NS-Kriegsdenkmal in Radolfzell und anderswo

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Das Touristenstädtchen Radolfzell am Bodensee gönnt sich, an seinem Luisenplatz ein NS-Kriegerdenkmal zu hegen, zu pflegen, zu striegeln und zu schniegeln, das seit Jahrzehnten zu Auseinandersetzungen und Medienberichten führt. Neonazis nutzen den Platz für Aufmärsche, die an die NS-Ideologie anknüpfen [Gei17]. Die Stadt begeht dort Jahr für Jahr den Volkstrauertag. Antifaschisten mahnen dort vor Faschismus, Rassismus, Militarismus und Krieg, sofern das Ordnungsamt ihre Kundgebung nicht behindert oder verbietet.

Radolfzell NS-Kriegsdenkmal 2018-04-21 K. Hug Marschieren für den Krieg – seit 81 Jahren auf der Stelle

Diese Webseite versammelt Informationen um das NS-Kriegsdenkmal und Vorschläge zum Umgang mit ihm und anderen NS-Kriegsmalen. Da die Abschnitte das Denkmal unter verschiedenen Blickwinkeln betrachten, werden gewisse Wiederholungen toleriert. Quellen sind im Abschnitt Literatur angegeben; Quellverweise zu aktuellen Ereignissen stehen direkt im Abschnitt Chronologie; zu anderen Kriegsmalen im Abschnitt Kriegsdenkmale anderswo; Kurzbelege wie [Abc12] verweisen auf Titel unter Literatur und ggf. per Hyperlink auf die Quelle im Web. Hauptquellen sind die von dem Historiker Markus Wolter gepflegten Webauftritte [IOGR] und [amw], insbesondere radolfzell-ns-geschichte.von-unten.org/ns-ehrenmal. Statt jede daraus übernommene Aussage einzeln zu belegen sei dem Leser empfohlen, die detaillierten Informationen in den Hauptquellen zu studieren. Ergänzungen erreicht man über den Menüpunkt Änderungen.

Zur geplanten Berosung des NS-Kriegerdenkmals siehe die begleitende Seite Kommentare zur Rosenbepflanzung des Radolfzeller NS-Kriegsmals.

Radolfzells NS/SS-Erbe

Dieses NS-Kriegsdenkmal steht nicht zufällig, nicht isoliert in Radolfzell, sondern hängt geplant mit Ereignissen und Relikten der NS-Zeit zusammen, mit denen die Stadt in das Naziregime verstrickt war: Sie war Sitz einer SA-Standarte, einer von wechselnden Waffen-SS-Verbänden genutzten Kaserne, einer SS-Unterführerschule, eines Außenkommandos des Konzentrationslagers Dachau, und einer SS-Schießanlage. Zu Radolfzells NS-Geschichte informiert der offizielle Webauftritt der Stadt erst seit Juli/August 2018 mit einigen Zeilen: ein zaghafter Schritt gegen die bisher dominierende schamvolle Verdrängung, siehe [Rad].

SS-Relikte

Die SS-Kaserne wurde nach Betreiben des Radolfzeller NS-Bürgermeisters Eugen Speer ab 1935 mit Einsatz von 800 Arbeitslosen gebaut und 1937 vom bejubelt empfangenen 3. Bataillon der SS „Germania“ bezogen [IOGR, SS-Kaserne]. „Die SS-Verfügungstruppe aus Radolfzell sprengte [in] der Reichspogromnacht am 9./10. November 1938 die Synagogen von Konstanz, Gailingen, Wangen und Randegg“ [WiRa]. Der Radolfzeller SS-Totenkopfverband beteiligte sich im Oktober 1940 daran, „alle 234 Jüdinnen und Juden aus der Umgebung von Radolfzell und der Höri in das südfranzösische Internierungslager Gurs“ zu deportieren [WiRa] [LR08-04-21]. Radolfzeller SS-Truppen beteiligten sich „am 'Anschluß' von Österreich, der Besetzung der Sudetendeutschen Gebiete, der Zerschlagung der Tschechoslowakei und dem Überfall auf Polen“ und begingen zahlreiche Verbrechen [IOGR].

Die SS-Unterführerschule in der SS-Kaserne führte zur Einrichtung des Außenkommandos des KZ Dachau und der SS-Schießanlage. Von 1941 bis 1942 zwang die SS 120 KZ-Häftlinge aus Dachau zur Fertigstellung einer Großkaliber-Schießanlage nordöstlich von Radolfzell; Waffen-SS-Einheiten der Unterführerschule nutzten sie dann für das Erlernen ihres Mordhandwerks [IOGR, SS-Schießanlage].

Radolfzell SS-Kaserne RIZ 2018-05-23 K. Hug Im Stabsgebäude der ehemaligen SS-Kaserne hinter denkmalschützend zuwuchernden Wachhäuschen residiert heute das RIZ, das der fremdenfeindlichen AfD Räume öffnet.

In der ehemaligen SS-Kaserne wurde 2003 das „Radolfzeller Innovations- und Technologiezentrum“ eröffnet. Erhaltene Bauten wurden 1995/97 unter Denkmalschutz gestellt, ab 2001 unterstützt durch die Stadt und ihre Denkmalschutzbehörde für das „Gewerbegebiet Nord“ umgebaut und saniert. Die Reithalle und die Pferdeställe, in denen 1941–1945 KZ-Häftlinge eingepfercht waren, verschwanden spurlos, lang bevor sie im Postkartenalbum des Touristenstädtchens hätten stören können. Vieles mehr, was die neue heilbringende Innovations-Tech-Welt hemmte, verschwand vom SS-Kasernen-Areal. In ihren „Leitlinien zur Erinnerungskultur“ gelobt die Stadt Radolfzell, „Spuren verschiedener Zeitschichten im Stadtbild zu erhalten“, nachdem sie im SS-Kasernen-Areal viele Spuren beseitigt hat.

Radolfzell SS-Schießstand Langbahn Kugelfang Bunkeröffnungen 2018-05-23 K. Hug SS-Schießstand: Spuren im Kugelfang der Langbahn mit Bunkeröffnungen

Günter Köhler:
Die Schießanlage aus der NS-Zeit in Radolfzell - YouTube
Video 11:25 (28.04.2018)
youtube.com/watch?v=X4tlsfcVzbQ&feature=youtu.be

Zeigt Wege zur SS-Schießanlage und ihren Zustand im März/April 2018.

Gedenkstätten

Radolfzell war als eine der acht SS-Garnisonsstädte im NS-Staat und durch das Außenkommando des KZ Dachau stärker in das Naziregime und seine Verbrechen verstrickt als andere Städte der Region. Daraus folgt eine stärkere Verantwortung für die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit. Das umfasst die Aufklärung darüber, was geschehen ist, wer was getan oder erlitten hat, warum sie es getan oder erlitten haben, die Beurteilung der Schuld der NS-Verbrechen, die Nennung der Täter und Opfer, die Wiedergutmachung der Schäden, die Vorsorge für eine friedliche, demokratische Zukunft (vgl. [Gol04]). Das führt zur Frage:
Wie praktizieren die Stadt Radolfzell, ihre Verwaltung, ihr Gemeinderat, ihr Kulturausschuss und ihr Arbeitskreis Erinnerungskultur ihre besondere Verantwortung für die Aufarbeitung der NS-Geschichte?
Radolfzell begann 62 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, Gedenkstätten zu NS-Verbrechen anzulegen. Inzwischen gibt es drei mit Mahnmal und Informationstafeln. Die zivilgesellschaftliche Initiative STOLPERSTEINE-RADOLFZELL verlegte bisher 23 Stolpersteine. Einige weitere „Erinnerungskulturleistungen“ sind zu respektieren und zu würdigen.

Radolfzell Stolperstein Wilhelm Haaf 2018-11-09 K. Hug Stolperstein für Wilhelm Haaf (1893–1947)

Gedenkstätte Gurs-Mahnmal am Seetorplatz: Das ökumenische Mahnmal-Projekt Neckarzimmern installierte 2007 am Seetorplatz gegenüber dem Bahnhof, unterstützt durch die Stadt, einen Gedenkstein zur Deportation der Juden im Oktober 1940 in das Internierungslager Gurs in Südfrankreich.

Radolfzell Gurs-Mahnmal 2018-05-23 K. Hug Haben Sie ihn bemerkt? Gedenkstein zur Deportation der Juden mit Informationstafel in Kniehöhe

Zu Juden in Radolfzell siehe radolfzell-ns-geschichte.von-unten.org/juden_in_radolfzell, zum Gurs-Mahnmal radolfzell-ns-geschichte.von-unten.org/mahnmal_am_seetorplatz, zum ökumenischen Mahnmal-Projekt Neckarzimmern Gedenksteine :: Mahnmal Neckarzimmern :: für die deportierten Jüdinnen und Juden Badens mahnmal-neckarzimmern.de. Die Steininschrift

„RADOLFZELL / 22.10.1940 / GURS“
wird seit Juni 2013 durch Informationen auf einer vom Rotary Club Radolfzell-Hegau gestifteten, daneben angebrachten Tafel ergänzt.

Radolfzell Gurs-Mahnmal Infotafel 2018-05-23 K. Hug Informationstafel zum Gurs-Mahnmal zum Vergrößern anklicken!

Gedenkstätte Ehemaliger SS-Schießstand: Die zivilinitiative Projektgruppe „Radolfzeller Gedenkstätten“ installierte am 16. Juni 2010 im Kugelfang der westlichen Kurzbahn der ehemaligen SS-Schießanlage eine Gedenktafel für die zum Bau der Anlage gezwungenen KZ-Häftlinge.

Radolfzell SS-Schießstand Gedenkstätte Kurzbahn westlich 2018-05-23 K. Hug SS-Schießanlage: Gedenktafel im Kugelfang der westlichen Kurzbahn

Zum Text der Gedenktafel siehe radolfzell-ns-geschichte.von-unten.org/_media/bilder:schiessanlage:gedenktafel.jpg. Am 8. April 2011 organisierten die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Radolfzell und das Weltkloster einen „Versöhnungsweg“ von der SS-Kaserne zur SS-Schießanlage, wo sie 121 mit den KZ-Häftlingsnamen beschriftete Steine beim Kugelfang der westlichen Kurzbahn einzementierten. Ein Jahr später errichtete die Stadt Radolfzell zusammen mit der Projektgruppe „Radolfzeller Gedenkstätten“ eine Informationstafel zur Nutzungsgeschichte des Areals (Text: Markus Wolter, Gestaltung und Layout: Alfred Heim, Evelyn Heim). Die am 16. November 2012 bei einer Gedenkveranstaltung enthüllte Tafel wurde 2013 beschädigt.

Radolfzell SS-Schießstand Gedenkstätte Infotafel 2018-05-23 K. Hug SS-Schießanlage: vandalisierte Informationstafel

Zur Gedenkstätte siehe Landeszentrale für politische Bildung Baden Württemberg, Stuttgart: Der ehemalige SS–Schießstand Radolfzell am Bodensee gedenkstaetten-bw.de/gedenkstaetten_anzeige.html? &no_cache=1&tx_lpbgedenkstaetten_pi1%5BshowUid%5D=230438 &cHash=78fca8febeea1b3bc711df0068c17fd6. Zum Inhalt der Tafel siehe Informationstafel: Ehemaliger Schießstand der Waffen-SS, Radolfzell radolfzell-ns-geschichte.von-unten.org/_media/pdf:infotafel_ss-schiessstand_radolfzell.pdf.

Gedenkstätte Ehemalige SS-Kaserne: Mit einem Festakt am „Tag des offenen Denkmals“ 8. September 2013 wurde das Ensemble aus einer Gedenkskulptur und vier Informationsstelen vor dem Stabsgebäude der ehemaligen SS-Kaserne eingeweiht. Die Skulptur aus Edelstahl schuf René Dantes, die Informationen auf den Stelen stammen von Achim Fenner und Markus Wolter.

Radolfzell SS-Kaserne Gedenkstätte 2018-05-23 K. Hug SS-Kaserne: Gedenkskulptur und vier Informationsstelen

Der ehemalige SS-Schießstand und die ehemalige SS-Kaserne wurden im August 2014 in die Liste der Gedenkstätten in Baden-Württemberg der Landeszentrale für politische Bildung aufgenommen (Gedenkstätten in Baden-Württemberg - Liste gedenkstaetten-bw.de/gedenkstaetten_bw_liste.html). Zur Gedenkstätte siehe Gedenkort ehemalige SS-Kaserne/KZAußenkommando in Radolfzell am Bodensee gedenkstaetten-bw.de/gedenkstaetten_anzeige.html? &no_cache=1&tx_lpbgedenkstaetten_pi1%5BshowUid%5D=230439 &cHash=ba904223577f56162671b617c557b736. Zu den Inhalten der vier Informationsstelen siehe

Stele I: „Gebaut für die Ewigkeit“ (Fenner)
radolfzell-ns-geschichte.von-unten.org/_media/text-stele_1_kaserne_-_fenner.pdf;

Stele II: „Täter, Opfer, Zuschauer“ (Wolter)
radolfzell-ns-geschichte.von-unten.org/_media/text-stele_2_-_kaserne.pdf;

Stele III: Die Waffen-SS-Unterführerschule und das KZ-Außenkommando Radolfzell (Wolter)
radolfzell-ns-geschichte.von-unten.org/_media/text-stele_3_-_kaserne.pdf;

Stele IV: Aus Besatzern werden Freunde / Eine Investition in die Zukunft - Gewerbegebiet Nord (Fenner)
radolfzell-ns-geschichte.von-unten.org/_media/text-stele_4-kaserne-fenner.pdf.

NS-Kriegsdenkmal in Radolfzell

Die ersten drei Abschnitte beschreiben die Denkmalskulptur: wodurch sie gekennzeichnet ist, was sie darstellt und wie sie benannt wird. Darauf folgen Abschnitte zur Denkmalanlage: was dazugehört und wie sie funktioniert.

Radolfzell NS-Kriegsdenkmal 2018-05-23 K. Hug Zwischen Informationstafeln und Textstele dominant marschierende NS-Kriegspropagandisten

Beschreibung

Zu vielen Merkmalen werden Daten und Fakten tabellarisch dargestellt, Entstehungszeit, Aufstellungsort, Stil und Denkmaltyp sowie Symbole werden ausführlich erläutert. Es folgt ein Abschnitt über Feiern, der sich zwar auf die Denkmalanlage bezieht, aber für das Verständnis der Skulptur wesentlich ist. Die Inschriften werden im Abschnitt Zubehör untersucht.

Merkmal Ausprägung
ursprüngliche Bezeichnung „Ehrenmal für die Gefallenen des Weltkriegs“
Ort 1906–1934 und ab 1945: Luisenplatz,
1934–1945: Horst-Wessel-Platz,
N 47°44'15" – E 8°58'20",
Google Maps: google.de/maps/@ 47.7375024,8.9726172,217m/data=!3m1!1e3
OpenStreetMap Deutschland: Karte: openstreetmap.de/karte.html „Luisenplatz, Radolfzell“ suchen
Lage vor dem (östlichen) Obertor zur Altstadt, in einem kleinen Park an einer Durchgangsstraße zum Bahnhof und zur Halbinsel Mettnau
Entstehungszeit 1936–1938; am 22.05.1938 Einweihung durch SS-Obersturmbannführer Heinrich Koeppen, Enthüllung durch NS-Bürgermeister Josef Jöhle
Auftraggeber, Stifter, Förderer NS-beherrschte Stadt, NS-Bürgermeister Jöhle, SS-Kasernenkommandant Koeppen, NS-Reichskriegerbund-Kameradschaft, NS-Kriegsopfer-Versorgung, Soldatenbund
Kosten 30.000 RM, zur Hälfte finanziert über Postkarten und „Bausteine“
Bildhauer Entwurf und Modell: Wilhelm Kollmar (1871–1948), Karlsruhe; Ausführung: Paul Diesch (1884–1953), Konstanz
Material mainfränkischer Muschelkalk
Aufbau rechteckiges Fundament, quaderförmiger Sockel, Skulptur aus vier aufeinander geschichteten quaderförmigen Blöcken abgetragen
Maße Sockel: B 2,25 m, T 2,4 m, H 0,9 m; Skulptur: B rd. 2 m, T 2,2 m, H 4,2 m; gesamt H 5,1 m
Gewicht Skulptur: 4 * 127 Zentner = 25,4 Tonnen (1 Zentner = 50 kg); Sockel mit Skulptur: 30–40 Tonnen (KA BV 06.11.2018, Anlage 3)
optisches Gewicht schwer, massig, wuchtig, den Platz dominierend
Ansichtigkeit freistehend, allansichtig
Kontur blockhaft, fast ganz geschlossen
Oberfläche rau, porös, kalksteinfarben
Motiv, Form figurativ, überlebensgroß, zeitgenössisch gekleidet
Inhalt Figur aus zwei Soldaten mit Gewehr und Fahne, Fahnenträger und ihn begleitender Infanterist
Bewegung marschierend
Stil NS-Kriegspropaganda, NS-Pseudo-Realismus
Denkmaltyp aggressiver Sturmtrupp
Symbole Stahlhelm, Gewehr, Fahne, Eisernes Kreuz
Sockelinschrift 1938–1958: „DIE STADT RADOLFZELL / IHREN IM WELTKRIEGE / ✚ 1914–1918 ✚ / GEFALLENEN HELDEN“,
1958–2011: „DIE STADT RADOLFZELL / IHREN IN DEN WELTKRIEGEN / 1914–1918 UND 1939–1945 / GEFALLENEN SÖHNEN“,
ab 2011: keine

Signaturen sind nicht erkennbar.

Zubehör zwei Feuerschalen (eine erhalten); bis 1945: Reichsadler, Hakenkreuz, „Gedenktafel für die Toten der NS-Bewegung im Gau Baden“ [RaMu]; bis 1958: sieben Steintafeln mit Namen der „gefallenen Helden“ des Weltkriegs; heute: siehe Zubehör
[Gun38] [Kro] [Rad15, S. 40–42]

Radolfzell Stadtmuseum NS-Kriegsdenkmal Baustein+Postkarte 2018-09-11 K. Hug NS-Reichskriegerbund-Kameradschaft, NS-Kriegsopfer-Versorgung, Soldatenbund sammeln: „Baustein“-Stiftungsbescheinigung und Postkarte zum Vergrößern anklicken!

Entstehungszeit

„Kriegsvorbereitung ist der gemeinsame Nenner, auf den sich die grundlegenden Entscheidungen des NS-Regimes auf dem Gebiet der Innen-, Militär- und Wirtschaftspolitik zurückführen lassen“ [DMVW79, S. 712].
Warum entstand das Kriegerdenkmal nicht bald nach dem Krieg, als die Not und das Leiden, die er gebracht hatte, noch gegenwärtig waren, Kriegsversehrte zum Straßenbild gehörten und Angehörige von Toten noch Schmerz und Trauer spürten? Warum erst 20 Jahre nach Kriegsende? Diese Fragen differenziert zu beantworten sei Historikern überlassen. Sicher ist: Nach der Machtübergabe an die Nazis forcierten diese den Bau von Kriegerdenkmalen als Kultstätten ihrer Kriegsreligion überall, wo noch keine standen, um ihre Kriegsvorbereitungen propagandistisch zu begleiten. Die Begründung des Kieler Oberbürgermeisters von 1935 hätten auch der Radolfzeller Bürgermeister Jöhle und der Kasernenkommandant Koeppen äußern können:
„Erst als der Mann, der das Opfer der Gefallenen und ihr Vermächtnis weitergetragen hatte, in einem 14 Jahre langen Kampf, durch den verewigten Generalfeldmarschall des Weltkrieges [Hindenburg, A.S.] die Führung Deutschlands übernahm, klang aus Walhall der Marschschritt von 2 Millionen toter Kameraden in den Herzen der lebenden Geschlechter...“ [Sch99, S. 64].
Einen Meilenstein erreichte dieser Marsch mit dem „Gesetz für den Aufbau der Wehrmacht“ vom 16. März 1935, das – am Vorabend des „Heldengedenktags“, gemäß der Planungsziele der Heeresleitung – die „Reichswehr“ in „Wehrmacht“ umbenannte, die allgemeine Wehrpflicht zum Dienst in der Wehrmacht einführte, und die Stärke des Friedensheers auf 12 Korpskommandos und 36 Divisionen festlegte (documentArchiv.de, [DMVW79, S. 416–417]). Damit waren „auch formal die letzten Beschränkungen des Versailler Vertrages abgestreift“ (Wikipedia), m.a.W. der Vertrag gebrochen. Im August 1936 forderte Hitler in einer geheimen Denkschrift zum Vierjahresplan 1936:
„I. Die deutsche Armee muß in 4 Jahren einsatzfähig sein.

II. Die deutsche Wirtschaft muß in 4 Jahren kriegsfähig sein“ [DMVW79, S. 282–283].

Die nächsten Schritte der Remilitarisierung Deutschlands führten von mittelbaren zu unmittelbaren Kriegsvorbereitungen. Dies widerspiegelte sich in zunehmend aggressiv revanchistisch gestalteten Kriegerdenkmalen. (Vgl. [Lur86, S. 144, 289].)

Aufstellungsort

Dieser Abschnitt folgt Kerstin Klingels Argumenten im Kapitel „Aufstellungsorte“ in [Kli06], auf das sich die Seitenangaben beziehen. Zur Frage „Wohin mit dem Denkmal?“ überlegen alle Denkmalplaner, „welche Funktion das Denkmal erfüllen und welche Wirkung es beim Betrachter erzeugen soll“ (S. 20). Verfolgen sie „propagandistische Zwecke [...] einer Aufforderung zur erneuten Kriegsführung“, so eigne „sich der öffentliche Raum als Aufstellungsort weitaus besser“ als ein Friedhof, bei dem Trauer um Tote überwiege (S. 29). Das Denkmal und die es umgebende Anlage und Bepflanzung sollen einen weihevoll wirkenden Bereich schaffen (S. 30).
„In diesem gesonderten Areal konnte der Toten, zu ›Helden‹, gestorben fürs ›Vaterland‹, stilisiert, gedacht werden. Der männliche Betrachter aber war vor allem aufgefordert, sich auf seinen patriotischen Geist zu besinnen, den Kriegstod als vorbildlich und den Kampf für das ›Vaterland‹ als ›heilige Pflicht‹ zu sehen, die auch er erfüllen muss. Gefühle der Trauer sollten hier nicht aufkommen, diese widersprachen dem revanchistischen Geist, aus dem heraus in der Weimarer Republik sehr viele Denkmalstiftungen initiiert wurden. Revanchegedanken, denen der Wunsch nach nationalem Wiedererstarken zu Grunde lag, waren in der damaligen Gesellschaft eine sehr weit verbreitete Reaktion auf den Versailler Vertrag“ (S. 30).
Die Nazis setzten dies fort und forderten von Aufstellungsorten ihrer Kriegsdenkmale zusätzlich die Eignung als Aufmarschplätze, die weniger Trauer, Trost und dem Besinnen und Gedenken der Gefallenen dienten, als dem Aufputschen der Jungmannen mittels militaristischer Rituale.
„Nachdem im November 1934 ein Erlaß des Gauleiters und Reichsstatthalters von Baden Wagner die Errichtung von Kriegerdenkmälern organisatorisch neu geregelt hatte [..], durften die Denkmäler nur noch auf Plätzen aufgestellt werden, die durch ihre Größe Gelegenheit zu Aufmärschen boten“ [Lur86, S. 257–258].

„Bei Denkmälern, die im Dritten Reich im Sinne des Nationalsozialismus errichtet wurden, musste das Areal um das Denkmal so angelegt werden, dass sich dort eine größere Gruppe von Menschen zu Aufmärschen versammeln konnte. Der Aufstellungsort wurde so gewählt, dass die Denkmäler wieder Mittelpunkte des öffentlichen Lebens wurden; sie waren »Zentren der Stadtplanung«, gedacht als »kultische Weihestätten der Nation«, entwickelt aus der »Choreographie der aufmarschierenden Kolonnen«“ (S. 35, [Lur86, S. 242f] zitierend).

In Radolfzell erinnerte die „parasakrale“ Platzarchitektur durch die als Naturelement einbezogene Platane an einen „Ehren-“ oder „Gedächtnishain“, der zur vorbeiführenden Straße kontrastierte. Wie in Hamburg bot sich
„der freie Platz vor dem Denkmal [...] für Aufmärsche an, mittels derer die Botschaft des Denkmals, [...] aufrecht in den Kampf zu marschieren, unterstrichen wurde: Deutschland ist wieder zum Krieg bereit“ (S. 32).
Auf Tradition, Geschichte und Zukunft spielt die Lage vor dem Obertor an. Die Soldaten marschieren aus der Enge der Altstadt hinaus in den Krieg (vgl. S. 38). Ob die Richtung zur Schweiz topographisch bedingt war oder Hitlers Pläne andeutete, die Schweiz zu überfallen und zwischen Deutschland und Italien aufzuteilen, sei dahingestellt (geschichtslehrer.in/contentLD/HI/CH19mKrieg.pdf,
hls-dhs-dss.ch/textes/d/D8927.php?topdf=1).

Jedenfalls ist der Platz vor dem Stadttor ein „geschichtsträchtiger Ort“, wie ihn die Nazis vergleichbar in anderen mittelalterlichen Kleinstädten wählten [Lur86, S. 255]. In Marbach am Neckar wurden 1934 zwei hintereinander mit Gewehr bei Fuß stehende Soldaten auf der altstadtauswärts liegenden Seite des Obertorturms angebracht [Arm88, S. 90–123]. Sie hielten also Wache und schützten die Stadt [Lur86, S. 255]. In Engen wurde 1936 ein nebeneinander marschierendes Kriegerduo mit Fahne und geschultertem Gewehr vor dem verschwundenen Obertor errichtet, ähnlich wie in Radolfzell. Diese Aufstellungsorte erfüllten die Funktion, den geplanten Eroberungskrieg als „Schutz der Heimat“ zu verbrämen.

Stil und Denkmaltyp

Dieser Abschnitt versucht, das Radolfzeller NS-Kriegsdenkmal kunsthistorisch einzuordnen, wobei er politische Aspekte einbezieht. Die Systematik hat Meinhold Lurz in seinem Standardwerk Kriegerdenkmäler in Deutschland, Band 5: Drittes Reich [Lur86] entwickelt, auf das sich die Seitenangaben beziehen.

Entstehungszeit und Aufstellungsort beeinflussten stark die Wahl des Stils und des Denkmaltyps. Gab es in der Weimarer Republik „noch einen Zwiespalt verschiedener Interessen, die unterschiedliche Denkmalsaussagen forderten“ und daher „vergleichsweise eine Vielfalt von Stiftergruppen, Motiven und Stilen“, so „lassen sich nach 1933 kaum mehr gegensätzliche Meinungen feststellen“ (S. 301–302). Übrig blieben nur „Denkmalstifter, die vorwiegend aus den Kriegervereinen und Traditionsverbänden stammten und sich mit dem Resultat des verlorenen Kriegs nicht einfach abfinden wollten“ (S. 302). Die Homogenität der militaristisch/nazistisch gesinnten Stifter und die Homogenität ihrer Ziele, das Militär zu verherrlichen, „den Revanchismus der zwanziger Jahre [...] zuzuspitzen“ und einen neuen Krieg vorzubereiten, führten zu einer Homogenität der Stile, Denkmaltypen und Motive, zu einer „platte[n] Einheitlichkeit und Gleichförmigkeit der Nazi-Kunst“ (S. 225, 335, 352).

Lurz nennt als wesentliche Stile der NS-Zeit: Realismus, Neoklassizismus, germanische Motive (S. 137). Was er als „Realismus“ bezeichnet, sei hier NS-Pseudo-Realismus genannt, denn dieser Stil zielte nicht auf realistische Darstellungen von Menschen und Ereignissen, sondern auf propagandistische Bilder von Mythen und Ideologien mittels figurativer Formen und zeitgenössischer Objekte. (S. auch „Kunst – Kitsch – Schund?“.) Vorbilder dieses Stils boten Kriegerdenkmale zum 1870/71er Krieg und der Weimarer Republik. Früheste Kriegerfiguren entstanden 1870 am Armeekorpsdenkmal in Posen und 1875 am Regimentsdenkmal in Detmold, wo vier die Waffengattungen darstellende Metallkrieger Ehrenwache halten [Vog93, S. 56–59]. Ohne zeitliche Zuordnung konstatiert [JeW94, S. 36]: „Im Typus des realistischen »Feldgrauen« [...], der ein Identifikationsangebot für alle ehemaligen Frontsoldaten lieferte, emphatisierten die deutschen Denkmäler in ihrer großen Mehrzahl den Soldaten.“

Mit der Einführung von Wehrpflicht und Wehrmacht ging 1935 „die Phase der unmittelbaren Kriegsvorbereitung los, zu der die realistischen Motive die Analogie in der Denkmalszene bildeten“ (S. 307). „Von da an bedeuteten Denkmäler mit der Wiedergabe von Feldgrauen in weit höherem Maße Identifikationsangebote als zuvor. Sie traten denn auch häufiger auf“ (S. 289). Insbesondere Kriegerdenkmale für Aufmarschplätze in Stadtgebieten wurden zunehmend im Stil des NS-Pseudo-Realismus gestaltet, da er „zur unmittelbaren Kriegsvorbereitung propagandistisch besser auszuschlachten“ war als antikisierte nackte Krieger oder germanische Steinkreise (S. 137).

Lurz identifiziert als pseudo-realistische Denkmaltypen: heroischer (Einzel-)Kämpfer, Heldenkopf, marschierende Einheit, Sturmtrupp, Regimentsangehörige einst und jetzt, trauernder Kamerad sowie Sonderformen (S. 140). Da „der Marsch in den nächsten Krieg“ und „der aggressive Sturmtrupp“ deutlicher als andere Motive den kriegspropagandistischen Zweck ausdrückten, kamen sie besonders oft vor (S. 141).

Marschierende Einheit: „Kein anderer Denkmalstyp verkörperte so drastisch und vordergründig den Marsch in den 2. Weltkrieg und die unmittelbare Kriegsvorbereitung, wie die Wiedergabe einer marschierenden Einheit von Soldaten. Es gab sie als Vollplastik, aber auch als Relief, als ganze Einheit oder nur als Sturmtrupp, beim Marsch oder beim Angriff, mit und ohne Fahne und in noch anderen Varianten. Die Einführung der neuen Wehrmacht am Heldengedenktag 1935 lieferte den Anlaß, gerade diesen Denkmaltyp häufiger als zuvor zu verwenden“ (S. 149).

Sturmtrupp: „Mit dem Denkmalstyp der marschierenden Einheit war der des Sturmtrupps schon aus Gründen des Handlungsablaufs eng verwandt. [..] Noch unmittelbarer als die marschierenden Einheiten verkörperte der Sturmtrupp die Aufforderung an die Überlebenden, es den Gefallenen gleichzutun. Aus dem neuen Marsch in den Krieg wurde die Kampfhandlung selbst. Die Zahl der Akteure nahm gegenüber der marschierenden Einheit zwar ab - drei bis sieben Mann bildeten einen Sturmtrupp -, dafür aber das neubarocke Pathos zu. Gerade bei diesem Motiv ist es aufschlußreich, den Vergleich mit den kämpfenden und stürmenden Kriegern nach 1871 anzustellen. Zwar fehlte den Kriegern des Dritten Reichs in vielen Fällen der Detailrealismus von damals, doch verkörperten sie im Grunde fast die gleich [!] Aussage: nur daß man nach 1871 auf einen erfolgreichen Sturm und Krieg zurückblicken konnte, während das Dritte Reich an damals erinnerte, um den künftigen Sieg zu beschwören“ (S. 155).

Das Radolfzeller NS-Kriegerdenkmal fügt sich in Lurz' Ordnung: Es handelt sich um eine kleine marschierende Einheit mit Fahne, also einen Sturmtrupp beim Marsch, und zwar einen aggressiven, da einer der Soldaten sein Gewehr schießbereit trägt. Trotz SS-Kaserne konnte sich die Kleinstadt Radolfzell nicht wie Hamburg ein Relief mit 88 marschierenden Kriegern leisten, sondern musste sich mit zwei begnügen, dafür vollplastisch auf doppelte Lebensgröße skaliert. Dennoch sind Stil und Denkmaltyp des Radolfzeller Kriegsmals nicht exklusiv, sondern typisch und weit verbreitet in ihrer Entstehungszeit.

Vergleichbar ist das 1934/35 errichtete Kriegerdenkmal in Dortmund, Stadtteil Kley, Zeche Oespel: Ein Kriegerduo steht in „paralleler, kampfbereiter Körperhaltung“ im Vorwärtsschritt auf einem Sockel, „Gesamthöhe: vier Meter“. Beide Figuren greifen mit der rechten Hand nach links, um das Schwert aus der Scheide zu ziehen.

„Regungslose Gesichtszüge, Stahlhelm, Mantel und Stiefel erlauben keine menschlichen Charakterzüge, sondern sie unterstreichen unmißverständlich die Dominanz militärischer Uniformität.“

„“Der Stil vertritt eine in jenen Jahren verbreitete Mischung aus pathetisch-expressiver Vereinfachung und dem heroischen Vergröbern der offiziellen Kunst des Nazi-Reiches. Das Denkmal gilt denn auch weniger der Trauer um die Toten des Ersten Weltkrieges als vielmehr dem Gedanken der Rache und einer neuen Wehrbereitschaft.”“ [Zän84, S. 76]

(Zitate aus [Vog93, S. 171–172]. royjasper.de/files/Oespel-Chronik.pdf zeigt auf S. 23 ein Foto mit beschwichtigendem Textabschnitt.) Siehe auch Engen, Murg, Furtwangen.

Symbole

Symbole sind vieldeutige Zeichen, deren Bedeutungen sich aus sozialen und politischen Zusammenhängen erschließen; sie sollen gemeinschaftsbildend eher auf das Unterbewusstsein und das Gefühl als den Verstand wirken [Beh96, S. 58–59]. Dieser Abschnitt orientiert sich am Kapitel „Formen“ in [Kli06], das „stilistische Merkmale aufzeigen und historisch einordnen“ und „bildliche, plastische Motive entschlüsseln“ will (S. 42). Zu untersuchen ist auch deren intendierte Wirkung: Richtet sich ein Motiv eher nach außen, ans Ausland, den Gegner, den Feind? Oder eher nach innen, an die Bürger?
„Die Intention, den Krieg als etwas Positives darzustellen und den Kriegseinsatz als vorbildlich und heldenhaft zu propagieren, stand bei der Denkmalssetzung im Dritten Reich im Vordergrund. Symbole der Trauer und des Trostes verschwinden ganz, stattdessen soll auch mit Hilfe der Kriegerdenkmäler für einen neuen Krieg mobil gemacht werden“ (S. 67).
Tatsächlich tragen die Steinkrieger keine Zeichen, die Trauer ausdrücken oder Angehörigen getöteter Soldaten Trost spenden. Die aufgesetzten Stahlhelme, das Gewehr sowie weitere Bewaffnungs- und Ausrüstungsteile propagieren den Waffengebrauch und drücken die Ablehnung des Versailler Vertrags aus (S. 63). Revanchistisch gesinnt marschieren die beiden NS-Krieger nicht nur, um den Versailler Vertrag zu brechen, sondern auch, um fremde Länder zu erobern. Stahlhelme und Waffen sollen als kriegerische Drohung gegen den imaginierten Feind wirken.

Die Fahne ist ein Symbol für militärische „Ehre“ (zu töten und getötet zu werden) und „Treue“ (zur Obrigkeit bis zur tödlichen Selbstverleugnung). Fahnenträger, die stehen, schreiten oder mit Säbeln und Gewehren bewaffnet vorwärtsstürmen und feindliche Trophäen zertreten, waren auf Kriegsdenkmalen zum Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 beliebte Motive [Lib14, Abb. 162–164, S. 219–221]. Die württembergische Kriegsdienstordnung von 1858 predigte:

„Die Fahnen [...] zu verteidigen und unter ihnen zu siegen oder zu sterben, ist des Soldaten heiligster Beruf“ [Vog93, S. 80].

„Die Fahne als repräsentatives Symbol stammt aus der Kriegführung und diente in Zeiten ohne einheitliche Uniformierung zur Unterscheidung von Freund und Feind. Aber sie war stets mehr als ein reines Erkennungszeichen mit Signalwirkung. Mit ihr verband sich einerseits die Identifizierung mit der Eigengruppe, unter ihr sammelten sich die Kämpfenden, sie brachte Ordnung in das Chaos des Kampfes. Die aufwärts gerichtete, flatternde Fahne wurde Symbol für den kämpferischen Geist und Ruhm des Soldaten.“ Im modernen Krieg „erhielt die symbolische Bedeutung der Flagge stärkeres Gewicht“. Im religiösen Kult bezog die Fahne aus der Dialektik „"von Sieg und Tod [...] ihre mythische Kraft. Erst mit der Säkularisierung im Zuge der Aufklärung wurde die Fahne zum politischen Symbol." [...] Die Fahne bezieht ihren Reiz besonders daraus, daß sie ein bewegliches Symbol darstellt; ihr Flattern gilt als Sinnbild für Lebendigkeit, Dynamik und Siegeszuversicht. [...] Im nationalsozialistischen Heldenkult standen die Fahnen in enger symbolischer Bedeutung zu den toten Helden“ [Beh96, S. 422–423, [Pau90, S. 171] zitierend].

Radolfzell NS-Kriegsdenkmal Eisernes Kreuz 2018-05-23 K. Hug Eisernes Kreuz: Blechlohn für Kriegsdienst

Die Spitze der Fahnenstange umfasst ein Eisernes Kreuz (aus Stein). Vom preußischen König Friedrich Wilhelm III. erstmals 1813 kurz vor der Einführung der allgemeinen Wehrpflicht gestiftet, war es „der erste militärische Orden, der nicht nur an Offiziere, sondern auch an einfache Soldaten verliehen“ wurde, um einen Anreiz für Wehrpflichtige zu schaffen, „das eigene Leben im Krieg aufs Spiel zu setzen“ (S. 44). König Wilhelm I. und Kaiser Wilhelm II. stifteten es 1870 bzw. 1914 neu, Hitler nutzte es 1939 mit einem Hakenkreuz im Zentrum als Kriegsauszeichnung. Das aus Sicht des demokratischen Neustarts mehrfach belastete Eiserne Kreuz dient seit 1956 der Bundeswehr als Erkennungszeichen und seit 2008 zum „Ehrenkreuz“ gewandelt als Tapferkeitsauszeichnung – und so der „Illusion ungebrochener Kontinuität und Harmonie“ [Vog93, S. 180].

Der Orden am Denkmal verquickt etablierte „Mittel der Staatspropaganda“ [Vog93, S. 34]. Das Eiserne Kreuz steht „symbolisch für die Anerkennung der besonderen ›Vaterlandstreue‹ der gefallenen Soldaten“, die sie durch ihren Tod im Krieg bewiesen hätten, und erklärt sie zu „Vorbildern für die Nachwelt“ (S. 45). An der Spitze der NS-Kriegerfahne symbolisiert es den Kriegsmarsch der Soldaten als nacheifernswert. Es soll „zu besonderem Einsatz und zur Tapferkeit vor dem Feind“ anspornen [Lur86, S. 302]. Fahne und Kreuz sollen als militärische Droge für trauerunfähige Bürger wirken.

Ausführlich zum Eisernen Kreuz siehe [Vog93, S. 18–23]; hier zusammenfassend:

Das Eiserne Kreuz „demonstriert eine Kontinuität einschlägiger Traditionen als Symbol vaterländischer, deutscher Identität und Verpflichtung. Es belegt zugleich den Einfluß christlich-religiöser Bedeutungsinhalte für die ideologische Legitimation der preußisch-deutschen Militärpolitik, deren (Selbst-)Darstellung in Kriegerdenkmälern. [...] sind das Eiserne Kreuz und das Kriegerdenkmalwesen als untrennbare Sinneinheit zu begreifen, in der die kollektiven normativen Grundlagen von Staat und Gesellschaft, von Kirchen und Militär deutlich sichtbar wurden“ [ebd. S. 235].

Feiern

Ein Kriegerdenkmal der NS-Zeit ist kein bloßes steinernes Objekt, seine Bedeutung erschließt sich erst, wenn man die Feiern untersucht, die bei ihm veranstaltet wurden (und werden). Nach Meinhold Lurz ist
„für das Denkmal des Dritten Reichs [...] der Vermittlungsvorgang der Feierstunden konstitutiv“. Das „steingewordene Denkmal [lieferte] die topographische Markierung des Orts der Feier [..]. Die wesentlichen Motive der eigentlichen Kriegerehrung bestanden nicht im Denkmal als solchem, sondern im Aufmarsch und der Rede. Insofern besaßen die Feuerschalen und Fahnen die gleiche Bedeutung wie das Ehrenmal. Erst die lebende Architektur der aufmarschierten Kolonnen erfüllte das Denkmal mit seinem funktionalen Sinn“ [Lur86, S.34].
Lurz unterscheidet vier Phasen der chronologischen Reihenfolge,
„in der sich ein Denkmal durch Feiern realisiert:
  1. die Geschichte der Planung,
  2. die Ausführung der Objekte, wobei speziell auf die Grundsteinlegung und ihre Feierstunde zu achten ist,
  3. die Einweihungsfeier,
  4. die später am Denkmal veranstalteten Feiern“ [Lur86, S.35].
Zur Ausführung des Radolfzeller NS-Kriegerdenkmals liefert [Rad15, S. 40–42] Hinweise. Zur Einweihungsfeier ist unter Chronologie 22.05.1938 zusammengefasst, wie NSDAP und SS diese mit Aufmärschen militärischer Formationen als Demonstration ihrer Kriegstreiberei inszenierten. Zu späteren Feiern sei auf [IOGR, NS-Ehrenmal] („Heldengedenktage“, HIAG-„Kameradschaftstreffen“) und die Chronologie (Volkstrauertage) verwiesen.

Fazit zu „Beschreibung“

Die Denkmalskulptur enthält keine Elemente, die Trauer über die Kriegstoten ausdrücken, keine Merkmale, die den Überlebenden Trost spenden könnten, keine Hinweise auf die Ursachen des Weltkriegs, seine Antreiber, Verantwortlichen und Nutznießer, keine Antwort auf die Schuldfrage, keine Anzeichen für Versöhnungs- und Friedensbereitschaft. Im Gegenteil drückt der steinerne Sturmtrupp die Forderung nach erneuter Kriegsbereitschaft in brutaler Form aus.

Was stellt es dar?

„Denkmäler stehen nicht für die historische Wahrheit. Sie sind nicht Zeugnisse des erinnerten Geschehens. Vielmehr bezeugen sie die Perspektive, die der Betrachter auf das historische Ereignis haben soll. Ein Denkmal läßt daher zwar Rückschlüsse auf die Zeitumstände seiner Stiftung zu, nicht aber auf die Ereignisse, die seinen Anlaß lieferten“
([Lur85, Bd. 1, S. 378f] zit. n. Eisert-Hilbert).
Radolfzell NS-Kriegsdenkmal 2018-05-23 K. Hug Überlebensgroße Figur aus zwei Soldaten mit Gewehr und Fahne

Krieger Helden
Zierde der Stadt
Soldaten Mörder Maschinen
Schandfleck der Zivilisation
„Es stellt zwei schreitende Krieger dar, von denen der eine mit kraftvoller Gebärde die Fahne voranträgt, während ihm der andere mit dem zum Sturm gesenkten Gewehr in den Händen folgt. Entschlossen und mutig ist der Ausdruck der Gesichter, die als Symbol einer großen Zeit auch kommenden Geschlechtern künden sollen vom Heldenkampf einer Nation, die alles daransetzte, den Feind von der Heimat fernzuhalten. Die überlebensgroßen Figuren wirken ungemein wuchtig und lebendig.“
Konrad Gunst: Das neue Gefallenenehrenmal in Radolfzell a. B. [Gun38]

„Die Heldendenkmäler und Gedächtnishaine werden durch ein neues Geschlecht zu Wallfahrtsorten einer neuen Religion gestaltet werden, wo deutsche Herzen immer wieder neu geformt werden im Sinne eines neuen Mythus. Dann ist durch die Kunst erneut einmal die Welt überwunden worden. [...] Das kommende Geschlecht wird in einem Kriegerdenkmal des Weltkrieges ein heiliges Zeichen für das Märtyrertum eines neuen Glaubens erblicken.“ Die toten Soldaten könnten „die Stelle der Heiligen einnehmen“.
Alfred Rosenberg (1893–1946), NS-Ideologe, Hauptschuldiger der NS-Kriegsverbrechen: Der Mythus des 20. Jahrhunderts [Ros34, S. 450, 618]

„Die Anlage bildet später sicher eine Zierde der Stadt.“
Deutsche Bodensee-Zeitung (08.05.1937) zit. n. [Rad15, S. 41]

„Da gab es vier Jahre lang ganze Quadratmeilen Landes, auf denen war der Mord obligatorisch, während er eine halbe Stunde davon entfernt ebenso streng verboten war. Sagte ich: Mord? Natürlich Mord. Soldaten sind Mörder.“
Kurt Tucholsky (1890–1935) alias Ignaz Wrobel: Der bewachte Kriegsschauplatz Die Weltbühne, Nr. 31 (04.08.1931) S. 191, in: Gesammelte Werke, Bd. 9, 1931 Reinbek (1989) S. 253, s. auch Soldaten sind Mörder

„Alles Denken ist ihnen verhaßt. Sie pfeifen auf den Menschen! Sie wollen Maschinen sein, Schrauben, Räder, Kolben, Riemen – doch noch lieber als Maschinen wären sie Munition: Bomben, Schrapnells, Granaten. Wie gerne würden sie krepieren auf irgendeinem Feld! Der Name auf einem Kriegerdenkmal ist der Traum ihrer Pubertät.“
Ödön von Horváth (1901–1938): Jugend ohne Gott (1937) Kap. 5

„Wenn einer mit Vergnügen in Reih und Glied zu einer Musik marschieren kann, dann verachte ich ihn schon; er hat sein großes Gehirn nur aus Irrtum bekommen, da für ihn das Rückenmark schon völlig genügen würde. Diesen Schandfleck der Zivilisation sollte man so schnell wie möglich zum Verschwinden bringen. Heldentum auf Kommando, sinnlose Gewalttat und die leidige Vaterländerei, wie glühend hasse ich sie, wie gemein und verächtlich erscheint mir der Krieg; ich möchte mich lieber in Stücke schlagen lassen, als mich an einem so elenden Tun beteiligen!“ (a)
„Töten im Krieg ist nach meiner Auffassung um nichts besser als gewöhnlicher Mord.“ (b)
Albert Einstein (1879–1955): (a) Wie ich die Welt sehe Living Philosophies, Bd. 13, New York (1931) (b) Zur Abschaffung der Kriegsgefahr Kaizo, Tokio (1952), in: Carl Seelig (Hg.): Albert Einstein. Mein Weltbild Ullstein, Frankfurt/M (1983) (a) S. 9, (b) S. 47

Was ist zu sehen?

„Das sind harte Soldaten im Sturmschritt mit Gewehr“ (Siegfried Lehmann, SK 29.10.2010). Voran zieht der Fahnenträger, dessen rechter Arm erhoben angewinkelt nie ermüdet, dicht gefolgt von seinem Kameraden mit dem geladenen Gewehr, bereit auf alles zu schießen, was ihnen in die Quere kommt. Ihr Blick ist starr geradeaus in die Ferne gerichtet, sodass sie nicht sehen, was sie unter ihren Stiefeln zertrampeln.

Durch ihre Einheitsgesichter, die so wenig individuelle Züge wie ihre ummantelten grobschlächtigen Körper tragen, erscheinen sie als mythische Retortenkrieger arisch-nordisch-germanischen Typs. Diese Gesichtsmasken drücken Emotion nur durch herunter gezogene Mundwinkel aus. Ihre Träger sind wie Roboter bereit, die programmierten Befehle ihres „Führers“ gehorsam und gewissenlos zu befolgen. Denn nicht nur ihr Körper, auch ihr Geist ist uniformiert.

Radolfzell NS-Kriegsdenkmal Köpfe 2018-05-23 K. Hug Industriell produzierte Robotermasken

Diese herrenrassigen Soldaten folgen dem in der NS-Kunst „vorherrschenden Menschenbild“, zu dem der Völkische Beobachter am 14.07.1936 schreibt:

„Wir haben einen starken, einfachen, monumentalen Willen zu einer überpersönlichen Öffentlichkeit. Nicht mehr das Portrait des Einzelnen, sondern die symbolkräftige menschliche Gestalt als Gleichnis höherer Ordnung, nicht das Individuum sondern der Mythos – das ist das innere Ziel, dem auch die Plastik unserer Zeit zustrebt“ [FiD88, S. 113].
Die äußere Kehrseite des „inneren Ziels“ schablonisierter, gestisch erstarrter Figuren [FiD88, S. 206]:
„Wer seine eigene Individualität durchstreicht, dokumentiert damit seine Bereitschaft, rücksichtslos auch gegen andere vorzugehen“ [Loi87, S. 138] zit. n. [Beh96, S. 334].
Die Bezeichnung „Kameraden“ für entindividualisierte Soldatentypen beruht „auf einer gefühlsbetonten patriarchalischen, autoritär-monarchischen und militärkonformen Orientierung“ [Vog93, S. 36]. „Kameradschaft“ ist ein billiges Schmiermittel zum teuren Zweck, die elementaren Rädchen der Kriegsmaschinerie zu synchronisieren.

Was ist nicht zu sehen?

Nicht zu sehen ist, was sie sehen: die Feinde, auf die sie gleich schießen werden. Nicht zu sehen ist, was sie zertrampelt haben und was hinter ihnen liegt: zerstörte Orte, blutgetränkte Erde, Verwundete, Tote. Kriegsfolgen werden verdrängt.

Trauer um getötete Kameraden? Nicht die geringste Spur davon ist zu erkennen. Die Steinkrieger kennen nicht nur kein Trauergefühl, sondern ignorieren völlig die 17 Millionen Toten des Ersten Weltkriegs. Sie trauern nicht um ihre Mittäter, schon gar nicht um die Opfer ihrer Kriegshandlungen.

Erinnerung an Kriegsereignisse? Keine Spur davon. Die Steinkrieger sind zwar gegenständlich, aber nicht realistisch modelliert. Reale Soldaten des Ersten Weltkriegs sind es nicht, denn diese blieben tot, zerschossen auf den Schlachtfeldern liegen oder kamen verstümmelt, verkrüppelt, verletzt, ausgemergelt, erschöpft, zerlumpt, demoralisiert, traumatisiert, besiegt aus dem Krieg zurück. Die Steinsoldaten verleugnen ihre eigenen Kriegserlebnisse, um vor ahnungslosen Folgegenerationen als kampfbereite Helden zu posieren.

Trost für den Tod der Weltkrieger? Der Trost besteht aus Rache: weiter marschieren, um die Kriegstoten zu rächen – im Namen der Soldatenehre, die dem Kriegstod einen tröstenden Sinn verleihen soll, einer Ehre, die sich auf das Recht, zu töten und die Pflicht, sich töten zu lassen, reduziert.

Ursachen und Verantwortliche des Kriegs? Sie bleiben im Dunkeln. Krieg soll als Ausdruck ewigen naturwüchsigen Germanentums erscheinen.

Anklage gegen den Krieg? Nein, nicht gegen den Krieg, sondern dagegen, dass er mit dem Waffenstillstand von Compiègne endete.

Mahnung zum Frieden? Nichts davon, im Gegenteil: Die Steinkrieger sehnen sich nicht nach Frieden, sondern verherrlichen den Krieg, in den sie immer wieder ziehen, weil sie nichts anderes können.

