für zwei Stunden: öffentliche Aufklärung über die Täter und Opfer des Naziregimes. (Zum Vergrößern anklicken!)

Radolfzell Demo gegen Nazistrukturen & Repressionen Tafel Opfer 2018-04-21 K. Hug Jüdische Opfer und Opfer der Euthanasie (Zum Vergrößern anklicken!)

Radolfzell Demo gegen Nazistrukturen & Repressionen Tafel Sinti+Roma 2018-04-21 K. Hug Sinti und Roma (Zum Vergrößern anklicken!)

Radolfzell Demo gegen Nazistrukturen & Repressionen Tafel Widerstand 2018-04-21 K. Hug Widerstand (Zum Vergrößern anklicken!)

Oliver Fiedler:
Linksgerichtete Kundgebung verläuft ohne Zwischenfälle
Rund 50 Demonstranten in Radolfzell am Samstagnachmittag auf der Straße

Singener Wochenblatt (21.04.2018)
wochenblatt.net/heute/nachrichten/article/linksgerichtete-kundgebung-verlaeuft-ohne-zwischenfaelle

Klatsche vor Gericht:
Demo-Auflagen der Stadt Radolfzell „offensichtlich rechtswidrig“

LinksRhein (22.04.2018)
linksrhein.blogsport.de/2018/04/22/klatsche-vor-gericht-demo-auflagen-der-stadt-radolfzell-offensichtlich-rechtswidrig

Michael Jahnke:
Rund 50 Teilnehmer demonstrieren gegen "Nazistrukturen in Radolfzell"
Südkurier (22.04.2018)
suedkurier.de/region/kreis-konstanz/radolfzell/Rund-50-Teilnehmer-demonstrieren-gegen-Nazistrukturen-in-Radolfzell;art372455,9706764

Protest gegen Behördenwillkür in Radolfzell. Nazi-GegnerInnen können erst nach Eilentscheidung Freiburger Richter demonstrieren
Beobachter News (22.04.2018)
beobachternews.de/2018/04/22/protest-gegen-behoerdenwillkuer-in-radolfzell

Enthält vier Videos mit drei Reden sowie Fotos. Drittes Video:

Protest gegen Behördenwillkür in Radolfzell - Rede 2 - 21.4.2018 - YouTube
Video 1:40 (22.04.2018)
youtube.com/watch?v=UhJ2k9t525M

Demobericht 21.4. Radolfzell
OAT Konstanz (22.04.2018)
oatkn.blogsport.de/2018/04/22/demobericht-21-4-radolfzell
Kopie:
Bericht Antifa-Demo 21.4. Radolfzell
Barrikade, Infoportal aus der Deutschschweiz (23.04.2018)
barrikade.info/Bericht-Antifa-Demo-21-4-Radolfzell-1051

jüg:
Unruhe im Hinterland
SeeMoZ (23.04.2018)
seemoz.de/lokal_regional/unruhe-im-hinterland

Radolfzell bleibt bunt! – 8. Mai Kundgebung Luisenplatz in Radolfzell
OAT Konstanz (03.05.2018)
oatkn.blogsport.de/2018/05/03/radolfzell-bleibt-bunt-8-mai-kundgebung-luisenplatz-in-radolfzell

Aufruf zu der vor Monaten angemeldeten „Kundgebung für mehr Toleranz und gegen örtliche Nazistrukturen“ am 08.05.2018, die von der Stadt kurzfristig verboten wird.
8. Mai 2018: Das Kundgebungsverbot für die vor Monaten angemeldete „Kundgebung für mehr Toleranz und gegen örtliche Nazistrukturen“ begründet die Stadt damit, das später angemeldete „Friedensfest“ des Präventionsrats der Stadt und des „Bürgerbündnisses Radolfzell für Demokratie“ (BRD) würde Vorrang genießen. Die Stadt erteilt das Verbot am 07.05., sodass kein Eilverfahren für Rechtsschutz mehr möglich ist, und verdrängt die am Luisenplatz verbotene Kundgebung zum Forsteibrunnen, wo der Infotisch von Polizisten in fünf Fahrzeugen überwacht wird. Unklar ist, wie sich Diskriminierung, Privilegierung und Tricksereien mit Demokratie und Recht vertragen. (BN 12.05.2018)

Polizeipräsidium Konstanz, Sauter:
POL-KN: Kundgebung verläuft friedlich
(08.05.2018) Pressemitteilung
presseportal.de/blaulicht/pm/110973/3938730

Zum „Friedensfest“ wird das NS-Kriegsdenkmal in eine Stoffbahn gewickelt. Über Grund, Zweck und Sinn der Verhüllung rätselnde Zuschauer erhalten weder per Flugblatt noch per Ansage mitgeteilt, was das soll. Der Südkurier berichtet, man habe die dominierenden NS-Soldaten unsichtbar und Luise, die Namensgeberin des Platzes, sichtbar machen wollen. „Das Friedensfest solle auch dazu beitragen, dass Erinnerungen an die militärische Tradition verschwinden.“ Zugleich preisen die Veranstalter die Erinnerungskulturleitlinien der Stadt, nach denen „Spuren verschiedener Zeitschichten sichtbar zu machen“ seien. Unklar ist, wieso sie die Spur der militaristischen NS-Zeit, die in den Steinsoldaten erhalten ist, ausgerechnet am Tag der Befreiung von Faschismus und Krieg verstecken, anstatt den Tag zu nutzen, um über dieses Propagandamittel für den geplanten Krieg aufzuklären. Unklar bleiben auch Bezüge Luises zum Naziregime einerseits, zu seinem Sturz und zur bundesdeutschen Demokratie andererseits.

Radolfzell NS-Kriegerdenkmal Verhülung+Luise 2018-05-08 K. Hug Was hat Luise mit dem NS-Kriegsdenkmal und der Befreiung von Faschismus und Krieg zu tun?

Auf dem Rasen vor dem verhüllten NS-Relikt stehen Friedensfahnen der Art der im Oktober 2016 gestohlenen.

Radolfzell NS-Kriegerdenkmal Friedensfest Fahnen 2018-05-08 K. Hug Wo marschieren sie denn? Hinter Friedensfahnen in Stoff verpackt – heute, morgen wieder ohne.

Auf vor der Tätertafelwand ausgerollten Stoffbahnen visualisieren Kinder und Stadträte das von der privatinitiativen Vorjahrsveranstaltung übernommene Motto „Radolfzell ist bunt“, ohne das verhüllte NS-Relikt zu beklecksen. Der Jugendgemeinderat und die Initiative STOLPERSTEINE-RADOLFZELL beteiligen sich am Friedensfest, ein Großaufgebot der Polizei schützt es vor „rechter und linker Szene“. Der Präventionsrat will diese Art von Friedensfest dauerhaft im Radolfzeller Jahreskalender verankern. Privilegierte Spätanmeldung hält Konkurrenten fern. (SK 08.05.2018)

Radolfzell NS-Kriegerdenkmal Friedensfest Infotafeln 2018-05-08 K. Hug Strafanzeige angedroht: OAT-Aktive zeigen die Infotafeln zu Tätern, Opfern und Widerstand der NS-Zeit vom 21.04.2018 zwischen unverhüllten Tätertafeln und bemalten Stoffbahnen.

Gerald Jarausch:
Friedensfest macht seinem Namen alle Ehre
Südkurier (08.05.2018)
suedkurier.de/region/kreis-konstanz/radolfzell/Friedensfest-macht-seinem-Namen-alle-Ehre;art372455,9729538

Oliver Fiedler:
Verhüllung am Kriegerdenkmal als Friedenszeichen
Großaufgebot der Polizei rund um zwei Aktionen zum Kriegsende in Radolfzell

Singener Wochenblatt (08.05.2018)
wochenblatt.net/heute/nachrichten/article/verhuellung-am-kriegerdenkmal-als-friedenszeichen

Radolfzell NS-Kriegerdenkmal Friedensfest verhüllt 2018-05-08 K. Hug Vier Stunden verhüllt: schamvolles Versteckspiel anstelle mündiger Aufklärung zum NS-Kriegsmal

Matthias Güntert:
Sie will Geschichte entstauben
Dr. Angelika Merk ist die neue Leiterin der Stadtgeschichte

Singener Wochenblatt (09.05.2018)
wochenblatt.net/heute/nachrichten/article/sie-will-geschichte-entstauben

„Obwohl Merk weiß, welche Bedeutung dem Platz zukommt, hofft sie in Sachen Umgestaltung des Luisenplatzes auf Fingerspitzengefühl. »Radolfzell muss sich nicht vor seiner Geschichte verstecken. Ohnehin tut die Stadt viel, um den Bürgern ihre Geschichte zu erklären«, betonte sie.“
Sandy Uhl:
Am Ende siegt „die Antifa“
Friedensfest verdrängt antifaschistischen Protest gegen Neonazis in Radolfzell

Beobachter News (12.05.2018)
beobachternews.de/2018/05/12/am-ende-siegt-die-antifa
Enthält 25 Fotos.
15. Mai 2018: Der Kulturausschuss befasst sich mit den vier Prüfaufträgen vom 17.10.2017, den sieben Vorschlägen des Arbeitskreises Erinnerungskultur vom 15.05.2018, sowie der Alternative, den Luisenplatz im Status quo zu belassen.

Zum Prüfauftrag „Grünbewuchs“ hat die Abteilung Landschaft und Gewässer sechs Varianten erarbeitet. Davon scheiden „Efeu“ und „weiße Kletterrosen“ aus, da sie „das Gefallenendenkmal beschädigen würden“. Die vier anderen – „wilder Wein“, „hohe weiße Strauchrosen (z.B. Sorte Friedenslicht®)“, „immergrüne Schnittgehölze“ um das Denkmal oder auf der Gesamtfläche – bringen zwar Nachteile wie Eingriffe in Platanenwurzeln, Pflegeaufwand, Stützgerüste, Kosten, gestalterische Betonung des Denkmals, aber auch den Vorteil, dass das Denkmal zumindest teilweise verschwindet.

Den Prüfauftrag „Schaffung eines Aufenthaltsortes“ bewertet die Abteilung Landschaft und Gewässer als schwierig wegen dem Straßenverkehr. Zum Prüfauftrag „Versetzung der Figuren an einen anderen Standort innerhalb des Luisenplatzes“ meldet die Abteilung, dass dies statisch begleitet werden muss, ggf. die Statik der Außenmauer vorab geprüft werden muss, Schädigungen des Wurzel- und Kronenbereichs der Platane zu erwarten sind, und die Voruntersuchungen und Maßnahmen einen fünfstelligen Betrag kosten werden.

Die in der Sitzung gestellten Anträge

  • „Abriss des Mahnmals und Ausschreibung eines künstlerischen Wettbewerbs mit dem Auftrag, etwas zu entwerfen als "Mahnung zum Frieden"“
  • „Verlegung der Namenstafeln auf den Friedhof“
  • „den Luisenplatz in der jetzigen Form belassen und mit Erklärungen untermauern“
finden keine Mehrheit. Die Prüfaufträge „Texttafel Luise von Baden“ und „Aufenthaltsort“ sowie die sieben Vorschläge des Arbeitskreises werden nicht weiter verfolgt. Trotz der bekannten Nachteile beschließt der Kulturausschuss einstimmig als Empfehlung für den Gemeinderat, die Abteilung Stadtgeschichte möge folgende Vorschläge zur Umgestaltung des Luisenplatzes in die Planung 2019 aufnehmen:
„Das Gefallenendenkmal und die Namenstafeln auf dem Luisenplatz werden begrünt.

Das Gefallenendenkmal wird an einen anderen Standort auf dem Luisenplatz versetzt.“

Obwohl die Abteilung Landschaft und Gewässer „von der kompletten Begrünung der Gedenkwand“ abrät, erwähnt der Beschluss die Tafeln. Nebenbei hat sich die neue Sprachregel durchgesetzt, das NS-Kriegsdenkmal „Gefallenendenkmal“ zu nennen. Oberbürgermeister Martin Staab sichert zu, die Anregung, „den Volkstrauertag in einem anderen Rahmen (neuer Ort oder neue Form) abzuhalten, mitzunehmen“.

Stadt Radolfzell am Bodensee, Kulturausschuss:
Prüfaufträge für Neugestaltung des Luisenplatzes
(15.05.2018) Stadtgeschichte Beschlussvorlage 2017/2176-01
radolfzell.sitzung-online.de/bi/vo020.asp?VOLFDNR=2757
(15.05.2018) Wortprotokoll
radolfzell.sitzung-online.de/bi/to020.asp?TOLFDNR=26445

Matthias Güntert:
Der Frieden stand im Mittelpunkt
Beim Friedensfest wird das Kriegerdenkmal verhüllt

Singener Wochenblatt (16.05.2018) Ausgabe Radolfzell
wochenblatt.net/fileadmin/Archiv/2018/RAS/2018_20_RAS.pdf
Singener Wochenblatt (17.05.2018)
wochenblatt.net/heute/nachrichten/article/der-frieden-stand-im-mittelpunkt

„»Unsere Leitlinien sollen erklären, nicht verdrängen, verschwinden lassen oder verstecken«, betonte Angélique Tracik, Leiterin des Fachbereichs Kultur.“
Isabelle Arndt:
Zwischen Verhüllen und Verstecken:
Radolfzell berät über Umgestaltung des Kriegerdenkmals

Südkurier (17.05.2018)
suedkurier.de/region/kreis-konstanz/radolfzell/Zwischen-Verhuellen-und-Verstecken-Radolfzell-beraet-ueber-Umgestaltung-des-Kriegerdenkmals;art372455,9741496
„Wir wollen nicht verschweigen, entfernen und vergessen“, sagte Kulturbereichsleiterin Angélique Tracik. Nur verhüllen, versetzen, begrünen.

Der Titel des Artikels wurde zwischen 17.05.2018 und 23.06.2018 geändert in: „Zwischen Verhüllen und Begrünen: Radolfzell berät über Umgestaltung des Kriegerdenkmals am Luisenplatz“.

Karlheinz Hug:
Fragen zum NS-Kriegerdenkmal in Radolfzell
(27.05.2018) Gerichtet an den Radolfzeller Kulturausschuss und den Arbeitskreis Erinnerungskultur, 10 S.
karlheinz-hug.de/hegau-bodensee/start/Radolfzell_NS-Kriegerdenkmal_Fragen_2018-05-27_K_Hug.pdf
Stellt 37 Fragen zum Webauftritt der Stadt Radolfzell, den „Leitlinien zur Erinnerungskultur“, und der Empfehlung des Kulturausschusses vom 15.05.2018 für den Gemeinderat.

Repliken aus dem Kulturausschuss: „Wollen wir die Vergangenheit schleifen wie es bereits Napoleon mit unseren Burgen tat? Oder wie die Pharaonen ihre nicht geliebten Vorgänger ausmeißeln ließen!“

„Gerne [...] Ihren Fragen widmen, dafür werden wir allerdings bestimmt etwas Zeit brauchen. Sobald wir mit der Beantwortung fertig sind, hören Sie wieder von mir bzw. uns.“

Repliken aus der Stadtverwaltung: „Danke für Ihre Fragen. Wir werden uns Gedanken machen, wie wir sie in geeigneter Form in den Gremien diskutieren und Ihnen beantworten können. Wir geben Ihnen darüber gerne Bescheid. Über die Diskussionsergebnisse und Beantwortung Ihrer Fragen bekommen Sie ebenso Nachricht. Das wird aber einige Zeit in Anspruch nehmen.“ „Wir werden prüfen in welche Gremien wir die Fragen geben können und in welcher Form wir sie dort diskutieren werden. Dieser Vorgang wird sicherlich einige Zeit in Anspruch nehmen. [...] werden uns dann bei Ihnen melden.“ „bezüglich der Antworten auf Ihre Fragen gerne mit Ihnen in Verbindung setzen. Falls Fragen "einfach" zu beantworten sind [...] zeitnah bei Ihnen melden. Für andere Antworten [...] aber sicherlich Zeit benötigen, da sich auch unsere Arbeitskreise bzw. Gremien erst im Herbst/Winter diesen Jahres wieder treffen werden.“

„Vielen Dank für Ihre kritische Zusammenstellung [...] Gerne [...] auf Ihre Fragen zurückkommen.“ [zz] Die Stadt strebe „eine Verbesserung der Homepage“ an und plane „eine gründliche Überarbeitung“. [zz] „Mit dem [..] Luisenplatz beschäftigen sich die Stadtverwaltung, der Kulturausschuss und der Arbeitskreis Erinnerung [..] sehr intensiv.“ Die „Leitlinien zur Erinnerungskultur“ seien eine Arbeitsgrundlage. Der Diskurs zum Umgang mit den NS-Relikten werde öffentlich kontrovers geführt und „im Herbst/Winter diesen Jahres [...] im AK Erinnerung und im Kulturausschuss fortgeführt“, wo „auch das [...] Begrünen“ thematisiert werde, „das nicht als eine Art "Verstecken" des Denkmals unter Pflanzen zu verstehen“ sei. „Ganz im Gegenteil soll auch mit der Begrünung der Zweck einer Kommentierung verfolgt werden, indem dem Denkmal sein martialischer Ausdruck und seine ursprüngliche Intention genommen wird.“

Siehe dazu Begrünen.

Initiative STOLPERSTEINE-RADOLFZELL:
Unserer [!] Aktivitäten beim BRD-FRIEDENSFEST auf dem Luisenplatz am 8. Mai 2018
(03.06.2018)
stolpersteine-radolfzell.de/wp-content/uploads/2018/06/2018-05-08-STOLPERSTEINE-RADOLFZELL-Aktivitäten-beim-BRD-Friedensfest.pdf
Enthält fünf Fotos.
Matthias Güntert:
Verhüllen oder mit wildem Wein begrünen? Luisenplatz soll umgestaltet werden – nur wie, darauf kann sich der Rat nicht einigen
Singener Wochenblatt (05.06.2018)
wochenblatt.net/heute/nachrichten/article/verhuellen-oder-mit-wildem-wein-begruenen
Singener Wochenblatt (06.06.2018) Ausgabe Radolfzell
wochenblatt.net/fileadmin/Archiv/2018/RAS/2018_23_RAS.pdf
„Oberstes Ziel der geplanten Maßnahmen: die Entmartialisierung des Platzes. »Wir tragen eine große Verantwortung der Geschichte gegenüber und gegen das kollektive Vergessen. Wir wollen auch auf dem Luisenplatz nichts verschweigen und verschwinden lassen«, betonte Angélique Tracik, Leiterin Fachbereich Kultur. Für Tracik ist allein der Begriff »Kriegerdenkmal« überholt. »Der Luisenplatz sollte und muss in Zukunft als Gefallenendenkmal gesehen werden«, so Tracik weiter. Wie ernst es ihr damit war, wurde in ihrer Vorlage deutlich: Kein einziges Mal tauchte der Begriff »Kriegerdenkmal« darin auf. Denn das Denkmal ist offiziell den Gefallenen des Ersten Weltkriegs gewidmet.“

Siehe dazu Gefallenendenkmal.

Karlheinz Hug:
Vorschläge zum NS-Kriegerdenkmal in Radolfzell
(16.06.2018) Gerichtet an den Gemeinderat der Stadt Radolfzell am Bodensee, 12 S.
karlheinz-hug.de/hegau-bodensee/start/Radolfzell_NS-Kriegerdenkmal_Vorschlaege_2018-06-15_K_Hug.pdf
Bestandsaufnahme der Objekte am Luisenplatz +
Diskussion von Argumenten für den Status quo +
begründete Änderungsvorschläge zu den Objekten

Repliken aus dem Gemeinderat (Achtung, Realsatire!): Alle reden von Digitalisierung – wir nicht! Wir sind sechs Mitglieder des Radolfzeller Gemeinderats aus vier Fraktionen, unter uns ein Fraktionsvorsitzender, die beweisen, dass wir ohne E-Mail-Adressen die Interessen der Allgemeinheit vertreten können. Der Geschäftsstelle des Gemeinderats haben wir die Befugnis versagt, private E-Mails an uns weiterzuleiten. So schützen wir uns vor lästigen Bürger-Mails, denn wir wollen in Ruhe unsere Pflicht erfüllen. Ruhe ist die erste Bürgerpflicht!

Ich bin seit neun Jahren im Stadtrat, „kenne die Geschichte unserer Stadt“ samt „sehr vielen unterschiedlichen subjektiven Aspekten dazu“ und brauche keine Nachhilfe. Ich will mich nicht „mühsam durch unzählige Seiten durcharbeiten“. „Ausschweifende Lektüre“ ist nun mal nicht mein Ding. Ich weiß schon, was Sie in „seitenweisen Erläuterungen“ breittreten. Wenn „Ihnen Ihre Vorschläge wichtig“ sind, „dann formulieren Sie sie bitte klar“ in „abstimmungsfähiger“ Form. Wo kämen wir Stadträte hin, wenn wir Diskussionsbeiträge lesen und selbst abstimmungsfähige Vorlagen fabrizieren müssten. „Für Vorschläge bin ich offen.“

Repliken aus der Stadtverwaltung: „Besten Dank für Ihre Aktivität. Sie befördern mit Sicherheit unsere Diskussionen.“ „Herzlichen Dank für Ihre Gedanken zum Denkmal am Luisenplatz. [...] Gerne nehmen wir, in Abstimmung mit der Verwaltungsspitze, Ihr Ideenpapier und die damit verbundenen Anregungen mit in die Diskussion im Arbeitskreis Erinnerungskultur. [... Er] wird sich voraussichtlich das nächste Mal im Frühherbst treffen.“

Juli/August 2018: Im offiziellen Webauftritt der Stadt erscheinen in der vierseitigen, die NS-Zeit bisher ignorierenden „Chronik der Radolfzeller Stadtgeschichte“ 18 Zeilen über „Machtergreifung, Garnisonsstadt und Kapitulation“ (ohne Korrektur der fehlerhaften Überschrift), siehe [Rad].

2. August 2018: Das in Singen tagende Verwaltungsgericht Freiburg beurteilt das von der Stadt Radolfzell am 17.11.2017 erteilte Demonstrationsverbot als rechtswidrig. Die Stadt anerkennt am Vortag per Fax den in der Klageschrift erhobenen Vorwurf der Rechtswidrigkeit des Kundgebungsverbots und bleibt der Verhandlung fern. Der Fortsetzungsfeststellungsklage der Anmelderin der für den 19.11.2017 am Luisenplatz geplanten Demonstration zu Radolfzells NS-Geschichte und zur Neonazipartei „Der III. Weg“ gegen die Stadt gibt das Gericht statt. Das Ordnungsamt hatte die Versammlung wegen drei von Unbekannten an den NS-Kriegsdenkmalsockel geklebten DIN-A4-Plakaten untersagt. Das Gericht folgt der Einschätzung der Klägerin, „eine nicht aufgeklärte Sachbeschädigung rechtfertige keinen Einschnitt in das Grundrecht der Versammlungsfreiheit“. (LR 04.08.2018, SM 09.08.2018, SK 11.08.2018)

Radolfzeller Verbot einer Kundgebung gegen örtliche Nazistrukturen war rechtswidrig
LinksRhein (04.08.2018)
linksrhein.blogsport.de/2018/08/04/radolfzeller-verbot-einer-kundgebung-gegen-oertliche-nazistrukturen-war-rechtswidrig

8. August 2018: Das Wochenblatt veröffentlicht ein Interview mit Oberbürgermeister Staab mit einer Frage zum Luisenplatz (WB 08.08.2018):

„Wie können Plätze wie der Luisenplatz aus der Schusslinie der Rechten genommen werden?

OB Staab: »Ich glaube wir müssen die Symbolik dieses Platzes wegnehmen. Wenn man das schafft, wird sich dieses Thema anders darstellen.«“

J. Geiger:
Radolfzell: Städtisches Demoverbot war rechtswidrig
SeeMoZ (09.08.2018)
seemoz.de/lokal_regional/radolfzell-demoverbot-war-rechtswidrig
DIE LINKE im Kreis Konstanz - Sozial. Gerecht. Frieden. Für alle. (11.08.2018)
die-linke-konstanz.de/2018/08/11/radolfzell-staedtisches-demoverbot-war-rechtswidrig

Steffen Mierisch:
Demo-Verbot war rechtswidrig. Das Gericht in Singen erklärt die Rücknahme der Genehmigung einer Demonstration für rechtswidrig
Südkurier (11.08.2018)
suedkurier.de/region/kreis-konstanz/radolfzell/Demo-Verbot-war-rechtswidrig;art372455,9852975
Elf Minuten Demokratie
Südkurier (11.08.2018) Ausgabe Singen, S. 17

Anna-Maria Schneider:
Stadt Radolfzell will Auflagen für Demonstrationen künftig genauer auf Verhältnismäßigkeit prüfen
Südkurier (15.08.2018)
suedkurier.de/region/kreis-konstanz/radolfzell/Stadt-Radolfzell-will-Auflagen-fuer-Demonstrationen-kuenftig-genauer-auf-Verhaeltnismaessigkeit-pruefen;art372455,9857042

Radolfzell: Bußgeld- und Strafverfahren gegen AntifaschistInnen eingestellt
LinksRhein (22.08.2018)
linksrhein.blogsport.de/2018/08/22/radolfzell-bussgeld-und-strafverfahren-gegen-antifaschistinnen-eingestellt

Drei der fünf Ermittlungsverfahren, die gegen Teilnehmer der Spontandemonstration am 19.11.2017 eingeleitet wurden, sind inzwischen eingestellt.
Neuer Webauftritt: NS-Kriegsdenkmal in Radolfzell und anderswo
LinksRhein (02.09.2018)
linksrhein.blogsport.de/2018/09/02/neuer-webauftritt-ns-kriegsdenkmal-in-radolfzell-und-anderswo

Radio Dreyeckland gBetriebs-GmbH, Freiburg:
Kriegerdenkmal Radolfzell: "Warum nehmen wir das einfach so hin?"
Radio Dreyeckland, Audio 7:23 (11.09.2018)
rdl.de/beitrag/warum-nehmen-wir-das-einfach-so-hin
Bundesverband Freier Radios e. V., c/o Radio CORAX, Halle/Saale:
FRN: Kriegerdenkmal Radolfzell: "Warum nehmen wir das einfach so hin?"
Audioportal Freier Radios, Audio 7:23 (11.09.2018)
freie-radios.net/90931

Jan Keetman interviewt „Laura“ aus Radolfzell.
Radolfzell: 4. Verfahren gegen Antifaschisten eingestellt
LinksRhein (18.09.2018)
linksrhein.blogsport.de/2018/09/18/radolfzell-4-verfahren-gegen-antifaschisten-eingestellt
Vier der fünf Ermittlungsverfahren, die gegen Teilnehmer der Spontandemonstration am 19.11.2017 eingeleitet wurden, sind inzwischen eingestellt.
20. September 2018: Zum Prüfauftrag der Versetzung des Kriegerdenkmals führt die Stadtverwaltung mit einem Ingenieur für Tragwerksplanung und einem Steinhandwerker einen Ortstermin durch. Beide Experten liefern am 12.10.2018 Kurzgutachten zur Machbarkeit einer Versetzung (KA BV 06.11.2018, Anlagen 2, 3).
  • Der Ingenieur hält ein Umsetzen aus statischer Sicht für machbar, schätzt den Aufwand für Sicherung, Transport und Neugründung für hoch und kostenintensiv ein, und rät vom Umsetzen in die Nähe der Fürstenbergstraße ab, da der Höhenunterschied eine sehr tiefe Gründung erfordere.
  • Der Steinhandwerker hält ein Umsetzen des Denkmals (Sockel mit Skulptur) für sehr schwer möglich, weil es aus sieben Teilen besteht, aber als Ganzes angehoben werden müsste, wobei sich reparierte Risse öffnen oder Teile wegbrechen könnten, was zu einer kostspieligen Restauration führen könnte. Das Ausgraben des Fundaments könnte das Wurzelwerk der Platane stark beschädigen, ihr Astwerk über dem Denkmal müsste für den Kran stark beschnitten werden.
Der Steinhandwerker gibt die Zielsetzung der Stadt so wieder:
„Die Krieger [...] sollen nicht mehr so präsent auf dem Luisenplatz stehen, um weitere politische Diskussionen zu verhindern.“
Als Lösung schlägt er vor:
„Eine gärtnerische Gestaltung oder eine Umgestaltung durch einen Künstler, der es versteht, das Denkmal so umzugestalten, dass man genau sieht, wie sehr sich die Stadt Radolfzell vom Nationalsozialismus distanziert. Die einfachste Lösung ist natürlich der Rückbau des Denkmals.“
Unklar ist, wie sich die Verhinderung politischer Diskussionen über das NS-Kriegsmal mit den Erinnerungskulturleitlinien verträgt und wie sich die Stadt von ihren NS-Erblasten distanzieren will.

6. November 2018: Der Kulturausschuss berät über zwei Prüfaufträge und einen Vorschlag vom 15.05.2018:

  • „Das Gefallenendenkmal und die Namenstafeln auf dem Luisenplatz werden begrünt.“
  • „Das Gefallenendenkmal wird an einen anderen Standort auf dem Luisenplatz versetzt.“
  • „Vorschlag von Stadträtin Breimaier zur Verlegung des Volkstrauertags.“
Als „strategisches Ziel“ gilt, dass „eine zusätzliche Gestaltungsmaßnahme des Luisenplatzes [..] dem Leitsatz und den Leitlinien der Erinnerungskultur in Radolfzell“ entspreche. „Operatives Ziel“ sei „eine weitere Sichtbarmachung der Geschichte des Luisenplatzes und Erläuterungen des Gefallenendenkmals“. Zur Begrünung legt die Abteilung Stadtgeschichte nach Rücksprache mit der Abteilung Landschaft und Gewässer vier Varianten mit Kostenschätzungen vor:
  • „Pflanzung von wildem Wein an das Gefallenendenkmal“ für rund 700–1.000 Euro,
  • „Pflanzung von weißen Strauchrosen um das Gefallenendenkmal“ für 3.100–13.500 Euro abhängig von der Höhe der Cortenstahl-Beete,
  • „Pflanzung von immergrünen Schnittgehölzen um das Gefallenendenkmal“ für 3.600–12.700 Euro,
  • „Pflanzung von immergrünen Schnittgehölzen auf der gesamten Fläche im lockeren Verband“ für 2.200 Euro pro Eibe.
Für weiße Strauchrosen stehen die Sorten „Friedenslicht“, „Sophie Scholl“, „Hans Scholl“, „Ramblerrose Mary Lovett“, „Ital. Waldrebe Kathryn Chapmann“ zur Auswahl. Die kostengünstigste Variante des wilden Weins wird mit fünf Nein-Stimmen (vier Ja, eine Enthaltung) abgelehnt. Trotz der bekannten Nachteile „der gestalterischen Betonung des Denkmals“, der Eingriffe „in den Wurzelbereich der Platane“ und des „erhöhten Pflegeaufwands aufgrund der Verschattung“ wird die Variante der Sophie-Scholl-Rosen ohne Cortenstahl-Beete mit sechs Ja-Stimmen (vier Nein, eine Enthaltung) angenommen.

Zur Versetzung des Kriegerdenkmals liegen die nach dem Ortstermin 20.09.2018 erstellten Kurzgutachten des Ingenieurbüros für Tragwerksplanung und des Steinhandwerkers vor, die das Versetzen (und Umdrehen) als aufwendig, kostenintensiv und das Denkmal und die Platane schädigend beurteilen. Der Beschlussvorschlag, das Denkmal nicht an einen anderen Standort zu versetzen, wird einstimmig angenommen.

Zur Verlegung des Volkstrauertags (der Tag wird mit der Feier identifiziert) an einen anderen Standort wird der Beschlussvorschlag, das Problem im nächsten AK Erinnerung zu beraten und das Ergebnis dem Gemeinderat zur Beschlussfassung vorzulegen, mit acht Nein- gegen drei Ja-Stimmen abgelehnt. Die Alternative, auf eine Verlegung zu verzichten, wird mit acht Ja- gegen drei Nein-Stimmen angenommen. Damit lautet das Ergebnis dieser Kulturausschusssitzung zum Tagesordnungspunkt Luisenplatz:

Die Abteilung Stadtgeschichte wird beauftragt, die Pflanzung von weißen Sophie-Scholl-Strauchrosen um das Gefallenendenkmal (ggfs. im Hochbeet) in die Planung für 2019 aufzunehmen.
Generelles dazu siehe unter Begrünen, Spezielles im Kommentar unten.

Stadt Radolfzell am Bodensee, Kulturausschuss:
Ergebnis Prüfaufträge Luisenplatz
(06.11.2018) Stadtgeschichte Beschlussvorlage 2017/2176-02
radolfzell.sitzung-online.de/bi/vo020.asp?VOLFDNR=3016
(06.11.2018) Geänderter Beschluss, Abstimmungsergebnis
radolfzell.sitzung-online.de/bi/to020.asp?TOLFDNR=28011

Kommentar: Obwohl seit Jahren gefordert wird, am Volkstrauertag nicht mehr beim NS-Kriegerdenkmal und den SS-Tätertafeln zu feiern, haben sich wieder kultbewahrende Kräfte durchgesetzt, sodass auch 2018 alles beim Alten bleibt. Die Taktik: Der Vorschlag bleibt liegen, bis der OB sein Versprechen vergessen hat und praktisch keine Zeit für eine Verlegung bleibt. Dass die Taktik wirkt, lässt kein übermäßiges Problem- und Geschichtsbewusstsein vermuten.

Andererseits zeigt die einstimmige Ablehnung der Versetzung der Kriegerskulptur, dass die Stadtverwaltung und der Kulturausschuss fähig sind, Expertisen zur Kenntnis zu nehmen und zur Basis eines vernünftigen Beschlusses zu machen.

Viele Fragen wirft dagegen die Rosenbepflanzung um das NS-Relikt auf: Wie ist mit Sophie-Scholl-Rosen das operative Ziel, die Geschichte des Luisenplatzes weiter sichtbar zu machen und das NS-Kriegsmal zu erläutern, erreichbar? Was hat die Münchner Widerstandsgruppe „Weiße Rose“ mit Radolfzell zu tun? In welcher Beziehung steht Großherzogin Luise zu Sophie Scholl (1923–1943)? Was Sophie Scholl dazu meinen würde, ein NS-Heldenmal, das Jungmannen an ihre Pflicht gemahnte, Weltkriegern nachzueifern und ihr Leben heroisch für den „Führer“ zu opfern, mit nach ihr benannten Rosensträuchern zu schmücken, hervorzuheben und aufzuwerten, weiß niemand.

Jeder weiß jedoch, dass Blumen mit positiven Gefühlen verbunden sind, auch Rosen, auch weiße. Blumen verschönern, bereichern, beglücken. Blühen sie wie Sophie-Scholl-Rosen öfter im Jahr, umso mehr. Was bewirkt die Verschönerung eines NS-Kriegsmals, das nach jedem Farbklecks fast fanatisch gestriegelt und geschniegelt wird?

Da die Sophie-Scholl-Rosensträucher nur eineinhalb Meter hoch wachsen, verstecken sie nur den Sockel, nicht die Krieger. Diese können problemlos über die Sträucher hinweg marschieren. Die Rosen um die Kriegerstiefel lassen die Interpretation zu, dass die Krieger den Widerstand der „Weißen Rose“ niedertrampeln. Das läge näher bei einer Verhöhnung der Widerstandsgruppe als bei einer vielleicht intendierten Wertschätzung.

Ahnt der Kulturausschuss solches, als er seinen Beschluss mit dem Zusatz „(ggfs. im Hochbeet)“ versieht? Fraglich ist, ob ein Hochbeet Probleme mildert oder verschärft, etwa das der Erinnerungsarbeit, die sich vermeintlich im „Dornröschenschlaf“ (Lumbe 15.05.2018) erledigt. Bedenklich auch die Idee, die NS-Krieger nur zum Volkstrauertag freizuschneiden und auf eine angebliche Friedensmission zu schicken, während sie 364 Tage im Jahr nicht gebraucht und hinter Sophie-Scholl-Rosen versteckt werden.

Andererseits: Wie viele Betrachter erinnert der Anblick weißer Rosensträucher zuerst an die Widerstandsgruppe? Wer erkennt die Rosensorte „Sophie Scholl“? Wem klingen nicht zuerst Nana Mouskouris Weiße Rosen aus Athen im Ohr, die sagen „Komm recht bald wieder“? Sollen die Weltkrieger bald wiederkommen, aus ihren Grüften auferstehen? In ihrem Kontext erhalten die Songzeilen

„Im fernen Land, wo keiner auf Dich wartet,
da seh'n die Sterne in der Nacht ganz anders aus.
Dort ist die Welt so fremd und Du bist einsam.
Darum begleiten Dich heut' Blumen von zuhaus.“
den Sinn, dass Radolfzell seinen einsamen Kriegern in den fernen, überfallenen Ländern weiße Rosen senden will. Zum Trost, zur Aufmunterung, zur Steigerung des Kampfwillens.

Hat der Kulturausschuss die Rosenbepflanzung gut durchdacht? Wo liegen Ursachen dafür, dass diese Erinnerungskulturmaßnahme als Erinnerungschaos erscheint? Betrachten wir zuerst zwischen 12.10. und 09.11.2018 publizierte Ziele der Berosung. Neben den wiederholten amtlichen strategischen und operativen Zielen sind dies Aussagen des Steinhandwerkers, des Südkuriers und des Wochenblatts:

  • Die Geschichte des Luisenplatzes sichtbar machen.
  • Das „Gefallenendenkmal“ erläutern.
  • Den Kriegern Präsenz wegnehmen, um weitere politische Diskussionen zu verhindern (KA BV 06.11.2018, Anlage 3).
  • Die kriegerische Ausstrahlung des Monuments mildern (SK 07.11.2018).
  • Dem Kriegerdenkmal seinen Schrecken nehmen; den Soldaten ihren Schrecken nehmen (SK 07.11.2018).
  • Den Luisenplatz entmartialisieren (WB 09.11.2018).
Die „kriegerische Ausstrahlung“ des NS-Mals gehört zur sichtbaren Geschichte des Luisen-/Horst-Wessel-Platzes, warum will man sie mildern, statt sie zu erläutern? Wozu etwas erläutern, worüber man Diskussionen verhindern will? Erinnerungsakteure als obrigkeitliche Diskussionsstopper, Bürger als untertänige Stummköpfe? Gedreht wie gewendet: Die Ziele passen nicht zusammen, sie reichen von „phrasenhaft belanglos“ bis „intolerabel“. Ein akzeptables, forderndes Ziel wäre etwa, die kriegspropagandistische Funktion des NS-Heldenmals mit sprachlichen Mitteln zu erläutern, sie mit physischen Mitteln eindeutig und nachhaltig zu destruieren, ohne das Mal irreversibel zu beschädigen, und Diskussionen darüber anzuregen.