Sind es Deserteure, Fahnenflüchtige? Gewiss nicht, denn ein Deserteur würde vielleicht mit einer Schusswaffe Verfolger abwehren, aber kaum mit flatternder Fahne abhauen.

Sind es Opfer des Kriegs? Sicher nicht, sie sind nicht einmal verletzt. Sie sind willige Täter auf Kriegsschauplätzen, bereit zu töten und zu zerstören.

Sind es Verantwortliche und Nutznießer des Kriegs? Nein, sie sind keine Masters of War, sondern Only a Pawn in Their Game (Bob Dylan, 1963, 1964). Einfache Soldaten zu Helden stilisiert auf ein Podest zu stellen, dient dem demagogischen Zweck, die Herren des Kriegs zu verbergen.

Indem das Denkmal Antreiber, Gewinner und Opfer des Kriegs ignoriert, seine Ereignisse, Gräuel, Schrecken, Leid und Tod verschweigt, weder seine Toten beklagt noch zum Frieden mahnt, lässt es sich keiner der Kategorien „Trauerdenkmal“, „Opfermahnmal“, „Deserteurdenkmal“, „Erinnerungsdenkmal“, „Friedensmahnmal“ zuordnen. (Zu Denkmaltypen s. [EKBP14, S. 11–16].)

Wie wirkt es auf Betrachter?

Das fünf Meter hohe Denkmal dominiert den Platz schon durch seine Maße. Mit mehr als doppelter Lebensgröße auf einem meterhohen Sockel vorpreschend sollen die Steinkrieger Betrachter beeindrucken und einschüchtern: Die einen sollen ehrfürchtig erschaudern, die anderen angstvoll erzittern.

Imagine: Stell dir vor, du bist Nachfahr jüdischer Vorfahren von der Höri, die nach Gurs deportiert und ermordet wurden. Du willst als Tourist die Altstadt besuchen, kommst von der Konstanzer Straße zum Luisenplatz, bemerkst das Steinmal, erkennst Wehrmachtssoldaten, die auf dich zustürmen, Erinnerungen kommen hoch: die brennende Synagoge, die Großeltern, von SS-Schergen aus der Wohnung gezerrt, die Prügel, der Hunger, die Güterzüge, das Gas. Du stehst vor SS-Schergen in Wehrmachtsuniformen. Was denkst du jetzt über Radolfzell?
„Größe und Monumentalität einer in Stein gehauenen Person lassen einen fühlen, wie klein und ‘unbedeutend’ man selbst ist. Die Distanz, die der Sockel zur Person errichtet, zeigt, daß der Abstand zur ‘bedeutenden’ Person noch weit ist“ [Wen86] zit. n. [Vog93, S. 69–70].

Was ist damit intendiert, was soll es vermitteln?

„Kriegerehrenmale [transportieren] – neben dem Ort der Trauer - Ideologien. Nicht die Getöteten, sondern die Überlebenden haben die Denkmäler für die Betrachter erbaut“ [pc14, S. 12].
Das Radolfzeller Kriegerdenkmal haben nicht „die Überlebenden“ erbaut, sondern überlebende Nazis, und es ist kein Ort der Trauer. Aber es transportiert Ideologien: „Militaristische Ästhetik“, „militaristische Bildsprache dieser Kriegerskulptur“, zwei „martialische Soldatenstatuen, die mutigen Schrittes, mit Gewehr in Bereitschaft und munter im Wind flatternder Fahne den Deutschen Vorbild beim Überfall auf ihre Nachbarländer sein sollten“ (LR 29.10.2010).

Mit den Ergebnissen des Ersten Weltkriegs unzufrieden, strickten nationalistische, militaristische, revanchistische, antidemokratische Kreise die Dolchstoßlegende, um vom eigenen Versagen abzulenken. Sie formten den Heldenkult, um den Tod der Soldaten, die ihr Leben für die Interessen der Kriegstreiber gegeben hatten, zu einem quasireligiösen Opfer fürs „Vaterland“ zu verbrämen. „Kampfesmut, stählerner Wille, höchste Einsatzbereitschaft für Volk und Vaterland!“ sollen aus einem „Helden-Denkmal“ zum Betrachter sprechen, forderte der Berliner Völkischer Wille, Das Kampfblatt für die bevölkerungspolitischen Ziele des neuen Deutschland in seiner Nr. 45 vom 05.11.1936 [Lur86, S. 31]. Offenbar wollten die Radolfzeller Auftraggeber und ihr Bildhauer dem entsprechen.

Wie die katholische Kirche den Opfermythos förderte, zeigt sich exemplarisch-typisch im Überlinger Münster, wo an einer Seitenkapellenwand unter einer Tafel mit Namen toter Soldaten des Ersten Weltkriegs diese (von Bürgermeister Dr. Heinrich Emerich verfasste) Inschrift den göttlichen Segen für den gerechten Krieg garantiert:

Überlingen Münster StNikolaus Kriegsdenkmal Inschrift 2018-08-16 K. Hug Christliche Kriegslyrik im Überlinger Münster St. Nikolaus

Direkt gegenüber der Namenstafel der „nicht umsonst gestorbenen tapferen Söhne“, aus deren „Opfertod einst des Vaterlandes Morgenrot steigen“ wird, liefert eine Pietà inmitten eines Altars die Interpretation: Der Opfertod Jesu erlöst die Menschen, der der krepierten Krieger das Vaterland. Schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde der Kriegstod mit Jesu Opfertod gleichgesetzt (s. z.B. [Lat92, S. 87]). Danach „entwickelte sich die religiöse Verbrämung eines unansehnlichen, oft grauenhaften Soldatentodes zu einem nationalistischen Topos“ [Beh96, S. 75]. (Vgl. [pc14, S. 10–11], ausführlich [Beh96, S. 71–76], in der evangelischen Theologie [See91, S. 238–241], [DöD08].)

Überlingen Münster StNikolaus Pietà-Altar 2018-08-16 K. Hug Erlösung durch Opfertod: Pietà-Altar neben Kriegsdenkmal im Überlinger Münster St. Nikolaus

„In Festreden und Weihepredigten der 1920er Jahre“ stiegen tote Soldaten mitunter „selbst wieder aus ihren Gräbern, um eigenhändig Rache zu nehmen und den begonnenen Kampf zu einem siegreichen Ende zu bringen“ [Lib14, S. 116–117]. So konnten die Nazis nicht nur nahtlos an den Opfermythos anknüpfen, sondern den Totenkult zu einem Auferstehungsmythos jenseits jeglicher Trauermotive steigern. Im Horst-Wessel-Lied von 1929 marschierten erschossene Putschisten und Schläger im Geist in den Reihen der SA-Truppen mit. Am 10. Februar 1933 forderte der kurz zuvor installierte Reichskanzler Adolf Hitler (1889–1945) in seiner Wahlrede im Berliner Sportpalast:

„Diese zwei Millionen [tote deutsche Soldaten; die restlichen 15 Millionen Toten des Ersten Weltkriegs waren Hitler egal, K.H.], die sollen vor den Augen unserer Jugend sich wieder erheben als ewige Warner, als Forderer, als Zeugen des Opfers für die Nation. Wir wollen die Jugend erziehen zur Ehrfurcht vor unserem alten Heer, an das sie wieder denken soll, das sie wieder verehren soll, und in dem sie wieder die gewaltigste Kraftäusserung der deutschen Nation, das Sinnbild der grössten Leistung, die unser Volk je in der Geschichte vollbracht hat, sehen soll. Damit wird dieses Programm sein ein Programm der nationalen Wiedererhebung auf allen Gebieten des Lebens, unduldsam gegen jeden, der sich gegen die Nation versündigt“ [Sch34, S. 420], vgl. [Dom73, Bd. 1, S. 206].
Das „Gesetz für den Aufbau der Wehrmacht“ vom 16. März 1935 wurde als „Morgenröte des Auferstehungstages unseres Volkes“ gedeutet; Pastor Schmelzkopf verglich es am „Heldengedenktag“ 17. März 1935 „mit dem christlichen Auferstehungsfest“ [Lib14, S. 125]. Am 9. November 1935 schwärmte der Völkische Beobachter, Ausgabe Süddeutschland/München, über die NS-Kultfeier in München zum Jahrestag des Hitler-Ludendorff-Putschs im November 1923 im Leitartikel Opferflammen lodern über Sarkophagen:
„In einem Meer von wehenden Hakenkreuzbannern und im Flammenschein rauchender Pylonen werden sie [die 16 Toten des Novemberputsches – F. M.] zur Auferstehung fahren“ [Mat90, S. 64, 68].
Am „Heldengedenktag“ 12. Februar 1936 erklärte Hitler Horst Wessel (1907–1930) zum unsterblichen Märtyrer und fantasierte:
„Unsere Toten sind alle wieder lebend geworden. Sie marschieren nicht nur im Geiste, sondern lebendig mit uns mit“ [Dom73, Bd. 2, S. 575].
Auch dem Landesführer des Reichskriegerbunds Prof. Schmidt-Neustadt erschienen bei der Einweihung der Ehrenhalle in Kaiserslautern am 1. August 1937 die Kriegstoten:
„Sie leben wieder in uns, sie kämpfen wieder mit uns und sie wollen mit uns den Sieg gewinnen, für den sie starben“ (Pfälzische Presse (02.08.1937) zit. n. [Lur86, S. 173]).
Die auf den Schlachtfeldern zerfetzten Reichswehrsoldaten suchen ihre zersplitterten Knochenreste zusammen, kriechen als Zombies aus ihren Massengräbern hervor, auferstehen, unverletzt, quicklebendig, greifen ihre Gewehre und Handgranaten, mutieren zu Wehrmachtssoldaten und marschieren als Propagandisten des Kriegs, dessen Sieg der „Führer“ hochheilig beschwört, von einem Kriegerdenkmal des „Tausendjährigen Reichs“ zum nächsten.

„Schaut auf uns!“ sprechen sie zu den Alten, „Wir sind nicht sinnlos gestorben, wir sind nicht einmal tot, wir sind unbesiegt und unbesiegbar!“ „Schaut auf uns!“ locken sie die Jungen, „Wir marschieren für den Sieg. Kommt mit uns, macht mit, seid keine Feiglinge, seid Helden wie wir!“ „Schaut auf uns!“ brüllen sie ihre Gegner an, „Wir sind wieder da! Verschwindet oder wir jagen euch davon!“

Den Auferstehungsmythos ließen die Nazis in Stein meißeln – in kaum steigerbarer Deutlichkeit 1939 am NS-Kriegsdenkmal am Reeser Platz in Düsseldorf, wo an einer Reliefwand tote Soldaten des Ersten Weltkriegs aus ihrer Gruft auferstehen und bewaffnet in Reih und Glied mit ungebrochenem Kampfwillen in den Zweiten Weltkrieg marschieren. In die Inschrift dazu meißelten die Nazis die Namen eroberter Städte in Ost und West. [DISS12, S. 27–29], [Lur86, S. 149–151]

Meinhold Lurz belegt Mythen des Auferstehens und Weiterlebens an NS-Kriegsmalen z.B. auf den Seiten 29, 38, 124–125, 128, 146–147, 166, 171, 173, 218, 229, 233, 256, 276–279, 304, 367, 388, 395 in [Lur86]. Klaus Vondung nennt viele Beispiele in der Literatur des Ersten Weltkriegs [Von80b]. George L. Mosse untersucht den „Gefallenenkult“ als säkularisierte Religion seit den Befreiungskriegen anhand verschiedener Materialien [Mos80]. Ulrich Linse spricht von „Unsterblichkeitssymbolik“ [Lin80]. Florian Matzner begründet den Begriff „Auferstehungsmythos“ anhand vieler Denkmale und bewertet „die ideologische Identifikation des deutschen Soldaten und seiner Funktion im Krieg mit dem Leben und Tod Christi“ „als die pervertierteste Form der Kriegsverherrlichung“ [Mat90, S. 63, 65]. Sabine Behrenbecks Der Kult um die toten Helden bietet eine Fülle an Informationen über Heldenkult und Opfermythos. Zu psychosozialen Ursachen des Auferstehungsmythos siehe [Beh96, S. 156–159], zu Auswirkungen von Heldenkult, Opfer- und Auferstehungsmythos im Zweiten Weltkrieg [Beh91]. Robert S. Wistrich untersucht den Propagandastrang von der „Kriegskameradschaft“ zur „Volksgemeinschaft“:

„Hitler verstand instinktiv die Bedeutung der Kriegskameradschaft“ und „erkannte [..] die Wichtigkeit des patriotischen Kampfmythos und des Märtyrerkults für seine eigene nationalistische Bewegung. Das Blut derer, die für das Vaterland oder für die Nazi-Bewegung gefallen waren, sollte den Bund einer Gemeinschaft von Kameraden besiegeln. Auf diese Weise konnte der millionenfache Tod im Krieg in die nazistische Ideologie und später in die nationale Gemeinschaftsideologie des Dritten Reiches integriert werden. Es war, als ob die Millionen Toten des Ersten Weltkrieges wieder auferstanden und in den Massen, die sich neu erhoben hatten, wiedergeboren wären, um dem politischen Aufruf der Nationalsozialisten »Deutschland erwache« zu folgen“ [Wis96, S. 41].
Gerhard Armanski formuliert sarkastisch:
„der Totenkult als verweltlichter Abendmahlsmythos, in dem die Gefallenen pauschal der Entsühnung und Wiederauferstehung teilhaftig werden, obwohl sie doch als Opfer wie als Täter gegen das vierte Gebot verstießen: »Du sollst nicht töten«“ [Arm88, S. 18].

Fazit zu „Was stellt es dar?“

Das Radolfzeller NS-Kriegsdenkmal übernimmt nicht nur den in der Weimarer Republik von militaristischen Verbänden gepflegten Krieger- und Heldenkult, es verherrlicht nicht nur den vergangenen Krieg als Bewährungsfeld für preußisch-obrigkeitsstaatliche Soldatentugenden, sondern es propagiert den künftigen Krieg als Erlösung von dem „Versailler Schandverdikt“ und der „jüdisch-kapitalistisch-bolschewistischen Verschwörung“. Der Steinklotz ist ein nationalistisches, militaristisches, revanchistisches Kriegspropagandamonument, ein Monstrum chauvinistischer Großmachtvisionen und nazistischer Kriegshetze, ein Werkzeug der allgemeinen Mobilmachung. In seiner arisch-rassistischen Dimension äußert sich antisemitischer Wahn. Seine Monumentalität drückt den totalitären Machtanspruch und realen Terror des Naziregimes aus. Somit lässt es sich den Denkmalkategorien „Kriegerkult“, „Heldenkult“, „Kriegsverherrlichung“, „Kriegspropaganda“ sowie „Herrschaftssymbol“ zuordnen.
„Die Hitlerregierung, von den Rüstungsinteressenten an die Macht gebracht – von jenen Rüstungsmagnaten, welche die Nazibewegung finanzierten – macht rasende Anstrengungen, die Kriegsindustrien auf Kriegshöhe zu entwickeln und die Bevölkerung, besonders die Jugend auf Kriegsbereitschaft zu mobilisieren“ [Sch34, Vorwort S. 9].

„Von der Verherrlichung des Krieges zur Hetze gegen den Feind von gestern oder morgen ist nur ein Schritt“ [Sch34, S. 460].

„Die geistige Kriegführung geht dem Waffengang voraus, bereitet ihn vor“ [Sch39, S.94].

Wie heißt es?

„Wer die Dinge benennt, beherrscht sie. Definitionen schaffen "Realitäten". Wer definiert, greift aus der Fülle möglicher Aspekte einen heraus, natürlich denjenigen, der ihm wichtig erscheint.“
Martin Greiffenhagen (1928–2004), Politologe: Kampf um Wörter? Politische Begriffe im Meinungsstreit Hanser, München (1980) zit. n. bpb.de
„Denkmale“ heißen auch „Denkmäler“. Das Denkmalschutzgesetz und das Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg nennen „Denkmäler“ „Denkmale“. Das Landesamt nennt das Denkmal am Radolfzeller Luisenplatz „Gefallenendenkmal“; auch offizielle Radolfzeller Erinnerungskulturarbeiter scheinen diese Bezeichnung zu favorisieren.

Radolfzell NS-Kriegsdenkmal 2018-05-23 K. Hug Gedenken an „Gefallene“: Auferstandene Zombiesoldaten marschieren in den nächsten Krieg.

Welche Bezeichnungen hat es erhalten?

Je nach Sichtweise ohne oder mit Anführungszeichen:
  • Zur NS-Zeit: Denkmal, Ehrenmal für die Gefallenen des Weltkriegs, Erinnerungsstätte an die Toten des Ersten Weltkriegs, Gefallenenehrenmal, Kriegerehrenmal, Symbol einer großen Zeit, Zeuge einer großen Zeit, Zierde der Stadt.
  • Von der Neonazipartei „Der III. Weg: Ehrenmal, Erbe unserer Väter, Heldengedenkstätte, Heldenstein, Kriegerdenkmal, Soldatendenkmal, Stätte des Dankes an die schaffenden Ahnen.
  • Sonst: ambivalentes Symbol einer verlängerten „Stunde Null“, Anlaufstelle für rechtsradikal Gesinnte, anrüchiges NS-Soldatendenkmal, Anziehungspunkt für Nazis, Aufmarschfeld für Nazis, Betonsoldaten, Denkmal, drei Meter hohe Wehrmachtssoldatenstatue aus dem Jahre 1938, Ehrenmal, Erinnerung, Erinnerung an Kriegsverbrechen und die Opfer des Kriegs, Erinnerungsstätte, faschistisch anmutendes Kriegerdenkmal, Figur, Figuren, fragwürdiges Denkmal, furchtbar martialisches Mahnmal, Gedenkort, Gedenkstätte, Gedenkstätte für Rechtsradikale, Gedenkstätte für rechtsradikale Menschen, Gedenkstein, Gefallenendenkmal, Gefallenengedenkstätte, Gefallenenmahnmal, Geschichtsunterricht zum Nationalsozialismus, grimmige Gestalten, große Wehrmachtssoldatenstatue, imposantes Kriegerdenkmal, in sich stimmige Komposition der Einzelteile, in Stein gemeißeltes Zeugnis der Zeitgeschichte, kein Mahnmal, klobiges Kriegerdenkmal, kontrovers diskutiertes Denkmal, Kriegerburschen, Kriegerehrenmal, Kriegerdenkmal, Kriegermahnmal, Kriegerskulptur, Kriegerstatue, Kriegsdenkmal, Kriegskultmal, Kriegspropagandaobjekt, Kristallisationspunkt von Rechtsradikalen, Kristallisierungspunkt für radikale Gruppen, Kultort, Kultort für rechtsradikale Aktionen, Kultort neonazistischer Gruppierungen, Kultplatz von Rechten, Kultstätte, Kultstätte für Rechte, Kulturdenkmal, Mahnmal, Mahnmal der Erinnerung, der Trauer und der Hoffnung, Mahnmal für den Frieden, Mahnmal für Frieden und Freiheit, Mahnmal für Radolfzell, Mahnung, Mal aus Stein und Bronze, martialisch anmutende Soldaten, martialisch militärischer Ort, martialisch wirkende Figurengruppe von zwei Wehrmachtssoldaten, martialische Soldatenstatue, martialisches Denkmal, martialisches Kriegerdenkmal, martialisches Monument, martialisches Nazi-Denkmal, martialisches Wehrmachtsdenkmal, militaristisches von den Nazis errichtetes Kriegerdenkmal, Monument, monumentale Helden, monumentales Denkmal, Nazi-Denkmal, Nazi-Monument, Nazi-Schund, NS-Denkmal, NS-Ehrenmal, NS-Heldendenkmal, NS-Kriegerdenkmal, NS-Kultort, NS-Relikt, NS-Täter verherrlichendes Denkmal, Ort der Erinnerung, Ort des Erinnerns und Gedenkens, Ort des Gedenkens, Plastik der marschierenden Soldaten, Platz ohne Besinnung und Erinnerung, problembezogener Platz, Relikt, Schauplatz politischer Provokation, Skulptur der NS-Zeit, Soldaten, Soldatendenkmal, Soldatenfiguren, Soldaten-Skulptur, Soldaten-Statue, Spiegel des politischen und gesellschaftlichen Denkens, SS-Ehrenmal, Statue, Statue zweier bewaffneter Soldaten, Stein des Anstoßes, Steinfiguren, steingewordenes Symbol für NS-Verbrechen, Steinsoldaten, Symbol der menschenverachtenden Nazi-Ideologie, Symbol der Nationalsozialisten, übergroße Wehrmachtssoldaten, umstrittenes Kriegerdenkmal, unbequemes Denkmal, ungeeignetes Soldatenstandbild, unsägliches Kriegerdenkmal, unsägliches Monument, unverzichtbarer Ort der Erinnerung an im Krieg zu Tode gekommene Söhne und Väter, Versammlungsort rechtsorientierter Gruppierungen, vom Friedensgedanken getragener Ort, von den Nazis für ihre Zwecke genutztes Kriegerdenkmal, von der Radolfzeller Waffen-SS geweihtes „Ehrenmal“, von der Waffen-SS geweihtes Kriegerdenkmal, Wallfahrtsort für Neonazis, Wallfahrtsort und Identifikationssymbol für Rechtsextreme unterschiedlicher Couleur, Wehrmachtdenkmal, Werbemittel des Systems, würdige Stätte des Gedenkens, Trauerns und Hoffens, Zeitdokument, Zeitgeschichte bezeugendes Kulturdenkmal, zwei Figuren, zwei Soldatenfiguren mit Helm, Fahne und Gewehr.
  • Zudem: Anschauungsmaterial zur Auseinandersetzung mit der NS-Zeit, antipazifistisches Symbol, Aufmarsch- und Sammelplatz für nazistische, völkische, militaristische Gruppen, bestens gepflegtes kulturelles Erbstück, brutalistische Soldatenskulptur, Heldenkoloss, Heldenkultmal, Heldenskulptur, in Stein gemeißeltes Zeugnis der Macht und Brutalität des Naziregimes, Koloss, Kriegerfigur, Kriegermal, Kriegsmalanlage, Kriegerstein, Kriegsmal, Kriegspropagandamonster, Kultmal, Kultobjekt, Kultstätte rechtsextremer Umtriebe, Magnet für rechtsextreme Umtriebe und militaristische Kulte, Magnet rechtsextremer Umtriebe, martialische Soldatenskulptur, militaristischer Propagandaschund, Monster nazistischer Kriegspropaganda und antisemitischen Wahns, Monstermonument, Monstersteinklotz, Monstrum, Monstrum chauvinistischer Großmachtvisionen und nazistischer Kriegshetze, Monument antisemitischen Wahns, Monument nazistischer Kriegspropaganda, nationalistisches, militaristisches, revanchistisches Kriegspropagandamonument, Nazi-Monster, Nazi-Objekt, Nazi-Steinklotz, nazistischer Wallfahrtsort und Sammelplatz, neonazistisches Kultobjekt, NS-Erinnerungsmal, NS-Heldenkultmal, NS-Heldenkultstätte, NS-Heldenmal, NS-Heldenplatz, NS-Krieger, NS-Kriegerheldensymbol, NS-Kriegermal, NS-Kriegerrelikt, NS-Kriegerstein, NS-Kriegsmal, NS-Kriegspropagandamal, NS-Kriegspropagandaobjekt, NS-Kriegspropagandarelikt, NS-Kriegspropagandisten, NS-Kriegsvorbereitungsmal, NS-Kultmal, NS-Mal, NS-Monster, NS-Monstrum, NS-Monument, NS-Objekt, NS-Rachemal, NS-Schund, NS-Soldaten, NS-Steinklotz, NS-Stück, öffentliches Kulturgut, Propagandamittel für den geplanten Krieg, Propagandasoldaten, Rachemal, Relikt der NS-Zeit, Skulptur, Soldatenstein, Spiegel der militaristischen, aggressiven NS-Ideologie, steinerne Tugendbolde, steinerner Sturmtrupp, steingemeißelter Wahn, Steinklotz, Steinkrieger, Steinmal, Symbol des Kalten Kriegs, Teil der Radolfzeller NS-Geschichte, Treffpunkt reaktionärer Umtriebe, Unkulturdenkmal, Werkzeug der allgemeinen Mobilmachung, Zelebrationsort für den Volkstrauertag, „Zeuge“ von Koeppens „großer Zeit“ des SS-Terrors, der Verfolgungen, Besetzungen, Überfälle, Kriege, Vernichtungsfeldzüge, „Zeuge“ von Radolfzells „großer Zeit“ als eine von acht SS-Garnisonsstädten im „1000-jährigen Reich“.
Ohne Vollständigkeit zu beanspruchen zeigt die Liste, wie breit das Spektrum der Bezeichnungen – und Meinungen – ist.

„Kriegerdenkmale“ hießen seit den antinapoleonischen Befreiungskriegen die Erinnerungszeichen für in Kriegen getötete Soldaten, von den Stiftern als „Gefallene“, „Helden“ geehrt. Die Bezeichnung „Ehrenmal“ war typisch für die Weimarer Republik und den NS-Staat, danach hielt sie sich bis in die 1950er Jahre. Nach dem Ersten Weltkrieg versuchten Kriegserinnerungsakteure der Niederlage trotzend dem Kriegstod einen Sinn zu geben.

„Die Nomenklatur "Ehrenmal" [..] hob die Vorbildlichkeit und die Würde hervor, die den Gefallenen erwiesen wurden. Ihr Achtung gebietendes Opfer sollte zur Nachfolge anregen“ [Lur87, S. 304].

„Die Dolchstoßlegende wurde in solchen Widmungen bekräftigt und die militärische Niederlage geleugnet“ [Beh89, S. 36].

Nach dem Zweiten Weltkrieg flauten Trotzreaktionen ab, „Helden“ schrumpften zu „Opfern“, die die Betrachter mahnten; die Gedenkzeichen nannte man nun oft „Mahnmale“ – was bei neuen Malen passen mag, aber selten bei umfunktionierten alten Kriegsmalen. Meinhold Lurz empfiehlt, „den ältesten, abgegriffensten und daher wertneutralsten Begriff "Kriegerdenkmal" beizubehalten, eben weil er am wenigsten über den jeweils wechselnden Sinn des Gefallenengedächtnisses aussagt“ [Lur87, S. 305].

Soll man es „Gefallenendenkmal“ nennen?

„Bei der Verwendung auf Denkmälern nach dem Ersten Weltkrieg ist [...] anzunehmen, dass das Wort »Gefallener« dazu dienen sollte, über die Realität des Sterbens in den Materialschlachten hinwegzutäuschen“
[Kli06, S. 92].

„Das Wort ['fallen' ist] im 20. Jahrhundert nur noch als eine euphemistische Formulierung zu verstehen, die das verschleiern soll, was heute im Kriege passiert: Soldaten werden 'niedergeschossen, niedergewalzt, zerfetzt' [...] Mit der Formulierung 'Gefallene' wird wieder eine Erhöhung zum Helden bewirkt“ [Sch99, S. 65].

„Man mag über den Begriff des ›Kriegers‹, der eher antik oder germanisch anmutet, jedenfalls einer anderen Zeit angehören zu scheint, noch lächeln; spätestens mit dem Wort ›Gefallene‹ wird es einem vergehen: An die Stelle des geschichtlichen tritt ein natürlicher Vorgang, für den niemand so recht haftbar gemacht werden kann, letztlich übermenschlich und unumgehbar, erhaben und erschreckend. Soldaten fallen wie Schnee, oder der Götze verschlingt seine Opfer. Die grobe Gewalt einer hinter dem Rücken der Menschen gemachten Geschichte, die sie als Objekte nur mitschleift, hat einen solchen Begriff bitterer Ergebenheit hervorgebracht. [...] Kriegstod als Fatum wie schlechte Ernte oder Inflation“ [Arm88, S. 10].

Kurt Pätzold widmet der Frage „Gefallen. Wohin?“ ein Kapitel [Pät12, S. 29–33]. Vielleicht prägte Luther mit seiner Übersetzung des Alten Testaments die heute fragwürdige Metapher „fallen“ für „im Krieg ums Leben kommen“ [ebd. S. 31].

Als sich der Kulturausschuss des Radolfzeller Gemeinderats auf seiner Sitzung am 15.05.2018 mit der Beschlussvorlage „Prüfaufträge für Neugestaltung des Luisenplatzes“ befasst, soll „Zusätzliche Information zur Begrifflichkeit von "Gefallenendenkmal" und "Kriegerdenkmal"“ klären helfen, wie man das Objekt nennen soll. Argumente stehen sich gegenüber:

Pro „Gefallenendenkmal“ Kontra „Gefallenendenkmal“
Widmungsargument: „Das Denkmal“ sei „offiziell den Gefallenen des Ersten Weltkriegs gewidmet“, deshalb sei es ein Gefallenendenkmal. Richtig: Der erste Kommandant der Radolfzeller SS-Kaserne, SS-Obersturmbannführer Koeppen, weihte das Denkmal am Horst-Wessel-Platz im Mai 1938 als „Ehrenmal für die Gefallenen des Weltkriegs“, die die Sockelinschrift „gefallene Helden“ nennt. Der Logik der Widmung und der eines Ministerpräsidenten und früheren NS-Richters – „Was damals Rechtens war, kann heute nicht Unrecht sein!“ – folgend, können wir das Denkmal auch „Ehrenmal“ oder „Heldendenkmal“ nennen. Welcher Propaganda sind wir aufgesessen, in welcher Ideologie befangen?

Zu erinnern ist daran, dass das NS-Objekt 1938–1945 offiziell auch den „Toten der NS-Bewegung im Gau Baden“ gewidmet war, also „Kämpfern“ paramilitärischer Gruppen, die bei Saalschlachten, Straßenschlägereien, Putschversuchen, Terroraktionen u.Ä. umkamen und von den Nazis als „Gefallene“ geadelt wurden. Dass diese Widmung 1945 verschwand, sollte für Erinnerungskulturarbeit nach dem Motto „Erklären statt Verschweigen, Verdrängen, Vergessen“ (Tracik 16./17.05.2018) kein Grund sein, sie zu verschleiern, sondern Anlass, darüber aufzuklären.

Tafelargument: „Ein Gefallenendenkmal“ erinnere „an die Gefallenen und Vermissten eines Krieges“. Da neben dem Denkmal „Tafeln zu den Gefallenen und Vermissten“ hängen, sei es ein Gefallenendenkmal. Diese arg formalistische Definition ignoriert das Denkmal: Entfernt man die Tafeln, so verliert es die Bedeutung „Gefallenendenkmal“.

Auf den Tafeln stehen die Namen von 102 Waffen-SS-Angehörigen, Tätern, Kriegsverbrechern. Ist das Denkmal demnach ein „Waffen-SS-Denkmal“, „Täterdenkmal“, „Kriegsverbrecherdenkmal“? Über den Tafeln steht „RADOLFZELL GEDENKT DER OPFER DER GEWALTHERRSCHAFT UND DER TOTEN ALLER KRIEGE“. Ist das Denkmal demnach ein „Opferdenkmal“, „Totendenkmal“? Oder verheddert man sich mit formalistischen Widmungsdefinitionen in unauflösbare Widersprüche?

Siegargument: „Ein Kriegerdenkmal erinnere an siegreiche Kriege und nenne viele Soldaten sowie nur wenige Gefallene.“ Deshalb sei es kein Kriegerdenkmal. Obwohl es bisher in vielen offiziellen Texten der Stadt so hieß. Auch das formalistische Gegenstück zur obigen Definition von „Gefallenendenkmal“ ignoriert das im Denkmal Dargestellte. Es ermöglicht die Behauptung, in Deutschland gebe es nach den Weltkriegen keine Kriegerdenkmale. Das NS-Kriegerdenkmal erinnert an den Krieg, dessen Sieg die Nazis planten. Siegreich war er für die Alliierten, zu unserem Glück.

Das Sieg- mit dem Tafelargument kombiniert ergibt, da neben dem Denkmal Namenstafeln der zu 96 % überlebenden Teilnehmer des siegreichen 1870/71er Kriegs hängen, dass es doch ein Kriegerdenkmal ist.

Dass Denkmale zu den Weltkriegen nur „Gefallene“ auflisten, ist pragmatisch begründet: Die Namenslisten waren so lang, dass man sie schwer unterbrachte. „Für die überlebenden Kriegsteilnehmer war kein Platz mehr“ [Kli06, S. 86].

? „Gefallenendenkmal“ ist ein doppelter Euphemismus: Erstens, weil das Denkmal keine „Gefallenen“ darstellt. Zweitens ist „Gefallener“ ein Euphemismus. Die deutsche Sprache kennt viele Wörter für „gestorben“: entschlafen, hingeschieden, umgekommen, abgekratzt, verreckt, krepiert, getötet, umgebracht, gehängt, geköpft, erstochen, erschossen, ermordet, vergast, vernichtet, eliminiert, liquidiert. Ein „Gefallener“ ist nicht hin- oder umgefallen, er wurde durch Kriegshandlungen umgebracht. Wer Euphemismen einsetzt, will etwas verniedlichen, verschleiern, vernebeln: Sondermüll, Entsorgungspark, Ankerzentrum, Endlösung. Wer sich um Aufklärung bemüht, vermeidet Euphemismen: Giftmüll, Müllkippe, Abschiebelager, Völkermord.
? Das Denkmal erinnert weniger an die Zeit des Ersten Weltkriegs als an die Zeit seiner Entstehung, in der die Nazis den Zweiten Weltkrieg vorbereiteten. Insofern erinnert es weniger an „Gefallene“ als an Kriegstreiber.
Kaum diskutiert ist, wie die Bezeichnung des Denkmals dazu passt, dass dort am Volkstrauertag auch getöteter Bundeswehrsoldaten gedacht wird. Wirkt Trauer um Friedenssoldaten am Krieger- oder am Gefallenendenkmal überzeugender?

Fazit: Umgekommene Soldaten „Gefallene“ zu nennen ist ein Steinchen im Mosaik antiquierten Heldenkults. „Gefallenendenkmal“ ist ein schönfärberischer Name für das NS-Kriegspropagandaobjekt, der nicht zu seriöser Erinnerungskultur passt.

Bezeichnung nach dem Dargestellten statt nach der Widmung

Der optische Eindruck eines fünf Meter hohen Steinklotzes wirkt direkt auf das Gefühl und dominiert das Verstehen von Widmungsdefinitionen und Texten, die kulturell vermittelt den Verstand ansprechen. Deshalb muss vom tatsächlich Dargestellten, nicht von politisch zweckdienlichen Widmungen ausgehen, wer eine schlüssige Bezeichnung anstrebt. Wer statt der Namenstafeln das Denkmal betrachtet, erkennt keine „Gefallenen“, sondern zwei marschierende, also lebende Krieger, Soldaten, Reichswehr-, Wehrmachtssoldaten. Deshalb ist „Soldatendenkmal“ eine passende Bezeichnung. Da die Soldaten unverletzt, befahnt und schießbereit vorwärts schreiten, ist ein In-den-Krieg-Ziehen dargestellt. Deshalb passt „Kriegerdenkmal“ besser. Da es zur NS-Zeit geschaffen wurde, passt „NS-Kriegerdenkmal“ noch besser.

Bezeichnung nach den Intentionen der Auftraggeber

„Denkmäler sagen meistens sehr wenig aus über das, wofür sie stehen, oder über die, deren Namen auf ihnen verewigt sind – viel aber sagen sie aus über die Menschen, die sie erdacht / geplant / entworfen / gestaltet / finanziert haben, und über die Menschen, die die Denkmäler seit der Errrichtung in regelmäßigen rituellen Handlungen pflegen und damit den ‚Sinn‘, den die Errichtenden dem Denkmal geben wollten, zu aktualisieren versuchen“ [Sch99, S. 63].
Kriegerdenkmale beziehen sich auf vergangene Ereignisse, kommentieren und interpretieren sie „und entwickeln daraus Botschaften für Gegenwart und Zukunft“. Deshalb seien sie „immer als politische Stellungnahmen derjenigen zu verstehen, die sie errichteten, also der Denkmalstifter. Sie richten sich häufig nach außen, gegen die militärischen Gegner, aber stets auch nach innen, an die eigenen Mitbürger“ [Kli06, S. 10]. Was Kerstin Klingel allgemein formuliert, konkretisieren die Duisburger Forscher:
„Kriegsdenkmäler geben die Intentionen der jeweiligen Stifter wieder und nicht die der angeblich Geehrten und deren Hinterbliebenen. Häufig geht es dabei um Heldenverehrung und nicht um die Trauer um die Toten. Die Denkmäler weisen in die Zukunft: Zukünftige Generationen hätten die Pflicht, eines Tages ebenfalls für’s Vaterland zu sterben. [...] Die allermeisten dieser Denkmäler ehren nicht die toten Krieger, sondern den Krieg“ [DISS12, S. 9–10].
Dies trifft auch auf das Radolfzeller Denkmal zu: Nach den Intentionen der NS-Auftraggeber sollte es den Krieger- und Heldenkult stärken, den vergangenen Krieg verherrlichen und den künftigen Krieg propagieren. Deshalb passt die Bezeichnung „NS-Kriegsdenkmal“ noch besser als „NS-Kriegerdenkmal“.

Ist es ein „Mahnmal für den Frieden“?

Wo man über ein Kriegsdenkmal debattiert, werden auch Ansichten geäußert wie, es erinnere an Kriegsopfer und Kriegsverbrechen, man solle es als Mahnmal gegen den Krieg und völkisch-rassistisches Denken lesen, es biete eine Chance, über eine friedliche Zukunft zu sprechen, es handle sich um ein Mahnmal für Frieden und Freiheit, ja das ganze Ensemble sei ein vom Friedensgedanken getragener Ort.

Bei einem NS-Kriegspropagandaobjekt mögen solche Interpretationen gut gemeint sein, beruhen aber nicht auf Fakten, sondern auf Wunschträumen. Es sind Versuche, das Kriegsdenkmal für friedenspolitische Zwecke zu instrumentalisieren, die den urprünglichen kriegsverherrlichenden Zwecken diametral entgegenstehen. Unklar ist, ob solche Versuche – vielleicht ungewollt – historische Fakten zum Denkmal verschleiern und so eher zu Verdrängung als zu Aufklärung beitragen. Ob mit kontrafaktischen Instrumentalisierungsansätzen friedenspolitische Ziele erreicht werden können, erscheint fraglich. Der Vorschlag, etwas „gegen den Strich zu deuten“, könnte sich als Schlendern in Richtung Beliebigkeit erweisen.

Dass das NS-Relikt kein Friedensmahnmal sein kann, bedeutet nicht, dass es nie zu etwas mahnte. In der Tat ermahnte es 1938–1945 die Bürger, sich dem Naziregime zu fügen und die Jungmannen, den vorbildlich toten Kriegsheroen zu folgen, sich besinnungslos in den Krieg führen zu lassen und ihr kurzes Leben tugendhaft im Heldentod zu erfüllen [Lur86, S. 304].

Ist es ein Denkmal, ein Erinnerungsmal?

Als Kriegspropagandamittel zielt es auf den Bauch, nicht auf den Kopf. Es soll Feindbilder bestätigen, Rachegelüste verstärken, Hassgefühle anstacheln, militärische Überlegenheit suggerieren, aber nicht zum Denken anregen. Dies rechtfertigt, es abweichend vom üblichen Sprachgebrauch auch schlicht „Mal“ statt „Denkmal“ zu nennen: Kriegermal, Kriegsmal, NS-Kriegermal, NS-Kriegsmal. Deutlicher drücken NS-Kriegspropagandamal und NS-Kriegsvorbereitungsmal seinen Zweck aus.

Woran erinnert es? Nicht an Ereignisse und Ergebnisse des Ersten Weltkriegs, aber an die Vorbereitung des Zweiten Weltkriegs. Somit ist es ein Erinnerungsmal für die NS-Zeit, ein NS-Erinnerungsmal.

Was ist es zudem?

Im Jahr 1958 wurde es durch Ergänzung der Namenstafeln der 1939–1945 getöteten Soldaten zu einem Sammeldenkmal oder Kombi-Denkmal für beide Weltkriege uminterpretiert [Lur87, S. 42], [Lib14, S. 175], durch Anbringung der Ostlandtafel in ein Kriegsfolgendenkmal umfunktioniert [Lib18, S. 6]. Forschungsarbeiten fördern neue Aspekte zutage. Nach Sabine Behrenbecks Der Kult um die toten Helden [Beh96] ist es ein Heldenkultmal, Kultmal, NS-Heldenkultmal, NS-Kultmal, nach Loretana de Liberos Rache und Triumph [Lib14] ein Rachemal, NS-Rachemal.

Fazit zu „Wie heißt es?“

Zahlreiche Bezeichnungen treffen mehr oder weniger zu. Kurz und prägnant ist NS-Kriegsmal.

Zubehör

  1. Der Name Luisenplatz entstand 1906 durch Widmung an Prinzessin Luise von Preußen (1838–1923), seit 1856 durch Heirat mit dem badischen Großherzog Friedrich I. Großherzogin Luise von Baden. Die „Sozialpolitikerin“, „Wohltäterin der badischen Heimat“, „Mutter des Roten Kreuzes“ gründete 1859 den ersten Badischen Frauenverein, Vorläufer der Rotkreuz-Schwesternschaft, protegierte ein Netz von Hilfseinrichtungen in Baden, lebte nach dem Sturz der Monarchie im November 1918 und der Flucht aus der Residenz Karlsruhe zeitweilig im Schloss Langenstein und auf der Insel Mainau. (Wikipedia: Luise von Preußen (1838–1923); Institut für Frauen-Biographieforschung, fembio e.V.: Luise Großherzogin von Baden)

    Zur NS-Zeit wurde der Platz ab 1934 Horst-Wessel-Platz genannt, ab 1936 zur „Heldengedenkstätte“ umgestaltet und ab 1938 für kriegsverherrlichende Zeremonien genutzt. Danach blieben alle NS-Artefakte bis auf Hakenkreuz, Reichsadler und Gedenktafel für die Toten der NS-Bewegung auf dem Platz, nur der Name von 1906 wurde rezykliert.

Radolfzell Luisenplatz Bushaltestelle 2018-09-11 K. Hug Luisenplatz heißt eine Bushaltestelle. 4 6/8 bezeichnet weder Geburts- und Todesjahr der verehrten Großherzogin noch die Telefonnummer des von ihr geförderten Roten Kreuzes.

Radolfzell Luisenplatz Straßenschilder 2018-11-09 K. Hug Straßenschilder „Luisenplatz“ (ohne Erläuterungen) stehen 80 und 120 Meter die Straße auf- bzw. abwärts (wo keine Plätze sind), um das 200 Meter lange Straßenstück zwischen Konstanzer Straße und Scheffelstraße zu bezeichnen.

  1. Den Platz an der Straße, die „Luisenplatz“ heißt, ziert die über 100-jährige Platane mit dem Naturdenkmal-Dreieck.
Radolfzell Luisenplatz Platane 2018-09-11 K. Hug Lebendiger Zeuge der Geschichte

Radolfzell Luisenplatz Platane Naturdenkmal 2018-09-11 K. Hug Namenlos kategorisiert

  1. Die Umfassungsmauern, zwei Pylonen mit Feuerschalen, Treppen und Wände aus Hegauer/Randegger Muschelkalk wurden 1936–1938 nach NS-Plänen geschaffen. Von den ursprünglich drei Stufen zur Tafelwand sind zwei erhalten geblieben, die Zugangstreppe von der Fürstenbergstraße wurde durch Betonstufen ersetzt, die Feuerschale auf dem östlichen Pylonen ist verschwunden.

    Feuerschalen standen „nach dem Ersten Weltkrieg und zur Zeit des Nationalsozialismus für das neue Reich“ [Kli06, S. 80]. Bei Feiern gehörten sie „zusammen mit Fackeln und Fahnen“ „zum üblichen Zeremoniell der Aufmärsche, bei denen sie ein emotionales Stimulanz bildeten“ [Lur87, S. 243, 245, 258].

Radolfzell Luisenplatz westlicher Pylon mit Feuerschale 2018-09-11 K. Hug Westlicher Pylon mit Feuerschale: Antikisierendes Symbol des NS-Heldenkults

Radolfzell Luisenplatz Feuerschale 2018-09-11 K. Hug Wo einst lodernde Flammen Jungmannen stimulierten, ihr Leben dem „Führer“ zu schenken, warnt die Schachtel: „Rauchen ist tödlich – Rauchen verursacht Mund-, Rachen- und Kehlkopfkrebs“.

Radolfzell Luisenplatz Feuerschale 2019-05-14 K. Hug „Rauchen ist tödlich – Rauchen mindert Ihre Fruchtbarkeit“: Zu spät kommt diese Erkenntnis für jene Radolfzeller SS-Mannen und „arischen“ Maiden, die sich am „Lebensborn“-Projekt („Schenk dem Führer ein Kind!“) beteiligten.

  1. Vom Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 blieben zwei Bronze- oder Kupferplatten mit den Namen von 31 Kriegsteilnehmern, davon 30 Überlebenden, 21 Kombattanten (Angehörige der Streitkräfte mit Kampfauftrag) und 10 Nichtkombattanten. Die 1969 an der Ostseite der Tafelwand angebrachten Platten sind Relikte des 1899 auf dem Marktplatz errichteten Kriegerdenkmals. Die Nazis versetzten es 1939 in den Stadtgarten, schmolzen 1943 seine Bronzefigur eines jungen sterbenden Soldaten ein und bauten den Obelisken bald darauf ab. Die Denkmalreste wurden 1962 beseitigt. [BlH17, S. 93–96, 117]
Radolfzell NS-Kriegsdenkmal Kupfer-Schriftplatten 1870/71 2018-09-11 K. Hug Den 1870/71er Krieg überlebten 30 von 31 Kriegsteilnehmern.
  1. Zum Ersten Weltkrieg 1914–1918 listen seit 1958 drei Bronzetafeln (im Stil der Tafeln für 1939–1945) an der breiten Wand die Namen von 229 gefallenen Reichswehrsoldaten, als man die im NS-Jahr 1938 installierten sieben Steintafeln ersetzte. (Wo sind die Steintafeln geblieben?)
  2. Daneben listen seit 1958 vier Bronzetafeln zum Zweiten Weltkrieg 1939–1945 die Namen von 459 toten und vermissten Wehrmachtssoldaten sowie von 102 Waffen-SS-Angehörigen, die 1937–1939 in Radolfzell stationiert, polizeilich gemeldet oder verheiratet waren.
    • Die Auswahl der Namen traf Konrad Dombrowski (1896–1985), einst Mitglied der NSDAP, Hauptmann der Wehrmacht, Rektor in Heilsberg, Ostpreußen (heute Lidzbark Warminski, Polen), später Oberlehrer an der gartenbaulichen Berufsschule in Radolfzell, stellvertretender Bezirksgärtnermeister, unabhängiger Stadtrat und Vorsitzender des Denkmalausschusses für die „Ehrenmal“-Gestaltung.
    • Die Ehrung von SS-Angehörigen im öffentlichen Raum widerspricht dem Urteil des Internationalen Militärgerichtshofs vom 1. Oktober 1946 zum Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher, das die SS als verbrecherische Organisation des Naziregimes einstufte [Pät12, S. 69].
    • Jeder genannte Soldat hat im statistischen Mittel 7–8 ungenannte Menschen getötet, bevor er selbst getötet wurde. Also fielen den 661 Wehrmachts- und SS-Tätern statistisch rund 5.000 Menschen zum Opfer, deren Namen niemand kennt. (Zahlenbasis in Wikipedia)
Auf den sieben Tafeln reihen sich die Namen von Tätern deutscher Aggressions- und Vernichtungskriege unterschiedslos, ob sie für das Kaiserreich, das Naziregime oder eine Verbrecherorganisation Krieg führten. Wieviele Menschen jeder einzelne umbrachte, bevor er selbst umkam, weiß niemand. Die alphabetischen Sortierungen ohne Todesdaten informieren nicht darüber, wie die Kriegsverläufe die Totenraten beeinflussten. Das Weglassen militärischer Dienstgrade verschleiert die SS-Mitgliedschaft.

Radolfzell NS-Kriegsdenkmal Tafelwand 2018-09-11 K. Hug Tätertafelwand: 102 SS-Angehörige unter 790 in den Weltkriegen umgekommenen Soldaten, deren Namen auf sieben Tafeln stehen, umrankelt von Immergrün aus einem Beet, das seit 1958 die obersten Stufenplatten ersetzt.

  1. Am östlichen Wandende zeigt die 1958 installierte Bronze-Relieftafel der Heimatvertriebenen (Vertriebenendenkmal, Ostland-Gedenkplatte) – von Ex-NS-Dombrowski entworfen, Maria mit Jesuskind zitierend, vom Stuttgarter Bildhauer Erich Glauer (1903–1987) ausgeführt – eine Mutter mit Kind zwischen Sonnenaufgang, Kreuzen, Ruinen und dem Text
    „OB KIND DIESER STADT OB HEIMATVERTRIEBEN
    OB IM FELD AUF DER FLUCHT IN DER HEIMAT GEFALLEN
    OB MANN FRAU ODER KIND VERGESSET SIE NIE“.
    Das Relief nach Lurz’ Kategorien der Trauermotive gedeutet: In der Mitte sitzt eine junge Frau mit einem Kind auf dem Schoß, wohl eine Witwe, die um ihren „im Feld der Ehre“ gebliebenen Mann trauert. Das Motiv verlagert die Sicht der Kriegsereignisse „in die Angehörigen und Hinterbliebenen. [...] Frauengestalten als Trauermotiv [..] wiederholten [...] die Trauer jener Angehörigen, die zum Denkmal kamen, um der Gefallenen zu gedenken. Insofern führten sie den Betrachtern ihren Spiegel vor Augen“ [Lur87, S. 177]. Die Ruinen und Kreuze symbolisieren, wie „sich der Gegensatz von Front und Heimat durch den totalen Krieg, dem sich niemand mehr entziehen konnte, teilweise aufgehoben“ hatte [ebd.]. Doch der massenhafte Tod tritt hinter individuelle Trauer zurück.

    Kritisch gedeutet: Die Tafel schildert Kriegsfolgen, keine -ursachen, dehnt die Bezeichnung „Gefallene“ auf getötete Zivilisten, vermeidet jeden Bezug auf das Naziregime und seine Verbrechen und appelliert stattdessen an Gefühle für Heimat und Familie. Mehr dazu (und anderen Inschriften) unter Inschriften und Funktionen.

Radolfzell NS-Kriegsdenkmal Bronze-Relieftafel 2018-05-23 K. Hug Christliche Symbolik zwecks verstockter Verdrängung des NS-Angriffskriegs, schamloser Protektion von SS-Mitgliedern und revanchistischer Ostlandreiterei
  1. Die Stadt platzierte 2001 einige Meter vor den NS-Kriegern die transparente Textstele mit dem Satz:
    „Als dieses Denkmal 1938 aufgestellt wurde, waren die Planungen für den nächsten Krieg und den Holocaust schon weit fortgeschritten. Millionen Männer, Frauen und Kinder wurden Opfer der nationalsozialistischen Unmenschlichkeit.

    Stadt Radolfzell am Bodensee Volkstrauertag 2001“.

Radolfzell NS-Kriegsdenkmal Textstele+NS-Kriegsdenkmal 2018-09-11 K. Hug Sie scheinen durch.
  1. Im November 2011 erhielten die Tätertafeln die Überschrift in Metall-Lettern:
    „RADOLFZELL GEDENKT DER OPFER DER GEWALTHERRSCHAFT UND DER TOTEN ALLER KRIEGE“.
    Die Formulierung ignoriert Verantwortung und Täterschaft der auf den Tafeln Gelisteten und der Regime, denen sie dienten.
  2. Am 100. Jahrestag des Beginns des Ersten Weltkriegs, dem 1. August 2014, präsentierte die Stadt die fünf Glas-Informationstafeln zur Entstehung des NS-Kriegsdenkmals, die westlich dahinter vor einer efeuberankten Mauer stehen. Der Radolfzeller Künstler Markus Daum gestaltete die Tafeln. Die von Mitgliedern des städtischen Arbeitskreises Erinnerungskultur (Achim Fenner, Norbert Lumbe, Christof Stadler, Markus Wolter) verfassten Texte sind informativ und verständlich, aber optisch fast unleserlich, weil das Glas spiegelt und der Hintergrund unruhig ist.

    Kritisch anzumerken ist, dass keiner der Texte die Rolle des Denkmals bei der propagandistischen Kriegsvorbereitung erwähnt; Details werden ausgebreitet, Wesentliches verpasst. Die Tafeln enthalten keine Hinweise auf den Grund und das Datum ihrer Aufstellung, die Lesern die historische Einordnung erleichtern könnten.

Radolfzell NS-Kriegsdenkmal Infotafeln 2018-09-11 K. Hug Es scheint durch.

Radolfzell NS-Kriegsdenkmal Infotafel 1 2018-05-23 K. Hug Infotafel 1: »Wann wird man je verstehn?« zum Vergrößern anklicken!

Radolfzell NS-Kriegsdenkmal Infotafel 2 2018-05-23 K. Hug Infotafel 2 mit Fotos zum Vergrößern anklicken!

Radolfzell NS-Kriegsdenkmal Infotafeln 3+4 2018-05-23 K. Hug Infotafel 3: Erinnerung an »gefallene Helden« der Stadt Radolfzell, Infotafel 4: »Die gefallenen Söhne der Stadt« – Die Umgestaltung und die Namenstafeln von 1958 zum Vergrößern anklicken!

Radolfzell NS-Kriegsdenkmal Infotafel 5 2018-05-23 K. Hug Infotafel 5: »Wer vor der Vergangenheit die Augen schließt, wird blind für die Gegenwart.« R. v. WEIZSÄCKER zum Vergrößern anklicken! Wer vor diesen Glastafeln die Augen öffnet, wird blind von dem Geflimmer.

Für eine leserliche Darstellung der Inhalte der fünf Informationstafeln siehe Kommentierende Texttafeln (2014) zur Entstehungsgeschichte des Kriegerdenkmals und zur Geschichte der „Gedenkkultur“ an diesem Ort radolfzell-ns-geschichte.von-unten.org/_media/tafeln_kriegerdenkmal_final_06.06.2014.pdf.

Radolfzell Luisenplatz total 2018-09-11 K. Hug Gesamtansicht der Kriegsmalanlage als Suchbild: Wo sind Textstele und Informationstafeln?

Inschriften

Dieser Abschnitt untersucht die Inschriften der Kriegerdenkmale von 1899 bis 2011 jeweils nach den Aspekten Stifterkreis, Erinnertenkreis, Aussagen und Zweck des Denkmals. Unter Aussagen wird gefragt, was die Inschrift im Kontext der Denkmalform zum Sinn des Kriegstods aussagt, aber auch zu Trauer, Trost, Ursachen und Verantwortlichen des Kriegs.

Nach Meinhold Lurz konstituieren „Form, Aufstellungsort und Inschrift“ eines Denkmals seine Aussage und Identität, wobei die drei Faktoren „sich ergänzen, korrigieren oder in Spannung zueinander treten“ können. Da Inschriften verbalisieren, was „Form und Ort symbolisch verschlüsselt“ ausdrücken, beeinflussen sie die Identität eines Denkmals stark. [Lur87, S. 303]

1899 bis um 1943 Widmung zur Kriegstraditionspflege: Das auf Initiative des Militärvereins 1899 auf dem Marktplatz errichtete Kriegerdenkmal zum Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 trug die Inschrift

„Den Verstorbenen zum Andenken, den Lebenden zur Erinnerung,
den kommenden Geschlechtern zur Nacheiferung“
[BlH17, S. 93–96, 117], eine Abwandlung der originären Widmungsinschrift
„Den Gefallenen zum Gedächtniß, den Lebenden zur Anerkennung,
den künftigen Geschlechtern zur Nacheiferung“
des Berliner Kreuzbergdenkmals von 1821, die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft im kriegerischen Sinn verband (vgl. [Vog93, S. 30–32]). Vier Aspekte seien betrachtet:
  • Wer die Widmung äußerte, war offen. Der Stifterkreis blieb anonym.
  • Der Erinnertenkreis war durch die Jahreszahlen „1870–71“ und die Titel „Kombattanten“ und „Nichtkombattanten“ der Namenslisten klar umrissen. Die Widmung galt aber auch „den Lebenden“ (welchen?) und „den kommenden Geschlechtern“.
  • Die Inschrift überhöhte den national-heroischen Opfersinn des Kriegstods weniger stark als die Denkmalform. An die Stelle zu ehrender „Gefallener“ traten schlicht „Verstorbene“ (es war nur einer). Trotz des Sieges gönnte die Widmung den (Über-)Lebenden statt „Anerkennung“ nur „Erinnerung“.
  • Der Zweck des Denkmals war die Empfehlung zum Gedenken, Erinnern, Nacheifern. Die Bronzefigur des jungen Soldaten, der sich Fahne und Säbel krallend am Sockel des steinernen Obelisken zum Sterben hinrenkte, kontrastierte zum Appell, die Jugend möge diesem Helden, der sein Leben für die Einigung des Reichs opferte, nacheifern.
Als die Nazis 39 Jahre später ihr Kriegerdenkmal am Horst-Wessel-Platz errichteten, war die Inschrift des Kreuzbergdenkmals reichsweit so oft abgewandelt worden, dass sie auf eine weitere textliche Variante verzichteten und stattdessen eine architektonische realisierten: Die Vergangenheit des Weltkriegs repräsentierten sie in der östlichen Wand mit den steinernen Namenstafeln, die Gegenwart ihres NS-Staats in der westlichen Wand mit der
„Gedenktafel für die Toten der NS-Bewegung im Gau Baden“,
die Zukunft des nächsten Kriegs in der Skulptur der mit Fahne und Gewehr marschierenden Soldaten. War das wilhelminische Denkmal 28 Jahre nach Kriegsende und 15 Jahre vor Beginn des Ersten Weltkriegs eingeweiht worden, so das nazistische 20 Jahre nach Kriegsende und ein Jahr vor Beginn des Zweiten Weltkriegs. Aus der Empfehlung zur Nacheiferung war terroristischer Zwang geworden.

Als weitere 20 Jahre später der Ex-Nazi Dombrowski die Umfunktionierung des NS-Kriegsvorbereitungsmals zum Kriegsfolgenmal leitete, war der NS-Staat vergangen und die BRD gegenwärtig. Nun repräsentierte die östliche Wand die Vergangenheit der beiden Weltkriege. Indem die Sinnstifter des Kriegstods die westliche Wand der Gegenwart mit Efeu zuwuchern ließen, dokumentierten sie ihre Sprachlosigkeit gegenüber den Verbrechen des NS-Staats und den politischen Gehversuchen der jungen BRD. Die Kriegerskulptur ließen sie weiterhin die Zukunft repräsentieren, umgedeutet in einen Revanchismus, der sich nur noch gegen den Ostblock richtete. Die Forderung zur Nacheiferung blieb in Stein gemeißelt stehen, wenn auch die Einbindung der BRD in den westlichen Block ihr die außenpolitische Option eines weiteren Angriffskriegs nahm.

1938 bis 1958 Ehrung der Helden: Die Inschrift am Sockel des NS-Kriegerdenkmals von 1938 lautete:

„DIE STADT RADOLFZELL / IHREN IM WELTKRIEGE /
✚ 1914–1918 ✚ / GEFALLENEN HELDEN“.
Die obigen vier Aspekte seien wieder betrachtet:
  • Der Stifterkreis aus NSDAP, SS, Kriegervereinen blieb anonym. Er maßte sich an, die Widmung im Namen der ganzen „STADT RADOLFZELL“ einzumeißeln.
  • Der Erinnertenkreis war durch die Jahreszahlen „1914–1918“, die Eisernen Kreuze und die „GEFALLENEN HELDEN“ unter der Kriegerfigur definiert.
  • Der Sinn des Kriegstods war sowohl durch die euphemistische und heroisierende Bezeichnung der Toten als auch durch die Skulptur des aggressiven Sturmtrupps nazistisch übersteigert. So wurde die Niederlage der Reichswehr ignoriert.
  • Obwohl die Inschrift den Zweck des Denkmals nicht explizit nannte, war er Betrachtern durch die Verbindung der „GEFALLENEN HELDEN“ mit der Heldenskulptur klar: Das Gedenken und Erinnern sollte zum Nacheifern, zum Mitmarschieren unter der Hakenkreuz-Fahne führen.
Zu beobachten ist hier auch, worauf Arnold Vogt hinweist:
„die verbreitete Doppeldeutigkeit der Denkmalsfiguren dieser Zeit, ob nun die Toten inschriftlich genannt wurden oder die Stifter sich selbst als Kriegsteilnehmer und Überlebende darstellten“ [Vog93, S. 173].
1958 bis 2011 Ehrung des Soldatentums: Als der Denkmalausschuss 20 Jahre später das NS-Kriegsmal zum Sammeldenkmal uminterpretierte, lautete die angepasste Sockelinschrift:
„DIE STADT RADOLFZELL / IHREN IN DEN WELTKRIEGEN /
1914–1918 UND 1939–1945 / GEFALLENEN SÖHNEN“.
Dazu wieder die vier Aspekte:
  • Dass das Denkmal in die Obhut der Stadt übergegangen war, legitimierte die Widmung namens der „STADT RADOLFZELL“ demokratisch, wenn auch über die Ecken des von oben eingesetzten Denkmalausschusses und der Mehrheitsverhältnisse im Gemeinderat. Dabei wurde der ursprüngliche Stifterkreis aus NSDAP, SS, Kriegervereinen verschleiert.
  • Den Erinnertenkreis markierten die Jahreszahlen „1914–1918“ und „1939–1945“ und die „GEFALLENEN SÖHNE“ unter der Skulptur: Es ging nur um Soldaten, weder um zivile Kriegsopfer noch um Opfer des Naziregimes.
  • Der Sinn des Kriegstods blieb durch die euphemistische Bezeichnung der Toten und durch die Kriegerskulptur nationalistisch-militaristisch geprägt, wenn auch die „HELDEN“ zu „SÖHNEN“ degradiert wurden. Damit schien die Totenzahl 561 eher verträglich, die Niederlagen von Reichswehr und Wehrmacht in den Weltkriegen leichter beschweigbar.
  • Obwohl die Inschrift keinen Zweck des Denkmals nannte, sollten Betrachter sich mit „Söhnen Radolfzells“ identifizieren und sich zum nacheifernden Mitmarschieren in der neu gebildeten Bundeswehr aufgefordert fühlen.
Ab 1958 Appell zum Erinnern: Synchron mit der Umdeutung zum Sammeldenkmal erfolgte die Umfunktionierung zum Kriegsfolgendenkmal. Die Inschrift der von Ex-NS-Dombrowski entworfenen Ostlandtafel lautet:
„OB KIND DIESER STADT OB HEIMATVERTRIEBEN
OB IM FELD AUF DER FLUCHT IN DER HEIMAT GEFALLEN
OB MANN FRAU ODER KIND VERGESSET SIE NIE“.
Wiederum die vier Aspekte:
  • Der Stifterkreis aus Heimatvertriebenen bleibt anonym.
  • Der Erinnertenkreis ist zwar ausgedehnt, aber nicht klar umrissen. Ihn zu deuten ist Betrachtern überlassen. Ist „KIND DIESER STADT“ wörtlich oder übertragen gemeint? Wer gilt als „HEIMATVERTRIEBEN“? Gehören die Exilierten der Vorkriegs- und Kriegszeit dazu? Oder nur die in der Nachkriegszeit aus dem Osten Vertriebenen? „Fallen“ können nur heroische Soldaten, im Feld oder beim Verteidigen der Heimat. Aber fliehende Soldaten? Das Relief suggeriert, dass die zivilen Kriegstoten gemeint sind. Sollen auch sie als „GEFALLEN“ zählen? Wer ist mit „MANN FRAU ODER KIND“ gemeint? Nur die Toten, die alle als „GEFALLEN“ zählen sollen? Oder auch Überlebende? Interpretationen siehe unter Funktionen, auch für die folgenden Aspekte.
  • Die Relieftafel beantwortet die Frage nach dem Sinn des Kriegstods durch das Wort „GEFALLEN“ in Verbindung mit der Sockelinschrift und der Skulptur: Es ist der alte nationalistisch-militaristische Sinn.
  • Der Zweck der Relieftafel ist der Appell, den diffusen Erinnertenkreis nie zu vergessen. Warum und wozu sagt sie nicht selbst, sondern der Kontext der Skulptur und deren Inschrift (bis 2011): Um den „Gefallenen“ nachzueifern.
Ab 2001 Fakten zu Opfern: Es dauerte 43 Jahre bis zur nächsten Ergänzung der Inschriften, die das NS-Kriegsmal mit der Inschrift der transparenten Textstele konfrontierte:
„Als dieses Denkmal 1938 aufgestellt wurde, waren die Planungen für den nächsten Krieg und den Holocaust schon weit fortgeschritten. Millionen Männer, Frauen und Kinder wurden Opfer der nationalsozialistischen Unmenschlichkeit.

Stadt Radolfzell am Bodensee Volkstrauertag 2001“.

Die vier Aspekte:
  • Stifter ist offenbar die Stadt Radolfzell.
  • Den Erinnertenkreis bilden „Millionen Männer, Frauen und Kinder, die Opfer der nationalsozialistischen Unmenschlichkeit wurden“. Der Hinweis auf „Krieg“ und „Holocaust“ grenzt den Kreis ein, lässt aber offen, ob nur Tote oder auch Überlebende gemeint sind.
  • Obwohl der Text nur historische Fakten resümiert, ist er für Deutungen offen. Die Frage nach dem Sinn des Tods wird durch die Anzahl beantwortet: Es gibt keinen Sinn für Millionen von Opfern. Je zahlreicher die Opfer, desto sinnloser der Tod. Trauer klingt an, Trost gibt es nicht, angeklagt werden Krieg und Holocaust. Als ursächlich und verantwortlich erscheint die „nationalsozialistische Unmenschlichkeit“.
  • Der Zweck der Textstele ist kein Appell an die Betrachter, sondern sie durch zwei faktenbasierte Aussagen, die zur Kriegerskulptur kontrastieren, zum Nachdenken anzuregen.
Mit diesem Text brachte Radolfzell die bisher prägnanteste Aussage zu seinem NS-Kriegsmal hervor. Er impliziert, dass die Denkmalanlage eine Rolle in den „Planungen für den nächsten Krieg und den Holocaust“ spielte und dadurch ein Stück „nationalsozialistischer Unmenschlichkeit“ ausdrückt.

Dennoch seien Unschärfen genannt. Die „nationalsozialistische Unmenschlichkeit“ scheint sich ebenso zum Subjekt verselbstständigt zu haben wie die „Planungen“, von denen nicht gesagt wird, wer sie ausgeführt hat. Den Opfern stehen keine Täter gegenüber, sondern deren Eigenschaft der „Unmenschlichkeit“, die wohl auch die „Planungen“ zu verantworten hat. Umstellen der Wörter ergibt „unmenschlichen Nationalsozialismus“ oder „unmenschliche Nationalsozialisten“. So gewinnen Ursachen und Verantwortliche Kontur als nazistische Ideologie und deren Träger.

Ab 2011 Selbstdarstellung des Gedenkens: Weitere 10 Jahre später migrierte die Sockelinschrift an die Tafelwand und mutierte von der Widmung zur Aussage

„RADOLFZELL GEDENKT DER OPFER DER GEWALTHERRSCHAFT UND DER TOTEN ALLER KRIEGE“,
einer Abwandlung der Widmung
„Den Opfern der Kriege und der Gewaltherrschaft“
zur Gedenktafel vor Schinkels ehemaligem Anatomiegebäude in Bonn, die als zentrales „Ehrenmal“ der BRD geplant und 1964 eingeweiht wurde [Lur 87, S. 81, 94–97, 334–336]. Die Formel ging ohne bestimmte Artikel in den Titel des Gräbergesetzes vom 1. Juli 1965 ein:
„Gesetz über die Erhaltung der Gräber der Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft (Gräbergesetz)“.
Es „stellte die Opfer der Gewaltherrschaft denen des Kriegs gleich“ [Lur87, S. 117]. In den Personenkreis der Opfer nahm es auf (§ 1 Anwendungsbereich): Kriegstote der Ersten Weltkriegs; von 1939 bis 1952 gefallene oder tödlich verunglückte Militärbedienstete, in Kriegsgefangenschaft oder danach Gestorbene, durch Kriegseinwirkungen gestorbene Zivilisten, während der Umsiedlung gestorbene Vertriebene; von 1933 bis 1952 durch nazistische Gewalt Umgekommene; „als Opfer des kommunistischen Regimes ums Leben gekommene“ Personen; seit 1939 während der Verschleppung oder danach gestorbene Deutsche; von 1939 bis 1945 in Lagern unter deutscher Verwaltung gestorbene Internierte und nach Deutschland verschleppte gestorbene Zwangsarbeiter; von 1945 bis 1950 in internationalen Sammellagern gestorbene Ausländer.
„Die Formel ‚Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft‘, die sich allgemein durchgesetzt hat, schließt die gefallenen Soldaten der Weltkriege ein, was die aktive Dimension ihres Handelns ausblendet“ [HeE13, S. 142].

„Die Erinnerung wurde so losgelöst von den konkreten historischen Zusammenhängen und von der eigentlich doch drängenden Frage, ob die deutschen Soldaten des Zweiten Weltkrieges nicht auch Täter gewesen waren“ [Kru08, S. 43].

„Die »Opfergemeinschaft der Nachkriegszeit« entwickelte ein »kollektives Opferselbstbild«, das als »Viktimisierungsfalle« dechiffriert worden ist“ [DöD08, S. 75].

So wurden Täter zu Opfern umdeklariert. Zudem verstand das Gräbergesetz unter „Gewaltherrschaft“ nicht nur die „nationalsozialistische“, sondern auch die „kommunistische“, ganz im Sinn der Relativierung des Naziregimes im Kalten Krieg mittels Totalitarismustheorien. Dieser historische Hintergrund des Begriffs „Gewaltherrschaft“ ist zu berücksichtigen.

Die Tafelüberschrift weicht zweifach von der üblichen Formel ab: Sie setzt „GEWALTHERRSCHAFT“ an die erste Stelle vor „KRIEGE“, und sie teilt die Betroffenen in zwei Kategorien: „OPFER“ und „TOTE“. Insofern setzt sie – von den Zitaten abweichend – die beiden Gruppen von Betroffenen nicht gleich, und sie blendet die aktive Dimension des Handelns der toten Soldaten nicht aus, da sie sie nicht als „OPFER“, sondern als „TOTE“ kategorisiert (sofern man ausschließt, dass die Soldaten in beiden Kategorien vorkommen). Die gewandelte Formel widerspiegelt geänderte Sichten, zu denen auch die Wehrmachtsausstellungen von 1995 bis 2004 beigetragen hatten. Klaus Naumann bemerkt in seinem Beitrag Abwehr, Abschreckung, Distanzierung. Militär, Öffentlichkeit und Tod in der Bundesrepublik, dass der

„Minimalkonsens des militärischen Totengedenkens, die deutschen Soldaten seien weder Helden noch Verbrecher gewesen, sondern pflichtergebene Opfer, eine Formel, die sich während der Bonner Republik herausbildete, [..] schließlich von den Debatten um die Rolle der Wehrmacht erschüttert“ wurde [HeE08, S. 166].
Nun zu den vier Aspekten:
  • Stifter ist offenbar die Stadt Radolfzell.
  • Den Erinnertenkreis bilden die „OPFER DER GEWALTHERRSCHAFT“ und die „TOTEN ALLER KRIEGE“. Welche „GEWALTHERRSCHAFT“ ist gemeint? Wer ist „OPFER“, wer nicht? Nur Tote oder auch Überlebende? Interpretationen siehe unter Funktionen und Namenstafeln umsiedeln, auch für die folgenden Aspekte.

    Was bedeutet „ALLE KRIEGE“? Wörtlich „alle Kriege aller Orte und Zeiten seit Beginn der Menschheitsgeschichte“. Der Bezug auf Kriegstote in aller Welt würde die Opfer stark relativieren, die die Täter auf den Tafeln und die Regime, denen sie dienten, zu verantworten haben. Doch das Denkmalensemble erwähnt namentlich nur deutsche Soldaten aus drei Kriegen, aber weder Opfer noch Tote anderer Nationen und Kriege. Somit könnten mit „ALLE“ die von Deutschland von 1870 bis 1945 geführten Kriege gemeint sein. Auch dies relativiert die NS-Opfer, wenn auch weniger stark.

    Welche „TOTEN“ sind gemeint? Wörtlich „alle Toten“ dieser Kriege, militärische und zivile, ungeachtet ihrer Nationalität. Das würde die Toten der von Deutschland überfallenen Länder einschließen. Doch das Denkmalensemble lässt vermuten, dass nur die deutschen Toten gemeint sind, und die Namenstafeln unter der Inschrift deuten dahin, dass nur Radolfzeller Soldaten gemeint sind. Andererseits sind die zivilen (deutschen) Kriegstoten mitgemeint, obwohl nicht namentlich genannt. Die Soldaten gelten nicht mehr als „gefallen“. Im Gegensatz zur Ostlandtafel, die die zivilen Kriegstoten in den Status „gefallen“ zu erheben scheint, stuft die Inschrift die bisher „GEFALLENEN SÖHNE“ zu einfachen „TOTEN“ herab.

  • Hatte die Sockelinschrift die für Stadt und Heimat „GEFALLENEN SÖHNE“ geehrt, so gedenkt die Tafelüberschrift schlicht der „TOTEN“. Sie verleiht dem Tod keinen Sinn mehr, ungeachtet vielfältiger Ursachen. Nach Wegfall des Trostersatzes Heroismus bleibt kein Trost. Die „GEWALTHERRSCHAFT“ wird angeklagt, ohne Ursachen und Verantwortliche zu nennen. Das Gedenken gilt „OPFERN“ wie ihren Mördern, die als „TOTE“ auftreten, die von Kriegsgegnern getötet wurden. So nivelliert die Inschrift doch die Differenzen zwischen den Toten und zwischen den Todesursachen und stellt ihre Trauerbotschaft infrage. (Vgl. [Lur87, S. 308–309, 333].)
  • Wie der Stelentext ist die Überschrift als Aussage formuliert. Sie berichtet aber keine historischen Fakten, sondern behauptet ein aktuelles Verhalten: Radolfzell gedenkt! Die Stadt stellt sich also selbst dar. Der Zweck könnte sein, bei Betrachtern des NS-Kriegsmals aufkommende Zweifel an der Haltung der Stadt zu zerstreuen.
Während die Textstele für Betrachter eindeutig erkennbar eine Gegenposition zur NS-Kriegerskulptur einnimmt, bleibt die Tafelüberschrift seltsam ambivalent: Das Gedenken der Opfer durch den Titel über dem Ehren der Täter durch die Namenstafeln „treten in Spannung zueinander“ (Lurz). Der Erinnertenkreis ist so vielseitig deutbar, dass sich das Denkmal bei Volkstrauertagsfeiern zu vielfältigen Zwecken instrumentalisieren lässt. Nach Lurz ist das
„Verhältnis von Denkmalmotiv und Inschrift [..] in den meisten Fällen das einer gegenseitigen Klärung; d.h. das Denkmalmotiv hilft bei der Deutung der Inschrift, und umgekehrt interpretiert die Inschrift das Denkmalmotiv“ [Lur87, S. 311].
Insofern gehört das Radolfzeller Kriegsmalensemble zu den seltenen Fällen, in denen sich Motiv und Inschrift widersprechen: Weder klärt das Motiv des aggressiven Sturmtrupps die Tafelüberschrift des Gedenkens der Opfer der Gewaltherrschaft, noch diese das Erscheinen der Namen von 102 SS-Tätern.

2017 Alternative Werte: Vom 21./22. Januar bis zum 2. Februar 2017 trug der Denkmalsockel die Aufschrift

„LIEBER BUNT ALS NAZI-SCHUND“
in fünf Lackfarben – nicht als offizielle Inschrift, sondern als politisch-ikonoklastisches Artefakt (s. Chronologie). Da Medien den Spruch erwähnten, aber nicht analysierten, seien hier wie oben die vier Aspekte betrachtet:
  • Der Stifterkreis ist anonym. Vermutet werden „das politisch linke Spektrum“, „aus den Reihen der Antifa“ (SK 23.01.2017) und eine „offenkundig antifaschistisch motivierte Aktion“ (SM 21.04.2017).
  • Der Erinnertenkreis ist leer.
  • Die Aussage der Aufschrift gilt als „eine eindeutig politische Botschaft“ in „deutlicher Sprache“ (SK ebd.), „sympathische Botschaft“ (SM ebd.). Grammatisch handelt es sich um einen Vergleich, ähnlich dem Spruch „Lieber rot als tot“, der zwei Adjektive vergleicht. Doch hier wird ein Adjektiv („bunt“) mit einem Substantiv („Nazi-Schund“) verglichen, was sprachlich holpert. Auch mit dem Reim hapert es („unt“/„und“).

    Dennoch ist die Kurzbotschaft aus nur vier Wörtern entschlüsselbar: „Nazi-Schund“ bezieht sich auf das NS-Mal und beurteilt es im kunsthistorischen Kategorialsystem als minderwertig, ohne seinen kriegspropagandistischen Zweck zu entlarven. „bunt“ bezieht sich wörtlich auf die Aufschrift selbst und die Farbkleckse auf dem Denkmal, übertragen auf eine bunte Vielfalt, die für eine weltoffene Gesellschaft steht. Verglichen wird also eine sozio-kulturelle Kategorie mit einer kunsthistorischen. In dieser Deutung lautet die Botschaft:

    „Wir wollen lieber ein buntes, vielfältiges, weltoffenes Radolfzell als ein graues, einfältiges, formiertes, das sein NS-Kriegsmal als wertvolles Kunstwerk behandelt, wo es doch nur übler Schund ist“.
    Der Sinn liegt nicht im Kriegstod, sondern in der Lebenslust. Worin sich „eindeutig Politisches“ und „offenkundig Antifaschistisches“ manifestiert – dies zu erforschen, sei künftigen Studien überlassen.
  • Die Aufschrift erfüllt mehrere Zwecke: Sie kommentiert die Färbung des NS-Mals, stellt die Meinung des Stifterkreises dar („Wir wollen lieber ...“), und fragt oder appelliert an die Betrachter („Wollt ihr nicht auch lieber ...?“, „Ihr sollt auch lieber ... wollen!“).

Fazit zu „Zubehör“

Nichts am NS-Kriegsdenkmalensemble drückt Trauer aus außer Hinweisen auf Opfer der Unmenschlichkeit und Gewaltherrschaft, nichts spendet Trost, außer der Platane. Nirgendwo im Ensemble wird der Krieg angeklagt, außer auf der Textstele. Nichts klärt über Ursachen, Voraussetzungen und Verantwortliche der Kriege auf. Die Schuldfrage klingt nur im Stelentext an. Nirgendwo ist vom Frieden die Rede, außer in drei Sätzen am Anfang und einem Satz am Ende der Informationstafeln. Kein ziviler Kriegstoter wird namentlich erwähnt, kein Kriegsgegner, kein Verfolgter des Naziregimes. Die Anlage enthält keine Artefakte, die friedensfördernd, völkerverständigend, demokratiefreundlich, humanistisch, zivilisatorisch wirken, außer der Textstele und den Informationstafeln.

Funktionen

Nachdem das NS-Kriegsmal und sein Zubehör im Detail vorgestellt sind, sei zur Entwicklung des Denkmalensembles gefragt, welche Interessengruppen über welche Zeiträume welche ideologischen und politischen Funktionen (d.h. Mittel-Zweck-Relationen) einsetzen. Verschiedene Linien sind erkennbar, die mehr oder weniger gebrochen teils nach-, teils nebeneinander verlaufen.

Ab 1938 Ritualisierung des Jahresablaufs (vgl. [FiD88, S. 197–204]): Um inhaltliche Funktionen herum bildet das Kriegsmalensemble einen formalen Rahmen für jährlich wiederholte Zeremonien wie den „Heldengedenktag“ und späteren Volkstrauertag. In dieser Funktion dient es dazu, überkommene Rituale zu zementieren.

Ab 1938 Leugnung der Niederlagen in den Weltkriegen: Das marschierende Kriegerduo verkörpert den Spruch „Im Felde unbesiegt!“ zur Dolchstoßlegende, mit der die Reichswehrführung die Niederlage im Ersten Weltkrieg verbrämte.

„Die Kriegsniederlage sollte eben nichts an der traditionellen Einstellung zu Krieg und Kriegstod ändern, die alten Werte, für welche die Soldaten in den Krieg und in den Tod gezogen waren, sollten wegen ihrer vermeintlich staatstragenden Funktion um fast jeden Preis bewahrt werden“ [Beh89, S. 36].
Die steinernen Tugendbolde fordern ihre Betrachter mittels „Inversionslogik“
(Koselleck) „zur Identifikation mit dem Vaterland auf, für das zu sterben trotz der Niederlage lohnt. Die Millionen Toten durften nicht sinnlos gestorben sein“ [Beh92, S. 358]. Indem sie nach dem Zweiten Weltkrieg weiter marschieren, verleugnen sie auch ihre noch größere zweite Niederlage und rühmen ihre Soldatentugenden, die zum millionenfachen gewaltsamen Tod beitrugen, bis heute.

Ab 1938 Verherrlichung von Soldatentugenden: Die Steinkrieger repräsentieren überkommene konservativ-nationalistisch-militaristische Tugenden, die vom Naziregime „zur Staatsideologie erhoben wurden: Edelmut, Heroismus, Männlichkeit, Opferbereitschaft, Disziplin, Einordnungsvermögen, glühende Hingabe an den Staat und an die gemeinsame nationale Sache“ [Wet79, S. 113].

1938 bis 1945 Instrumentalisierung toter Soldaten für den Nationalsozialismus (vgl. [Lib18, S. 2], [Beh96, S. 130], [Vog93, S. 183]): Indem die Nazis den Horst-Wessel-Platz und das Denkmal zugleich den „Gefallenen“ des Ersten Weltkriegs und den Toten der NS-Bewegung widmen, instrumentalisieren sie die toten Weltkriegssoldaten für die nazistischen Ziele. Die Nazis stellen die Reichswehrsoldaten als Vorläufer der NS-Bewegung dar, sich selbst als Nachfolger der Weltkriegsfrontkämpfer, die deren Kampf auf den Straßen der Weimarer Republik fortführten und dank der Errichtung des „Dritten Reichs“ zum Sieg führen werden. Wie die Reichswehrsoldaten als Kämpfer für das Kaiserreich, so seien die Nazi-Straßenschläger als Kämpfer für das „Dritte Reich“ und den „Führer“ „gefallen“. Da die toten Reichswehrsoldaten keine militärischen Erfolge vorweisen konnten, stiegen sie zu Helden verklärt auf den Denkmalsockel, um den politischen Sieg der NS-Bewegung zu feiern (vgl. [KrK94, S. 111]). Nach dem Zweiten Weltkrieg sorgen die Siegermächte dafür, dass diese Ideologielinie abbricht – realisiert durch Beseitigen der Gedenktafel für die Toten der NS-Bewegung und Rückbenennen des Platzes.

Ab 1938 Sakralisierung des „Opfers“ der Soldaten „auf dem Altar des Vaterlandes“ [Beh96, S. 74]:

„Opfermetaphern für Kriegshandlungen und Kriegsfolgen leisten (a) die Sakralisierung des Tötens und Getötet-Werdens, (b) die Verherrlichung und Verehrung des Getöteten (Totenkult, Divinisierung), (c) Entlastung für die Tötenden und deren Nachfahren. Durch Sakralisierung wird Akzeptanz für Gewalt erzeugt und verewigt: Jedes ‘Opfer’ fordert eine würdige Antwort, die Gegenleistung, ein weiteres ‘Opfer’“ [Can88, S. 120] zit. n. [Beh96, S. 74].
„Die nationalsozialistischen Initiatoren der heroischen Mythen“ zielten darauf, „den Heldentod im religiösen Sinne als notwendiges Opfer zu deuten und daraus politisches Kapital zu schlagen“ [Beh96, S. 83]. Das politische Kapital setzten sie zur Kriegsvorbereitung ein.

Eine sakrale Aura erhielt die Denkmalanlage 1938 durch antikisierende Architekturelemente; sie wurde ab 1958 gärtnerisch gemildert. Das Sakrale entfaltete sich bei kultischen NS-Aufmärschen.

Noch heute finden sich Spuren der Sakralisierung des Soldatentods in Gedenkfeiern am Volkstrauertag, die militärische Rituale mit liturgischen Elementen kombinieren, wie die Gedenkrede, die einer Predigt ähnelt und das gemeinsame Sprechen eines Texts, der einem Gebet ähnelt. An die Stelle des „Heldentods“ als „notwendiges Opfer“ tritt heute die „Verantwortung“, die Deutschland übernehmen müsse, indem es die Bundeswehr an „friedenserhaltenden“ und „friedenssichernden“ Maßnahmen beteiligt, bei denen Gewalteinsätze als akzeptabel erscheinen sollen. Entsprechend inkludiert der Gedenkpsalm des ehemaligen Pastors und damaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck „die Bundeswehrsoldaten und anderen Einsatzkräfte, die im Auslandseinsatz ihr Leben verloren“ (2015). Als sakrales Erbe überdauert die Sitte, das Heiligtum umgehend von frischen Farbflecken zu säubern.

Ab 1938 Trivialisierung des Kriegs [Mos91, S. 32]: Scheinbar der Sakralisierung widersprechend, ergänzt diese Funktion im Alltag, was die Sakralisierung Festtagen vorbehält. George L. Mosse versteht unter Trivialisierung die Methode,

„sich an den Krieg durch Verharmlosung zu gewöhnen, damit er alltäglich und gewöhnlich, statt schreckenerregend und fürchterlich erscheint“.
Als Beispiele nennt er Tand wie Gewehre als Seifenstücke, Granaten als Papierwaagen, U-Boote als Mundharmonikas, verweist auf Theater und Film und erläutert ausführlich den Schlachtfeldtourismus. Tatsächlich lassen sich Gegensätze wie „sakral – trivial“, „heilig – profan“ oft an Kriegsdenkmalen beobachten. Mosse sieht darin „zwei Alternativen [..] die Kriegserinnerung zu bewältigen und von dem alles überragenden Schrecken des Krieges abzulenken“. Befürchtungen der „fanatischen Anhänger des Gefallenenkults“, die Trivialisierung bedrohe „jene weihevolle und ehrfurchttriefende Ergebenheit [..], welche man für die Grundvoraussetzung nationaler Erneuerung hielt“, hält Mosse entgegen, „daß massenhaft produziertes Kriegsspielzeug, die Trivialstücke und der Schlachtfeld-Tourismus eher dazu beigetragen haben, das Akzeptieren von Gewalt im Dienst eines höchsten Gebots zu erleichtern“ [Mos80, S. 258].

Zur Entstehungszeit des Radolfzeller NS-Kriegsmals wurden „Bausteine“ und Postkarten in mehreren Varianten verbreitet (s. radolfzell-ns-geschichte.von-unten.org/_media/bilder:ns-ehrenmal:ehrenmal_1938.jpg, zwei weitere in [IOGR, NS-Ehrenmal]); zwei davon sind die einzigen Exponate zum NS-Kriegsmal im Stadtmuseum. Heute bietet ein Internetshop vom Murger NS-Kriegsmal für 23,95 Euro das 16 cm hohe Modell „H0 Kriegerdenkmal“, passend zu einem stehenden, knieenden oder liegenden Soldaten mit Gewehr und Mündungsfeuer. Das heutige Radolfzell allerdings enthält sich, Kriegerdenkmal-Kitsch zu vertreiben oder Kriegerdenkmal-Tourismus zu fördern.

Ab 1938 Politisierung toter Soldaten (vgl. [Lib18, S. 3]): Indem die Nazis die „Gefallenen“ des Ersten Weltkriegs nicht als tot oder verwundet heimkehrende Soldaten, sondern als in den nächsten Krieg marschierende Krieger darstellen, missbrauchen sie sie für das politische Ziel des Bruchs des Versailler Vertrags, auf das sie seit 1933 mit Verstößen hinwirkten und schließlich durch die einseitige Aufkündigung zum 30. Januar 1937 erreichten. Die Funktion, den Willen zum Völkerrechtsbruch zu manifestieren, ist bis heute ungebrochen erhalten geblieben.

1938 bis 1958+ Heroisierung toter Soldaten (vgl. [Lib18, S. 4]): Indem die Nazis die „Gefallenen“ des Ersten Weltkriegs als unbesiegtes Kriegerduo darstellen, verklären sie die Massenschlächtereien mittels Dynamit und Giftgas, in denen Soldaten nur als Schräubchen einer gigantischen Kriegsmaschinerie vorkommen, zu ehrenhaften Heldenkämpfen treuer Kameraden. Die Auszeichnung „Helden“ soll den Kriegstod der Soldaten als sinnvoll und erstrebenswert darstellen, den Überlebenden als Trostersatz Stolz auf die tapferen Toten vermitteln sowie Trauer und Schmerz verdrängen [Kli06, S. 89]. Meinhold Lurz und Sabine Behrenbeck betonen den agitatorischen Aspekt:

„Die Verherrlichung der Kriegstoten war symptomatisch für ein politisches System, in dem das Militär eine dominante Rolle spielte. Die Heroisierung des vergangenen Kriegstods diente als Ansporn zum künftigen Kriegseinsatz“ [Lur87, S. 305].

„Der nationalsozialistische Heldenkult der 30er Jahre muß [..] auch im Zusammenhang mit den Kriegsvorbereitungen gesehen werden. Er diente bereits in den Vorkriegsjahren dazu, innerhalb der Bevölkerung, besonders unter den künftigen Soldaten, eine positive Haltung gegenüber Aggression, Kampf und gewaltsamem Tod entstehen zu lassen. Was am Beispiel der ‚Blutzeugen aus der Kampfzeit‘ und der Gefallenen des Ersten Weltkriegs zelebriert wurde, sollte nicht nur vergangene Erfahrungen sinnvoll deuten, sondern bezog sich immer schon auf künftige Kriegsopfer. [...] Der gewaltsame Tod im Kampf wurde zum heroischen und fruchtbaren Selbstopfer stilisiert und verklärt. Die potentiellen Kombattanten sollten im vorhinein in ihren eigenen Tod einwilligen, da er sinnvoll und notwendig sei. Auf diese Weise versuchte man, ihre natürliche Todesangst und den Selbsterhaltungstrieb zu mindern. Dabei legte die NS-Propaganda großen Wert darauf, einen politischen Soldatentypus heranzubilden, denn nur mit diesem würde sich die ideologisch motivierte Kriegführung praktizieren lassen. [...] Der Heldenkult, durch den die Wehrpflichtigen auch vor und außerhalb ihrer Dienstzeit beeinflußt wurden, trug maßgeblich zur Ideologisierung bei“ [Beh96, S. 455–456].

Für Richard Bessel drängt der „Kult des heroischen Soldatentodes“ die „Erinnerungen der grausamen Wirklichkeit des Krieges“ zurück. Er beschreibt den psychosozialen Aspekt:
„Die Anziehungskraft der heroischen Mythen, sowie ihre politische Wirkung war nicht zuletzt auf die Tatsache zurückzuführen, daß sie die tatsächlichen Kriegserfahrungen verneinten und dadurch das psychische Bedürfnis befriedigten, einen Sinn der Sinnlosigkeit des Ersten Weltkriegs zu finden“ [Bes91, S. 131].
Gerhard Armanskis Mutter schreibt in einem Brief:
„»Es ist herzzerbrechend, wenn man an all das Leid denkt, das Kriege gebracht haben. Der billigste Trost war, die Toten als Helden auf Denkmälern zu ehren«“ [Arm88, S. 11].
Trost, Sinn, Rache, Opfertod: Die ideologische Funktion, pathetisch überhöhten, antiquierten Heroismus als Vorbild zu propagieren, wird 1958 auf der verbalen Widmungsebene durch das Umdeklarieren von „Helden“ zu „Söhnen“ gebrochen, bleibt aber auf der monumentalen Skulpturebene voll erhalten. Der verbal gemilderte Heldenbegriff bewahrt die Vorbildlichkeit der „Gefallenen“ und lässt ihren Kriegstod als nicht sinnlos erscheinen [Lur87, S. 305, 342]. Die zusätzliche Widmung des Kriegerdenkmals für Soldaten des Zweiten Weltkriegs überträgt die Heroisierung von der Reichswehr auf die Wehrmacht und die Waffen-SS. Gerade diese Funktion der Heroisierung der Nazi-Soldaten findet noch heute bei Rechtsextremen Anklang, während etablierte Erinnerungskulturarbeiter für eine „Entmartialisierung“ der Skulptur plädieren.

1945 bis 2001+ Verdrängung der NS-Vergangenheit: Die Beseitigung der NS-Symbole Hakenkreuz, Reichsadler, NS-Gedenktafel und Platzname invertiert die Instrumentalisierung der toten Reichswehrsoldaten für den NS-Staat – sie erscheinen nun als über den politischen Systemen schwebende deutsche Helden, die die NS-Zeit unbeschadet überdauert haben. Dominierenden Kräften der Nachkriegszeit gelingt es 56 Jahre lang, das Naziregime als unerklärlichen Betriebsunfall darzustellen, dessen dunkle Seiten ruhen sollen.

„Die Verarbeitung der Niederlage und der NS-Verbrechen wird in Westdeutschland durch Verdrängung der Schuldgefühle und eine allzu rasche Identifizierung mit den Siegermächten im Zuge des Kalten Krieges verhindert“ [Beh89, S. 36].
Nach der Zwischenkriegslegende der „unbesiegten Reichswehr“ repräsentiert das entnazifizierte NS-Mal die Nachkriegslegende der „sauberen Wehrmacht“. Jörg Echternkamp bemerkt in seinem Beitrag Kein stilles Gedenken. Die Toten der Wehrmacht im Erinnerungskonflikt der Bundesrepublik:
„Eine positive Erinnerung an die Toten der Wehrmacht war in der Regel nur durch den Verzicht auf die Berücksichtigung des politisch-sozialen Zusammenhangs möglich, in dem die Person gestanden hatte, an die erinnert, derer gedacht wurde. Erst das Ausblenden des politischen Kontextes, konkret: des nationalsozialistischen Eroberungs- und Vernichtungskrieges, ermöglichte den Rückzug auf die Lichtgestalt des militärischen Führers, des fürsorglichen Vorgesetzten, des treuen Kameraden, des der Staatsführung treu dienenden, im Übrigen unpolitischen Soldaten“ [HeE08, S. 55].
Das ideologische Ziel der Entlastung von der historischen Verantwortung für den Zivilisationsbruch des Vernichtungskriegs und des Holocaust wirkt bis heute stark – bis in Arbeitskreise von Erinnerungsakteuren hinein. Erst mit dem Aufstellen der Textstele 2001 erscheint eine Bruchstelle, an der die parallele Ideologielinie der kritischen Aufarbeitung der NS-Geschichte beginnt.

1958 bis 2011+ Verheimatung und Familisierung von Helden und Kriegsbetroffenen: In den 1950er Jahren passen weltmachtsüchtiger Nationalismus, rassistisch übersteigerter Heroismus, arische „Herrenmenschen“, die ihrem raumlosen Volk ferne Länder erobern, in denen nur versklavbare oder vernichtbare „Untermenschen“ leben, nicht zur Westintegration der BRD in die WEU und die Nato. Deshalb verzichten viele Orte in Inschriften auf ns-verzerrte Begriffe wie Heimat und Vaterland [Lur87, S. 340]. Nicht so Radolfzell, dessen Sinnstifter versöhnende, weltoffene Ideen meiden wollen. Als Ausweg bietet sich an, auf konservative Heimattümelei und patriarchale Familienbilder zurückzugreifen.

Während in Stockach der NS-Kriegsverbrecher Willi Hermann zum Fasnachtsidol mutiert (SK 10.08.2018, 06.02.2019), lässt in Radolfzell der zum Erinnerungsakteur gereifte Ex-Nazi Konrad Dombrowski „Radolfzells Helden“ in der Sockelinschrift ihres Denkmals zu „Radolfzells Söhnen“ mutieren und seine Heimatvertriebenen-Tafel die emotionsgeladenen Substantive „Mann, Frau, Kind, Kind, Stadt, Heimat, Feld, Flucht“ nutzen. Die bis heute von Rechten genutzte ideologische Funktion, geopolitische Zusammenhänge im engen Blickwinkel von Familie und Heimat zu vernebeln, erhält sich in der Ostlandtafel, während sie in der Sockelinschrift 2011 neuen Anforderungen weicht.

Ab 1958 Erweiterung des Erinnertenkreises zwecks Verharmlosung der NS-Verbrechen: Schränkten die Siegermächte den Erinnertenkreis 1945 ein, so gelingt es militärkonformen Kreisen nach der 1955 erlangten Souveränität der BRD, den Erinnertenkreis auf tote und vermisste Soldaten des Zweiten Weltkriegs auszudehnen. Wie vielerorts wird das Kriegerdenkmal des Weltkriegs zum „Sammeldenkmal“ [Lur87, S. 42] oder „Kombi-Denkmal“ [Lib14, S. 175] für beide Weltkriege umfunktioniert. Geführt von Ex-NS-Dombrowski geschieht das in Radolfzell durch unterschiedsloses Auflisten der Namen von Reichswehr-, Wehrmachts- und Waffen-SS-Soldaten auf sieben Tafeln. Die Gleichbehandlung der Namen suggeriert kontrafaktisch die Gleichwertigkeit der monarchistischen Reichswehr, der völkerrechtswidrigen Wehrmacht, und der terroristischen SS („Soldaten sind sich alle gleich“). Die Vermischung der drei Erinnertenkreise bezweckt, die Wehrmachts- und SS-Verbrechen zu verschleiern und als „normale“ Kriegshandlungen zu verharmlosen. Diese ideologische Funktion ist bis heute ungebrochen wirksam und ein Hauptgrund des Dauerkonflikts um das NS-Relikt.

Ab 1958 Instrumentalisierung toter Soldaten für die Militarisierung der BRD (vgl. [Sch99, S. 64]): Das Erweitern des Denkmals für tote Soldaten des Ersten auf die des Zweiten Weltkriegs, das Verwischen der Unterschiede zwischen Reichswehr, Wehrmacht und SS, das Verklären der NS-Verbrechen, das Verehren eines unverzichtbar ewig währenden Soldatentums dienen auch dem Zweck, das Militärische wieder aufzuwerten, die Wiederbewaffnung der BRD, den Aufbau der Bundeswehr, ihre Eingliederung in die Nato, und die zunehmende Aufrüstung zu rechtfertigen und zu fördern. Der Kriegsdienst wird als „Normalität“ propagiert, das Grundrecht auf Kriegsdienstverweigerung zur Ausnahme degradiert, für die ein „Ersatzdienst“ etabliert wird. In diesem Kontext fungiert das NS-Kriegsmal als antipazifistisches Symbol. Die NS-Krieger marschieren als Sympathiewerber für die Bundeswehr. Die vordergründige Ehrung gestern getöteter Soldaten soll der heute auferstandenen Armee Akzeptanz verschaffen.

Ab 1958 Viktimisierung der Aggressoren (vgl. [Lib18, S. 5]) und Instrumentalisierung toter Zivilisten für Revanchismus: Dombrowskis Ostlandtafel wandelt das Ensemble zu einem „Kriegsfolgendenkmal“ [Lib18, S. 6], das die von den alliierten Siegermächten neu geordneten Ländergrenzen in Frage stellt, die Schuld für Gebietsverluste in antisowjetischer Stoßrichtung auf überfallene Länder abwälzt, die Eroberungsziele der NS-Aggression verschweigt und Nazi-Deutschland nicht als besiegt oder gar befreit, sondern als unschuldiges Opfer darstellt.

Opfer: Opferten sich die „Helden“ 1938–1958 selbst freiwillig fürs „Vaterland“, so präsentieren die Erinnerungsakteure sie ab 1958 als unfreiwillige „Opfer der Umstände, des Schicksals, des Weltensturms“ [Lib14, S. 150]. Die Mehrdeutigkeit von „Opfer für etwas“/„Opfer von etwas“ in der deutschen Sprache erleichtert diese Umdeutung. Kultische Opfer (engl. sacrifice) wurden vom Priester auf dem Altar geschlachtet, um Götter zu befriedigen. Was zwanghaft begann, führte zu freudigen Selbstopfern für gute Zwecke, gipfelnd in Jesu Kreuzestod zur Sühnung der Sünden der Welt. Dagegen wurden Märtyrer als unschuldig leidende Opfer für Ideale von Gegnern umgebracht, gipfelnd in Jesu Kreuzigung durch... na, Sie wissen schon. Heutige Opfer (engl. victim) werden unfreiwillig gewaltsam durch Kriege, Naturereignisse, Unfälle, Verbrechen getötet. (Zur Vieldeutigkeit des Opferbegriffs s. [Beh96, S. 71–74], ausführlich [Beh91, S. 146–150], [DöD08].)

Von realen Opfern des Naziregimes in Konzentrationslagern, Gestapokellern, Zuchthäusern ausgehend verlief die Viktimisierung über Bombenopfer, Heimatvertriebene, Kriegsgefangene zu „einfachen Soldaten“, die „in gutem Glauben ihre Pflicht erfüllt hatten“. Kleine Schritte ermöglichten, auch die Soldaten der Waffen-SS und die führenden Hitler-Generäle zu Opfern zu erklären, denen ehrendes Gedenken gebührte. Letztlich versammelt die Opfergemeinschaft alle bis auf den einen, „der an allem schuld war“.

„Wenn sacrifice und victim miteinander amalgamiert würden, könne im Opfermythos »Macht in Ohnmacht, Aktivität in Passivität, Aggression in Verteidigung [verwandelt]« werden, so die Meinung der Forschung“
[DöD08, S. 75–76].
Revanche: Schufen die Militaristen von 1938 das Denkmal zur Vorbereitung des Kriegs, der andere Länder erobern sollte, so deformieren es die Militaristen von 1958 zur Nachbereitung des Kriegs, um die Abtretung einiger Landesteile zu beklagen. Das NS-Kriegsmal mutiert zu einem Symbol des Kalten Kriegs. Im ganzen Denkmalensemble ist das Mutter+Kind-als-Opfer-zwischen-Kreuzen-und-Ruinen-Motiv der Ostlandtafel der einzige Teil, der Trauer evozieren kann. Aber sein Kontext verbiegt die Trauer um Personen in Trauer um verlorene Ostgebiete und missbraucht sie für revanchistische Ziele. Auch diese Entlastungsfunktionen wirken bis heute ungebrochen.