Wo liegen Ursachen für die schwammigen, widersprüchlichen Ziele? Im breiten Meinungsspektrum des Kulturausschusses zum NS-Relikt, das selten zu einer Mehrheit (geschweige denn einem Konsens) führt, wie damit umzugehen sei. (Folgende Zitate aus SK 07.11.2018; zu den Positionen s. die Kategorien im Abschnitt Was Tun Damit?.)

  • Da gibt es eine Schlussstrich- und Deckel-drauf-Position, die sich auf ein angebliches Unverständnis „der Bürger“ beruft, um ein Ende der Diskussion um das Denkmal und seine Belassung im jetzigen Zustand zu fordern.
  • Von einer Position schamvollen Verdrängens kommt der Vorschlag, „ein Gerüst um das Denkmal mit Efeu beranken zu lassen“, der scheitert, weil Efeu „den Naturstein beschädigen würde“, was für Positionen des Erhaltens intolerabel ist. (Dass Efeu die denkmalgeschützt zuwuchernden Wachhäuschen bei der ehemaligen SS-Kaserne beschädigt, scheint dagegen kein Problem zu sein.)
  • Aus einer Position, die Beschädigungen akzeptiert, wird vorgeschlagen, „die Soldaten zu entwaffnen“, was wohl bedeutet, dem Infanteristen das Gewehr wegzumeißeln – im Kontrast zu den bisherigen Reparaturen, Farbkleckssäuberungen und Strafanzeigen wegen Plakatierungsschäden.
  • Eine Position achtlosen Zerstörens beantragt, „das Denkmal zu entfernen“.
  • Vertreten ist auch die Position, die darauf hofft, dass schon ein „Blick auf Statuen dieser Art“ genüge, „um Jugendlichen den Schrecken des Krieges vor Augen zu führen“, dass also die Krieger von selbst konträr zur Intention ihrer Stifter abschreckend wirken, folglich aufklärende Erläuterungen verzichtbar seien.
Schwach artikuliert sich die Position aufklärenden Dekontextualisierens. Dies erklärt die Schwierigkeit, eine gemeinsame Sprache für substanzielle mehrheitsfähige Ziele und Maßnahmen zu finden. Die „Sprachlosigkeit“ äußert sich als Beschränkung auf Symbole und Namen: Im nonverbalen Kampf der Symbole ringt die weiße Rose, das Symbol des christlich-humanistischen Widerstands, mit den Kriegern, dem Symbol des nazistisch-militaristischen Heldenmythos. Statt auf Umgestaltung setzt man auf Umbenennung: Das Kriegerdenkmal „muss in Zukunft als Gefallenendenkmal gesehen werden“ (Tracik 06.06.2018), der Luisenplatz soll umbenannt werden, gern in „Friedensplatz“, ohne das NS-Kriegsensemble anzutasten. Name geändert, Problem gelöst?

Lässt sich die Rosenbepflanzung den Was Tun Damit?-Kategorien zuordnen? Das hängt von der konkreten Gestaltung ab. Je höher das Hochbeet, je mehr die Krieger hinter den Sträuchern verschwinden, desto besser passt „schamvolles Verdrängen“. (Um die Krieger ganz zu verstecken, müsste das Hochbeet über drei Meter hoch sein; geplant sind 80 cm.) Je flacher das Beet, desto stärker der Anteil des „Hervorhebens“, nicht nur technokratisch (Cortenstahl), sondern vor allem gärtnerisch (Rosen). Schlechtenfalls nähert sich die Maßnahme der Kategorie „apologetisch Bewahren“.

Wie steht die Rosenbepflanzung zu anderen Maßnahmen? Bunter Blumenschmuck um den Handgranatenwerfer und den Gewehrschützen gehörte jahrzehntelang zur Standardausstattung des Murger NS-Kriegsmals; erst mit der Versetzung des Relikts 2014 gab Murg die gärtnerische Aufwertung endlich auf. Will Radolfzell ab 2019 in die entgegengesetzte Richtung steuern? Das Verhüllen des Radolfzeller NS-Kriegsmals am 08.05.2018 war ein gut gemeinter Versuch, der nach vier Stunden endete und wenigstens nicht Gefahr lief, das Relikt zu verschönern, hervorzuheben und aufzuwerten. Insofern ist das permanente Berosen der NS-Krieger deutlich problematischer als das temporäre Verhüllen.

Fazit: Die geplante Bepflanzung des NS-Kriegsdenkmals mit Sophie-Scholl-Rosen mag gut gemeint sein, die symbolische Kontrastierung ist jedoch zu schwach, um eine deutliche Distanzierung vom Nationalsozialismus, seinem Heldenmythos, seinen Kriegen und Verbrechen zu signalisieren. Im Gegenteil wertet der Blumenschmuck das NS-Relikt auf und die Textstele ab.

Natalie Reiser:
Weiße Rosen erinnern an Widerstandsgruppe gegen die Nazis
Südkurier (07.11.2018)
suedkurier.de/region/kreis-konstanz/radolfzell/Weisse-Rosen-erinnern-an-Widerstandsgruppe-gegen-die-Nazis;art372455,9951360

Natalie Reiser:
Können weiße Rosen dem Kriegerdenkmal am Radolfzeller Luisenplatz ihren [!] Schrecken nehmen?
Südkurier (07.11.2018)
suedkurier.de/region/kreis-konstanz/radolfzell/Koennen-weisse-Rosen-dem-Kriegerdenkmal-am-Radolfzeller-Luisenplatz-ihren-Schrecken-nehmen;art372455,9951415

Rosen seien „edle Gewächse, sie schmücken Hochzeiten, feierliche Tafeln, werden auf Gräber gelegt. Sinnbild tiefer Gefühle“, bemerkt Natalie Reiser, und stellt die Fragen: „Wie werden Rosen um das Kriegerdenkmal wirken? Können Rosen den Soldaten ihren Schrecken nehmen? Oder wird Vorübergehende das Gefühl beschleichen, die grimmigen Gestalten würden geschmückt?“
OAT Konstanz:
Bunte Demo statt braunes Denkmal
Antifaschistische Kundgebung zum Vokstrauertag in Radolfzell am Sonntag, 18.11.2018, 11:30–16:00 Uhr, Seetorstraße/Luisenplatz

facebook (07.11.2018)
de-de.facebook.com/events/491576801250024

Matthias Güntert:
Blumen gegen den Krieg
Luisenplatz soll mit weißen Rosen entmartialisiert werden

Singener Wochenblatt (09.11.2018)
wochenblatt.net/heute/nachrichten/article/blumen-gegen-den-krieg

Erwähnt nicht, dass es sich um Sophie-Scholl-Rosen mit Bezug zur Widerstandsgruppe „Weiße Rose“ handelt.
18. November 2018: Bei der Gedenkfeier am Volkstrauertag erinnern lodernde Flammen in der Feuerschale auf dem Pylon vor dem NS-Kriegerdenkmal daran, wie die Nazis auf dem Horst-Wessel-Platz archaische Brandopferriten in ihre Kriegsheldenkulte einbauten [Beh96, S. 326].

Radolfzell Luisenplatz Volkstrauertag Feuerschale 2018-11-18 K. Hug Lodernde Flammen sollen den Mut der in den Kampf ziehenden Krieger stärken und die Feinde abschrecken [Lur86, Bd. 5, S. 38]. Sie symbolisieren „die Inbrunst der Kampf- und Opferbereitschaft, welche die Stürmenden beseelt“ [Beh96, S. 422].

Rund 100 Bürger und 30 Stadtkapellenmusiker gedenken „der Opfer der Gewaltherrschaft und der Toten aller Kriege“, denen der gemeinsam gesprochene Gauck-Text von 2015 auch „die Bundeswehrsoldaten und andere Einsatzkräfte, die im Auslandseinsatz ihr Leben verloren“, zuordnet, die keiner Gewaltherrschaft dienen und sich an keinen Kriegen beteiligen, sondern regierungsamtlich nur an Friedensmissionen. In seiner bedenkenswerten Rede hinterfragt Stadtrat Christof Stadler die Rüstungsexporte und ruft dazu auf, den Frieden zu bewahren. Danach hängen er, OB Martin Staab, Bürgermeisterin Monika Laule und Stadtrat Walter Hiller Kränze an Ständer vor den Namenstafeln der Wehrmachts- und SS-Täter, die 1939–1945 hochgerüstet Gewaltherrschaft und Krieg exportierten. Dazu erklingt mit Trompete und Trommelwirbel das Lied vom Guten Kameraden.

Radolfzell Luisenplatz Volkstrauertag Kränze 2018-11-18 K. Hug Militärisches Kranzritual für wen? Für die Opfer in der Überschrift? Für die Täter auf den Tafeln?

Radolfzell Luisenplatz Volkstrauertag Kranz Volksbund 2018-11-18 K. Hug Schwarz-weiß-roter Kranz „Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V.“ vor Tätertafeln: links Reichswehr, rechts Wehrmacht und Waffen-SS

Radolfzell Luisenplatz Volkstrauertag Kranz ehrendGedenken 2018-11-18 K. Hug „In ehrendem Gedenken“ vor Namenstafeln von Wehrmachts- und SS-Tätern

Eine später am Luisenplatz stattfindende antifaschistische Kundgebung mit dem Titel „Bunte Demo statt braunes Denkmal“ reproduziert weder tradierte Rituale noch die jahrzehntelang gepflegte Täter-Opfer-Konfusion, sondern benennt die kriegsvorbereitende Funktion des NS-Heldenkultplatzes und die Opfer des SS-Terrors in den Konzentrationslagern.

Radolfzell Luisenplatz Volkstrauertag AntifaKundgebung 2018-11-18 K. Hug „Im Gedenken an die Opfer faschistischer Gewalt“ bei der antifaschistischen Kundgebung

Gerald Jarausch:
Auf dem Luisenplatz in Radolfzell ist schwer trauern
Südkurier (18.11.2018)
suedkurier.de/region/kreis-konstanz/radolfzell/Auf-dem-Luisenplatz-in-Radolfzell-ist-schwer-trauern;art372455,9962675

Matthias Güntert:
Volkstrauertag »entvölkert« sich. Radolfzell gedenkt der Gefallenen der Weltkriege
Singener Wochenblatt (19.11.2018)
wochenblatt.net/heute/nachrichten/article/volkstrauertag-entvoelkert-sich

Wozu ist es nütze?

Hat das NS-Kriegsdenkmal noch einen Gebrauchswert und wenn ja, wie viele, welche und für wen? Für welche Interessengruppen erfüllt es aus welchen Gründen welche Zwecke? Zu erinnern, für wen und wozu das NS-Kriegsdenkmal 1938–1945 nütze war, kann helfen, diese Fragen zu klären. Dazu knüpft das Folgende an den Abschnitt Was stellt es dar? an.

Radolfzell NS-Kriegsdenkmal 2018-04-21 K. Hug Nicht Opfer der Gewaltherrschaft, sondern Täter und Helfer des NS-Vernichtungskriegs

Den Horst-Wessel-Platz formten 1936–1938 die NS-beherrschte Stadt, ihr NS-Bürgermeister Jöhle, ihr SS-Kasernenkommandant Koeppen, ihre NS-Reichskriegerbund-Kameradschaft, ihr Soldatenbund und ihre NS-Kriegsopfer-Versorgung mit dem „Ehrenmal“ für die im Weltkrieg 1914–1918 „gefallenen Helden“ und die für das „Dritte Reich und den Führer gefallenen Kämpfer“ der „nationalen Revolution“ im Gau Baden. Das „Ehrenmal“ sollte „durch Generationen hindurch das Gedenken an unsere toten Helden und an eine große Zeit festhalten und vermitteln“. [Gun38]

Die Nazis knüpften an nationalistische und militaristische Traditionen an, beschworen den „Frontgeist“ des verlorenen Weltkriegs, stilisierten die toten Soldaten des Weltkriegs zu Vorkämpfern ihrer NS-Bewegung und instrumentalisierten sie für ihre Kriegspropaganda. Heroisierte und sakralisierte Soldaten sollten die Wirklichkeit ihres Krepierens in den Schützengräben verdrängen und die Massenschlächtereien leugnen. Furcht vor wahrheitsgemäßen Erinnerungen und verbohrter Wille zur Verdrängung äußern sich im Aufwand für das martialische Monument. [Beh89, S. 36]

Heldenrituale um die Soldatenskulptur sollten die Bürger emotional auf den geplanten Krieg einstimmen, ideologisch aufrüsten und junge Männer so verblenden, dass sie sich als neue „Helden“ in den Krieg schicken ließen. Seit Hitler mit Hindenburgs Tod am 2. August 1934 „Oberster Kriegsherr“ geworden war, wurden alle deutschen Soldaten mit dieser Formel vereidigt:

„Ich schwöre bei Gott diesen heiligen Eid, dass ich dem Führer des deutschen Reiches und Volkes Adolf Hitler, dem Obersten Befehlshaber der Wehrmacht, unbedingt Gehorsam leisten und als tapferer Soldat bereit sein will, jederzeit für diesen Eid mein Leben einzusetzen“
[Sch34, S. 423], (Wikipedia).
Zum steingemeißelten Wahn bilden Liedertexte der NSDAP, der SA, der Hitler-Jugend ein völkisch-musikantisches Pendant (zit. nach [Sch34, S. 429–431]):
„Gedenkt der stolzen Tage,
Als noch gelebt die Welt,
Als Deutschlands starke Heere,
Marschierten in das Feld.
Wo sind die Regimenter hin
Aus Deutschlands grosser Zeit !
Wo deutscher Glaube, deutsche Treu
Und deutsche Einigkeit ?

Und naht dereinst der Rachetag,
Und ruft der Führer uns zum Kriege,
Dann führen wir aus Not und Schmach
Das Hakenkreuz von Sieg zu Siege.
Dann ziehen wir beim Morgenrot
Für Hitlers Fahne in den Tod.

Wer will mit uns zum Kampfe ziehen,
Wenn Hitler kommandiert ?
Ja, da heisst es brav marschieren,
Der Hitler soll uns führen,
Legt an, gebt Feuer ! Und ladet schnell, weich keiner von der Stell !
Und wenn die Handgranate kracht,
Das Herz im Leibe lacht.
Ja, da heisst es brav marschieren . . . .“

Kultstätte für rechtsextreme Umtriebe

Grund, Zweck, Nutzer: Unübersehbar ist das NS-Kriegsdenkmal zur Nazizeit entstanden, steht in nationalistischen, militaristischen, revanchistischen Traditionen und verherrlicht den Krieg und seine „Helden“. Das erkennen auch rechtsextreme, völkische, neonazistische Gruppen, die den aggressiv-militärischen Ungeist tradieren. Deshalb liegt es für sie nahe, für Provokationen, Propagandaaktionen, Aufmärsche, Rituale das NS-Relikt zu nutzen, zumal es dafür präpariert ist. Die Schirmherrschaft der NS-Soldaten verstärkt ihre antidemokratischen, rassistischen Umtriebe, bei denen sie gegen „Gutmenschen“, Flüchtlinge, Asylbewerber und allgemein Ausländer hetzen.

Kommentar: Wer mit zwanghaft spießigem Ordnungssinn ein Nazi-Denkmal hegt und pflegt, striegelt und schniegelt, der sollte sich nicht wundern, wenn es Neonazis anzieht wie Kerzenlicht Motten. Wer, wie Oberbürgermeister Martin Schaab, Aufmärschen Rechtsextremer „keinen Platz bieten“ will (SK 17.05.2018), der darf sich nicht mit Kosmetik am NS-Kriegsdenkmal begnügen. Wer demokratie- und ausländerfeindlicher Hetze wirksam entgegentreten will, der muss einen deutlichen Trennstrich ziehen zur NS-Zeit und ihren Relikten.

Fazit: Um es Rechtsextremen zu vergällen, das NS-Kriegspropagandamonument für ihre menschen- und demokratieverachtenden Zwecke zu instrumentalisieren, muss man den Luisenplatz und sein Zubehör grundlegend umgestalten.

Öffentlicher Zelebrationsort für den Volkstrauertag

Grund, Zweck, Nutzer: Den Volkstrauertag zelebrieren wir schon immer dort. Noch nie haben wir ihn woanders begangen. Die Trauerfeier, der Standort der Gedenkstätte, das Denkmal, die Tafeln, Symbole und Riten müssen so bleiben.

Der 1919 vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. (Volksbund) vorgeschlagene Volkstrauertag wurde in der Weimarer Republik seit 1925 begangen, von den Nazis 1934–1945 als „Heldengedenktag“ zelebriert und danach als staatlicher Gedenktag fortgeführt. (S. auch [Kli06, S. 122–125].) In Radolfzell beteiligen sich daran u.a. Vertreter der Stadt, des Landtags, des Volksbunds, der den Auferstehungsmythos beförderte, sich 1933–1945 freudig an die nazistische „Heldenehrung“ anpasste und sich danach kaum mit seiner Verstrickung in die kriegsvorbereitende NS-Propaganda befasste, und des Bunds der Vertriebenen, der die NS-Vergangenheit seiner Gründungsgeneration nur zögerlich aufarbeitet. (Volkstrauertage in der Chronologie s. 19.11.2006, 15.11.2009, 14.11.2010, 16.11.2014, 13.11.2016, 19.11.2017, 18.11.2018.)

Kommentar: Am Volkstrauertag trauert das Volk – genauer: ein Teil des Volks. Wer oder was wird kollektiv betrauert? Die Nazis trauerten über den verlorenen Krieg und feierten die Helden, die ihnen den nächsten Krieg gewinnen sollten. Klar, das geht nicht mehr. Aber wer sind die Betrauerten?

  • Täter-Opfer-Konfusion: Auf den Tafeln stehen Namen von 821 Soldaten der von Deutschland geführten, entfachten, entfesselten Kriege von 1870/71, 1914–1918, 1939–1945. Um welche Kriege geht es? Laut Überschrift von 2011 um „alle Kriege“. Um welche Toten geht es? Mal um „gefallene Soldaten“, also Täter, mal um „Kriegsopfer der Stadt“, mal um „Opfer beider Weltkriege“, mal um „Opfer der Gewaltherrschaft und Tote aller Kriege“ (Überschrift), stets auch um 102 Waffen-SS-Angehörige, also Terroristen und Kriegsverbrecher. Es ist moralisch untragbar und politisch unklug, Täter und Opfer unterschiedslos zu betrauern.
  • Privilegierte Totenklasse: Warum sollen Soldaten, die sich in einer unrechtmäßigen Armee eines unrechtmäßigen Regimes an einem Eroberungskrieg beteiligten oder sich freiwillig einer Terrorstaffel anschlossen und dabei umkamen, dafür als besondere Klasse geehrt werden? Warum wird Menschen, die ihr Leben zum Wohl der Gemeinschaft in zivilen Bereichen riskierten und verloren – bei Feuerwehren, im Gesundheitswesen, bei der Polizei, bei Verkehrsbetrieben u.Ä. – selten ein Ehrenmal errichtet? Mit demokratischen Prinzipien sind privilegierte Klassen unvereinbar, auch die Privilegierung toter Soldaten.

    Die Sonderstellung des Soldatentods ist erklärbar (vgl. [HeE13, S. 12–13]): Alle Zivilisationen kennen die Verbote, Menschen zu töten und fremdes Eigentum zu zerstören. Setzt eine Gemeinschaft trotzdem Soldaten zum Töten und Zerstören im Krieg ein, so verfügt sie über deren Autonomie und Leben. Werden die Soldaten getötet, so bedarf dies einer Rechtfertigung: Warum wurde das Tötungsverbot gebrochen? Wozu sollte der Tabubruch der Gemeinschaft nützen? Antworten sind nur beim Militär, dessen Zweck Töten und Zerstören ist, schwer zu geben, nicht in risikoreichen zivilen Bereichen. Deshalb erfordern die Antworten gewaltige ideologische, symbolische, rituelle, kultische, pseudoreligiöse Aufwände. Doch der Soldatentod in Angriffs-, Eroberungs-, Vernichtungskriegen und bei Kriegsverbrechen lässt sich nicht rechtfertigen.

  • Nähe zu nazistischen Totenkulten: Jede Trauerfeier bei den NS-Kriegern und den Tafeln mit den SS-Täternamen schließt unvermeidlich NS-Kriegsverbrecher ein und läuft so Gefahr, sich nicht deutlich von nazistischen Heldenkulten zu distanzieren, unabhängig vom Inhalt flüchtiger Trauerreden. Man kann sich nicht feierlich vor NS-Schergen aufstellen und Kränze vor ihnen oder SS-Tätertafeln niederlegen, ohne den Eindruck zu erwecken, man huldige dem Naziregime. An Nazikulte anzuknüpfen verbietet sich für Demokraten, auch am Volkstrauertag. Für SS-Mitglieder braucht unsere Demokratie keine öffentliche Gedenkstätte und keine Namenstafeln, auch nicht am Volkstrauertag.
Ein Symbol verdinglicht einen Mythos, ein Ritual übersetzt ihn in eine Handlung, ein Mythos erklärt Symbole und Riten mit einer Erzählung [Beh96, S. 52]. Alljährlich werden am Volkstrauertag Rituale zu Ehren der Toten formalisiert wiederholt, die aus religiösen und militärischen Kulten stammen und bei zahlreichen nazistischen Totengedenkfeiern, auch am Horst-Wessel-Platz, wichtige Rollen spielten [Lur86, Bd. 5, S. 37, 40], [Beh96, S. 325–343, S. 499]. Zu Opferritualen zählen das Entzünden von Brandopferfeuern in der Feuerschale und das Niederlegen von Kränzen vor den Wehrmachts- und SS-Tätertafeln unter Trompeten- und Trommelklängen des Lieds vom Guten Kameraden – Symbol sinnvollen Soldatentods.
„Trommelwirbel und Paukenschläge waren neben Fanfarenrufen durchgängige Gestaltungsmittel der nationalsozialistischen Feiern, sie dienten zum ‚Zusammentrommeln‘ der Feierteilnehmer, hämmerten ihnen gewissermaßen die Inhalte ein und vermochten in dramatischen Höhepunkten Spannung erzeugen, so z. B. bei der Totenehrung im Münchner Zeremoniell vom 9. November [für die 1923 getöteten NS-Putschisten, K.H.]. [...] Insgesamt dienen Schlag- und Blasinstrumente im Militär als Signale beim Exerzieren und zur weithin hörbaren Unterstützung von Kommandos. Früher wurde zum Angriff geblasen, Trommeln gaben Marschtempo und -rhythmus vor und sorgten für Gleichschritt [...]. Trommelwirbel von festgelegter Dauer gelten noch heute als militärische Ehrbezeugung für hohe Würdenträger“ [Beh96, S. 317–318].
Doch diesen Ritualen ist ihr Mythos abhanden gekommen, der NS-Heldenmythos. Zu sinnentleerten Ritualen kommentiert Sabine Behrenbeck, sich auf Dan Diners Aufklärung nach Auschwitz beziehend:
„‚Ritual‘ wird zum Ausdruck für ‚leeren Konformismus‘, für einen ebenso sinnlos wie gedankenlos befolgten Mechanismus und entfremdetes Rollenverhalten. In diesem Zusammenhang ist auch die liturgische Erinnerung an die Opfer der nationalsozialistischen Verbrechen an festgelegten Gedenktagen als oberflächliche und überflüssige Ersatzhandlung bezeichnet worden, die eine echte, innere Auseinandersetzung mit Schuld und Verantwortung behindere“ [Beh96, S. 50].
Fazit: Das NS-Kriegsensemble ist als kollektives Trauermal für immer diskreditiert, als Friedensmahnmal völlig ungeeignet. Als Zelebrationsort für den Volkstrauertag muss kurzfristig ein anderer Platz dienen. Mittelfristig muss der Luisenplatz mit dem NS-Kriegsdenkmal und den Tätertafeln umgestaltet werden. Hohle Rituale eignen sich kaum dazu, junge Menschen an Erinnerungskultur heranzuführen.

Privater Trauerplatz für Familien getöteter Soldaten

Grund, Zweck, Nutzer: Der Platz sei angelegt worden, um gefallener Soldaten zu gedenken. Deren Namen seien auf Tafeln aufgeführt. Einige Familien hätten kein Grab, an dem sie um ihre Gefallenen trauern könnten. Für sie seien diese Tafeln noch heute ein kleiner Ersatz. Viele der von den Ereignissen der Kriege noch heute betroffenen Familien bräuchten wie seit Jahrzehnten einen Platz der Erinnerung. Als angemessene Form des Gedenkens an die Opfer beider Weltkriege sei diesen Familien ihr Platz zu erhalten. Auch in der Sitzung des Kulturausschusses am 06.11.2018 wird behauptet, „dass Menschen, die in den Kriegsjahren Schicksalsschläge erlitten hätten, seit Jahren an diesem Platz ihrer Angehörigen gedächten“ (SK 07.11.2018).

Kommentar:

  • Trauerfamilien: Konfusionen in diesen Paraphrasen (trauern? gedenken? erinnern?) folgen auch daraus, dass sie aus verschiedenen Quellen stammen. Geht es um Familien, die sonst nirgends trauern könnten? Lassen wir die Kriege 1870/71 und 1914–1918 außer Acht und betrachten den Zweiten Weltkrieg. Angenommen, ein 17-Jähriger stirbt im letzten Kriegsjahr 1945. Ein ihm persönlich emotional nahe Stehender ist mindestens fünf Jahre alt, um sich später an ihn erinnern zu können. Also ist er heute mindestens 78 Jahre alt. Die Eltern des Toten sind heute mindestens um 110 Jahre alt. Bei den „Familien“ handelt es sich um Angehörige, die ihre Lebenserwartung um mindestens zehn Jahre überschritten haben. Wie viele 78+-Jährige trauern regelmäßig am Luisenplatz um ihre 1939–1945 getöteten Angehörigen? Wie viele sind „viele Familien“?
  • Ersatzgräber: Viele Menschen geben die Gräber ihrer Eltern nach 20 Jahren auf; nicht, weil sie sie nicht mehr ehren und nicht mehr um sie trauern, sondern aus pragmatischen Gründen. Ihnen gelingt es, andere Plätze zu finden, an denen sie um ihre Angehörigen trauern. Die Stadt Radolfzell sieht sich nicht verpflichtet, diesen Menschen einen öffentlichen Trauerplatz in zentraler Lage zusätzlich zu den Friedhöfen zur Verfügung zu stellen. Warum sollen Nachfahren von Wehrmachts- und SS-Soldaten privilegiert bleiben?
In der Kultursoziologie gilt das Verlängern der Trauer über mehrere Jahre als pathologische Reaktion, die die schmerzhafte Ablösung vom Toten blockiert und realitätstrübend wirkt [Beh96, S. 156]. Jenseits dieser zeitlichen Aspekte fragt der ehemalige Studienleiter für Erinnerungskultur an der Evangelischen Akademie der Nordkirche, Pastor i.R. Ulrich Hentschel, ob das Pinneberger NS-Kriegsdenkmal ein Ort der Trauer ist. Seine Antwort lässt sich auf Radolfzell übertragen:
„Wenn überhaupt, könnte das Kriegsdenkmal als Ort der Trauer eines Kollektivs verstanden werden. Es wäre dann aber eine Trauer um einen verlorenen Krieg. Zudem wird diese Trauer aggressiv gewendet mit der indirekten Werbung für einen neuen Krieg, der die »Niederlage« und »Schmach« des Ersten Weltkrieges aufheben und rächen soll.

Kriegerdenkmäler können darum kein Ort persönlicher und familiärer Trauer um einen nahen Menschen (Vater, Bruder, Ehemann ...) sein, selbst wenn dessen Name auf einer Tafel vermerkt ist. Dieser Mensch würde darin auf seine Funktion als Soldat reduziert und letztlich so seiner Menschenwürde beraubt.

Persönliche Trauer braucht das Grab auf dem Friedhof. Es kann auch eine Inschrift auf dem Familiengrab sein, wenn der im Krieg getötete Soldat nicht »zuhause« bestattet werden konnte“ [Hen18, S. 3].

Kein einziges Element des Radolfzeller Kriegsdenkmalensembles drückt Trauer aus, auch die Ostlandtafel nicht. Kein einziges Element soll Trost spenden. Das Ensemble soll Gefühle in revanchistische Bahnen lenken. Zudem ist fraglich, ob sich eine Bushaltestelle an einer Durchgangsstraße als Trauerplatz eignet.

Fazit: Das NS-Relikt ist als Ort privater, persönlicher Trauer weder notwendig noch geeignet. Die Stadt Radolfzell kann die überlebenden Nachfahren der auf den Tafeln genannten Toten dabei unterstützen, Trauerplätze auf Friedhöfen oder anderswo zu finden, und ggf. Fahrdienste einrichten.

Kulturdenkmal der Zeitgeschichte und der kollektiven Erinnerung

Grund, Zweck, Nutzer: Das (euphemistisch verklärte) „Gefallenendenkmal“ sei als Kulturdenkmal ein wichtiger Teil der Geschichte und der kollektiven Erinnerung. Es müsse als unbequemes Denkmal bestehen bleiben. Es sei ein Spiegel des politischen und gesellschaftlichen Denkens und damit ein wichtiges, in Stein gemeißeltes Zeugnis der Zeitgeschichte, das deshalb noch heute eine Daseinsberechtigung habe und darüber hinaus schützenswert sei. Die Soldatenfiguren seien zu erhalten, um heutigen und folgenden Generationen die Macht der damals herrschenden Einflüsse zu vergegenwärtigen.

Kommentar:

  • Konkretisieren: Diese Postulate sind nicht prinzipiell abzulehnen, sondern gewinnen Substanz, indem man sie entschleiert: Das NS-Kriegsdenkmal ist Teil der Radolfzeller NS-Geschichte, ein Spiegel der militaristischen, aggressiven NS-Ideologie und ein in Stein gemeißeltes Zeugnis der Macht und Brutalität des Naziregimes. Es ist „Zeuge“ von Koeppens „großer Zeit“ des SS-Terrors, der Verfolgungen, Besetzungen, Überfälle, Kriege, Vernichtungsfeldzüge, „Zeuge“ von Radolfzells „großer Zeit“ als eine von acht SS-Garnisonsstädten im „1000-jährigen Reich“.
  • Kollektive Erinnerung: Bedenkenswert ist der Begriff „die kollektive Erinnerung“. Das kollektive Gedächtnis ist das vom Staat, seinen Vertretern und Einrichtungen getragene Gedächtnis [Rad15, S. 40]. Der Ursprung der Erinnerung an den Kriegerstein wurde von NS-Funktionären propagandistisch inszeniert. Insofern handelt es sich um eine staatlich verordnete, vom Naziregime initiierte und von der Bundesrepublik bewahrte und geförderte Erinnerung. In Abwandlung eines Satzes eines 200-Jährigen könnte man sagen: Die herrschende kollektive Erinnerung ist die dem Kollektiv verordnete Erinnerung der Herrschenden. Doch „die Kollektiverinnerung“ gibt es so wenig wie „die Kollektivschuld“.
  • Erhalten, schützen: Die obigen Forderungen, die Soldatenskulptur zu erhalten und zu schützen, beziehen sich auf ihren Dokumentationswert als Relikt der NS-Zeit. Dem ist zuzustimmen. Doch die NS-Kriegspropagandisten dürfen nicht länger in einem öffentlichen Park marschieren. Nach Aleida Assmann werden „Überreste und Spuren der Vergangenheit“, nachdem sie „ihre lebendigen Bezüge und Kontexte verloren haben“, in Museen, Archiven, Bibliotheken aufbewahrt [Rad15, S. 11, 40, Aleida Assmann paraphrasierend]. Den lebendigen Bezug zur Kriegsvorbereitung hat das Relikt längst verloren, während versucht wurde, den Kontext einer „Gedenkstätte“ für den Volkstrauertag zu retten. Dieses Brauchtum ist bestattungsreif, nachdem mehrere Demokratisierungsschübe durch die Republik auch den Bodensee erreicht haben.
Fazit: Denkmalschützerischer Eifer darf nicht die Erkenntnis verdrängen, dass NS-Kriegspropaganda sozial schädlich ist. Auf der Agenda steht, das NS-Kriegerrelikt als Dokument der Zeitgeschichte zu dekontextualisieren und wirksam in einen aufklärenden Kontext einzubetten.

Kunst – Kitsch – Schund?

Grund, Zweck, Nutzer: Das Argument, das NS-Kriegsdenkmal sei ein wertvolles Kunstwerk und als solches zu schützen, wird von keiner Seite vorgebracht. Gelegentlich erwähnt werden „wuchtige Ästhetik“, „militaristische Ästhetik“, das Denkmal sei „ganz im Sinne nationalsozialistischer Ästhetik geschaffen“ [IOGR, NS-Ehrenmal]. Unbelegt ist eine Diskussion darüber, was die behauptete „NS-Ästhetik“ charakterisieren könnte. Auch der Kategorie „Kitsch“ wird das Objekt kaum zugeordnet. Dagegen taucht die Kategorie „Nazi-Schund“ gelegentlich in Flugblättern und als Beschriftung des Denkmalsockels bei Farbaktionen auf (SM 21.04.2017).

Kommentar: Der Gebrauchswert des NS-Kriegsdenkmals als Kunstwerk ist so gering, dass es sich hier nicht lohnt, Fragen seines künstlerischen Werts, der Ästhetik der in Stein gemeißelten Brutalität, der Verschandelung des Stadtbilds usw. zu diskutieren. Allgemeines zur NS-Formensprache sei aus [Beh96, S. 432–436] zitiert: Die Kunstproduktion der NS-Zeit

„ist mit den herkömmlichen Stilbegriffen nicht recht zu erfassen. Sie ist nicht realistisch oder naturalistisch, schon gar nicht ‚sachlich‘, denn obschon stark an der Natur orientiert, wird doch keine individuelle Gestalt, sondern ein Idealtypus dargestellt, frei von allen Zufälligkeiten der Natur. Auch ist der Stil keineswegs expressiv oder gar expressionistisch, dennoch drückt die Darstellungsweise eindeutige Stimmungen und Gefühlswerte aus.

Schon die zeitgenössischen Kunstberichterstatter hatte [!] ihre Mühe mit der Charakterisierung des neuen, nationalsozialistischen Kunststiles. [...] Zu Recht wurde ‚das Fehlen eines sicheren ästhetischen Wertmaßstabes‘ noch1937 beklagt“ [S. 432].

Doch
„obwohl ein Stilbegriff fehlt, sind viele Kunstwerke aus dieser Zeit eindeutig zu identifizieren. Diese Zuordnungsmöglichkeit hängt sowohl mit der äußeren Form der Werke als auch mit dem unbewußt wahrgenommenen Inhalt bzw. Gehalt eines Baues oder einer Figur zusammen. [...] Kennt der Betrachter den ideologischen Kontext der Kunstwerke, so ist ihre symbolische Aussage in der ‚Sprache der Steine‘ verständlich. Sie allerdings in wissenschaftliche Termini zu fassen, fiel nicht nur den Kunsttheoretikern des NS-Regimes schwer.

Dennoch entwickelte man damals auch einige formale Kriterien, anhand derer man den künstlerischen Ausdruck der neuen Zeit erkennen könne. So enthalte sich der ‚werdende Stil‘ komplizierter und ornamentreicher Strukturen, verliere sich nicht im Vielteiligen und Unwesentlichen, sondern sei ‚einfach und elementar‘“ [S. 433].

„Formale Gestaltungselemente wurden – teilweise recht willkürlich – inhaltlichen Bedeutungen zugeordnet. Die nationalsozialistische Figurensprache bezeichnete man dementsprechend als ‚kämpferisch gespannten Stil‘. Goebbels hatte mit seiner Forderung einer ‚stählernen Romantik‘ aus der ‚heroischen Lebensauffassung‘ heraus in der Tat die künstlerische Wegrichtung vorgezeichnet. Die innere Haltung des heroischen Kämpfermutes und Opferwillens sollte an der Körperhaltung und der Oberflächengestaltung unmißverständlich ablesbar sein. Tatsächlich teilt sich diese ‚Haltung‘ als die emotionale Komponente zahlreicher Kunstwerke aus der Zeit des Nationalsozialismus auch dem heutigen Betrachter mit. Sie scheint ein zentrales Element zu sein, das die Zuordnung ermöglicht. Um ihr Ausdruck zu verleihen, bedienten sich die regimekonformen und risikoscheuen Künstler eines begrenzten Formenkanons mit wenigen bewährten Gestaltungsmöglichkeiten, was zu der formalen Einheitlichkeit in Plastik und Malerie beitrug. Die Redundanz der Formen betonte die Eindeutigkeit der Botschaft“ [S. 434].

„Die Kunst im Nationalsozialismus hatte nicht die Aufgabe, formal-ästhetische Probleme zu lösen, sondern ‚aus der Daseinsmitte des Volkes‘ heraus Sinnbilder zu schaffen. Aus diesem Grund machte es die Darstellungsweise eines nationalsozialistischen Kunsterzeugnisses dem Betrachter möglichst leicht, sowohl den dargestellten Gegenstand, aber auch den mit ihm versinnbildlichten Symbolwert zu erkennen. Optische Spannungen, eine komplizierte Struktur, ironische, hintergründige oder rätselhafte Details sind undenkbar in dieser glatten, eingängigen Darstellungsweise, die sich daran orientieren sollte, der ‚Allgemeinheit‘ zum ‚Ausdruck ihres Fühlens‘ zu verhelfen. Diese Rückführung der Formensprache auf den ‚kleinsten gemeinsamen Nenner‘ ging nicht das Risiko eines Mißverständnisses ein und opferte damit zugleich die Möglichkeit der vertieften Auseinandersetzung des Betrachters mit einem Kunstwerk, das für neue Deutungen offen wäre. Der Anspruch einer wertvollen und neuartigen ästhetischen Erfahrung, den die aus anderen Kontexten übernommenen Formen suggerierten, wurde nicht eingelöst. Im Gegenüber mit Werken der verfemten Moderne gleich welcher Stilrichtung wirkt die Kunst des ‚Dritten Reiches‘ oberflächlich, weil man sie – bei Kenntnis des ideologischen Deutungsangebotes – bereits auf den ersten Blick dekodieren kann. Sie gibt darüberhinaus nicht(s) zu denken und zu entdecken, sondern erschöpft sich in einem klar umgrenzten symbolischen Gehalt“ [S. 435].