Täter: Hier sei zum Opfer- der Täterbegriff kommentiert, den dieser Text abstrahierend für SS-, Wehrmachts- und Reichswehrsoldaten benutzt. Dies soll nicht wesentliche Unterschiede zwischen den Gruppen verwischen, nicht Freiwillige und Wehrdienstpflichtige gleichsetzen, nicht einfache Soldaten zu Kriegsverbrechern erklären, sondern die faktische „aktive Dimension ihres Handelns“ [HeE13, S. 142] neutral benennen. Vielfältige Handlungsoptionen zeigt Wolfgang Proskes Buchreihe Täter, Helfer, Triffbrettfahrer [Pro17]. Passives Benutztwerden drückt Kurt Pätzold im Kapitel »Werkzeuge in Verbrecherhänden« aus:

„Die deutschen Opfer, die da auf den Tafeln zum Ersten und Zweiten Weltkrieg namentlich oder im Ganzen erwähnt sind, waren, freiwillig oder nicht, zunächst einmal Instrumente von staatlichen Regimes, die eine imperialistische Politik trieben, gegen und auf Kosten anderer Völker.“ Als »Werkzeuge in Verbrecherhänden« (Franz Fühmann) „kamen Millionen um ihr Leben. Dies verbietet nicht, sie Opfer zu nennen, ihrer zu gedenken, um sie zu trauern. Aber es fehlt diesen Soldaten jedes Anrecht, dass ihrer als Soldaten ehrend oder gar dankbar gedacht wird. Das mag sich für ihr ziviles oder Arbeitsleben, für ihren Platz in Familien oder Freundskreisen anders darstellen. Als Soldaten oder, wie es früher hieß, als Kriegshandwerker jedoch haben sie, wenn sie nicht gegen die ihnen erteilten Befehle handelten, nichts vollbracht, was ihnen zur Ehre gereichen würde oder wodurch sie sich Dank verdient hätten“ [Pät12, S. 78].
Die Täter-Opfer-Doppelrolle betont Wolfram Wette in seiner Einführung Militärgeschichte von unten. Die Perspektive des »kleinen Mannes« des Sammelbands, der
„erhellt, wie der »kleine Mann« das Militär und den Krieg in der Doppelrolle des Täters und des Opfers erlebt und erlitten hat. Durch den Einsatz seiner physischen Kräfte und seiner technischen Fähigkeiten in der Bedienung immer »besserer« Waffen war er – gleich, ob aus eigener Überzeugung oder wider Willen – Teil einer großen Destruktionsmaschinerie, die um staatlicher Ziele willen zerstörte und tötete, um der politischen und militärischen Führung die Möglichkeit zu geben, der jeweiligen Gegenseite ihren Willen aufzuzwingen. Die »kleinen Leute« in Uniform waren keineswegs immer bereit, die Täter-, wie auch die Opferrolle, die sie zur eigenen Existenzsicherung oder in der Befolgung gesetzlicher Regelungen zu spielen gezwungen waren, widerspruchslos zu akzeptieren. Denn in der einen wie in der anderen Rolle erlebte der »kleine Mann« in Uniform die Angst vor dem Tod und die Angst vor dem Töten, die ihn nach Möglichkeiten suchen ließ, diesen nur schwer oder gar nicht tragbaren psychischen Belastungen zu entgehen“ [Wet92a, S. 24].
Die Täter-Rolle beschreibt der Historiker und Geschichtsdidaktiker Prof. Dr. Peter Knoch (1935–1994) in seinem Beitrag Gewalt wird zur Routine. Zwei Weltkriege in der Erfahrung einfacher Soldaten:
„Soldaten, die an die Front geschickt wurden, hatten die Aufgabe, ihre Waffen gegen den Feind zu gebrauchen, also zu töten und zu vernichten. Für diesen Zweck wurden sie ausgebildet, in einem technischen, moralischen und ethischen Sinne. Die Anwendung der Vernichtungsmittel gegen feindliche Ziele wurde dadurch erleichtert, daß die Soldaten Feindbilder und die Überzeugung von der Rechtmäßigkeit und Notwendigkeit der Gewaltanwendung gelernt hatten. Nach dem Eintreffen an der Front und beim ersten Kampfeinsatz trat dem Soldaten die kriegerische Gewalt in ihrem doppelten Gesicht entgegen: Den Feind bedrohen und vernichten bedeutete immer zugleich, sich der Bedrohung und Vernichtung durch eben diesen Feind auszusetzen“ [Wet92a, S. 313].
Als die Sätze
„“Ob einer im KZ Hitler gedient hat oder an der Front, macht in meinen Augen nur einen graduellen Unterschied aus. Das KZ stand schließlich nur so lange, wie die Front hielt.”“ [Vog93, S. 214–215]
des CDU-Politikers Norbert Blüm in einem Interview in Der Spiegel vom 10.07.1978 einen Proteststurm auslösten, erwiderte Blüm – die „aktive Dimension“ moralisch bewertend
„“..., daß auch derjenige, der sich persönlich nichts zuschulden kommen läßt, etwa ein pflichtgetreuer Soldat, in Schuld verstrickt wird, wenn das System, dem er dienen muß, Pflichterfüllung für verbrecherische Pläne mißbraucht”“ [ebd. S. 215].
Zu Funktionen der Tätertafeln gehört freilich nicht, zu einer differenzierten Täter-Opfer-Diskussion beizutragen.

Ab 1958 Propagierung tradierter Frauenrollen: Krieg ist Männersache, also auch Kriegserinnerungskultur. Die Ostlandtafel ist die einzige Stelle im Denkmalensemble, an der eine Frau vorkommt (vom Platznamen abgesehen). Das Maria-Zitat zeigt ihr die Rollen, die sie spielen darf: dulden, leiden, trauern, passiv zu Hause sitzen, in der Küche wirken, in die Kirche gehen, Kinder kriegen und behüten. Die Söhne soll sie zu Kriegern erziehen, die das unterbrochene Werk ihrer unvergessenen, heldenhaft gefallenen Väter eifrig in Rachefeldzügen fortführen. Im Relief sitzt der künftige Erlöser wie das Jesuskind auf dem Schoß der Madonna. Die Frau schaut trauernd auf die Ruinen, während ihr Söhnchen in entgegengesetzter Richtung den Sonnenaufgang erblickt, der in nicht zu ferner Zukunft den Siegestag erhellen soll (an dem der Sohn den Opfertod fürs Vaterland – nicht Mutterland! – gestorben sein wird und die Mutter wieder trauern darf).

Ab 1969 Ergänzung des Erinnertenkreises: Mag das Anbringen der Namenstafeln des 1870/71er Kriegs eine Verlegenheitslösung sein (wohin sonst damit?), so bewirkt es doch eine weitere Verharmlosung der Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts und des größten Zivilisationsbruchs der Menschheitsgeschichte.

Ab 2001 Kontrastierung der Kriegerskulptur: Mit dem Aufstellen der Textstele erwirken demokratische Kräfte erstmals eine Funktion, die nicht der Entlastung, sondern der Kritik der NS-Zeit dient.

Ab 2011 Internationalisierung des Erinnertenkreises und Vermischung von Tätern und Opfern: Es ist die Zeit, in der die Bundesrepublik am völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen Jugoslawien teilnimmt (Kosovokrieg, 1999), ihre Sicherheit am Hindukusch verteidigt (BMV Struck, 04.12.2002, 11.04.2004, S. 8601), ein Luftangriff der Bundeswehr 134 Zivilisten tötet und der verantwortliche Oberst zum Brigadegeneral avanciert (Kundus, 04.09.2009), Militäreinsätze Handelsinteressen wahren sollen (BP Köhler, 22.05.2010), und von den rund 130 Auslandseinsätzen der Bundeswehr seit 1960 rund 20 problematische Militäreinsätze sind. Indes fordern Antifaschisten verstärkt, der Opfer des NS-Terrors zu gedenken und das Holocaustdenkmal entsteht (2003–2005).

Auf heimatlich und familial vereinnahmte Kriegsbetroffene beschränktes Gedenken verliert durch die Globalisierung an Bedeutung. Radolfzells Erinnerungsakteure lassen „Radolfzells Söhne“ vom Denkmalsockel verschwinden und erweitern den Erinnertenkreis diesmal in eine globale Dimension, die umgekommene Bundeswehrsoldaten ebenso einschließt wie deren zivile Opfer. Die Tafelwandwidmung für die „OPFER DER GEWALTHERRSCHAFT“ und „TOTEN ALLER KRIEGE“ dient nicht nur wie die früheren Erweiterungen des Erinnertenkreises der Verharmlosung der NS-Verbrechen. Indem sie mit „TOTEN“ den Erinnertenkreis über Soldaten hinaus auf Zivilisten und Terroristen erweitert, verwischt sie den Unterschied zwischen Tätern und Opfern. Zwar wird nun der Opfer gedacht, doch erscheinen die Täter als mit zivilen Kriegsopfern gleichgestellte Tote.

Für Interpretationen offen ist die Formulierung „DER GEWALTHERRSCHAFT“: Meint sie die konkrete Gewaltherrschaft der Nazis, oder auch die der Sowjets, der SED, oder meint sie die Gewaltherrschaft als Abstraktum, das sich vielerorts auf dem Globus konkretisiert – in Serbien, Afghanistan, Irak, Syrien,... – und Hitlers klont, die es zu besiegen gilt, um ein weiteres Auschwitz zu verhindern? Die Alternativen haben wiederum die Funktion, die NS-Herrschaft zu relativieren und damit zu verharmlosen.

Ab 2014 Kommentierung des Kriegsmalensembles: Zum 100. Jahrestag des Beginns des Ersten Weltkriegs gelingt demokratischen Kräften wieder ein Schritt vorwärts. Die Informationstafeln haben die Funktion, das Denkmalensemble zu kommentieren, um über seine Geschichte aufzuklären (auch wenn sie sie wegen Unleserlichkeit nicht erfüllen). Sie sind so dezent an den Rand gesetzt, dass sie nicht als Kontrapunkt zur Kriegerskulptur wirken. Stele und Informationstafeln funktionieren also unterschiedlich, dienen aber beide dem Zweck der Aufklärung. Beiden gemein ist, dass sie als Mittel zur Dekontextualisierung nicht ausreichen, da sie wenig an den Gebrauchswerten und nichts an den Nutzungsarten der Kriegerdenkmalanlage ändern.

Fazit zu „Funktionen“

Bis heute bewirkt das Kriegsmalensemble (ohne die Ostlandtafel) vor allem die Heroisierung und Sakralisierung toter Soldaten und ihre Instrumentalisierung für politische Zwecke, und die Relativierung und Verharmlosung der NS-Verbrechen durch die Ausdehnung des Erinnertenkreises und die Vermischung von Tätern und Opfern. Neben diesen reaktionären ideologischen und politischen Funktionen sind als demokratiefreundliche, humanistische Gegentendenzen die Kontrastierung und Kommentierung der Kriegerskulptur zu beobachten. Unterbelichtet sind Funktionen, die friedensfördernd, völkerverständigend, zivilisatorisch wirken.

Fazit

Die NS-Kriegsmalanlage kann trotz mehrfacher uminterpretierender und umfunktionierender Umgestaltungen den Schoß nicht verleugnen, aus dem sie kroch. Trauer über Kriegstote und NS-Opfer, Anklagen gegen Krieg, Holocaust und Gewaltherrschaft finden sich höchstens in der Textstele und der Tafelwandüberschrift. Trost spendet höchstens die Platane. Aufklärung über Ursachen, Voraussetzungen und Verantwortliche der Kriege findet nicht statt. Die Schuldfrage klingt nur in der Stele an. Die Namenstafeln erinnern nur an Täter, nicht an Opfer. Nichts deutet auf Bereitschaft zur Versöhnung. Frieden wird nur in den Informationstafeln erwähnt.

Die Denkmalskulptur des aggressiven Sturmtrupps perpetuiert den kriegsvorbereitenden NS-Heldenkult. Die Namen der SS-Täter an der Tafelwand dokumentieren Radolfzells unbewältigte Vergangenheit. Erweiterungen des Erinnertenkreises und Täter-Opfer-Konfusionen dienen der Relativierung und Verharmlosung der NS-Verbrechen. Diese Störfaktoren gegen die demokratische Entwicklung der Stadt lassen sich nicht durch Beschönigen integrieren.

In der Kontrastierung und Kommentierung der Kriegerskulptur äußern sich demokratische, humanistische Gegentendenzen. Insgesamt ist das Ensemble weit davon entfernt, völkerverständigende, friedensfördernde Rollen zu spielen.

Chronologie

Ort ist stets das NS-Kriegsdenkmal am Luisenplatz, Stadt die Stadt Radolfzell am Bodensee mit ihrer Verwaltung, sofern nichts anderes angegeben. Eine thematisch weitere, aber zeitlich begrenzte Chronologie bietet [IOGR]: Chronologie. Historische Aufarbeitung der NS-Zeit, Erinnerungspolitik und Gedenken in Radolfzell seit dem Jahr 2005. Vieles ist daraus entnommen. Kommentare heben sich durch Einrückung vom Faktenteil ab.

1906: Die Stadt widmet den Luisenplatz Großherzogin Luise von Baden. Bis dahin fanden dort große Vieh- und Fruchtmärkte statt, arbeiteten Stadtzöllner, schloss man im 1876 erbauten Urkundenhäuschen viele Kaufverträge (Urkunden), bis man es 1906 auf die Mettnau versetzte (WB 10.08.2018).

1934: Unter NS-Bürgermeister Eugen Speer wird der Luisenplatz am 05.04.1934 „zum ehrenden Gedenken an den für die nationale Erhebung gefallenen Vorkämpfer“ in Horst-Wessel-Platz umbenannt [Hau13, S. 111]. Die Nazis ändern den Zweck des Volkstrauertags von „Totengedenken“ zu „Heldenverehrung“.

1936 bis 1938: Entstehungsgeschichte des „Ehrenmals der Stadt Radolfzell für ihre im Weltkrieg 1914–1918 gefallenen Helden und den für das Dritte Reich und den Führer gefallenen Kämpfern des Landes Baden“: Weltkriegsfrontkämpfer und NS-Bürgermeister Josef Jöhle plädiert im Juni 1936 für den Horst-Wessel-Platz als Standort, da er sich für den Aufmarsch der Formationen am „Heldengedenktag“ eigne. Jöhle leitet Planung, Entwurf und Ausführung des NS-Kriegsdenkmals und der Platzumgestaltung zur „Heldengedenkstätte“, wofür der Bildhauer Wilhelm Kollmar unter Mitwirkung der Landesberatungsstelle für Denkmalpflege beauftragt wird. Das Scheffeldenkmal von 1891 wird auf die Mettnau verlegt. (Tafel 3 in radolfzell-ns-geschichte.von-unten.org/_media/tafeln_kriegerdenkmal_final_06.06.2014.pdf)

März 1937: Der „verdiente Frontkämpfer“, „Kommandeur des III/SS "Germania"“, SS-Kasernenkommandant und SS-Obersturmbannführer Heinrich Koeppen propagiert:

„Das Denkmal soll Zeuge werden einer großen Zeit“
(Deutsche Bodenseezeitung, Nr. 57 (09.03.1937), in: [Hau17, S. 267]).

22. Mai 1938: Einweihungstag des „Ehrenmals für die Gefallenen des Weltkriegs“: „militärisches Wecken“; „Kreisappell des NS-Reichskriegerbundes“; „gewaltiger Aufmarsch der Formationen“: „Musikkorps des Infanterieregiments 14 Konstanz“, „Ehrenzug der Truppe unter Gewehr“, NS-Reichskriegerbund, Soldatenbund, NS-Kriegsopfer-Versorgung, „Ehrenkompanie der SS "Germania" mit Gewehr und dem Musikzug“, „Gliederungen und Formationen“ der NSDAP; „Ehrenplatz“ neben dem Denkmal für „die Schwerkriegsverletzten und die Angehörigen und Hinterbliebenen der Gefallenen“; „Ehrengäste“ sind „der Führer des SS-Abschnittes XXIX, SS-Oberführer Stein, und der Gebietsführer des Soldatenbundes, Oberst a. D. Eberhard“; SS-Kasernenkommandant Koeppen hält die Weiherede; NS-Bürgermeister Jöhle enthüllt das Denkmal; „Vorbeimarsch des NS-Reichskriegerbundes vor dem Gebietsinspekteur Oberstleutnant a. D. Knecht und die Uebergabe der neuen Fahne an mehrere Kameradschaften“; die Truppen präsentieren zum Lied vom Guten Kameraden das Gewehr; „vor den Tafeln mit den Namen der Gefallenen“ werden Kränze niedergelegt, „mit dem Sieg-Heil auf den Führer“ und „den Liedern der Nation“ findet „die denkwürdige Feier ihr Ende“ [Gun38].

Radolfzell NS-Kriegsdenkmal 2018-05-23 K. Hug Fast wie von SS-Obersturmbannführer Koeppen geweiht – stets flink von Farbklecksen gesäubert

1938 bis 1945: Geführt von der Radolfzeller SS inszenieren die Nazis jährlich „Heldengedenktage“ für ihre militaristischen Ziele, am 12.03.1939 erstmals am NS-Kriegsdenkmal, u.a. mit „Ehrenkompanien“ der Waffen-SS-Unterführerschule Radolfzell.

9./10. November 1938: Die von Koeppen geführte SS „Germania“ setzt alles daran, in der Pogromnacht die Synagogen der Region zu zerstören und die zum Feind gestempelten Juden zu misshandeln, einzusperren, zu berauben und aus ihrer Heimat zu vertreiben.

September 1939: Der Generalprobe des SS-Terrors folgt am 01.09.1939 der Überfall auf Polen, wo Koeppen am 16.09.1939 durch Heldentod mit aufgeschlitztem Bauch zum Namensgeber der Radolfzeller SS-Kaserne aufsteigt [Klö10]. „Die Radolfzeller Bevölkerung habe bestürzt auf die Todesnachricht von Koeppen reagiert“ [Bra89].

1942/43: Viele Tote, wenige Siege stören den Heldenmythos: Nach Stalingrad versuchen die Nazis durch Umbenennen der „Heldenehrungsfeiern“ in „Gefallenenehrungsfeiern“ der Konkurrenz kirchlicher Trauerfeiern zu trotzen, die Trauer der Angehörigen getöteter Soldaten zu unterbinden und sie mit einem Trostersatz in der Heimatfront zu halten. (Vgl. [Beh96, S. 498–499, 517].)

1944, 1945: Die „Gefallenengedenkfeiern“ finden in der SS-Kaserne statt, am Denkmal nur noch Kranzniederlegungen. Schon 1937 beginnt reichsweit ein Trend weg von Freiluft-Massenaufmärschen hin zu Feiern in geschlossenen Räumen. Gründe: Wetterabhängigkeit, hoher Aufwand, Überdruss an Großveranstaltungen, seit Kriegsbeginn Störungen durch Luftalarme, dringender Bedarf an Finanzmitteln andernorts. (Vgl. [Beh96, S. 390].)

Nach 25. April 1945: Nach dem Einzug französischer Truppen und dem Ende der NS-Herrschaft in Radolfzell verschwinden Hakenkreuz, Reichsadler, NS-Totentafel. Der Name wandelt sich von Horst-Wessel- zurück in Luisenplatz.

22. Dezember 1945: Die französische Militärregierung erlässt eine unklare, daher wirkungsarme Dienstanweisung, dass

„alle in den Gemeinden an größeren Verkehrsstraßen und auf öffentlichen Plätzen stehenden Denkmäler, die auf die Bevölkerung eine ständige Wirkung ausüben und Wahrzeichen darstellen, unter denen sich kriegerischer Sinn und Geist des deutschen Volkes formen, beseitigt werden“ [Lur87, S. 123].
13. Mai 1946: Die vom Alliierten Kontrollrat erlassene Direktive Nr. 30 zur „Beseitigung deutscher Denkmäler und Museen militärischen und nationalsozialistischen Charakters“ verlangt, das NS-Kriegsdenkmal „bis zum 1. Januar 1947 vollständig zu zerstören und zu beseitigen“. Doch es bleibt illegal stehen bis zum 05.05.1955.

24. Mai 1949: Das inkraftgetretene Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland verpflichtet den Bund und die Länder in Artikel 26 (1) zum Frieden:

„Handlungen, die geeignet sind und in der Absicht vorgenommen werden, das friedliche Zusammenleben der Völker zu stören, insbesondere die Führung eines Angriffskrieges vorzubereiten, sind verfassungswidrig. Sie sind unter Strafe zu stellen.“
Auf dieser Rechtsbasis wäre es verfassungswidrig und strafbar, das kriegsvorbereitende Radolfzeller NS-Kriegsmal neu zu errichten.

Bis Ende 1970er: Kriegsverbrecherlobbyisten der Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit der Angehörigen der ehemaligen Waffen-SS e. V. (HIAG) ehren bei öffentlichen Kundgebungen am NS-Relikt ihre Waffen-SS-Mittäter.

Bis min. 2018: Die Stadt zelebriert den Volkstrauertag im November am NS-Kriegsdenkmal.

13. Juli 1953: In Baden-Württemberg stoppt das „Gesetz zur einheitlichen Beendigung der politischen Säuberung“ (Gesetzblatt für Baden-Württemberg 1953, S. 92ff.) die am Kriegsende von den Siegermächten initiierte Entnazifizierung.

„Im verräterisch überdeutlichen Titel dieses Gesetzes wurde implizit das Land für gesäubert erklärt, indem die zahlreichen Verfahren eingestellt wurden und alle Spuren unter den Teppich der Verschwiegenheit gekehrt werden sollten: § 10 dieses Gesetzes verbietet nämlich für alle Zukunft den Bürgern die Einsicht in Akten über Entnazifizierungsverfahren, weil diese in gewissem Sinne Strafakten über erledigte und verbüßte Vergehen seien“ [Bur17, S. 80].
In der Folgezeit gelangen zahlreiche NS-Belastete wieder an Schaltstellen in Wirtschaft, Politik, Medien und bis in höchste Staatsämter in Legislative, Exekutive, Judikative, von wo sie jahrzehntelang die demokratische Entwicklung des Landes hemmen.

5. Mai 1955: Das Gesetz Nr. A-37 der Alliierten Hohen Kommission setzt die Kontrollratsdirektive Nr. 30 für die Bundesrepublik Deutschland außer Wirkung. Seither steht das NS-Relikt zwar „legalisiert“, aber politisch illegitim und moralisch untragbar am Luisenplatz.

1956 bis 1958: Bürgermeister Hermann Albrecht (1914–1968) fordert eine „gründliche Bearbeitung“ des „Ehrenmal“-Ensembles. Dazu bildet sich ein Denkmalausschuss, dessen Vorsitz Konrad Dombrowski übernimmt, der nach seiner Karriere als Rektor in Heilsberg, Ostpreußen, NSDAP-Mitglied und Wehrmachtshauptmann als Stadtrat in Radolfzell, Oberlehrer an der gartenbaulichen Berufsschule und stellvertretender Bezirksgärtnermeister reüssiert.

Der „vitale Ostpreuße“ nutzt die sich mit der „Legalisierung“ des unzerstörten NS-Kriegspropagandarelikts ergebende Chance, dieses im Sinn des Revanchismus des Kalten Kriegs zu restaurieren. Er arbeitet Pläne für die Umgestaltung der Anlage aus, schlägt vor, die oberste der drei Stufen zur Steinplattenwand abzutragen und den Streifen zu bepflanzen, die schon nach 20 Jahren unleserlich gewordenen Steinplatten mit den Namen der Gefallenen des Ersten Weltkriegs zu entfernen und durch Bronzetafeln zu ersetzen, denen sich gestaltgleiche Tafeln mit Namen des Zweiten Weltkriegs zugesellen, definiert die Kriterien für die Auswahl der Namen dafür so, dass sie SS-Mitglieder umfassen, und entwirft ein Relief für die Heimatvertriebenen, das an die verlorenen Ostgebiete erinnert.

Das Bock-zum-Gärtner-Sprichwort invertiert zum Bezirksgärtnermeister, der die Platzumgestaltung so verbockt, dass sie die Stadt jahrzehntelang belasten wird. Dass der Gemeinderat am 10.03.1958 eine Ortsbegehung bei den NS-Kriegern im Streit um „Maggia-Granitplatten“ versus „Kopfsteinpflaster“ abbricht, ist nebensächlich.

Bis 1958 wird der Platz neu eingeteilt, mit Zierrasenflächen, Blumenanlagen und einer Rotasphaltdecke versehen und das Kriegerdenkmal samt Mauern gereinigt und „in einen würdigen Zustand“ versetzt. Für die Kosten der Umgestaltung bringt eine Spendenaktion mit teils „großen, hochherzigen“ Beträgen rund 12.000 DM, den Rest trägt die Stadt.

Da ging dem Stadtrat der Hut hoch . . . Wieder einmal: Erhitzte Gemüter beim Diskussionsthema Gefallenenehrenmal
Südkurier (13.03.1958)
radolfzell-ns-geschichte.von-unten.org/ _detail/umgestaltung_kd_1958_-_dombrowski.jpg?id=ns-ehrenmal

Wird das Ehrenmal bis Ende April fertig? Eine Stellungnahme des Denkmalausschusses zu den Vorgängen der letzten Woche
Südkurier (um 20.03.1958)

Wie vielerorts wurde das Kriegerdenkmal des Ersten Weltkriegs durch zusätzliche Jahreszahlen und Namenstafeln zum Sammeldenkmal für beide Weltkriege uminterpretiert und durch eine Ostlandtafel zum Kriegsfolgendenkmal umfunktioniert. Gründe dafür:
  • Die Umfunktionierung war billiger als ein neues, zusätzliches Kriegerdenkmal für den Zweiten Weltkrieg (vgl. [Lur87, S. 62–66]).
  • Sie sicherte den Erhalt des NS-Kriegsmals, denn nach der Kapitulation der Wehrmacht konnte ein derart revanchistisches, kriegsverherrlichendes Denkmal nicht mehr neu errichtet werden.
  • Sie erlaubte es, entwertete Mythen aus der Zwischenkriegszeit klammheimlich auf die Toten des Zweiten Weltkriegs zu übertragen (Soldatentugenden, saubere Wehrmacht) und alte Antworten auf neue Fragen zu geben.
  • Die „Analogie der beiden “verlorenen” Weltkriege, eine apolitische Auffassung der vergangenen Kriegsgeschehen, die [...] Anknüpfung an Traditionen der Weimarer Republik im bundesdeutschen Neubeginn“ [Vog93, S. 207–208].
19. Juli 1958: Zur Einweihung des „umgestalteten Kriegerehrenmals“ am Vortag des katholischen Heimatfests „Hausherrentag“ läuten die Glocken vom Münsterturm einen Festgruß, versammeln sich Radolfzeller mit Angehörigen von Gefallenen und Vermissten, Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens und einer Delegation des Verbands der Landsmannschaften aus Singen „um das Ehrenmal der Gefallenen am Luisenplatz, teilzuhaben an der schlichten Feierstunde zur Enthüllung der neuen Namenstafeln“, lodern Flammen aus der Feuerschale, ziert hübscher Blumenschmuck die „Zierde der Stadt“ (DBZ 08.05.1937), schwenken Delegationen von Vereinen und Verbänden ihre Fahnen und die ehemaligen 114er und 14er (des 6. Badischen Infanterie-Regiments Kaiser Friedrich III. Nr. 114; frdl. Hinweis v. M. Wolter) ihre alte Regimentsfahne, tragen Heimatvertriebene auf Tafeln die Wappen verlorener Heimat, lauschen die Versammelten den Gedenkreden, senken sich die Fahnen und erklingt die Weise vom Guten Kameraden als Feuerwehrkommandanten die Tafeln enthüllen, legen die Stadtverwaltung, der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V., die Kameradschaft der 14er, der Verband der Kriegsbeschädigten, die Heimatvertriebenen und der von SS-Lobbyisten durchsetzte Verband deutscher Soldaten prächtige Kränze nieder, umrahmt von Mozarts, Schuberts und Brahms’ Musik (SK 21.07.1958).

Was äußern die Gedenkredner? Hauptlehrer Zeiser gedenkt dankbar und treu derer, „die ihr junges Leben ganz dem Vaterlande schenkten“, ehrt ihre „soldatischen Tugenden“, „soldatische Ehre“, „Tapferkeit“, Treue zum Fahneneid (auf Hitler) und Pflichterfüllung als Soldaten, und erklärt einen an „unsere Spitze“ geratenen „Verbrecher“ zum Alleinverantwortlichen für „verbrecherische Taten“. Der Kreisverbandsvorsitzende des Bundes vertriebener Deutscher, Krüger, erinnert „an die Opfer der Heimatvertriebenen, an den Verlust alter Heimat“ und preist die Stätte mit der neuen Ostland-Gedenktafel als „Mahnmal der Erinnerung, der Trauer und der Hoffnung“, ohne das Ziel seiner Hoffnung zu nennen. Der Vorsitzende des Denkmalausschusses, Dombrowski, „auf dessen Initiative die Umgestaltung des Ehrenmales zurückgeht“, lobt den „Ehrentag für Radolfzell“. Bürgermeister Albrecht verspricht „gute Obhut“ für „dieses Mal aus Stein und Bronze“. (SK 21.07.1958) Anachronistische Züge der Reden sind, Verantwortung für die Verbrechen der NS-Zeit abzuwälzen, an entwerteten Soldatentugenden festzuhalten, und revanchistische Hoffnungen zu wecken.

„Im Felde unbesiegt!“ – diese Formel der Militaristen zur Bewältigung ihrer Niederlage im Ersten Weltkrieg versagte nach dem Zweiten Weltkrieg total; sie reformulierten sie zu „Hitler war an allem schuld!“ – wobei sie ihren Hitler-Mythos von „heilig“ auf „teuflisch“ umpolten.
„Die nach dem Ende des Ersten Weltkrieges propagierte Dolchstoßlegende sowie die These von der deutschen Kriegsunschuld fanden nach 1945 insoweit eine gewisse Parallele, als auch jetzt [...] nach Möglichkeiten gesucht wurde, die eigenen Rechtfertigungs- und Schuldverdrängungsbedürfnisse zu befriedigen“ [Wet92b, S. 66].

„Bestand der nationale Konsens nach dem Ersten Weltkrieg in der Kriegsunschuldlegende, so bildete sich nach 1945 sehr rasch ein Konsens über die Schuld am Krieg heraus. Es handelte sich dabei aber nicht um eine deutsche, sondern um eine nationalsozialistische Schuld. Hitler und seinen unmittelbaren Gefolgsleuten wurde die Schuld am Krieg und den damit verbundenen Verbrechen aufgebürdet, nicht aber auch den politischen und gesellschaftlichen Gruppen, die in Staatsverwaltung, Justiz, Wirtschaft, Reichswehr oder Kirchen seit der Auflösung der Weimarer Republik mit dem Nationalsozialismus bereitwillig kooperiert und damit zur Stabilisierung der nationalsozialistischen Herrschaft beigetragen hatten“ [Nie92, S. 28].

Was erhält die Öffentlichkeit? Die neue Sockelinschrift „DIE STADT RADOLFZELL IHREN IN DEN WELTKRIEGEN 1914–1918 UND 1939–1945 GEFALLENEN SÖHNEN“ (zuvor „HELDEN“) funktioniert das NS-Kriegsvorbereitungsmal um in ein NS-Kriegsnachbereitungsmal. Die sieben Steintafeln von 1938 mit den Namen der 229 toten Reichswehrsoldaten des Ersten Weltkriegs sind verschwunden. Die Namen erscheinen auf drei Bronzetafeln neben vier gestaltgleichen Tafeln mit Namen von 459 toten und vermissten Wehrmachtssoldaten des Zweiten Weltkriegs und 102 Waffen-SS-Angehörigen. Die Tätertafeln tauchen drei Jahre nach der „Legalisierung“ des NS-Relikts auf. Die Bronze-Relieftafel der Heimatvertriebenen ergänzt die Tafelwand am östlichen Ende. (Tafel 4 in radolfzell-ns-geschichte.von-unten.org/ _media/tafeln_kriegerdenkmal_final_06.06.2014.pdf)

Radolfzell NS-Kriegsdenkmal östlicher Pylon 2018-09-11 K. Hug Dombrowskis erinnerungsgärtnerisches Verdrängungskunstwerk

Würdige Stätte des Gedenkens, Trauerns und Hoffens. Umgestaltetes Kriegerehrenmal am Luisenplatz seiner Bestimmung zurückgegeben
Südkurier (21.07.1958)
radolfzell-ns-geschichte.von-unten.org/ _detail/umgestaltung_kd_1958_-_dombrowski-3.jpg?id=ns-ehrenmal

Ich danke Markus Wolter für den Hinweis auf die drei Südkurier-Artikel. Die „Bestimmung“ des „Kriegerehrenmals“ zeigt exemplarisch der folgende Eintrag.
27./28. April 1963: Bürgermeister Hermann Albrecht und Gemeinderat unterstützen das von der HIAG-Kreisgemeinschaft Radolfzell organisierte „Kameradschaftstreffen der ehemaligen Angehörigen des III. Btl. "Germania"“ zum 25. Jahrestag „des Einrückens [der] österreichischen Kameraden in die damalige Heinrich-Koeppen-Kaserne“ (die 1938 noch nicht so hieß, da sie erst nach dem „Heldentod“ Koeppens beim Überfall auf Polen so benannt wurde).

Zum „großen Kameradschaftsabend“ am 27. April überfüllen rund 70 ehemalige SS-Angehörige aus Österreich und Baden-Württemberg den Saal des Hotels „Schiff“, als der Beauftragte des Bürgermeisters, Hans Köll, „die Grüße der Stadt“ in „herzliche Worte der Kameradschaft“ kleidet,

„die in der Feststellung gipfelten, daß nichts über den Begriff jener echten Verbundenheit geht, die in den Kämpfen und Opfern des Krieges gepflegt wurde“.
Der ehemalige SS-Hauptscharführer und HIAG-Kreisvorsitzende Willi Hille beschwört „die unvergeßlichen Tage unseres Beisammenseins in unserer alten Garnison“, lobt die Verdienste des SS-Kasernenkommandanten Koeppen, und verbrämt mit tradierten Pflichterfüllungs-, Schicksals- und Auferstehungsmythen den militaristischen Ungeist:
„wollen wir uns gerne der Zeit erinnern, die sich wohl unser ganzes Leben lang nicht aus unserem Gedächtnis verwischen lassen wird. Hier in diesem Saal sitzen sie, die alten Kameraden des III. Btl. "Germania". Und mancher wird in diesem Augenblick im Geist jene Kameraden herbeirufen, mit denen er einst im Glauben an eine bessere Zukunft Schulter an Schulter auf den Schlachtfeldern des letzten Krieges getreu seine Pflicht erfüllte, bis ein jäher Schicksalsschlag den Kameraden neben ihn [!] für immer von sich riß.“ Zur „schlichten Gedenkfeier am Ehrenmal [...] werden sie unter uns sein, die toten Kameraden des III. Btl., angeführt von unserem unvergeßlichen Kommandeur Heinrich Koeppen, gefolgt von den Kompanie-, Zug- und Gruppenführern bis herab zum letzten Grenadier des Bataillons.“
Am Vormittag des 28. April nehmen die SS-Ehemaligen „Aufstellung am Ehrenmal“, der „Gedenkstätte unserer gefallenen Kameraden des III. Btl. "Germania"“ für eine „kurze, aber erhebende Feier“ zur „Gefallenen-Ehrung“ mit Gedichtrezitation, „selbst gefertigter Gedenkkerze“ und prototypisch „feierlicher Kranzniederlegung“ vor der Tätertafelwand, ohne die Gewaltexzesse und Kriegsverbrechen zu erwähnen, die die Verbrecher- und Terrororganisation verübte, der sie bis 1945 angehört hatten. (Alle Zitate aus dem Bericht [KT63]; s. auch [Wol11, S. 4], M. Wolter: Infotafel 4: »Die gefallenen Söhne der Stadt« – Die Umgestaltung und die Namenstafeln von 1958 (2014), [Wol17, S. 303], [IOGR, NS-Ehrenmal]).

1969: Die zwei Bronzeplatten von 1899 mit den Namen der 31 Kriegsteilnehmer des Deutsch-Französischen Kriegs 1870/71 migrieren an die östliche Tafelwand.

23. März 1976: Die inkraftgetretene UN-Konvention „Internationaler Pakt über bürgerliche und politische Rechte“ (Zivilpakt) verpflichtet die BRD in Artikel 20:

„(1) Jede Kriegspropaganda wird durch Gesetz verboten.

(2) Jedes Eintreten für nationalen, rassischen oder religiösen Hass, durch das zu Diskriminierung, Feindseligkeit oder Gewalt aufgestachelt wird, wird durch Gesetz verboten.“

Auf dieser Rechtsbasis wäre es gesetzwidrig, das kriegspropagandistische Radolfzeller NS-Kriegsmal neu zu errichten.

Juli 1992 bis Ende 2003: Das alte Stadtmuseum stellt die NS-Geschichte als Teil einer Dauerausstellung dar.

1999: Der Radolfzeller Lehrer und Filmemacher Günter Köhler dreht den kritischen Dokumentarfilm Krieger-Denk-mal!.

2001: Die Stadt stellt vor das NS-Denkmal eine transparente Textstele, die mit einem Satz auf die Vorbereitungen für den Krieg und den Holocaust hinweist.

19. November 2006: Die Schülerin Johanna Thoma gesteht in ihrer Rede bei der Gedenkveranstaltung zum Volkstrauertag vor 150 Teilnehmern, dass das Radolfzeller Kriegerdenkmal für sie selbst wenig geeignet sei, den rechten Weg der Trauer zu finden. Sie stellt fest, dass die Gewalt auf der Welt zunehme, Konflikte immer öfter militärisch ausgetragen werden, und die Anstrengungen für ein friedliches Zusammenleben zu gering seien. Anschließend werden vor der Tafelwand mit den Namen der SS-Täter Kränze abgelegt.

Gerald Jarausch:
Den Jungen fehlt der Bezug
Südkurier (20.11.2006)
suedkurier.de/archiv/region/kreis-konstanz/radolfzell/art1360095,2310277

Vor 2008: Bei einer Restauration werden viele Risse im Stein mit Steinkleber verfüllt. An manchen Figurteilen werden Armierungen aus Edelstahl eingearbeitet. An der Plinte (Fußplatte) werden viele Teile komplett durch Natursteinersatz angetragen. (KA BV 06.11.2018, Anlage 3)

15. November 2009: Jugendliche um Cem Güler stellen am Volkstrauertag mit einer Rede erstmals den Bezug zum KZ-Außenlager Radolfzell her; ihren Kranz widmen sie den KZ-Häftlingen und legen ihn an der Textstele ab. Der bunte Blumenschmuck um den Sockel des NS-Kriegsmals wird in einem Folgejahr schlichtem Rasen weichen, bis er 2019 in Form von Rosensträuchern wieder erscheinen wird.

Februar 2010: Der Gemeinderat lehnt Norbert Lumbes Antrag zum Druck einer Broschüre mit Vorträgen des Stadtarchivars Achim Fenner über Radolfzells NS-Geschichte ab. Ein Gegenargument ist, die Stadt könne die Vorträge druckkostensparend in ihrem Webauftritt veröffentlichen. (SK 19.02.2010) (Der Webauftritt bietet bis Juli 2018 keine Informationen über den Zeitraum 1929–1947. Fenners Vorträge wurden bis heute weder online noch gedruckt publiziert.)

Torsten Lucht:
Läuft die Stadt an der NS-Zeit vorbei?
Südkurier (19.02.2010)
suedkurier.de/archiv/region/kreis-konstanz/radolfzell/art1360095,4173894

Holger Reile interviewt Günter Köhler:
„Flüsterstadt“ Radolfzell: Der Film zum Theaterstück
SeeMoZ (14.04.2010)
seemoz.de/lokal_regional/%e2%80%9eflusterstadt%e2%80%9c-radolfzell-der-film-zum-theaterstuck

Der Radolfzeller Filmemacher Günter Köhler über seinen Dokumentarfilm Leichen im Keller: „Im Mittelpunkt meiner Dokumentation stehen die Überreste der Radolfzeller SS-Kaserne, das Kriegerdenkmal und die von KZ-Häftlingen unter unmenschlichen Bedingungen gebaute Schießanlage. [...] Aufgeregt habe ich mich schon vor zehn Jahren, als unter dem Radolfzeller Kriegerdenkmal der Volkstrauertag abgehalten wurde. Unter einem Denkmal, das von der SS "geweiht" wurde.“
16. April 2010: Günter Köhlers Film Leichen im Keller über die NS-Zeit in Radolfzell (42 Min.) wird im Milchwerk vorgeführt, danach Podiumsdiskussion.

blogsport UG, Berlin:
Überwältigende Resonanz auf Filmvorführung und Podiumsdiskussion zur NS-Zeit in Radolfzell
LinksRhein (17.04.2010)
linksrhein.blogsport.de/2010/04/17/ueberwaeltigende-resonanz-auf-filmvorfuehrung-und-podiumsdiskussion-zur-ns-zeit-in-radolfzell

„Der gut gemachte Film schaffte es, erstaunlich viele Facetten des Themas in äußerst kurzer Zeit zu thematisieren: die Geschichte der SS-Kaserne und des KZ-Aussenlagers von Dachau, die Begeisterung der Radolfzeller an "ihrer Kaserne" in den späten 30er und frühen 40er Jahren, die ungeheuren Ausmaße des in Sklavenarbeit errichteten "Franzosen"-Schiessstandes, Geschichten von Flucht und Erschiessungen, Eheschliessungen zwischen Radolfzellerinnen und SS-Männern, Lebensborn in Grasbeuren, Reichsarbeitsdienst und Sexarbeit in Wahlwies, Kontinuität und Schweigen, Heldengedenken von, mit den und für die Nazis, spätere Volkstrauertage mit Kränzen vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge beim von der SS-geweihten Kriegerdenkmal im Nachkriegsradolfzell, wissenschaftliche Recherchen und unzugängliche Archive, informierte und nachdenkliche bzw. ignorante und nicht besonders reflektierte O-Töne von der Strasse des heutigen Radolfzells.“
22. Juni 2010: Der Gemeinderat debattiert über Ort und Gestaltung des nächsten Volkstrauertags. Oberbürgermeister Dr. Jörg Schmidt stellt fest,
„dass es kein »weiter so« am Kriegerdenkmal geben dürfe und könne“.
Die Mehrheit will die Gedenkfeier am Volkstrauertag nicht mehr am Kriegerdenkmal – einem Symbol der Nazis – abhalten, sondern anderswo. Schmidt kann „sich eine Feierstunde auf dem Waldfriedhof vorstellen“. Christof Stadler schlägt den Bürgersaal vor, wo die Machtübernahme durch die Nazis stattgefunden habe. Siegfried Lehmann schließt „alle Plätze aus, die die Nazis für ihre Propaganda gebaut hätten“ und fordert einen Ort, „der allen Opfern der NS-Zeit gerecht wird“. Einige Redner erklären Täter zu Opfern und wollen das Denkmal und die Gedenkfeier wie bisher beibehalten. Am Ende delegiert man das Problem an den Arbeitskreis zur Gedenkstätte an der SS-Kaserne. (WB 23.06.2010, SK 24.06.2010)

Hans Paul Lichtwald:
Anderer Volkstrauertag. Gemeinderat sucht neue Wege aus Geschichte
Singener Wochenblatt (23.06.2010)
wochenblatt.net/heute/nachrichten/article/anderer-volkstrauertag

Claudia Wagner:
Gesucht wird ein Ort des Gedenkens
Südkurier (24.06.2010)
suedkurier.de/archiv/region/kreis-konstanz/radolfzell/art1360095,4347213

Hans Paul Lichtwald:
NS-Zeit in Etappen dokumentiert. Am Samstag offizielle Einweihung im Museum
Singener Wochenblatt (06.10.2010)
wochenblatt.net/heute/nachrichten/article/ns-zeit-in-etappen-dokumentiert

„Oberbürgermeister Dr. Jörg Schmidt geht davon aus, dass [die Gedenkfeier zum Volkstrauertag] am gleichen Ort, also am Kriegerdenkmal, stattfinden wird.“
8. Oktober 2010: Das neue Stadtmuseum in der alten Stadtapotheke eröffnet die Themeninsel „Migration und Nationalsozialismus“.
Dem NS-Kriegsdenkmal widmet sie zwei Exponate („Baustein“-Stiftungsbescheinigung, Postkarte) mit Kurzbeschreibung in einem Schaukasten, der vor allem NS-Propagandamaterial, -Reliquien und -Spielzeug enthält.
Claudia Wagner:
Gedenken ist ein schwieriger Prozess
Südkurier (12.10.2010)
suedkurier.de/archiv/region/kreis-konstanz/radolfzell/art1360095,4523424
Einer „Projektgruppe“, „die sich um die Gestaltung des Volkstrauertags kümmert“, gehören „die Gemeinderatsmitglieder Norbert Lumbe, Siegfried Lehmann, Christof Stadler, Jugendgemeinderat Cem Güler und Martin Lunitz, der Vorsitzende des Landesverbands des Volksbunds Deutsche Kriegsgräberfürsorge“ an. „Man habe die bisher am Volkstrauertag beteiligten Gruppen eingebunden: den Sozialverband VdK, den Bund der Vertriebenen, den deutsch-französischen Club und den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge.“

Stadtarchivar Achim Fenner arbeitet an „einer historischen Broschüre über die NS-Zeit“. (Sie ist bis heute nicht erschienen.)

28. Oktober 2010: Der Gemeinderat diskutiert die Vorschläge des im Juni beauftragten Arbeitskreises, wie der Volkstrauertag 14 Tage später begangen werden soll. Ergebnis: Das NS-Kriegsdenkmal bleibt Gedenkort, die Sockelinschrift wird provisorisch verdeckt, die Tätertafeln erhalten provisorisch die Überschrift „Ra­dolf­zell ge­denkt der Opfer der Ge­walt­herr­schaft und der Toten aller Krie­ge.“, der Platz wird gärtnerisch etwas umgestaltet. (SK 29.10.2010, LR 29.10.2010)

Anja Arning:
Neuer Ablauf für den Volkstrauertag
Südkurier (29.10.2010)
suedkurier.de/archiv/region/kreis-konstanz/radolfzell/art1360095,4551444

Volkstrauertag in Radolfzell: es bleibt bei kosmetischen Änderungen der offiziellen Gedenkpolitik
LinksRhein (29.10.2010)
linksrhein.blogsport.de/2010/10/29/volkstrauertag-in-radolfzell-es-bleibt-bei-kosmetischen-aenderungen-der-offiziellen-gedenkpolitik

14. November 2010: Der Festakt zum Volkstrauertag findet wie vom Arbeitskreis vorgeschlagen am NS-Kriegsdenkmal statt. Oberbürgermeister Schmidt wendet sich in seiner Rede gegen die Schlussstrich-Forderung. Das offizielle Gedenken kontrastierend stellt die „Initiative für Offenes Gedenken in Radolfzell“ sich und das Wiki Radolfzell zur NS-Zeit vor. (SK 15.11.10)

Torsten Lucht:
Gute Rede
Südkurier (15.11.2010)
suedkurier.de/archiv/region/kreis-konstanz/radolfzell/art1360095,4579602

tol:
Luisenplatz: Geld für Mahnmal ist nicht eingeplant
Südkurier (10.02.2011)
suedkurier.de/archiv/region/kreis-konstanz/radolfzell/art1360095,4719254

„Auf 10 000 bis 20 000 Euro veranschlagt SPD-Stadtrat Norbert Lumbe die Kosten für die vorgesehenen Gestaltungsarbeiten beim Mahnmal auf dem Luisenplatz. Im Haushaltsplan für dieses Jahr ist davon jedoch nichts zu entdecken.“
Oktober/November 2011: Die Stadt verdeckt die Sockelinschrift „DIE STADT RADOLFZELL IHREN IN DEN WELTKRIEGEN 1914–1918 UND 1939–1945 GEFALLENEN SÖHNEN“ von 1958 dauerhaft mit einer Steinplatte und installiert über den Tätertafeln die Überschrift in Metall-Lettern „RA­DOLF­ZELL GE­DENKT DER OPFER DER GE­WALT­HERR­SCHAFT UND DER TOTEN ALLER KRIE­GE“.

Stadtmuseum: Vortrag zum Kriegerdenkmal
Südkurier (28.11.2011)
suedkurier.de/archiv/region/kreis-konstanz/radolfzell/art1360095,5250562

16. Oktober 2012: Der Gemeinderat „nimmt die Verschiebung der Weiterentwicklung der Gedenkstätte Luisenplatz ins Jahr 2014 zur Kenntnis“.

Stadt Radolfzell am Bodensee, Gemeinderat:
Radolfzeller Erinnerungsstätten: ehemalige Kaserne, ehemaliger Schiessstand, Luisenplatz
(16.10.2012) Wortprotokoll
radolfzell.sitzung-online.de/bi/to020.asp?TOLFDNR=6289

Anja Arning:
Anderer Blickwinkel auf die Geschichte
Südkurier (18.10.2012)
suedkurier.de/archiv/region/kreis-konstanz/radolfzell/art1360095,5731828

gü:
Der Vergangenheit stellen. Rat stimmt Erinnerungsstätte an Kaserne zu
Radolfzeller Wochenblatt (24.10.2012)
wochenblatt.net/fileadmin/Archiv/2012/RAD/2012_43_RAD.pdf

2013: ?

2014: Die Stadt denkt über eine „künstlerische Umgestaltung“ zu einem „Platz des Friedens“ nach.

tol:
Entwürfe für Luisenplatz sind fertig
Südkurier (07.03.2014)
suedkurier.de/archiv/region/kreis-konstanz/radolfzell/art1360095,6754866

8. April 2014: Der Gemeinderat beschließt, als ersten Schritt das Denkmal durch vier Texttafeln und eine Bildtafel zu ergänzen. Der Vorschlag, dazu einen „Flyer“ zu erstellen, wird gern aufgenommen. „Es werde auch ein Hinweis im Internet erfolgen.“ (Bis heute gibt es keinen Flyer und weder die aktuellen Fassungen noch wenigstens einen Hinweis auf die Informationstafeln im städtischen Webauftritt.)

Stadt Radolfzell am Bodensee, Gemeinderat:
Gestaltungsvorschlag für das Kriegerdenkmal auf dem Luisenplatz –
Ergänzung des bestehenden Denkmals um 5 Informationstafeln

(08.04.2014) Wortprotokoll
radolfzell.sitzung-online.de/bi/to020.asp?TOLFDNR=12563

Dort sind die originalen Fassungen der Informationstafeln erreichbar.
Anja Arning:
Begleitung für die Steinsoldaten
Südkurier (10.04.2014)
suedkurier.de/archiv/region/kreis-konstanz/radolfzell/art1360095,6850646

1. August 2014: Bei einer Gedenkstunde zum 100. Jahrestag des Beginns des Ersten Weltkriegs stellen Vertreter der Stadtverwaltung und des Volksbunds Deutscher Kriegsgräberfürsorge fünf Glas-Informationstafeln zur Entstehung des NS-Kriegsdenkmals der Öffentlichkeit vor. Unklar ist, ob die Unleserlichkeit der Informationstafeln beabsichtigt ist. Die Textfassungen vom 08.04.2014 wurden zu den veröffentlichten Fassungen überarbeitet, siehe Informationstafeln. Exemplarischer Textvergleich auf Tafel 4:

Original Veröffentlicht
„Weder die zivilen Opfer noch die erst spät und formelhaft eingeführten "Opfer der Gewaltherrschaft" wurden bei Volkstrauertagen der ersten Nachkriegsjahrzehnte berücksichtigt. Die Kriterien dieser für die allgemeine Gedenkkultur jener Zeit ebenso typischen wie fragwürdigen Kriegsopfer-Auswahl wurden in Radolfzell von Lehrer und Stadtrat Konrad Dombrowski (1896-1985), einem ehemaligen NSDAP-Mitglied und Major der Wehrmacht, formuliert und vom Gemeinderat beschlossen.“ „Weder die zivilen Opfer des Krieges noch die Verfolgten und Opfer der NS-Gewaltherrschaft wurden bei Volkstrauertagen der ersten Nachkriegsjahrzehnte berücksichtigt. Die Kriterien für die Kriegsopfer-Auswahl waren für die allgemeine Gedenkkultur jener Zeit ebenso typisch wie fragwürdig. In Radolfzell wurden sie förmlich vom Gemeinderat beschlossen.“
Die redaktionellen Änderungen erfolgten ohne Kenntnis und Zustimmung des Autors Markus Wolter. Strich ein Schutzengel den Namen des Waffen-SS- und Ostlandvertriebenen-Lobbyisten Dombrowski?