„Die Untersuchung der nationalsozialistischen Symbolsprache hat gezeigt, daß die Auftraggeber den Kulträumen und Dekorationselementen bestimmte symbolische Auslegungen zuordneten mit der ausdrücklichen Absicht, die optische Wahrnehmung zu lenken. Die Rezeptionsvorgaben orientierten sich in erster Linie am Kultinhalt, den Heldenmythen, und erst sekundär an Rückgriffen auf einen historischen Formenkanon, denn man ging von einem ungebildeten Adressatenkreis aus und wollte keine belehrende Volksbildung betreiben. Das Hauptinteresse der Veranstalter lag auf der allgemeinverständlichen visuellen Darstellung symbolischer Aussagen. Dabei bediente man sich vorzugsweise traditioneller Gestaltungselemente und wies ihnen eigene Deutungsmuster zu. Es wurde kein zentrales Symbol neu erfunden, sondern man erweiterte bekannte, vielschichtige Zeichen um eine neue Bedeutung, die durch fortwährende Wiederholung die älteren überlagern sollte. Das Zusammenspiel vieler Symbole in einem aufwendig inszenierten ‚Gesamtkunstwerk‘ mit kultischem Charakter sollte den Forderungen der Machthaber an die Mitglieder der Volksgemeinschaft einen attraktiven Rahmen verschaffen und eine Atmosphäre erzeugen, in der jeder einzelne diesen Verhaltensnormen möglichst willig nachkommen würde“ [S. 436].

Fazit: Nicht „Was wollte der Künstler damit sagen?“ ist die Frage, sondern „Was wollten die Nazis damit bezwecken?“. Daher passt das Artefakt in die Kategorie „NS-Propagandamittel“.
„Der NS produzierte keine Kunst, wie irrtümlich in öffentlichen Diskussionen und Publikationen noch behauptet wird, sondern Kult“ [Mün84, S. 152] zit. nach [Beh96, S. 211].
Den Kult der Kriegerhelden zum Zweck der Kriegsvorbereitung.

Fazit, Leitlinien, Ziele

Von den Gebrauchswerten „Nazikultstätte, Volkstrauerfeierort, Privattrauerplatz, Kulturdenkmal, Kunstwerk“ ist für Demokraten nur der Gebrauchswert „Kulturdenkmal der Zeitgeschichte und der kollektiven Erinnerung“ akzeptabel; der Gebrauchswert „Kultstätte für rechtsextreme Umtriebe“ ist nicht tolerabel, der Rest tolerabel, aber nicht akzeptabel. Zwischen „Wozu ist es nütze?“ und „Was tun damit?“ stellt sich die Frage „Wozu soll es künftig nütze sein?“. Um sie zu beantworten, seien Leitlinien aus dem Konzept „Erinnerung und Gedenken in Radolfzell“ des Kulturausschusses vom 20.10.2015 und Ziele dieser Webseite nebeneinander gestellt.
Leitlinien der Stadt Ziele dieser Webseite
Kommentieren und Erklären statt Verschweigen und Entfernen

Spuren verschiedener Zeitschichten im Stadtbild erhalten

Erkenntnis- und Erfahrungsgewinn erzeugen

Kindern und Jugendlichen Geschichte erfahrbar machen

Öffentlichen Diskurs über zeitgeschichtliches Erinnern und Gedenken lebendig halten

Kulturelles Erbe im täglichen Lebensumfeld der Bürger dauerhaft vermitteln

Das NS-Kriegsdenkmal nicht für menschen-, friedens- oder demokratiefeindliche Zwecke instrumentalisieren lassen

Es seines Gebrauchswerts als Kultobjekt, Aufmarsch- und Sammelplatz nazistischer, völkischer, militaristischer Gruppen nachhaltig entledigen

Für den Volkstrauertag kurzfristig einen anderen Zelebrationsort finden

Das NS-Kriegsdenkmal als Dokument der Zeitgeschichte dekontextualisieren und wirksam in einen aufklärenden Kontext einbetten

Den Luisenplatz mit dem NS-Kriegsdenkmal und den Tätertafeln grundlegend umgestalten

Ein neues Friedensmahnmal schaffen, das zivilisatorischen Zielen entspricht und für Gedenkfeiern nutzbar ist

Was tun damit?

„Die Zerstörung von Denkmälern stellt m.E. einen Versuch dar, Geschichte zu korrigieren, sich von früheren Einstellungen zu distanzieren, indem man ihre frühere Existenz einfach verleugnet.

Die alten Denkmäler mit den problematischen Inschriften einfach stehen zu lassen [...], ist ebenso eine fragwürdige Lösung: Es ist wie ein Augenverschließen vor einem Stück Ideologie, das in einer solchen Form immer noch wirksam sein kann und ein unseliges Anknüpfen an Traditionen ermöglicht, wie wir bei jungen Rechten oft merken.

Es gibt Versuche, ‚Gegendenkmäler‘ in der Nähe der alten zu errichten [...] Nötig und möglich wären aber aufklärende Tafeln neben den Denkmälern, auf denen etwas über den Zeitpunkt und die Umstände der Errichtung gesagt wird und wo u.U. eine weiterführende Problematisierung zum Heldengedenken angeregt wird“ [Sch99, S. 65].

„Was also tun? Einfach NS-Denkmäler im öffentlichen Raum stehen lassen? Nein, sagt Aleida Assmann. Eine Lösung sei vielmehr, sie zu historisieren: Zeugnisse vergangener Zeiten lassen sich durch Erklärungen oder Markierungen in einen neuen Kontext stellen. So behalten sie ihre erinnerungsgeschichtliche Relevanz, ohne dabei Gefahr zu laufen, überkommene Ideale aufs Neue zu bewerben“
[Bru18].

Wie soll man mit dem NS-Kriegsdenkmal und seinem Zubehör umgehen? Leicht gefragt, schwer zu klären. Antworten hängen davon ab, welchen Gebrauchswert man den Objekten zuerkennt und welche Ziele man verfolgt. Viele Vorschläge liegen vor; die meisten entspringen ernsthaften Bemühungen, sich kritisch mit der NS-Geschichte auseinanderzusetzen, außer auf apologetisches Bewahren der NS-Kultstätte zielende Vorschläge.

Radolfzell NS-Kriegsdenkmal 2018-04-21 K. Hug Seit 80 Jahren marschieren sie in Richtung Bodensee, ohne ihm einen Schritt näher zu kommen.

Nicht jeder, der den Status quo des NS-Kriegsdenkmals kritisiert, will es im Bodensee versenken, „wie ein Pharao ungeliebte Vorgänger ausmeißeln“, „wie Napoleon Burgen schleifen“, wie Heiner Geißler die Siegessäule in Berlin sprengen (ZDF Aspekte, 15.06.2012), oder das Abendland dem Untergang weihen. Die meisten Vorschläge zum Umgang mit dem NS-Relikt sind gut gemeint und deshalb respektvoll zu diskutieren und sorgfältig zu prüfen. Dabei sollte man nie vergessen, dass die Kontrollratsdirektive Nr. 30 vom 13. Mai 1946 forderte, die NS-Krieger als eines der Denkmäler,

„die darauf abzielen, die deutsche militärische Tradition zu bewahren und lebendig zu erhalten, den Militarismus wachzurufen oder die Erinnerung an die nationalsozialistische Partei aufrechtzuerhalten, oder ihrem Wesen nach in der Verherrlichung von kriegerischen Ereignissen bestehen [, ...] vollständig zu zerstören und zu beseitigen“.
Der politische Auftrag, die Direktive verspätet zu erfüllen, und die moralische Pflicht, NS-Kriegspropaganda aus öffentlichen Parks zu entfernen, treffen auf Vorschläge des Bewahrens und Erhaltens. Dieser Abschnitt ordnet Vorschläge in sieben Kategorien:
„Bewahren – Hervorheben – Verdrängen – Dekontextualisieren – Lagern – Beschädigen – Zerstören“.
Da sich die Kategorien kaum strikt gegeneinander abgrenzen lassen und bei manchen Vorschlägen Begründungen und Zwecksetzungen unklar bleiben, sind Zuordnungen manchmal schwer zu treffen. Solche Fälle werden nach „passt am besten“ entschieden. Belege werden gegeben, wenn sie nützliche Informationen liefern. Manche Vorschläge werden kurz zusammengefasst, manche ausführlich präsentiert nach dem Schema:
Vorschlag: was?
Realisiert: wo wann?
Grund: warum?
Zweck: wozu?
Vorgeschlagen: von wem wann?
Kommentar:
Fazit:
Auf den ersten Blick mag eine grobe Einteilung in „Stehen lassen“ und „Entfernen“ plausibel erscheinen. Ein zweiter Blick erkennt, dass es für beides sehr unterschiedliche Gründe und Zwecke gibt. So kommt „Stehen lassen“ in allen Kategorien außer „Lagern“ und „Zerstören“ vor. „Entfernen“ kann zu den Kategorien „Verdrängen“, „Dekontextualisieren“, „Lagern“, „Zerstören“ passen; es schließt nicht nur „Abbauen“ mit zeitweiligem Lagern oder endgültigem Beseitigen ein, sondern auch „Wiederaufbauen“ an anderen Orten, an denen man das Objekt verdrängen oder dekontextualisieren kann. Dies sei nach der Kategorienliste erläutert.

Apologetisch Bewahren

Diese Kategorie erfasst zwecks Vollständigkeit die bei Rechtsextremen beliebte Option, das NS-Kriegsdenkmal mit Zubehör unverändert als Treffpunkt reaktionärer Umtriebe zu erhalten. So freuen sich Aktivisten der Neonazipartei „Der III. Weg“ nach jeder Säuberungsaktion der Stadt „aus tiefsten Herzen, dass der Heldenstein wieder in neuem Glanz erstrahlt“, denn man müsse die „Stätte des Dankes an die schaffenden Ahnen, die mit ihrem selbstlosen Handeln ermöglichten, dass wir heute als Volk noch existieren“, „pflegen und bewahren“ (02.05.2017).

Keine demokratische Kraft plädiert für diese Option. Zwar gibt es Vorschläge, den Status quo zu erhalten, jedoch anders begründet und vorgeblich nicht auf den Erhalt der Nazikultstätte zielend. Solche Vorschläge erscheinen in anderen Kategorien.

Technokratisch Hervorheben

Den Vorschlägen dieser Kategorie ist gemein, dass sie das Denkmal mit technischen Mitteln betonen. Sie tun das nicht mit apologetischer Absicht, unbedingt die NS-Kultstätte aufzuwerten, sondern mit technokratischer Begeisterung dafür, Machbares zu machen, ohne nach Sinn und Zweck zu fragen.

Neugier und Experimentierfreude sind menschlich. Der Wunsch, innovative Techniken anzuwenden, ist nachvollziehbar und verständlich, bedarf aber kritischer Reflexion.

Mit Glas verhüllen
Beleuchten

Mit Glas verhüllen

Vorschlag: Das Denkmal wird durch eine Glaskonstruktion verhüllt oder überbaut, die ein- oder mehrfarbig gestaltet und beleuchtet sein kann.

Grund: „Vorkommnisse durch rechts- und linksextreme Gruppen“

Zweck: nicht dokumentiert

Vorgeschlagen: Der vom Arbeitskreis Erinnerung am 29.06.2017 diskutierte Vorschlag findet in der Kulturausschusssitzung am 17.10.2017 keine Mehrheit. Eine Erklärung dazu (KA WP 17.10.2017):

„Ich finde es jetzt schade, dass jetzt in der Vorlage eigentlich die falschen "Illustrationen des Glases" oder der Überbauung durch Glas ist, weil viele andere Variationen drin waren mit einem Glaszylinder und Glasstelen. Vielleicht hat das auch einige beeindruckt. Ich möchte doch, wenn man jetzt diese Glasgeschichte in Auftrag gibt, auch nochmals das, was schon im Arbeitskreis Erinnerungskultur herumging und als Vorschlag eingegangen wurde, nochmal mit mitberücksichtigt. Da gibt es andere Vorschläge wie Zylinder und dergleichen. Dass es nicht nur um die rote Farbe und die beleuchtete Geschichte geht, sondern dass man alle Möglichkeiten ausschöpft.“

Kommentar: Leider ist den vorliegenden Informationen keine Zwecksetzung zu entnehmen. Sie lassen nur darauf schließen, dass das Verhüllen oder Überbauen mit Glaszylindern oder -stelen technisch machbar ist. Daher ist ein technokratischer Ansatz zu vermuten. Eine Umhüllung des fünf Meter hohen Denkmals würde es als etwas besonders zu Beachtendes hervorheben und damit aufwerten.

Fazit: Der Sinn dieses Vorschlags erschließt sich nicht von selbst.

Beleuchten

Vorschlag: Eine auf das NS-Kriegsdenkmal ausgerichtete Schein­werferanlage wird permanent installiert, damit es bei Dunkelheit bestrahlt werden kann.

Realisiert beispielsweise in Pinneberg, dessen Stadtverwaltung das 1934 eingeweihte, 2017 für rund 58.000 Euro sanierte NS-Kriegsdenkmal um Weihnachten 2017 mit neuen Strahlern ins rechte Licht stellte, bis es sich im Januar 2018 nach Protesten ausstrahlte [Are18], [Hil18, S. 25].

Vorgeschlagen in Radolfzell als Teil der Glasverhüllung.

Kommentar: Die Illuminierung des NS-Kriegsdenkmals würde seine bei Tageslicht wirkende martialische Dominanz auch bei Dunkelheit betonen. Indem sie das NS-Relikt als bestrahlenswert aufwertet, trägt sie nicht zu Aufklärung, sondern zu Kriegsverherrlichung bei. Im Dunkeln bleiben Erinnerungen an Hass, Gewalt und Terror, Vertreibung, Vernichtung und Zerstörung, Not, Leid und Tod [Lib18, S. 7]. Zudem ist die sinnlose Beleuchtung als schädliche Lichtverschmutzung ökologisch intolerabel.

Fazit: Die Beleuchtungsidee sollte man schleunigst ausknipsen.

Sonstiges

Der Arbeitskreis Erinnerung diskutiert am 15.05.2018 den Vorschlag, „die ganze Anlage einzuhausen“. Unklar sind Details, Begründungen und Zwecksetzungen einer „Einhausung“ (KA BV 15.05.2018). Da sie vermutlich mit technischem Aufwand verbunden ist, sei der Vorschlag hier erwähnt.

Fazit zu „Technokratisch Hervorheben“

Aufklärende Wirkungen dieser Vorschläge scheinen verglichen mit verursachten Aufwänden bescheiden. Zu überlegen bleibt, ob nicht mit weniger technischer Effekthascherei mehr nachhaltige Aufklärung erreichbar ist.

Schamvoll Verdrängen

Nach dem Motto „Nicht grundsätzlich verändern, aber wandeln“ plädieren Vorschläge dieser Kategorie dafür, den Status quo des NS-Kriegsdenkmals samt Zubehör im Wesentlichen zu erhalten, nur Details behutsam zu modifizieren. Das NS-Relikt soll „stehen bleiben, weil es einfach zu unserer oft schwer erträglichen deutschen Geschichte gehört“. Doch soll der martialische Eindruck entschärft werden, der kriegerische Charakter seine Dominanz verlieren, das Bedrohliche in den Hintergrund treten, keine Angriffsflächen für „Verunglimpfung“ und „Verschandelung“ bieten, die ursprüngliche Intention verschwinden. Man will das kriegspropagandistische Unwesen des NS-Monuments wegzaubern, ohne es anzutasten, ohne es zu erklären.

Sich über Unangenehmes zu schämen und es verdrängen zu wollen sind menschliche Reaktionen, die unabhängig von politischen Anschauungen auftreten. Es leuchtet auch ein, dass Radolfzell seinen Touristen ungern hässlich braune Seiten zeigt und den Eindruck vermeiden will, es halte verbissen am Nazitum fest. So nachvollziehbar und verständlich die folgenden Vorschläge sind, so bedürfen sie doch kritischer Diskussion.

Verhüllen
Begrünen
Versetzen
Schieflegen – Versenken – Umdrehen – Aufenthaltsort – Texttafel Luise

Verhüllen

Vorschlag: Das NS-Kriegsdenkmal wird in eine Stoffbahn gewickelt und bleibt vier Stunden lang verhüllt.

Realisiert beim „Friedensfest“ am 08.05.2018.

Grund: Grund, Zweck und Sinn der Verhüllung sind während der Aktion unklar. Anscheinend stören die NS-Krieger das Konzept des „Friedensfests“.

Zweck: Man habe die dominierenden NS-Soldaten unsichtbar und die Platznamensgeberin sichtbar machen wollen. Erinnerungskultur: „Das Friedensfest solle auch dazu beitragen, dass Erinnerungen an die militärische Tradition verschwinden.“ (SK 08.05.2018)

Kommentar: Das Verhüllen der NS-Krieger erscheint als Versuch, Verhüllungsaktionen des Künstlerehepaars Christo und Jeanne-Claude zu plagiieren. Die beiden verhüllten Dosen, Flaschen, Stühle, Autos, Bäume, Brunnen, Denkmale, Stadtmauern, Türme, Häuser, Kunsthallen, Museen, Reichstage, Parkwege, Brücken, Täler, Küstenstreifen. Stets Dinge, deren Wert den Menschen durch die Verhüllung bewusst wurde und deren Enthüllung Freude auf den wieder gewonnenen Wert bereitete.

Dies trifft beim NS-Kriegsdenkmal nicht zu. Man verhüllt es, um es schamvoll zu verstecken. Das Verhüllen löst Freude aus, dass der NS-Schund verschwindet, das Enthüllen Bedauern, dass er wieder hervorkommt. Ging es Christo und Jeanne-Claude stets darum, etwas sichtbar zu machen, das man vorher übersehen hat, so geht es hier darum, etwas unsichtbar zu machen, das vorher unübersehbar war. Wurden von Christo und Jeanne-Claude verpackte Dinge durch den entzogenen Blick interessant, so soll das dem Blick entzogene NS-Stück durch die Verpackung uninteressant werden. So verballhornt das Verhüllungsplagiat Christos und Jeanne-Claudes Kunst in ein Feigenblatt.

Vielleicht wollten die Verhüllungsakteure gar keinen Bezug zu Christo und Jeanne-Claude herstellen? Kritische symbolische Kunstaktionen können durchaus aufklärend wirken [DISS12, S. 45]. Als Beispiel genannt sei die von einer pazifistischen Künstlertruppe initiierte Bestrickungsaktion von Bürgern, die 2013 einen Panzer des Typs Leopard I vor dem Militärhistorischen Museum der Bundeswehr in Dresden in eine kollektiv gestrickte bunte Wolljacke packten, um „ein Zeichen zu setzen gegen Krieg und Gewalt und für eine friedliche Gesellschaft“ [BW13].

Dagegen ist in Radolfzell unklar, wieso die Veranstalter die Leitlinien zur Erinnerungskultur der Stadt preisen, nach denen „Spuren verschiedener Zeitschichten sichtbar zu machen“ seien, aber die Spur der NS-Zeit in den Steinsoldaten just am Tag der Befreiung von Faschismus und Krieg verstecken, statt über dieses Propagandamittel für den geplanten Krieg aufzuklären.

Fazit: Die Veranstalter haben mit der gut gemeinten Verhüllung einen interessanten Versuch durchgeführt, der lehrt, dass ein Versteckspiel keine Aufklärungsarbeit ersetzt.

Begrünen

Vorschlag des Arbeitskreises Erinnerung vom 29.06.2017 und Prüfauftrag des Kulturausschusses vom 17.10.2017: „Grünbewuchs (Wilder Wein, Efeu, weiße Rosen) Das Denkmal wird von Pflanzen zugewachsen“. Einstimmiger Beschluss des Kulturausschusses am 15.05.2018, dem Gemeinderat zu empfehlen, die Abteilung Stadtgeschichte möge in die Planung 2019 aufnehmen: „Das Gefallenendenkmal und die Namenstafeln auf dem Luisenplatz werden begrünt.“

Die Abteilung Landschaft und Gewässer rät „von der kompletten Begrünung der Gedenkwand“ ab, sodass unklar ist, warum der Beschluss trotzdem die Tafeln erwähnt. Fürs NS-Kriegsdenkmal schlägt der Beschluss vier Begrünungsvarianten mit Vor- und Nachteilen vor:

  1. Wilder Wein als Kletterpflanze ist preiswert, ohne das Denkmal zu schädigen.
  2. Hohe weiße Strauchrosen (z.B. Sorte Friedenslicht®) um das Denkmal bringen es zum Verschwinden. Als nachteilig gelten die gestalterische Betonung des Denkmals, Eingriffe in Platanenwurzeln, Pflegeaufwand, Stützgerüste, Kosten.
  3. Immergrüne Schnittgehölze (z.B. Eiben) um das Denkmal lassen es teilweise im Gehölz verschwinden. Als nachteilig gelten die gestalterische Betonung des Denkmals und der Pflegeaufwand.
  4. Durch immergrüne Schnittgehölze auf der Gesamtfläche verschwindet das Denkmal teilweise im Gehölz. Als nachteilig gelten der Pflegeaufwand und erschwerte Sozialkontrollen und Veranstaltungen.
Diskussionsbeiträgen zufolge könne das Denkmal zuwachsen, ebenso die Tafelwand, die nur zum Volkstrauertag freizuschneiden sei und danach wieder zuwachsen könne. Der Grünwuchs solle dem martialischen Eindruck Einhalt gebieten. (KA BV 15.05.2018, KA WP 15.05.2018)

Am 06.11.2018 beauftragt der Kulturausschuss die Abteilung Stadtgeschichte, die Pflanzung von weißen Sophie-Scholl-Strauchrosen um das Gefallenendenkmal (ggfs. im Hochbeet) – ungeachtet ihrer Nachteile – in die Planung für 2019 aufzunehmen (KA BV 06.11.2018, KA GBA 06.11.2018, s. auch Chronologie 06.11.2018).

Realisiert bei Wachhäuschen und Mauer vor der ehemaligen SS-Kaserne.

Grund: „Vorkommnisse durch rechts- und linksextreme Gruppen“

Zweck: Da jede Begrünungsvariante den Vorteil bietet, dass das Denkmal zumindest teilweise verschwindet, scheint dies kein Nebeneffekt, sondern Hauptzweck des Begrünens zu sein. Andererseits wird behauptet, „operatives Ziel“ sei „eine weitere Sichtbarmachung der Geschichte des Luisenplatzes und Erläuterung des Gefallenendenkmals“. Das Begrünen sei „nicht als eine Art "Verstecken" des Denkmals unter Pflanzen zu verstehen [..]. Ganz im Gegenteil soll auch mit der Begrünung der Zweck einer Kommentierung verfolgt werden, indem dem Denkmal sein martialischer Ausdruck und seine ursprüngliche Intention genommen wird.“ „Eine weitere erläuternde Gestaltung des Luisenplatzes soll [ihm] auch seine politische Brisanz für das rechts- oder linksextreme Spektrum“ nehmen.

Kommentar zum Sprachgebrauch: Ein Kommentar zu einer Erscheinung steht üblicherweise neben ihr und verändert sie nicht, kann aber ihre Wahrnehmung verändern. In obigen Sätzen hingegen liefert die Erscheinung den Kommentar und die Gestaltung erläutert. Obwohl es fragwürdig erscheint, den Unterschied zwischen Kommentieren und Gestalten zu verwischen, wird dieser Sprachgebrauch im Folgenden hingenommen.
Kommentar: Das Begrünen des NS-Kriegsdenkmals und der Tätertafeln wirft viele Fragen auf: Will man über das NS-Relikt „Gras wachsen lassen“? Erledigt sich Erinnerungskulturarbeit im „Dornröschenschlaf“ (Lumbe 15.05.2018)?

Wieso ist „Begrünen“ kein „Verstecken“, wenn in der Beschlussvorlage zur Kulturausschusssitzung vom 15.05.2018, Anlage 1, ausdrücklich als Vorteil des Begrünens das Verschwinden des Denkmals steht und als Nachteil das Auftauchen im Winter (kein Laub)? Wie ist der Vorteil des Verschwindens des Denkmals unter Pflanzen mit dem „operativen Ziel“ der „Sichtbarmachung der Geschichte des Luisenplatzes und Erläuterung des Gefallenendenkmals“ vereinbar? Wie passt das Postulat „Erklären statt Verschweigen, Verdrängen, Verstecken, Verschwinden lassen, Entfernen, Vergessen“ (Tracik 16./17.05.2018) zum Verschwindenlassen durch Begrünung? Wie passt das Verschwindenlassen zum Aufwerten des Denkmals durch edle Pflanzen?

Welcher „Erkenntnis- und Erfahrungsgewinn“ (Erinnerungskulturleitlinie 3) soll mit dem Begrünen verbunden sein? Wenn der Zweck einer Kommentierung des Denkmals verfolgt wird, indem ihm „sein martialischer Ausdruck und seine ursprüngliche Intention genommen wird“, warum soll das durch Begrünen geschehen und nicht durch Färben? Denn auch bunte Färbungen kommentieren das Denkmal, nehmen ihm „seinen martialischen Ausdruck und seine ursprüngliche Intention“, wie mehrfach bewiesen (21./22.01.2017, 14./15.01.2018).

Worin bestehen „der martialische Ausdruck und die ursprüngliche Intention“ des NS-Kriegsdenkmals? An welchen Elementen lassen sie sich festmachen? Aus welchen Gründen, mit welcher Intention, zu welchen Zwecken wurde das Denkmal mit einem „martialischen Ausdruck“ versehen? Wer war dafür verantwortlich? Warum sollen Antworten auf diese Fragen nicht Teil eines öffentlichen Kommentars zum Denkmal sein?

Aus welchen Gründen sollen dem Denkmal „sein martialischer Ausdruck und seine ursprüngliche Intention“ genommen werden? Soll man analog NS-Liedertexte umdichten, um ihnen ihren „martialischen Ausdruck“ und ihre „ursprüngliche Intention“ zu nehmen? Warum soll der übers ganze Jahr verdrängte „martialische Eindruck“ ausgerechnet für den Volkstrauertag durch Freischneiden wieder herausgestellt werden? Solche Fragen werden immer wieder aufkommen, solang die NS-Krieger am Luisenplatz marschieren und keine widerspruchsfreien, nachvollziehbaren, überzeugenden Antworten vorliegen.

Was Begrünen real bewirkt, zeigt sich an den Wachhäuschen und der Mauer vor dem Stabsgebäude der ehemaligen SS-Kaserne. Sie sind zur Unkenntlichkeit überwuchert. Von der Gedenkstätte aus gesehen verschwindet der SS-Kasernenbau hinter einer grünen Wand, vom RIZ aus gesehen ist die Gedenkstätte hinter Grünzeug versteckt. Eine „Spur“ der NS-„Zeitschicht“ ist verwischt, statt sie „sichtbar zu machen“, wie Erinnerungskulturleitlinie 2 fordert.

Wie wahrscheinlich ist es, dass Neonazis und Antifaschisten das gepflegt überwucherte NS-Kriegsdenkmal nicht mehr als NS-Kriegsdenkmal erkennen? Dass Neonazis auf Aufmärsche, Antifaschisten auf Mahnungen verzichten? Ein NS-Kriegspropagandaobjekt bleibt ein NS-Kriegspropagandaobjekt, selbst wenn es Friedenslichter® zurankeln. Kann der Wunsch des Oberbürgermeisters, „einem Aufmarsch keinen Platz [zu] bieten“, so Wirklichkeit werden? Wohl kaum, im Gegenteil: Ein Grünbewuchs böte Neonazis regelmäßig Anlass, Rückschnittaktionen analog zu den Farbkleckssäuberungsaktionen anzudrohen.

Anstatt über den kriegspropagandistischen Zweck des NS-Relikts aufzuklären, schämt man sich seiner, man will es verdecken, verstecken. Man will es stehen, aber nicht sehen lassen. Man konzediert, dass sein ehemaliger Gebrauchswert im öffentlichen Raum nicht mehr tolerabel ist und will ihn trotzdem erhalten.

Fazit: Das gut gemeinte Begrünen ist das gärtnerische Pendant zum künstlerischen Verhüllen, ein Ausdruck von Scham- und Verdrängungskultur. Feigenblätter sollen das Denkmal, dessen man sich schämt, verstecken. Man will ihm seine kriegspropagandistische Intention nehmen, indem man sie unter Laub verbirgt, vertuscht. So lässt man sie unterschwellig weiter wirken. Zudem unterbietet der Vorschlag die bescheidenen Erinnerungskulturleitlinien.

Radolfzell NS-Kriegsdenkmal Jungbaum 2018-09-11 K. Hug Einer der beiden Jungbäume an der Fürstenbergstraße, die das NS-Relikt von außen verdecken.

Radolfzell Luisenplatz von der Stadtmauer aus 2018-09-11 K. Hug Luisenplatz mit Platane von einer Caféterrasse über dem Stadtgarten aus betrachtet: Das Kriegerdenkmal wird sich in wenigen Jahren hinter Laubwerk der Jungbäume Blicken entziehen.

Versetzen

Vorschlag: Prüfauftrag des Kulturausschusses vom 17.10.2017: „Versetzung der Figuren an einen anderen Standort innerhalb des Luisenplatzes“. Beschluss des Kulturausschusses am 15.05.2018, dem Gemeinderat zu empfehlen, die Abteilung Stadtgeschichte möge in die Planung 2019 aufnehmen: „Das Gefallenendenkmal wird an einen anderen Standort auf dem Luisenplatz versetzt.“

Die Abteilung Landschaft und Gewässer meldet, dass das Versetzen des Denkmals an einen anderen Standort auf dem Luisenplatz statisch begleitet werden muss, ggf. die Statik der Außenmauer vorab geprüft werden muss, Schädigungen des Wurzel- und Kronenbereichs der Platane zu erwarten sind, und die Voruntersuchungen und Maßnahmen einen fünfstelligen Betrag kosten werden. Trotzdem stimmt der Kulturausschuss einstimmig für diesen Prüfauftrag. (KA BV 15.05.2018, KA WP 15.05.2018)

Nachdem Kurzgutachten eines Ingenieurbüros für Tragwerksplanung und eines Steinhandwerkers das Versetzen als aufwendig, kostenintensiv und das Denkmal und die Platane schädigend beurteilen, lehnt der Kulturausschuss das Versetzen am 06.11.2018 einstimmig ab (KA BV 06.11.2018, KA GBA 06.11.2018).

Grund: „Vorkommnisse durch rechts- und linksextreme Gruppen“

Zweck: „Operatives Ziel“ sei „eine weitere Sichtbarmachung der Geschichte des Luisenplatzes und Erläuterung des Gefallenendenkmals“. „Eine weitere erläuternde Gestaltung des Luisenplatzes soll [ihm] auch seine politische Brisanz für das rechts- oder linksextreme Spektrum“ nehmen. Einem Diskussionsbeitrag zufolge könne man „das Denkmal links an das Ende der Tafel versetzen, damit ein parkähnlicher Zustand entstehe“.

Kommentar: Ein NS-Kriegspropagandaobjekt bleibt ein NS-Kriegspropagandaobjekt, selbst wenn man es vom Sockel herunterholt, ein paar Meter versetzt und in der Ecke auf eine bodengleiche Plattform stellt. Das Versetzen des NS-Kriegsdenkmals wirft viele Fragen auf:

Wie ist das Versetzen mit dem „operativen Ziel“ der „Sichtbarmachung der Geschichte des Luisenplatzes und Erläuterung des Gefallenendenkmals“ vereinbar? Wie passt das löbliche Motto „Erklären statt Verschweigen, Verdrängen, Verstecken, Verschwinden lassen, Entfernen, Vergessen“ (Tracik 16./17.05.2018) zum Versetzen? Was erklärt das Versetzen? Wie erklärt man, dass das Versetzen des Denkmals keine lächerliche, sinnlose, zerstörerische, teure Maßnahme ist?

Welcher „Erkenntnis- und Erfahrungsgewinn“ (Erinnerungskulturleitlinie 3) soll mit der Versetzung verbunden sein? Wenn der Zweck einer Kommentierung des Denkmals verfolgt wird, warum soll das durch Versetzen geschehen und nicht durch effektivere Maßnahmen?

Wie wahrscheinlich ist es, dass Neonazis und Antifaschisten das versetzte NS-Kriegsdenkmal nicht mehr als NS-Kriegsdenkmal erkennen? Dass Neonazis auf Aufmärsche, Antifaschisten auf Mahnungen verzichten? Kann der Wunsch des Oberbürgermeisters, „einem Aufmarsch keinen Platz [zu] bieten“, so Wirklichkeit werden? Eher nicht, denn ob sich Rechtsextreme hier oder ein paar Meter weiter sammeln, ist belanglos.

Das versetzte Denkmal bleibt zwar als Anschauungsmaterial zur NS-Zeit erhalten, wird aber nicht nachhaltig dekontextualisiert, sodass der Luisenplatz nazistischer Wallfahrtsort und Sammelplatz bleiben kann. Daher wirkt dieser Vorschlag eher als Scheinlösung, die kein aufklärerisches Ziel erreicht, aber Aufwand und Kosten verursacht und letztlich nur dazu dient, dass die Verantwortlichen sich schulterklopfend bestätigen: Wir tun etwas. Der Kulturausschuss scheint zu halbherzigen Maßnahmen bereit, die keine Probleme lösen. Oder geht es darum, Fördermittel abzugreifen und in blindem Aktionismus zu verbraten? (SK 08.05.2018)

Fazit: Das gut gemeinte Versetzen ist ein Ausdruck von Hilf- und Mutlosigkeit gegenüber dem Problem, das NS-Relikt als Magnet rechtsextremer Umtriebe nachhaltig zu entwerten. Man will ihm seine kriegspropagandistische Intention nehmen, indem man seine räumliche Lage verändert. Doch dort wirkt sie offen weiter. Dabei ignoriert der Vorschlag die dürftigen Erinnerungskulturleitlinien.

Sonstiges

Aufgrund von „Vorkommnissen durch rechts- und linksextreme Gruppen“ diskutieren der Arbeitskreis Erinnerung und der Kulturausschuss am 29.06.2017 bzw. 17.10.2017 später nicht weiter verfolgte Vorschläge mit teils unklaren Details und Zwecksetzungen (KA BV 17.10.2017, KA WP 17.10.2017). Als kosmetische Ablenkungsmanöver lassen sie sich gut hier kategorisieren:
  • Schieflegen: „Die Soldaten werden in ihrer Achse verschoben und sollen damit "schief" dastehen, was ihnen die Bedrohlichkeit nehmen soll.“

    Ein NS-Kriegspropagandaobjekt bleibt ein NS-Kriegspropagandaobjekt, selbst wenn es schief dasteht. Das gut gemeinte Symbol ist zu schwach, um aufklärend zu wirken. Konsequent weiter gedacht verlieren die Soldaten ihre Bedrohlichkeit erst, wenn man sie umlegt, d.h. umkippt, siehe Umkippen.

  • Versenken: Die Figuren sollen ganz oder teilweise „im Boden verschwinden, was ihnen die Höhe und damit Bedrohlichkeit nehmen soll“.

    Ein NS-Kriegspropagandaobjekt bleibt ein NS-Kriegspropagandaobjekt, selbst wenn man es ein Stück in den Boden versenkt.

  • Umdrehen: „Die Figuren werden umgedreht und laufen auf die Totentafel zu.“

    Ein NS-Kriegspropagandaobjekt bleibt ein NS-Kriegspropagandaobjekt, selbst wenn man es horizontal dreht. Das gut gemeinte Symbol für „Weglaufen“ ist keins: Die Nazis planten weit über die Tafelwand hinaus, sie führten in alle Himmelsrichtungen Angriffskriege. Wohin man die Steinsoldaten auch dreht und wendet, stets marschieren sie in Richtung „Feind“.

  • Aufenthaltsort schaffen: Der Ort sei zu entschärfen, Spielgeräte und Bänke sollen seine Aufenthaltsqualität erhöhen, wodurch er interessant gestaltet und belebt werden soll.

    Ein NS-Kriegspropagandaobjekt bleibt ein NS-Kriegspropagandaobjekt, selbst wenn man es mit Spielgeräten und Bänken umgibt. Wer will Kinder an den Anblick des NS-Monsters gewöhnen und sich länger als nötig dort aufhalten?

  • Texttafel zu Luise von Baden aufstellen: „Eine Erläuterungstafel zur Großherzogin soll den Namen des Platzes erläutern.“

    Ein NS-Kriegspropagandaobjekt bleibt ein NS-Kriegspropagandaobjekt, selbst wenn daneben Informationen zu Luise stehen. Nebenbei: Was hat sie mit dem NS-Relikt zu tun? Hat sie die Nazis gefördert oder für Frieden und Demokratie gekämpft? Nein. Luises Tafel soll davon ablenken.

Mit den Kurzgutachten eines Ingenieurbüros für Tragwerksplanung und eines Steinhandwerkers, die dazu führen, dass der Kulturausschuss das Versetzen einstimmig ablehnt, erledigen sich auch Schieflegen, Versenken und Umdrehen (KA BV 06.11.2018, KA GBA 06.11.2018).

Fazit zu „Schamvoll Verdrängen“

Vorzutäuschen, das NS-Relikt sei kein Kriegspropagandamittel, oder davon abzulenken, dass es eines ist, dient keiner Erinnerung. Erinnerungskultur darf nicht zu Verdrängungs- und Ablenkungskultur verkommen. Zwei Leitlinien können dabei helfen:
  • Nichts verschleiern: Soldaten zu Friedensengeln modeln? Waren Gestapo-, SA-, SS-Schergen nicht bedrohlich, wenn sie Menschen aufgriffen, verhörten, quälten? Alle Versuche, das Naziregime, seine Ursachen und Wirkungen, seine Ideologie und Artefakte, seine Täter und Taten, seine Verbrechen, Kriege, Misshandlungen und Massenmorde zu verschweigen, vertuschen, vernebeln, sind abzulehnen. Dies betrifft auch das Verpacken, Zuwuchern lassen, Verschieben und Verdrehen des NS-Kriegsdenkmals. Zudem verschmiert derlei Verschleierungskosmetik die Forderung, den Dokumentations- und Anschauungswert des Unkulturdenkmals zu betonen.
  • Nichts relativieren: Ebenso abzulehnen sind alle Versuche, das Naziregime zu verbrämen, zu relativieren und die historische Verantwortung abzuwälzen: Niemand war dabei, keiner hat’s gewusst [Wol89], es war nicht so schlimm, nur ein Vogelschiss, es war nicht alles schlecht, auch Andere haben usw. usf. Dies betrifft auch Mutationsketten wie „Helden / Söhne der Stadt / Opfer der Gewaltherrschaft“ und „Erster Weltkrieg / Zweiter Weltkrieg / alle Kriege“.