Neue Diskussionsrunde um Kriegerdenkmal
Seemal – das Magazin (04.08.2014, 27.11.2015)
seemal.de/neue-diskussionsrunde-um-kriegerdenkmal-2

Georg Lange:
Neue Runde in der Diskussion ums Kriegerdenkmal
Südkurier (04.08.2014)
suedkurier.de/archiv/region/kreis-konstanz/radolfzell/art1360095,7147587

Torsten Lucht:
Diskussion um Kriegerdenkmal: „Dem Luisenplatz täte Stille gut“
Südkurier (09.08.2014)
suedkurier.de/archiv/region/kreis-konstanz/radolfzell/art1360095,7161936

Interview mit dem Historiker Markus Wolter über die neuen Informationstafeln, die SS-Täternamenstafeln und das NS-Denkmal. Wolter fordert eine Täter-Opfer-Debatte und die Verlegung der Volkstrauertagsrituale weg vom Luisenplatz.
7. Oktober 2014: Der Kulturausschuss bespricht einen Vorschlag des Arbeitskreises Erinnerungskultur und des Künstlers Markus Daum, den Luisenplatz durch sieben auf der Tafelmauer platzierte, bis 50 cm hohe, weiße Tauben aus Aluguss zu gestalten, um „den Wunsch nach Frieden in aller Welt sichtbar zu machen“. Daums Entwurf ist umstritten und findet keine Zustimmung.

Stadt Radolfzell am Bodensee, Kulturausschuss:
Gestaltungsvorschlag für das Kriegerdenkmal bzw. den Luisenplatz
(07.10.2014) Fachbereich Kultur Mitteilungsvorlage 14/25/882-1-2
radolfzell.sitzung-online.de/bi/vo020.asp?VOLFDNR=1137
(07.10.2014) Wortprotokoll
radolfzell.sitzung-online.de/bi/to020.asp?TOLFDNR=13816

Claudia Wagner:
Luisenplatz soll durch Taubenfiguren belebt werden
Südkurier (09.10.2014)
suedkurier.de/archiv/region/kreis-konstanz/radolfzell/art1360095,7310119

Claudia Wagner:
Thema der Woche: Immer noch diskutiert die Stadt über das Gedenken am Volkstrauertag.
Südkurier (15.11.2014)
suedkurier.de/archiv/region/kreis-konstanz/radolfzell/art1360095,7408992

Nach Markus Wolter eignet sich der Luisenplatz nicht gut für die Gedenkfeier, „weil die Schriftzeile "Radolfzell gedenkt der Opfer der NS-Gewaltherrschaft" impliziere, dass man auch der auf den Namenstafeln genannten 102 SS-Angehörigen gedenke“.
16. November 2014: Am Volkstrauertag gedenken rund 150 Bürger am Luisenplatz „der Opfer von Krieg, Terror und Gewaltherrschaft“. Oberbürgermeister Martin Staab ruft in seiner Rede dazu auf, die „Integration durch aufmerksame Toleranz zu fördern und den gemeinsamen, friedlichen Europa-Gedanken voranzutreiben“. Danach legen er, Bürgermeisterin Monika Laule und die Stadträte Norbert Lumbe und Christof Stadler Kränze an der Tafelwand mit den Namen der Wehrmachts- und SS-Täter nieder, die 1939–1945 Europa mit Krieg, Terror und Gewaltherrschaft überzogen hatten. (SK 17.11.2014)

Gerald Jarausch:
Gedenkfeier zum Volkstrauertag: OB Staab für mehr Frieden in der Welt
Südkurier (17.11.2014)
suedkurier.de/archiv/region/kreis-konstanz/radolfzell/art1360095,7412322

2015: Die Stadt will ihre „Erinnerungskultur“ entwickeln.

Torsten Lucht:
Radolfzell entwickelt Erinnerungskultur
Südkurier (17.03.2015)
suedkurier.de/archiv/region/kreis-konstanz/radolfzell/art1360095,7706994

24. März 2015: In der Kulturausschusssitzung präsentiert Angélique Tracik, Fachbereichsleiterin Kultur, von ihr und Martin Lang, Abteilungsleiter Kulturbüro, verfasste, mit „Konzeptentwurf Erinnerung und Gedenken in Radolfzell - Grundlage und mögliche Leitlinien“ betitelte 13 Folien.

Stadt Radolfzell am Bodensee, Kulturausschuss:
Konzeptentwurf Erinnerung und Gedenken in Radolfzell
(24.03.2015) Fachbereich Kultur Mitteilungsvorlage 2015/47/1251
radolfzell.sitzung-online.de/bi/vo020.asp?VOLFDNR=1364
(24.03.2015) Wortprotokoll
radolfzell.sitzung-online.de/bi/to020.asp?TOLFDNR=15947

8. Mai 2015: Mitglieder und Unterstützer der neonazistischen Partei „Der III. Weg“ nutzen eine Blumen+Kerzen-Hinlege-Aktion, um in Web-Berichten darüber den NS-Krieg völkisch zu verdrehen („Massenmord an uns Deutschen“, „die Alliierten als die eigentlichen "Kriegsverbrecher"“) und rassistisch gegen Ausländer zu hetzen („Masseneinwanderung“, „Verausländerung“, „wurzellose Multi-Kulti-Gesellschaft“, „unsere Identität rauben“). Nach einer Pressemitteilung der Initiative „Stolpersteine in Radolfzell“ vom 21.05.2015 erstattet die Stadtverwaltung Strafanzeige wegen Volksverhetzung (§ 130 StGB) gegen die Neonazis.

Torsten Lucht:
Radolfzell stellt Strafanzeige wegen Volksverhetzung
Südkurier (30.05.2015)
suedkurier.de/archiv/region/kreis-konstanz/radolfzell/art1360095,7891372

Torsten Lucht:
Wichtiges Signal
Südkurier (30.05.2015)
suedkurier.de/archiv/region/kreis-konstanz/radolfzell/art1360095,7891730

Rechtsextremistische Aktion in Radolfzell am 8. Mai 2015
LinksRhein (31.05.2015)
linksrhein.blogsport.de/2015/05/31/rechtsextremistische-aktion-in-radolfzell-am-8-mai-2015

23. Juni 2015: Der Kulturausschuss beschließt einstimmig das Konzept „Erinnerung und Gedenken in Radolfzell“, dessen Entwurf am 24.03.2015 vorgestellt und vom Arbeitskreis Erinnerung am 20.04. und 26.05.2015 überarbeitet wurde. Verbesserungen bestehen darin, den Umfang von 13 auf 9 Folien zu reduzieren, als Autorin Katharina Maier zu nennen, den Hinweis auf „wichtige Initiativen und Anregungen aus der Bevölkerung“ und die Fotos zur „bisherigen Arbeit der Erinnerungskultur“ zu entfernen, die Erläuterungen des Mahnmals am Seetorplatz und der Stolperstein-Initiative zu streichen, die Folie „Radolfzell gestern“ im Stadtmuseum wegzulassen, den Leitsatz

„Gegen das Vergessen mit dem Blick in die Gegenwart und Zukunft“
durch
„Mit Verantwortung für Gegenwart und Zukunft gegen das Vergessen“
zu ersetzen, „Verschweigen und Entfernen“ als Alternativen im Hintergrund zuzulassen, „an die Lebenswelten von Jugendlichen anknüpfende Formate des Gedenkens“ durch „den Anspruch, Kindern und Jugendlichen Geschichte erfahrbar zu machen“ zu ersetzen, den Satz
„Die Wissenschaft hat dabei die Aufgabe die Ergebnisse der Beschäftigung mit der Vergangenheit und ihre Schlüsse daraus nachvollziehbar nach Kriterien der Wissenschaftlichkeit (u.a. Wahrheit und Vollständigkeit) darzulegen.“
und den Bezug zum Kulturprogramm zu streichen, die Projekte „Straßennamen“ und „Lettow-Vorbeck-Straße“ zusammenzufassen, sowie einige Details zu ändern.

Stadt Radolfzell am Bodensee, Kulturausschuss:
Konzept "Erinnerung in Radolfzell"
(23.06.2015) Fachbereich Kultur Beschlussvorlage 2015/47/1251-1
radolfzell.sitzung-online.de/bi/vo020.asp?VOLFDNR=1466
(23.06.2015) Wortprotokoll
radolfzell.sitzung-online.de/bi/to020.asp?TOLFDNR=17326

Katharina Maier:
Erinnerung und Gedenken in Radolfzell - Grundlage und Leitlinien
Radolfzell am Bodensee, Abteilung Stadtgeschichte (20.10.2015) 8 Folien radolfzell.de/bausteine.net/f/12026/KonzeptErinnerungundGedenkeninRadolfzell-finaleFassungSchreibgesch%c3%bctzt.pdf?fd=2

Dem Dokument ist nicht zu entnehmen, ob es sich um das vom Kulturausschuss am 23.06.2015 beschlossene Erinnerungs- und Gedenkkultur-Konzept handelt. Verglichen mit der Fassung vom 04.05.2015 wurde Seite 9 entfernt. „Nationalsozialismus“, „Nazi“, „NS“ kommen darin nicht vor, „SS-Kaserne“, „SS-Schießstand“ je einmal.
Stadtmuseum zeigt Ausstellung zu Gefallenendenkmalen
Südkurier (24.02.2016)
suedkurier.de/region/kreis-konstanz/radolfzell/Stadtmuseum-zeigt-Ausstellung-zu-Gefallenendenkmalen;art372455,8541459

Matthias Güntert:
»Denk mal an den Krieg!« Neue Sonderausstellung im Stadtmuseum Radolfzell
Singener Wochenblatt (26.02.2016)
wochenblatt.net/heute/nachrichten/article/denk-mal-an-den-krieg

27. Februar bis 17. April 2016: Die Sonderausstellung „Denk mal an den Krieg! Gefallenendenkmale in und um Radolfzell“ im Stadtmuseum lockt 1103 Besucher.

Stadtmuseum Radolfzell:
Denk mal an den Krieg! Gefallenendenkmale in und um Radolfzell
(27.02.–17.04.2016) Sonderausstellung
t4-ausstellung.de/dokumente/160214_Sonderausstellung_Stadtmuseum.pdf

Natalie Reiser:
Radolfzell: Vom Umgang mit Gefallenen-Denkmälern
Südkurier (02.03.2016)
suedkurier.de/region/kreis-konstanz/radolfzell/Vom-Umgang-mit-Gefallenen-Denkmaelern;art372455,8558770

Matthias Güntert:
Sensibel und erläuternd. Stadtmuseum widmet sich Kriegerdenkmälern
Singener Wochenblatt (06.03.2016)
wochenblatt.net/heute/nachrichten/article/sensibel-und-erlaeuternd

Dr. Patrick Brauns, Konstanz:
Denkmäler-Vortrag in Radolfzell am 12. April 2016
(10.03.2016)
patrickbrauns.net/denkmaeler-vortrag-in-radolfzell

8. Mai 2016: Die Neonazipartei „Der III. Weg“ nutzt das NS-Kriegsdenkmal am Tag der Befreiung von Faschismus und Krieg für revisionistische, volksverhetzende „Ehrendienst“-Rituale, bei denen sie zum „Heldengedenken“ die Reichsflagge mit Kranz deponiert.

2. Oktober 2016: Die Stadt installiert zur „Kulturnacht“ 38 von Schülern und Kindergartenkindern gestaltete „Friedensfahnen“. Die Schüler möchten damit „ein Zeichen für Frieden und Freiheit setzen“ (Gerhard-Thielcke-Realschule, 15.11.2016), die Stadt will den NS-Kultort zu einem „Platz des Friedens“ wandeln. Die Fahnen sollen bis zum 13.11.2016 (Volkstrauertag) stehen bleiben, werden aber sämtlich am 03./04.10.2016 von Unbekannten gestohlen. Am Tatort finden sich Flugblätter und Aufkleber der Neonazipartei „Der III. Weg“. Die Stadtverwaltung erstattet Strafanzeige gegen diese Partei. (SK 06.10.2016)

4. Oktober 2016: Der Gemeinderat beschließt einstimmig eine Erklärung gegen Gewalt und Rassismus, in der er sich

„gegen jede Form von Gewalt, Diskriminierung, Rassismus, Antisemitismus, politischen Extremismus, Faschismus und Antiziganismus“
positioniert, um neonazistischen Aktionen entgegenzutreten.
„Der Gemeinderat fordert die Verwaltung auf, zukünftig alle rechtlichen Möglichkeiten auszuschöpfen, um Demonstrationen und Veranstaltungen mit extremistischem Hintergrund auf städtischem Gelände zu verhindern“.
Sollte dies unvermeidbar sein, erwartet der Gemeinderat
„eine direkte und schnelle Rückmeldung, damit die unterschiedlichsten Gruppen mit rechtsstaatlichen Mitteln aktiv werden könnten“.
Die Erklärung erscheint im amtlichen Mitteilungsblatt Hallo Radolfzell (No. 43, Jahrgang 22, 27.10.2016), von dem das öffentliche Digitalarchiv nur den aktuellen und den vorhergehenden Jahrgang bereitstellt. Unter „Aktuelles“ verschwindet die Erklärung nach zwei Wochen spurlos von ihrer URL. Indirekt ist sie noch als Teil der Sitzungsunterlagen zugänglich, doch da der Suchindex den gescanten Text nicht erfasst, bleibt maschinelles Suchen danach erfolglos.

Stadt Radolfzell am Bodensee, Gemeinderat:
Interfraktioneller Antrag gegen Gewalt und Rassismus
(04.10.2016) Fachbereich Bürgerdienste Beschlussvorlage 2016/1745
radolfzell.sitzung-online.de/bi/vo020.asp?VOLFDNR=1985
(dort Verweis auf die Erklärung des Gemeinderates der Stadt Radolfzell gegen Gewalt und Rassismus)
(04.10.2016) Wortprotokoll
radolfzell.sitzung-online.de/bi/to020.asp?TOLFDNR=21189

Oliver Fiedler:
Wahrscheinlich politisch motivierter Diebstahl
Schülerkunstwerk der Kulturnacht wurde entfernt

Singener Wochenblatt (05.10.2016)
wochenblatt.net/heute/nachrichten/article/wahrscheinlich-politisch-motivierter-diebstahl

Lisa Jahns:
Nach Diebstahl von Friedensfahnen:
Stadt erstattet Anzeige gegen rechtsextreme Partei

Südkurier (06.10.2016)
suedkurier.de/region/kreis-konstanz/radolfzell/Nach-Diebstahl-von-Friedensfahnen-Stadt-erstattet-Anzeige-gegen-rechtsextreme-Partei;art372455,8936126

Matthias Güntert:
»Armseligkeit von Rechts« Rat setzt klares Zeichen gegen Rechtsradikalismus
Singener Wochenblatt (06.10.2016)
wochenblatt.net/heute/nachrichten/article/armseligkeit-von-rechts

Landeskoordinierungsstelle Demokratiezentrum Baden-Württemberg, Jugendstiftung Baden-Württemberg, Sersheim:
Friedensfahnen gestohlen (Oktober 2016) S. 51
in: Rechtsextreme und fremdenfeindliche Vorfälle in Baden-Württemberg – Monitoring Bericht 2016, 68 S.
demokratiezentrum-bw.de/wp-content/uploads/2018/04/ Monitoring_2016_Demokratiezentrum-BAden-W%C3%BCrttemberg.pdf

11. Oktober 2016: Die Räte im Sitzungssaal: ratlos. Der Kulturausschuss verwirft den Beschlussvorschlag der Verwaltung

„Ein Künstlerwettbewerb zur weiteren Gestaltung des Kriegerdenkmals am Luisenplatz wird im Jahr 2017 durchgeführt.“
und beschließt einstimmig:
„Beibehaltung der jetzigen Gestaltung am Luisenplatz mit den informativen Tafeln ohne weitere künstlerische Maßnahmen. Beibehaltung der regelmäßigen Aktionen zur Betonung des Friedensgedankens am Luisenplatz, z.B. Fahnenaktion, Begehung des Weltfriedenstages, aktuelle Gestaltung des Volkstrauertages, etc.“
So bleibt es nach dem Fahnendiebstahl dabei, Kränze unter die SS-Tätertafeln beim NS-Kriegsdenkmal zu legen.

Stadt Radolfzell am Bodensee, Kulturausschuss:
Luisenplatz: Gestaltungswettbewerb
(11.10.2016) Stadtgeschichte Beschlussvorlage 2016/1673
radolfzell.sitzung-online.de/bi/vo020.asp?VOLFDNR=1900
(11.10.2016) Wortprotokoll
radolfzell.sitzung-online.de/bi/to020.asp?TOLFDNR=21286

Nicole Rabanser:
Ein Zeichen des Friedens gesetzt
Stadt stellt 48 neue Friedensfahnen beim Kriegerdenkmal auf

Singener Wochenblatt (21.10.2016)
wochenblatt.net/heute/nachrichten/article/ein-zeichen-des-friedens-gesetzt

13. November 2016: Am Volkstrauertag hält Stadtrat Reinhard Rabanser auf der „Gedenkveranstaltung am Luisenplatz anlässlich der in den Kriegen gefallenen Radolfzeller“ eine Rede. Er sieht in den 48 Friedensfahnen, die die Kinder zum Ersatz der gestohlenen Fahnen erstellten, ein Zeichen dafür, „den Wunsch nach Frieden weiterhin als höchstes Gut in sich zu tragen und dies auch nach außen hin zu zeigen“ (WB 15.11.2016). Danach hinterlegen er, OB Martin Staab, Bürgermeisterin Monika Laule und MdL Jürgen Keck Kränze „an der Gedenktafel für die Opfer von Krieg und Gewalt in der Welt“ (SK 13.11.2016), die nicht existiert; gemeint ist die Tafelwand mit den Namen der Wehrmachts- und SS-Täter.

Gerald Jarausch:
Volkstrauertag in Radolfzell: Die Fahnen wehen wieder
48 Friedensfahnen als Zeichen der Hoffnung sind zum Volkstrauertag am Luisenplatz aufgestellt worden

Südkurier (13.11.2016)
suedkurier.de/region/kreis-konstanz/radolfzell/Volkstrauertag-in-Radolfzell-Die-Fahnen-wehen-wieder;art372455,8997276

Matthias Güntert:
Fahnen als Zeichen des Friedens. 48 neue Friedenssymbole zum Volkstrauertag
Singener Wochenblatt (15.11.2016)
wochenblatt.net/heute/nachrichten/article/fahnen-als-zeichen-des-friedens

Stadtverwaltung Radolfzell, Pressestelle, Julia Theile:
Tafel am Luisenplatz |
Unbekannte besprühten die Tafel am Kriegerdenkmal Luisenplatz

(24.11.2016)
radolfzell.de/docs/index.aspx?id=15368&n_d_from_y=2001&n_d_from_m=1& n_d_to_y=2016&n_d_to_m=12&newsrefid=15314&newsid=245125

Gedenktafel besprüht
Wieder Beschädigung am Kriegerdenkmal

Singener Wochenblatt (24.11.2016)
wochenblatt.net/heute/nachrichten/article/gedenktafel-besprueht

Matthias Güntert:
Erneuter Vandalismus am Kriegerdenkmal
Stadt stellt Strafanzeige gegen Unbekannt

Singener Wochenblatt (25.11.2016)
wochenblatt.net/heute/nachrichten/article/erneuter-vandalismus-am-kriegerdenkmal

2017: Nachdem der Gemeinderat eine Platzumgestaltung im Oktober 2016 verworfen hat, taucht das Problem 2017 wieder auf.

21./22. Januar 2017: Farbaktion von Unbekannten, die das NS-Kriegsdenkmal mit Lack beklecksen, mit fünf Farben

„LIEBER BUNT ALS NAZI-SCHUND“
auf den Sockel schreiben und auf den Tätertafeln den Namen des SS-Obersturmbannführers Koeppen gelb markieren.
Siehe dazu im Abschnitt „Inschriften“ 2017 Alternative Werte.
SK:
Wieder Schmierereien am Kriegerdenkmal in Radolfzell
Südkurier (22.01.2017)
suedkurier.de/region/kreis-konstanz/radolfzell/Wieder-Schmierereien-am-Kriegerdenkmal-in-Radolfzell;art372455,9096909

Oliver Fiedler:
Schon wieder Vandalismus am Kriegerdenkmal
Farbbeutel geworfen und Schriftzug aufgemalt

Singener Wochenblatt (22.01.2017)
wochenblatt.net/heute/nachrichten/article/schon-wieder-vandalismus-am-kriegerdenkmal

Offenbar handelt es sich um einen Fall von politischem Ikonoklasmus, nicht um Vandalismus.
Farbattacke auf Kriegerdenkmal in Radolfzell
LinksRhein (23.01.2017)
linksrhein.blogsport.de/2017/01/23/farbattacke-auf-kriegerdenkmal-in-radolfzell

Claudia Wagner:
Unbekannte haben das Kriegerdenkmal am Luisenplatz mit Farbbeuteln beworfen
Südkurier (23.01.2017)
suedkurier.de/region/kreis-konstanz/radolfzell/Unbekannte-haben-das-Kriegerdenkmal-am-Luisenplatz-mit-Farbbeuteln-beworfen;art372455,9099038

„Der Historiker Markus Wolter beleuchtet die Frage, warum das Denkmal immer wieder als Provokation wirkt.“
26. Januar 2017: Die Neonazipartei „Der III. Weg“ fordert die Stadt auf, „das Kriegerdenkmal unverzüglich zu säubern und herzurichten“ und droht eine „eigene Säuberungsaktion“ an. Die Stadt antwortet, dass „Minus-Temperaturen“ und „poröser Stein“ die Reinigung verzögern. Daraufhin stellen die Neonazis der Stadt das Ultimatum, „bis Ende Februar [..] die bitter notwendigen Reinigungen durchzuführen“.

Markus Wolter:
Farbbeutelwurf auf Kriegerdenkmal:
Warum das Denkmal und der Gedenkort umstritten bleiben werden

Südkurier (27.01.2017)
suedkurier.de/region/kreis-konstanz/radolfzell/Farbbeutelwurf-auf-Kriegerdenkmal-Warum-das-Denkmal-und-der-Gedenkort-umstritten-bleiben-werden;art372455,9104133

2. Februar 2017: Eine Spezialreinigungsfirma schließt die Entfernung der Farbkleckse ab. Bürgermeisterin Monika Laule mailt dem vom Verfassungsschutz als höchst gewaltbereit eingestuften „III. Weg“ zwei Beweisfotos mit dem Hinweis, das Denkmal sei nun gereinigt. (SM 02.05.2017, SK 15.01.2018)

Georg Becker:
Buntes auf dem Luisenplatz in Radolfzell stört die Nationalsozialisten
Südkurier (17.02.2017)
suedkurier.de/region/kreis-konstanz/radolfzell/Buntes-auf-dem-Luisenplatz-in-Radolfzell-stoert-die-Nationalsozialisten;art372455,9137345

J. Geiger:
Die Stadt und die Nazis
SeeMoZ (21.04.2017)
seemoz.de/lokal_regional/die-stadt-und-die-nazis

Zeigt ein Foto des bunt beklecksten NS-Kriegsdenkmals.
Matthias Güntert:
Beweise führen nach Königsfeld. Mutmaßlicher Fahnendieb könnte gefasst sein
Singener Wochenblatt (26.04.2017)
wochenblatt.net/heute/nachrichten/article/beweise-fuehren-nach-koenigsfeld

jüg:
Pschorr: Steilvorlage für die Nazis
SeeMoZ (02.05.2017)
seemoz.de/lokal_regional/pschorr-steilvorlage-fuer-die-nazis

Kritisiert die peinlich anbiedernden E-Mails der Bürgermeisterin an den „III. Weg“.
Claudia Wagner:
Für Frieden und Vielfalt: Zwei Kundgebungen für den 8. Mai geplant
Südkurier (03.05.2017)
suedkurier.de/region/kreis-konstanz/radolfzell/Fuer-Frieden-und-Vielfalt-Zwei-Kundgebungen-fuer-den-8-Mai-geplant;art372455,9240767

Antifaschistischer Infostand in Radolfzell am 8. Mai
OAT Konstanz (03.05.2017)
oatkn.blogsport.de/2017/05/03/antifaschistischer-infostand-in-radolfzell-am-8-mai

hpk:
Drei Veranstaltungen in Radolfzell wollen am Montag eine vierte verhindern
SeeMoZ (05.05.2017)
seemoz.de/lokal_regional/drei-veranstaltungen-in-radolfzell-wollen-am-naechsten-montag-eine-vierte-verhindern

8. Mai 2017: Zwei Schüler organisieren eine Kundgebung am Luisenplatz mit dem Titel „Radolfzell ist bunt – Sag ja zu Vielfalt und nein zu Menschenhass“, an der rund 60 Menschen teilnehmen. Vier Rechtsextreme stören die Kundgebung. Die Polizei erzwingt den Abbau des Informationspavillons, der vor dem Regen schützen sollte. (SK 03.05.2017, SK 08.05.2017)

Claudia Wagner, Anna-Maria Schneider:
Kundgebung für Frieden und Vielfalt wird gestört von mutmaßlichen Mitgliedern des "Dritten Weg"
Südkurier (08.05.2017)
suedkurier.de/region/kreis-konstanz/radolfzell/Kundgebung-fuer-Frieden-und-Vielfalt-wird-gestoert-von-mutmasslichen-Mitgliedern-des-Dritten-Weg;art372455,9246140

Matthias Güntert:
Zwei Zeichen für Toleranz - eins für Intoleranz
Kundgebungen auf dem Markt- und Luisenplatz in Radolfzell

Singener Wochenblatt (08.05.2017)
wochenblatt.net/heute/nachrichten/article/zwei-zeichen-fuer-toleranz-eins-fuer-intoleranz

DS:
Radolfzell trotzt Rechtsextremen und Verwaltung
SeeMoZ (09.05.2017)
seemoz.de/lokal_regional/radolfzell-trotzt-rechtsextremen-und-verwaltung

Stellungnahme des OAT Konstanz bezüglich des antifaschistischen Infostandes in Radolfzell am 08. Mai
OAT Konstanz (10.05.2017)
oatkn.blogsport.de/2017/05/10/stellungnahme-des-oat-konstanz-bezueglich-des-antifaschistischen-infostandes-in-radolfzell-am-08-mai

Beschreibt, wie Stadtverwaltung und Polizei antifaschistisches Engagement am Tag der Befreiung von Faschismus und Krieg schikanieren und behindern.
Kundgebungen am 8. Mai gegen Neonazis vom „III. Weg“ durch Stadt Radolfzell und Polizei behindert
LinksRhein (11.05.2017)
linksrhein.blogsport.de/2017/05/11/kundgebungen-am-8-mai-gegen-neonazis-vom-iii-weg-durch-stadt-radolfzell-und-polizei-behindert

Ramona Löffler:
Beweise reichen nicht für Verurteilung:
Freispruch für Anhänger von Partei "Der dritte Weg" im Luisenplatz-Prozess

Südkurier (03.06.2017)
suedkurier.de/region/kreis-konstanz/radolfzell/Beweise-reichen-nicht-fuer-Verurteilung-Freispruch-fuer-Anhaenger-von-Partei-Der-dritte-Weg-im-Luisenplatz-Prozess;art372455,9277925

Der wegen des Diebstahls der 38 Friedensfahnen im Oktober 2016 angeklagte 24-jährige Aktivist der Neonazipartei wird freigesprochen, da ein einzelner Fingerabdruck auf einem Plakat kein Beweis dafür ist.
29. Juni 2017: Wegen „Vorkommnissen im ersten Halbjahr 2017 am Luisenplatz durch rechts- und linksextreme Gruppen“ diskutiert der Arbeitskreis Erinnerung Vorschläge „für eine zusätzliche Gestaltung des Luisenplatzes“ und wählt folgende zur Prüfung aus (Liste und Zitate aus Stadtgeschichte Beschlussvorlage 2017/2176):
  1. Glasverhüllung (einfarbig, farbig, beleuchtet)
    Das Denkmal wird durch eine Galskonstruktion [!] verhüllt, welche z.B. farbig gestaltet sein kann.
  2. Grünbewuchs (Wilder Wein, Efeu, weiße Rosen)
    Das Denkmal wird von Planzen [!] zugewachsen.
  3. Farbe (Anstrich, bunt)
    Das Denkmal wird farbig umgestaltet.
  4. Farbiges Gummigranulat (bunt und plastisch)
    Das Denkmal wird farbig und in seiner Form verändert.
  5. Texttafel Luise von Baden
    Eine Erläuterungstafel zur Großherzogin soll den Namen des Platzes erläutern.
  6. Versetzung der Namenstafeln
    Die Tafeln mit den Namen der Gefallenen soll [!] auf den Waldfriedhof versetzt werden.
  7. Schieflegung der Soldatenfiguren
    Die Soldaten werden in ihrer Achse verschoben und sollen damit "schief" dastehen, was ihnen die Bedrohlichkeit nehmen soll.
  8. Versenkung der Figuren
    Die Figuren sollten entweder ganz oder zum Teil im Boden verschwinden, was ihnen die Höhe und damit Bedrohlichkeit nehmen soll.
  9. Schaffung eines Aufenthaltsort [!]
    Es soll ein Ort mit hoher Aufenthaltsqualität mit Spielgeräten und Bänken geschaffen werden. Der Luisenplatz soll dadurch mehr belebt werden.
  10. Erklärungen in leichter Sprache
    Die Erläuterungstafeln werden in leicht verständlicher Weise durch sogenannte "leichte Sprache" ergänzt (Tafeln, Bildschirme, etc.).
Der Arbeitskreis diskutiert auch den „Gestaltungsvorschlag der Sprengung und Zerstörung des Denkmales“, der nicht zur Auswahl steht, „da es nicht den Leitlinien zur Erinnerungskultur entspricht, das Denkmal zu zerstören“.

17. Oktober 2017: Der Kulturausschuss befasst sich mit den zehn Vorschlägen des Arbeitskreises Erinnerung vom 29.06.2017 und ergänzt sie um diese:

  • „Die Figuren werden umgedreht und laufen auf die Totentafel zu.“
  • „Die Figuren werden an einen anderen Standort innerhalb des Luisenplatzes versetzt.“
„Operatives Ziel [...] ist eine weitere Sichtbarmachung der Geschichte des Luisenplatzes und Erläuterung des Soldatendenkmals.“ „Eine weitere erläuternde Gestaltung des Luisenplatzes soll [ihm] auch seine politische Brisanz für das rechts- oder linksextreme Spektrum“ nehmen. Entsprechend zielgerichtet wählt der Kulturausschuss vier der 12 Vorschläge jeweils mehrheitlich in den Beschluss: „Die Abteilung Stadtgeschichte wird beauftragt, folgende Vorschläge zur Umgestaltung des Luisenplatzes hinsichtlich Umsetzbarkeit, Finanzierung und Sicherheit prüfen zu lassen:
  • Grünbewuchs (Wilder Wein, Efeu, weiße Rosen)
    Das Denkmal wird von Pflanzen zugewachsen.
  • Texttafel Luise von Baden
    Eine Erläuterungstafel zur Großherzogin soll den Namen des Platzes erläutern.
  • Schaffung eines Aufenthaltsortes
    Es soll ein Ort mit hoher Aufenthaltsqualität mit Bänken geschaffen werden.
  • Versetzung der Figuren an einen anderen Standort innerhalb des Luisenplatzes.“
Für Prüfungen der Umsetzbarkeit der Vorschläge sind 5.000 Euro im Haushalt 2018 angemeldet. „Vor allem die Realisierbarkeit hinsichtlich Statik, Architektur und Sicherheit bzw. in Hinblick auf Umwelt, Landschaft und Gewässer“ müssen Experten prüfen. Nach den Umsetzbarkeitsprüfungen der Vorschläge soll sie der Arbeitskreis Erinnerung im März 2018 besprechen und der Kulturausschuss im Mai 2018 vorstellen. „Anschließend soll ein Künstlerwettbewerb zur Umsetzung der ausgewählten Vorschläge stattfinden.“

Stadt Radolfzell am Bodensee, Kulturausschuss:
Prüfaufträge für Neugestaltung des Luisenplatzes
(17.10.2017) Stadtgeschichte Beschlussvorlage 2017/2176
radolfzell.sitzung-online.de/bi/vo020.asp?VOLFDNR=2520
(17.10.2017) Wortprotokoll
radolfzell.sitzung-online.de/bi/to020.asp?TOLFDNR=24509

Anna-Maria Schneider:
So könnte der Luisenplatz umgestaltet werden
Südkurier (20.10.2017)
suedkurier.de/region/kreis-konstanz/radolfzell/So-koennte-der-Luisen­platz-umgestaltet-werden;art372455,9462838

„Am meisten Anklang fand die Idee des Seniorenrates, das Denkmal mit Efeu bewachsen zu lassen und nur zum Volkstrauertag die Tafeln mit den Namen der Gefallenen von dem Grün zu befreien.“

Die SS-Täternamen zum Volkstrauertag „befreien“?

Matthias Güntert:
Luisenplatz soll umgestaltet werden
Ausschuss will Prüfaufträge im Mai präsentieren

Singener Wochenblatt (25.10.2017)
wochenblatt.net/heute/nachrichten/article/luisenplatz-soll-umgestaltet-werden

Georg Lange:
Demokratie leben: Bürgerkonferenz im Radolfzeller Zunfthaus
Südkurier (10.11.2017)
suedkurier.de/region/kreis-konstanz/radolfzell/Demokratie-leben-Buergerkonferenz-im-Radolfzeller-Zunfthaus;art372455,9491063

„"Mein Wunsch ist es, dass sich Bürger gemeinsam für ihre Demokratie aktiv einsetzen und dass sie sich an Aktionen beteiligen, sie selbst initiieren und ein Zeichen gegen Rassismus, Extremismus und jegliche Form von Diskriminierung und Gewalt in unserer Stadt setzen", ruft Monika Laule die Radolfzeller Bürger auf.“
Welcome to Radolfzell – Demonstation [!] gegen Neonazis
OAT Konstanz (14.11.2017)
oatkn.blogsport.de/2017/11/14/welcome-to-radolfzell-demonstation-gegen-neonazis

WELCOME TO RADOLFZELL – Gegen «Heldengedenken» von NS-Verbrechern in Radolfzell – Für eine Aufarbeitung der NS-Vergangenheit und des Widerstands
oatkn.blogsport.de/images/WelcometoRadolfzell.pdf

Kundgebung: Welcome to Radolfzell!
facebook.com/events/743649239155897

Aufrufe zu einer Demonstration, die am 19.11.2017 am Luisenplatz stattfinden soll.
16. November 2017: Die Stadt genehmigt die für den 19.11.2017 am Luisenplatz angemeldete Demonstration „Welcome to Radolfzell!“ zu Radolfzells NS-Geschichte und zur Neonazipartei „Der III. Weg“.

17. November 2017: Die Stadt untersagt die vortags genehmigte Versammlung. Bürgermeisterin Monika Laule begründet das Demonstrationsverbot so:

„Nachdem in der Nacht vom 16. auf den 17. November der Sockel des Kriegerdenkmals am Luisenplatz unerlaubt mit Plakaten beklebt worden war, haben wir heute die Versammlung untersagt. Es werden dennoch Polizeikräfte vor Ort sein, um für die öffentliche Sicherheit und Ordnung zu sorgen.“
Unklar ist, welche Beziehung zwischen den unbekannten Plakatklebern und der Anmelderin bestehen könnte, wie die Versammlung die „öffentliche Sicherheit und Ordnung unmittelbar gefährden“ könnte, und wie die Verhältnismäßigkeit der Mittel (Plakatierung ./. Demoverbot) garantiert sein soll. Das Verbot erreicht die Anmelderin zum freitäglichen Büroschluss der Anwaltskanzleien, was ihr Rechtswege gegen das Verbot verbaut. (LR 16./17.11.2017, WB 21.11.2017, LR 30.03.2018)
Am 02.08.2018 wird das Verwaltungsgericht Freiburg das Demonstrationsverbot als rechtswidrig beurteilen.
19.11.: Demonstration „Welcome to Radolfzell“
LinksRhein (16./17.11.2017)
linksrhein.blogsport.de/2017/11/16/19-11-demonstration-welcome-to-radolfzell

Anna-Maria Schneider:
Stadt untersagt Antifa-Demo
Südkurier (17.11.2017)
suedkurier.de/region/kreis-konstanz/radolfzell/Stadt-untersagt-Antifa-Demo;art372455,9500914

Zeigt ein Foto des mit drei DIN-A4-Plakaten „sachbeschädigten“ NS-Kriegsdenkmalsockels.
Matthias Güntert:
Stadt untersagt »Antifa«-Kundgebung
Linksaktivisten bekleben Kriegerdenkmal auf dem Luisenplatz

Singener Wochenblatt (17.11.2017)
wochenblatt.net/heute/nachrichten/article/stadt-untersagt-antifa-kundgebung

Gegen Behörden Willkür und Repression in Radolfzell
OAT Konstanz (18.11.2017)
oatkn.blogsport.de/2017/11/18/gegen-behoerden-willkuer-und-repression-in-radolfzell

Matthias Güntert:
Erinnern und Gedenken. Volkstrauertag am kommenden Sonntag
Singener Wochenblatt (18.11.2017)
wochenblatt.net/heute/nachrichten/article/erinnern-und-gedenken

19. November 2017: Bei der Volkstrauertagsfeier spielt das Jugendblasorchester Michael Jacksons Heal the World. Die Präventionsratsvorsitzende Nina Breimaier mahnt vor rechter Stimmungsmache, Ausgrenzung von Minderheiten, Demokratiefeindlichkeit und gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit, konzediert, dass es ihr schwer falle, am NS-Kriegsdenkmal „der Vertriebenen, Verfolgten, all der zivilen Opfer zu gedenken“ und schlägt vor, den Platz in ein „Geschichtsdenkmal“ umzuwandeln. Danach legen sie, OB Martin Staab, Bürgermeisterin Monika Laule und MdL Jürgen Keck Kränze vor der Tafelwand mit den Namen der SS-Terroristen nieder. (SK 19.11.2017, WB 21.11.2017, FGL 01.02.2018)

Als sich rund 20 Antifaschisten spontan am Seetorplatz versammeln, um zum Luisenplatz zu ziehen, werden sie ohne erkennbare Rechtsgrundlage beim Untertorplatz von über 40 Polizisten und zwei Hunden eingekesselt. Die Polizei nimmt vier „Rädelsführer“ fest und behandelt sie erkennungsdienstlich. Die Staatsanwaltschaft verhängt Bußgeldbescheide und Strafanzeigen wegen „Aufrufs zu und Teilnahme an einer verbotenen Demonstration“ und „Widerstands gegen die Staatsgewalt“, und leitet fünf Ermittlungsverfahren ein. Stadträtin Gisela Kögel-Hensen kommentiert:

„Der Einsatz von Polizeihunden war vielleicht doch etwas überzogen.“
(SK 19.11.2017, SM 20.11.2017, LR 30.03.2018, SK 22.04.2018)
Bis August 2018 werden drei, bis September 2018 vier, bis November 2018 fünf der fünf Ermittlungsverfahren eingestellt sein (LR 04.08.2018, SM 09.08.2018, LR 22.08.2018, LR 18.09.2018, SM 29.11.2018). War vielleicht nicht nur der Hundeeinsatz überzogen?
Petra Reichle:
Gedenkfeier zum Volkstrauertag: Appell für vielfältige und friedliche Stadt
Südkurier (19.11.2017)
suedkurier.de/region/kreis-konstanz/radolfzell/Gedenkfeier-zum-Volkstrauertag-Appell-fuer-vielfaeltige-und-friedliche-Stadt;art372455,9503044

Kundgebung eskaliert:
Polizei löst nicht genehmigte Demo der Antifaschistischen Aktion auf

Südkurier (19.11.2017)
suedkurier.de/region/kreis-konstanz/radolfzell/Kundgebung-eskaliert-Polizei-loest-nicht-genehmigte-Demo-der-Antifaschistischen-Aktion-auf;art372455,9503173

Zeigt ein Foto der von Polizisten umzingelten Antifaschisten.
Demonstrieren ist keine Straftat!
OAT Konstanz (19.11.2017)
oatkn.blogsport.de/2017/11/19/demonstrieren-ist-keine-straftat

jüg:
„Schwarze Stunde für die Demokratie in Radolfzell“
SeeMoZ (20.11.2017)
seemoz.de/lokal_regional/schwarze-stunde-fuer-die-demokratie-in-radolfzell

Polizeiwillkür und schlechter Journalismus in Radolfzell
LinksRhein (20.11.2017)
linksrhein.blogsport.de/2017/11/20/polizeiwillkuer-und-schlechter-journalismus-in-radolfzell

Kritisiert fehlende Rechtsgrundlagen der Auflösung der Spontandemonstration am 19.11.2017.
Uwe Johnen:
Volkstrauertag – aktuell wie nie zuvor. Bewegende Rede zum Gedenken aller Opfer von Krieg, Verfolgung und Gewaltherrschaft
Singener Wochenblatt (21.11.2017)
wochenblatt.net/heute/nachrichten/article/volkstrauertag-aktuell-wie-nie-zuvor
Singener Wochenblatt (22.11.2017) Ausgabe Radolfzell
wochenblatt.net/fileadmin/Archiv/2017/RAS/2017_47_RAS.pdf

Radolfzell: Denkmal am Luisenplatz mit Farbbeuteln beworfen
Südkurier (27.12.2017)
suedkurier.de/region/kreis-konstanz/radolfzell/Denkmal-am-Luisenplatz-mit-Farbbeuteln-beworfen;art372455,9555065

Oliver Fiedler:
Schon wieder Farbanschlag auf Kriegerdenkmal
Feuerwehr konnte teils flüssige Farbe wieder entfernen

Singener Wochenblatt (27.12.2017)
wochenblatt.net/heute/nachrichten/article/schon-wieder-farbanschlag-auf-kriegerdenkmal

14. bis 16. Januar 2018: Ein Bekennerschreiben nennt „Antifa Paradise“ als „autonome antifaschistische Gruppe“, die am 14./15.01.2018 eine Farbaktion gegen das NS-Kriegsdenkmal verübt habe. Die Stadtverwaltung lässt die Farben am 15.01. bis auf Reste entfernen und zeigt die „Beschädigung des Denkmals“ an. Der Radolfzeller Polizeirevierleiter Willi Streit weiß nicht, wer hinter dem Bekennerschreiben stecke und gibt den Fall an den Staatsschutz weiter, der immer bei politisch motivierten Straftaten eingeschaltet werde. Unklar ist, wie Farbkleckse auf einem NS-Kriegspropagandarelikt den demokratischen Rechtsstaat gefährden könnten. (SK 15.01.2018)

Anna-Maria Schneider:
Antifa Paradise bekennt sich zum Farbanschlag am Kriegerdenkmal
Südkurier (15.01.2018)
suedkurier.de/region/kreis-konstanz/radolfzell/Antifa-Paradisebekennt-sich-zum-Farbanschlag-am-Kriegerdenkmal;art372455,9576758
Ein Hauch von Rosa für die Betonsoldaten
Südkurier (30.01.2018) Ausgabe Singen, S. 21

Oliver Fiedler:
Schon wieder Farbbeutel am Kriegerenkmal [!]
Antifa-Gruppe hinterlässt Bekennerschreiben

Singener Wochenblatt (15.01.2018)
wochenblatt.net/heute/nachrichten/article/schon-wieder-farbbeutel-am-kriegerenkmal

Freie Grüne Liste Radolfzell e.V.:
Wir bewegen Radolfzell | FGL Beitrag im Hallo Radolfzell am 01.02.2018
Ist der Luisenplatz noch der richtige Ort, um Feierlichkeiten abzuhalten?

fgl-radolfzell.de/fgl-beitrag-im-hallo-radolfzell-am-01-02-2018
Hallo Radolfzell, Amtsblatt der großen Kreisstadt Radolfzell, Nr. 5, Jg. 24 (01.02.2018) S. 5
radolfzell.de/bausteine.net/f/13806/01.02.18klein.pdf?fd=2

Auszüge aus der Rede von Gemeinderätin Nina Breimaier zum Volkstrauertag 2017.
Karlheinz Hug:
Überlegungen zum NS-Kriegerdenkmal in Radolfzell
(14.02.2018) Gewidmet dem Radolfzeller Kulturausschuss und dem Arbeitskreis Erinnerungskultur, 7 S.
karlheinz-hug.de/hegau-bodensee/start/Radolfzell_NS-Kriegerdenkmal_Ueberlegungen_2018-02-14_K_Hug.pdf
Diskutiert 11 Optionen zum Umgang mit dem NS-Kriegsdenkmal.

Repliken aus der Stadtverwaltung: „Ganz herzlichen Dank ... gebe Ihre Nachricht an den Fachbereich Kultur weiter zur Befassung des AK Erinnerung.“ „haben Ihr Papier an die Mitglieder des Arbeitskreises "Erinnerungskultur" geschickt und werden es bei unserer nächsten Sitzung Mitte März zusammen mit den weiteren Gestaltungsvorschlägen diskutieren.“ „für Ihre Nachricht mit Ihren Bemerkungen ... bedanken ... werden Ihre Anregungen in unsere laufende Diskussion zur Gestaltung des Luisenplatzes integrieren.“

15. März 2018: Der Arbeitskreis Erinnerungskultur diskutiert die vier Prüfaufträge des Kulturausschusses vom 17.10.2017 und ergänzt sie um die folgenden sieben Vorschläge (Liste aus Stadtgeschichte Beschlussvorlage 2017/2176-01):
  • Das Gefallenendenkmal wird komplett entfernt und die Namenstafeln werden auf dem Friedhof angebracht.
  • Das Gefallenendenkmal wird versetzt, der Platz aufgelöst, die Erinnerung daran muss jedoch bleiben und fortgeführt werden. Die Namenstafeln könnten am Luisenplatz bleiben.
  • Das Gefallenendenkmal bleibt an seinem Standort und die Namenstafeln werden auf den Friedhof versetzt. Als künstlerischer Gegenpol werden Bilder von militärischen Niederlagen installiert.
  • Das Gefallenendenkmal muss in ein Museum.
  • Eventuell könnte die ganze Anlage „eingehaust“ werden (muss noch geklärt werden).
  • Als Kontrapunkt zum Gefallenendenkmal ist ein künstlerischer Gegenpol aus Bildern von Niederlagen und Katastrophen denkbar.
  • Zusätzlich zum künstlerischen Kontrapunkt mit Niederlagenbildern noch ein weiterer künstlerischer Gegenpol.
Aufruf zur antifaschistischen Demo am 21.4. in Radolfzell
LinksRhein (30.03.2018)
linksrhein.blogsport.de/2018/03/30/aufruf-zur-antifaschistischen-demo-am-21-4-in-radolfzell

Aufruf zur antifaschistischen Demo am 21.4 [!] in Radolfzell
OAT Konstanz (05.04.2018)
oatkn.blogsport.de/2018/04/05/40

Aufruf zur „Demonstration gegen Nazistrukturen & Repressionen in Radolfzell“ am 21.04.2018, die von der Stadt durch extreme Auflagen behindert werden soll.

Den Aufruf veröffentlicht auch barrikade.info, ein „Infoportal aus der Deutschschweiz“ mit einer „antiautoritären, revolutionären Perspektive“. Die Gewaltaffinität dieses „offenen“, für „Gender*sternchen“-freie Texte geschlossenen Portals ist geeignet, gewaltfreien Protest zu diskreditieren und überzogene Polizeieinsätze zu legitimieren.

April 2018: Das „Bündnis Bodensee Nazifrei“, dem die „Offenen antifaschistischen Treffen“ (OAT) Konstanz und Freiburg und die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA) Konstanz angehören, meldet eine „Demonstration gegen Nazistrukturen & Repressionen in Radolfzell“ am 21.04.2018 an, die vom Bahnhof über ns-belastete Orte zum NS-Kriegsdenkmal führen soll. Die Stadt versucht, die Demonstration durch zahlreiche Auflagen u.a. zu Zeit, Weg, Ziel, Inhalten zu verhindern (Liste s. LR 22.04.2018). Das Verwaltungsgericht Freiburg spricht im Eilverfahren der Anmelderklage dagegen in allen Punkten Recht zu, erläutert der Stadt die Grundlagen der Demokratie und des Versammlungsrechts, bescheinigt, dass die Auflagen „offensichtlich rechtswidrig“ seien und „der herrschenden verfassungs- und verwaltungsrechtlichen Rechtsprechung“ widersprächen, eine Störung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung nicht zu befürchten sei usw. Die Stadt trägt die Verfahrenskosten, die Demonstration darf wie geplant stattfinden. (LR 22.04.2018, SK 22.04.2018)

MM:
Demo am Radolfzeller Kriegerdenkmal geplant
SeeMoZ (13.04.2018)
seemoz.de/lokal_regional/demo-am-radolfzeller-kriegerdenkmal-geplant

21. April 2018: An der „Demonstration gegen Nazistrukturen & Repressionen in Radolfzell“ beteiligen sich 50 bis 100 mit sechs Transparenten ummantelte und vier roten Wimpeln bewaffnete junge Antifaschisten, allseitig begleitet von etwa ebenso vielen meist jungen Polizisten in schwarzen hieb-, stich- und schusssicheren Schutzanzügen, ausgestattet mit diversen Waffen und Kommunikationsgeräten, denen drei Polizeifahrzeuge voraus- und zwei hinterherfahren, ergänzt durch zwei Polizisten in gelben mit „AntiKonfliktTeam“ beschrifteten Warnwesten. Bürgermeisterin Monika Laule rechtfertigt das Polizeiaufgebot als vorsorgliche Maßnahme im Sicherheitsinteresse. Unklar ist, wessen Sicherheit eine Demonstration bedrohen könnte, die zur Aufklärung der Radolfzeller NS-Geschichte beitragen will. Zur Abschlusskundgebung umzingeln die Demonstranten das NS-Kriegsdenkmal. (LR 22.04.2018, SK 22.04.2018, BN 22.04.2018)

Radolfzell Demo gegen Nazistrukturen & Repressionen 2018-04-21 K. Hug Vom Ordnungsamt Radolfzell verboten, vom Verwaltungsgericht Freiburg erlaubt: barfüßiger Demonstrant zwischen schwarzbestiefelten Polizisten

Radolfzell Demo gegen Nazistrukturen & Repressionen 2018-04-21 K. Hug Auf dem Weg vom Gurs-Mahnmal zum NS-Kriegsdenkmal stoppt die Demonstration mehrfach, um an nazi-belasteten Orten aufzuklären. Am Marktplatz schützt eine Polizistenbarriere Straßencafégäste vor Antifaschisten.

Radolfzell Demo gegen Nazistrukturen & Repressionen 2018-04-21 K. Hug Wohin auch das Auge blicket: Polizisten links, rechts, vorne, hinten tragen der Bedrohungslage trotzend ihre Schutzhelme in den Händen.

Radolfzell Demo gegen Nazistrukturen & Repressionen 2018-04-21 K. Hug Drei Polizeifahrzeuge und zahlreiche Polizisten bahnen der Demonstration den Weg durch Radolfzells Gassen und Straßen.