Aufklärend Dekontextualisieren

Offenbar konfligieren die aus der offiziellen Erinnerungskultur verdrängte Kontrollratsdirektive Nr. 30, das NS-Relikt „vollständig zu zerstören und zu beseitigen“, der politische Auftrag, die Direktive verspätet zu erfüllen, und die moralische Pflicht, NS-Kriegspropaganda aus öffentlichen Parks zu entfernen, mit dem denkmalschützerischen Ziel, „Zeugnisse der Zeitgeschichte“ zu erhalten. Aleida Assmann zeigt einen Weg, diesen Konflikt zu lösen: NS-Denkmale seien zu „historisieren“ und „durch Erklärungen oder Markierungen in einen neuen Kontext“ zu stellen, sodass „sie ihre erinnerungsgeschichtliche Relevanz“ behalten, ohne die NS-Ideologie zu fördern [Bru18, Aleida Assmann paraphrasierend]. Diese Kategorie sammelt konkrete Vorschläge, das NS-Kriegsdenkmal zu dekontextualisieren und wirksam in einen aufklärenden Kontext einzubetten.
Sachverständige anhören
Tradierte ritualisierte Feiern verlegen
Informationstafeln installieren
Friedensfahnen aufstellen
Färben
Färbungsaktionen veranstalten
Umkippen
Zerlegen + Umkippen + Verteilen
Mauerwerk erhalten und NS-Platzarchitektur erläutern
Namenstafeln umsiedeln
Tafelwand zu Informationswand umgestalten
Platz umbenennen
Platane benennen
In Hochkunstwerk veredeln
Gegendenkmal errichten
In Museum verlagern
Ideenwettbewerb zur kompletten Umgestaltung durchführen
Eine offizielle Entweihung des NS-Kriegsdenkmals, die die SS-Weihung von 1938 annulliert, wäre ein symbolischer Akt der Dekontextualisierung, der sich leicht vollziehen ließe. Unklar ist, warum die Gremien diesen preiswerten Vorschlag ignorieren, während sie Vorschläge beschließen, die fünfstellige Beträge kosten.

Sachverständige anhören

Vorschlag: Die Stadt lädt Sachverständige zu einer öffentlichen Anhörung, in der diese ihre Erkenntnisse über die Entwicklung des NS-Kriegsdenkmalensembles mündlich und schriftlich erläutern und die öffentliche Debatte um seine künftige Nutzung versachlichen. Die Stadt publiziert die schriftlichen Beiträge zur Anhörung dauerhaft in ihrem Webauftritt.

Realisiert in Pinneberg am 8. Mai 2018: Auf Beschluss der Ratsversammlung organisierte eine Arbeitsgruppe eine „Öffentliche Anhörung der Sachverständigen zur Umgestaltung des Denkmals am Bahnhof“ mit dem Titel „So nicht, aber wie?“, an der Prof. Dr. Loretana de Libero, Historikerin an der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg-Blankenese und der Universität Potsdam, Wolfgang J. Domeyer, Leiter des VHS-Landesverbands Schleswig-Holstein und Aktiver der VHS-Geschichtswerkstatt, und Pastor i.R. Ulrich Hentschel, ehemaliger Studienleiter für Erinnerungskultur an der Evangelischen Akademie der Nordkirche, teilnahmen. Die Ergebnisse sind unter denk-mal-gegen-krieg.de/kriegerdenkmaeler/schleswig-holstein-p-r (→ Pinneberg) publiziert.

Grund: Informationen zum Radolfzeller NS-Kriegsdenkmalensemble sind auf viele Stellen verteilt. Unter den wenigen Veröffentlichungen, die sich ausführlich mit ihm befassen, ist die Webseite radolfzell-ns-geschichte.von-unten.org/ns-ehrenmal die informativste. Publikationen der Stadt zu ihrem „Gefallenendenkmal“ sind ausbaubar, insbesondere in ihrem Webauftritt. Eine umfassende, kritische Aufarbeitung der Geschichte des Ensembles ist eine Voraussetzung für die Debatte über den künftigen Umgang damit.

Die fünfte Leitlinie des Radolfzeller Erinnerungskulturkonzepts lautet:

„Insbesondere bei kritischen Sachverhalten werden Expertisen von WissenschaftlerInnen als unabhängige Meinung hinzugezogen.“
Da die Debatte zum NS-Kriegsdenkmalensemble seit zwei Jahrzehnten anhält, ohne dass sich ein nachhaltiger Kompromiss abzeichnet, handelt es sich zweifellos um einen „kritischen Sachverhalt“. Doch die Stadt hat bisher „Expertisen von WissenschaftlerInnen als unabhängige Meinung“ kaum hinzugezogen. Soll ihre Erinnerungskulturarbeit glaubwürdig sein, so darf sie ihre eigenen Leitlinien nicht ignorieren. Ein weiterer Satz, der vom Entwurf des Erinnerungskonzepts nicht in die beschlossene Fassung gelangte, bleibt beachtenswert:
„Die Wissenschaft hat dabei die Aufgabe die Ergebnisse der Beschäftigung mit der Vergangenheit und ihre Schlüsse daraus nachvollziehbar nach Kriterien der Wissenschaftlichkeit (u.a. Wahrheit und Vollständigkeit) darzulegen.“
Der Vorschlag „Abriss des Mahnmals und Ausschreibung eines künstlerischen Wettbewerbs mit dem Auftrag, etwas zu entwerfen als "Mahnung zum Frieden"“ verfehlte in der Kulturausschusssitzung am 15. Mai 2018 mit sechs Ja- gegen sechs Nein-Stimmen die Mehrheit nur knapp (KA WP 15.05.2018). Die zum begrüßenswerten zweiten Teil dieses Vorschlags zur Umgestaltung des Denkmalensembles formulierten Begründungen und Zwecksetzungen sind erweiterbar (siehe Vorschlag Ideenwettbewerb zur kompletten Umgestaltung durchführen). Es fehlt die wichtige Grundlage wissenschaftlich aufbereiteter Informationen, auf der die Radolfzeller Erinnerungskulturarbeiter zielgerichtet diskutieren können, warum sie was und wozu sie wohin mit dem Denkmalensemble wollen.

Zweck: Die Sachverständigenanhörung soll dazu beitragen, für die Debatte zum Umgang mit dem NS-Kriegsdenkmalensemble eine wissenschaftliche Grundlage zu schaffen, Erfahrungen von Erinnerungskulturarbeiten anderer Städte mit vergleichbaren NS-Relikten einzubringen, die Debatte zu versachlichen und anzuregen, und für die Diskussion von Gestaltungsvorschlägen Argumente für Begründungen und Zwecksetzungen bereitzustellen.

Kommentar: Sachverständige muss man nicht aus Norddeutschland einfliegen. Wissenschaftlicher und erinnerungskultureller Sachverstand sind in der Universität Konstanz und in ganz Baden-Württemberg vorhanden.

Fazit: Was Pinneberg kann, sollte auch Radolfzell können.

Tradierte ritualisierte Feiern verlegen

„Wer hinter Nazifahnen herläuft, der ist auch ein Stück weit ein Nazi. Da beißt die Maus keinen Faden ab. Das müssen wir immer wieder in der Diskussion ganz deutlich sagen.“
Annegret Kramp-Karrenbauer, CDU-Generalsekretärin, zum Abschluss des Deutschlandtags der Jungen Union am 06.10.2018 in Kiel (SK 08.10.2018, S. 2)
Vorschlag: Im April 2010 äußert der Radolfzeller Filmemacher Günter Köhler, er habe sich schon vor zehn Jahren aufgeregt, als der Volkstrauertag unter dem von der SS „geweihten“ Kriegerdenkmal abgehalten wurde (SM 14.04.2010). Im Juni 2010 stellt Oberbürgermeister Dr. Jörg Schmidt fest, „dass es kein »weiter so« am Kriegerdenkmal geben dürfe und könne“ und eine Gemeinderatsmehrheit will die Gedenkfeier am Volkstrauertag nicht mehr am Nazi-Symbol abhalten (WB 23.06.2010, SK 24.06.2010). Im Mai 2018 hält Stadträtin Nina Breimaier „es nicht mehr für vertretbar, die Feier am Volkstrauertag auf diesem Platz in dieser Konstellation abzuhalten“ und Oberbürgermeister Martin Staab versichert, die Anregung, „den Volkstrauertag in einem anderen Rahmen (neuer Ort oder neue Form) abzuhalten, mitzunehmen“ (KA WP 15.05.2018). Die Forderung, die Nutzung von NS-Kriegsdenkmalen für ritualisierte Feiern zu beenden, wird vielerorts erhoben, trifft auf traditionsbefangenes Beharrungsvermögen und führt zu teils heftigen öffentlichen Debatten [DISS12, S. 42].

Realisiert beispielsweise in Engen, wo die Gedenkfeier am Volkstrauertag seit 2009 nicht mehr am NS-Kriegsdenkmal von 1936 stattfindet, sondern beim neuen „Friedenszeichen“ auf dem Friedhof [Bla14, S. 246]. Und in Furtwangen, das sie seit der Nachkriegszeit nicht am NS-Kriegsdenkmal von 1937, sondern auf dem Friedhof durchführt [Kai12, S. 86].

Grund: Feiern an NS-Relikten sind für einen demokratischen Rechtsstaat, der sich als zivilisatorische Antithese zum Naziregime legitimiert, untragbar. Unreflektierte Traditionspflege mit Totengedenkritualen läuft Gefahr, den Trennstrich zu rechtsextremen Bräuchen zu verwischen.

Zweck: Gedenkfeiern so gestalten, dass sie den Werten Frieden, Freiheit, Demokratie entsprechen. Einen deutlichen Trennstrich zu nazistischen, militaristischen, völkischen Traditionen ziehen.

Kommentar und Fazit: Was Engen und Furtwangen können, sollte auch Radolfzell möglich sein.

Informationstafeln installieren

Zwei Vorschläge zum „operativen Ziel“ der „Erläuterung des Gefallenendenkmals“ wurden realisiert: 2001 die transparente Textstele zu den Vorbereitungen für den Krieg und den Holocaust, 2014 die fünf Glas-Informationstafeln zur Entstehung des Denkmals. Neben Zustimmung gibt es unterschiedliche Kritik und Änderungswünsche:
  • Gescheitert: Das städtische Luisenplatzkonzept „sei komplett gescheitert“. Die Stele und die Informationstafeln seien vielleicht „zu rational oder intellektuell“. „Heute sei man an einer emotionalen Wendung“, meint Norbert Lumbe in der Kulturausschusssitzung am 15.05.2018. (KA WP 15.05.2018)
  • Kompliziert, lang, schwer verständlich: Die erklärenden Texte seien zu kompliziert und zu lang. Vor die Soldaten sei einfach ein großes plakatives Schild mit „Nie wieder Krieg“ anzubringen, ohne das „Zeitdokument“ von 1938 zu beeinträchtigen.

    Förderlich seien Erklärungen in „leichter Sprache“, die die Tafeln „in leicht verständlicher Weise“ ergänzen (KA BV 17.10.2017).

  • Unleserlich: Die Texte und Fotos sind informativ und verständlich, aber optisch fast unleserlich, weil das Glas spiegelt und der Hintergrund aus Efeu unruhig ist. Das schreckt ab, statt zum Lesen zu ermuntern. Eine einfache Aufgabe steht seit Jahren an: Die Informationstafeln leserlich gestalten!
Kommentar: Aufklärung beruht auf Informationen. Text und Bild sind unverzichtbare Mittel aufklärender Dekontextualisierung. Die realisierten Maßnahmen sind wichtige Schritte in die richtige Richtung. Sie als gescheitert einzuschätzen hieße, das Kind mit dem Bad auszuschütten.

Die Informationen zu reduzieren wäre ein Rückschritt. Historische Hintergründe lassen sich nicht auf (zwar richtige, aber kurze) Parolen reduzieren. Fakten darzustellen und Zusammenhänge zu erläutern erfordert Platz. Freilich dürfen die Verfasser nicht versäumen, die Inhalte didaktisch gut aufzubereiten.

Unleserliches kann man nicht lesen, egal ob es kompliziert oder einfach, lang oder kurz, schwer oder leicht verständlich ist. Leserliches kann man lesen; wem es zu kompliziert, zu lang, zu schwer ist, gibt auf, die anderen lesen es. Wem nützen unleserliche Informationstafeln? Wer will sie so haben? Was haben der Arbeitskreis Erinnerung und der Kulturausschuss seit 2014 getan, um die Leserlichkeit der Informationen zu verbessern? Was wollen sie wann dafür tun? Welche Aufwände und Kosten erfordert das?

Möglicherweise resultiert das Unleserlichkeitsproblem aus dem Ansatz, eine „in sich stimmige Komposition der Einzelteile“ zu bewahren, indem man sie dezent mit transparenten, kaum wahrnehmbaren Tafeln garniert, die den „Kunstgenuss“ der „Primärwerke“ nicht beeinträchtigen. Solche Behutsamkeit ist vielen anderen Bau- und Naturdenkmalen zu wünschen, bei denen eine gedankenlos davor platzierte hässliche Informationstafel den Anblick stört. Aber nicht dem NS-Relikt!

Fazit: Um das NS-Kriegsdenkmal wirkungsvoll zu dekontextualisieren, bedarf es nicht weniger, sondern mehr aussagekräftiger Informationen in Text und Bild in leserlicher Form. Ein künstlerischer Ansatz dazu sollte die Form der Funktion unterordnen, statt die Funktion der Form zu opfern.

Friedensfahnen aufstellen

Vorschlag: Kindergartenkinder und Schüler gestalten „Friedensfahnen“, die auf der Grünfläche vor dem NS-Kriegsdenkmal temporär installiert werden.

Realisiert zur „Kulturnacht“ am 02.10.2016 und beim „Friedensfest“ am 08.05.2018.

Grund: Kinder und Jugendliche in die Erinnerungskultur einbeziehen

Zweck: Die Fahnen sollen den NS-Kultort in einen „Platz des Friedens“ verwandeln.

Kommentar: Enthält das Befahnen Atome der Verdrängung und Ablenkung, so überwiegen doch die Moleküle emotionaler Dekontextualisierung. Zwar wird das NS-Relikt von der Straßenseite aus gesehen hinter einem Fahnenwald versteckt, aber nicht allseits Blicken entzogen (wie bei der Verhüllung), sondern bleibt zugänglich für rationale Aufklärung.

Mit ihrer bunten Bemalung und Beschriftung signaliseren die Fahnen: Jetzt sind wir hier, das ist unser Platz, wir leben wie es uns gefällt, brauner Militaristenmist ist mega-out. Etwas Flair der Flower-Power-Ära der späten 1960er Jahre mit „Make love, not war“ und „Give Peace a Chance“, ein Hauch der regenbogenfarbenen Friedens-, Umwelt- und Frauenbewegungen der 1970er und 80er Jahre mit dem CND-Peace-Symbol und der Friedenstaube wird spürbar.

Zudem kontrastieren die Friedensfahnen zur Kriegsfahne der NS-Soldaten. Dass die Friedensfahnen in andere Richtungen flattern, zeigt sich auch daran, dass sie am 03./04.10.2016 zur unverhohlenen Freude des neonazistischen „III. Wegs“ gestohlen wurden.

Fazit: In einem Konzept aufklärender Dekontextualisierung können Friedensfahnen als emotionale Elemente eine wichtige Rolle spielen.

Färben

Die vom Arbeitskreis Erinnerung am 29.06.2017 diskutierten Vorschläge
  • Farbe (Anstrich, bunt) Das Denkmal wird farbig umgestaltet.
  • Farbiges Gummigranulat (bunt und plastisch) Das Denkmal wird farbig und in seiner Form verändert.
finden in der Kulturausschusssitzung am 17.10.2017 keine Mehrheit (KA BV 17.10.2017, KA WP 17.10.2017).

Grund: „Vorkommnisse durch rechts- und linksextreme Gruppen“

Zweck: nicht dokumentiert

Kommentar: Der Vorschlag, das NS-Relikt farbig anzustreichen, reagiert auf die Farbaktion vom 21./22.01.2017, die er als Ausdruck antifaschistischen Protests begreift, der in geordnete Bahnen zu lenken ist. An die Stelle spontaner Farbklecksereien tritt ein professioneller Farbanstrich mit möglichst künstlerischem Anspruch, um die Protestkultur zu domestizieren, auf die Ebene seriöser Hochkultur zu heben und zu veredeln.

Der Vorschlag, die NS-Soldaten durch farbiges Granulat förmlich zu verändern, ist ambivalent: Je nach Ausführung kann er Elemente technokratischer Hervorhebung, schamvoller Verdrängung oder aufklärender Dekontextualisierung enthalten. Unklar ist, warum eine öffentlich steuerfinanzierte Deformierung des Steins mit Granulat „die Geschichte des Luisenplatzes weiter sichtbar macht“ und „das Soldatendenkmal erläutert“, hingegen eine anonym privatfinanzierte Beklecksung des Steins mit Farben eine Sachbeschädigung darstellt.

Fazit: Färben kann ein Ausdruck von Protest- und Aufklärungskultur sein. Man protestiert gegen das NS-Kriegsdenkmal, indem man seinen „martialischen Ausdruck“ und seine „ursprüngliche Intention“ durch Farben hervorhebt, verfremdet und bewusst macht. Gleichzeitig macht man sie offen unwirksam.

Färbungsaktionen veranstalten

Vorschlag: Die Stadt organisiert am Luisenplatz antifaschistische Gedenkfeiern mit integrierten Färbungsaktionen, die den Monstersteinklotz in bunte Volkskunstwerke verwandeln. Die Aktionen können Anstreichen oder Besprühen mit Farben, Bewerfen mit Farbbeuteln oder andere Formen umfassen. Sie finden viermal jährlich statt. Durch Einbeziehen von Schülern erhalten sie einen betont demokratischen Charakter. Verteilt man die Aktionen auf die fünfte bis dreizehnte Klasse, so kommt jeder Jahrgang etwa alle zwei Jahre dran. Man kann jeweils Themen vorgeben, Wettbewerbe zwischen Klassen organisieren, jungen Graffiti-Künstlern Chancen geben, die Optionen sind vielfältig. Schließlich lassen sich die Färbungsaktionen überregional als touristische Attraktionen gewinnbringend vermarkten.

Grund: Nutzung des NS-Kriegsdenkmals durch Rechtsextreme für menschen- und demokratiefeindliche Propaganda

Zweck: Die Färbungsaktionen entwerten das NS-Relikt nachhaltig als Kultobjekt rechtsextremer Umtriebe und demonstrieren glaubhaft, dass Radolfzell bunt ist.

Vorgeschlagen in [Hug18U, S. 6] ohne Kenntnis des Färbungsvorschlags des Arbeitskreises Erinnerung vom 29.06.2017.

Kommentar: Vorteilhaft an Färbungsaktionen ist, dass sie dem NS-Monster einen neuen Gebrauchswert als demokratisches Kunstwerk im öffentlichen Raum geben. War die NS-Zeit nur ein Vogelschiss, so kann hier jeder einen symbolischen Vogelschiss auf das NS-Relikt setzen. Der bunte Steinklotz langweilt nie, da er regelmäßig neue Farbkompositionen erhält. Wird er außerhalb offizieller Färbungsaktionen Ziel von Farbbeutelwürfen, braucht dies keine Entrüstung mehr zu verursachen, da seine Umfärbung zum normalen Alltag gehört. Der polizeiliche Staatsschutz ist von der Aufgabe entlastet, nach Farbklecksern zu fahnden.

Die Färbungsaktionen bieten weitere Vorteile: Bisher hat die Stadtverwaltung immer wieder Steuergelder vergeudet für sinnlose Säuberungen des NS-Kriegsdenkmals nach Farbaktionen. Künftig kann sie nicht nur Ausgaben für Spezialreinigungsaufträge sparen, sondern auch peinlich anbiedernde E-Mail-Wechsel mit Neonazis über Beginn, Verlauf und Ende der Säuberungen, die ihrem Ansehen überregional geschadet haben [Gei17].

Freilich werden Rechtsextreme aufheulen. Sollten sie versuchen, Säuberungsaktionen vorzunehmen, könnte man diese als Sachbeschädigung eines öffentlichen Kunstwerks strafrechtlich verfolgen, besser aber gebührenpflichtig erlauben und durch mediale Dokumentation der Lächerlichkeit preisgeben.

Trotz der Farbüberdeckungen bleibt das NS-Denkmal als Anschauungsmaterial zur Auseinandersetzung mit der NS-Zeit erhalten. Die Option einer späteren Verlagerung und Wiederaufstellung in einem Museum bleibt offen. Auch die Entfernung der Farbschichten steht zukünftigen Generationen frei.

Fazit: Stärker als ein von einem Künstler einmalig durchgeführter Farbanstrich sind wiederholte Färbungsaktionen, an denen sich alle Interessierten beteiligen können, ein Ausdruck von Protest- und Aufklärungskultur. Jeder kann sich durch seinen individuellen Farbklecks auf dem NS-Relikt vom braunen Militärgeist distanzieren.

Umkippen

Vorschlag: Das NS-Kriegsdenkmal lässt sich um 90 Grad kippen. Beim Umlegen nach vorne fallen die Steinsoldaten auf die Schnauze, was das Ende des Kriegs und den Sturz des Naziregimes plastisch symbolisiert. Praktisch muss man die Figuren sanft kippen, ohne sie zu beschädigen. Nachteilig ist, dass wesentliche Teile des gekippten Denkmals verdeckt sind. Diesen Nachteil vermeidet man, indem man das Denkmal seitlich kippt, am besten so, dass die Gewehrmündung nach unten zeigt und der Steinsoldat in den Boden ballert.

Grund: Nutzung des NS-Relikts durch Rechtsextreme für menschen- und demokratiefeindliche Propaganda

Zweck: Das Umkippen der NS-Soldaten symbolisiert das Kriegsende und den Sturz des Naziregimes und entwertet so das Kultobjekt rechtsextremer Umtriebe nachhaltig.

Vorgeschlagen in [Hug18U, S. 5].

Kommentar: Verglichen mit zaghaftem „Schieflegen“ der NS-Soldaten setzt das Umkippen ein stärkeres Symbol, das sich kaum übersehen oder missverstehen lässt. Durch die gekippte Lage hat das Denkmal seine bisherige Dominanz am Luisenplatz verloren. Ein neues Friedensmahnmal in der Nähe kann den Konkurrenzkampf um Höhe und Dominanz gewinnen.

Rechtsextreme werden aufheulen, aber kaum fähig sein, eine Wiederaufrichtungsaktion anzudrohen. Auch das Ziel, das Denkmal als Anschauungsmaterial zu erhalten, wird erreicht. Da das Denkmal nur gekippt, aber nicht beschädigt wird, bleibt die Option einer späteren Verlagerung und Wiederaufstellung in einem Museum offen.

Fazit: Die umgekippten NS-Soldaten haben als Mittel der Kriegspropaganda ausgedient. In Flachlage dürfen sie aufklärend wirken.

Zerlegen + Umkippen + Verteilen

Dieser Vorschlag zur Dekontextualisierung erweitert und detailliert den vorigen, die Skulptur umzukippen, und zwar seitlich um 90 Grad in östlicher Richtung. Das Monument aus Sockel und Soldaten besteht aus fünf Schichten. Der Sockel bleibt stehen, wo und wie er ist. Die Soldaten werden in die vier Blöcke zerlegt, aus denen sie zusammengesetzt wurden. Diese Blöcke werden einzeln umgekippt mit einigem Abstand vor der breiten Wand verteilt.

Dem Sockel wird eine (leserliche!) Informationstafel beigestellt mit dem Hauptsatz

„Der Sockel steht noch, von dem das stürzte.“,
der an „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.“ aus Bertolt Brechts Theaterstück Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui von 1941 erinnert. Er verweist auf die vier daneben liegenden Skulpturteile und warnt vor neonazistischen Umtrieben. Die Informationstafel erläutert auch den Sturz der Soldaten, etwa so beginnend:
„Hier stand seit dem 22. Mai 1938 ein NS-Kriegspropagandaobjekt, bis es am ... gestürzt wurde, um einen Trennstrich zum Naziregime zu ziehen und ein Zeichen zu setzen gegen Krieg und Faschismus, für Frieden und Völkerverständigung ...“
Die transparente Textstele bleibt vor dem Sockel stehen, da ihr Text auch nach dem Umlegen der Soldaten richtig bleibt. Die verteilten Blöcke wirksam in einen aufklärenden Kontext einzubetten erfordert weitere Maßnahmen wie das Umgestalten der Tafelwand und das Umbenennen des Platzes. Sie sind folgend in eigenen Abschnitten beschrieben, da sie auch ohne Zer- und Umlegen der Soldaten durchführbar sind.

Grund: Nutzung des NS-Relikts durch Rechtsextreme für menschen- und demokratiefeindliche Propaganda

Zweck: Das Zerlegen, Umkippen und Verteilen der NS-Soldaten soll das Kriegsende, den Sturz des Naziregimes und die Zerschlagung der NSDAP symbolisieren und so das Kultobjekt rechtsextremer Umtriebe nachhaltig entwerten.

Vorgeschlagen in [Hug18V, S. 9–10].

Kommentar: Das Zerlegen und Umkippen symbolisiert das Ende des Kriegs und den Sturz des Naziregimes. Die Soldaten marschieren nicht mehr für den Krieg, sie sind „gefallen“ und haben so ihren Kontext der NS-Kriegspropaganda verloren. Das Verteilen der vier Blöcke symbolisiert die Zerschlagung der NSDAP, warnt aber auch, dass weiterhin neonazistische, militaristische, rassistische und rechtsextreme Organisationen existieren.

Die Kontrollratsdirektive Nr. 30 wird zwar nicht wörtlich erfüllt, da das Denkmal nicht vollständig zerstört, sondern unbeschädigt zerlegt, und nicht beseitigt wird, sondern am Ort bleibt. Das Umlegen der Soldaten kann aber als symbolische Erfüllung der Direktive gelten. Das 1946–1955 rechtswidrig Versäumte lässt sich 2018 ohnehin nicht buchstäblich nachholen. Doch kann die Stadt Radolfzell damit guten Gewissens behaupten, sie habe den politischen Auftrag und die moralische Pflicht erfüllt, die NS-Kriegspropaganda aus dem öffentlichen Park zu entfernen. Dies unterscheidet die Umlege-Maßnahme prinzipiell von schamvoller Verdrängungskosmetik wie Verhüllen, Begrünen, Versetzen.

Wandeln: Wie verhält sich das Umlegen zu den Nichts-verändern-aber-wandeln-Forderungen? Der martialische Eindruck der marschierenden Soldaten ist entschärft, der kriegerische Charakter hat seine Dominanz verloren, da jeder Block nur noch etwa zwei Meter hoch ist, das Bedrohliche ist in den Hintergrund getreten, da die Soldaten kampfunfähig zerlegt am Boden liegen. Die ursprüngliche Intention der NS-Kriegspropaganda ist nicht nebulös verschleiert, sondern aufklärend freigelegt, „ohne dabei Gefahr zu laufen, überkommene Ideale aufs Neue zu bewerben“ [Bru18, Aleida Assmann paraphrasierend]. Allerdings: Angriffsflächen für „Verunglimpfung“ und „Verschandelung“ bleiben unvermeidlich erhalten.

Schützen: Wie verhält sich das Umlegen zur denkmalschützerischen Forderung, ein Zeitgeschichte bezeugendes Kulturdenkmal zu erhalten? Alle Teile des Kulturdenkmals bleiben vollständig bestehen, kein Teil wird vernichtet, nur die Anordnung der Teile ändert sich. Die Zerlegung der Skulptur erfolgt reversibel, wie man sie auch bei einer temporären Lagerung vornehmen müsste. Im Unterschied zu den 80 % Stadtmauer, die für immer verschwunden sind, bleiben vom NS-Kriegsdenkmal 100 % erhalten [Sta17, S. 66]. Die Teile lassen sich jederzeit wieder zusammensetzen und in einem Museum aufstellen. Nichts Materielles geht verloren.

Erhalten: Wie verhält sich das Umlegen zur aufklärerischen Forderung, für folgende Generationen Dokumentations- und Anschauungsmaterial zur NS-Zeit zu erhalten? Die zerlegte Skulptur lässt sich gedanklich zum ehemaligen Kriegspropagandaobjekt zusammensetzen. Der bedrohliche, martialische Charakter bleibt an den Teilen erkennbar. Der aufklärende Kontext wird durch Umgestaltung des Platzes hergestellt. Freilich: Kränze kann man auch an den gestürzten Kriegern nicht guten Gewissens ablegen!

Fazit: Der Vorschlag ist praktikabel und effektiv. An den fünf Teilen der zerlegten, umgekippten und verteilten NS-Soldaten ist erkennbar, dass sie weit über die NS-Zeit hinaus der Kriegspropaganda gedient, aber nun ausgedient haben. Die Bruchstücke lehren, dass die demokratische Gesellschaft nicht länger bereit ist, aggressiv-militaristischen Nationalismus zu tradieren.

Nachtrag 07.11.2018: Das Kurzgutachten des Steinhandwerkers vom 12.10.2018 zur Machbarkeit einer Versetzung nennt Risiken, von denen die Beschneidung des Astwerks der Platane über dem Denkmal für einen Kran auch für das Umkippen zu beachten ist (s. Chronologie 06.11.2018; KA BV 06.11.2018, Anlage 3). Der Schutzstatus des Naturdenkmals Platane ist höher als der des NS-Denkmals. Die Platane ist unbedingt vor Beschädigungen zu schützen. Am NS-Relikt sind Schäden tolerabel, die auch durch natürlichen Verfall vorkommen. Es sind Alternativen zu einem großen Kran zu erwägen. Bei Denkmalstürzen dienen oft Seilzüge als Hilfsmittel. Das Furtwanger NS-Kriegsdenkmal zeigt, dass man mit einem Seilzug einen Oberkörper zum Sturz bringen kann. Beschädigungen abzogener Teile mindern sich, wenn sie auf eine weiche Unterlage fallen.

Mauerwerk erhalten und NS-Platzarchitektur erläutern

Vorschlag: Das Mauerwerk mit Umfassungsmauern, Pylonen, Treppen, Wänden bleibt erhalten (sofern nicht längst spurlos geschleift). Die NS-Platzarchitektur wird durch einen architekturhistorischen Beitrag auf einer (leserlichen!) Informationstafel erläutert.

Grund: Die Gestaltung des Platzes 1936–1938 integrierte sich zwar in den NS-Heldenkult, die rechtwinklig-monumentalen Stilelemente entsprachen seinem Zweck als Aufmarschplatz der Formationen (s. Aufstellungsort), doch wirkt das kriegspropagandistische Element des Mauerwerks – im Kontrast zur brutalistischen Soldatenskulptur – dezent, auch weil es in Jahrzehnten durch Bepflanzung „entmartialisiert“ wurde. Der Platzgestaltung lässt sich kaum eine eigenständige NS-Ästhetik zusprechen, da Architekten und Künstler im Dienst des Naziregimes plagiierten, was sich gerade anbot. Deshalb ist hier die Erinnerungskulturleitlinie 1 „Erklären statt Entfernen“ anzuwenden.

Zweck: Eine Spur der NS-Zeitschicht im Stadtbild erhalten und das „operative Ziel“ „einer weiteren Sichtbarmachung der Geschichte des Luisenplatzes“ erreichen.

Vorgeschlagen in [Hug18V, S. 10].

Kommentar und Fazit: Mit dem Vorschlag „Zerlegen + Umkippen + Verteilen“ kombiniert ergibt sich eine differenzierte Vorgehensweise: Schädliches wird unschädlich gemacht, Brauchbares wird umgenutzt.

Namenstafeln umsiedeln

Vorschlag: (a) Der Arbeitskreis Erinnerung und der Kulturausschuss diskutieren am 29.06.2017 bzw. 17.10.2017 den Vorschlag „Versetzung der Namenstafeln Die Tafeln mit den Namen der Gefallenen sollen auf den Waldfriedhof versetzt werden“, der keine Mehrheit findet (KA BV 17.10.2017). Am 15.03.2018 kombiniert der Arbeitskreis Erinnerung die Vorschläge „die Namenstafeln werden auf dem Friedhof angebracht“ und „die Namenstafeln werden auf den Friedhof versetzt“ mit anderen Vorschlägen; sie finden in der Kulturausschusssitzung am 15.05.2018 keine Mehrheit (KA BV 15.05.2018).

(b) Mit anderer Begründung und Zwecksetzung greift [Hug18V, S. 10–11] den Vorschlag auf, detailliert und präzisiert ihn: Alle Namenstafeln werden an einer Waldfriedhofsumfassungsmauer am Weg zur SS-Schießanlage angebracht, und zwar die von 1870/71 und 1914–1918 innen, die von 1939–1945 außen. In der Nähe befindet sich ein Durchgang. Für Angehörige der auf den Tafeln genannten Toten wird ggf. außen eine Trauerzone angelegt. Informationstafeln auf beiden Mauerseiten erklären den Kontext. Die äußere Tafel umfasst einen Wegweiser und Informationen zur SS-Schießanlage und stellt den Bezug her zwischen den Namen der SS-Soldaten und dem Ort, an dem sie ihr Mordhandwerk übten. Die Bronze-Relieftafel der Heimatvertriebenen kommt an die Friedhofsaußenmauer, die Überschrift in Metall-Lettern ins Museum.

Grund und Zweck: (a) „Vorkommnisse durch rechts- und linksextreme Gruppen“

(b) siehe Kommentar

Kommentar: Zerstören der Tafeln und der Überschrift an der Wand steht wie beim Kriegerstein außer Frage, Verlagern in ein Museum wäre ideal, da diese „Überreste der Vergangenheit [...] ihre lebendigen Bezüge und Kontexte verloren haben“ [Rad15, S. 11, 40, Aleida Assmann paraphrasierend], Namen von Waffen-SS-Tätern in einem öffentlichen Park nicht tolerabel sind, und der Dokumentationswert der Artefakte im Museum am besten bewahrt wird.

Sollte dies nicht praktikabel oder nicht mehrheitsfähig sein, bietet sich als Kompromiss an, alle Namenstafeln auf den Waldfriedhof zu verlegen, den passenden Ort für private, persönliche Trauer. Dort ist zu differenzieren: Die Namenstafeln der Soldaten von 1870/71 und 1914–1918 werden an der Innenseite einer Umfassungsmauer angebracht, die Namenstafeln von 1939–1945 an ihrer Außenseite. Durch den nahe gelegenen Durchgang können Besucher leicht die Seiten wechseln. Die Mauer liegt am Weg, auf dem in einigen Gehminuten die ehemalige SS-Schießanlage erreichbar ist.

Zivilisationsbruch verdeutlichen: Die Zweiseitigkeit symbolisiert den Zivilisationsbruch der NS-Aggressionskriege und des Holocaust. Die SS war eine unrechtsstaatlich organisierte Terrorbande, die Wehrmacht eine nach dem Versailler Vertrag illegale Armee, die sich durch ihre Eroberungs- und Vernichtungskriege zusätzlich delegitimierte [Pro17, S. 310]. Die Außenlage der Wehrmachts- und SS-Tätertafeln zitiert den früheren Brauch, Ausgestoßene außerhalb der Friedhofsmauern zu verscharren, sie sagt:

„Ihr habt euch durch eure Verbrechen außerhalb der menschlichen Zivilisation gestellt, also erinnern wir außerhalb des Friedhofs an euch.“
Das schließt nicht aus, für Angehörige der auf den Tafeln genannten Toten dort eine Trauerzone anzulegen. Die Forderung, die Namenstafeln in einen aufklärenden Kontext einzubetten, gilt auch hier und wird mit (leserlichen!) Informationstafeln auf beiden Mauerseiten erfüllt.

In der Heldenkult-Variante der SS und ihrem Selbstverständnis als „heroische Elite“ galt: „Kirchliche Friedhöfe eigneten sich nicht für die Bestattung von SS-Angehörigen. Vielmehr sollten SS-eigene ‚Ahnstätten‘ geschaffen werden“ [Beh96, S. 504]. Also kommt das Anbringen der SS-Tätertafeln an der Friedhofsaußenmauer der SS-Ideologie sogar entgegen.

Eine andere Option ist, die Wehrmachts- und SS-Tätertafeln in der ehemaligen SS-Schießanlage anzubringen, etwa im Kugelfang der östlichen Kurzbahn. Die SS-Schießanlage war ein Ort der Täter und der Opfer. Durch die 2010 im Kugelfang der westlichen Kurzbahn angebrachte Gedenktafel für die KZ-Häftlinge, die 2012 davor aufgestellte Informationstafel zum Areal, und die davon entfernt aufgehängten Namenstafeln wird es zu einem Ort des Gedenkens der Opfer und des Erinnerns an die Täter.

Die Relieftafel spreizt das Meinungsspektrum. Sicher meint sie mit „heimatvertrieben“ nicht die aus ihrer Heimat vertriebenen und ermordeten europäischen Juden. Das Relief erscheint als Produkt der Verlogenheitskultur der miefigen 1950er Jahre, da es vor Verdrängung der Verantwortung, Verzerrung der Fakten und Revanchismus trieft. Solche Dinge gehören ins Museum.

Andererseits würde so ein wichtiger Zusammenhang zerrissen: Ex-NS-Wehrmachtshauptmann Dombrowski, der die SS-Täter für die Namenstafeln auswählte, entwarf die Relieftafel mit der christlichen Symbolik. Das Geflecht aus verstockter Verdrängung des Angriffskriegs, schamloser Protektion von SS-Schergen und revanchistischer Ostlandreiterei konkret zu veranschaulichen, gelingt besser, wenn die Tätertafeln und die Relieftafel am selben Ort hängen. Demnach gehört die Relieftafel an die Friedhofsaußenmauer oder an den Kugelfang der östlichen Kurzbahn.