Radolfzell Demo gegen Nazistrukturen & Repressionen 2018-04-21 K. Hug Beim Polizeigebäude fallen kritische Worte über fragwürdige Polizeieinsätze.

Radolfzell Demo gegen Nazistrukturen & Repressionen 2018-04-21 K. Hug Beim NS-Kriegsdenkmal verhindert die geballt auftretende Staatsgewalt eine Farbattacke gegen das bestens gepflegte kulturelle Erbstück, obwohl keine Hinweise vorliegen, dass die Demonstranten solches geplant haben könnten.

Radolfzell Demo gegen Nazistrukturen & Repressionen Tafel Täter 2018-04-21 K. Hug Was die Stadt seit Jahrzehnten versäumt, schaffen die Demonstranten für zwei Stunden: öffentliche Aufklärung über die Täter und Opfer des Naziregimes. (Zum Vergrößern anklicken!)

Radolfzell Demo gegen Nazistrukturen & Repressionen Tafel Opfer 2018-04-21 K. Hug Jüdische Opfer und Opfer der Euthanasie (Zum Vergrößern anklicken!)

Radolfzell Demo gegen Nazistrukturen & Repressionen Tafel Sinti+Roma 2018-04-21 K. Hug Sinti und Roma (Zum Vergrößern anklicken!)

Radolfzell Demo gegen Nazistrukturen & Repressionen Tafel Widerstand 2018-04-21 K. Hug Widerstand (Zum Vergrößern anklicken!)

Oliver Fiedler:
Linksgerichtete Kundgebung verläuft ohne Zwischenfälle
Rund 50 Demonstranten in Radolfzell am Samstagnachmittag auf der Straße

Singener Wochenblatt (21.04.2018)
wochenblatt.net/heute/nachrichten/article/linksgerichtete-kundgebung-verlaeuft-ohne-zwischenfaelle

Klatsche vor Gericht:
Demo-Auflagen der Stadt Radolfzell „offensichtlich rechtswidrig“

LinksRhein (22.04.2018)
linksrhein.blogsport.de/2018/04/22/klatsche-vor-gericht-demo-auflagen-der-stadt-radolfzell-offensichtlich-rechtswidrig

Michael Jahnke:
Rund 50 Teilnehmer demonstrieren gegen "Nazistrukturen in Radolfzell"
Südkurier (22.04.2018)
suedkurier.de/region/kreis-konstanz/radolfzell/Rund-50-Teilnehmer-demonstrieren-gegen-Nazistrukturen-in-Radolfzell;art372455,9706764

Protest gegen Behördenwillkür in Radolfzell. Nazi-GegnerInnen können erst nach Eilentscheidung Freiburger Richter demonstrieren
Beobachter News (22.04.2018)
beobachternews.de/2018/04/22/protest-gegen-behoerdenwillkuer-in-radolfzell

Enthält vier Videos mit drei Reden sowie Fotos. Drittes Video:

Protest gegen Behördenwillkür in Radolfzell - Rede 2 - 21.4.2018 - YouTube
Video 1:40 (22.04.2018)
youtube.com/watch?v=UhJ2k9t525M

Demobericht 21.4. Radolfzell
OAT Konstanz (22.04.2018)
oatkn.blogsport.de/2018/04/22/demobericht-21-4-radolfzell

jüg:
Unruhe im Hinterland
SeeMoZ (23.04.2018)
seemoz.de/lokal_regional/unruhe-im-hinterland

Radolfzell bleibt bunt! – 8. Mai Kundgebung Luisenplatz in Radolfzell
OAT Konstanz (03.05.2018)
oatkn.blogsport.de/2018/05/03/radolfzell-bleibt-bunt-8-mai-kundgebung-luisenplatz-in-radolfzell

Aufruf zu der vor Monaten angemeldeten „Kundgebung für mehr Toleranz und gegen örtliche Nazistrukturen“ am 08.05.2018, die von der Stadt kurzfristig verboten wird.
8. Mai 2018: Das Kundgebungsverbot für die vor Monaten angemeldete „Kundgebung für mehr Toleranz und gegen örtliche Nazistrukturen“ begründet die Stadt damit, das später angemeldete „Friedensfest“ des Präventionsrats der Stadt und des „Bürgerbündnisses Radolfzell für Demokratie“ (BRD) würde Vorrang genießen. Die Stadt erteilt das Verbot am 07.05., sodass kein Eilverfahren für Rechtsschutz mehr möglich ist, und verdrängt die am Luisenplatz verbotene Kundgebung zum Forsteibrunnen, wo der Infotisch von Polizisten in fünf Fahrzeugen überwacht wird. Unklar ist, wie sich Diskriminierung, Privilegierung und Tricksereien mit Demokratie und Recht vertragen. (BN 12.05.2018)

Polizeipräsidium Konstanz, Sauter:
POL-KN: Kundgebung verläuft friedlich
(08.05.2018) Pressemitteilung
presseportal.de/blaulicht/pm/110973/3938730

Zum „Friedensfest“ wird das NS-Kriegsdenkmal in eine Stoffbahn gewickelt. Über Grund, Zweck und Sinn der Verhüllung rätselnde Zuschauer erhalten weder per Flugblatt noch per Ansage mitgeteilt, was das soll. Der Südkurier berichtet, man habe die dominierenden NS-Soldaten unsichtbar und Luise, die Namensgeberin des Platzes, sichtbar machen wollen. „Das Friedensfest solle auch dazu beitragen, dass Erinnerungen an die militärische Tradition verschwinden.“ Zugleich preisen die Veranstalter die Erinnerungskulturleitlinien der Stadt, nach denen „Spuren verschiedener Zeitschichten sichtbar zu machen“ seien. Unklar ist, wieso sie die Spur der militaristischen NS-Zeit, die in den Steinsoldaten erhalten ist, ausgerechnet am Tag der Befreiung von Faschismus und Krieg verstecken, anstatt den Tag zu nutzen, um über dieses Propagandamittel für den geplanten Krieg aufzuklären. Unklar bleiben auch Bezüge Luises zum Naziregime einerseits, zu seinem Sturz und zur bundesdeutschen Demokratie andererseits.

Radolfzell NS-Kriegerdenkmal Verhülung+Luise 2018-05-08 K. Hug Was hat Luise mit dem NS-Kriegsdenkmal und der Befreiung von Faschismus und Krieg zu tun?

Auf dem Rasen vor dem verhüllten NS-Relikt stehen Friedensfahnen der Art der im Oktober 2016 gestohlenen.

Radolfzell NS-Kriegerdenkmal Friedensfest Fahnen 2018-05-08 K. Hug Wo marschieren sie denn? Hinter Friedensfahnen in Stoff verpackt – heute, morgen wieder ohne.

Auf vor der Tätertafelwand ausgerollten Stoffbahnen visualisieren Kinder und Stadträte das von der privatinitiativen Vorjahrsveranstaltung übernommene Motto „Radolfzell ist bunt“, ohne das verhüllte NS-Relikt zu beklecksen. Der Jugendgemeinderat und die Initiative STOLPERSTEINE-RADOLFZELL beteiligen sich am Friedensfest, ein Großaufgebot der Polizei schützt es vor „rechter und linker Szene“. Der Präventionsrat will diese Art von Friedensfest dauerhaft im Radolfzeller Jahreskalender verankern. Privilegierte Spätanmeldung hält Konkurrenten fern. (SK 08.05.2018)

Radolfzell NS-Kriegerdenkmal Friedensfest Infotafeln 2018-05-08 K. Hug Strafanzeige angedroht: OAT-Aktive zeigen die Infotafeln zu Tätern, Opfern und Widerstand der NS-Zeit vom 21.04.2018 zwischen unverhüllten Tätertafeln und bemalten Stoffbahnen.

Gerald Jarausch:
Friedensfest macht seinem Namen alle Ehre
Südkurier (08.05.2018)
suedkurier.de/region/kreis-konstanz/radolfzell/Friedensfest-macht-seinem-Namen-alle-Ehre;art372455,9729538

Oliver Fiedler:
Verhüllung am Kriegerdenkmal als Friedenszeichen
Großaufgebot der Polizei rund um zwei Aktionen zum Kriegsende in Radolfzell

Singener Wochenblatt (08.05.2018)
wochenblatt.net/heute/nachrichten/article/verhuellung-am-kriegerdenkmal-als-friedenszeichen

Radolfzell NS-Kriegerdenkmal Friedensfest verhüllt 2018-05-08 K. Hug Vier Stunden verhüllt: schamvolles Versteckspiel anstelle mündiger Aufklärung zum NS-Kriegsmal

Matthias Güntert:
Sie will Geschichte entstauben
Dr. Angelika Merk ist die neue Leiterin der Stadtgeschichte

Singener Wochenblatt (09.05.2018)
wochenblatt.net/heute/nachrichten/article/sie-will-geschichte-entstauben

„Obwohl Merk weiß, welche Bedeutung dem Platz zukommt, hofft sie in Sachen Umgestaltung des Luisenplatzes auf Fingerspitzengefühl. »Radolfzell muss sich nicht vor seiner Geschichte verstecken. Ohnehin tut die Stadt viel, um den Bürgern ihre Geschichte zu erklären«, betonte sie.“
Sandy Uhl:
Am Ende siegt „die Antifa“
Friedensfest verdrängt antifaschistischen Protest gegen Neonazis in Radolfzell

Beobachter News (12.05.2018)
beobachternews.de/2018/05/12/am-ende-siegt-die-antifa
Enthält 25 Fotos.
15. Mai 2018: Der Kulturausschuss befasst sich mit den vier Prüfaufträgen vom 17.10.2017, den sieben Vorschlägen des Arbeitskreises Erinnerungskultur vom 15.05.2018, sowie der Alternative, den Luisenplatz im Status quo zu belassen.

Zum Prüfauftrag „Grünbewuchs“ hat die Abteilung Landschaft und Gewässer sechs Varianten erarbeitet. Davon scheiden „Efeu“ und „weiße Kletterrosen“ aus, da sie „das Gefallenendenkmal beschädigen würden“. Die vier anderen – „wilder Wein“, „hohe weiße Strauchrosen (z.B. Sorte Friedenslicht®)“, „immergrüne Schnittgehölze“ um das Denkmal oder auf der Gesamtfläche – bringen zwar Nachteile wie Eingriffe in Platanenwurzeln, Pflegeaufwand, Stützgerüste, Kosten, gestalterische Betonung des Denkmals, aber auch den Vorteil, dass das Denkmal zumindest teilweise verschwindet.

Den Prüfauftrag „Schaffung eines Aufenthaltsortes“ bewertet die Abteilung Landschaft und Gewässer als schwierig wegen dem Straßenverkehr. Zum Prüfauftrag „Versetzung der Figuren an einen anderen Standort innerhalb des Luisenplatzes“ meldet die Abteilung, dass dies statisch begleitet werden muss, ggf. die Statik der Außenmauer vorab geprüft werden muss, Schädigungen des Wurzel- und Kronenbereichs der Platane zu erwarten sind, und die Voruntersuchungen und Maßnahmen einen fünfstelligen Betrag kosten werden.

Die in der Sitzung gestellten Anträge

  • „Abriss des Mahnmals und Ausschreibung eines künstlerischen Wettbewerbs mit dem Auftrag, etwas zu entwerfen als "Mahnung zum Frieden"“
  • „Verlegung der Namenstafeln auf den Friedhof“
  • „den Luisenplatz in der jetzigen Form belassen und mit Erklärungen untermauern“
finden keine Mehrheit. Die Prüfaufträge „Texttafel Luise von Baden“ und „Aufenthaltsort“ sowie die sieben Vorschläge des Arbeitskreises werden nicht weiter verfolgt. Trotz der bekannten Nachteile beschließt der Kulturausschuss einstimmig als Empfehlung für den Gemeinderat, die Abteilung Stadtgeschichte möge folgende Vorschläge zur Umgestaltung des Luisenplatzes in die Planung 2019 aufnehmen:
„Das Gefallenendenkmal und die Namenstafeln auf dem Luisenplatz werden begrünt.

Das Gefallenendenkmal wird an einen anderen Standort auf dem Luisenplatz versetzt.“

Obwohl die Abteilung Landschaft und Gewässer „von der kompletten Begrünung der Gedenkwand“ abrät, erwähnt der Beschluss die Tafeln. Nebenbei hat sich die neue Sprachregel durchgesetzt, das NS-Kriegsdenkmal „Gefallenendenkmal“ zu nennen. Oberbürgermeister Martin Staab sichert zu, die Anregung, „den Volkstrauertag in einem anderen Rahmen (neuer Ort oder neue Form) abzuhalten, mitzunehmen“.

Stadt Radolfzell am Bodensee, Kulturausschuss:
Prüfaufträge für Neugestaltung des Luisenplatzes
(15.05.2018) Stadtgeschichte Beschlussvorlage 2017/2176-01
radolfzell.sitzung-online.de/bi/vo020.asp?VOLFDNR=2757
(15.05.2018) Wortprotokoll
radolfzell.sitzung-online.de/bi/to020.asp?TOLFDNR=26445

Matthias Güntert:
Der Frieden stand im Mittelpunkt
Beim Friedensfest wird das Kriegerdenkmal verhüllt

Singener Wochenblatt (16.05.2018) Ausgabe Radolfzell
wochenblatt.net/fileadmin/Archiv/2018/RAS/2018_20_RAS.pdf
Singener Wochenblatt (17.05.2018)
wochenblatt.net/heute/nachrichten/article/der-frieden-stand-im-mittelpunkt

„»Unsere Leitlinien sollen erklären, nicht verdrängen, verschwinden lassen oder verstecken«, betonte Angélique Tracik, Leiterin des Fachbereichs Kultur.“
Isabelle Arndt:
Zwischen Verhüllen und Verstecken:
Radolfzell berät über Umgestaltung des Kriegerdenkmals

Südkurier (17.05.2018)
suedkurier.de/region/kreis-konstanz/radolfzell/Zwischen-Verhuellen-und-Verstecken-Radolfzell-beraet-ueber-Umgestaltung-des-Kriegerdenkmals;art372455,9741496
„Wir wollen nicht verschweigen, entfernen und vergessen“, sagte Kulturbereichsleiterin Angélique Tracik. Nur verhüllen, versetzen, begrünen.

Der Titel des Artikels wurde zwischen 17.05.2018 und 23.06.2018 geändert in: „Zwischen Verhüllen und Begrünen: Radolfzell berät über Umgestaltung des Kriegerdenkmals am Luisenplatz“.

Karlheinz Hug:
Fragen zum NS-Kriegerdenkmal in Radolfzell
(27.05.2018) Gerichtet an den Radolfzeller Kulturausschuss und den Arbeitskreis Erinnerungskultur, 10 S.
karlheinz-hug.de/hegau-bodensee/start/Radolfzell_NS-Kriegerdenkmal_Fragen_2018-05-27_K_Hug.pdf
Stellt 37 Fragen zum Webauftritt der Stadt Radolfzell, den „Leitlinien zur Erinnerungskultur“, und der Empfehlung des Kulturausschusses vom 15.05.2018 für den Gemeinderat.

Repliken aus dem Kulturausschuss: „Wollen wir die Vergangenheit schleifen wie es bereits Napoleon mit unseren Burgen tat? Oder wie die Pharaonen ihre nicht geliebten Vorgänger ausmeißeln ließen!“

„Gerne [...] Ihren Fragen widmen, dafür werden wir allerdings bestimmt etwas Zeit brauchen. Sobald wir mit der Beantwortung fertig sind, hören Sie wieder von mir bzw. uns.“

Repliken aus der Stadtverwaltung: „Danke für Ihre Fragen. Wir werden uns Gedanken machen, wie wir sie in geeigneter Form in den Gremien diskutieren und Ihnen beantworten können. Wir geben Ihnen darüber gerne Bescheid. Über die Diskussionsergebnisse und Beantwortung Ihrer Fragen bekommen Sie ebenso Nachricht. Das wird aber einige Zeit in Anspruch nehmen.“ „Wir werden prüfen in welche Gremien wir die Fragen geben können und in welcher Form wir sie dort diskutieren werden. Dieser Vorgang wird sicherlich einige Zeit in Anspruch nehmen. [...] werden uns dann bei Ihnen melden.“ „bezüglich der Antworten auf Ihre Fragen gerne mit Ihnen in Verbindung setzen. Falls Fragen "einfach" zu beantworten sind [...] zeitnah bei Ihnen melden. Für andere Antworten [...] aber sicherlich Zeit benötigen, da sich auch unsere Arbeitskreise bzw. Gremien erst im Herbst/Winter diesen Jahres wieder treffen werden.“

„Vielen Dank für Ihre kritische Zusammenstellung [...] Gerne [...] auf Ihre Fragen zurückkommen.“ [zz] Die Stadt strebe „eine Verbesserung der Homepage“ an und plane „eine gründliche Überarbeitung“. [zz] „Mit dem [..] Luisenplatz beschäftigen sich die Stadtverwaltung, der Kulturausschuss und der Arbeitskreis Erinnerung [..] sehr intensiv.“ Die „Leitlinien zur Erinnerungskultur“ seien eine Arbeitsgrundlage. Der Diskurs zum Umgang mit den NS-Relikten werde öffentlich kontrovers geführt und „im Herbst/Winter diesen Jahres [...] im AK Erinnerung und im Kulturausschuss fortgeführt“, wo „auch das [...] Begrünen“ thematisiert werde, „das nicht als eine Art "Verstecken" des Denkmals unter Pflanzen zu verstehen“ sei. „Ganz im Gegenteil soll auch mit der Begrünung der Zweck einer Kommentierung verfolgt werden, indem dem Denkmal sein martialischer Ausdruck und seine ursprüngliche Intention genommen wird.“

Siehe dazu Begrünen.

Initiative STOLPERSTEINE-RADOLFZELL:
Unserer [!] Aktivitäten beim BRD-FRIEDENSFEST auf dem Luisenplatz am 8. Mai 2018
(03.06.2018)
stolpersteine-radolfzell.de/wp-content/uploads/2018/06/2018-05-08-STOLPERSTEINE-RADOLFZELL-Aktivitäten-beim-BRD-Friedensfest.pdf
Enthält fünf Fotos.
Matthias Güntert:
Verhüllen oder mit wildem Wein begrünen? Luisenplatz soll umgestaltet werden – nur wie, darauf kann sich der Rat nicht einigen
Singener Wochenblatt (05.06.2018)
wochenblatt.net/heute/nachrichten/article/verhuellen-oder-mit-wildem-wein-begruenen
Singener Wochenblatt (06.06.2018) Ausgabe Radolfzell
wochenblatt.net/fileadmin/Archiv/2018/RAS/2018_23_RAS.pdf
„Oberstes Ziel der geplanten Maßnahmen: die Entmartialisierung des Platzes. »Wir tragen eine große Verantwortung der Geschichte gegenüber und gegen das kollektive Vergessen. Wir wollen auch auf dem Luisenplatz nichts verschweigen und verschwinden lassen«, betonte Angélique Tracik, Leiterin Fachbereich Kultur. Für Tracik ist allein der Begriff »Kriegerdenkmal« überholt. »Der Luisenplatz sollte und muss in Zukunft als Gefallenendenkmal gesehen werden«, so Tracik weiter. Wie ernst es ihr damit war, wurde in ihrer Vorlage deutlich: Kein einziges Mal tauchte der Begriff »Kriegerdenkmal« darin auf. Denn das Denkmal ist offiziell den Gefallenen des Ersten Weltkriegs gewidmet.“

Siehe dazu Gefallenendenkmal.

Karlheinz Hug:
Vorschläge zum NS-Kriegerdenkmal in Radolfzell
(16.06.2018) Gerichtet an den Gemeinderat der Stadt Radolfzell am Bodensee, 12 S.
karlheinz-hug.de/hegau-bodensee/start/Radolfzell_NS-Kriegerdenkmal_Vorschlaege_2018-06-15_K_Hug.pdf
Bestandsaufnahme der Objekte am Luisenplatz +
Diskussion von Argumenten für den Status quo +
begründete Änderungsvorschläge zu den Objekten

Repliken aus dem Gemeinderat (Achtung, Realsatire!): Alle reden von Digitalisierung – wir nicht! Wir sind sechs Mitglieder des Radolfzeller Gemeinderats aus vier Fraktionen, unter uns ein Fraktionsvorsitzender, die beweisen, dass wir ohne E-Mail-Adressen die Interessen der Allgemeinheit vertreten können. Der Geschäftsstelle des Gemeinderats haben wir die Befugnis versagt, private E-Mails an uns weiterzuleiten. So schützen wir uns vor lästigen Bürger-Mails, denn wir wollen in Ruhe unsere Pflicht erfüllen. Ruhe ist die erste Bürgerpflicht!

Ich bin seit neun Jahren im Stadtrat, „kenne die Geschichte unserer Stadt“ samt „sehr vielen unterschiedlichen subjektiven Aspekten dazu“ und brauche keine Nachhilfe. Ich will mich nicht „mühsam durch unzählige Seiten durcharbeiten“. „Ausschweifende Lektüre“ ist nun mal nicht mein Ding. Ich weiß schon, was Sie in „seitenweisen Erläuterungen“ breittreten. Wenn „Ihnen Ihre Vorschläge wichtig“ sind, „dann formulieren Sie sie bitte klar“ in „abstimmungsfähiger“ Form. Wo kämen wir Stadträte hin, wenn wir Diskussionsbeiträge lesen und selbst abstimmungsfähige Vorlagen fabrizieren müssten. „Für Vorschläge bin ich offen.“

Repliken aus der Stadtverwaltung: „Besten Dank für Ihre Aktivität. Sie befördern mit Sicherheit unsere Diskussionen.“ „Herzlichen Dank für Ihre Gedanken zum Denkmal am Luisenplatz. [...] Gerne nehmen wir, in Abstimmung mit der Verwaltungsspitze, Ihr Ideenpapier und die damit verbundenen Anregungen mit in die Diskussion im Arbeitskreis Erinnerungskultur. [... Er] wird sich voraussichtlich das nächste Mal im Frühherbst treffen.“

Juli/August 2018: Im offiziellen Webauftritt der Stadt erscheinen in der vierseitigen, die NS-Zeit bisher ignorierenden „Chronik der Radolfzeller Stadtgeschichte“ 18 Zeilen über „Machtergreifung, Garnisonsstadt und Kapitulation“ (ohne Korrektur der fehlerhaften Überschrift), siehe [Rad].

2. August 2018: Das in Singen tagende Verwaltungsgericht Freiburg beurteilt das von der Stadt Radolfzell am 17.11.2017 erteilte Demonstrationsverbot als rechtswidrig. Die Stadt anerkennt am Vortag per Fax den in der Klageschrift erhobenen Vorwurf der Rechtswidrigkeit des Kundgebungsverbots und bleibt der Verhandlung fern. Der Fortsetzungsfeststellungsklage der Anmelderin der für den 19.11.2017 am Luisenplatz geplanten Demonstration zu Radolfzells NS-Geschichte und zur Neonazipartei „Der III. Weg“ gegen die Stadt gibt das Gericht statt. Das Ordnungsamt hatte die Versammlung wegen drei von Unbekannten an den NS-Kriegsdenkmalsockel geklebten DIN-A4-Plakaten untersagt. Das Gericht folgt der Einschätzung der Klägerin, „eine nicht aufgeklärte Sachbeschädigung rechtfertige keinen Einschnitt in das Grundrecht der Versammlungsfreiheit“. (LR 04.08.2018, SM 09.08.2018, SK 11.08.2018)

Radolfzeller Verbot einer Kundgebung gegen örtliche Nazistrukturen war rechtswidrig
LinksRhein (04.08.2018)
linksrhein.blogsport.de/2018/08/04/radolfzeller-verbot-einer-kundgebung-gegen-oertliche-nazistrukturen-war-rechtswidrig

8. August 2018: Das Wochenblatt veröffentlicht ein Interview mit Oberbürgermeister Staab mit einer Frage zum Luisenplatz (WB 08.08.2018):

„Wie können Plätze wie der Luisenplatz aus der Schusslinie der Rechten genommen werden?

OB Staab: »Ich glaube wir müssen die Symbolik dieses Platzes wegnehmen. Wenn man das schafft, wird sich dieses Thema anders darstellen.«“

J. Geiger:
Radolfzell: Städtisches Demoverbot war rechtswidrig
SeeMoZ (09.08.2018)
seemoz.de/lokal_regional/radolfzell-demoverbot-war-rechtswidrig
DIE LINKE im Kreis Konstanz - Sozial. Gerecht. Frieden. Für alle. (11.08.2018)
die-linke-konstanz.de/2018/08/11/radolfzell-staedtisches-demoverbot-war-rechtswidrig

Steffen Mierisch:
Demo-Verbot war rechtswidrig. Das Gericht in Singen erklärt die Rücknahme der Genehmigung einer Demonstration für rechtswidrig
Südkurier (11.08.2018)
suedkurier.de/region/kreis-konstanz/radolfzell/Demo-Verbot-war-rechtswidrig;art372455,9852975
Elf Minuten Demokratie
Südkurier (11.08.2018) Ausgabe Singen, S. 17

Anna-Maria Schneider:
Stadt Radolfzell will Auflagen für Demonstrationen künftig genauer auf Verhältnismäßigkeit prüfen
Südkurier (15.08.2018)
suedkurier.de/region/kreis-konstanz/radolfzell/Stadt-Radolfzell-will-Auflagen-fuer-Demonstrationen-kuenftig-genauer-auf-Verhaeltnismaessigkeit-pruefen;art372455,9857042

Radolfzell: Bußgeld- und Strafverfahren gegen AntifaschistInnen eingestellt
LinksRhein (22.08.2018)
linksrhein.blogsport.de/2018/08/22/radolfzell-bussgeld-und-strafverfahren-gegen-antifaschistinnen-eingestellt

Drei der fünf Ermittlungsverfahren, die gegen Teilnehmer der Spontandemonstration am 19.11.2017 eingeleitet wurden, sind inzwischen eingestellt.
Neuer Webauftritt: NS-Kriegsdenkmal in Radolfzell und anderswo
LinksRhein (02.09.2018)
linksrhein.blogsport.de/2018/09/02/neuer-webauftritt-ns-kriegsdenkmal-in-radolfzell-und-anderswo

Radio Dreyeckland gBetriebs-GmbH, Freiburg:
Kriegerdenkmal Radolfzell: "Warum nehmen wir das einfach so hin?"
Radio Dreyeckland, Audio 7:23 (11.09.2018)
rdl.de/beitrag/warum-nehmen-wir-das-einfach-so-hin
Bundesverband Freier Radios e. V., c/o Radio CORAX, Halle/Saale:
FRN: Kriegerdenkmal Radolfzell: "Warum nehmen wir das einfach so hin?"
Audioportal Freier Radios, Audio 7:23 (11.09.2018)
freie-radios.net/90931

Jan Keetman interviewt „Laura“ aus Radolfzell.
Radolfzell: 4. Verfahren gegen Antifaschisten eingestellt
LinksRhein (18.09.2018)
linksrhein.blogsport.de/2018/09/18/radolfzell-4-verfahren-gegen-antifaschisten-eingestellt
Vier der fünf Ermittlungsverfahren, die gegen Teilnehmer der Spontandemonstration am 19.11.2017 eingeleitet wurden, sind inzwischen eingestellt.
20. September 2018: Zum Prüfauftrag der Versetzung des Kriegerdenkmals führt die Stadtverwaltung mit einem Ingenieur für Tragwerksplanung und einem Steinhandwerker einen Ortstermin durch. Beide Experten liefern am 12.10.2018 Kurzgutachten zur Machbarkeit einer Versetzung (KA BV 06.11.2018, Anlagen 2, 3).
  • Der Ingenieur hält ein Umsetzen aus statischer Sicht für machbar, schätzt den Aufwand für Sicherung, Transport und Neugründung für hoch und kostenintensiv ein, und rät vom Umsetzen in die Nähe der Fürstenbergstraße ab, da der Höhenunterschied eine sehr tiefe Gründung erfordere.
  • Der Steinhandwerker hält ein Umsetzen des Denkmals (Sockel mit Skulptur) für sehr schwer möglich, weil es aus sieben Teilen besteht, aber als Ganzes angehoben werden müsste, wobei sich reparierte Risse öffnen oder Teile wegbrechen könnten, was zu einer kostspieligen Restauration führen könnte. Das Ausgraben des Fundaments könnte das Wurzelwerk der Platane stark beschädigen, ihr Astwerk über dem Denkmal müsste für den Kran stark beschnitten werden.
Der Steinhandwerker gibt die Zielsetzung der Stadt so wieder:
„Die Krieger [...] sollen nicht mehr so präsent auf dem Luisenplatz stehen, um weitere politische Diskussionen zu verhindern.“
Als Lösung schlägt er vor:
„Eine gärtnerische Gestaltung oder eine Umgestaltung durch einen Künstler, der es versteht, das Denkmal so umzugestalten, dass man genau sieht, wie sehr sich die Stadt Radolfzell vom Nationalsozialismus distanziert. Die einfachste Lösung ist natürlich der Rückbau des Denkmals.“
Unklar ist, wie sich die Verhinderung politischer Diskussionen über das NS-Kriegsmal mit den Erinnerungskulturleitlinien verträgt und wie sich die Stadt von ihren NS-Erblasten distanzieren will.

September–November 2018: Erinnerungskultur: Im Webauftritt des Stadtmuseums verschwindet der Verweis auf das Leitlinien-Dokument von 2015, stattdessen erscheint die neue Seite Erinnerung und Gedenken in Radolfzell, die daraus den Leitsatz und die sechs Leitlinien exzerpiert und über den „Arbeitskreis Erinnerung“ informiert. Wer von nun an das Original-Leitlinien-Dokument komplett lesen will, darf sich auf eine Verweis-Such-Odyssee in den städtischen Webauftritt begeben.

6. November 2018: Der Kulturausschuss berät über zwei Prüfaufträge und einen Vorschlag vom 15.05.2018:

  • „Das Gefallenendenkmal und die Namenstafeln auf dem Luisenplatz werden begrünt.“
  • „Das Gefallenendenkmal wird an einen anderen Standort auf dem Luisenplatz versetzt.“
  • „Vorschlag von Stadträtin Breimaier zur Verlegung des Volkstrauertags.“
Als „strategisches Ziel“ gilt, dass „eine zusätzliche Gestaltungsmaßnahme des Luisenplatzes [..] dem Leitsatz und den Leitlinien der Erinnerungskultur in Radolfzell“ entspreche. „Operatives Ziel“ sei „eine weitere Sichtbarmachung der Geschichte des Luisenplatzes und Erläuterungen des Gefallenendenkmals“. Zur Begrünung legt die Abteilung Stadtgeschichte nach Rücksprache mit der Abteilung Landschaft und Gewässer vier Varianten mit Kostenschätzungen vor:
  • „Pflanzung von wildem Wein an das Gefallenendenkmal“ für rund 700–1.000 Euro,
  • „Pflanzung von weißen Strauchrosen um das Gefallenendenkmal“ für 3.100–13.500 Euro abhängig von der Höhe der Cortenstahl-Beete,
  • „Pflanzung von immergrünen Schnittgehölzen um das Gefallenendenkmal“ für 3.600–12.700 Euro,
  • „Pflanzung von immergrünen Schnittgehölzen auf der gesamten Fläche im lockeren Verband“ für 2.200 Euro pro Eibe.
Für weiße Strauchrosen stehen die Sorten „Friedenslicht“, „Sophie Scholl“, „Hans Scholl“, „Ramblerrose Mary Lovett“, „Ital. Waldrebe Kathryn Chapmann“ zur Auswahl. Die kostengünstigste Variante des wilden Weins wird mit fünf Nein-Stimmen (vier Ja, eine Enthaltung) abgelehnt. Trotz der bekannten Nachteile „der gestalterischen Betonung des Denkmals“, der Eingriffe „in den Wurzelbereich der Platane“ und des „erhöhten Pflegeaufwands aufgrund der Verschattung“ wird die Variante der Sophie-Scholl-Rosen ohne Cortenstahl-Beete mit sechs Ja-Stimmen (vier Nein, eine Enthaltung) angenommen.

Zur Versetzung des Kriegerdenkmals liegen die nach dem Ortstermin 20.09.2018 erstellten Kurzgutachten des Ingenieurbüros für Tragwerksplanung und des Steinhandwerkers vor, die das Versetzen (und Umdrehen) als aufwendig, kostenintensiv und das Denkmal und die Platane schädigend beurteilen. Der Beschlussvorschlag, das Denkmal nicht an einen anderen Standort zu versetzen, wird einstimmig angenommen.

Zur Verlegung des Volkstrauertags (der Tag wird mit der Feier identifiziert) an einen anderen Standort wird der Beschlussvorschlag, das Problem im nächsten AK Erinnerung zu beraten und das Ergebnis dem Gemeinderat zur Beschlussfassung vorzulegen, mit acht Nein- gegen drei Ja-Stimmen abgelehnt. Die Alternative, auf eine Verlegung zu verzichten, wird mit acht Ja- gegen drei Nein-Stimmen angenommen. Damit lautet das Ergebnis dieser Kulturausschusssitzung zum Tagesordnungspunkt Luisenplatz:

Die Abteilung Stadtgeschichte wird beauftragt, die Pflanzung von weißen Sophie-Scholl-Strauchrosen um das Gefallenendenkmal (ggfs. im Hochbeet) in die Planung für 2019 aufzunehmen.
Generelles dazu siehe unter Begrünen, Spezielles im Kommentar unten sowie in der begleitenden Seite Kommentare zur Rosenbepflanzung des Radolfzeller NS-Kriegsmals.

Stadt Radolfzell am Bodensee, Kulturausschuss:
Ergebnis Prüfaufträge Luisenplatz
(06.11.2018) Stadtgeschichte Beschlussvorlage 2017/2176-02
radolfzell.sitzung-online.de/bi/vo020.asp?VOLFDNR=3016
(06.11.2018) Wortprotokoll
radolfzell.sitzung-online.de/bi/to020.asp?TOLFDNR=28011

Kommentar: Obwohl seit Jahren gefordert wird, am Volkstrauertag nicht mehr beim NS-Kriegerdenkmal und den SS-Tätertafeln zu feiern, haben sich wieder kultbewahrende Kräfte durchgesetzt, sodass auch 2018 alles beim Alten bleibt. Die Taktik: Der Vorschlag bleibt liegen, bis der OB sein Versprechen vergessen hat und praktisch keine Zeit für eine Verlegung bleibt. Dass die Taktik wirkt, lässt kein übermäßiges Problem- und Geschichtsbewusstsein vermuten.

Andererseits zeigt die einstimmige Ablehnung der Versetzung der Kriegerskulptur, dass die Stadtverwaltung und der Kulturausschuss fähig sind, Expertisen zur Kenntnis zu nehmen und zur Basis eines vernünftigen Beschlusses zu machen.

Viele Fragen wirft dagegen die Rosenbepflanzung um das NS-Relikt auf: Wie ist mit Sophie-Scholl-Rosen das operative Ziel, die Geschichte des Luisenplatzes weiter sichtbar zu machen und das NS-Kriegsmal zu erläutern, erreichbar? Was hat die Münchner Widerstandsgruppe „Weiße Rose“ mit Radolfzell zu tun? In welcher Beziehung steht Großherzogin Luise zu Sophie Scholl (1921–1943)? Was Sophie Scholl dazu meinen würde, ein NS-Heldenmal, das Jungmannen an ihre Pflicht gemahnte, Weltkriegern nachzueifern und ihr Leben heroisch für den „Führer“ zu opfern, mit nach ihr benannten Rosensträuchern zu schmücken, hervorzuheben und aufzuwerten, weiß niemand.

Jeder weiß jedoch, dass Blumen mit positiven Gefühlen verbunden sind, auch Rosen, auch weiße. Blumen verschönern, bereichern, beglücken. Blühen sie wie Sophie-Scholl-Rosen öfter im Jahr, umso mehr. Was bewirkt die Verschönerung eines NS-Kriegsmals, das nach jedem Farbklecks fast fanatisch gestriegelt und geschniegelt wird?

Da die Sophie-Scholl-Rosensträucher nur eineinhalb Meter hoch wachsen, verstecken sie nur den Sockel, nicht die Krieger. Diese können problemlos über die Sträucher hinweg marschieren. Die Rosen um die Kriegerstiefel lassen die Interpretation zu, dass die Krieger den Widerstand der „Weißen Rose“ niedertrampeln. Das läge näher bei einer Verhöhnung der Widerstandsgruppe als bei einer vielleicht intendierten Wertschätzung.

Ahnt der Kulturausschuss solches, als er seinen Beschluss mit dem Zusatz „(ggfs. im Hochbeet)“ versieht? Fraglich ist, ob ein Hochbeet Probleme mildert oder verschärft, etwa das der Erinnerungsarbeit, die sich vermeintlich im „Dornröschenschlaf“ (Lumbe 15.05.2018) erledigt. Bedenklich auch die Idee, die NS-Krieger nur zum Volkstrauertag freizuschneiden und auf eine angebliche Friedensmission zu schicken, während sie 364 Tage im Jahr nicht gebraucht und hinter Sophie-Scholl-Rosen versteckt werden.

Andererseits: Wie viele Betrachter erinnert der Anblick weißer Rosensträucher zuerst an die Widerstandsgruppe? Wer erkennt die Rosensorte „Sophie Scholl“? Wem klingen nicht zuerst Nana Mouskouris Weiße Rosen aus Athen im Ohr, die sagen „Komm recht bald wieder“? Sollen die Weltkrieger bald wiederkommen, aus ihren Grüften auferstehen? In ihrem Kontext erhalten die Songzeilen

„Im fernen Land, wo keiner auf Dich wartet,
da seh'n die Sterne in der Nacht ganz anders aus.
Dort ist die Welt so fremd und Du bist einsam.
Darum begleiten Dich heut' Blumen von zuhaus.“
den Sinn, dass Radolfzell seinen einsamen Kriegern in den fernen, überfallenen Ländern weiße Rosen senden will. Zum Trost, zur Aufmunterung, zur Steigerung des Kampfwillens.

Hat der Kulturausschuss die Rosenbepflanzung gut durchdacht? Wo liegen Ursachen dafür, dass diese Erinnerungskulturmaßnahme als Erinnerungschaos erscheint? Betrachten wir zuerst zwischen 12.10. und 09.11.2018 publizierte Ziele der Berosung. Neben den wiederholten amtlichen strategischen und operativen Zielen sind dies Aussagen des Steinhandwerkers, des Südkuriers und des Wochenblatts:

Die „kriegerische Ausstrahlung“ des NS-Mals gehört zur sichtbaren Geschichte des Luisen-/Horst-Wessel-Platzes, warum will man sie mildern, statt sie zu erläutern? Wozu etwas erläutern, worüber man Diskussionen verhindern will? Erinnerungsakteure als obrigkeitliche Diskussionsstopper, Bürger als untertänige Stummköpfe? Wie verträgt sich der Diskussionstopfdeckel mit der Erinnerungskulturleitlinie 6, „den öffentlichen Diskurs über zeitgeschichtliches Erinnern und Gedenken in der Stadt lebendig zu halten“? Gedreht wie gewendet: Die Ziele passen nicht zusammen, sie reichen von „phrasenhaft belanglos“ bis „intolerabel“. Ein akzeptables, forderndes Ziel wäre etwa, die kriegspropagandistische Funktion des NS-Heldenmals mit sprachlichen Mitteln zu erläutern, sie mit physischen Mitteln eindeutig und nachhaltig zu destruieren, ohne das Mal irreversibel zu beschädigen, und Diskussionen darüber anzuregen.

Wo liegen Ursachen für die schwammigen, widersprüchlichen Ziele? Im breiten Meinungsspektrum des Kulturausschusses zum NS-Relikt, das selten zu einer Mehrheit (geschweige denn einem Konsens) führt, wie damit umzugehen sei. (Folgende Zitate aus SK 07.11.2018 und KA WP 06.11.2018; zu den Positionen s. die Kategorien in „Was Tun Damit?“.)

  • Da gibt es eine Schlussstrich- und Deckel-drauf-Position, die sich auf ein angebliches Unverständnis „der Bürger“ beruft, um ein Ende der Diskussion um das Denkmal und seine Belassung im jetzigen Zustand zu fordern.
  • Von einer Position schamvollen Verdrängens kommt der Vorschlag, „ein Gerüst um das Denkmal mit Efeu beranken zu lassen“, der scheitert, weil Efeu „den Naturstein beschädigen würde“, was für Positionen des Erhaltens intolerabel ist. (Dass Efeu die denkmalgeschützt zuwuchernden Wachhäuschen bei der ehemaligen SS-Kaserne beschädigt, scheint dagegen kein Problem zu sein.)
  • Aus einer Position, die Beschädigungen akzeptiert, wird vorgeschlagen, „die Soldaten zu entwaffnen“, was wohl bedeutet, dem Infanteristen das Gewehr wegzumeißeln – im Kontrast zu den bisherigen Reparaturen, Farbkleckssäuberungen und Strafanzeigen wegen Plakatierungsschäden. Die Vorsitzende des Kulturausschusses hält eine Entwaffnung für möglich.
  • Eine Position achtlosen Zerstörens beantragt je nach Quelle, „das Denkmal komplett zu entfernen“ oder „die Skulptur in dieser Form abzuschaffen“.
  • Vertreten ist auch die Position, die darauf hofft, dass schon ein „Blick auf Statuen dieser Art“ genüge, „um Jugendlichen den Schrecken des Krieges vor Augen zu führen“, dass also die Krieger von selbst konträr zur Intention ihrer Stifter abschreckend wirken, folglich aufklärende Erläuterungen verzichtbar seien.
Schwach artikuliert sich die Position aufklärenden Dekontextualisierens. Dies erklärt die Schwierigkeit, eine gemeinsame Sprache für substanzielle mehrheitsfähige Ziele und Maßnahmen zu finden. Die „Sprachlosigkeit“ äußert sich als Beschränkung auf Symbole und Namen: Im nonverbalen Kampf der Symbole ringt die weiße Rose, das Symbol des christlich-humanistischen Widerstands, mit den Kriegern, dem Symbol des nazistisch-militaristischen Heldenmythos. Statt auf Umgestaltung setzt man auf Umbenennung: Das Kriegerdenkmal „muss in Zukunft als Gefallenendenkmal gesehen werden“ (Tracik 06.06.2018), der Luisenplatz soll umbenannt werden, gern in „Friedensplatz“, ohne das NS-Kriegsensemble anzutasten. Name geändert, Problem gelöst?

Lässt sich die Rosenbepflanzung den Was Tun Damit?-Kategorien zuordnen? Das hängt von der konkreten Gestaltung ab. Je höher das Hochbeet, je mehr die Krieger hinter den Sträuchern verschwinden, desto besser passt „schamvolles Verdrängen“. (Um die Krieger ganz zu verstecken, müsste das Hochbeet über drei Meter hoch sein; geplant sind 80 cm.) Je flacher das Beet, desto stärker der Anteil des „Hervorhebens“, nicht nur technokratisch (Cortenstahl), sondern vor allem gärtnerisch (Rosen). Schlechtenfalls nähert sich die Maßnahme der Kategorie „apologetisch Bewahren“.

Wie steht die Rosenbepflanzung zu anderen Maßnahmen? Bunter Blumenschmuck um den Handgranatenwerfer und den Gewehrschützen gehörte jahrzehntelang zur Standardausstattung des Murger NS-Kriegsmals; erst mit der Versetzung des Relikts 2014 gab Murg die gärtnerische Aufwertung endlich auf. Will Radolfzell ab 2019 in die entgegengesetzte Richtung steuern? Das Verhüllen des Radolfzeller NS-Kriegsmals am 08.05.2018 war ein gut gemeinter Versuch, der nach vier Stunden endete und wenigstens nicht Gefahr lief, das Relikt zu verschönern, hervorzuheben und aufzuwerten. Insofern ist das permanente Berosen der NS-Krieger deutlich problematischer als das temporäre Verhüllen.

Fazit: Die geplante Bepflanzung des NS-Kriegerdenkmals mit Sophie-Scholl-Rosen mag gut gemeint sein, die symbolische Kontrastierung ist jedoch zu schwach, um eine deutliche Distanzierung vom Nazismus, seinem Heldenkult, seinen Kriegen und Verbrechen zu signalisieren. Im Gegenteil wertet der Blumenschmuck das NS-Relikt auf und die Textstele ab.

Siehe auch die begleitende Seite Kommentare zur Rosenbepflanzung des Radolfzeller NS-Kriegsmals.

Natalie Reiser:
Weiße Rosen erinnern an Widerstandsgruppe gegen die Nazis
Südkurier (07.11.2018)
suedkurier.de/region/kreis-konstanz/radolfzell/Weisse-Rosen-erinnern-an-Widerstandsgruppe-gegen-die-Nazis;art372455,9951360

Natalie Reiser:
Können weiße Rosen dem Kriegerdenkmal am Radolfzeller Luisenplatz ihren [!] Schrecken nehmen?
Südkurier (07.11.2018)
suedkurier.de/region/kreis-konstanz/radolfzell/Koennen-weisse-Rosen-dem-Kriegerdenkmal-am-Radolfzeller-Luisenplatz-ihren-Schrecken-nehmen;art372455,9951415

Rosen seien „edle Gewächse, sie schmücken Hochzeiten, feierliche Tafeln, werden auf Gräber gelegt. Sinnbild tiefer Gefühle“, bemerkt Natalie Reiser, und stellt die Fragen: „Wie werden Rosen um das Kriegerdenkmal wirken? Können Rosen den Soldaten ihren Schrecken nehmen? Oder wird Vorübergehende das Gefühl beschleichen, die grimmigen Gestalten würden geschmückt?“
OAT Konstanz:
Bunte Demo statt braunes Denkmal
Antifaschistische Kundgebung zum Vokstrauertag in Radolfzell am Sonntag, 18.11.2018, 11:30–16:00 Uhr, Seetorstraße/Luisenplatz

facebook (07.11.2018)
de-de.facebook.com/events/491576801250024

Matthias Güntert:
Blumen gegen den Krieg
Luisenplatz soll mit weißen Rosen entmartialisiert werden

Singener Wochenblatt (09.11.2018)
wochenblatt.net/heute/nachrichten/article/blumen-gegen-den-krieg

Erwähnt nicht, dass es sich um Sophie-Scholl-Rosen mit Bezug zur Widerstandsgruppe „Weiße Rose“ handelt.
18. November 2018: Bei der Gedenkfeier am Volkstrauertag erinnern lodernde Flammen in der Feuerschale auf dem Pylonen vor dem NS-Kriegerdenkmal daran, wie die Nazis auf dem Horst-Wessel-Platz archaische Brandopferriten in ihre Kriegsheldenkulte einbauten [Beh96, S. 326].

Radolfzell Luisenplatz Volkstrauertag Feuerschale 2018-11-18 K. Hug Lodernde Flammen sollen den Mut der in den Kampf ziehenden Krieger stärken und die Feinde abschrecken [Lur86, S. 38]. Sie symbolisieren „die Inbrunst der Kampf- und Opferbereitschaft, welche die Stürmenden beseelt“ [Beh96, S. 422].

Rund 100 Bürger und 30 Stadtkapellenmusiker gedenken „der Opfer der Gewaltherrschaft und der Toten aller Kriege“, denen der gemeinsam gesprochene Gauck-Text von 2015 auch „die Bundeswehrsoldaten und andere Einsatzkräfte, die im Auslandseinsatz ihr Leben verloren“, zuordnet, die keiner Gewaltherrschaft dienen und sich an keinen Kriegen beteiligen, sondern regierungsamtlich nur an Friedensmissionen. In seiner bedenkenswerten Rede erwähnt Stadtrat Christof Stadler zwar weder Ursachen noch Verantwortliche des Ersten Weltkriegs, zitiert aber persönliche Erinnerungen an seine Folgen, hinterfragt die Rüstungsexporte und ruft dazu auf, den Frieden zu bewahren. Danach hängen er, OB Martin Staab, Bürgermeisterin Monika Laule und Stadtrat Walter Hiller Kränze an Ständer vor den Namenstafeln der Wehrmachts- und SS-Täter, die 1939–1945 hochgerüstet Gewaltherrschaft und Krieg exportierten. Dazu erklingt mit Trompete und Trommelwirbel das Lied vom Guten Kameraden.

Radolfzell Luisenplatz Volkstrauertag Kränze 2018-11-18 K. Hug Militärisches Kranzritual für wen? Für die Opfer in der Überschrift? Für die SS-Täter auf den Tafeln?

Radolfzell Luisenplatz Volkstrauertag Kranz Volksbund 2018-11-18 K. Hug Schwarz-weiß-roter Kranz „Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V.“ vor Tätertafeln: links Reichswehr, rechts Wehrmacht und Waffen-SS

Radolfzell Luisenplatz Volkstrauertag Kranz ehrendGedenken 2018-11-18 K. Hug „In ehrendem Gedenken“ vor Namenstafeln von Wehrmachts- und SS-Tätern

Eine später am Luisenplatz stattfindende antifaschistische Kundgebung mit dem Titel „Bunte Demo statt braunes Denkmal“ reproduziert weder tradierte Rituale noch die jahrzehntelang gepflegte Täter-Opfer-Konfusion, sondern benennt die kriegsvorbereitende Funktion des NS-Heldenkultplatzes und die Opfer des SS-Terrors in den Konzentrationslagern.

Radolfzell Luisenplatz Volkstrauertag AntifaKundgebung 2018-11-18 K. Hug „Im Gedenken an die Opfer faschistischer Gewalt“ bei der antifaschistischen Kundgebung

Gerald Jarausch:
Auf dem Luisenplatz in Radolfzell ist schwer trauern
Südkurier (18.11.2018)
suedkurier.de/region/kreis-konstanz/radolfzell/Auf-dem-Luisenplatz-in-Radolfzell-ist-schwer-trauern;art372455,9962675

Matthias Güntert:
Volkstrauertag »entvölkert« sich. Radolfzell gedenkt der Gefallenen der Weltkriege
Singener Wochenblatt (19.11.2018)
wochenblatt.net/heute/nachrichten/article/volkstrauertag-entvoelkert-sich

27. November 2018: Auf der Gemeinderatssitzung stellt Siegfried Lehmann fest, dass das Soldatendenkmal und die Tafeln mit Namen von SS-Angehörigen belastend für die Volkstrauertagsfeier seien. Es sei problematisch, dort Kränze niederzulegen. Trotz jahrzehntelangen Diskutierens sei keine Lösung in Sicht. Für das Kriegerdenkmal sei weder eine Rosenbepflanzung noch ein Laufband eine angemessene Lösung.

J. Geiger:
Prozess gegen Antifaschisten:
Verfahren eingestellt, Note sechs an Stadt Radolfzell vergeben

SeeMoZ (29.11.2018)
seemoz.de/lokal_regional/prozess-gegen-antifaschisten-verfahren-eingestellt-note-sechs-an-stadt-vergeben

Während vier der fünf Ermittlungsverfahren gegen Teilnehmer der Spontandemonstration am 19.11.2017 eingestellt wurden, produzierte die Staatsanwaltschaft zum fünften einen Strafbefehl wegen „Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte“ (§ 113 StGB). Das Amtsgericht Radolfzell stellte das Verfahren unter der Auflage an den Beschuldigten ein, 400 Euro an Amnesty International zu zahlen.
15. Dezember 2018 bis 16. Juni 2019: Die Sonderausstellung „Wirtschaftswunder. Bewegte Jahre in Radolfzell“ im Stadtmuseum will „ein Panoptikum der Wirtschaft und der Alltagskultur im Radolfzell der 1950er und 1960er Jahre“ zeigen. Hinter einem 1950er-Nostalgie-Wohnzimmer mit Schlager-Singles und Motorroller fokussieren drei Räume auf Wirtschaftsleistungen lokaler Betriebe vor der Kulisse des Kalten Kriegs.