Die Überschrift von 2011 ist gut gemeint, aber durch das Anhängsel „UND DER TOTEN ALLER KRIEGE“ ein unglaubwürdiger Versuch, den Zivilisationsbruch zu relativieren und von der eigenen historischen Verantwortung abzulenken. Niemand glaubt Radolfzell, dass es der Toten des Jüdischen Kriegs 66–70 gedenkt, des Hundertjährigen Kriegs 1337–1453, des Iran-Irak-Kriegs 1980–1988, von zahllosen anderen Kriegen abgesehen, da nichts darauf hinweist, wie Radolfzell dafür verantwortlich sein könnte. Verantwortlich ist Radolfzell für seine NS/SS-Vergangenheit. Zu dieser Verantwortung sollte es sich ohne Wenn und Aber bekennen. Deshalb gehört die Überschrift ins Stadtmuseum.

Zum Gegenargument: Manche meinen, die Skulptur und die Namenstafeln gehörten zusammen, ohne es zu begründen (z.B. SK 20.10.2017). Als freie Interpretation der Denkmalanlage ist dies zu tolerieren. Historischen Fakten entspricht es nicht. Die Skulptur bildete 1938–1945 mit dem Reichsadler, dem Hakenkreuz und der Gedenktafel für die Toten der NS-Bewegung eine Einheit, die nach dem Sturz des NS-Staats aufgelöst wurde. Die Namenstafeln wurden 1958 auf Betreiben des Ex-NSDAP-Mitglieds Dombrowski zum Umfunktionieren des NS-Ensembles zu einem Denkmal für die Soldaten des Zweiten Weltkriegs angebracht und bilden seither mit der Skulptur eine revanchistisch geprägte Einheit. Will man die politische Sprengkraft des Denkmalensembles entschärfen, so muss man Skulptur und Namenstafeln räumlich trennen.

Fazit: Die Verlagerung der Tätertafeln, der Ostland-Gedenkplatte und der verschleiernden und relativierenden Überschrift an besser geeignete Orte ist ein unverzichtbarer Schritt der Umgestaltung des Luisenplatzes zu einem Friedensplatz.

Tafelwand zu Informationswand umgestalten

Mit der Formel Wände + Informationstafeln = Informationswand unterbreitet [Hug18V, S. 10] den Vorschlag zusammen mit „Zerlegen + Umkippen + Verteilen“ und „Namenstafeln umsiedeln“. Sinnvoll kann er auch nach einer anderen konsequenten Dekontextualisierung des NS-Kriegsdenkmals sein.

Die von den Bronzetafeln befreiten Wände werden für neue (leserliche!) Informationstafeln genutzt, die die Ausstellung zur NS-Zeit im Stadtmuseum um eine jederzeit zugängliche öffentliche Ausstellung bereichern. Dazu lassen sich die Inhalte der fünf Informationstafeln von 2014 in unzensierter, bearbeiteter und erweiterter Fassung wiederverwenden, ergänzt um Beiträge kompetenter Historiker zu bisher vernachlässigten Aspekten wie Machtübergabe in Radolfzell, SS-Kaserne, KZ-Außenlager, SS-Schießanlage, Antisemitismus, Pogromnacht, Deportation von Juden, Roma, Sinti, Kriegszüge der Radolfzeller Waffen-SS.

Die alten Informationstafeln bleiben stehen, bis die neue Informationswand fertiggestellt ist. Danach haben sie ihren historischen Zweck erfüllt (den sie praktisch wegen Unleserlichkeit verfehlten) und können ins Museumsarchiv migrieren.

Grund: Die Wände sind von den umgesiedelten Bronzetafeln befreit und bereit für eine sinnvolle Nutzung. Die Informationen auf den Tafeln von 2014 sind unleserlich und unvollständig.

Zweck: Die Informationswand schafft einen aufklärenden Kontext zum dekontextualisierten NS-Relikt und zu den umgesiedelten Bronzetafeln. Der Platz der NS-Kriegspropaganda wandelt sich zu einem Platz der Aufklärung über die Verbrechen des Naziregimes und zu einer Gedenkstätte für seine Opfer, kurz: zu einem Friedensplatz, der sich auch zum Zelebrieren des Volkstrauertags eignet.

Kommentar: Die Aufenthaltsqualität des Friedensplatzes lässt sich durch Ruhebänke verbessern. Wenn man will, dass viele Besucher die Informationswand studieren, sollte man ihnen Sitzgelegenheiten gönnen.

Fazit: Die Umnutzung der Tätertafelwand zu einer Wand der Aufklärung ist ein wichtiger Schritt zu einem Friedensplatz.

Platz umbenennen

Vorschlag: Falls der umgestaltete Platz nicht schlicht Friedensplatz oder ähnlich heißen soll, sondern man auch eine Person damit ehren will, muss man zuerst Auswahlkriterien definieren. Infrage kommt eine Person mit Bezug zu Radolfzell, die
  • entweder ein unschuldiges Opfer des NS-Terrors ist, beispielsweise Alice Fleischel,
  • oder eine Persönlichkeit des antifaschistischen Widerstands, die sich weder steigbügelhaltend betätigte noch postenklebend anbiederte, aber klar gegen die antisemitischen Pogrome und die Deportationen bei der Wagner-Bürckel-Aktion protestierte.
Vor der Benennung des neuen Friedensplatzes wird ein Platz (oder eine Straße), an dem das Rote Kreuz stationiert ist oder ein Krankenhaus steht, Neuer Luisenplatz benannt, um Verwechslungen mit dem „alten Luisenplatz“ zu vermeiden.

Grund: Von Großherzogin Luise von Baden ist weder bekannt, ob sie ihren Platz je betreten, noch ob sie in ihren letzten Lebensjahren die NSDAP gefördert hat. Vermutlich steht sie in keiner direkten Beziehung zum zehn Jahre nach ihrem Tod etablierten Naziregime. Dennoch wird sie seit über 70 Jahren diskreditiert, indem ihr Name für den NS-„Heldenplatz“ missbraucht wird und sie so als Vorkämpferin der NS-Kriegspropaganda erscheint. Sicher tut man ihr damit unrecht.

Eignet sich Großherzogin Luise als Namensgeberin für den zum Friedensplatz umgestalteten Platz? Auch dafür gibt es kaum Anhaltspunkte. Luise war keine Bertha von Suttner und keine Vorkämpferin des Grundgesetzes. Um ihr soziales Engagement und ihre karitativen Verdienste zu würdigen und einen lebendigen Erinnerungsbezug zu ihr herzustellen, ist es weitaus besser, ihr einen Platz (oder eine Straße) mit einer Rot-Kreuz-Station oder einem Krankenhaus zu widmen.

Zweck: Der umgestaltete Platz erhält einen passenden Namen. Großherzogin Luise von Baden erhält einen passenden Platz gewidmet.

Vorgeschlagen in [Hug18V, S. 11–12].

Kommentar und Fazit: Die Umbenennung des Platzes ist ein symbolischer Schritt nach seiner Umgestaltung zu einem Friedensplatz.

Platane benennen

Vorschlag: Die Platane erhält zeitgleich mit der Umbenennung des Luisenplatzes den Namen Luisenplatane.

Grund: Die wunderschöne Platane unbedingt zu schützen hat oberste Priorität. Keine Umgestaltungsmaßnahme darf die Platane gefährden, beeinträchtigen oder gar beschädigen [RaUA07].

Zweck: Der Name Luisenplatane ist ein Zeichen der andauernden Wertschätzung für die Großherzogin Luise von Baden wie für die Platane am alten Luisenplatz. Die Luisenplatane bewahrt den Bezug Luises zum Platz.

Vorgeschlagen in [Hug18V, S. 12].

Kommentar: Vermutlich wurde die Platane um 1906 gepflanzt, als der Platz Großherzogin Luise gewidmet wurde; dann wäre sie jetzt 112 Jahre alt. Die Nazis integrierten die Platane in den zur NS-Heldenkultstätte umformierten Platz und zeigten damit mehr Sensibilität als manch heutiger Platzgestalter, der alte Bäume reihenweise umlegen lässt, um ihren Platz mit grauen Steinen zu veröden. Die Platane überstand auch die Wirtschaftswunderzeit, in der viele Bäume Parkplätzen weichen mussten.

Fazit: Die Benennung des Platane ist ein symbolischer Schritt zur Würdigung der Großherzogin Luise und der Platane.

Die oben genannten Vorschläge zur Dekontextualisierung Tradierte ritualisierte Feiern verlegen, Informationstafeln installieren, Friedensfahnen aufstellen, Färben, Färbungsaktionen veranstalten, Umkippen, Zerlegen + Umkippen + Verteilen, Mauerwerk erhalten und NS-Platzarchitektur erläutern, Namenstafeln umsiedeln, Tafelwand zu Informationswand umgestalten, Platz umbenennen, Platane benennen lassen sich in ein Konzept zur Umgestaltung des Luisenplatzes in einen Friedensplatz integrieren. Sie belassen das NS-Kriegsdenkmal in veränderten Farben oder Formen am Platz. Die nächsten beiden Vorschläge führen die Idee des Färbens durch einen Künstler weiter, die darauf folgenden Vorschläge entfernen das NS-Relikt vom Platz.

In Hochkunstwerk veredeln

Als Option nennt [Hug18U, S. 7] den Vorschlag: Ein Künstler wird beauftragt, das NS-Kriegsdenkmal in ein kritisch-satirisches Kunstobjekt zu verwandeln.

Kommentar: Das Ziel „Entwertung als rechtsextremes Kultobjekt“ ist sicher erreichbar, beim Ziel „Erhaltung des Dokumentationswerts“ wird es schwieriger. Man braucht gute Begründungen und Zwecksetzungen für diese Option.

Als Nachteile sind zu nennen: Ein Auftrag an einen etablierten Künstler bedeutet hohe Kosten. Da das Ergebnis ein Hochkunstwerk im öffentlichen Raum ist, muss man es gegen Angriffe aus verschiedenen Richtungen schützen. Es könnte sein, dass linksautonome Farbbeutel gegen erhaltene NS-Teile fliegen, rechtsextreme Farbbeutel gegen hochkünstlerische Erweiterungen. Für Spezialsäuberungsfirmen ein Dauergeschäft, für die Allgemeinheit ein fragwürdiger Gewinn.

Fazit: Da die Nachteile einer Hochkunstveredelung ihre Vorteile überwiegen, ist davon eher abzuraten.

Gegendenkmal errichten

Vorschlag: Ein Künstler wird beauftragt, ein Friedensmahnmal zu entwerfen und auszuführen, das zum NS-Kriegsdenkmal ausdrucksstark kontrastiert und in dessen Nähe installiert wird [DISS12, S. 43].

„Als künstlerischer Gegenpol werden Bilder von militärischen Niederlagen installiert. Als Kontrapunkt zum Gefallenendenkmal ist ein künstlerischer Gegenpol aus Bildern von Niederlagen und Katastrophen denkbar. Zusätzlich zum künstlerischen Kontrapunkt mit Niederlagenbildern noch ein weiterer künstlerischer Gegenpol.“ Diese Vorschläge des Arbeitskreises Erinnerung vom 15.03.2018 finden in der Kulturausschusssitzung am 15.05.2018 keine Mehrheit (KA BV 15.05.2018).

Realisiert vielerorts, beispielsweise Alfred Hrdlickas Gegendenkmal zum 76er-Kriegerdenkmal von 1985/86 am Dammtor-Bahnhof in Hamburg, Jenny Holzers Black Garden von 1992–1995 in Nordhorn.

Kommentar: Bevor man einen Künstler beauftragt, sollten Begründungen und Zwecksetzungen für ein Gegendenkmal zum NS-Relikt mit breitem Konsens erarbeitet sein. Zu bedenken ist, dass der Luisenplatz dafür wenig Raum lässt. Ein Friedensmahnmal, das für Gedenkfeiern und Kranzniederlegungen nutzbar ist, muss das NS-Relikt deutlich ins Abseits drücken.

Um das NS-Relikt in einen aufklärenden Kontext zu stellen, wird es kaum genügen, „Bilder von militärischen Niederlagen und Katastrophen“ zu installieren. Bücherverbrennungen, Pogrome, Vertreibungen, Konzentrationslager, Vernichtungsfeldzüge, Holocaust waren keine militärischen Niederlagen, sondern staatlich organisierte Schwerstverbrechen.

Fazit: Ob zusätzlich zu den obigen Vorschlägen ein Friedensmahnmal neu geschaffen und aufgestellt werden soll, bleibt zu diskutieren.

In Museum verlagern

Den Vorschlag der Verlagerung in ein Museum erwähnt [Hug18U, S. 4]. Vom Arbeitskreis Erinnerung am 15.03.2018 als „Das Gefallenendenkmal muss in ein Museum“ formuliert findet er in der Kulturausschusssitzung am 15.05.2018 keine Mehrheit (KA BV 15.05.2018).

Kommentar:

  • Pro: Das NS-Kriegsdenkmal museal zu bewahren ist die theoretisch ideale Lösung des Problems, es zu dekontextualisieren und wirksam in einen aufklärenden Kontext einzubetten. Die NS-Krieger lassen sich in einem Museum zur Zeit- oder NS-Geschichte aufstellen, ob in Radolfzell oder anderswo ist nachrangig.

    Damit wird das Denkmal seines bisherigen Kontexts einer Gedenkstätte am Luisenplatz entledigt und als Magnet für rechtsextreme Umtriebe und militaristische Kulte nachhaltig entwertet. Niemand pilgert in ein Museum, um an Waffenschränken oder Folterbänken Kränze zur Ehrung von Söldnern, Folterknechten und Henkern abzulegen. Rechtsextreme würden kaum ein Museum als Kultstätte wählen.

    Auch das Ziel, das Denkmal als Anschauungsmaterial zu erhalten, wird erreicht. Ein Museum ist der bestgeeignete Ort für die Erhaltung des Dokumentationswerts des Denkmals, für Hintergrundinformationen zum historischen Kontext, Erläuterungen und Diskussionen.

  • Kontra: Dem Radolfzeller Stadtmuseum in der alten Stadtapotheke fehlt dafür der Platz, ein anderes Museum ist räumlich oder zeitlich entfernt, und zu lamentieren, die Stadt habe jede Chance verpasst, auf dem Gelände der ehemaligen SS-Kaserne ein Museum zu ihrer NS-Geschichte einzurichten, hilft nicht weiter. Auch die Idee, NS-Kriegsdenkmale einer Gegend in einem Freilichtmuseum zu versammeln, ist problematisch.
Fazit: Der Vorschlag scheint derzeit weder praktikabel noch mehrheitsfähig zu sein.

Ideenwettbewerb zur kompletten Umgestaltung durchführen

Der Vorschlag „Abriss des Mahnmals und Ausschreibung eines künstlerischen Wettbewerbs mit dem Auftrag, etwas zu entwerfen als "Mahnung zum Frieden"“ erhält in der Kulturausschusssitzung am 15.05.2018 sechs Ja- und sechs Nein-Stimmen (KA WP 15.05.2018).

Kommentar: Das bemerkenswerte Abstimmungsergebnis zeigt, wie gespalten der Kulturausschuss in der Frage des Umgangs mit dem NS-Relikt ist. Mit einer Stimme mehr wäre ein fast revolutionärer Vorschlag angenommen, der die Verdrängungskosmetik weit hinter sich lässt. (Dafür sei der Lapsus, NS-Kriegspropaganda als „Mahnmal“ zu bezeichnen, verziehen.)

Dennoch sei angemerkt: Solang die Gremien sich auf keine Begründungen und Zwecksetzungen für die Umgestaltung des NS-„Heldenplatzes“ einigen, solang sie nicht wissen, warum sie was und wozu sie wohin wollen, solang sollten sie weiter diskutieren und die demokratische Öffentlichkeit in die Diskussion einbeziehen. Zu hoffen, dass konkurrierende Künstler auf den Zuruf „Entwerft mal was!“ konsensfähige Lösungen liefern, erscheint zweifelhaft. Ein Schritt vorwärts könnte die Diskussion des Vorschlags Sachverständige anhören sein.

Fazit: Friedensmahnmal? Ja, bitte! Aber gut geplant soll es sein.

Fazit zu „Aufklärend Dekontextualisieren“

Dies ist die Kategorie mit den meisten Vorschlägen, nämlich 17. Davon lassen sich 12 in ein Gesamtkonzept zur Umgestaltung des Luisenplatzes einbringen, die das NS-Relikt nachhaltig dekontextualisiert und in einen aufklärenden Kontext stellt, dabei aber seinen zeitgeschichtlichen Dokumentationswert erhält. Auch die beiden Vorschläge zu einem neu zu schaffenden Gegendenkmal oder Friedensmahnmal lassen sich integrieren. Nur „In Hochkunstwerk veredeln“ scheidet wegen seiner Nachteile aus, „In Museum verlagern“ wegen Impraktikabilität.

Ratlos Lagern

Diese Kategorie reduziert sich darauf, das NS-Kriegsdenkmal temporär zu lagern. „Ratlos“ steht für Unentschiedenheit zwischen „Stehen lassen“ und „Wegwerfen“. Da das Monstrum kaum am Stück lagerbar ist, muss man es vorher abbauen. Wer das Wort „Abbau“ sät, darf Widerrede ernten, etwa diese:
„Es wäre eine Kapitulation vor den Rechtsextremen, das Denkmal mit dem Argument abzubauen, weil die dort ihre Kulte abbrennen. Dann müsste man auch das Brandenburger Tor in Berlin abbauen.“
Die Schlussfolgerung sei Anlass, Folgendes zu bedenken zu geben:
  • Dem NS-Kriegsdenkmal ist als einziger akzeptabler Gebrauchswert der des zeitgeschichtlichen Dokuments geblieben, sein Gebrauchswert als NS-Kultstätte ist intolerabel.
  • Auch Rechtsextreme genießen das demokratische Recht, sich ohne Anmeldung oder Erlaubnis friedlich und ohne Waffen zu versammeln, wann und wo sie wollen. Aber eine Stadt muss kein NS-Relikt wie von Neonazis gewünscht präparieren, damit diese unter dessen Schirm antidemokratische Propaganda betreiben können.
  • Das 1789–1793 als „Friedenstor“ geschaffene Brandenburger Tor gehört als Nationalsymbol für die deutsche Einigung/Einheit vielen politischen Kräften, vor allem den demokratischen. Zwischen ihm und NS-Kriegsdenkmalen liegen Welten. Die Quadriga lässt sich kaum mit aufmarschierenden NS-Schergen vergleichen. Auch wenn braune Truppen zur Machtübernahme am 30. Januar 1933 durch das Brandenburger Tor zogen, um es und ganz Berlin sich anzueignen, bietet es wenig, woran Neonazis ideologisch anknüpfen könnten, im Gegensatz zum Radolfzeller NS-Kriegsdenkmal. Aus der Forderung, dieses als neonazistisches Kultobjekt zu entwerten, folgt weder dessen Abbau noch der Abbau aller Denkmale und Gebäude, an denen sich Rechtextreme versammeln.

Abbauen + Deponieren

Vorschlag: Das NS-Denkmal lässt sich ohne unumkehrbare Zerstörung aus der Öffentlichkeit entfernen: Man kann es abbauen, in Teile zerlegen und diese in einem Museumsarchiv oder einem Bauhof für die Nachwelt aufbewahren.

Vorgeschlagen in [Hug18U, S. 4].

Kommentar:

  • Pro: Das Ziel, das Denkmal als Magnet rechtsextremer Umtriebe zu entwerten, wird damit erreicht.
  • Kontra: Dem Denkmal wird seine Funktion als Anschauungsmaterial zur Auseinandersetzung mit der NS-Zeit geraubt. Die nicht nachhaltige Zwischenlösung, das Monument irgendwo zu lagern, bis ein passendes Museum gefunden oder gebaut ist, überzeugt kaum. Das Radolfzeller Museumsarchiv bietet nicht genügend Platz. Lagerungen auf Bauhöfen können erfahrungsgemäß ungewollt zu schleichender Zerstörung führen. Die Kosten sind hoch.
Fazit: Wegen der Nachteile sollte man diesen Vorschlag nur realisieren, wenn einem kein besserer einfällt.

Protestierend Beschädigen

Diese Kategorie erfasst keine Vorschläge, sondern schon durchgeführte Aktionen, die NS-Kriegsdenkmale als Ausdruck von Protest beschädigten. Ausgeschlossen sind also Beschädigungen durch ordinären Vandalismus, Verkehrsunfälle, offizielle Maßnahmen, Umwelteinflüsse wie Luftverschmutzung, Sturmschäden, Vogelschisse, natürlichen Verfall u.Ä. Da Sachbeschädigung eine Straftat nach § 303 StGB ist, sei hier ausdrücklich darauf hingewiesen, dass dieser Abschnitt weder zu Sachbeschädigungen aufruft noch welche befürwortet, sondern sich davon distanziert, sie aber zur Kenntnis nimmt und hier einige Beispiele auflistet:
  • Unbekannte beklecksen im Januar 2017 das Radolfzeller NS-Kriegsdenkmal mit Lack, beschriften den Sockel fünffarbig mit „LIEBER BUNT ALS NAZI-SCHUND“ und markieren einen SS-Täternamen gelb. Im November 2017 wird der NS-Kriegsdenkmalsockel mit drei DIN-A4-Plakaten beklebt. Im Januar 2018 bekennt eine „autonome antifaschistische Gruppe“, eine Farbaktion gegen das NS-Kriegsdenkmal verübt zu haben zum „Zweck, ein Denkmal zu beschädigen, welches NS-Täter verherrlicht und seit Jahrzehnten ein Wallfahrtsort für Neonazis ist“ (Bekennerschreiben der Antifa Paradise zum Kriegerdenkmal Radolfzell 16.01.2018).
  • Die Soldaten des Engener NS-Kriegsdenkmals von 1936 marschieren mit abgeschlagenen Nasen weiter.
  • Das „Kriegsklotz“ genannte NS-Kriegsdenkmal von 1934 am Hamburger Dammtordamm ist seit den 1970er Jahren „regelmäßig Ziel [...] von Protestaktionen, wie dem Werfen von Farbbeuteln, dem Malen von Graffiti, dem Abschlagen von Reliefstücken wie auch kleinteiligen Sprengungen. [...] Für besondere Aufmerksamkeit sorgte es, als 1999 die Helme der auf den Reliefs abgebildeten Soldaten abwechselnd rot und grün gefärbt wurden, offenbar um damit die Beteiligung Deutschlands am Kosovo-Krieg unter der durch die Rot-Grüne Koalition getragenen Regierung zu kritisieren“. (Wikipedia: Dammtor)
  • Nachdem auf das Furtwanger NS-Kriegertrio von 1937 mehrmals Anti-Kriegs-Parolen aufgesprüht und wieder weggeschrubbt wurden, reißen 1977 Unbekannte per Seilzug den Oberkörper des mittleren Handgranatenwerfers herunter. Aufgrund eines Gemeinderatsbeschlusses zum Abbruch des Denkmals bleibt es beschädigt und unkommentiert stehen.
  • Am Bochumer NS-Kriegsdenkmal von 1935 sägen 1983 Unbekannte die Figurengruppe ab. Die Stadt Bochum lagert die Figuren im Stadtarchiv, lässt den Denkmalrest stehen und versieht ihn mit einer Tafel, die sich vom ursprünglichen Denkmal distanziert und den Rest zum Mahnmal gegen Faschismus und Krieg erklärt. 2012 fordern CDU-Mitglieder, den Urzustand des NS-Relikts wiederherzustellen. [DISS12, S. 44]
  • Am Weinheimer NS-Kriegsdenkmal von 1936 köpfen im November 1994 Unbekannte einen der drei marschierenden Soldaten, werfen den Kopf in den Rhein und hinterlassen das Schild Keine Nazidenkmäler. Seit August 1995 marschiert der Soldat mit einem gesponserten Ersatzkopf weiter. [Pie15, S. 84–90, 103–104]

Fazit zu „Protestierend Beschädigen“

Beschädigungen aus Protest treffen oft auf Unverständnis und führen zu steuer- oder spendenfinanzierten Restaurierungsmaßnahmen. Das Bochumer Beispiel zeigt, dass sie auch Denkanstöße auslösen können.

Achtlos Zerstören

Diese Kategorie sammelt Vorschläge zum irreversiblen Beseitigen des NS-Kriegsdenkmals, sei es durch Sprengen, Abreißen, Verschottern, Zerbröseln oder Pulverisieren. „Achtlos“ steht für Unbekümmertheit, den Gebrauchswert als Unkulturdokument der NS-Geschichte unwiederbringlich zu vernichten.

Macht kaputt, was euch kaputt macht sangen Ton Steine Scherben 1970, eine allgemein-menschliche Neigung ausdrückend, die in allen politischen Strömungen vorkommt. So forderte der CDU-Politiker Heiner Geißler (1930–2017) wiederholt, die Berliner Siegessäule zu sprengen, weil sie „das dümmste Denkmal Deutschlands“ sei (ZDF Aspekte, 15.06.2012; Spiegel Online, 18.06.2012; The European, 23.06.2012; Süddeutsche Zeitung, 05.06.2015).

Die „emotionale Komponente unterscheidet das Symbol vom neutral informierenden Zeichen. Sie macht den Reiz des Symbols aus, aber ihretwegen gibt es auch erbitterten Streit um Symbole. Um das Ende eines politischen Regimes auszudrücken, kommt es häufig zu spontanen Denkmalstürzen: In symbolischen Gemeinschaftsaktionen werden Symbolfiguren ihrer Bedeutung als Leitbilder beraubt, steinerne Stellvertreter des alten Systems vom Sockel gestoßen. Die Sieger der Geschichte schleifen die Symbole des überwundenen Gegners, um ein Weiterwirken seiner Ideen zu verhindern“ [Beh96, S. 58].
Zu verhindern, dass die NS-Ideologie weiterwirkt, war auch Ziel der rational geplanten Alliierten Kontrollratsdirektive Nr. 30 vom 13. Mai 1946 zur „Beseitigung deutscher Denkmäler und Museen militärischen und nationalsozialistischen Charakters“, nach der das NS-Kriegerheldensymbol bis zum 1. Januar 1947 hätte vollständig zerstört und beseitigt werden müssen.

Sprengen – Zerstören – Befreien – Entfernen – Abreißen

Vorschläge: Im Juni 2017 diskutiert der Arbeitskreis Erinnerung den „Gestaltungsvorschlag der Sprengung und Zerstörung des Denkmales“, der nicht zur Auswahl steht, „da es nicht den Leitlinien zur Erinnerungskultur entspricht, das Denkmal zu zerstören“ (KA BV 17.10.2017). Im Oktober 2017 meint Stadträtin Derya Yildirim, „die Stadt könne beruhigt mehr Demokratie wagen und sich von den beiden Kriegerdenkmalen befreien. Der Sandstein und Sockel könne belassen [...] werden“ (KA WP 17.10.2017).

Im Januar 2018 fordert eine „autonome antifaschistische Gruppe“ „die Entfernung des Denkmals und eine komplette Umgestaltung des Luisenplatzes, der den Opfern und nicht den Tätern gedenkt“ (Bekennerschreiben der Antifa Paradise zum Kriegerdenkmal Radolfzell 16.01.2018).

Im März 2018 schlägt der Arbeitskreis Erinnerung vor: „Das Gefallenendenkmal wird komplett entfernt und die Namenstafeln werden auf dem Friedhof angebracht“ (KA BV 15.05.2018). Im Mai 2018 findet der Antrag „Abriss des Mahnmals und Ausschreibung eines künstlerischen Wettbewerbs mit dem Auftrag, etwas zu entwerfen als "Mahnung zum Frieden"“ in der Kulturausschusssitzung keine Mehrheit (KA WP 15.05.2018). Im November 2018 konstatiert Stadtrat Richard Atkinson: „Es handelt sich dabei nach wie vor um eine Skulptur der NS-Zeit. Hier wird Krieg verehrt“, doch sein Antrag, das NS-Relikt ganz abzureißen und zu entfernen, findet im Kulturausschuss keine Mehrheit (SK 07.11.2018, WB 09.11.2018).

Kommentar: „Eine Zerstörung des Denkmals entspricht nicht den Radolfzeller Leitlinien zur Erinnerungskultur.“ Aus denkmalschützerischer Sicht ist dem zuzustimmen: Der dokumentarische Wert des NS-Denkmals ist in öffentlichem Interesse für kommende Generationen zu erhalten. Dies gilt entsprechend für Waffenarsenale des Mittelalters, Folterwerkzeuge der Hexenverfolgungen, Konzentrationslager der NS-Zeit.

Welche Maßstäbe gelten bei Erhaltung und Zerstörung kultureller Artefakte? In Wangen belegt ein Campingplatz den Standort der in der Pogromnacht zerstörten Synagoge. Was Radolfzell an Kulturgütern vernichtet hat, schildert eindrücklich Christof Stadler [Sta17]. In jeder Gemeinde wurden und werden Gebäude mit einmaligem zeitgeschichtlichen Wert beseitigt oder hoffnungslos verschandelt, um profitableren Objekten Platz zu schaffen. Erinnerungskultur ja, aber Profitinteressen gehen vor?

Andererseits stehen vielerorts NS-Kriegspropagandaobjekte wie in Radolfzell, oft fast wie seit ihrer Aufstellung. Dass in der Nachkriegszeit mit Altnazis durchsetzte Verwaltungen Eingriffe in NS-Denkmale abwehrten, ist nachvollziehbar. Verwunderlich ist, dass trotz biologischer Lösung des Altnazitums NS-Relikte immer noch wie heilige Kühe geschützt werden, denen keiner ein Schwanzhaar krümmen darf. Nur nichts verändern oder gar beschädigen! Jeder Farbklecks an einem Nazi-Monument führt zu medialer Empörung und strafrechtlicher Verfolgung der Kleckser wegen Sachbeschädigung eines öffentlichen Kulturguts. Offenbar setzen sich unterschiedliche Maßstäbe durch, je nach Stärke oder Schwäche der beteiligten Interessengruppen.

Das Beispiel Furtwangen zeigt, dass ein Gemeinderat den Abbruch eines NS-Relikts beschließen und 16 Jahre später den Beschluss widerrufen kann, unterschiedliche Gründe gegen einen Abbruch sprechen können, ein Konsens zum Abbruch schwer zu erreichen ist, und eine Abbruchdebatte eine Gemeinde unproduktiv spalten kann.

Fazit: Nein zu Zerstörung und Nein zu hysterischer Entrüstung, falls jemand wagt, die Zerstörung eines NS-Kriegspropagandaobjekts zu fordern.

Sonstiges, Fazit

Wie am Anfang des Abschnitts „Was tun damit?“ erwähnt, folgt ein Vorschlag, der in keine der obigen Kategorien passt.

Migrieren an einen anderen Gedenkplatz

Als Option erwähnt [Hug18U, S. 4] den Vorschlag: Das NS-Kriegsdenkmal lässt sich abbauen und an einem anderen Platz wiederaufbauen, der zu einem öffentlichen Gedenkplatz deklariert wird.

Realisiert beispielsweise in Murg, wo das 1938 errichtete NS-Kriegsdenkmal mit dem Handgranatenwerfer bei der Ortssanierung 2014 restauriert und um 50 Meter versetzt wurde – mit einem Kostenaufwand von mehreren zehntausend Euro (SK 23.10.2014).

Kommentar: Damit wird das NS-Relikt zwar seines bisherigen Kontexts am Luisenplatz entledigt, aber nicht des Kontexts, als NS-Kriegspropagandaobjekt Teil eines Gedenkplatzes zu sein. Ob damit das Ziel erreicht wird, das Denkmal als Magnet rechtsextremer Umtriebe zu entwerten, erscheint fraglich. Denn auch der neue Platz könnte zum nazistischen Wallfahrtsort verkommen.

Zwar wird das Ziel erreicht, das Denkmal als Anschauungsmaterial zu erhalten, aber das Problem, wie man an einem öffentlichen Platz Hintergrundinformationen effektiv vermitteln kann, stellt sich wie am Luisenplatz. Man kann das NS-Stück am neuen Standort apologetisch bewahren, technokratisch hervorheben, schamvoll verdrängen, aufklärend dekontextualisieren, protestierend beschädigen. Mit bloßer Migration ist nichts entschieden.

Fazit: Die Migrationsoption löst keine Probleme, sondern verlagert sie nur.

Fazit zu „Was tun damit?“

Von den sieben Kategorien zum Umgang mit dem NS-Relikt sind „Apologetisch Bewahren“ und „Protestierend Beschädigen“ nicht tolerabel, „Technokratisch Hervorheben“, „Schamvoll Verdrängen“ und „Achtlos Zerstören“ tolerabel aber problematisch, „Ratlos Lagern“ tolerabel, und „Aufklärend Dekontextualisieren“ akzeptabel. Rund zehn Vorschläge liegen in inakzeptablen Kategorien. In der einzigen akzeptablen Kategorie finden sich 15 Vorschläge, die man näher untersuchen, diskutieren, weiter entwickeln und ergänzen kann.

Selbst wenn ein Konsens bestünde, sich auf die Diskussion akzeptabler Vorschläge zu konzentrieren, wäre das ein langsamer Prozess, der sich weder erzwingen noch beschleunigen lässt. Doch auch was lang dauert, kann gute Ergebnisse hervorbringen. Den Radolfzeller Gremien sind für die anstehenden Diskussionen und Entscheidungen Mut und Entschlossenheit zu wünschen, damit sie für den Umgang mit dem NS-Kriegsdenkmal Lösungen finden, die sich klar und deutlich gegen Krieg und Faschismus, für Frieden und Demokratie positionieren und die überkommene Verdrängungskultur überwinden.

Radolfzell NS-Kriegsdenkmal+Textstele von hinten 2018-09-11 K. Hug Sichtbare Absätze, spiegelschriftlicher Text

Kriegsdenkmale anderswo

Deutschland hat über 100.000 Kriegsdenkmale (inklusive Gedenktafeln, nach Carola Nathan) [WiKD]. Davon präsentiert dieser Abschnitt eine kleine Auswahl von NS-Kriegsdenkmalen, die durch ihre Martialität mit dem Radolfzeller Exemplar konkurrieren oder Debatten zum Umgang mit ihnen auslösten, aus denen Radolfzell Lehren ziehen kann.

Die Darstellung der Denkmale ist locker strukturiert nach Merkmalen, Chronologie, Lehren. Quellverweise sind chronologisch geordnet.

Kreis Konstanz

Engen

Das 1936 errichtete NS-Kriegsdenkmal in Engen steht bis heute beim verschwundenen Obertor in der exponierten Ecke des alten Stadtgartens vor dem Steilhang. Der rund ein Meter hohe Sockel mit trapezförmigem Grundriss trägt eine massige, rund zwei Meter hohe Skulptur, die allansichtig freisteht. Ihre Kontur ist blockhaft geschlossen, ihre Oberfläche rau, porös, kalksteinfarben. Das Motiv ist eine überlebensgroße Figur aus zwei marschierenden Soldaten mit Fahne und Gewehr, deren Stil dem des Radolfzeller Soldatensteins ähnelt. Die Frontseite des Sockels trägt mit Metalllettern die Aufschrift „DEN TOTEN / BEIDER / WELTKRIEGE“, die offenbar nicht aus der NS-Zeit stammt. An den Sockelseiten sind Inschriften erkennbar, u.a. „E. GUTMANN BILDH. 1.IV.36 E. BOTTLING ARCH.“. Namen von Toten sind unleserlich.

Engen NS-Kriegsdenkmal 2018-09-07 K. Hug Kleine Brüder der Radolfzeller NS-Krieger mit Fahne und Gewehr wollen Krieg.

Ähnlichkeiten bei den Engener und Radolfzeller Soldatenduos sind offensichtlich: Mit Helm, Mantel, Stiefel, Gürtel, Fahne, Gewehr marschieren sie starren Blicks dem Feind entgegen. Aus bildhauerischen Gründen hat bei beiden Duos der figürlich linke Soldat den rechten Fuß vorne, der rechte den linken.

Engen NS-Kriegsdenkmal 2018-09-07 K. Hug Die arisch-nordisch-germanischen Retortengesichter wirken durch seltsam geformte Nasen.

Auch Unterschiede sind festzustellen. Formal die Spiegelung: In Engen trägt der figürlich linke Soldat die Fahne und der rechte das Gewehr, in Radolfzell ist es umgekehrt. Die Engener Soldaten sind zwei Jahre älter und zwei Meter kleiner als die Radolfzeller und aus drei statt vier Blöcken zusammengesetzt. Die SS-Garnisonsstadt begnügte sich weder mit einem Mini-„Ehrenmal“ noch mit einer doppelt so großen Kopie. Von 1936 bis 1938 verstärkten die Nazis ihre Kriegspropaganda. Hält der Engener Fähnerich eine kurze Fahnenstange ziemlich schräg, sodass die Fahne bis zu den Kniekehlen hinunter schlafft, so trägt der Radolfzeller eine doppelt so lange Stange steil, sodass die Flagge über den Helmen flattert. Hat der Engener Infanterist sein Gewehr geschultert, sodass es auf Fotos kaum auffällt, so ist der Radolfzeller bereit, sofort zu schießen, denn der Krieg naht.

Anders variiert den Engener Gewehrträger das NS-Kriegerdenkmal von 1937 in Odenheim (Kreis Karlsruhe). Dort schultert ein Frontkämpfer ein leichtes Maschinengewehr Typ 08-15 und marschiert mit erhobener Linken forschen Schritts über einen französischen Helm [Lib14, Abb. 172, S. 280].

Engen NS-Kriegsdenkmal 2017-06-15 K. Hug „Schlechtes Propagandadenkmal“: Trotz weiten Schritts haften die hinteren Fersen am Boden.

Auch das Engener NS-Kriegsdenkmal war einst Nazikultstätte, als Volkstrauerfeierort diente es letztmals 2008. Dann entschied sich Engen dafür, das NS-Relikt zu dekontextualisieren. Die Tafeln mit den Namen der toten Soldaten kamen an die Außenwand der Friedhofskapelle. Inkonsequenterweise blieb die Totenwidmung am Sockel. Ein aufklärender Kontext wurde bisher nicht hergestellt, es gibt keine Informationen zur Geschichte des Denkmals, das funktionslos zwischen Bäumen steht, weder auf einer Tafel daneben noch im städtischen Webauftritt. Hier hat Radolfzell mit seinen unleserlichen Informationstafeln die Nase etwas vorn. Gleichauf liegen Engen und Radolfzell darin, dass sie ihre NS-Kriegsdenkmale als nicht sehenswert unter Tourismus & Kultur verschweigen.

Engen NS-Kriegsdenkmal 2018-06-16 K. Hug Unpolitisch vandalisierte Rückseite

Friedenszeichen: Im Auftrag der Stadt Engen gestaltete die Künstlerin Madeleine Dietz 2008/09 ein „Friedenszeichen“, an dessen Idee sich 110 Engener Bürger beteiligten, indem sie den Satz „Ich will Frieden“ händisch schrieben. Diese Schriftzüge wurden aus einer gebogenen Schriftrolle aus Cortenstahl herausgeschnitten, die jetzt auf dem Rasen zwischen der Friedhofskapelle und den Kriegsgräbern an zwei Pfeilern befestigt scheinbar leicht über dem Boden schwebt. Die Kosten lagen bei rund 40.000 Euro.

Engen Friedhof Madeleine Dietz Friedenszeichen 2018-09-07 K. Hug Madeleine Dietz: Friedenszeichen, 2009, Friedhof in Engen

Offiziell eingeweiht wurde das Friedenszeichen an dem von der Jugend gestalteten Friedenstag im Mai 2009. Bürgermeister Johannes Moser erklärte:

„Der heutige Friedenstag [...] sendet eine Botschaft des guten Miteinanders, des Friedens und der Toleranz in unserer Stadt und unter allen Generationen, und ist deshalb der geeignete Tag zur Einweihung des neuen Friedenszeichens. [...] Wenn wir heute ein Friedenszeichen einweihen, so ist das nicht nur die Gegenüberstellung von Krieg und Frieden. Wir stellen einem schlechten Propagandadenkmal ein intelligentes und hochwertiges Kunstwerk gegenüber. Ein Kunstwerk, das Menschen nicht trennt, sondern zusammenführt“ (SK 22.05.2009).
Engen Friedhof Madeleine Dietz Friedenszeichen 2018-09-07 K. Hug Das Friedenszeichen steht vor den Kriegernamenstafeln, die vom NS-Kriegsdenkmal an die Friedhofskapellenwand geführt wurden.

Am Volkstrauertag 2009 fand die Engener Gedenkfeier erstmals beim neuen Friedenszeichen auf dem Friedhof statt, nicht mehr am NS-Kriegsdenkmal. Bürgermeister Moser betonte:

„Wenn wir mit diesen Kriegerdenkmälern leben wollen, die den Krieg und das Sterben im Krieg verherrlichen, dann bedarf es einer Antwort der heutigen Generation, die uns, unsere Kinder und Jugendliche an unsere Verantwortung im Frieden erinnert“ (SK 16.11.2009).
Engen Friedhof Madeleine Dietz Friedenszeichen 2018-09-07 K. Hug

Lehren: Engen liegt bei diesen Dekontextualisierungsmaßnahmen vor Radolfzell:

  • Entweihen des NS-Kriegsdenkmals,
  • Umsiedeln der Namenstafeln zum Friedhof,
  • Schaffen eines neuen Friedensmahnmals,
  • Verlegen tradierter ritualisierter Feiern.
Engen investierte 2009 für ein „intelligentes und hochwertiges“ Friedenszeichen 40.000 Euro, Radolfzell diskutiert 2018 über eine sinnlose Versetzung des NS-Relikts, die zehntausende Euro kosten würde.
Quellen
[Bla14, S. 246]

jw:
Wie ein aufgeschlagenes Buch
Südkurier (23.10.2008)
suedkurier.de/archiv/region/kreis-konstanz/engen/art1360081,3480103

Jürgen Waschkowitz:
Bürger setzen ein bleibendes Zeichen
Südkurier (22.05.2009)
suedkurier.de/archiv/region/kreis-konstanz/engen/art1360081,3781148

hor:
„Unsere Antwort von heute“
Südkurier (16.11.2009)
suedkurier.de/archiv/region/kreis-konstanz/engen/art1360081,4035565

Baden-Württemberg

Murg
Furtwangen

Murg

Als „schlechtes Propagandadenkmal“ zur Kriegsverherrlichung übertrifft die NS-Soldatenskulptur in Murg (Hochrhein) die in Radolfzell, denn während die beiden Radolfzeller Soldaten noch dem Kriegsschauplatz zustreben, stehen ihre Murger Kameraden schon Schulter an Schulter im rechten Winkel am Rand des Schlachtfelds und sichten das Kampfgeschehen. Zögert der figürlich linke, mit der geballten Faust das Gewehr zu greifen, so ist der rechte bereit, eine Handgranate heroisch den Feinden entgegen zu schleudern.

Murg NS-Kriegsdenkmal wikimedia Das Murger NS-Kriegsdenkmal am 18. August 2012 am alten Standort auf dem Schulhof:

„Der deutsche Feldsoldat im Stahlhelm zeigt den Typus an, Inschriften auf den Sockeln nennen die Heldennamen, Blumen und Kränze bezeugen die Liebe, welche das Andenken an die Toten umgibt“, die „die Stelle der Heiligen einnehmen könnte[n]“ Alfred Rosenberg: Der Mythus des 20. Jahrhunderts [Ros34, S. 618].
Quelle: commons.wikimedia.org/wiki/File:Murg_Kriegerdenkmal_1080668.jpg
Urheber: Flominator (talk)
Lizenz: GNU Free Documentation License

Das 3,85 Meter hohe „Kunstwerk“ wurde 1938 vom Freiburger Bildhauer Hugo Knittel (1888–1958) aus Beton gegossen und im Hof der Murger Murgtalschule auf einem wuchtigen, 1,4 Meter hohen Sockel errichtet, auf dem vorne die Widmung der Gemeinde und seitlich Namen von „Gefallenen“ standen, um die Schüler frühstmöglich an die Kriegskunst heranzuführen – die Kunst, sein Leben sinnlos für Kriegstreiber zu opfern. In einem Zeugnis für den Künstler pries der Bürgermeister das Murger Kriegerdenkmal als eines der schönsten Oberbadens, da es „das Wollen und Kämpfen des deutschen Soldaten“ in vollendeter Form darstelle (SK 11.01.2012). Der Perfektionist Knittel, Mitglied der NSDAP und der Reichskammer für bildende Künste, war aus Gesundheitsgründen aus dem Weltkriegsdienst entlassen worden [Kai12, S. 80–81]. Der Murger Bürger F.B., Jahrgang 1931, erinnert sich mit 83 Jahren an die Soldaten-Heiligen:

„Als 1939 der Zweite Weltkrieg ausbrach, wurde ich in die 1. Klasse der Murger Volksschule eingeschult. [...] Das damals erst seit Kurzem aufgestellte Murger Kriegerdenkmal war fast wie ein Heiligtum. In der Pause durften wir niemals um das Denkmal herum rennen, da war Oberlehrer Schiess sehr streng“ (Murg im Wandel).
Wozu ein Kriegerdenkmal auf dem Schulhof? Antworten geben drei Zitate, die nicht aus Reden der NS-Prominenz bei der Einweihung am 23. August 1938 stammen. NS-Kultusminister Bernhard Rust (1883–1945) bei der Einweihung der „Hochschule für Lehrerbildung“ in Lauenburg, Pommern, am 24. Juli 1933:
„Die Schule hat sich auszurichten nach dem Geiste unseres grossen feldgrauen Heeres und hat dafür zu sorgen, dass ein ganzes Volk in seiner Totalität auf diesen Gedanken hin erzogen wird“ [Sch34, S. 461].
Der Propagandist der „Wehrwissenschaft“, NS-Professor Ewald Banse (1883–1953) von der Technischen Hochschule Braunschweig, der dieses Fach schon an den Schulen gelehrt haben wollte, in Heft 8 der „Deutschen Schule“:
„Es ist wichtiger, dass das deutsche Kind über die Grundfragen der Wehrtechnik und über die Wehrlage Frankreichs unterrichtet ist, als dass es die Lebensbedingungen der Lurche oder die Agrarfragen der alten Römer kennt“ [Sch34, S. 468].
Die „Frankfurter Nachrichten“ berichteten am 30. Oktober 1933:
„Im deutschen Jungen ist der Soldat erwacht, der immer in ihm steckt. Er fiebert, vom Hosenmatz an, auf den Augenblick, da er in der Reihe stehen kann, gehorchen lernen muss und einmal vielleicht befehlen darf“ [Sch34, S. 470].
Murg Kriegerdenkmal 018 2018-09-13 W. Glanert Erwachte deutsche Jungen am neuen Standort hinter der alten Schule © Willmut Glanert

Die Symbole Faust, Gewehr und Handgranate, die dem Denkmal seine Aggressivität verleihen, wählte Knittel aus tradiertem Fundus. Faustballende Krieger standen seit Ende des Ersten Weltkriegs als beliebtes Motiv auf deutschen Kriegsmalen, wie in Berlin-Kreuzberg (1924), Göttingen (1925), Hamburg-Altona (1925), Stuttgart-Feuerbach (1929), Enger (1929), Hüllhorst (1930), Göttingen (1931), Wuppertal-Nächstebreck (1931), Hamburg-Harburg (1932), Paderborn (1934), Rüthen-Kneblinghausen (1934–1938), Weinheim (1936), Rostock (1936) [Lib14, Abb. 27–39, S. 74–81]. Die Faust visualisierte die „Ohnmacht der Geschlagenen“, die Wut über den Versailler Vertrag, Trotz- und Rache-Gefühle, Entschlossenheit und Bereitschaft zu Kampf und Krieg. Die faustballende Knittel-Figur ähnelt inhaltlich und stilistisch stark den Einzelfiguren in Hüllhorst, Paderborn und Rüthen-Kneblinghausen, denn auch sie halten mit der rechten Hand ein auf den Boden gestelltes Gewehr. Doch während sie statisch breitbeinig auf ihrem Sockel stehen, als Wachposten „einer größeren Zukunft entgegenharrend“, bewegt Knittel seine Figur in den Kontrapost, versetzt sie in den aktuellen Kampf und gesellt ihr einen Handgranatenwerfer dazu.

Auch handgranatenwerfende Figuren waren international bei Kriegsmalstiftern beliebt; für 1919–1936 listet de Libero 8 in Deutschland, 8 in Frankreich und 7 in Österreich, Italien, Belgien, Großbritannien und Australien [Lib14, Abb. 69, 70, S. 106–108]. Das sozialdemokratische „Potsdamer Volksblatt“ kommentierte am 11. Juli 1923 die Einweihung des Handgranatenwerfers des ehemaligen Garde-Jäger-Bataillons in Potsdam:

„Der Soldat als Mörder, wie er die Handgranate hebt und sie auf den Gegner schleudert! Sind es Wahnsinnige oder sind es überspannte Menschen, die den Krieg verherrlichen, die nach Rache schreien in einer Stunde, wo den Völkern der Frieden zur [!] ihrer Gesundung und Heilung nötiger tut denn je“ [Lib14, S. 108].
In Murg gab es 1938 keine Zeitung mehr, die solch einen Kommentar hätte veröffentlichen können. Nach dem Zweiten Weltkrieg überstand das Murger NS-Kriegsvorbereitungsmal die Kontrollratsdirektive Nr. 30 unbeschadet. Durch Austauschen der Inschrift wurde es zum NS-Kriegsnachbereitungsmal umfunktioniert – wie vielerorts.

Murg Kriegerdenkmal 005 2018-09-13 W. Glanert UNSEREN GEFALLENEN / 1914♦1918✚1939♦1945 / ZUM GEDÄCHTNIS © Willmut Glanert

Das insgesamt 5,25 Meter hohe NS-Kriegsrelikt auf dem Schulhof war stets umstritten. Im Jahr 1992 entscheidet sich der Murger Gemeinderat gegen eine teure Sanierung der bröckelnden NS-Krieger und für ein neues Denkmal an einem geeigneteren Standort. Doch das Landesdenkmalamt stuft die NS-Skulptur als erhaltenswert ein und akzeptiert keinen Abbau, nur eine Verlegung. Da sich kein Ersatzstandort findet, verwittert sie bis zur Baufälligkeit. Im Jahr 2000 erhört der Gemeinderat die Rufe der Traditionsbewahrer und beschließt die Sanierung des NS-Relikts für 45.000 Euro. (SK 30.01.2003)

Versetzung: Wenige Jahre später erlebt Murg eine erregte Debatte darüber, ob man die NS-Soldaten im Zuge der Neugestaltung der Ortsmitte abräumen, ersetzen, versetzen – und falls ja, wohin – oder am Standort lassen soll. Im August 2011 beschließen sieben Vorstandsmitglieder des Murger Ortsverbands des Sozialverbands VdK Deutschland e.V. (VdK = „Verband der Kriegsbeschädigten, Kriegshinterbliebenen und Sozialrentner Deutschlands“), dass „das Kriegerdenkmal [...] am jetzigen Standort neben der Murgtalschule erhalten bleiben und nicht versetzt werden“ soll (SK 15.08.2011). Dafür sammelt der VdK-Ortsverband im Januar 2012 Unterschriften mit diesen Argumenten:

  • Das Denkmal sei ein Stück Murger Geschichte, gehöre zu Murg und solle bleiben wo es ist, da man Geschichte nicht einfach abräumen könne.
  • „Der größte Teil der Kriegsheimkehrer habe sich mit dem Denkmal identifiziert“.
  • Das Denkmal „sei ein "Mahnmal für den Frieden, ein Ort der Trauer, des Gedenkens und der Erinnerung";
  • es mache der jüngeren Generation Geschichte anschaulich, weshalb sich der Standort neben der Schule besonders gut eigne“;
  • die Skulpturengruppe bilde mit dem 1911/12 errichteten Jugendstil-Schulgebäude eine architektonische Einheit;
  • „der Schöpfer des Denkmals“, Hugo Knittel, sei „ein anerkannter Künstler gewesen“. „Natürlich habe er sich dem damaligen Kunstverständnis anpassen müssen.“ (SK 05.01.2012)
Auf einer Bürgerversammlung und einer Gemeinderatssitzung kommen weitere Argumente hinzu:
  • Eine Verlegung des „Ehrenmals“ wäre „gegenüber den Gefallenen undankbar, pietätlos, respektlos“.
  • „Eine Entfernung aus der Ortsmitte“ ließe „die Toten auch in der öffentlichen Erinnerung sterben“.
  • Der VdK-Ortsvorsitzende Wolfgang Lauber beklagt, „dass das ortsbildprägende Murger Kriegerdenkmal, eine der eindrucksvollsten Sehenswürdigkeiten unserer Gemeinde, in eine Ecke hinter das Schulhaus versetzt werden soll, wo es zwangsläufig als Fremdkörper empfunden werden muss. Es soll von seinem angestammten Platz, der Geschichte atmet, und auf dem über Jahrzehnte, oftmals unter Tränen, der Gefallenen beider Weltkriege gedacht wurde, entfernt werden.“
Kein einziges Gemeinderatsmitglied folgt diesen Absurditäten. Dagegen fordert die Gesamtlehrerkonferenz der Murgtalschule einstimmig die Entfernung des Kriegerdenkmals vom Schulhof (SK 20.01.2012). Vorschläge, das NS-Relikt aus dem öffentlichen Raum zu entfernen, es umgestaltet zu verschieben, „ein zeitgemäßes Monument an einem anderen Ort“ zu schaffen, finden keine Mehrheit im Gemeinderat. Der technokratisch hervorhebende Entwurf eines Landschaftsarchitekten, die NS-Soldaten am oberen Ende einer großen Freitreppe über der Ortsmitte zu exponieren, wird verworfen. Als „Kompromiss“ zwischen apologetischem Bewahren und achtlosem Zerstören beschließt der Gemeinderat im Januar 2013, die NS-Krieger zwecks Neugestaltung des Schulgeländes um rund 50 Meter von der Südwest- zur Nordwestseite der Murgtalschule vor den Sport- und den Kinderspielplatz zu versetzen und erneut zu sanieren. Der VdK verzichtet „um des Friedens willen“ auf ein Bürgerbegehren. (SK 23.01.2012, SK 30.01.2012, BZ 06.02.2013)

Murg Kriegerdenkmal 011 2018-09-13 W. Glanert Das NS-Kriegsdenkmal von 1938 bildet mit dem Jugendstil-Schulgebäude von 1911/12 eine architektonische Einheit, meint der VdK-Ortsverband. © Willmut Glanert

Am 23. Oktober 2014 wird das aus sechs Betonteilen bestehende Monument mithilfe eines Krans versetzt. Die Kosten belaufen sich inklusive Restaurierung auf mehrere zehntausend Euro. (SK 23.10.2014)

Murg Kriegerdenkmal 012 2018-09-13 W. Glanert Am neuen Standort zielt der Handgranatenwerfer auf den Sportplatz vor den Kriegern, der offiziell nicht der Wehrertüchtigung dient. © Willmut Glanert

Murg Kriegerdenkmal 010 2018-09-13 W. Glanert Auch spielende Kinder behalten den Ernst des Kriegslebens stets vor Augen. © Willmut Glanert

Mahntafel: Im Jahr 2017 erhalten die versetzten NS-Krieger eine Metallstele mit der Inschrift „NIE / WIEDER / KRIEG“ und dem Zusatz „Für Frieden / Freiheit und / Demokratie“ beigestellt. Murgs Bürgermeister Adrian Schmidle enthüllt die neue Mahntafel am Volkstrauertag mit dem Hinweis, sie solle das Kriegerdenkmal „in einen geschichtlichen Kontext setzen. Zudem soll[e] demnächst eine noch anzufertigende Informationstafel das Denkmal erklären und über den Künstler informieren.“ Doch den Kranz legt der Bürgermeister zu Füßen des Handgranatenwerfers nieder. Die Botschaft: Friedensfreunde, da habt ihr eure Mahntafel, wir bekränzen trotzdem unsere NS-Helden. (SK 19.11.2017)

Murg Kriegerdenkmal 001 2018-09-13 W. Glanert NIE WIEDER KRIEG Für Frieden Freiheit und Demokratie
UNSEREN GEFALLENEN 1914♦1918✚1939♦1945 ZUM GEDÄCHTNIS © Willmut Glanert

Murgs offizieller Webauftritt bietet weder zur neuen Mahntafel noch zum restaurierten NS-Relikt noch zur NS-Geschichte einen Hinweis. Unter „Freizeit & Tourismus“, „Kunst & Kultur“, „Historisches & Kirchen“, „Murgs Geschichte“ finden sich allerlei Informationen und Fotos, aber nichts zu Murgs „ortsbildprägender eindrucksvoller Sehenswürdigkeit“.

Murg Kriegerdenkmal 024 2018-09-13 U. Glanert Eindrucksvolle Sehenswürdigkeit im beschaulichen Wohngebiet zwischen Schwarzwald und Rhein © Ursula Glanert

Wie ordnen sich Murgs Maßnahmen zu seinem NS-Relikt in die Was-tun-damit-Kategorien ein? Nicht eindeutig. Apologetisches Bewahren greift durch das mehrfache Restaurieren einen starken Anteil. Verdrängen – wenn auch kaum schamvolles – äußert sich im Versetzen der NS-Krieger von der Front der Schule an den Rand der Rückseite. Aufklärung schwächelt mit der simplen Mahntafel, die in Fotos als braunes Rechteck erscheint. Dekontextualisierung ist nicht erkennbar, wo ein Handgranatenwerfer als Volkstrauerkranzdeponie dient.

Lehren: Was kann Radolfzell von Murg lernen (und umgekehrt)?

  • Die Informationsdefizite in ihren Webauftritten sind ähnlich erschreckend.
  • Bröckelt dein NS-Stein, so überlege, ob du die Mittel für eine Sanierung nicht sinnvoller einsetzen kannst.
  • Geht es ums Bewahren, dann auferstehen unterirdische Argumente, die Emotionen und Vorurteile bedienen. Bleib auf dem Boden der Tatsachen.
  • Freilich war es angebracht, das Murger NS-Kriegsdenkmal aus der Mitte des Schulhofs zu entfernen. Aber gebracht hat die Versetzung von vorne nach hinten nichts, was seine Dekontextualisierung betrifft. Es dient auch hinter der Schule als Kranzablegeort. Kein Vorbild für Radolfzell. Versetzen? Lass es lieber stehen.
  • Eine kleine Metallstele neben einem über fünf Meter hohen Betonklotz reicht nicht als Kontrapunkt zur Dekontextualisierung. Sicher sind die Parolen „NIE WIEDER KRIEG“ und „Für Frieden Freiheit und Demokratie“ zu befürworten. Um einen aufklärenden Kontext herzustellen, genügen sie nicht. Da war Radolfzell schon 2001 mit seiner Textstele besser aufgestellt als Murg 2017.
  • Aufklärung erfordert mehr als neben einem NS-Kriegspropagandaobjekt auf eine Tafel zu schreiben, man müsse das aus der Historie heraus verstehen, so war das eben in der Nazizeit, der Künstler habe sich wie alle anpassen müssen, es sei trotzdem ein Kunstwerk. Hier lässt Radolfzell mit seinen leider unleserlichen Informationstafeln Murg weit hinter sich.
  • Mit der Versetzung seines NS-Kriegsmals 2014 schaffte Murg dessen Umrahmung mit buntem Blumenschmuck ab, der das Relikt jahrzehntelang aufgewertet hatte. Radolfzell sollte sich gut überlegen, ob es ab 2019 mit Sophie-Scholl-Rosen andersrum marschieren will (s. Chronologie 06.11.2018).
Murg Kriegerdenkmal 009 2018-09-13 W. Glanert Kinderspielplatz, Sportplatz, Schule, Handgranatenwerfer – Murks in Murg © Willmut Glanert
Quellen
[Lib14]

Wikipedia: Hugo Knittel
de.wikipedia.org/wiki/Hugo_Knittel

Brigitte Chymo:
Krieger im Sturm der Zeit
Südkurier (30.01.2003)
suedkurier.de/archiv/region/hochrhein/bad-saeckingen/art1360031,249604

Werner Vökt:
Das Murger "Kriegerdenkmal"
Jahrbuch des Geschichtsvereins Hochrhein e.V. (2011) S. 36–47 [nv]

Bleiben die Krieger in Murgs Mitte?
Südkurier (30.06.2011)
suedkurier.de/archiv/region/hochrhein/murg/art1360056,4970629

herbrig:
Kriegerdenkmal soll bleiben
Südkurier (15.08.2011)
suedkurier.de/archiv/region/hochrhein/murg/art1360056,5055949

Unterschriften für Kriegerdenkmal
Südkurier (05.01.2012)
suedkurier.de/archiv/region/hochrhein/murg/art1360056,5308906

Markus Vonberg:
Diskussion über Kriegerdenkmal
Südkurier (11.01.2012)
suedkurier.de/archiv/region/hochrhein/murg/art1360056,5316613

Ein Denkmal mit Vorgeschichte
Südkurier (11.01.2012)
suedkurier.de/archiv/region/hochrhein/murg/art1360056,5316792

Markus Vonberg:
„Einen neuen Platz finden“
Südkurier (19.01.2012)
suedkurier.de/archiv/region/hochrhein/murg/art1360056,5330237

Markus Vonberg:
Murg verortet sich selbst
Südkurier (20.01.2012)
suedkurier.de/archiv/region/hochrhein/murg/art1360056,5331749

Markus Vonberg:
Debatte um Kriegerdenkmal
Südkurier (23.01.2012)
suedkurier.de/archiv/region/hochrhein/murg/art1360056,5335629

Markus Vonberg:
Murg denkt über Alternativen nach
Südkurier (27.01.2012)
suedkurier.de/archiv/region/hochrhein/murg/art1360056,5342662

Denkmal im Blick der Historiker
Südkurier (11.04.2012)
suedkurier.de/archiv/region/hochrhein/waldshut-tiengen/art1360065,5457337
Kopie:
Geschichtsverein Hochrhein e.V., Pressespiegel:
geschichtsverein-hochrhein.de/indexa.htm?geschichtsverein-presse/pressespiegel.htm

Ortsverband rudert zurück
Südkurier (24.09.2012)
suedkurier.de/archiv/region/hochrhein/murg/art1360056,5697051

Markus Vonberg:
Gespräch über Kriegerdenkmal wird sachlich
Südkurier (15.12.2012)
suedkurier.de/archiv/region/hochrhein/murg/art1360056,5818985

Markus Vonberg:
Murg gestaltet seine Mitte
Südkurier (30.01.2013)
suedkurier.de/archiv/region/hochrhein/murg/art1360056,5879134

Die Debatte ums Murger Kriegerdenkmal
Südkurier (30.01.2013)
suedkurier.de/archiv/region/hochrhein/murg/art1360056,5879642

Michael Gottstein, Winfried Dietsche:
Lauber billigt Entscheid "um des Friedens willen"
Badische Zeitung (06.02.2013)
badische-zeitung.de/murg/lauber-billigt-entscheid-um-des-friedens-willen--68886893.html

Markus Vonberg:
Kriegerdenkmal steht bald an neuem Ort
Südkurier (29.08.2014)
suedkurier.de/archiv/region/hochrhein/murg/art1360056,7207556

Namen der Gefallenen auf Kriegerdenkmal bleiben präsent
Südkurier (15.10.2014)
suedkurier.de/archiv/region/hochrhein/murg/art1360056,7326347

Kriegerdenkmal wird heute versetzt
Südkurier (23.10.2014)
suedkurier.de/archiv/region/hochrhein/murg/art1360056,7347724

Markus Vonberg:
Murg streitet um Statue: Nazi-Denkmal oder würdige Gedenkstätte?
Südkurier (23.10.2014)
suedkurier.de/archiv/region/hochrhein/murg/art1360056,7348636

Michael Gottstein:
Fotos: Das Murger Kriegerdenkmal ist am neuen Platz
Badische Zeitung (23.10.2014)
badische-zeitung.de/fotos-das-murger-kriegerdenkmal-ist-am-neuen-platz?id=93407943

Michael Gottstein:
In zweieinhalb Stunden war alles vorbei
Badische Zeitung (24.10.2014)
badische-zeitung.de/murg/in-zweieinhalb-stunden-war-alles-vorbei--93422340.html

Charlotte Fröse:
Schmidle enthüllt Mahntafel an Kriegerdenkmal
Südkurier (19.11.2017)
suedkurier.de/region/hochrhein/murg/Schmidle-enthuellt-Mahntafel-an-Kriegerdenkmal;art372614,9503027

Furtwangen

Entgegen alphabetischer oder chronologischer Ordnung folgt Furtwangen im Schwarzwald auf Murg aufgrund der Szene, die sein NS-Kriegsdenkmal darstellt: Statt zwei zeigt es drei Soldaten, statt am Rand des Schlachtfelds befinden sie sich mittendrin, statt zu zögern holt der figürlich rechte Soldat sprungbereit zum Handgranatenwurf aus, während die Handgranate am geschwungenen Arm des aufrechten mittleren Soldaten kurz vor dem Wegfliegen ist und der linke Kamerad das Gewehr haltend auf die Knie sinkt, um den „heroische[n] Tod, das edle Sterben ohne Blut und Wunden“ vorzuführen [Lib14, S. 212]. Der stehende Handgranatenwerfer existiert allerdings nur noch von der Hüfte fußwärts, da sein Oberkörper 1977 verschwand.

Furtwangen Kriegerdenkmal 1379 2018-09-25 K. Hug Das Furtwanger NS-Kriegertrio im Stadtgarten

Wie das Murger wurde das Furtwanger Soldatendenkmal von Hugo Knittel geschaffen. Obwohl sich die Murger Szene in die Furtwanger fortsetzt, wurde die Furtwanger Skulptur 1937 eingeweiht, die Murger 1938. Anders als die mehrfach sanierten Murger Soldaten sind deren Furtwanger Kameraden dem Schicksal alles Vergänglichen überlassen. Sie präsentieren sich nicht herausgeputzt neben dem Sportplatz Schuljungen zum Vorbild, sondern fügen sich abseits im Schatten der Bäume des Stadtgartens am Bregufer ihrem natürlichen Verfall.

Furtwangen Kriegerdenkmal 1390 2018-09-25 K. Hug Blick von der Friedrichstraße in den Alois-Herth-Anlage genannten Stadtgarten

Nichts weist in der Schwarzwaldstadt mit der renommierten Hochschule und in ihrem Webauftritt darauf hin, dass sie neben dem Uhrenmuseum eine weitere historische Attraktion bietet: das im Stadtgarten versteckte NS-Relikt. Doch sei dessen Geschichte der Reihe nach als Exzerpt des hervorragenden Beitrags von Helga und Hans Kaiser erzählt [Kai12], auf den sich die Seitenangaben beziehen.

NS-Bürgermeister Dr. Miltner und NS-Gemeinderäte bildeten 1934 einen Ausschuss, der die „Erstellung eines Kriegerdenkmals in Furtwangen“ prüfen sollte (S. 78). Am 26. Mai 1936 warb Knittel, der schon Dutzende von Kriegerdenkmalen geschaffen hatte, in einem Brief an die Stadtverwaltung Furtwangen für „seine ergebensten Dienste“ (S. 80):

„Der bekannte Gelehrte, Kunsthistoriker u. Denkmalspfleger Badens, Prof. Dr. Jos. Aug. Behringer [! ...] schreibt wie folgt über meine Arbeiten: ‚Knittel hat in Form und Gestalt immer aus tiefster Empfindung und inniger Volksverbundenheit in volksverständlicher und natürlicher Gestaltung den Dank der Heimat an die Opfer des Weltkriegs ausgesprochen und dem Tod auf dem Felde der Ehre seine Schrecken und sein Peinigendes genommen, den Mitlebenden zum Danke, den Nachlebenden zum Beispiel und zur Nacheiferung‘“ (S. 81).

Ist es diese kunsthistorische Wertung von 1936, die den VdK-Ortsverband Murg 76 Jahre später zur Erkenntnis inspiriert, Knittel sei ein „anerkannter Künstler gewesen“?

Furtwangen Kriegerdenkmal 1352 2018-09-25 K. Hug „Dem Tod auf dem Felde der Ehre seine Schrecken und sein Peinigendes genommen“: Mit unsichtbar zerschmetterter Heldenbrust stirbt er glückselig für seinen „Führer“.

Mit den Plazets von Kriegerbund und Denkmalausschuss beauftragte der Bürgermeister am 24. November 1936 Knittel mit der Ausführung des Projekts „Ehrenmal im Stadtgarten“ zum Gesamtpreis von 12.000 RM, der mit Freitreppe, Pylonen und Gestaltung der Anlage auf rund 20.000 RM anstieg (S. 81).

„Der Entwurf Knittels sah eine Figurengruppe von drei Soldaten in eineinhalbfacher Lebensgröße vor, zwei Kämpfende und ein Sterbender, gefertigt aus wetterhartem, imprägnierten Vulkan-Kunstmuschelkalkstein, der Sockel aus gleichem Material, mit eingehauenen Inschriften und den Namen der Toten, der Untersockel mit Betonfundament sowie zwei seitlich angebrachten Steinkloben für die Aufhängung der Kränze und zwei Pylonen mit Bronze-Feuerschalen“ (S. 82).
Furtwangen Kriegerdenkmal 1337 2018-09-25 K. Hug Das Furtwanger NS-Kriegsdenkmal 2018 ohne Steinkloben, Pylonen, Feuerschalen

Als Sockelinschrift fand Knittel den passenden Sinnspruch unter den „Heldengedichten“ des „Freiheitskämpfers“ Theodor Körner (1791–1813) im Drama Zriny, 5. Akt, 2. Auftritt (S. 82):

Furtwangen Kriegerdenkmal 1340 2018-09-25 K. Hug Die Inschrift hielt nicht aus in Sturmeswettern, stattdessen ließ das Schicksal sie verwittern.

„1914 ✚ 1918
SIE HIELTEN AUS IN KAMPF UND STURMESWETTERN
UND STANDEN TREU BEI TUGEND RECHT UND PFLICHT
DAS SCHICKSAL KANN DIE HELDENBRUST ZERSCHMETTERN
DOCH EINEN HELDENWILLEN BEUGT ES NICHT“

An den beiden Sockelseiten steht über heute unleserlichen Namen:

„DEN IM FELDE DER EHRE GEFALLENEN“

Von der Friedrichstraße führte eine breite Freitreppe hinunter zum „Aufmarschplatz“, der vor dem Denkmal mit beidseitig begrünter Nische einen „Heldenhain“ andeutete (S. 82). Erstmals genutzt wurde er zur Einweihung des Denkmals am 1. August 1937, dem 23. Jahrestag des Beginns des Ersten Weltkriegs, als NS-Formationen, Hitler-Jugend, politische Führer, Stadtkapelle und SA-Standartenführer Max Egon II. Fürst zu Fürstenberg (1863–1941) aufmarschierten und der Badische Innenminister, SS-Mitglied Karl Pflaumer (1896–1971) die Hauptfestrede hielt. Auch die ritualisierten Aufmärsche zu den „Heldengedenktagen“ fanden beim Kriegertrio statt (ab 1940 in der Festhalle). (S. 84–85) Das Schwarzwälder Tagblatt schrieb zur Einweihung, die eine Handgranate gen Westen werfende Hauptfigur stelle

„den Soldaten ohne Furcht vor. In dem anschleichenden, spähenden Krieger erkennt man die Gefahr, die unsere Soldaten umlauerte. Der Krieger rechts ist der sterbende Soldat, der im Sterben noch heldisch wirkt“ [Cre17, S. 292].
Am 18. September 1937 stellte NS-Bürgermeister Miltner NS-Bildhauer Knittel ein glänzendes Zeugnis aus:
„‚So ist das Denkmal zu einer der größten Sehenswürdigkeiten der Stadt geworden, und ein ewiges Beispiel für die deutsche Jugend.‘ Und rühmt die hohe künstlerische Qualität der Darstellung, ‚die in besonderem Grade heldischen, kulturellen und erzieherischen Wert‘ habe. Das Denkmal habe bei der gesamten Einwohnerschaft vollste Zufriedenheit ausgelöst“ (S. 84).

Ist es dieses bürgermeisterliche Lob von 1937, das dem VdK-Ortsverband Murg 75 Jahre später die Einsicht vermittelt, Knittel sei ein „anerkannter Künstler gewesen“?

Furtwangen Kriegerdenkmal 1377 2018-09-25 K. Hug Ewiges Beispiel mit heldischem Wert für die deutsche Jugend: bröckelnder Arm mit Handgranate auf bemooster Basis

Obwohl Knittel „unbegrenzte Garantie und beste Haltbarkeit des Materials“ versprochen hatte, musste das Denkmal schon 1943 überholt werden (S. 82).

Furtwangen Kriegerdenkmal 1372 2018-09-25 K. Hug Knittels „unbegrenzt haltbarer Vulkan-Kunstmuschelkalkstein“ 81-jährig im Jahr 2018

Nach dem Krieg finden die Volkstrauertagsfeiern bei den Soldatengräbern auf dem Friedhof statt. Allmählich distanzieren sich die Redner – Geistliche, Schulleiter, Heimkehrerverbandsvorsitzende – von den Handgranatenwerfern. Irgendwann verschwinden Freitreppe, Feuerschalen, Pylonen. (S. 86) Im Jahr 1960 schlagen die Stadtpfarrer Blattmann (kath.), Thoma (evang.) und Eggert (altkath.) in ihrer „Denkschrift Kriegerdenkmal Furtwangen“ vor,

„Figurengruppe und Sockel durch ein würdigeres Denkmal besser: Mahnmal, zu ersetzen“ und zu erwägen, „auch die Gefallenen des letzten Krieges mit einzubeziehen“ (S. 86–87).
Während die SPD-Ortsgruppe, die Gartenbauarchitektin Baumann, der CDU-Stadtrat und Rektor Diemer und andere der Entfernung des NS-Denkmals zustimmen, fordert „der Heimkehrerverband ein gesondertes Denkmal für die Toten des II. Weltkriegs auf dem Friedhof“ (S. 87–88). Am 21. November 1967 beschließt der Gemeinderat „mit neun gegen sieben Stimmen“,
„das Denkmal zu entfernen“, aber „den Abbruch erst zu vollziehen, wenn auf dem Friedhof ein würdiges Mahnmal für die Opfer beider Weltkriege erstellt sei“ (S. 88).
Daraufhin sammelt die Aktion „Kriegerdenkmal“ mit der Begründung, „daß dieses Ehrenmal für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs seinen Platz schon seit dreißig Jahren richtig hat und nicht abgebrochen werden soll“, 1655 Unterschriften (S. 90).

Furtwangen Kriegerdenkmal 1381 2018-09-25 K. Hug Stehen lassen oder abreißen?

Eine Phase protestierenden Beschädigens beginnt 1968:

„Von 1968 bis 1976 wurde das Kriegerdenkmal fünfmal mit Anti-Kriegs-Parolen besprüht: ‚Nie wieder Krieg!‘ oder ‚Wir wollen leben, auch wenn Deutschland sterben muß‘, hieß es beispielsweise. [...] Die Gemeinde ließ durch den Bauhof das Denkmal immer wieder säubern. [...]

In der Nacht vom 30. April zum 1. Mai 1977 wurde am Kriegerdenkmal der Oberkörper des Soldaten, der hochaufgerichtet eine Handgranate wirft, mit Hilfe eines Seilzugs abgetrennt. Dasselbe Schicksal war der rechten Figur zugedacht. Dem zum Sprung geduckten Soldat war bereits ein Seil um den Hals gelegt, als die Täter offenbar gestört wurden. Die Gesichter der Figuren waren mit weißer Farbe bemalt worden“ (S. 90–91).

Furtwangen Kriegerdenkmal 1350 2018-09-25 K. Hug Das Seil war um seinen Hals gelegt, doch seinen Heldenwillen beugt’ es nicht.

Die Stadtverwaltung stellt „Anzeige gegen Unbekannt“ und setzt eine Belohnung von 1.000 DM für sachdienliche Mitteilungen aus, doch staatsanwaltschaftliche Ermittlungen bleiben erfolglos. Dank Abbruchbeschluss wird das Angebot des Bildhauers Pfaff, die zerstörte Figur für 8.000–10.000 DM zu reparieren, nicht realisiert.