Stadtmuseum Radolfzell:
Wirtschaftswunder. Bewegte Jahre in Radolfzell
(15.12.2018–16.06.2019) Sonderausstellung
radolfzell.de/addmindms/document/1004/780cfc22-53a3-ccdd-d4bc-e27d19ba9fd7/181129_P_Flyer_Sonderausstellung_Wirtschaftswunder_dr.pdf?fdl=1

Kommentar: Dank wirtschaftswunderlicher Spenden und Steuergelder wurde das NS-Kriegsmal zum Kriegsfolgenmal umgeformt, doch dieser Teil der „Alltagskultur“ bleibt ebenso unerwähnt wie die Unterstützung der Stadt für die HIAG-Feiern bei den restaurierten NS-Kriegern. Der Geschichte des Kaufhauses Kratt von 1950 bis heute ist eine ganze Tafel gewidmet, der Vorgeschichte keine Zeile. Verschwiegen wird, dass August Kratt (1882–1969) seit 1. Mai 1933 NSDAP-Mitglied war, 1933–1942 „Förderndes Mitglied der SS“, 1934–1943 Block- und Zellenleiter, Mitglied der antijüdischen Arbeitsgemeinschaft deutsch-arischer Fabrikanten der Bekleidungsindustrie e.V. (Adefa), von Oktober 1942 bis Kriegsende kommisarischer Bürgermeister [Hau17, S. 256, 268], [Wol17, S. 281], [IOGR, Juden in Radolfzell]. Die Tätertafeln des NS-Kriegsmals nennen die Namen von drei der vier Söhne August Kratts: Alfred, Friedrich, Heinrich.

Von unternehmerischer Aktivität ehemaliger „Berufssoldaten der Waffen-SS“ in Radolfzell kündet ein Beispiel: Heinz Kling (1913–1951), Inhaber der Firma Mettnau-Kleidung, hatte „einen neuen Einstieg in das Berufsleben gesucht“ – und gefunden! Verschwiegen wird der Aufstieg des „ardent Nazi“ vom einfachen SS-Mitglied 1932 zum SS-Sturmbannführer 1944, 1939 bei der 12. SS-Totenkopf-Standarte, die Massenmorde an polnischen Psychiatriekranken, Intellektuellen und Juden beging, 1940 Kommandeur der 1. Kompanie des 5. SS-Totenkopf-Infanterie-Regiments, ab 19. März 1945 Kommandeur der Schweren SS-Panzerabteilung 101 (501); nach dem Krieg leitete Kling mit anderen Ex-SS-Führern eine Untergrundorganisation, die 1947 aufflog. Der ehemalige Berufsverbrecher ertrank 1951 im Zeller See, nachdem seine Segel-Jacht gekentert war, die ihm die fleißigen Hände der für seine Firma Kittelschürzen nähenden Heimarbeiterinnen erarbeitet hatten (Panzer Ace | SS-Sturmbannführer Heinrich (Heinz) Kling panzerace.net/the-waffen-ss/dramatis-personae/heinz-kling.html; wehrmacht-lexikon.de/waffen-SS/konvolut/wittmann/einheiten/ ritterkreuztraeger/kling.php; SS-Obersturmbannfùhrer Heinz von Westenhagen. - WW2 Gravestone (27.08.2017) ww2gravestone.com/ ss-obersturmbannfuhrer-heinz-von-westenhagen; Heinz Höhne: Der Orden unter dem Totenkopf Der Spiegel, Nr. 11 (06.03.1967) spiegel.de/spiegel/print/d-46409500.html; [IOGR, SS-Kaserne, Ausgewählte Täterprofile]).

Schade um die vertane Chance, Radolfzells NS-Nachkriegsgeschichte aufzuarbeiten. Schade, dass die „Erinnerungskultur“ in Radolfzell so leicht in den Status einer Erinnerungslückenkultur zurückfällt.

Alfred Wüger (Text), Michael Kessler (Fotos):
Sich erinnern will gelernt sein
Schaffhauser Nachrichten (16./17.03.2019)
shn.ch/region/kanton/2019-03-17/sich-erinnern-will-gelernt-sein

Befasst sich vorrangig mit der SS-Kaserne und der SS-Schießanlage, nebenbei mit dem NS-Kriegsdenkmal.
Mai 2019: Zum 74. Jahrestag der Befreiung von Faschismus und Krieg, dem 8. Mai, kündigt das „Offene antifaschistische Treffen“ (OAT) Konstanz auf seiner Facebook-Seite eine Kundgebung am Luisenplatz an. Der Südkurier meldet am 7. Mai um 18:18 Uhr, dass am 8. Mai der Präventionsrat der Stadt in Kooperation mit dem „Bürgerbündnis Radolfzell für Demokratie“ (BRD) „anlässlich dieses geschichtsträchtigen Tages“ ein „Friedensfest“ im Stadtgarten veranstalten werde, auf dem „dem Ende des Zweiten Weltkrieges gedacht“, informiert, gespielt, gemalt und „ein Zeichen für Frieden und Demokratie gesetzt“ werde, „alles ohne politische Parolen“. Weder der städtische Webauftritt noch der des BRD haben das „Friedensfest“ angekündigt.

OAT Konstanz:
Tag der Befreiung Radolfzell
Antifaschistische Kundgebung zum Tag der Befreiung von den Nationalsozialisten am Mittwoch, 8.5.2019, 14:00–18:00 Uhr, Luisenplatz

facebook (Mai 2019)
de-de.facebook.com/events/2021154454859327

Matthias Güntert:
Friedensfest im Stadtgarten: Präventionsrat und Bürgerbündnis Radolfzell für mehr Demokratie setzen ein Zeichen für ein friedvolles Zusammenleben in der Stadt
Südkurier (07.05.2019)
suedkurier.de/region/kreis-konstanz/radolfzell/Friedensfest-im-Stadtgarten-Praeventionsrat-und-Buergerbuendnis-Radolfzell-fuer-mehr-Demokratie-setzen-ein-Zeichen-fuer-ein-friedvolles-Zusammenleben-in-der-Stadt;art372455,10140344

8. Mai 2019: Unangekündigt setzt die Stadt die im November 2018 beschlossene Rosenbepflanzung des NS-Relikts um, doch nicht mit im Beschluss genannten Sophie-Scholl-Rosen, die nur eineinhalb Meter hoch wachsen. An jeder Sockelecke sprießt ein „Ramblerrosen“-Sträuchlein sowie mittig unter den Soldatenstiefeln ein „Friedenslicht“-Rosenstrauch, die in zwei Jahren sechs Meter hoch wachsen sollen. Die Umhüllung solle dem Denkmal – so OB Staab – „sein martialisches Äußeres nehmen“, es „nicht verdecken“, sondern „auf eine andere Art und Weise sichtbar machen“. Für Bürgermeisterin Laule sei sie „ein wertvoller Schritt, um sich mit der wechselhaften Historie von Radolfzell auseinanderzusetzen“; die Radolfzeller Erinnerungskultur sei wichtig, da „die kommenden Generationen [..] nicht mehr von ihren Eltern und Großeltern [erfahren] wie schrecklich die Ereignisse des Kriegs und der nationalsozialistischen Herrschaft waren“.

Erfahren kommende Generationen durch Beschauen von Friedenslicht- und Ramblerrosen, „wie schrecklich die Ereignisse des Kriegs und der nationalsozialistischen Herrschaft waren“?
Matthias Güntert:
Die Friedensrose soll wachsen:
Rosensträuche sollen das Gefallenendenkmal auf dem Luisenplatz umhüllen

Südkurier (08.05.2019)
suedkurier.de/region/kreis-konstanz/radolfzell/Die-Friedensrose-soll-wachsen-Rosenstraeuche-sollen-das-Gefallenendenkmal-auf-dem-Luisenplatz-umhuellen;art372455,10141469

Dominique Hahn:
Rosen für den Frieden. Soldaten am Luisenplatz sollen unter Blüten verschwinden
Singener Wochenblatt (08.05.2019)
wochenblatt.net/heute/nachrichten/article/rosen-fuer-den-frieden
Kurzfassung in der Druckausgabe (15.05.2019) S. 21

Radolfzell Luisenplatz NS-Kriegsmal Rosenbepflanzung 2019-05-08 K. Hug Symbolträchtig: Rosenschmuck für NS-Kriegspropaganda im Monat der Europawahl

Der Massenandrang zur „antifaschistischen Kundgebung“ am NS-Kriegsmal und dem „Friedensfest“ im Stadtgarten bleibt dank Sparwerbung der Veranstalter und Dauerregen überschaubar.

Radolfzell Luisenplatz NS-Kriegsmal Antifa-Dekoration 2019-05-08 K. Hug Wiederverwendet: Antifa-Infotafeln zu Opfern und Widerstand

Radolfzell Luisenplatz NS-Kriegsmal Antifa-Dekoration 2019-05-08 K. Hug Zweckentfremdet: Rosenschutzzaun als Transparenthalter

Radolfzell Luisenplatz NS-Kriegsmal SS-Täter-Markierung 2019-05-08 K. Hug Hellblau und rosa: Kreideschmuck für 98 der 102 SS-Täternamen an der Tafelwand

Radolfzell Luisenplatz NS-Kriegsmal SS-Täter-Markierung Koeppen 2019-05-08 K. Hug Nichts und Niemand ist vergessen – nicht die Opfer, nicht die Täter: SS-Obersturmbannführer Heinrich Koeppen (nicht Köppen!) war erster Kommandant der SS-Kaserne. Ewald Kopplin war SS-Untersturmführer.

Wenige Stunden später erscheinen die Tafeln wieder gestriegelt und geschniegelt, die kommentierenden Farbmarkierungen und der erklärende Hinweis „SS-TÄTER“ sind entfernt, die Tafeln verschweigen wieder die SS hinter den Namen. Für Bürgermeisterin Laule ist der Luisenplatz „der richtige Ort“ für den Volkstrauertag. Dagegen hält die Präventionsratsvorsitzende Breimaier den Luisenplatz für geeignet für das „Friedensfest“. Die dafür versprochene Information zum Zweiten Weltkrieg besteht aus Broschüren des Demokratiezentrums Baden-Württemberg über Hate Speech, Fake News, Mythen und Verschwörungstheorien.

Militärisch geprägte Trauerrituale vor SS-Tätertafeln oder parolenfreie Kindermalereien vor berostem NS-Kriegsmal – ist das die Frage einer „Erinnerungskultur gegen das Vergessen“?
Gerald Jarausch:
Klares Bekenntnis zur Demokratie beim Friedensfest
Südkurier (08.05.2019)
suedkurier.de/region/kreis-konstanz/radolfzell/Klares-Bekenntnis-zur-Demokratie-beim-Friedensfest;art372455,10141715

12. Mai 2019: Wer sich zum Befreiungstag über Radolfzells NS-Geschichte informieren will, dem bietet die Kulturkiste Überlingen e.V. in Nußdorf die Vorführung von Günter Köhlers Film Leichen im Keller zwischen zwei Filmen über den Goldbacher Stollen, das KZ Überlingen-Aufkirch und dem Spielfilm Viehjud Levi. Einem Radolfzeller Bürger ist es die Reise vom Unter- zum Obersee wert.

Wozu ist es nütze?

Hat das NS-Kriegsdenkmal noch einen Gebrauchswert und wenn ja, wie viele, welche und für wen? Für welche Interessengruppen erfüllt es aus welchen Gründen welche Zwecke? Zu erinnern, für wen und wozu das NS-Kriegsdenkmal 1938–1945 nütze war, kann helfen, diese Fragen zu klären. Dazu knüpft das Folgende an den Abschnitt „Was stellt es dar?“ an.

Radolfzell NS-Kriegsdenkmal 2018-04-21 K. Hug Nicht Opfer der Gewaltherrschaft, sondern Täter und Helfer des NS-Vernichtungskriegs

Seit den 1920er Jahren betrieben die Wehrverbände und ab 1933 verstärkt der NS-Staat mit Kriegerdenkmalen „heroische Gesinnungsbildung“, um die Bevölkerung zum Kriegsdienst zu erziehen, sie moralisch auf Krieg vorzubereiten und „Opferbereitschaft für Volk und Vaterland bis in den Tod“ zu erzeugen [Lur86, S. 22, Zitate aus dem Buch Volkstümliche Wehrkunde des Universitätsprofessors Paul Schmitthenner (1937)]. Hitler verkündete am 3. Februar 1933 – vier Tage nach seiner Installation als Reichskanzler – in einer geheimen Besprechung mit den Befehlshabern der Reichswehr seine Kriegspläne:

  • „Ertüchtigung der Jugend und Stärkung des Wehrwillens mit allen Mitteln“;
  • „Einstellung der Jugend und des ganzen Volkes auf den Gedanken, daß nur der Kampf“ Deutschland retten könne;
  • keine Duldung pazifistischer Gesinnung, „Ausrottung des Marxismus mit Stumpf und Stiel“;
  • Aufbau der Wehrmacht und Wiedereinführung der Allgemeinen Wehrpflicht;
  • Schaffung einer breiten Kampf- und Wehrbereitschaft durch „straffste autoritäre Staatsführung“ als Vorbereitung zum Kampf gegen den Vertrag von Versailles;
  • Wiederherstellung der Großmachtstellung des Reichs;
  • anschließende „Eroberung neuen Lebensraums im Osten und dessen rücksichtslose Germanisierung“ (Niederschrift der Rede Hitlers bei Hans-Adolf Jacobsen: 1939–1945. Der Zweite Weltkrieg in Chronik und Dokumenten Darmstadt (1959, 51961) S. 95f.; vollst. Abdruck bei Thilo Vogelsang: Reichswehr, Staat und NSDAP. Beiträge zur deutschen Geschichte 1930–1932 Stuttgart (1962); zit. n. [Wet79, S. 113, 121, 122, 144, 145], [DMVW79, S. 497, 553, 708]).
NS-Kriegerdenkmale entstanden im Kontext von Hitlers Programm „der geistigen, materiellen und personellen ‚Wiederwehrhaftmachung‘“, das sich „nahtlos in die Vorstellungen des Militärs“ einfügte und „von der nationalistischen Rechten, der Reichswehr und der NSDAP gemeinsam getragen“ wurde; Kriegsmale standen wie „die gesamte nationalsozialistische Innenpolitik der Jahre 1933–1939 im Dienste der Kriegsvorbereitung“ [Wet79, S. 124, 144].

In Radolfzell formten 1936–1938 die NS-beherrschte Stadt, ihr NS-Bürgermeister Jöhle, ihr SS-Kasernenkommandant Koeppen, ihre NS-Reichskriegerbund-Kameradschaft, ihr Soldatenbund und ihre NS-Kriegsopfer-Versorgung den Horst-Wessel-Platz mit dem „Ehrenmal“ für die im Weltkrieg 1914–1918 „gefallenen Helden“ und die für das „Dritte Reich und den Führer gefallenen Kämpfer“ der „nationalen Revolution“ im Gau Baden. Das „Ehrenmal“ sollte „durch Generationen hindurch das Gedenken an unsere toten Helden und an eine große Zeit festhalten und vermitteln“. [Gun38]

Die Nazis knüpften an nationalistische und militaristische Traditionen an, beschworen den „Frontgeist“ des verlorenen Weltkriegs, stilisierten die toten Soldaten des Weltkriegs zu Vorkämpfern ihrer NS-Bewegung und instrumentalisierten sie für ihre Kriegspropaganda. Heroisierte und sakralisierte Soldaten sollten die Wirklichkeit ihres Krepierens in den Schützengräben verdrängen und die Massenschlächtereien leugnen. Furcht vor wahrheitsgemäßen Erinnerungen und verbohrter Wille zur Verdrängung äußern sich im Aufwand für das martialische Monument. [Beh89, S. 36] Meinhold Lurz beginnt seine Ausführungen zum propagandistischen Zweck der Kriegerdenkmale so:

„Anders als in der Weimarer Republik verfolgten die Denkmäler des Dritten Reichs einheitlicher und zielstrebiger den gleichen Zweck. Sie traten homogener und geschlossener auf“, was damit zusammenhing, „daß sie als offizielles Propagandamittel eingesetzt wurden. Der totalitäre Staat erkannte die in den Denkmalen und Feierstunden liegende Chance zu ideologischer Kriegsvorbereitung“ [Lur86, S. 27].
Heldenrituale um die Soldatenskulptur sollten die Bürger emotional auf den geplanten Krieg einstimmen, ideologisch aufrüsten und junge Männer so verblenden, dass sie sich als neue „Helden“ in den Krieg schicken ließen. Seit Hitler mit Hindenburgs Tod am 2. August 1934 „Oberster Kriegsherr“ geworden war, wurden alle deutschen Soldaten – wie von der Reichswehrführung vorgeschlagen – persönlich auf Hitler vereidigt [Wet79, S. 148]:
„Ich schwöre bei Gott diesen heiligen Eid, dass ich dem Führer des deutschen Reiches und Volkes Adolf Hitler, dem Obersten Befehlshaber der Wehrmacht, unbedingt Gehorsam leisten und als tapferer Soldat bereit sein will, jederzeit für diesen Eid mein Leben einzusetzen“
[Sch34, S. 423], (Wikipedia).
Zum steingemeißelten Wahn bilden Liedertexte der NSDAP, der SA, der Hitler-Jugend ein völkisch-musikantisches Pendant (zit. n. [Sch34, S. 429–431]):
„Gedenkt der stolzen Tage,
Als noch gelebt die Welt,
Als Deutschlands starke Heere,
Marschierten in das Feld.
Wo sind die Regimenter hin
Aus Deutschlands grosser Zeit !
Wo deutscher Glaube, deutsche Treu
Und deutsche Einigkeit ?

Und naht dereinst der Rachetag,
Und ruft der Führer uns zum Kriege,
Dann führen wir aus Not und Schmach
Das Hakenkreuz von Sieg zu Siege.
Dann ziehen wir beim Morgenrot
Für Hitlers Fahne in den Tod.

Wer will mit uns zum Kampfe ziehen,
Wenn Hitler kommandiert ?
Ja, da heisst es brav marschieren,
Der Hitler soll uns führen,
Legt an, gebt Feuer ! Und ladet schnell, weich keiner von der Stell !
Und wenn die Handgranate kracht,
Das Herz im Leibe lacht.
Ja, da heisst es brav marschieren . . . .“

Der dritte Text aus einem SA-Lied von 1933 geht auf ein Radetzky-Lied zurück, das Eduard Langer 1907 veröffentlichte, wo es heißt: „Wer will mit nach Italien ziehn, / Radetzky kommandiert? [...] Wenn die Kanone blitzt und kracht, / Das Herz im Leibe lacht“. Der österreichische Feldmarschall Graf Radetzky (1766–1858) warf „1848/49 den Aufstand der Italiener gegen die habsburgische Fremdherrschaft blutig nieder“. (Wolfgang Steinitz: Deutsche Volkslieder demokratischen Charakters aus sechs Jahrhunderten Westberlin (41980) Bd. 2, S. 526–527.)
Wie ein Lied seine Wirkung im Gesang entfaltet, so bestand die Wirkung der Kriegerdenkmale
„wesentlich im Zeremoniell der davor abgehaltenen Feiern und ihrer Reden. Das Denkmal diente nur als Altar, an dem das Geschehen kulminierte. Es war einfach, anspruchslos und schlicht wie Hitlers Uniform. Die Weihestunde am Denkmal entsprach der in der HJ oder am Parteitag. Dabei wurde Alltägliches zum Ritual stilisiert und militärische Funktionen bekamen den Geruch von Weihrauch. Zurecht beanspruchte der nationalsozialistische Staat von sich, er habe den Geist der Frontsoldaten politisch verwirklicht. Die Militarisierung der Gesellschaft fand auf dem Dorf und in der Kleinstadt ihren sichtbaren Ausdruck im Aufmarsch am Denkmal. Die darin zum Tragen kommende Verdummung des Volks lag übrigens durchaus im Interesse der Nazis“ [Lur86, S. 32–33].

Kultstätte für rechtsextreme Umtriebe

Grund, Zweck, Nutzer: Unübersehbar ist das NS-Kriegsdenkmal zur Nazizeit entstanden, steht in nationalistischen, militaristischen, revanchistischen Traditionen und verherrlicht den Krieg und seine „Helden“. Das erkennen auch rechtsextreme, völkische, neonazistische Gruppen, die den aggressiv-militärischen Ungeist tradieren. Deshalb liegt es für sie nahe, für Provokationen, Propagandaaktionen, Aufmärsche, Rituale das NS-Relikt zu nutzen, zumal es dafür präpariert ist. Die Schirmherrschaft der NS-Soldaten verstärkt ihre antidemokratischen, rassistischen Umtriebe, bei denen sie gegen „Gutmenschen“, Flüchtlinge, Asylbewerber und allgemein Ausländer hetzen.

Kommentar: Wer mit zwanghaft spießigem Ordnungssinn ein Nazi-Denkmal hegt und pflegt, striegelt und schniegelt, der sollte sich nicht wundern, wenn es Neonazis anzieht wie Kerzenlicht Motten. Wer, wie Oberbürgermeister Martin Schaab, Aufmärschen Rechtsextremer „keinen Platz bieten“ will (SK 17.05.2018), der darf sich nicht mit Kosmetik am NS-Kriegsdenkmal begnügen. Wer demokratie- und ausländerfeindlicher Hetze wirksam entgegentreten will, der muss einen deutlichen Trennstrich ziehen zur NS-Zeit und ihren Relikten.

Fazit: Um es Rechtsextremen zu vergällen, das NS-Kriegspropagandamonument für ihre menschen- und demokratieverachtenden Zwecke zu instrumentalisieren, muss man den Luisenplatz und sein Zubehör grundlegend umgestalten.

Öffentlicher Zelebrationsort für den Volkstrauertag

„Jedes Gedenken der Gefallenen, also Ermordeten, ohne die klare Ableugnung der Kriegsidee ist eine sittliche Schande und ein Verbrechen an der nächsten Generation.“

„Von der Dankbarkeit, die wir unseren lieben, hochverehrten, heldenhaften, gesegneten und zum Glück stummen Gefallenen schulden, von diesem Hokuspokus bis zum nächsten Krieg ist nur ein Schritt. Was hier gemacht wird, ist Reklame.
Ich denke, daß wir der einen Knüppel zwischen die Räder werfen sollten.“
Kurt Tucholsky (1890–1935) alias Ignaz Wrobel: Über wirkungsvollen Pazifismus Die Weltbühne, Nr. 41 (11.10.1927) S. 555, in: Gesammelte Werke, Bd. 5, 1927 Reinbek (1989) S. 342, 339

Grund, Zweck, Nutzer: Den Volkstrauertag zelebrieren wir schon immer dort. Noch nie haben wir ihn woanders begangen. Die Trauerfeier, der Standort der Gedenkstätte, das Denkmal, die Tafeln, Symbole und Riten müssen so bleiben.

In Radolfzell beteiligen sich am Volkstrauertag u.a. Vertreter der Stadt, des Landtags, des Volksbunds Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. (Volksbund), und des Bunds der Vertriebenen, der die NS-Vergangenheit seiner Gründungsgeneration nur zögerlich aufarbeitet. (Volkstrauertage in der Chronologie s. 19.11.2006, 15.11.2009, 14.11.2010, 16.11.2014, 13.11.2016, 19.11.2017, 18.11.2018.)

Wie entstand der Volkstrauertag? Nachdem der 1919 gegründete Volksbund einen Gedenktag für tote deutsche Weltkrieger vorgeschlagen hatte, gab es in den Staaten der Weimarer Republik ab 1922 Gedenkfeiern an verschiedenen Tagen, aber keinen republikweiten gesetzlichen Volkstrauertag [Lur86, S. 383]. Gründungsmitglieder des Volksbunds hatten sich u.a. aus

„Vertreter[n] aus Kirchen, jüdischen Kultusgemeinden, den großen Fürsorgeverbänden, aus Kriegerverbänden, zivilen und militärischen Staatsbehörden“
rekrutiert [Vog93, S. 122]. Dem Volksbund, der sich „wie die Frontkämpferverbände als Vorkämpfer und Steigbügelhalter des Dritten Reichs engagiert“ hatte, boten sich nach der Machtübergabe an Hitler bessere Chancen, seine Interessen durchzusetzen [Lur86, S. 352]. Der Gründer und „Bundesführer“ des Volksbunds Dr. Siegfried Emmo Eulen (1890–1945) empfahl am 6. Januar 1934 seinem Parteigenossen, dem Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda Dr. Joseph Goebbels (1897–1945):
„Der Gedenktag für die Gesamtheit der Toten des Krieges und der Freiheitsbewegung muß für alle Zeiten im Leben des Volkes vereinbart werden, weil er Volkstum und Volkskraft stärkt. Wenn dies erreicht werden soll, darf er auf die Dauer nicht ein Tag der Trauer sein, sondern muß ein Tag der Erhebung werden, ein Tag des Hoffens auf das Aufgehen der blutigen Saat“ [Lur86, S. 383–384].
Mit Erfolg: Am 27. Februar 1934 führte die Reichsregierung mit dem Gesetz über die Feiertage den „Heldengedenktag“ reichsweit ein, den Militaristen und Nazis 1934–1945 erst mit Kriegsbegeisterung, dann mit Durchhalteparolen zelebrierten [Lur86, S. 384]. Mit dem Naziregime verschwand auch der Name „Heldengedenktag“, aber nicht der Volksbund. Ab 1946 fanden regionale Volkstrauertage statt, ab 1950 eine Gedenkstunde im Bundestag, ab 1952 entstanden Feiertagsgesetze in den Bundesländern, die den Volkstrauertag als zu schützenden Tag, nicht als gesetzlichen Feiertag festlegen. (S. auch [Kli06, S. 122–125].) Noch 1951 fand der Volkstrauertag wie zuvor der „Heldengedenktag“ im Frühling statt, wohin ihn die Nazis gelegt hatten, um den Aufbruch des NS-Reichs durch den Aufbruch der Natur zu symbolisieren. Gegen den Willen des Volksbunds ließen ihn Bund, Länder und Kirchen ab 1952 im November stattfinden, der besser zum Trauerzweck passt. [Lur87, S. 440–441, 509–510]

Was leistete der Volksbund in der NS-Zeit außerdem? Dieser Frage widmet Meinhold Lurz u.a. die Seiten 71–76, 95, 123–136, 227–230, 238–240, 270–272, 356–358, 383–388, 405–406 in [Lur86], wo folgende Zitate belegt sind. Kurz gefasst: Der Volksbund inszenierte schon auf seinem 1932 eingeweihten Heldenhain in Langemarck in Flandern zur Parole

„Deutschland muß leben auch wenn wir sterben müssen“
(nach Heinrich Lerschs (1889–1936) Gedicht Soldatenabschied) die nazistische Fiktion der „lebenden Toten“ [Lur83, S. 68], [Kub90, S. 80], bekannte sich „dazu, schon dem Nationalsozialismus angehangen zu haben, als es diesen noch gar nicht gab, und ihm vielmehr den Weg bereitet zu haben“ (S. 357), beförderte den Heldenkult, den Opfer- und den Auferstehungsmythos, passte sich freudig in das Naziregime ein, brachte in den 1930er Jahren „nahezu alle aufwendigen und überregional bedeutsamen Ehrenmale unter seine Kontrolle“ (S. 238), baute einen Ring von Heldenhainen und Totenburgen um Großdeutschland, aus denen der „Geist des deutschen Soldaten, der Opfergeist des Weltkrieges, die Bereitschaft, die Kameradschaft, das Heldentum“ sprachen (S. 126) und die „über den Gedanken der Heldenehrung durch Vorbildlichkeit zur Nachfolge anspornen“ sollten (S. 239), die Lurz jedoch als „rassistische Kulturpropaganda“ und „Symbol des deutschen Übermenschentums“ interpretiert (S. 181), meldete als Bundesführer Eulen 1935 an Hitler, er wolle
„nicht eher ruhen, bis überall in der Welt deutsche Heldenstätten von den Leistungen und Opfern unserer feldgrauen Heere im Weltkriege Kunde geben. Heil mein Führer“ (S. 230),
errichtete zwei Denkmale zum „Gedächtnis der Gefallenen der NSDAP“ (S. 270), nachdem er dafür in § 1a seiner Satzung den NS-Begriff „Freiheitsbewegung“ eingefügt hatte, sodass dort stand:
„Herrichtung, Schmuck und Pflege der deutschen Grabstätten des Krieges und der Freiheitsbewegung im Auslande sowie der Grabstätten des Krieges und der Freiheitsbewegung im Reichsgebiet zu fördern“ (Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge. Arbeitsbericht 1936-37, o.O., o.J. (Berlin 1938) S. 21, zit. n. [Kub90, S. 82]),
jubilierte nach Hitlers Überfall auf Polen „über seine erhofften neuen Arbeitsmöglichkeiten“ (S. 95), versandte den Neujahrsgruß 1940 des Bundesführers:
„Wir Lebenden haben die Pflicht der Arbeit, des Kampfes und des Opfers. In dieser soldatischen Haltung tragen wir die Fahne weiter in ein neues Jahr des Sieges, in ein neues Jahrzehnt der bedingungslosen Hingabe für Großdeutschland und seinen Führer“ (S. 357),
predigte als „Gauführer“ Max Arendt im September 1943 (nach Stalingrad):
„Soldatentod ist pflichtgemäßer oder freiwilliger kämpferischer Einsatz aller Kraft für die völkische Gemeinschaft. Soldatengräber sind nicht Orte stiller Trauer, sie sind die Wurzelstöcke nie versiegenden Kampfes- und Siegeswillens“ (S. 228),
sinnierte als „Bundesamtsführer“ Otto Margraf (1949–1960 Generalsekretär) im November 1944 über die Weimarer Zeit:
„Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge bedeutete Besinnung auf Ehre und Größe der Nation, auf das heldische Opfer und den Todesmut unserer Gefallenen, auf die Dankespflicht gegen diese Toten, er bedeutete Besinnung auf das Deutschtum überhaupt und Einsatz für deutsche Kulturwerte. Solche Gesinnung war den damaligen Machthabern mit ihren jüdischen Söldlingen aufs tiefste verhaßt“ (S. 358),
steigerte mit der Totenzahl des Zweiten Weltkriegs die Bezieherzahl seines Mitteilungsblatts Kriegsgräberfürsorge auf fast eine Million und seine Mitgliederzahl auf rund zwei Millionen, und „vervielfachte seinen Jahresetat“ (S. 75).

Was leistete der Volksbund nach der NS-Zeit? Er befasste sich nach dem Krieg kaum aufklärend mit seiner Verstrickung in das Naziregime und die kriegstreibende Propaganda, sondern geschichtsklitterte als ehemaliger stellvertretender Bundesführer Manfred Zimmermann schon im Juli 1945:

„Der Volksbund D.K. ... hat sich seit seiner Gründung ausschließlich seinen ethischen Aufgaben gewidmet und ist wiederholt den oft sehr dringlichen Versuchen der NSDAP, den Volksbund nach dem Beispiel anderer Verbände sich einzugliedern, immer energisch und mit Erfolg entgegengetreten. Er kennt aus seiner Tätigkeit die Not, die zwei schwere Kriege über das deutsche Volk gebracht haben, und sieht seine Aufgabe darin, im Geiste des Antifaschismus daran mitzuwirken, das Elend künftiger Kriege zu vermeiden“ [Lur83, S. 68], [Lur87, S. 436],
„stellte sich auf die Seite der angeblich sauberen Wehrmacht gegen die bösen Nazis und gab sich das Image eines Widerstandskämpfers“ [Lur87, S. 438], ignorierte die aus politischen und rassistischen Motiven ermordeten NS-Opfer [Wit90, S. 93] und baute auch nach 1945 Totenburgen nach nazistischen Prinzipien [Kub90, S. 85]; in den 1950er Jahren distanzierte er sich von der Friedensbewegung, unterstützte die Remilitarisierung der BRD mit Bundeswehr und Wehrpflicht [Wit90, S. 94] und propagierte „die alten Tugenden Ehrfurcht, Pflicht, und Verantwortung gegenüber dem Vaterland [..] – ohne deren unheilvolle Funktion im Nationalsozialismus zu reflektieren“ [ebd. S. 92]; er versuchte noch 1962 – namens des seit NS-Zeiten aktiven 2. Bundesgeschäftsführers und Hauptschriftleiters Klaus von Lutzau –, den schon staatspolitisch entsorgten militaristischen Heldenbegriff wieder salonfähig zu machen [Lur87, S. 306–308], transformierte in den 1960er Jahren das Gedenken an „unsere Toten des Krieges“ in ein Gedenken an „die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft“ [Wit90, S. 94], stilisierte „die deutschen Soldaten, ohne deren blinde Gefolgschaft Hitlers Angriffskriege nicht hätten in dieser Weise realisiert werden können“, zu Opfern [ebd. S. 93], bettete auf „Kriegsopferstätten“ Täter und Opfer zusammen:
„So wurden in der 1960 eingeweihten ‚Kriegsopferstätte‘ Kloster Arnsburg bei Lich/Hessen Angehörige der SS und von der SS erschossene ‚Fremdarbeiter‘ nebeneinander bestattet“ [Kub90, S. 85],

auf der 1963 eingeweihten „Kriegsgräberstätte“ in Schlüchtern/Hessen „ruhen Gefallene der Wehrmacht und der Waffen-SS neben Bombenopfern und KZ-Häftlingen“ [Wit90, S. 94],

und trug so zur Täter-Opfer-Konfusion bei, polemisierte gegen die Friedensbewegung der 1980er Jahre [ebd. S. 96], und wendehalste sich in den folgenden Jahrzehnten zu einer „humanitären Organisation“, die „Verständigung, Versöhnung und Frieden unter den Menschen und Völkern“ fördern will (Leitbild des Volksbundes) – im Rahmen der militärkonformen Gräberordnung, versteht sich. Ohne zu aktiver Friedenspolitik substanziell beizutragen, repräsentiert der Volksbund bis heute ein etabliertes Geschäftsmodell zwischen staatlichen Zuwendungen und Spendensammlungen.

Kommentar: Am Volkstrauertag trauert das Volk – genauer: ein Teil des Volks. Wer oder was wird kollektiv betrauert? Die Nazis trauerten über den verlorenen Krieg und feierten die Helden, die ihnen den nächsten Krieg gewinnen sollten. Klar, das geht nicht mehr. Aber wer sind die Betrauerten?

  • Täter-Opfer-Konfusion: Auf den Tafeln stehen Namen von 821 Soldaten der von Deutschland geführten, entfachten, entfesselten Kriege von 1870/71, 1914–1918, 1939–1945. Um welche Kriege geht es? Laut Überschrift von 2011 um „alle Kriege“. Um welche Toten geht es? Mal um „gefallene Soldaten“, also Täter, mal um „Kriegsopfer der Stadt“, mal um „Opfer beider Weltkriege“, mal um „Opfer der Gewaltherrschaft und Tote aller Kriege“ (Überschrift), stets auch um 102 Waffen-SS-Angehörige, also Terroristen und Kriegsverbrecher. Auch wenn sich der Volksbund mit seinen o.g. Täter-Opfer-Gräbern ethisch unsensibel zeigt, gilt: Es ist moralisch untragbar und politisch unklug, Täter und Opfer unterschiedslos zu betrauern.
  • Privilegierte Totenklasse: Warum sollen Soldaten, die sich in einer unrechtmäßigen Armee eines unrechtmäßigen Regimes an einem Eroberungskrieg beteiligten oder sich freiwillig einer Terrorstaffel anschlossen und dabei umkamen, dafür als besondere Klasse geehrt werden? Warum wird Menschen, die ihr Leben zum Wohl der Gemeinschaft in zivilen Bereichen riskierten und verloren – bei Feuerwehren, im Gesundheitswesen, bei der Polizei, bei Verkehrsbetrieben u.Ä. – selten ein Ehrenmal errichtet? Mit demokratischen Prinzipien sind privilegierte Klassen unvereinbar, auch die Privilegierung toter Soldaten.

    Die Sonderstellung des Kriegstods ist erklärbar (vgl. [HeE08, S. 18], [HeE13, S. 12–13], [Lur87, S. 294]): Alle Zivilisationen kennen die Verbote, Menschen zu töten und fremdes Eigentum zu zerstören. Setzt eine Gemeinschaft trotzdem Soldaten zum Töten und Zerstören im Krieg ein, so verfügt sie über deren Autonomie und Leben. Werden die Soldaten getötet, so bedarf dies einer Rechtfertigung. Der Kriegstod kommt absichtlich von Menschenhand, erwartbar, verfrüht. Das unterscheidet ihn vom verfrühten Tod durch unglückliche Umstände, und deshalb verlangt er eine Erklärung für das Recht zum Töten und die Pflicht zum Sterben. Warum wurde das Tötungsverbot aufgehoben? Warum das höchste Menschenrecht, das Recht auf Leben, abgeschafft? Wozu sollte der Tabubruch der Gemeinschaft nützen?

    Antworten sind nur beim Militär, dessen Zweck Töten und Zerstören ist, schwer zu geben, nicht in risikoreichen zivilen Bereichen. Deshalb erfordern die Antworten gewaltige ideologische, symbolische, rituelle, kultische, pseudoreligiöse Aufwände. Doch der Soldatentod in Angriffs-, Eroberungs-, Vernichtungskriegen und bei Kriegsverbrechen lässt sich nicht rechtfertigen.

  • Nähe zu nazistischen Totenkulten: Jede Trauerfeier bei den NS-Kriegern und den Tafeln mit den SS-Täternamen schließt unvermeidlich NS-Kriegsverbrecher ein und läuft so Gefahr, sich nicht deutlich von nazistischen Heldenkulten zu distanzieren, unabhängig vom Inhalt flüchtiger Trauerreden. Man kann sich nicht feierlich vor NS-Schergen aufstellen und Kränze vor ihnen oder SS-Tätertafeln niederlegen, ohne den Eindruck zu erwecken, man huldige dem Naziregime. An Nazikulte anzuknüpfen verbietet sich für Demokraten, auch am Volkstrauertag. Für SS-Mitglieder braucht unsere Demokratie keine öffentliche Gedenkstätte und keine Namenstafeln, auch nicht am Volkstrauertag.
Sind Volkstrauertagsfeiern nur am Radolfzeller NS-Kriegsmal bedenklich? Nein, doch hier besonders. Meinhold Lurz berichtet schon 1987 über Kritik am „stereotype[n] Zeremoniell promilitärischer Pflichtübungen“ und über sieben Vorschläge zur Reform des Volkstrauertags, die 1978 bei einer Tagung in der evangelischen Akademie Loccum erarbeitet wurden (Volkstrauertag – Lästige Verlegenheit oder willkommene Chance Loccumer Protokolle 7/1979, S. 87–89), die er durch weitere Vorschläge ergänzt [Lur87, S. 524–527]. Bis heute wurde kaum etwas davon umgesetzt.

Hütt, Kunst, Matzner und Pabst erkennen in Totengedenkfeiern subjektive Ernsthaftigkeit, rufen jedoch auf

„zu einer stärkeren Sensibilität gegenüber der künstlerischen Form als Träger politischer Bedeutung. Denn während die Nationalsozialisten sehr genau um die politische Wirkung von Kunst im öffentlichen Raum wußten [...], gelingt es bis heute, das von den Beteiligten oft subjektiv ernst gemeinte mahnende Gedenken an die Toten der Kriege an solchen Denkmälern zu organisieren, die gerade diesen Kriegstod feiern und fordern. Könnte dieser Widerspruch bewußt gemacht werden, so wäre der unheiligen Allianz derjenigen, die den Krieg nach wie vor billigend in Kauf nehmen, mit der überwältigenden Mehrheit der Kriegsgegner ein weiterer Riegel vorgeschoben“ [HKMP90, S. 9].
Sabine Behrenbeck analysiert den Totenkult. Zu Kulten gehören Symbole, Rituale, Mythen. Ein Symbol verdinglicht einen Mythos, ein Ritual übersetzt ihn in eine Handlung, ein Mythos erklärt Symbole und Riten mit einer Erzählung [Beh96, S. 52]. Alljährlich werden am Volkstrauertag Rituale zu Ehren der Toten formalisiert wiederholt, die aus religiösen und militärischen Kulten stammen und bei zahlreichen nazistischen Totengedenkfeiern, auch am Horst-Wessel-Platz, wichtige Rollen spielten [Lur86, S. 37, 40], [Beh96, S. 325–343, S. 499]. Zu Opferritualen zählen das Entzünden von Brandopferfeuern in der Feuerschale und das Niederlegen von Kränzen vor den Wehrmachts- und SS-Tätertafeln unter Trompeten- und Trommelklängen des Lieds vom Guten Kameraden – Symbol sinnvollen Soldatentods.
„Trommelwirbel und Paukenschläge waren neben Fanfarenrufen durchgängige Gestaltungsmittel der nationalsozialistischen Feiern, sie dienten zum ‚Zusammentrommeln‘ der Feierteilnehmer, hämmerten ihnen gewissermaßen die Inhalte ein und vermochten in dramatischen Höhepunkten Spannung erzeugen, so z. B. bei der Totenehrung im Münchner Zeremoniell vom 9. November [für die 16 getöteten NS-Putschisten von 1923, K.H.]. [...] Insgesamt dienen Schlag- und Blasinstrumente im Militär als Signale beim Exerzieren und zur weithin hörbaren Unterstützung von Kommandos. Früher wurde zum Angriff geblasen, Trommeln gaben Marschtempo und -rhythmus vor und sorgten für Gleichschritt [...]. Trommelwirbel von festgelegter Dauer gelten noch heute als militärische Ehrbezeugung für hohe Würdenträger“ [Beh96, S. 317–318].
Doch diesen Ritualen ist ihr Mythos abhanden gekommen, der NS-Heldenmythos. Zu sinnentleerten Ritualen kommentiert Behrenbeck, sich auf Dan Diners Aufklärung nach Auschwitz beziehend:
„‚Ritual‘ wird zum Ausdruck für ‚leeren Konformismus‘, für einen ebenso sinnlos wie gedankenlos befolgten Mechanismus und entfremdetes Rollenverhalten. In diesem Zusammenhang ist auch die liturgische Erinnerung an die Opfer der nationalsozialistischen Verbrechen an festgelegten Gedenktagen als oberflächliche und überflüssige Ersatzhandlung bezeichnet worden, die eine echte, innere Auseinandersetzung mit Schuld und Verantwortung behindere“ [Beh96, S. 50].
Für Kai und Wolfgang Kruse erscheint hinter Sinnlosigkeit Zynismus:
„Der Versuch, am Volkstrauertag einen militaristischen Kult in einen pazifistischen umzuwandeln, ohne dabei von den althergebrachten Ritualen der Kriegerehrung Abstand zu nehmen, war von Anfang an wenig überzeugend; zumal das noch immer geblasene Lied »Ich hatt' einen Kameraden« geradezu als ein Hohn auf die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft erscheinen muß, deren Gedenken der Volkstrauertag eigentlich auch gewidmet ist“ [KrK94, S. 128].
Gerhard Armanski deutet „das Aufgesetzte, Veranstaltete“ der „Festtäglichkeit“ des politischen Totenkults als herrschaftssichernde Inszenierung, die allerdings nur noch „ein Rand- und Ritualdasein“ fristet [Arm88, S. 11, 27].

Fazit: Das NS-Kriegsensemble ist als kollektives Trauermal für immer diskreditiert, als Friedensmahnmal völlig ungeeignet. Das Brauchtum militärisch-sakraler Trauerrituale am NS-Relikt mit den SS-Tätertafeln ist bestattungsreif, nachdem mehrere Demokratisierungsschübe durch die Republik auch den Bodensee erreicht haben. Als Zelebrationsort für den Volkstrauertag muss kurzfristig ein anderer Platz dienen. Mittelfristig muss die NS-Kriegsmalanlage umgestaltet werden. Hohle Rituale eignen sich (unabhängig vom Ort) kaum dazu, junge Menschen an Erinnerungskultur heranzuführen.

Privater Trauerplatz für Familien getöteter Soldaten

Grund, Zweck, Nutzer: Der Platz sei angelegt worden, um gefallener Soldaten zu gedenken. Deren Namen seien auf Tafeln aufgeführt. Einige Familien hätten kein Grab, an dem sie um ihre Gefallenen trauern könnten. Für sie seien diese Tafeln noch heute ein kleiner Ersatz. Viele der von den Ereignissen der Kriege noch heute betroffenen Familien bräuchten wie seit Jahrzehnten einen Platz der Erinnerung. Als angemessene Form des Gedenkens an die Opfer beider Weltkriege sei diesen Familien ihr Platz zu erhalten. Auch in der Sitzung des Kulturausschusses am 06.11.2018 wird behauptet, „dass Menschen, die in den Kriegsjahren Schicksalsschläge erlitten hätten, seit Jahren an diesem Platz ihrer Angehörigen gedächten“ (SK 07.11.2018).

Kommentar: Als nicht prüfbar sei die Aussage hingenommen, die heutigen Hinterbliebenen von „Gefallenen“ wünschten sich als Trauerplatz genau das Denkmal, das die Nazis 1938 zur Kriegsvorbereitung errichteten.

  • Trauerfamilien: Konfusionen in diesen Paraphrasen (trauern? gedenken? erinnern?) folgen auch daraus, dass sie aus verschiedenen Quellen stammen. Geht es um Familien, die sonst nirgends trauern könnten? Lassen wir die Kriege 1870/71 und 1914–1918 außer Acht und betrachten den Zweiten Weltkrieg. Angenommen, ein 17-Jähriger stirbt im letzten Kriegsjahr 1945. Ein ihm persönlich emotional nahe Stehender ist mindestens fünf Jahre alt, um sich später an ihn erinnern zu können. Also ist er heute mindestens 79 Jahre alt. Die Eltern des Toten sind heute mindestens um 110 Jahre alt. Bei den „Familien“ handelt es sich um Angehörige, die ihre Lebenserwartung um mindestens zehn Jahre überschritten haben. Wie viele 79+-Jährige trauern regelmäßig am Luisenplatz um ihre 1939–1945 getöteten Angehörigen? Wie viele sind „viele Familien“?
  • Ersatzgräber: Viele Menschen geben die Gräber ihrer Eltern nach 20 Jahren auf; nicht, weil sie sie nicht mehr ehren und nicht mehr ihrer gedenken, sondern aus pragmatischen Gründen. Ihnen gelingt es, andere Plätze zu finden, an denen sie um ihre Angehörigen trauern. Die Stadt Radolfzell sieht sich nicht verpflichtet, diesen Menschen einen öffentlichen Trauerplatz in zentraler Lage zusätzlich zu den Friedhöfen zur Verfügung zu stellen. Warum sollen Nachfahren von Wehrmachts- und SS-Soldaten privilegiert bleiben?
In der Kultursoziologie gilt das Verlängern der Trauer über mehrere Jahre als pathologische Reaktion, die die schmerzhafte Ablösung vom Toten blockiert und realitätstrübend wirkt [Beh96, S. 156]. Jenseits dieser zeitlichen Aspekte fragt Pastor i.R. Ulrich Hentschel, ehemaliger Studienleiter für Erinnerungskultur an der Evangelischen Akademie der Nordkirche, ob das Pinneberger NS-Kriegsdenkmal ein Ort der Trauer ist. Seine Antwort ist auf Radolfzell übertragbar:
„Wenn überhaupt, könnte das Kriegsdenkmal als Ort der Trauer eines Kollektivs verstanden werden. Es wäre dann aber eine Trauer um einen verlorenen Krieg. Zudem wird diese Trauer aggressiv gewendet mit der indirekten Werbung für einen neuen Krieg, der die »Niederlage« und »Schmach« des Ersten Weltkrieges aufheben und rächen soll.

Kriegerdenkmäler können darum kein Ort persönlicher und familiärer Trauer um einen nahen Menschen (Vater, Bruder, Ehemann ...) sein, selbst wenn dessen Name auf einer Tafel vermerkt ist. Dieser Mensch würde darin auf seine Funktion als Soldat reduziert und letztlich so seiner Menschenwürde beraubt.

Persönliche Trauer braucht das Grab auf dem Friedhof. Es kann auch eine Inschrift auf dem Familiengrab sein, wenn der im Krieg getötete Soldat nicht »zuhause« bestattet werden konnte“ [Hen18, S. 3].

Den allgemeinen Unterschied zwischen Denkmal und Grabmal beschreibt Prof. Dr. Herfried Münkler, Politikwissenschaftler an der Humboldt-Universität Berlin, in seinem Beitrag Militärisches Totengedenken in der postheroischen Gesellschaft:
Ein politisches Denkmal „steht für den politischen Auftrag; mit ihm geht es nicht um die Toten als Verwandte und Freunde, sondern als Soldaten, die sich für politische Ziele und moralische Werte in die Pflicht nehmen ließen. Das Persönliche verschwindet im Offiziellen, was auch heißt, dass das Offizielle nicht durch das Persönliche geschützt ist.“ Dagegen sei ein Grabmal davor geschützt, „zum Austragungsort politischer Meinungs- und Gesinnungskämpfe zu werden“ [HeE08, S. 29].
Prof. Dr. Wolfgang Kruse, Historiker an der FernUniversität Hagen, spürt ein Spannungsfeld zwischen persönlicher Trauer und öffentlichem Kult:
„Während in der persönlichen Erinnerung Tote als ehemals Lebende im Gedächtnis bewahrt werden, geht es im Gefallenenkult vor allem um die öffentliche Auseinandersetzung mit dem Charakter und der Bedeutung, mit dem Sinn ihres Todes. [...] Die öffentliche Erinnerung an den gewaltsamen Tod für das Kollektiv war untrennbar mit dem Zweck des jeweiligen Krieges verbunden und tendierte so von Anfang an zu einer Ideologisierung von Krieg und Soldatentod, wie sie gerade in Deutschland lange Zeit den monumentalen Gefallenenkult geprägt hat“ [Kru08, S. 34].
Kein einziges Symbol des Radolfzeller Kriegsdenkmalensembles drückt glaubhaft Trauer aus, auch die Ostlandtafel nicht. Kein einziges Symbol spendet Trost. Das Ensemble soll Gefühle in revanchistische Bahnen lenken. Zudem ist fraglich, ob sich eine Bushaltestelle an einer Durchgangsstraße zum Trauern eignet. Ausgerechnet das NS-Kriegsmal mit den SS-Tätertafeln als Trauerplatz zu wählen, dokumentiert eher „die Unfähigkeit zu trauern“ (Alexander und Margarete Mitscherlich, 1967) als die Verarbeitung der Trauer.

Soldatengräber auf dem Waldfriedhof: Andererseits liegt im Radolfzeller Waldfriedhof eine Gedenkstätte für die „Gefallenen“ beider Weltkriege mit Soldatengräbern und einem Inschriftstein, die sich als Ort persönlicher Trauer besser als das NS-Mal eignet (vgl. denkmalprojekt.org/dkm_deutschland/ radolfzell_wk1u2_frdh_bw.htm). Allerdings könnte ein im Stadtzentrum wohnender Trauernder einwenden, dass ihm der Weg dorthin aus dem Bebauungsgebiet hinaus zu weit ist.

Radolfzell Waldfriedhof Soldatengräber 2019-05-14 K. Hug Auf 20 Steinkreuzen stehen beidseitig je bis zu zwei Namen mit Geburts- und Todesjahr, zusammen knapp 80 Namen, während die Tafeln am Luisenplatz 790 Namen nennen.