Der Ausschuss für das auf dem Friedhof zu erstellende Mahnmal für die Opfer beider Weltkriege, dem „Vertreter der Kriegsgräberfürsorge, des Heimkehrerverbandes, des Verbandes der Kriegsbeschädigten sowie der Heimatvertriebenen angehören“, schlägt am 13. Dezember 1978 vor, einen Findling mit einer Inschrift aufzustellen. Einstimmig weist der Gemeinderat am 6. März 1979 Bauhof und Forstamt an, „einen großen, dem Denkmal angemessenen Granitfindling zu suchen“. Schließlich wird das Mahnmal auf dem Friedhof mit der Inschrift

„UNSEREN / OPFERN / DER KRIEGE / +ZUM+ / GEDENKEN“
am Volkstrauertag 1980 eingeweiht. (S. 92)

Furtwangen Friedhof_Kriegsgräber 1404 2018-09-25 K. Hug Furtwangen Friedhof: Soldatengräber mit Mahnmal für Kriegsopfer

Ohne auf die Problematik des Opferbegriffs einzugehen sei bemerkt:

  • Es ist 1980 nicht mehr opportun, Zwecke der „Opferung“ wie „für den Kaiser, das Vaterland, Deutschland, die Nation, den Führer“ anzugeben, Tugenden der „Opfer“ wie „Treue, Pflichterfüllung, Ehre, Tapferkeit, Heldentum“ zu loben, und den Lebenden zu empfehlen, die Taten der Toten nachzuahmen.
  • Wie überall werden die Opfernden – die Kriegstreiber – nicht erwähnt.
  • Auf den 46 Grabsteinen stehen nicht nur Kriegsjahre, sondern auch 1919, 1920, 1921, 1924, 1929, 1932, 1946, 1947, 1949, ohne dass Todesorte und -ursachen vermerkt sind (denkmalprojekt.org).
  • Unter den Soldatengräbern befinden sich die Gräber der beiden 10-Jährigen Doris und Wolfgang Allolio, auch mit Eisernem Kreuz geschmückt.
  • Politische Instrumentalisierung von Toten auf einem Friedhof ist möglich, wenn auch relativ zurückhaltend.
Da das neue Mahnmal auf dem Friedhof die Voraussetzung für den Abbruch des NS-Relikts im Stadtgarten erfüllt, beantragt die SPD-Gemeinderatsfraktion am 27. Oktober 1983, den 1967 gefassten Beschluss umzusetzen. Nun hält die CDU-Gemeinderatsmehrheit das NS-Denkmal für ein erhaltenswertes „Dokument seiner Zeit“ und lehnt seinen Abriss ebenso ab wie „das stark verschmutzte Denkmal einer chemischen Reinigung zu unterziehen“. Weil niemand dafür Geld ausgeben will, bleibt das Kriegertrio sich überlassen. (S. 92, SK 23.02.2008) Der Reservistenverband protestiert 1987 gegen den „unansehnlichen Zustand unseres Denkmals“, woraufhin die Denkmalbehörde des Landkreises meldet, „das Kriegerdenkmal würde wahrscheinlich als Kulturdenkmal eingestuft werden, und das könne man bekanntlich nicht so einfach entfernen“. Am 15. September 2000 berichtet die Badische Zeitung: „Kriegerdenkmal bleibt vorerst“. (S. 93)

Am Volkstrauertag 2006 ruft Stadtarchivar Ludger Beckmann dazu auf, das „nicht mehr zeitgemäß[e ...] Kriegermal durch ein würdigeres Denkmal zu ersetzen“, obwohl seit 26 Jahren ein Ersatz-Mahnmal auf dem Friedhof steht (SK 21.11.2006, SK 05.12.2006, SK 16.11.2007). „Ein Bild des Kriegermals könnte in einem Museum an diesen Teil der Furtwanger Geschichte erinnern“ (SK 05.12.2006). Im April 2008 diskutiert die SPD Furtwangen „über die Zukunft des Kriegerdenkmals“. Vorgeschlagen wird u.a., „das Denkmal nicht komplett abzureißen, sondern es umzugestalten“, auf einer Tafel seine Entwicklung darzustellen und zu kommentieren, und einen „Gestaltungswettbewerb im Kunstunterricht“ durchzuführen. (SK 17.04.2008) Im Mai 2008 ist das Kriegerdenkmal bei Verschönerungen des Stadtgartens ausgeklammert. „Die Diskussion um das Relikt aus dem Nationalsozialismus soll [...] nach dem Kommunalwahlkampf 2009 beginnen.“ (SK 10.05.2008) Bei der Volkstrauerfeier 2012 sieht der evangelische Pfarrer Lutz Bauer das

„zerstörte Kriegerdenkmal im Stadtgarten [...] nicht als Symbol des Scheiterns, sondern als Chance, miteinander ins Gespräch zu kommen über eine friedliche Zukunft“ (SK 19.11.2012).
Zur erneuten Kandidatur zur Bürgermeisterwahl am 8. Oktober 2017 erläutert Bürgermeister Josef Herdner, der Stadtgarten „müsse neu gestaltet werden“ und dazu „werde sicher über das Kriegerdenkmal wieder diskutiert“ (SB 15.09.2017, SK 15.09.2017).

Furtwangen Kriegerdenkmal 1394 2018-09-25 K. Hug Ehrenmal – Kriegerdenkmal – Kulturdenkmal – Friedensgesprächsanreiz

Passt Furtwangens Umgang mit seinem NS-Relikt zu den Was-tun-damit-Kategorien? Positiv ist zu verbuchen, dass nach dem Krieg eine Phase der Dekontextualisierung begann, als man den Volkstrauertag auf dem Friedhof beging, vermutlich bedingt durch die als unerträglich empfundene Aggressivität des Knittel-Werks, verglichen mit seinem Murger Kriegerduo. Aufklärung ist allerdings nicht zu erkennen. Protestierendes Beschädigen hat sichtbare Spuren hinterlassen. Unklar ist der Verbleib des 1977 abgetrennten Figurenoberteils. Vertan wurde die Chance, das Ober- neben dem Unterteil liegen zu lassen und die Entwicklung von der alten zur neuen Komposition mit einer Informationstafel zu erläutern. Auch das Zubehör verschwand unerklärt. Schamvolles Verdrängen zeigt sich darin, dass das NS-Relikt von Bäumen umstanden ist. Der Wille zum achtlosen Zerstören stößt auf verschiedene Kräfte der Bewahrung.

Lehren: Was kann Radolfzell von Furtwangen lernen (und umgekehrt)?

  • Gegenseitig nichts zu lernen ist von den Informationslücken in den Webauftritten.
  • Volkstrauertagsfeiern auf dem Friedhof sind problemlos möglich, wie in Furtwangen, so auch in Radolfzell.
  • Die Forderung nach Abbruch ihres NS-Relikts kann eine Gemeinde jahrzehntelang spalten, aber auch teure Restaurierungen verhindern.
  • Das ungeplante Schicksal des Furtwanger NS-Relikts, am Bregufer natürlich zu verfallen, ist deutlich besser, als das zwanghaft ordentliche Striegeln der Steinsoldaten nach jedem Farbklecks zur Freude der Neonazis.
  • Statt die NS-Krieger mit Friedenslichtern® zurankeln zu lassen und zum Volkstrauertag freizuschneiden, kann man sie im Schatten von Bäumen sich selbst überlassen.
  • Mit seiner Textstele und seinen leider unleserlichen Informationstafeln liegt Radolfzell in puncto Aufklärung vor Furtwangen.
Furtwangen Kriegerdenkmal 1358 2018-09-25 K. Hug Inschrift auf der Rückseite: „ERRICHTET IM JAHRE“ mit unleserlicher Zahl
Quellen
[Cre17], [Kai12]

Wikipedia: Hugo Knittel
de.wikipedia.org/wiki/Hugo_Knittel

Genealogische Gesellschaft Hamburg e.V., W. Leskovar:
Furtwangen im Schwarzwald, Schwarzwald-Baar-Kreis, Baden-Württemberg
denkmalprojekt.org/2012/furtwangen-im-schwarzwald_schwarzwald-baar-kreis_wk1_wk2_bawue.html

hei/ket:
Archivar kritisiert Kriegermal
Südkurier (21.11.2006)
suedkurier.de/archiv/region/schwarzwald-baar-heuberg/eisenbach/art1360161,2311915

hei:
Kriegermal
Südkurier (05.12.2006)
suedkurier.de/archiv/region/schwarzwald-baar-heuberg/furtwangen/art1360164,2349628

wur:
Gedenktafel statt Kriegermal
Südkurier (05.12.2006)
suedkurier.de/archiv/region/schwarzwald-baar-heuberg/furtwangen/art1360164,2349539

Stefan Heimpel:
Weg mit der Nazi-Kunst
Südkurier (05.12.2006)
suedkurier.de/archiv/region/schwarzwald-baar-heuberg/furtwangen/art1360164,2349648

wur:
Künstler in Rage
Südkurier (16.11.2007)
suedkurier.de/archiv/region/schwarzwald-baar-heuberg/furtwangen/art1360164,2910415

wur:
Kein Plan für Kriegermal
Südkurier (23.02.2008)
suedkurier.de/archiv/region/schwarzwald-baar-heuberg/furtwangen/art1360164,3071645

Das Kriegerdenkmal
Südkurier (17.04.2008)
suedkurier.de/archiv/region/schwarzwald-baar-heuberg/furtwangen/art1360181,3162375

hjk:
SPD will "kreativen Umgang"
Südkurier (17.04.2008)
suedkurier.de/archiv/region/schwarzwald-baar-heuberg/furtwangen/art1360164,3162371

Mehrheit für einen Abbruch
Südkurier (19.04.2008)
suedkurier.de/archiv/region/schwarzwald-baar-heuberg/furtwangen/art1360164,3166838

wur:
Brücke erschließt Stadtgarten
Südkurier (10.05.2008)
suedkurier.de/archiv/region/schwarzwald-baar-heuberg/furtwangen/art1360164,3202413

Christa Hajek:
Erinnern beginnt in der eigenen Familiengeschichte
Südkurier (19.11.2012)
suedkurier.de/archiv/region/schwarzwald-baar-heuberg/furtwangen/art1360164,5777970

Jens Wursthorn:
Totengedenken in LED-Schrift
Südkurier (03.09.2014)
suedkurier.de/archiv/region/schwarzwald-baar-heuberg/furtwangen/art1360164,7218543

Christa Hajek:
Furtwangen: Breitbandversorgung im Blick
Schwarzwälder Bote (15.09.2017)
schwarzwaelder-bote.de/inhalt.furtwangen-buergermeister-hat-breitband-im-blick.378d223b-f672-4b78-86d2-7e42b0f74d0a.html
Furtwangen: Josef Herdner schaut das erste Mal voraus
Südkurier (15.09.2017)
suedkurier.de/region/schwarzwald/furtwangen/Josef-Herdner-schaut-das-erste-Mal-voraus;art372517,9415165

Anderswo

Pinneberg

Das NS-Kriegsdenkmal in Pinneberg, einer Kreisstadt in Schleswig-Holstein, erscheint hier als Beispiel für technokratisches Hervorheben durch Beleuchten. Es wirkt weniger martialisch als die Radolfzeller Soldatenskulptur, da sein Motiv nicht figurativ, sondern symbolisch ist.

Zwischen der Pinneberger Stadtmitte und dem Bahnhof steht die Denkmalanlage auf dem Bahnhofsvorplatz, der 1933–1945 Adolf-Hitler-Platz hieß. Am 45. „Führer“-Geburtstag, dem 20. April 1934, legte der Denkmalausschuss mit dem Vorsitzenden NSDAP-Gauamtsleiter, SA-Sturmführer und Bürgermeister Heinrich Backhaus und Vertretern von NSDAP, SA, SS, Stahlhelm, Kriegerverein und NS-Kriegsopfer-Versorgung feierlich den Grundstein für das „Krieger-Ehrenmal für die Gefallenen des Weltkriegs“, in den er eine Urkunde einließ, deren Text den Zweck formulierte:

„Es soll an diesem Platze, an einer Strecke des schaffenden Volkes, für alle Zeiten den auf dem Felde der Ehre gefallenen Pinneberger Helden gewidmet sein. Es soll ferner der heutigen und den künftigen Generationen eine Mahnung an die Großtat des unbesiegten deutschen Heeres im Weltkriege 1914 -1918 sein und bleiben“ (Domeyer, 08.05.2018, S. 13).
Errichtet wurde die heldengewidmete Heeresgroßtatmahnung aus hellem Sandstein mittels Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, finanziert durch Spenden in Höhe von 12.000 RM. Zum Pomp der Einweihung des „nationalen Ehrenmals“ am 1. Juli 1934 gehörten die Festpredigt des Pastors Fölster, Wehrverbände mit Fahnen, die Weiherede des Oberkonsistorialrats Pg. Peperkorn, die Ansprache des NS-Bürgermeisters. Am 19. Januar 1936 weihte der Bezirksleiter für das Deutschtum im Ausland, NS-Lehrer Hubert Koch, zur siegreichen Saar-Abstimmung den „Saar-Gedenkstein“, der die Anlage links außen an der Mauer ergänzte (bis er nach dem Krieg verschwand), mit den Worten ein:
„Aus den grauen, endlosen Reihen des Volkes rief Gott den Führer, der seinem Volke einen neuen Gestaltungswillen brachte“ (Seifert, S. 157).
Zwei rechtwinklig zueinander liegende vierstufige Treppen führen zu einem Podest mit einer Mauer, in deren Ecke eine schlanke, rund zehn Meter hohe Stele auf einem massiven Sockel steht, von der rechts eine siebenstufige Treppe zum Stadtwald steigt. Auf der schmalen Vorderseite der Stele prangen zwei symbolträchtige Bronzereliefs: ein 5,5 Meter hoch aufgerichtetes Schwert, darüber ein Reichsadler, der sich auf einen Ehrenkranz um ein Eisernes Kreuz krallt. Mit dem Schwert sollte
„die Mannhaftigkeit und der Wehrwille des deutschen Mannes vor aller Welt bekundet werden“ (Grundsteinurkunde, Domeyer, S. 13).
Von 1934 an war das Kreuz unterm Adler ein Hakenkreuz, bis es 1945 zu einem Eisernen Kreuz „entnazifiziert“ wurde. Inschriften an der Stele sind in den Stein graviert. An der Vorderseite unten steht „1914–1918“, an der linken Seite in vier Meter Höhe
„IN UNWANDELBARER
TREUE ZUM VATERLAND
UND IN DER HOFFNUNG
AUF DEN SIEG LIESSEN
=312= HELDEN DIESER
STADT IHR TEURES LEBEN
AUF DEM FELDE DER EHRE“,
eine kleine Signatur an der Stele weist auf den Stadtbaumeister und das Entstehungsjahr hin: „Ih Hansen 1934“ (denkmalprojekt.org).

1949 beschließt der Hauptausschuss, das Denkmal vor Verfall zu schützen. 1952 lässt der Magistrat in die „Saar-Gedenkstein“-Lücke die vom Ortsverband des Verbands der Heimkehrer gestiftete Tafel setzen und dauerhaft beleuchten, deren als Relief herausgearbeitete Inschrift lautet [Lib18, S. 5]:

„DIE HEIMAT
RUFT IHRE KRIEGSGEFANGENEN
UND VERMISSTEN“.
Bis heute finden am alljährlichen Volkstrauertag Kranzniederlegungen am NS-Relikt statt. Das Landesamt für Denkmalpflege nimmt es am 26. Februar 2016 in die Liste der Kulturdenkmale auf und stellt es unter Denkmalschutz mit der Begründung:
„Wichtiges historisches Zeugnis, das Aufschluss über die nationalsozialistische Diktatur und die damalige Kriegsverherrlichung gibt“ [Hil18, S. 25].
Am 20. Juni 2017 verteidigt die Bürgerinitiative „Mahnmal statt Kriegerdenkmal am Pinneberger Bahnhof“ auf ihrer Veranstaltung „Unwidersprochen“ in der Christuskirchengemeinde Pinneberg den Denkmalschutz gegen Forderungen, das NS-Relikt abzureißen, „denn man sollte die Geschichte nicht vergraben, sondern aufklären“. Es dürfe aber „weder bei dem Missbrauch der wehrlosen toten Soldaten noch bei einer womöglich von den Nazis erhofften kriegsverherrlichenden Wirkung bleiben“. Pinneberg „benötige eine kluge und wirkungsvolle Ergänzung im Umfeld des Bauwerks, damit dieses zu einem Mahnmal wird“. [Hil18, S. 25] „Diese Ergänzung soll verhindern, dass das Denkmal je wieder – wie ursprünglich – Krieg verherrlicht und für militaristisches und nationalistisches Denken und Handeln in Anspruch genommen werden kann“ (Antifa Pinneberg, 28.01.2018, GW 03.2018).

Am 20. Juli 2017 beschließt die Pinneberger Ratsversammlung, das NS-Relikt solle „künftig genutzt werden, um an das Morden aller Kriege zu erinnern und zum Nachdenken anzuregen“ und beauftragt den Stadtentwicklungsausschuss, „eine zusätzliche Darstellung zur Erinnerung und Mahnung an diesem Denkmal anzubringen sowie eine Arbeitsgruppe Denkmal zu gründen“ [Are18].

Beleuchtung: Die Pinneberger Stadtverwaltung verzögert die Bildung der Arbeitsgruppe und handelt selbst. Sie lässt das kriegsverherrlichende Kulturdenkmal für rund 58.000 Euro sanieren und ab November 2017 – rechtzeitig zur Weihnachtszeit – von drei starken neuen Strahlern morgens und abends beleuchten, sodass die im Dunkeln sonst unsichtbare heldenehrende Inschrift, das mannhafte Schwert, der Adler schon von weitem sichtbar sind.

Die strahlende Glorifizierung der NS-Kriegspropaganda provoziert Kritik. Zur Protestkundgebung „Nein zum Krieg! – Kein Licht für Kriegsverherrlichung!“ der Initiative „Mahnmal statt Kriegerdenkmal am Pinneberger Bahnhof“ am 30. Januar 2018, die von der Antifaschistischen Initiative, dem DGB-Kreisverband, Vertretern von SPD, Grünen, Unabhängigen, Kirche und jüdischer Gemeinde sowie Künstlern unterstützt wird, versammeln sich rund 80 Menschen vor dem beleuchteten NS-Relikt. Probst Thomas Drope spricht:

„Gemeinsam wenden wir uns gegen die unwidersprochene Hinnahme dieses Kriegerehrenmals. Wir können doch nicht ernsthaft die Opfer der Nationalsozialisten beklagen und gleichzeitig die Symbole der Nazis, von denen es mehr gibt als das Hakenkreuz, unkommentiert stehen lassen – und sie durch neue Scheinwerfer noch besonders hervorheben. Wir fordern eine dauerhafte, öffentlich sichtbare Distanzierung von der Botschaft und Symbolik dieses Denkmals. Denn es ist in seiner ganzen Gestalt eine Manifestation nationalsozialistischer Lüge“ (Drope, 30.01.2018).
Der Protest wirkt: Schon vor der Kundgebung reagiert die Stadtverwaltung damit, „die Beleuchtung vorerst ständig auszuschalten“ [Are18]. So endet die Beleuchtungsepisode nach zwei Monaten.

Im Februar 2018 setzt der Stadtentwicklungsausschuss die „Arbeitsgruppe Denkmal“ ein, der Vertreter der Ratsfraktionen, der Religionsgemeinschaften und der VHS-Geschichtswerkstatt angehören und die am 27. März 2018 erstmals tagt. Um dem Auftrag der Ratsversammlung zu entsprechen, plant sie eine Anhörung und einen Wettbewerb für eine künstlerische Erweiterung des NS-Relikts.

Zur öffentlichen Sachverständigenanhörung am 8. Mai 2018 mit dem Titel „So nicht, aber wie?“ sind Prof. Dr. Loretana de Libero, Historikerin an der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg-Blankenese und der Universität Potsdam, Wolfgang J. Domeyer, Leiter des VHS-Landesverbands Schleswig-Holstein und Aktiver der VHS-Geschichtswerkstatt, und Pastor i.R. Ulrich Hentschel eingeladen. De Libero führt in ihrem Vortrag aus:

„Das Pinneberger ‚Ehrenmal‘ war ganz im Sinne der nationalsozialistischen Denkmalstifter kein Ort der Trauer oder gar ein ‚Mahnmal‘ gegen den Krieg. Es diente als Kulisse für nationalistische Kundgebungen und Aufzüge, für den Empfang von Rekruten am Bahnhof ebenso wie für HJ-Appelle, den 1. Mai, den 9. November oder eben für den im März begangenen ‚Heldengedenktag‘. Die Gefallenen des Ersten Weltkrieges wurden für die Selbstinszenierung des Regimes missbraucht. Mit Kriegsbeginn 1939 sollte ihr Tod ein weiteres Mal für die verbrecherische Politik der NS-Diktatur herhalten. Ihr ‚Opfer‘ sollte in diversen markigen Reden – nicht nur am Denkmal – Ansporn sein, den ‚Angriffs- und Vernichtungskrieg, ein vom nationalsozialistischen Deutschland verschuldetes Verbrechen‘ (Deutscher Bundestag, 15. Mai 1997), weiterzuführen. Auch nach dem Krieg diente das Denkmal ungebrochen politischer Erinnerung und Sinnstiftung, unter den Vorzeichen des Kalten Krieges in antibolschewistischer Ausrichtung. Im Zuge der Sanierung ist die seit 2016 denkmalgeschützte Anlage wiederum verändert worden, nunmehr durch eine Beleuchtungsanlage, die auf die Stele ausgerichtet ist (November 2017). Die Erinnerung an die Gefallenen wird dadurch ein weiteres Mal überlagert, wird doch das Denkmal, das ‚historische‘ Objekt als solches ‚angestrahlt‘. Die Folgen von Krieg, Tod, Zerstörung, Hass und Gewalt bleiben im Dunkeln“
[Lib18, S. 6–7].
Der nächste Schritt soll „die Ausschreibung eines Wettbewerbs für eine künstlerische Umgestaltung der Umgebung des Nazi-Denkmals“ sein [Hil18, S. 26]. Obwohl die Pinneberger Stadtverwaltung ihr NS-Relikt für sehenswert genug hielt, um es zu illuminieren, enthält ihr offizieller Webauftritt keine Informationen dazu und auch nichts zur NS-Geschichte der Stadt. In den Was-tun-damit-Kategorien erscheint die Beleuchtungsmaßnahme der Stadtverwaltung unter „technokratisch Hervorheben“, während sich die Bemühungen der Initiative „Mahnmal statt Kriegerdenkmal“ und der „Arbeitsgruppe Denkmal“ unter „aufklärend Dekontextualisieren“ im Planungsstadium einordnen.

Lehren: Von Pinneberg kann Radolfzell lernen, dass

  • eine technokratische Hervorhebung des NS-Relikts mit hohen Investitionskosten verbunden ist, die sich nicht gelohnt haben werden, wenn Bürgerproteste zum Nichtanschalten der Installation führen;
  • eine Bürgerinitiative mit breiter Unterstützung aus Gewerkschaften, Parteien und Religionsgemeinschaften eine Stadtverwaltung zum Korrigieren misslungener Maßnahmen bewegen kann;
  • wissenschaftlicher Sachverstand dazu beitragen kann, verdrängungskulturell bedingte Informationsdefizite zu überwinden.
Quellen
[Are18], [Hen18], [Hil18], [Lib18]

Wikipedia: Liste der Ehrenmale im Kreis Pinneberg – Pinneberg
de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Ehrenmale_im_Kreis_Pinneberg#Pinneberg

Pinneberg
in: [EANDM] Kriegerdenkmäler Schleswig-Holstein P-R Pinneberg
denk-mal-gegen-krieg.de/kriegerdenkmaeler/schleswig-holstein-p-r

Johannes Seifert:
Pinneberg zur Zeit des Nationalsozialismus
VHS-Geschichtswerkstatt Pinneberg (Hg.) S. 154–157
denk-mal-gegen-krieg.de/assets/kriegerdenkmal/SH-Pinneberg/SH-Pinneberg-Einweihung-web.pdf

Genealogische Gesellschaft Hamburg e.V., Wiebke Dannenberg:
Pinneberg, Kreisstadt, Schleswig-Holstein
denkmalprojekt.org/ohne_namen/pinneberg_on_sh.htm

Deichgraf63:
Kriegerdenkmal am Bahnhof Pinneberg verlor das Hakenkreuz und die Saarlandtafel
Forum geschichtsspuren.de (28.10.2014) geschichtsspuren.de/forum/kriegerdenkmal-am-bahnhof-pinneberg-verlor-das-hakenkreuz-und-die-saarlandtafel-t19160.html

Claudia Eisert-Hilbert:
Das Denkmal am Pinneberger Bahnhofsvorplatz
in: [FVSP] (30.05.2017)
spurensuche-kreis-pinneberg.de/spur/das-denkmal-am-pinneberger-bahnhofsvorplatz

René Erdbrügger:
Protest gegen Kriegsdenkmal
Initiative will Monument in kritische Erinnerungsstätte umwandeln

Pinneberger Tagblatt (07.06.2017)
denk-mal-gegen-krieg.de/assets/Texte/Initiativen/pit-Artikel-Kriegerkultmal-Seite-3.jpg

Pinneberg: 30.01.2018: Nein zum Krieg! – Kein Licht für Kriegsverherrlichung!
Antifa Pinneberg (28.01.2018)
antifapinneberg.blogsport.de/2018/01/28/pinneberg-30-01-2018-nein-zum-krieg-kein-licht-fuer-kriegsverherrlichung

René Erdbrügger, Felisa Kowalewski:
Protest gegen Kriegerdenkmal
80 Menschen bei friedlicher Kundgebung am Pinneberger Bahnhof

Pinneberger Tagblatt (30.01.2018)
shz.de/lokales/pinneberger-tageblatt/80-menschen-bei-friedlicher-kundgebung-am-pinneberger-bahnhof-id18954291.html

Kriegerdenkmal in Pinneberg: Diskussion hält an
NDR.de - Nachrichten - Schleswig-Holstein (01.02.2018)
ndr.de/nachrichten/schleswig-holstein/Kriegerdenkmal-in-Pinneberg-Diskussion-haelt-an,pinnebergerdenkmal100.html

Günther Stamer:
Krieg & Frieden: „Kein Licht für Kriegsverherrlichung!“
Gegenwind 354 (März 2018) S. 22–24
denk-mal-gegen-krieg.de/assets/Texte/Initiativen/SH-Pinneberg-2018-03-Gegenwind-Kriegerdenkmaeler.pdf

René Erdbrügger:
Jetzt reden die Experten
Pinneberger Tagblatt (04.05.2018)
shz.de/lokales/pinneberger-tageblatt/jetzt-reden-die-experten-id19753406.html

Wolfgang J. Domeyer:
Das Ehrenmal für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges am Bahnhof
Öffentliche Anhörung der Sachverständigen zur Umgestaltung des Denkmals am Bahnhof, Rathaus Pinneberg (08.05.2018) Vortrag, 17 S.
denk-mal-gegen-krieg.de/assets/Texte/Initiativen/2018-05-08-Sachverstaendigengutachten-Domeyer.pdf

pö:
Nazi-Denkmal in ein Mahnmal verwandeln
Hamburger Abendblatt (11.05.2018)
denk-mal-gegen-krieg.de/assets/Texte/Initiativen/SH-Pinneberg-Anhoerungsbericht-HA.pdf

Karl-Heinz Stolzenberg:
Werk von „Erinnerungs-Akteuren“. Öffentliche Debatte um das Kriegerdenkmal am Pinneberger Bahnhof / Keine Einigung über weiteren Verlauf erzielt
Pinneberger Tagblatt (11.05.2018)
denk-mal-gegen-krieg.de/assets/Texte/Initiativen/SH-Pinneberg-Anhoerungsbericht-pit-S.-7.pdf

Literatur

Quellverweise zu aktuellen Ereignissen finden sich im Abschnitt Chronologie, zu anderen Kriegsdenkmalen im Abschnitt Kriegsdenkmale anderswo.

Hauptquellen

[IOGR] Initiative für Offenes Gedenken in Radolfzell:
Radolfzell zur NS-Zeit – Radolfzell im Nationalsozialismus
radolfzell-ns-geschichte.von-unten.org
Informiert umfassend über Ordnungspolizei und Gestapohaft, SS-Kaserne und KZ-Außenlager, SS-Schießanlage, Zwangsarbeit, Juden, Deportation von Roma und Sinti, NS-Ehrenmal, Mahnmal am Seetorplatz, Mettnau-Stadion, Scheffelhof, Naturfreundehaus Markelfingen, Theaterstück „Die Flüsterstadt“, Film „Leichen im Keller“, Bildergalerie.

Die Seite radolfzell-ns-geschichte.von-unten.org/ns-ehrenmal ist die ergiebigste Informationsquelle zum Radolfzeller NS-Kriegsdenkmal, das im offiziellen Webauftritt der Stadt, der es gehört und die es pflegt, gar nicht vorkommt.

[amw] antiquariat markus wolter, emmendingen-freiburg:
antiquariat markus wolter freiburg – Zeitgeschichte vor Ort
antiquariat-wolter.de/188114.html
Der unscheinbare Titel birgt Beiträge des Historikers Markus Wolter zur Geschichte Radolfzells, insbesondere zur NS-Zeit: Beiträge für Wikipedia 2009-2012; Radolfzell im Mittelalter; Radolfzell im Nationalsozialismus - Die Heinrich-Koeppen-Kaserne als Standort der Waffen-SS.

NS-Quellen

[Gun38] Konrad Gunst:
Das neue Gefallenenehrenmal in Radolfzell a. B.
Badische Kriegerzeitung des NS-Reichskriegerbundes, Nr. 23 (12.06.1938) S. 193
radolfzell-ns-geschichte.von-unten.org/ _media/microsoft_photo_-_ehrenmal-weihe_2.pdf
Bericht über die militaristisch geprägte Einweihungsfeier am 22. Mai 1938 (fälschlich als 22. März d.J. angegeben).
[Ros34] Alfred Rosenberg:
Der Mythus des 20. Jahrhunderts
Eine Wertung der seelisch-geistigen Gestaltenkämpfe unserer Zeit

Hoheneichen-Verlag, München (1934) 33./34. Aufl., 701 S.
archive.org/details/DerMythusDesZwanzigstenJahrhunderts
Germanisch-völkisches, rassistisches, antisemitisches Machwerk des führenden NS-Ideologen und Hauptschuldigen der NS-Kriegsverbrechen Alfred Rosenberg (1893–1946).

Kreis Konstanz

[Bla14] Martina Blaschka:
„Glücklich gewählt ist die Lage und vornehm der Obelisk, der mahnend zum Himmel ragt“ Denkmal für die gefallenen Kriegsteilnehmer am Ersten Weltkrieg in Stockach
Denkmalpflege in Baden-Württemberg, Nachrichtenblatt der Landesdenkmalpflege, 4/2014, S. 242–247
journals.ub.uni-heidelberg.de/index.php/nbdpfbw/article/viewFile/ 17253/11068
Der Beitrag der Kulturwissenschaftlerin und Kunsthistorikerin Blaschka informiert über die Entstehung des Stockacher Kriegerdenkmals 1921–1934, seine Gestaltung und seine vier Reliefs mit dem Drachen tötenden Georg, dem verwundeten Soldaten, den ausmarschierenden Kriegern und dem Handgranaten werfenden Helden, den eine Kugel trifft. Engen und Radolfzell folgen als Beispiele für den Umgang mit „Gefallenendenkmalen“. (S. Gefallenendenkmal.)

Dahingestellt sei, ob als Beitragstitel ein Zitat des NS-Bürgermeisters glücklich gewählt ist, oder ob das Zitat

„Unglücklich das Land, das Helden nötig hat.“
aus Bertolt Brechts Leben des Galilei besser passen würde. Leider bleiben Begriffe wie „unbequeme Denkmale“, in denen sich die „Zeitgeschichte“ und das „politische und gesellschaftliche Denken“ spiegeln, und Empfehlungen wie, über sie zu diskutieren sei „angesichts der Zeitläufte“ unerlässlich, nebulös.

Dass „bei den nach 1933 errichteten Denkmalen das Totengedenken in den Hintergrund“ rückte, „an dessen Stelle [..] politische und programmatische Aussagen wie Opferbereitschaft mit dem Akzent auf Kampfbereitschaft, Mut oder Siegesgewissheit“ traten, und „auf die Tugenden der Soldaten wie Tapferkeit, Kameradschaft, Vaterlandsliebe, Pflichterfüllung bis in den Tod verwiesen“ wurde, trifft die Funktionen der NS-Kriegsmale bei den Kriegsvorbereitungen der Nazis oberflächlich. Ebenso kurz greift die Behauptung, die nach dem Zweiten Weltkrieg aufgestellten Tafeln mit „Namen der in diesem Krieg getöteten Soldaten“ hätten „der Erinnerung an die Toten und der Verarbeitung der Trauer“ gedient und seien „identitätsstiftend“ gewesen. Unklar ist, für wen sie welche „Identität“ stifteten.

Stockach Kriegerdenkmal+Storch 2017-05-21 K. Hug Glücklich gewählt hat das Storchenpaar die Lage seines Nests auf dem Stockacher Kriegerdenkmal aus der Zeit, die nur ein Vogelschiss in der Geschichte war. Oder sollen die Kinderbringer kriegslüsternen Eltern frisches Kanonenfutter besorgen? (Vgl. [Lib14, S. 103].)

[BlH17] Martina Blaschka, Franz Hofmann:
»Den tapfern Kämpfern« – Kriegerdenkmale zum Krieg 1870/71 im Kreis Konstanz
hegau, Zeitschrift für Geschichte, Volkskunde und Naturgeschichte des Gebietes zwischen Rhein, Donau und Bodensee, Themenband »Denkmalpflege – Heimatpflege im Hegau«, Jahrbuch 74/2017, Hegau-Geschichtsverein e.V., Singen/Hohentwiel, S. 87–122 v. 320
Blaschka und der Kunsthistoriker und Historiker Dr. Hofmann stellen die 26 „im Hegau noch vorhandenen und die verlorenen Denkmale“ zum Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 vor, von denen fünf fragmentiert und drei verloren sind. Die Schlusssätze ihrer detailreichen Recherche geben einen Ausblick:
„Diese nationalstolze, kriegsverherrlichende Grundstimmung, die in den Kriegerdenkmalen ihren steingewordenen Ausdruck fand, hat der Kriegsbegeisterung vor dem Ersten Weltkrieg den Weg bereitet. Nach diesem nächsten Krieg gab es auf den Denkmalen keine Adler mit ausgebreiteten Flügeln und keine Siegesgöttinnen mehr – dafür größere Tafeln für die unzähligen Namen gefallener Soldaten.“
Zu ergänzen ist, dass es außerhalb des Kreises Konstanz Adler mit ausgebreiteten Schwingen gab (wie in Sacro, Brandenburg 1922 [Lib14, Abb. 101, S. 139–140]; Berlin 1923 [ebd. Abb. 61, S. 96]; Köln 1926 [ebd. Abb. 107, S. 147]) und Adler, die feindliche Untiere greifen (wie in Mundelsheim; Oberlenningen 1921; Neuffen 1925; Brüssow, Brandenburg 192? [ebd. S. 195]). Die Siegesgöttinnen mutierten zu Totenwache stehenden, dann marschierenden, schießbereiten, Handgranaten werfenden Kriegern. Auf NS-Kriegsdenkmalen wie in Radolfzell gab es Reichsadler mit ausgebreiteten Flügeln (und Hakenkreuz).
[Bra89] Jörg Braun:
Radolfzeller in Polen vorneweg. SS-Truppe aus der Stadt kämpfte in vorderster Front
Südkurier (01.09.1989)
Ich danke Markus Wolter für den Hinweis auf diesen Artikel.
[Bru18] Johannes Bruggaier:
Warum der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels für das Konstanzer Forscherpaar Assmann überfällig war
Südkurier (12.06.2018)
suedkurier.de/ueberregional/kultur/Warum-der-Friedenspreis-des-Deutschen-Buchhandels-fuer-das-Konstanzer-Forscherpaar-Assmann-ueberfaellig-war;art10399,9772780
Ein unbequemes Paar
Südkurier (13.06.2018) Ausgabe Singen, S. 13
Über die Kulturwissenschaftler Aleida und Jan Assmann und ihre Themen Erinnerungskultur bzw. Monotheismus.
[Gei17] J. Geiger:
Die Stadt und die Nazis
SeeMoZ (21.04.2017)
seemoz.de/lokal_regional/die-stadt-und-die-nazis
DIE LINKE im Kreis Konstanz - Sozial. Gerecht. Frieden. Für alle. (21.04.2017)
die-linke-konstanz.de/2017/04/21/die-stadt-und-die-nazis
Über neonazistische Umtriebe 2015–2017.
[Hau13] Sebastian Hausendorf:
»Eine böse Mißwirtschaft«. Radolfzell 1933–1935
UVK Verlagsgesellschaft, Konstanz München (2013) 222 S.
Die detailreiche Studie des Historikers Hausendorf, eine überarbeitete Fassung seiner Masterarbeit von 2011 am Fachbereich Geschichte und Soziologie der Universität Konstanz, behandelt vor allem das Regime des fachlich unfähigen NS-Bürgermeisters Eugen Speer.
[Hau17] Sebastian Hausendorf:
Radolfzell im „Dritten Reich“ 1933–1939
in: [Rad17, S. 246–267]
Hausendorfs Beitrag für die Stadtchronik erfasst auch die Jahre des Speer folgenden NS-Bürgermeisters Josef Jöhle bis zum Angriffskrieg gegen Polen.
[Hug18U] Karlheinz Hug:
Überlegungen zum NS-Kriegerdenkmal in Radolfzell
(14.02.2018) Gewidmet dem Radolfzeller Kulturausschuss und dem Arbeitskreis Erinnerungskultur, 7 S.
karlheinz-hug.de/hegau-bodensee/start/Radolfzell_NS-Kriegerdenkmal_Ueberlegungen_2018-02-14_K_Hug.pdf
Diskutiert 11 Optionen zum Umgang mit dem NS-Kriegsdenkmal.
[Hug18F] Karlheinz Hug:
Fragen zum NS-Kriegerdenkmal in Radolfzell
(27.05.2018) Gerichtet an den Radolfzeller Kulturausschuss und den Arbeitskreis Erinnerungskultur, 10 S.
karlheinz-hug.de/hegau-bodensee/start/Radolfzell_NS-Kriegerdenkmal_Fragen_2018-05-27_K_Hug.pdf
Stellt 37 Fragen zum Webauftritt der Stadt Radolfzell, den „Leitlinien zur Erinnerungskultur“, und der Empfehlung des Kulturausschusses vom 15.05.2018 für den Gemeinderat.
[Hug18V] Karlheinz Hug:
Vorschläge zum NS-Kriegerdenkmal in Radolfzell
(16.06.2018) Gerichtet an den Gemeinderat der Stadt Radolfzell am Bodensee, 12 S.
karlheinz-hug.de/hegau-bodensee/start/Radolfzell_NS-Kriegerdenkmal_Vorschlaege_2018-06-15_K_Hug.pdf
Bestandsaufnahme der Objekte am Luisenplatz +
Diskussion von Argumenten für den Status quo +
begründete Änderungsvorschläge zu den Objekten
[Klö10] Jürgen Klöckler:
Die SS in Radolfzell: Das NSDAP-Mitglied 2 945 573
Südkurier (07.10.2010)
suedkurier.de/archiv/exklusiv/damals/kreis-konstanz/art1359967,4515279
Ein Hort der Nazi-Ideologie
Südkurier (08.10.2010)
suedkurier.de/archiv/region/kreis-konstanz/radolfzell/art1360095,4517233
Der Konstanzer Stadtarchivar Klöckler stellt in zwei Teilen den SS-Obersturmbannführer Heinrich Koeppen vor, den ersten Kommandanten der nach ihm benannten SS-Kaserne, nachdem er beim Überfall auf Polen am 16.09.1939 bei Jaworow den Tod durch Bajonettstich gefunden hatte.
[Kro] René & Peter van der Krogt:
Statues - Hither & Thither. Radolfzell - Kriegerdenkmal
statues.vanderkrogt.net/object.php?webpage=ST&record=debw271
Der Webauftritt bietet Fotos und Kurzbeschreibungen von über 18.000 Skulpturen aus aller Welt.
[LR08-04-21] blogsport UG, Berlin:
Ehemalige SS-Kaserne in Radolfzell und das KZ Außenlager von Dachau
Archiv « LinksRhein (21.04.2008)
linksrhein.blogsport.de/2008/04/21
Bericht über den Vortrag des Radolfzeller Stadtarchivars Achim Fenner am 16.04.2008.
[Rad15] Stadtverwaltung Radolfzell, Abteilung Stadtgeschichte (Hg.), Hildegard Bibby (Text):
» Das ist mir in Erinnerung geblieben.
ZeitzeugInnen in Radolfzell 1930–1950

Schriftenreihe zur Geschichte der Stadt Radolfzell am Bodensee, Band 1, Stadler Verlagsgesellschaft mbH, Konstanz (2015) 144 S.
Ohne Namen, ohne Gesichter berichten 33 durch Interviewnummern anonymisierte Zeitzeugen über Alltag, Politik, Wirtschaft, ergänzt durch Kommentare und Fotos, darunter zwei Seiten zum NS-Kriegsdenkmal.
[Rad17] Stadt Radolfzell am Bodensee, Abteilung Stadtgeschichte, Hildegard Bibby, Katharina Maier (Hg.):
Radolfzell am Bodensee. Die Chronik
Stadler Verlagsgesellschaft mbH, Konstanz (2017) 416 S.
„Überblick zur Radolfzeller Stadtgeschichte von den Anfängen der Besiedlung bis in die Gegenwart“ mit Einzelbeiträgen.
[Rad] Stadt Radolfzell, Radolfzell am Bodensee:
Willkommen in Radolfzell am Bodensee
radolfzell.de
Bis Juli 2018 ignoriert die vierseitige „Chronik der Radolfzeller Stadtgeschichte“ die NS-Zeit, obwohl die Stadt seit 2015 für ihre „Erinnerungskulturarbeit“ den Leitsatz „Mit Verantwortung für Gegenwart und Zukunft gegen das Vergessen“ propagiert.

Seit Juli/August 2018 informieren 18 Zeilen über „Radolfzell 1933 – 1945: Machtergreifung, Garnisonsstadt und Kapitulation“. Die Machtübernahme durch die Nazis erscheint als „Machtergreifung“ und „Gleichschaltung“ durch ungenannte Akteure, die SS-Garnisonsstadt verliert ihr Präfix „SS“, Kriegsvorbereitung und Eroberungskrieg kommen nicht vor, die Befreiung von Faschismus und Krieg wird wie aus Nazisicht zur „Kapitulation und anschließenden Besetzung“, Verantwortung verflüchtigt sich, da es in Radolfzell „war wie überall im Deutschen Reich“, Akteure verschwinden in der Passivform, die NSDAP-Funktionen der Bürgermeister werden verschwiegen, die NSDAP zur „Partei“ verharmlost, an Jöhle war scheinbar „nicht alles schlecht“, denn er sorgte „für einen Aufschwung bei Fremdenverkehr und Wohnungsbau“. Der Satz

„Mit der SS-Kaserne war Radolfzell zwischen 1939 und 1945 in das militärische Garnisonssystem des NS-Staates eingebunden“
übernimmt den Schreibfehler „1939“ statt „1937“ aus [Rad17, S. 10], erwähnt als einziger den Nationalsozialismus per Kürzel „NS“, und verschleiert: Die Nazis bauten die SS-Kaserne ab 1935 und belegten sie ab 1937 mit SS-Einheiten, einer unrechtsstaatlich organisierten Terrorbande, die kein „normales“ militärisches System darstellte, zumal auch die Wehrmacht nach dem Versailler Vertrag illegal war. Das Original des obigen Satzes findet sich in [Wol17, S. 271]:
„In der Konsequenz war die Stadt faktisch eingebunden in das System des SS-Staates, für dessen Planungen und Verbrechen auch vor Ort die organisatorischen Voraussetzungen geschaffen wurden.“
Seit Eugen Kogons Der SS-Staat von 1946 wissen wir, dass der SS-Staat ein Staat im (NS-)Staat war. Der Schritt von „System des SS-Staates“ zu „militärische Garnisonssystem des NS-Staates“ verbiegt Fakten. Die Sprengung der Synagogen und die Vertreibung der Juden durch die Radolfzeller SS wird verschwiegen, der „feindliche Artilleriebeschuss“ erwähnt, obwohl es in Radolfzell keine großen Kriegszerstörungen gab. Der begrüßenswerte Schritt, eine Informationslücke im Webauftritt zu schließen, bleibt mehr der Verdrängungs- und Verharmlosungskultur verhaftet als sich einer kritischen Aufarbeitung brauner Flecken zu nähern.

P.S.: Das Kriegerdenkmal? Wird erwähnt, wie Radolfzell dazu kam? Nein.

[RaMu] Stadt Radolfzell, Radolfzell am Bodensee:
Stadtmuseum Radolfzell in der alten Stadtapotheke
stadtmuseum-radolfzell.de
Der Themeninsel „Migration und Nationalsozialismus“ steht ein Raum zur Verfügung. Unklar ist der Sinn dieser Kombination. Warum nicht „Wirtschaftswunder und Judenjagd“? Warum nicht „Spaghettisoße und SS-Schießstand“? Unklar ist auch, warum das Stadtmuseum als bestgeeigneter Ort für die Aufbereitung der Geschichte des NS-Kriegsdenkmals dieses nur durch zwei NS-Exponate erwähnt. Hoffnungsschimmer: Das Stadtmuseum strebt eine Neukonzeption an, um das „dunkle Kapitel der Geschichte“ neu aufzuarbeiten und zu präsentieren.
[RaUA07] Stadt Radolfzell, Umweltamt:
Baumschutz in Radolfzell
(01.10.2007) Pressemitteilung
radolfzell.de/bausteine.net/f/10207/Baumschutz_in_Radolfzell.PDF?fd=2
Enthält ein Foto der Platane am Luisenplatz.
[Sta17] Christof Stadler:
»NOTizen« zu verschwundenen und bedrohten Baudenkmalen in Radolfzell
hegau, Zeitschrift für Geschichte, Volkskunde und Naturgeschichte des Gebietes zwischen Rhein, Donau und Bodensee, Themenband »Denkmalpflege – Heimatpflege im Hegau«, Jahrbuch 74/2017, Hegau-Geschichtsverein e.V., Singen/Hohentwiel, S. 37–72 v. 320
Der Beitrag des Schulleiters und Historikers Stadler bietet umfangreiches Material dazu, wie Radolfzell Schutz und Veränderungen seiner Bauten handhabt. Das NS-Kriegsdenkmal wird nicht erwähnt, wohl weil es weder verschwunden noch bedroht ist.
[WiRa] Wikipedia: Radolfzell am Bodensee
de.wikipedia.org/wiki/Radolfzell_am_Bodensee
Umfasst 12 Druckseiten, von denen sich eine mit der NS-Zeit befasst.
[Wol11] Markus Wolter:
Radolfzell im Nationalsozialismus – Die Heinrich-Koeppen-Kaserne als Standort der Waffen-SS
Schriften des Vereins für Geschichte des Bodensees und seiner Umgebung, Heft 129, Jan Thorbecke Verlag, Ostfildern (2011) 46 S.
antiquariat-wolter.de/media/8e7e05894c78b53dffff81b5fffffff2.pdf
Der Text des Historikers Wolter behandelt Machtübernahme und „Gleichschaltung“, Standort der Waffen-SS, III./SS „Germania“, Reichsprogrom 1938, SS-Totenkopf-Infanterie-Ersatz-Bataillon I, Waffen-SS-Unterführerschule, Dachauer KZ-Außenkommando.
[Wol17] Markus Wolter:
Die SS-Garnison Radolfzell 1937–1945.
„Täter, Opfer, Zuschauer“ – Raul Hilberg

in: [Rad17, S. 268–303]
Wolters Beitrag für die Stadtchronik ist trotz inhaltlicher Überschneidungen mit [Wol11] komplett eigenständig. Er beginnt 1937 mit dem Einzug der SS-Verfügungstruppe in Radolfzell und behandelt auch die „kampflose Übergabe“ der Stadt am 25.04.1945 und die „Stunde Null“.
Suzanne Glocker:
Aus Nummern werden Menschen
Südkurier (05.04.2011)
suedkurier.de/archiv/region/kreis-konstanz/radolfzell/art1360095,4814522
Bericht über einen Vortrag des Historikers Markus Wolter zum KZ-Außenkommando und den Versöhnungsweg des Arbeitskreises Christlicher Kirchen.
hpk:
„Alle Straßennamen sollten überprüft werden“
SeeMoZ (24.04.2013)
seemoz.de/lokal_regional/alle-strasennamen-sollten-uberpruft-werden
Interview mit der Historikerin Heike Kempe zur abgelehnten Umbenennung der nach dem Massenmörder und Kriegsverbrecher Lettow-Vorbeck benannten Straße in Radolfzell.
Onlineprojekt Gefallenendenkmäler, Greenwich, Connecticut, USA; Thilo C. Agthe; W. Leskovar:
Radolfzell am Bodensee, Landkreis Konstanz, Baden-Württemberg
(07.01.2007)
denkmalprojekt.org/2012/
radolfzell-am-bodensee_lk-konstanz_kombattanten_bawue.html

radolfzell-am-bodensee_lk-konstanz_wk1_bawue.html
radolfzell-am-bodensee_lk-konstanz_wk2_a-k_bawue.html
radolfzell-am-bodensee_lk-konstanz_wk2_l-z_bawue.html
Enthält die Namenslisten der Tafelwand, ohne zwischen Wehrmacht und SS zu differenzieren.
Natalie Reiser:
Stolpersteine für Euthanasie-Opfer
Südkurier (10.09.2015)
suedkurier.de/archiv/region/kreis-konstanz/radolfzell/art1360095,8139348
Die Historiker Markus Wolter und Thomas Stöckle berichten über die „Euthanasie“-Morde in der Vernichtungsstätte Grafeneck bei Reutlingen und den Bezug zu Radolfzell.
Claudia Rindt:
Neues Wissen für das Erinnern
Südkurier (09.04.2011)
suedkurier.de/archiv/region/kreis-konstanz/konstanz/art1360087,4822959
Bericht über eine Wanderausstellung des Deutschen Historischen Instituts in Warschau, die Verbrechen der Wehrmacht und Radolfzeller SS-Truppen im September/Oktober 1939 in Polen thematisiert.
Die SS und ihre Kaserne in Radolfzell
Südkurier (03.11.2010)
suedkurier.de/archiv/region/kreis-konstanz/radolfzell/art1360095,4559619
Kurzbeitrag zur Geschichte der SS-Kaserne vom Plan zum RIZ.
Verein für jüdische Geschichte Gailingen e.V., Gailingen:
Jüdisches Museum Gailingen
jm-gailingen.de

Baden-Württemberg

[Cre17] Folkhard Cremer:
Versuche einer Sinngebung des Sinnlosen
Gefallenendenkmäler der Zwischenkriegszeit

Denkmalpflege in Baden-Württemberg, Nachrichtenblatt der Landesdenkmalpflege, 4/2017, S. 288–293
journals.ub.uni-heidelberg.de/index.php/nbdpfbw/article/viewFile/42798/36476
Der Denkmalpfleger Dr. Cremer schlägt vor, „kriegsverherrlichende Gefallenendenkmäler“ „als Mahnmale gegen den Krieg und völkisch-rassistisches Denken zu lesen lernen“. Bringt zehn Beispiele mit Fotos. Unklar ist, ob man auch lernen soll, Nazis als Friedensengel wahrzunehmen.
[Kai12] Helga u. Hans Kaiser:
Die lange Geschichte eines Heldengedenkens – das Kriegerdenkmal im Furtwanger Stadtgarten für Gefallene und Vermisste des I. Weltkriegs 1914-1918
FORUM Schulstiftung, Zeitschrift für die Katholischen Freien Schulen der Erzdiözese Freiburg, 57 (12/2012) S. 78–99
schulstiftung-freiburg.de/eip/media/forum/pdf_517.pdf
i-magazine AG, Diepoldsau:
Die lange Geschichte eines Heldengedenkens – das Kriegerdenkmal im ...
yumpu.com/de/document/view/15022179/die-lange-geschichte-eines-heldengedenkens-das-kriegerdenkmal-im-
Die Eheleute Hans (Industriekaufmann, Kriegsteilnehmer 1942–1946) und Helga Kaiser (Kauffrau, Kriegseinsatz im Reichsarbeitsdienst), beide ehemalige Stadträte in Furtwangen, erarbeiteten die Geschichte des Furtwanger NS-Kriegerdenkmals, indem sie u.a. Stadtarchivalien, Stadtratssitzungsprotokolle, Presseberichte auswerteten und Zeitzeugen befragten. Mit vier historischen Fotos des Furtwanger Kriegsmals und 15 Fotos anderer Werke Hugo Knittels.
[Pie15] Werner Pieper:
Mensch, Denk Mal. Zur Geschichte der Kriegerdenkmale und deren Alternativen – auch am Beispiel der Kleinstadt Weinheim
Grüne Kraft, Birkenau-Löhrbach (2015) 2. ergänzte Aufl., 112 S.
[Pro17] Wolfgang Proske (Hg.):
Täter Helfer Trittbrettfahrer. NS-Belastete aus dem Bodenseeraum. Band 5
Kugelberg Verlag, Gerstetten (20172) 334 S.
Dr. Wolfgang Proske: Täter, Helfer, Trittbrettfahrer ns-belastete.de

Anderes

[Alt88] Hans Joachim Althaus u.a. (Hg.):
Der Krieg in den Köpfen. Beiträge zum Tübinger Friedenskongreß „Krieg – Kultur – Wissenschaft“
Tübingen (1988) [nv]
[Are18] Rudi Arendt:
30. Januar Pinneberg: Kein Licht für Kriegsverherrlichung
in: [FVSP] (10.02.2018)
spurensuche-kreis-pinneberg.de/post/
30-januar-pinneberg-kein-licht-fuer-kriegsverherrlichung
[Beh89] Sabine Behrenbeck:
Heldenkult oder Friedensmahnung?
Kriegerdenkmale nach beiden Weltkriegen

Informationsdienst Wissenschaft & Frieden, Nr. 4 (Dezember 1989) S. 35–39
wissenschaft-und-frieden.de/seite.php?artikelID=0835
Die Historikerin Sabine Behrenbeck schrieb diese Fassung eines Vortrags, während sie über den „Kult um die toten Helden im Nationalsozialismus“ promovierte.
[Beh96] Sabine Behrenbeck:
Der Kult um die toten Helden
Nationalsozialistische Mythen, Riten und Symbole 1923 bis 1945

SH-Verlag GmbH, Vierow bei Greifswald (1996), (20112) 688 S.
Behrenbeck gelingt in ihrer inhaltsreichen interdisziplinären Dissertation eine fundierte Analyse des NS-Heldenkults, die zwar NS-Kriegerdenkmale nur streift, aber Grundlagen für deren Verständnis liefert. Die Arbeit gliedert sich in vier Kapitel, wobei das erste die Begriffe Mythos, Ritus, Symbol, Held, Opfer und Inhalte des Heldenkults erklärt. Die folgenden Kapitel gliedern die historische Untersuchung in die „Kampfzeit“ 1923–1933, die Zeit nach dem „Sieg“ 1933–1939, und die Kriegszeit 1939–1945. Kapitel 2 erforscht, wie Hitler und Goebbels Heldenmythen formten sowie Bezüge zu religiösen Bewegungen und Gefallenenkulten und zur Politik. Kapitel 3 widmet sich dem Heldenkult in Film, Thingspiel, Theater und Feierritual sowie Kultbauten und -symbolen. Kapitel 4 zeigt, wie die Heldenmythen im Krieg ihre Glaubwürdigkeit verlieren, dennoch danach als Trümmer weiter existieren. Empfehlenswertes Werk!
[BW13] Bundeswehr:
Panzer mit Strickjacke - YouTube
Video 3:41 (18.02.2013)
youtube.com/watch?v=gMqVzZRL9n8
[Can88] Hildegard Cancik-Lindemaier:
Opfer. Religionswissenschaftliche Bemerkungen zur Nutzbarkeit eines religiösen Ausdrucks
in: [Alt88, S. 109–120] [nv]
[DISS12] Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung:
Kriegsdenkmäler als Lernorte friedenspädagogischer Arbeit
diss-duisburg.de, Duisburg (November 2012) 58 S.
diss-duisburg.de/2012/12/kriegsdenkmaeler-als-lernort
PDF-Version (11 MB):
diss-duisburg.de/Internetbibliothek/Buecher/
diss--kriegsdenkmaeler-friedenspaedagogik--2012.pdf

beim Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V.:
100-jahre-erster-weltkrieg.eu/fileadmin/redaktion/Micro_Weltkrieg/ Projekte/diss--kriegsdenkmaeler-friedenspaedagogik--2012.pdf
Informative Publikation, von der Landeszentrale für politische Bildung NRW gefördert, bietet 40 Seiten historischen Überblick und sechs Seiten Bibliografie.
[Dom73] Max Domarus (Hg.):
Hitler. Reden und Proklamationen 1932–1945.
Kommentiert von einem deutschen Zeitgenossen

4 Bände, Pamminger & Partner Verlagsgesellschaft mbH, Leonberg (1973) 2405 S.
archive.org/details/HitlerRedenUndProklamationen19321945
Verbreitete Quelle; kritisch dazu: worldfuturefund.org/ wffmaster/Reading/Germany/quellen.zu.hitler.htm.
[EANDM] Evangelische Akademie der Nordkirche, Dr. Stephan Linck, Hamburg:
Denk Mal!
denk-mal-gegen-krieg.de
Der Webauftritt des 2014 durch die Kunstaktion „Weiße Wäsche“ am Hamburger 76er-Kriegerdenkmal initiierten Projekts DENK MAL! des Arbeitsbereichs Erinnerungskultur der Evangelischen Akademie der Nordkirche bietet umfangreiche Informationen, Dokumente, Fotos zu Hintergründen von, Ritualen an, Auseinandersetzungen mit und Initiativen zu Kriegsdenkmalen, zur Beziehung zwischen Kirchen und Kriegen, sowie Porträts von zahlreichen Kriegsdenkmalen in Schleswig-Holstein, Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern. Nicht nur für evangelische Nordländer empfehlenswert!
[EKBP14] Evangelische Kirche der Pfalz (Protestantische Landeskirche), Evangelische Landeskirche in Baden (Hg.):
Gedenkt der Toten und lebt für den Frieden!
Ein Lese- und Arbeitsheft zu Kriegerdenkmälern in Baden und in der Pfalz

Karlsruhe Speyer (2014) 48 S.
bei der Bundesvereinigung Opfer der NS-Militärjustiz e.V.:
upgr.bv-opfer-ns-militaerjustiz.de/uploads/Dateien/Links/
Arbhilfe-Kriegerdenkmaeler2014.pdf

bei der Evangelischen Jugend Baden:
ejuba.de/userdata/msData/ejubaseite/data/EjubaMaterials/ materials/download/Kriegerdenlkm__ler_Baden_Pfalz.pdf
Das ansprechend gestaltete Heft führt in die Geschichte der deutschen Kriegerdenkmale ein, reflektiert die Denkmalkultur der Kirchen, stellt umstrittene Denkmale dar, und liefert Anregungen zu Friedensandachten und zur kirchlichen Bildungsarbeit.
[FVSP] Förderverein Gegen das Vergessen – Spurensuche im Kreis Pinneberg und Umgebung 1933-1945 e.V., Rudolf Arendt, Elmshorn:
Spurensuche Kreis Pinneberg und Umgebung | Damals zwischen 1933 und 1945, für heute und morgen
spurensuche-kreis-pinneberg.de
[Gol04] Daniel Goldhagen:
Die katholische Kirche und der Holocaust. Eine Untersuchung über Schuld und Sühne
Goldmann, München (2004) erweit. Taschenbuchausg., 511 S.
[HeE13] Manfred Hettling, Jörg Echternkamp (Hg.):
Gefallenengedenken im globalen Vergleich. Nationale Tradition, politische Legitimation und Individualisierung der Erinnerung
Oldenbourg Wissenschaftsverlag GmbH, München (2013) 540 S., darin:
Manfred Hettling: Einleitung. Nationale Weichenstellungen und Individualisierung der Erinnerung, S. 11–42
Manfred Hettling, Jörg Echternkamp: Deutschland. Heroisierung und Opferstilisierung. Grundelemente des Gefallenengedenkens von 1813 bis heute, S. 123–158
Hettling, Professor für Neuere und Neueste Geschichte, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, und Echternkamp, Wissenschaftlicher Oberrat am Militärgeschichtlichen Forschungsamt, Potsdam, arbeiten militärkonform auf der Basis „Krieg und Gewalt sind globale Phänomene“ (S. 9), ohne verfassungs- und völkerrechtliche Aspekte zu berücksichtigen. Sie bemerken, dass „die Abwendung von der Legitimation des Krieges seit Kriegsende“ in Deutschland „zu einer moralisch aufgeladenen Ablehnung kriegerischer Interventionen an sich führte“, die „durch das Fehlen jeglicher kriegerischer Erfahrungen“ befördert wurde (S. 156).

Ihr Beitrag streift die NS-Zeit auf zwei Seiten, wo sie die Erkenntnis erreichen, dass im Nationalsozialismus „die Bereitschaft zum Opfer für das Vaterland [...] als rassische Qualität und völkische Aufgabe inszeniert“ wurde (S. 139–140). Den Zusammenhang zwischen der materiellen Kriegsvorbereitung der Nazis und der ideologischen Flankierung durch monumentale Kriegsdenkmale und militaristische Heldengedenkfeiern blenden sie aus. Die Rolle des Hamburger Dammtordenkmals von 1936 reduzieren sie auf ein Gegendenkmal zum Barlachdenkmal vor dem Rathaus (S. 137–138).

Ob die anderen Beiträge des Sammelbands ähnlich beschränkte Sichtweisen vertreten, muss hier offen bleiben. Sie behandeln „Gefallenengedenken“ in Australien, Chile, China, Finnland, Frankreich, Großbritannien, Irak, Israel, Italien, Japan, Kanada, Niederlande, Polen, Schweiz, Sowjetunion/Rußland, Spanien, Türkei, USA, Vietnam.

[Hen18] Ulrich Hentschel:
Pinneberg: Anhörung zum »Kriegerehrenmal« am 8.5.18 im Rathaus
Öffentliche Anhörung der Sachverständigen zur Umgestaltung des Denkmals am Bahnhof, Rathaus Pinneberg (08.05.2018) überarbeit. Fassung des Beitrags, 8 S.
denk-mal-gegen-krieg.de/assets/Texte/Initiativen/2018-05-08-Sachverstaendigengutachten-Hentschel.pdf
Pastor i.R. Hentschel, bis 2015 Studienleiter für Erinnerungskultur an der Evangelischen Akademie der Nordkirche, behandelt die Fragen, was das Pinneberger NS-Kriegsdenkmal nicht zeigt, ob es ein Ort der Trauer ist, wie es wirkt und was es bewirkt. Beispielhaft zeigt er an Kriegerdenkmalen in Hamburg-Altona und Bramfeld, wie Debatten um deren Umgestaltung verliefen.
[Hil18] Jochen Hilbert:
Pinneberg: Ein monströses Kriegerdenkmal als Zeichen für „Gottes Gerechtigkeit“?
Newsletter Gedenkstätten und Erinnerungsorte in Schleswig-Holstein, Nr. 13 (Juli 2018) Bürgerstiftung Schleswig-Holsteinische Gedenkstätten (Hg.), S. 25–27 v. 41
gedenkstaetten-sh.de/tl_files/gedenkstaetten/Nr._13_Juli_2018.pdf
[KHF84] Kunst – Hochschule – Faschismus
Dokumentation der Vorlesungsreihe an der Hochschule der Bildenden Künste im 50. Jahr der Machtübertragung an die Nationalsozialisten, Berlin (1984) [nv]
[Kli06] Kerstin Klingel:
Eichenkranz und Dornenkrone. Kriegerdenkmäler in Hamburg
Landeszentrale für politische Bildung, Hamburg (2006) 331 S.
hamburg.de/contentblob/4341526/086d9590a8d3ca2b2df005 cce4dfc71d/data/eichenkranz-dornenkrone.pdf (11 MB)
In Hamburg stehen über 150 Kriegsdenkmale aus fast 200 Jahren. Klingel analysiert ihre Aufstellungsorte, Formen (Materialien, Symbole, Gestaltung) und Inschriften, stellt Gegendenkmale dar, untersucht die Entwicklung des Volkstrauertags, und listet alle Denkmale mit Fotos, Beschreibungen und Entstehungsgeschichte. Ein kompetent geschriebenes Buch.
[Lib14] Loretana de Libero:
Rache und Triumph. Krieg, Gefühle und Gedenken in der Moderne
Beiträge zur Militärgeschichte, Band 73, De Gruyter Oldenbourg Wissenschaftsverlag GmbH, München (2014) 457 S., 192 Abb.
Prof. Dr. Loretana de Libero, Historikerin an der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg-Blankenese und der Universität Potsdam, untersucht „die Visualisierung des Feindes in der Gedenklandschaft Deutschlands und seiner Gegner nach dem Ersten Weltkrieg“ in einem „grenzüberschreitenden Vergleich“ „ausgewählter Erinnerungszeichen“, wobei sie frühere und spätere Zeiten (NS-Diktatur, Kalter Krieg) streift. Sie verfolgt die Spuren, die der Vers „exoriare aliquis nostris ex ossibus altor!“ („Möge aus unseren Knochen ein Rächer erstehen!“) aus dem römischen Nationalepos Aeneis von Vergil (70 v.u.Z.–19 v.u.Z.) und der neulateinische Spruch „invictis victi victuri!“ („Den Unbesiegten die Besiegten, die siegen werden!“) des evangelischen Theologen und DNVP-Mitglieds Reinhold Seeberg (1859–1935) auf zahlreichen „Rachemalen“ hinterließen und schildert die Entwicklung der Droh- und Siegessymbole. Die mit profunden Kenntnissen geschriebene, herausragend detailreiche Studie schließt mit dem Wunsch,
„dass im 21. Jahrhundert alte Rachemale nicht mehr gepflegt oder instand gesetzt, dass vor allem NS-Zeichen in ihrem gefährlichen Gehalt erkannt werden und nicht mehr als malerischer Hintergrund für stolz posierende Schützenvereine dienen, sondern dass an Männer und Frauen egal welcher Nationalität wegen ihrer Menschlichkeit erinnert werde, ohne dass Hass und Schmerz, Rache- und Triumphgefühle vergangener oder gegenwärtiger Zeiten eine Rolle spielen“ (S. 253).
[Lib18] Loretana de Libero:
„Das Pinneberger Kriegerehrenmal“
Öffentliche Anhörung der Sachverständigen zur Umgestaltung des Denkmals am Bahnhof, Rathaus Pinneberg (08.05.2018) kurze Zusammenfassung des freien Vortrags, 7 S.
denk-mal-gegen-krieg.de/assets/Texte/Initiativen/2018-05-08-Sachverstaendigengutachten-De-Libero.pdf
dazu: Das Pinneberger „Kriegerehrenmal“. Eine historische Einordnung
Powerpoint-Präsentation, 25 S.
denk-mal-gegen-krieg.de/assets/Texte/Initiativen/2018-05-08-Sachverstaendigengutachten-de-Libero-PPP.pdf
Loretana de Libero erkennt am Pinneburger NS-Kriegsdenkmal vier Funktionen: „Instrumentalisierung der Gefallenen“ als Vorläufer der NS-Bewegung, „Politisierung der Gefallenen“ für den Bruch des Versailler Vertrags, „Heroisierung der Gefallenen“ zu Siegern, „Viktimisierung über das Gefallenengedenken des Ersten Weltkrieges“ durch Ergänzung zu einem „Kriegsfolgendenkmal“, das die Kriegsgefangenen und Vermissten ruft.
[Loi87] Martin Loiperdinger:
Rituale der Mobilmachung
Der Parteitagsfilm „Triumph des Willens“ von Leni Riefenstahl

Forschungstexte Wirtschafts- und Sozialwissenschaften Bd. 2, Opladen (1987) [nv]
Meinhold Lurz:
Kriegerdenkmäler in Deutschland
6 Bände, Esprint Druckerei und Verlag, Heidelberg (1985–1987) [nv]
[Lur86] Meinhold Lurz:
Kriegerdenkmäler in Deutschland
Band 5: Drittes Reich

Esprint Druckerei und Verlag, Heidelberg (1986) 461 S.
[Mün84] Olav Münzberg:
Wandmalerei im Nationalsozialismus. Zur Ästhetik des NS
in: [KHF84, S. 145–163] [nv]
[Pau90] Gerhard Paul:
Aufstand der Bilder. Die NS-Propaganda vor 1933
Bonn (1990) [nv]
[pc14] pax christi – Internationale Katholische Friedensbewegung, Regionalverband Osnabrück/Hamburg (Hg.):
Richte unsere Füße auf den Weg des Friedens. Lukas 1,79
Arbeitshilfe für ein Gedenken an den Beginn des Ersten Weltkrieges vor 100 Jahren

Osnabrück (Juni 2014) 20 S.
os-hh.paxchristi.de/file/download/AMI ... Qdg/ Arbeitshilfe%20Gedenken%20des%201.%20Weltkrieges.pdf
denk-mal-gegen-krieg.de/assets/Texte/Initiativen/Arbeitshilfe-Gedenken-des-1.-Weltkrieges.pdf
Aus dem Inhalt: „Katholische Kirche im Ersten Weltkrieg: Zwischen Nationalismus und Friedenswillen, Kriegsbegeisterung und Opferbereitschaft, Friedensbund Deutscher Katholiken, Vom Gerechten Krieg zum Gerechten Frieden, Kriegerdenkmäler – unbequem und lehrreich zugleich, Christliche Symbole, Militaristische Symbole, Nationalistische Symbole, Umgestaltung einer unbequemen Gedächtniskapelle, Der Schwebende – Güstrower Ehrenmal von Ernst Barlach, Gedenkveranstaltungen im öffentlichen Raum“
[Pli14] Uwe-Karsten Plisch:
100 Jahre danach – Gefahr gebannt?
Fortwirkungen von Kriegslegitimation in die Gegenwart

Vortrag auf der Tagung der Evangelischen Akademie der Nordkirche, Hamburg (14.06.2014) 14 S.
denk-mal-gegen-krieg.de/assets/Texte/4-Theologie/100-Jahre-danach-UK-Plisch-2014.pdf
Dr. Plisch, Referent für Theologie, Hochschul- und Genderpolitk bei der ESG-Geschäftsstelle Hannover, formuliert „deutliche Kritik an den politischen und vor allem den kirchlichen Legitimationen des Bundeswehr-Einsatzes in Afghanistan und der deutschen Militärstrategie“ (denk-mal-gegen-krieg.de/kirche-krieg) und diskutiert die Problematik des „Ehren“mals der Bundeswehr.
[Sch34] Albert Schreiner, Dorothy Woodman (Hg.):
Hitler treibt zum Krieg. Dokumentarische Enthüllungen über Hitlers Geheimrüstungen
Editions du Carrefour, Paris (1934) Reprint Köln Frankfurt/M (1979) 504 S.
Der Historiker Albert Schreiner (1892–1979), 1933 als Militärpolitiker der KPD nach Frankreich emigriert, stellte dieses Buch 1934 aus Berichten von Antifaschisten in Nazi-Deutschland und aus nazistischen Veröffentlichungen zusammen.
[Sch39] Albert Schreiner:
Vom totalen Krieg zur totalen Niederlage Hitlers. Eine kritische Auseinandersetzung mit der Wehrmachtsideologie des Dritten Reiches
Éditions Prométhée, Paris (1939) Reprint Köln Frankfurt/M (1981) 266 S.
In diesem fünf Monate vor dem Überfall der Nazis auf Polen erschienenen Buch analysiert Schreiner die deutsche Wehrliteratur und folgert, dass der von den Nazis vorbereitete Krieg aufgrund militärischer, wirtschaftlicher, politischer und psychologischer Bedingungen zur Niederlage Nazi-Deutschlands führen wird.
[Sch99] Alf Schönfeldt:
Über den „Sinn“ von Kriegerdenkmälern
Gegenwind 129 (Juni 1999) S. 63–67
denk-mal-gegen-krieg.de/assets/Texte/1-Hintergruende//Prof-Schoenfeldt-web.pdf
Referat des Sprachwissenschaftlers Prof. Dr. Schönfeldt vom Germanistischen Seminar der Universität Kiel auf einer Veranstaltung am 29. Januar 1999, in dem er die Begriffe „Held“, „Gefallene“, „Ehre“, „Opfer“ analysiert.
[WiKD] Wikipedia: Kriegerdenkmal
de.wikipedia.org/wiki/Kriegerdenkmal
[Wol89] Jörg Wollenberg (Hg.):
Niemand war dabei und keiner hat’s gewußt.
Die deutsche Öffentlichkeit und die Judenverfolgung 1933–1945

München Zürich (1989) [nv]
Evangelische Akademie der Nordkirche, Ulrich Hentschel:
»Gott mit uns – Kirchliche & religiöse Propaganda für Krieg und Vaterland«
Flandernbunker Kiel (30.01.–30.06.2015) Ausstellung, Exponate, 24 S.
denk-mal-gegen-krieg.de/assets/Texte/3-Geschichte/Ausstellung-Gott-mit-uns-Ev-Akademie-der-Nordkirche.pdf
Zeigt anhand einer Sammlung von Bildpostkarten von den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs „religiöse und kirchliche Propaganda für die Kriegsziele und die Kriegsführung des deutschen Kaiserreichs“.
Christian Lopau:
Vom Heldendenkmal zum Mahnmal
Vortrag im Ratssaal des Ratzeburger Rathauses (28.02.2017) 25 S.
nordkirche-nach45.de/ fileadmin/user_upload/baukaesten/Baukasten_Neue_Anfaenge/ NA_2017_Ratzeburg_Lopau_Heldendenkmal-Mahnmal_28-02-2017.pdf
Im Vortrag des Stadtarchivars Lopau zur Ausstellung „Neue Anfänge nach 1945? – Wie die Landeskirchen Nordelbiens mit ihrer NS-Vergangenheit umgingen“ bricht die elfseitige „Geschichte der Kriegerdenkmäler“ mit der Weimarer Republik ab und fährt nach dem Zweiten Weltkrieg fort. Ausgespart sind Kriegsdenkmale in der NS-Zeit als Mittel der Kriegsvorbereitung. So bleibt der Vortrag der Verdrängungskultur verhaftet, zu deren Aufarbeitung die Ausstellung beitragen soll. Fünf Seiten schildern Beispiele zur Ergänzung, Umgestaltung und Neuerrichtung von Kriegerdenkmalen.
Kirsten Westhuis:
Der schwierige Umgang mit Soldatendenkmälern
Sendung im Deutschlandradio Kultur „Kirche contra Kriegsverklärung“ (2012) 4 S.
denk-mal-gegen-krieg.de/assets/Texte/Veraenderung/DRadio-Kultur-Kirche-contra-Kriegsverklaerung.pdf
Interviews mit Pastor Ulrich Hentschel zum Krieger- und Gegendenkmal bei der St. Johanniskirche in Hamburg-Altona und mit Ulrike Dorfmüller vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge über dessen Jugendarbeit.

Hegau

Bodensee


Meta: Seit dem 1. September 2018, dem 79. Jahrestag des Überfalls auf Polen, an dem sich Radolfzeller SS-Truppen beteiligten, und zu dessen ideologischer Vorbereitung das Radolfzeller NS-Kriegsdenkmal beitrug, erscheint diese Webseite in gelegentlich aktualisierten und erweiterten Versionen. Die Informationen habe ich nach bestem Wissen und Gewissen zusammengestellt. Mein Dank gilt Zitat- und Ratgebern. Besonders herzlich danke ich Markus Wolter für seine aufschlussreichen Arbeiten, Hinweise und Anregungen. Nina Breimaier, Achim Fenner, Norbert Lumbe, Christof Stadler sei für ihr andauerndes Engagement in der Auseinandersetzung mit der NS-Zeit und dem NS-Kriegsdenkmal stellvertretend für viele andere gedankt. Dankeschön auch an Ursula und Willmut Glanert und wikimedia für die Fotos. Hinweise auf Fehler nehme ich gerne an.

K. Hug

Änderungen:

04.09.2018: Pinneberg bearbeitet und erweitert.

08.09.2018: Engen Fotos ergänzt. „Chronologie“ 1956–1958 Umgestaltung erweitert.

12.09.2018: „Chronologie“ und Fotos ergänzt.

18.09.2018: In „Chronologie“ zwei Zitate entfernt [zz].

22.09.2018: Volkstrauerfeierort, Privattrauerplatz erweitert. Murg Fotos ergänzt.

23.09.2018: Funktionen hinzugefügt.

25.09.2018: Vorschlag Sachverständige anhören hinzugefügt.

01.10.2018: Aufstellungsort und Symbole hinzugefügt.

09.10.2018: Furtwangen hinzugefügt.

28.10.2018: Entstehungszeit, Mahnmal?, Denkmal? hinzugefügt, Murg Fotos ergänzt.

12.11.2018: „Chronologie“ 20.09.2018, 06.11.2018 ergänzt.

19.11.2018: „Chronologie“ Volkstrauertag 18.11.2018 ergänzt.

26.11.2018: Zitate aus [Beh96] hinzugefügt.