Radolfzell Waldfriedhof Soldatengräber 2019-05-14 K. Hug In der Inschrift „Wo Ihr auch / ruhen möget / Brüder / in der östlichen / Steppe in Sumpf / und Wald / uns unerreichbar / vergessen / seid Ihr nicht / auch für Euch / halten Wacht / diese Kreuze“ markieren fünf „Wacht haltende“ Kreuze den Stein als Werk des Volksbunds Deutsche Kriegsgräberfürsorge, der auch auf einem Friedhof keinen militärischen Jargon scheut, um eine private Trauerstätte in ein politisches Kultmal zu wandeln.

Radolfzell Waldfriedhof Soldatengräber Inschriftstein 2019-05-14 K. Hug Keiner der Menschen, die „in östlichen Steppen, Sümpfen und Wäldern“ lebten, rief die NS-Soldaten herbei, die dort Millionen von Menschen umbrachten, bevor sie selbst „fielen“.

Fazit: Das NS-Relikt ist als Ort privater, persönlicher Trauer weder notwendig noch geeignet. Die Stadt Radolfzell kann die überlebenden Nachfahren der auf den Tafeln genannten Toten dabei unterstützen, Trauerplätze auf Friedhöfen oder anderswo zu finden, und ggf. Fahrdienste einrichten.

Kulturdenkmal der Zeitgeschichte und der kollektiven Erinnerung

Grund, Zweck, Nutzer: Das (euphemistisch verklärte) „Gefallenendenkmal“ sei als Kulturdenkmal ein wichtiger Teil der Geschichte und der kollektiven Erinnerung. Es müsse als unbequemes Denkmal bestehen bleiben. Es sei ein Spiegel des politischen und gesellschaftlichen Denkens und damit ein wichtiges, in Stein gemeißeltes Zeugnis der Zeitgeschichte, das deshalb noch heute eine Daseinsberechtigung habe und darüber hinaus schützenswert sei. Die Soldatenfiguren seien zu erhalten, um heutigen und folgenden Generationen die Macht der damals herrschenden Einflüsse zu vergegenwärtigen.

Kommentar:

  • Konkretisieren: Diese Postulate sind nicht prinzipiell abzulehnen, sondern gewinnen Substanz, indem man sie entschleiert: Das NS-Kriegsdenkmal ist Teil der Radolfzeller NS-Geschichte, ein Spiegel der militaristischen, aggressiven NS-Ideologie und ein in Stein gemeißeltes Zeugnis der Macht und Brutalität des Naziregimes. Es ist „Zeuge“ von Koeppens „großer Zeit“ des SS-Terrors, der Verfolgungen, Besetzungen, Überfälle, Kriege, Vernichtungsfeldzüge, „Zeuge“ von Radolfzells „großer Zeit“ als eine von acht SS-Garnisonsstädten im „1000-jährigen Reich“.
  • Kollektive Erinnerung: Bedenkenswert ist der Begriff „die kollektive Erinnerung“. Das kollektive Gedächtnis ist das vom Staat, seinen Vertretern und Einrichtungen getragene Gedächtnis [Rad15, S. 40]. Der Ursprung der Erinnerung an den Kriegerstein wurde von NS-Funktionären propagandistisch inszeniert. Insofern handelt es sich um eine staatlich verordnete, vom Naziregime initiierte und von der Bundesrepublik bewahrte und geförderte Erinnerung. In Abwandlung eines Satzes eines 200-Jährigen könnte man sagen: Die herrschende kollektive Erinnerung ist die dem Kollektiv verordnete Erinnerung der Herrschenden. Doch „die Kollektiverinnerung“ gibt es so wenig wie „die Kollektivschuld“.
  • Erhalten, schützen: Die obigen Forderungen, die Soldatenskulptur zu erhalten und zu schützen, beziehen sich auf ihren Dokumentationswert als Relikt der NS-Zeit. Dem ist zuzustimmen. Doch die NS-Kriegspropagandisten dürfen nicht länger in einem öffentlichen Park marschieren. Nach Aleida Assmann werden „Überreste und Spuren der Vergangenheit“, nachdem sie „ihre lebendigen Bezüge und Kontexte verloren haben“, in Museen, Archiven, Bibliotheken aufbewahrt [Rad15, S. 11, 40, Aleida Assmann paraphrasierend]. Den lebendigen Bezug zur Kriegsvorbereitung hat das Relikt längst verloren, während immer noch versucht wird, den Kontext einer „Gedenkstätte“ für den Volkstrauertag zu retten.
Welchen denkmalschutzrechtlichen Status genießt die NS-Kriegsmalanlage? Ein Kulturdenkmal ist im allgemeinen Sprachgebrauch ein Zeugnis einer Kultur von historischem Wert. Während kaum umstritten ist, dass das NS-Kriegsmal ein Kulturdenkmal in diesem Sinn ist, spreizt sich das Meinungsspektrum zu seiner Schutzwürdigkeit. Davon zu unterscheiden ist der juristische Fachbegriff des Kulturdenkmals. Das Denkmalschutzgesetz Baden-Württemberg (DSchG BW), genauer das „Gesetz zum Schutz der Kulturdenkmale in der Fassung vom 6. Dezember 1983“ definiert als „Aufgabe von Denkmalschutz und Denkmalpflege, die Kulturdenkmale zu schützen und zu pflegen“ (§ 1 (1)) und als Kulturdenkmale
„Sachen, Sachgesamtheiten und Teile von Sachen, an deren Erhaltung aus wissenschaftlichen, künstlerischen oder heimatgeschichtlichen Gründen ein öffentliches Interesse besteht“
samt dem „Zubehör, soweit es mit der Hauptsache eine Einheit von Denkmalwert bildet“ (§ 2 (1), (2)). Auch „die Umgebung eines Kulturdenkmals“ kann „Gegenstand des Denkmalschutzes“ sein (§ 2 (3)). Die fachliche Prüfung und Beurteilung, ob ein Objekt eine definierende Eigenschaft eines Kulturdenkmals im Sinn des DSchG besitzt, obliegt dem Landesamt für Denkmalpflege (§ 3a).

Vier denkmalschutzrechtliche Status kann ein Objekt einnehmen. Der erste Status ist „ungeprüft“, d.h. das Objekt wurde nicht daraufhin untersucht, ob es die Kulturdenkmaleigenschaft besitzt. Die Prüfung des Objekts kann zu den Beurteilungen „kein Kulturdenkmal“ oder „Kulturdenkmal“ führen. Im dritten Fall wird das Objekt vom Landesamt für Denkmalpflege in einer Liste erfasst, dokumentiert und erforscht (§ 3a). Der vierte Status ist „im Denkmalbuch eingetragen“: „Kulturdenkmale von besonderer Bedeutung genießen zusätzlichen Schutz“, wenn sie in das „Denkmalbuch“ eingetragen sind (§ 12 (1)), das „von der höheren Denkmalschutzbehörde geführt“ wird (§ 14 (1)), die Eintragungen und Löschungen vornimmt (§ 13 (1)).

Nach Auskunft der unteren Denkmalschutzbehörde, der Abteilung Baurecht der Stadtverwaltung Radolfzell am Bodensee vom 28.03.2019 ist „das Kriegerdenkmal einschließlich Anlage nicht in der Liste der Kulturdenkmale eingetragen“. Dann ist es wohl auch nicht im Denkmalbuch eingetragen, also entweder „ungeprüft“ oder „kein Kulturdenkmal“ im Sinn des DSchG. Das NS-Kriegsmal genießt also keinen Denkmalschutz.

Was folgt daraus für die Pflege? Das Land und die Gemeinde sind nicht gesetzlich beauftragt, die NS-Kriegsmalanlage zu schützen und zu pflegen (§ 1 (2)). Die Stadt als Eigentümerin muss sie nicht im Rahmen des Zumutbaren erhalten und pfleglich behandeln (§ 6), sondern kann entscheiden, was sie der demokratischen Öffentlichkeit zumuten will für die Pflege des NS-Relikts, das von Neonazis für demokratiefeindliche Aktionen genutzt wird, nach der Kontrollratsdirektive Nr. 30 hätte zerstört werden müssen und nach Grundgesetz Art. 26 (1) und UN-Zivilpakt Art. 20 nicht mehr neu errichtet werden dürfte.

Was folgt daraus für den Schutz? Das NS-Kriegsmal darf ohne Genehmigung der Denkmalschutzbehörde

„1. wiederhergestellt oder instand gesetzt werden,

2. in seinem Erscheinungsbild oder seiner Substanz verändert werden,

3. mit An- oder Aufbauten, Aufschriften oder Werbeeinrichtungen versehen werden“ (§ 15 (1)),

und sogar
„1. zerstört oder beseitigt werden,

2. in seinem Erscheinungsbild beeinträchtigt werden oder

3. aus seiner Umgebung entfernt werden“ (§ 8 (1)).

Was folgt daraus für Vorschläge zum Umgang mit dem NS-Kriegsmal? Bei seinem heutigen Status ist zwar keine Denkmalschutzbehörde involviert, doch könnte eine (erneute) Prüfung zu einem Schutzstatus führen. Man kann argumentieren, dass an der Erhaltung des NS-Relikts aus wissenschaftlichen und heimatgeschichtlichen Gründen ein öffentliches Interesse besteht, es also ein Kulturdenkmal im Sinn des DSchG ist. (Umstritten sind künstlerische Gründe, s. „Kunst – Kitsch – Schund?“.) Deshalb empfiehlt sich, vor gravierenden Eingriffen die Denkmalschutzbehörden zu konsultieren. Dem Abschnitt „Was tun damit?“ vorgreifend betrifft dies Vorschläge aus den Kategorien „Technokratisch Hervorheben“ (z.B. Mit Glas verhüllen, Beleuchten), „Schamvoll Verdrängen“ (z.B. Versetzen), „Aufklärend Dekontextualisieren“ (z.B. Färben, Umkippen, Zerlegen). Vorschläge der Kategorie „Achtlos zerstören“ und andere irreversible Maßnahmen wie „Wegmeißeln des Gewehrs“ kämen erst in Frage, wenn es keinerlei Gründe mehr für ein öffentliches Interesse an der Erhaltung gäbe.

Fazit: Das NS-Kriegsmal ist ein derzeit nicht denkmalgeschütztes Kulturdenkmal. Einerseits darf denkmalschützerischer Eifer nicht die Erkenntnis verdrängen, dass NS-Kriegspropaganda sozial schädlich ist. Andererseits sollte antifaschistisches Engagement nicht darauf zielen, NS-Objekte zu zerstören, sondern faschistische Denk- und Machtstrukturen zurückzudrängen. Denkmalschutz und Antifaschismus sind zusammen zu bedenken. Auf der Agenda steht, das NS-Kriegerrelikt als Dokument der Zeitgeschichte zu dekontextualisieren und wirksam in einen aufklärenden Kontext einzubetten.

Kunst – Kitsch – Schund?

„Die Kunst [ist] eben kein Zeitvertreib für den Frieden, sondern auch eine scharfe geistige Waffe für den Krieg!“
Joseph Goebbels (1897–1945) zit. n. dem stellvertret. Direktor der Hochschule für Kirchen- und Schulmusik Berlin, Prof. Heinrich Martens, zit. n. [FiD88, S. 333]
Grund, Zweck, Nutzer: Das Argument, das NS-Kriegsdenkmal sei ein wertvolles Kunstwerk und als solches zu schützen, wird von keiner Seite vorgebracht. Gelegentlich erwähnt werden „wuchtige Ästhetik“, „militaristische Ästhetik“, das Denkmal sei „ganz im Sinne nationalsozialistischer Ästhetik geschaffen“ [IOGR, NS-Ehrenmal]. Unbelegt ist eine Diskussion darüber, was die behauptete „NS-Ästhetik“ charakterisieren könnte. Auch der Kategorie „Kitsch“ wird das Objekt kaum zugeordnet. Dagegen taucht die Kategorie „Nazi-Schund“ gelegentlich in Flugblättern und als Beschriftung des Denkmalsockels bei Farbaktionen auf (SM 21.04.2017).

Kommentar: Der Gebrauchswert des NS-Kriegsdenkmals als Kunstwerk ist so gering, dass es sich hier nicht lohnt, Fragen seines künstlerischen Werts, der Ästhetik der in Stein gemeißelten Brutalität, der Verschandelung des Stadtbilds usw. zu diskutieren. Allgemeines zur NS-Formensprache sei aus Sabine Behrenbecks Werk [Beh96, S. 432–436] zitiert: Die Kunstproduktion der NS-Zeit

„ist mit den herkömmlichen Stilbegriffen nicht recht zu erfassen. Sie ist nicht realistisch oder naturalistisch, schon gar nicht ‚sachlich‘, denn obschon stark an der Natur orientiert, wird doch keine individuelle Gestalt, sondern ein Idealtypus dargestellt, frei von allen Zufälligkeiten der Natur. Auch ist der Stil keineswegs expressiv oder gar expressionistisch, dennoch drückt die Darstellungsweise eindeutige Stimmungen und Gefühlswerte aus.

Schon die zeitgenössischen Kunstberichterstatter hatte [!] ihre Mühe mit der Charakterisierung des neuen, nationalsozialistischen Kunststiles. [...] Zu Recht wurde ‚das Fehlen eines sicheren ästhetischen Wertmaßstabes‘ noch1937 beklagt“ [S. 432].

Doch
„obwohl ein Stilbegriff fehlt, sind viele Kunstwerke aus dieser Zeit eindeutig zu identifizieren. Diese Zuordnungsmöglichkeit hängt sowohl mit der äußeren Form der Werke als auch mit dem unbewußt wahrgenommenen Inhalt bzw. Gehalt eines Baues oder einer Figur zusammen. [...] Kennt der Betrachter den ideologischen Kontext der Kunstwerke, so ist ihre symbolische Aussage in der ‚Sprache der Steine‘ verständlich. Sie allerdings in wissenschaftliche Termini zu fassen, fiel nicht nur den Kunsttheoretikern des NS-Regimes schwer.

Dennoch entwickelte man damals auch einige formale Kriterien, anhand derer man den künstlerischen Ausdruck der neuen Zeit erkennen könne. So enthalte sich der ‚werdende Stil‘ komplizierter und ornamentreicher Strukturen, verliere sich nicht im Vielteiligen und Unwesentlichen, sondern sei ‚einfach und elementar‘“ [S. 433].

„Formale Gestaltungselemente wurden – teilweise recht willkürlich – inhaltlichen Bedeutungen zugeordnet. Die nationalsozialistische Figurensprache bezeichnete man dementsprechend als ‚kämpferisch gespannten Stil‘. Goebbels hatte mit seiner Forderung einer ‚stählernen Romantik‘ aus der ‚heroischen Lebensauffassung‘ heraus in der Tat die künstlerische Wegrichtung vorgezeichnet. Die innere Haltung des heroischen Kämpfermutes und Opferwillens sollte an der Körperhaltung und der Oberflächengestaltung unmißverständlich ablesbar sein. Tatsächlich teilt sich diese ‚Haltung‘ als die emotionale Komponente zahlreicher Kunstwerke aus der Zeit des Nationalsozialismus auch dem heutigen Betrachter mit. Sie scheint ein zentrales Element zu sein, das die Zuordnung ermöglicht. Um ihr Ausdruck zu verleihen, bedienten sich die regimekonformen und risikoscheuen Künstler eines begrenzten Formenkanons mit wenigen bewährten Gestaltungsmöglichkeiten, was zu der formalen Einheitlichkeit in Plastik und Malerie beitrug. Die Redundanz der Formen betonte die Eindeutigkeit der Botschaft“ [S. 434].

„Die Kunst im Nationalsozialismus hatte nicht die Aufgabe, formal-ästhetische Probleme zu lösen, sondern ‚aus der Daseinsmitte des Volkes‘ heraus Sinnbilder zu schaffen. Aus diesem Grund machte es die Darstellungsweise eines nationalsozialistischen Kunsterzeugnisses dem Betrachter möglichst leicht, sowohl den dargestellten Gegenstand, aber auch den mit ihm versinnbildlichten Symbolwert zu erkennen. Optische Spannungen, eine komplizierte Struktur, ironische, hintergründige oder rätselhafte Details sind undenkbar in dieser glatten, eingängigen Darstellungsweise, die sich daran orientieren sollte, der ‚Allgemeinheit‘ zum ‚Ausdruck ihres Fühlens‘ zu verhelfen. Diese Rückführung der Formensprache auf den ‚kleinsten gemeinsamen Nenner‘ ging nicht das Risiko eines Mißverständnisses ein und opferte damit zugleich die Möglichkeit der vertieften Auseinandersetzung des Betrachters mit einem Kunstwerk, das für neue Deutungen offen wäre. Der Anspruch einer wertvollen und neuartigen ästhetischen Erfahrung, den die aus anderen Kontexten übernommenen Formen suggerierten, wurde nicht eingelöst. Im Gegenüber mit Werken der verfemten Moderne gleich welcher Stilrichtung wirkt die Kunst des ‚Dritten Reiches‘ oberflächlich, weil man sie – bei Kenntnis des ideologischen Deutungsangebotes – bereits auf den ersten Blick dekodieren kann. Sie gibt darüberhinaus nicht(s) zu denken und zu entdecken, sondern erschöpft sich in einem klar umgrenzten symbolischen Gehalt“ [S. 435].

„Die Untersuchung der nationalsozialistischen Symbolsprache hat gezeigt, daß die Auftraggeber den Kulträumen und Dekorationselementen bestimmte symbolische Auslegungen zuordneten mit der ausdrücklichen Absicht, die optische Wahrnehmung zu lenken. Die Rezeptionsvorgaben orientierten sich in erster Linie am Kultinhalt, den Heldenmythen, und erst sekundär an Rückgriffen auf einen historischen Formenkanon, denn man ging von einem ungebildeten Adressatenkreis aus und wollte keine belehrende Volksbildung betreiben. Das Hauptinteresse der Veranstalter lag auf der allgemeinverständlichen visuellen Darstellung symbolischer Aussagen. Dabei bediente man sich vorzugsweise traditioneller Gestaltungselemente und wies ihnen eigene Deutungsmuster zu. Es wurde kein zentrales Symbol neu erfunden, sondern man erweiterte bekannte, vielschichtige Zeichen um eine neue Bedeutung, die durch fortwährende Wiederholung die älteren überlagern sollte. Das Zusammenspiel vieler Symbole in einem aufwendig inszenierten ‚Gesamtkunstwerk‘ mit kultischem Charakter sollte den Forderungen der Machthaber an die Mitglieder der Volksgemeinschaft einen attraktiven Rahmen verschaffen und eine Atmosphäre erzeugen, in der jeder einzelne diesen Verhaltensnormen möglichst willig nachkommen würde“ [S. 436].

Robert S. Wistrich warnt vor der Verführungskraft der Nazi-Kunst:
„Die Architektur und Plastik [waren] dazu bestimmt [..], die Macht und Großartigkeit des Dritten Reiches widerzuspiegeln. Ihre symbolische Funktion und öffentliche Rolle als Vehikel einer »heroischen« Ideologie und des Willens zur Macht war für die Nazis von großer Bedeutung. Es sind die bildenden Künste [...], die uns am besten den Größenwahn, den Monumentalismus und Drang nach Vorherrschaft zeigen, die charakteristisch für das Reich Hitlers waren“ [Wis96, S. 19].

„Die Nazi-Kunst läßt sich jedoch nicht ausschließlich auf ihre propagandistischen Elemente reduzieren oder als primitive Werbung für das System abtun. [...] Letztlich trennte sich jedoch die nazistische »Ästhetik« von jeder sichtbaren Verankerung in Vernunft, Moral oder humanistischen Anschauungen. Ihre Kraft lag in ihrem Rückbezug auf eine explosive Mischung archaischer Mythen, irrationaler Wünsche und insbesondere moderner Ängste“ [ebd. S. 23].

„Die politisierte Ästhetik der Nazis war von einer fatalen Anziehungskraft, die eine hochzivilisierte Nation verführte und sie in den Abgrund der Unmenschlichkeit stieß. Der nazistische Mythos einer wiedergeborenen Nation, die nach Auslöschung der »Unreinheiten« in ihrer Mitte verlangte, enthält eine ernste Warnung an die Gegenwart“ [ebd. S. 160].

Ulrich Roloff-Momin, Präsident der Hochschule der Künste Berlin, folgert aus der Dokumentation [FiD88] in seinem Vorwort:
„Sicher kann das, was der Nationalsozialismus an ‚Kunst‘ hervorgebracht hat, kaum als solche gelten, es ist unbedeutendes, letzlich mißbrauchtes Mittelmaß, das schon ästhetischen Kategorien einer Bewertung nicht standhält“ [FiD88, S. 9].
Fazit: Nicht „Was wollte der Künstler damit sagen?“ ist die Frage, sondern „Was wollten die Nazis damit bezwecken?“. Daher passt das Artefakt in die Kategorie „NS-Propagandamittel“.
„Der NS produzierte keine Kunst, wie irrtümlich in öffentlichen Diskussionen und Publikationen noch behauptet wird, sondern Kult“ [Mün84, S. 152] zit. n. [Beh96, S. 211].
Den Kult der Kriegerhelden zum Zweck der Kriegsvorbereitung.

Fazit, Leitlinien, Ziele

Von den Gebrauchswerten „Nazikultstätte, Volkstrauerfeierort, Privattrauerplatz, Kulturdenkmal, Kunstwerk“ ist für Demokraten nur der Gebrauchswert „Kulturdenkmal der Zeitgeschichte und der kollektiven Erinnerung“ akzeptabel; der Gebrauchswert „Kultstätte für rechtsextreme Umtriebe“ ist nicht tolerabel, der Rest tolerabel, aber nicht akzeptabel. Zwischen „Wozu ist es nütze?“ und „Was tun damit?“ stellt sich die Frage „Wozu soll es künftig nütze sein?“. Um sie zu beantworten, seien Leitlinien aus dem Konzept „Erinnerung und Gedenken in Radolfzell“ des Kulturausschusses vom 20.10.2015 und Ziele dieser Webseite nebeneinander gestellt.
Leitlinien der Stadt Ziele dieser Webseite
Kommentieren und Erklären statt Verschweigen und Entfernen

Spuren verschiedener Zeitschichten im Stadtbild erhalten

Erkenntnis- und Erfahrungsgewinn erzeugen

Kindern und Jugendlichen Geschichte erfahrbar machen

Öffentlichen Diskurs über zeitgeschichtliches Erinnern und Gedenken lebendig halten

Kulturelles Erbe im täglichen Lebensumfeld der Bürger dauerhaft vermitteln

Das NS-Kriegsdenkmal nicht für menschen-, friedens- oder demokratiefeindliche Zwecke instrumentalisieren lassen

Es seines Gebrauchswerts als Kultobjekt, Aufmarsch- und Sammelplatz nazistischer, völkischer, militaristischer Gruppen nachhaltig entledigen

Für den Volkstrauertag kurzfristig einen anderen Zelebrationsort finden

Das NS-Kriegsdenkmal als Dokument der Zeitgeschichte dekontextualisieren und wirksam in einen aufklärenden Kontext einbetten

Den Luisenplatz mit dem NS-Kriegsdenkmal und den Tätertafeln grundlegend umgestalten

Ein neues Friedensmahnmal schaffen, das zivilisatorischen Zielen entspricht und für Gedenkfeiern nutzbar ist

Was tun damit?

„Die Zerstörung von Denkmälern stellt m.E. einen Versuch dar, Geschichte zu korrigieren, sich von früheren Einstellungen zu distanzieren, indem man ihre frühere Existenz einfach verleugnet.

Die alten Denkmäler mit den problematischen Inschriften einfach stehen zu lassen [...], ist ebenso eine fragwürdige Lösung: Es ist wie ein Augenverschließen vor einem Stück Ideologie, das in einer solchen Form immer noch wirksam sein kann und ein unseliges Anknüpfen an Traditionen ermöglicht, wie wir bei jungen Rechten oft merken.

Es gibt Versuche, ‚Gegendenkmäler‘ in der Nähe der alten zu errichten [...] Nötig und möglich wären aber aufklärende Tafeln neben den Denkmälern, auf denen etwas über den Zeitpunkt und die Umstände der Errichtung gesagt wird und wo u.U. eine weiterführende Problematisierung zum Heldengedenken angeregt wird“ [Sch99, S. 65].

„Was also tun? Einfach NS-Denkmäler im öffentlichen Raum stehen lassen? Nein, sagt Aleida Assmann. Eine Lösung sei vielmehr, sie zu historisieren: Zeugnisse vergangener Zeiten lassen sich durch Erklärungen oder Markierungen in einen neuen Kontext stellen. So behalten sie ihre erinnerungsgeschichtliche Relevanz, ohne dabei Gefahr zu laufen, überkommene Ideale aufs Neue zu bewerben“
[Bru18].

Wie soll man mit dem NS-Kriegsdenkmal und seinem Zubehör umgehen? Leicht gefragt, schwer zu klären. Antworten hängen davon ab, welchen Gebrauchswert man den Objekten zuerkennt und welche Ziele man verfolgt. Viele Vorschläge liegen vor; die meisten entspringen ernsthaften Bemühungen, sich kritisch mit der NS-Geschichte auseinanderzusetzen, außer auf apologetisches Bewahren der NS-Kultstätte zielende Vorschläge.

Radolfzell NS-Kriegsdenkmal 2018-04-21 K. Hug Seit 80 Jahren marschieren sie in Richtung Bodensee, ohne ihm einen Schritt näher zu kommen.

Nicht jeder, der den Status quo des NS-Kriegsdenkmals kritisiert, will es im Bodensee versenken, „wie ein Pharao ungeliebte Vorgänger ausmeißeln“, „wie Napoleon Burgen schleifen“, wie Heiner Geißler die Siegessäule in Berlin sprengen (ZDF Aspekte, 15.06.2012), oder das Abendland dem Untergang weihen. Die meisten Vorschläge zum Umgang mit dem NS-Relikt sind gut gemeint und deshalb respektvoll zu diskutieren und sorgfältig zu prüfen. Dabei sollte man nie vergessen, dass die Kontrollratsdirektive Nr. 30 vom 13. Mai 1946 forderte, die NS-Krieger als eines der Denkmäler,

„die darauf abzielen, die deutsche militärische Tradition zu bewahren und lebendig zu erhalten, den Militarismus wachzurufen oder die Erinnerung an die nationalsozialistische Partei aufrechtzuerhalten, oder ihrem Wesen nach in der Verherrlichung von kriegerischen Ereignissen bestehen [, ...] vollständig zu zerstören und zu beseitigen“.
Der politische Auftrag, die Direktive verspätet zu erfüllen, und die moralische Pflicht, NS-Kriegspropaganda aus öffentlichen Parks zu entfernen, treffen auf Vorschläge des Bewahrens und Erhaltens. Bevor man einen Vorschlag realisiert, sollte man bedenken, dass das NS-Kriegsmal zwar nicht denkmalgeschützt ist, aber werden könnte, und im Zweifelsfall die Denkmalschutzbehörden einbeziehen (s. Denkmalschutz).

Dieser Abschnitt ordnet Vorschläge in sieben Kategorien:

„Bewahren – Hervorheben – Verdrängen – Dekontextualisieren – Lagern – Beschädigen – Zerstören“.
Da sich die Kategorien kaum strikt gegeneinander abgrenzen lassen und bei manchen Vorschlägen Begründungen und Zwecksetzungen unklar bleiben, sind Zuordnungen manchmal schwer zu treffen. Solche Fälle werden nach „passt am besten“ entschieden. Belege werden gegeben, wenn sie nützliche Informationen liefern. Manche Vorschläge werden kurz zusammengefasst, manche ausführlich präsentiert nach dem Schema:
Vorschlag: was?
Realisiert: wo wann?
Grund: warum?
Zweck: wozu?
Vorgeschlagen: von wem wann?
Kommentar:
Fazit:
Auf den ersten Blick mag eine grobe Einteilung in „Stehen lassen“ und „Entfernen“ plausibel erscheinen. Ein zweiter Blick erkennt, dass es für beides sehr unterschiedliche Gründe und Zwecke gibt. So kommt „Stehen lassen“ in allen Kategorien außer „Lagern“ und „Zerstören“ vor. „Entfernen“ kann zu den Kategorien „Verdrängen“, „Dekontextualisieren“, „Lagern“, „Zerstören“ passen; es schließt nicht nur „Abbauen“ mit zeitweiligem Lagern oder endgültigem Beseitigen ein, sondern auch „Wiederaufbauen“ an anderen Orten, an denen man das Objekt verdrängen oder dekontextualisieren kann. Dies sei nach der Kategorienliste erläutert. Davor sei eine Skizze von Reinhart Koselleck zur Rezeptionsgeschichte von Kriegerdenkmalen zitiert und auf das Radolfzeller NS-Kriegsmal angewandt kommentiert.
Reinhart Koselleck [Kos94, S. 10] Kommentar
„Jede Selbstaussage eines Denkmals setzt Grenzen, innerhalb derer seine Rezeption freigegeben wird. Sie sind nicht beliebig ausdehnbar. Das NS-Kriegspropagandaobjekt setzt sehr enge Rezeptionsgrenzen.
Entweder kann die Botschaft eines Denkmals rituell wiederholt werden, oder das Denkmal wird – soweit möglich – umgewidmet, sonst gestürzt oder vergessen. Die Botschaft, heroisch in den nächsten Krieg zu ziehen, ist weder rituell noch anders wiederholbar. Seit 1945 wurde das Kriegsmal mindestens viermal umgewidmet – mit fragwürdigen Ergebnissen. Es zu stürzen oder zu vergessen widerspräche der Aufgabe, die NS-Geschichte kritisch aufzuarbeiten.
Die sinnlichen Spuren der Erinnerung, die ein Denkmal enthält, und die Wege seiner Rezeption laufen – früher oder später – auseinander. Was man am Volkstrauertag und bei Färbungs- und Verhüllungsaktionen beobachten kann.
Die Empfangsbereitschaft der Betrachter kann politisch – und religiös – aufgeladen bleiben oder verlöschen. Dann verliert das Denkmal seine Emphase. Die Empfangsbereitschaft von Neonazis bleibt aufgeladen. Die Kritikbereitschaft verlöscht nicht, das Kriegsmal behält seine umstrittene Emphase.
Zurück bleibt, aufgrund seiner Selbstaussage, die ästhetische Qualität des Denkmals. Und diese kann bekanntlich ihre ehedem vorgegebene politisch-soziale Herkunft überdauern. Die ästhetische Qualität des Kriegsmals kann weder ihre politisch-soziale Herkunft verleugnen noch ihre Rolle als Mittel der Kriegspropaganda.
Das einmal gefundene und sinnlich ausgeformte Motiv bleibt deshalb zitierbar. Der ›sterbende Gallier‹ taucht immer wieder auf, auch wenn die Gallier längst tot sind. Das Motiv des in den Krieg ziehenden Sturmtrupps ist nicht mehr zitierbar und taucht hoffentlich nie mehr auf, auch wenn noch Neonazis agieren.
Gewaltsam gestorben wird immer wieder aufs Neue, die Formen der Erinnerung bleiben begrenzt.“ Unbegrenzt ist der zivilisatorische Auftrag, dass nie wieder so gewaltsam gestorben wird wie unter dem Naziregime und im Zweiten Weltkrieg.

Apologetisch Bewahren

Diese Kategorie erfasst zwecks Vollständigkeit die bei Rechtsextremen beliebte Option, das NS-Kriegsdenkmal mit Zubehör unverändert als Treffpunkt reaktionärer Umtriebe zu erhalten. So freuen sich Aktivisten der Neonazipartei „Der III. Weg“ nach jeder Säuberungsaktion der Stadt „aus tiefsten Herzen, dass der Heldenstein wieder in neuem Glanz erstrahlt“, denn man müsse die „Stätte des Dankes an die schaffenden Ahnen, die mit ihrem selbstlosen Handeln ermöglichten, dass wir heute als Volk noch existieren“, „pflegen und bewahren“ (02.05.2017).

Keine demokratische Kraft plädiert für diese Option. Zwar gibt es Vorschläge, den Status quo zu erhalten, jedoch anders begründet und vorgeblich nicht auf den Erhalt der Nazikultstätte zielend. Solche Vorschläge erscheinen in anderen Kategorien.

Technokratisch Hervorheben

Den Vorschlägen dieser Kategorie ist gemein, dass sie das Denkmal mit technischen Mitteln betonen. Sie tun das nicht mit apologetischer Absicht, unbedingt die NS-Kultstätte aufzuwerten, sondern mit technokratischer Begeisterung dafür, Machbares zu machen, ohne nach Sinn und Zweck zu fragen.

Neugier und Experimentierfreude sind menschlich. Der Wunsch, innovative Techniken anzuwenden, ist nachvollziehbar und verständlich, bedarf aber kritischer Reflexion.

Mit Glas verhüllen
Beleuchten

Mit Glas verhüllen

Vorschlag: Das Denkmal wird durch eine Glaskonstruktion verhüllt oder überbaut, die ein- oder mehrfarbig gestaltet und beleuchtet sein kann.

Grund: „Vorkommnisse durch rechts- und linksextreme Gruppen“

Zweck: nicht dokumentiert

Vorgeschlagen: Der vom Arbeitskreis Erinnerung am 29.06.2017 diskutierte Vorschlag findet in der Kulturausschusssitzung am 17.10.2017 keine Mehrheit. Eine Erklärung dazu (KA WP 17.10.2017):

„Ich finde es jetzt schade, dass jetzt in der Vorlage eigentlich die falschen "Illustrationen des Glases" oder der Überbauung durch Glas ist, weil viele andere Variationen drin waren mit einem Glaszylinder und Glasstelen. Vielleicht hat das auch einige beeindruckt. Ich möchte doch, wenn man jetzt diese Glasgeschichte in Auftrag gibt, auch nochmals das, was schon im Arbeitskreis Erinnerungskultur herumging und als Vorschlag eingegangen wurde, nochmal mit mitberücksichtigt. Da gibt es andere Vorschläge wie Zylinder und dergleichen. Dass es nicht nur um die rote Farbe und die beleuchtete Geschichte geht, sondern dass man alle Möglichkeiten ausschöpft.“

Kommentar: Leider ist den vorliegenden Informationen keine Zwecksetzung zu entnehmen. Sie lassen nur darauf schließen, dass das Verhüllen oder Überbauen mit Glaszylindern oder -stelen technisch machbar ist. Daher ist ein technokratischer Ansatz zu vermuten. Eine Umhüllung des fünf Meter hohen Denkmals würde es als etwas besonders zu Beachtendes hervorheben und damit aufwerten.

Fazit: Der Sinn dieses Vorschlags erschließt sich nicht von selbst.

Beleuchten

Vorschlag: Eine auf das NS-Kriegsdenkmal ausgerichtete Schein­werferanlage wird permanent installiert, damit es bei Dunkelheit bestrahlt werden kann.

Realisiert beispielsweise in Pinneberg, dessen Stadtverwaltung das 1934 eingeweihte, 2017 für rund 58.000 Euro sanierte NS-Kriegsdenkmal um Weihnachten 2017 mit neuen Strahlern ins rechte Licht stellte, bis es sich im Januar 2018 nach Protesten ausstrahlte [Are18], [Hil18, S. 25].

Vorgeschlagen in Radolfzell als Teil der Glasverhüllung.

Kommentar: Die Illuminierung des NS-Kriegsdenkmals würde seine bei Tageslicht wirkende martialische Dominanz auch bei Dunkelheit betonen. Indem sie das NS-Relikt als bestrahlenswert aufwertet, trägt sie nicht zu Aufklärung, sondern zu Kriegsverherrlichung bei. Im Dunkeln bleiben Erinnerungen an Hass, Gewalt und Terror, Vertreibung, Vernichtung und Zerstörung, Not, Leid und Tod [Lib18, S. 7]. Zudem ist die sinnlose Beleuchtung als schädliche Lichtverschmutzung ökologisch intolerabel.

Fazit: Die Beleuchtungsidee sollte man schleunigst ausknipsen.

Sonstiges

Der Arbeitskreis Erinnerung diskutiert am 15.05.2018 den Vorschlag, „die ganze Anlage einzuhausen“. Unklar sind Details, Begründungen und Zwecksetzungen einer „Einhausung“ (KA BV 15.05.2018). Da sie vermutlich mit technischem Aufwand verbunden ist, sei der Vorschlag hier erwähnt.

Fazit zu „Technokratisch Hervorheben“

Aufklärende Wirkungen dieser Vorschläge scheinen verglichen mit verursachten Aufwänden bescheiden. Zu überlegen bleibt, ob nicht mit weniger technischer Effekthascherei mehr nachhaltige Aufklärung erreichbar ist.

Schamvoll Verdrängen

Nach dem Motto „Nicht grundsätzlich verändern, aber wandeln“ plädieren Vorschläge dieser Kategorie dafür, den Status quo des NS-Kriegsdenkmals samt Zubehör im Wesentlichen zu erhalten, nur Details behutsam zu modifizieren. Das NS-Relikt soll „stehen bleiben, weil es einfach zu unserer oft schwer erträglichen deutschen Geschichte gehört“. Doch soll der martialische Eindruck entschärft werden, der kriegerische Charakter seine Dominanz verlieren, das Bedrohliche in den Hintergrund treten, keine Angriffsflächen für „Verunglimpfung“ und „Verschandelung“ bieten, die ursprüngliche Intention verschwinden. Man will das kriegspropagandistische Unwesen des NS-Monuments wegzaubern, ohne es anzutasten, ohne es zu erklären.

Sich über Unangenehmes zu schämen und es verdrängen zu wollen sind menschliche Reaktionen, die unabhängig von politischen Anschauungen auftreten. Es leuchtet auch ein, dass Radolfzell seinen Touristen ungern hässlich braune Seiten zeigt und den Eindruck vermeiden will, es halte verbissen am Nazitum fest. So nachvollziehbar und verständlich die folgenden Vorschläge sind, so bedürfen sie doch kritischer Diskussion.

Verhüllen
Begrünen
Versetzen
Schieflegen – Versenken – Umdrehen – Aufenthaltsort – Texttafel Luise

Verhüllen

Vorschlag: Das NS-Kriegsdenkmal wird in eine Stoffbahn gewickelt und bleibt vier Stunden lang verhüllt.

Realisiert beim „Friedensfest“ am 08.05.2018.

Grund: Grund, Zweck und Sinn der Verhüllung sind während der Aktion unklar. Anscheinend stören die NS-Krieger das Konzept des „Friedensfests“.

Zweck: Man habe die dominierenden NS-Soldaten unsichtbar und die Platznamensgeberin sichtbar machen wollen. Erinnerungskultur: „Das Friedensfest solle auch dazu beitragen, dass Erinnerungen an die militärische Tradition verschwinden.“ (SK 08.05.2018)

Kommentar: Das Verhüllen der NS-Krieger erscheint als Versuch, Verhüllungsaktionen des Künstlerehepaars Christo und Jeanne-Claude zu plagiieren. Die beiden verhüllten Dosen, Flaschen, Stühle, Autos, Bäume, Brunnen, Denkmale, Stadtmauern, Türme, Häuser, Kunsthallen, Museen, Reichstage, Parkwege, Brücken, Täler, Küstenstreifen. Stets Dinge, deren Wert den Menschen durch die Verhüllung bewusst wurde und deren Enthüllung Freude auf den wieder gewonnenen Wert bereitete.

Dies trifft beim NS-Kriegsdenkmal nicht zu. Man verhüllt es, um es schamvoll zu verstecken. Das Verhüllen löst Freude aus, dass der NS-Schund verschwindet, das Enthüllen Bedauern, dass er wieder hervorkommt. Ging es Christo und Jeanne-Claude stets darum, etwas sichtbar zu machen, das man vorher übersehen hat, so geht es hier darum, etwas unsichtbar zu machen, das vorher unübersehbar war. Wurden von Christo und Jeanne-Claude verpackte Dinge durch den entzogenen Blick interessant, so soll das dem Blick entzogene NS-Stück durch die Verpackung uninteressant werden. So verballhornt das Verhüllungsplagiat Christos und Jeanne-Claudes Kunst in ein Feigenblatt.

Vielleicht wollten die Verhüllungsakteure gar keinen Bezug zu Christo und Jeanne-Claude herstellen? Kritische symbolische Kunstaktionen können durchaus aufklärend wirken [DISS12, S. 45]. Als Beispiele genannt seien

  • die Denkmalverhüllungen der Gruppe für eine Schweiz ohne Armee, die am Schweizer Nationalfeiertag 1. August 1989 traditionelle Kriegerdenkmale „in sanften Attacken mit Tüchern“ einhüllten, „um für die Abschaffung der Armee Propaganda zu machen“ [Kre94, S. 136–137],
  • die von einer pazifistischen Künstlertruppe initiierte Bestrickungsaktion von Bürgern, die 2013 einen Panzer des Typs Leopard I vor dem Militärhistorischen Museum der Bundeswehr in Dresden in eine kollektiv gestrickte bunte Wolljacke packten, um „ein Zeichen zu setzen gegen Krieg und Gewalt und für eine friedliche Gesellschaft“ [BW13].
Dagegen ist in Radolfzell unklar, wieso die Veranstalter die Leitlinien zur Erinnerungskultur der Stadt preisen, nach denen „Spuren verschiedener Zeitschichten sichtbar zu machen“ seien, aber die Spur der NS-Zeit in den Steinsoldaten just am Tag der Befreiung von Faschismus und Krieg verstecken, statt über dieses Propagandamittel für den geplanten Krieg aufzuklären.

Fazit: Die Veranstalter haben mit der gut gemeinten Verhüllung einen interessanten Versuch durchgeführt, der lehrt, dass ein Versteckspiel keine Aufklärungsarbeit ersetzt.

Begrünen

Vorschlag des Arbeitskreises Erinnerung vom 29.06.2017 und Prüfauftrag des Kulturausschusses vom 17.10.2017: „Grünbewuchs (Wilder Wein, Efeu, weiße Rosen) Das Denkmal wird von Pflanzen zugewachsen“. Einstimmiger Beschluss des Kulturausschusses am 15.05.2018, dem Gemeinderat zu empfehlen, die Abteilung Stadtgeschichte möge in die Planung 2019 aufnehmen: „Das Gefallenendenkmal und die Namenstafeln auf dem Luisenplatz werden begrünt.“

Die Abteilung Landschaft und Gewässer rät „von der kompletten Begrünung der Gedenkwand“ ab, sodass unklar ist, warum der Beschluss trotzdem die Tafeln erwähnt. Fürs NS-Kriegsdenkmal schlägt der Beschluss vier Begrünungsvarianten mit Vor- und Nachteilen vor:

  1. Wilder Wein als Kletterpflanze ist preiswert, ohne das Denkmal zu schädigen.
  2. Hohe weiße Strauchrosen (z.B. Sorte Friedenslicht®) um das Denkmal bringen es zum Verschwinden. Als nachteilig gelten die gestalterische Betonung des Denkmals, Eingriffe in Platanenwurzeln, Pflegeaufwand, Stützgerüste, Kosten.
  3. Immergrüne Schnittgehölze (z.B. Eiben) um das Denkmal lassen es teilweise im Gehölz verschwinden. Als nachteilig gelten die gestalterische Betonung des Denkmals und der Pflegeaufwand.
  4. Durch immergrüne Schnittgehölze auf der Gesamtfläche verschwindet das Denkmal teilweise im Gehölz. Als nachteilig gelten der Pflegeaufwand und erschwerte Sozialkontrollen und Veranstaltungen.
Diskussionsbeiträgen zufolge könne das Denkmal zuwachsen, ebenso die Tafelwand, die nur zum Volkstrauertag freizuschneiden sei und danach wieder zuwachsen könne. Der Grünwuchs solle dem martialischen Eindruck Einhalt gebieten. (KA BV 15.05.2018, KA WP 15.05.2018)

Am 06.11.2018 beauftragt der Kulturausschuss die Abteilung Stadtgeschichte, die Pflanzung von weißen Sophie-Scholl-Strauchrosen um das Gefallenendenkmal (ggfs. im Hochbeet) – ungeachtet ihrer Nachteile – in die Planung für 2019 aufzunehmen (KA BV 06.11.2018, KA WP 06.11.2018, s. auch Chronologie 06.11.2018). Siehe dazu die begleitende Seite Kommentare zur Rosenbepflanzung des Radolfzeller NS-Kriegsmals.

Realisiert bei Wachhäuschen und Mauer vor der ehemaligen SS-Kaserne.

Grund: „Vorkommnisse durch rechts- und linksextreme Gruppen“

Zweck: Da jede Begrünungsvariante den Vorteil bietet, dass das Denkmal zumindest teilweise verschwindet, scheint dies kein Nebeneffekt, sondern Hauptzweck des Begrünens zu sein. Andererseits wird behauptet, „operatives Ziel“ sei „eine weitere Sichtbarmachung der Geschichte des Luisenplatzes und Erläuterung des Gefallenendenkmals“. Das Begrünen sei „nicht als eine Art "Verstecken" des Denkmals unter Pflanzen zu verstehen [..]. Ganz im Gegenteil soll auch mit der Begrünung der Zweck einer Kommentierung verfolgt werden, indem dem Denkmal sein martialischer Ausdruck und seine ursprüngliche Intention genommen wird.“ „Eine weitere erläuternde Gestaltung des Luisenplatzes soll [ihm] auch seine politische Brisanz für das rechts- oder linksextreme Spektrum“ nehmen.

Kommentar zum Sprachgebrauch: Ein Kommentar zu einer Erscheinung steht üblicherweise neben ihr und verändert sie nicht, kann aber ihre Wahrnehmung verändern. In obigen Sätzen hingegen liefert die Erscheinung den Kommentar und die Gestaltung erläutert. Obwohl es fragwürdig erscheint, den Unterschied zwischen Kommentieren und Gestalten zu verwischen, wird dieser Sprachgebrauch im Folgenden hingenommen.
Kommentar: Das Begrünen des NS-Kriegsdenkmals und der Tätertafeln wirft viele Fragen auf: Will man über das NS-Relikt „Gras wachsen lassen“? Erledigt sich Erinnerungskulturarbeit im „Dornröschenschlaf“ (Lumbe 15.05.2018)?

Wieso ist „Begrünen“ kein „Verstecken“, wenn in der Beschlussvorlage zur Kulturausschusssitzung vom 15.05.2018, Anlage 1, ausdrücklich als Vorteil des Begrünens das Verschwinden des Denkmals steht und als Nachteil das Auftauchen im Winter (kein Laub)? Wie ist der Vorteil des Verschwindens des Denkmals unter Pflanzen mit dem „operativen Ziel“ der „Sichtbarmachung der Geschichte des Luisenplatzes und Erläuterung des Gefallenendenkmals“ vereinbar? Wie passt das Postulat „Erklären statt Verschweigen, Verdrängen, Verstecken, Verschwinden lassen, Entfernen, Vergessen“ (Tracik 16./17.05.2018) zum Verschwindenlassen durch Begrünung? Wie passt das Verschwindenlassen zum Aufwerten des Denkmals durch edle Pflanzen?

Welcher „Erkenntnis- und Erfahrungsgewinn“ (Erinnerungskulturleitlinie 3) soll mit dem Begrünen verbunden sein? Wenn der Zweck einer Kommentierung des Denkmals verfolgt wird, indem ihm „sein martialischer Ausdruck und seine ursprüngliche Intention genommen wird“, warum soll das durch Begrünen geschehen und nicht durch Färben? Denn auch bunte Färbungen kommentieren das Denkmal, nehmen ihm „seinen martialischen Ausdruck und seine ursprüngliche Intention“, wie mehrfach bewiesen (21./22.01.2017, 14./15.01.2018).

Worin bestehen „der martialische Ausdruck und die ursprüngliche Intention“ des NS-Kriegsdenkmals? An welchen Elementen lassen sie sich festmachen? Aus welchen Gründen, mit welcher Intention, zu welchen Zwecken wurde das Denkmal mit einem „martialischen Ausdruck“ versehen? Wer war dafür verantwortlich? Warum sollen Antworten auf diese Fragen nicht Teil eines öffentlichen Kommentars zum Denkmal sein?

Aus welchen Gründen sollen dem Denkmal „sein martialischer Ausdruck und seine ursprüngliche Intention“ genommen werden? Soll man analog NS-Liedertexte umdichten, um ihnen ihren „martialischen Ausdruck“ und ihre „ursprüngliche Intention“ zu nehmen? Warum soll der übers ganze Jahr verdrängte „martialische Eindruck“ ausgerechnet für den Volkstrauertag durch Freischneiden wieder herausgestellt werden? Solche Fragen werden immer wieder aufkommen, solang die NS-Krieger am Luisenplatz marschieren und keine widerspruchsfreien, nachvollziehbaren, überzeugenden Antworten vorliegen.

Was Begrünen real bewirkt, zeigt sich an den Wachhäuschen und der Mauer vor dem Stabsgebäude der ehemaligen SS-Kaserne. Sie sind zur Unkenntlichkeit überwuchert. Von der Gedenkstätte aus gesehen verschwindet der SS-Kasernenbau hinter einer grünen Wand, vom RIZ aus gesehen ist die Gedenkstätte hinter Grünzeug versteckt. Eine „Spur“ der NS-„Zeitschicht“ ist verwischt, statt sie „sichtbar zu machen“, wie Erinnerungskulturleitlinie 2 fordert.

Wie wahrscheinlich ist es, dass Neonazis und Antifaschisten das gepflegt überwucherte NS-Kriegsdenkmal nicht mehr als NS-Kriegsdenkmal erkennen? Dass Neonazis auf Aufmärsche, Antifaschisten auf Mahnungen verzichten? Ein NS-Kriegspropagandaobjekt bleibt ein NS-Kriegspropagandaobjekt, selbst wenn es Friedenslichter® zurankeln. Kann der Wunsch des Oberbürgermeisters, „einem Aufmarsch keinen Platz [zu] bieten“, so Wirklichkeit werden? Wohl kaum, im Gegenteil: Ein Grünbewuchs böte Neonazis regelmäßig Anlass, Rückschnittaktionen analog zu den Farbkleckssäuberungsaktionen anzudrohen.

Anstatt über den kriegspropagandistischen Zweck des NS-Relikts aufzuklären, schämt man sich seiner, man will es verdecken, verstecken. Man will es stehen, aber nicht sehen lassen. Man konzediert, dass sein ehemaliger Gebrauchswert im öffentlichen Raum nicht mehr tolerabel ist und will ihn trotzdem erhalten.

Fazit: Das gut gemeinte Begrünen ist das gärtnerische Pendant zum künstlerischen Verhüllen, ein Ausdruck von Scham- und Verdrängungskultur. Feigenblätter sollen das Denkmal, dessen man sich schämt, verstecken. Man will ihm seine kriegspropagandistische Intention nehmen, indem man sie unter Laub verbirgt, vertuscht. So lässt man sie unterschwellig weiter wirken. Zudem unterbietet der Vorschlag die bescheidenen Erinnerungskulturleitlinien.

Radolfzell NS-Kriegsdenkmal Jungbaum 2018-09-11 K. Hug Einer der beiden Jungbäume an der Fürstenbergstraße, die das NS-Relikt von außen verdecken.

Radolfzell Luisenplatz von der Stadtmauer aus 2018-09-11 K. Hug Luisenplatz mit Platane von einer Caféterrasse über dem Stadtgarten aus betrachtet: Das Kriegerdenkmal wird sich in wenigen Jahren hinter Laubwerk der Jungbäume Blicken entziehen.

Versetzen

Vorschlag: Prüfauftrag des Kulturausschusses vom 17.10.2017: „Versetzung der Figuren an einen anderen Standort innerhalb des Luisenplatzes“. Beschluss des Kulturausschusses am 15.05.2018, dem Gemeinderat zu empfehlen, die Abteilung Stadtgeschichte möge in die Planung 2019 aufnehmen: „Das Gefallenendenkmal wird an einen anderen Standort auf dem Luisenplatz versetzt.“

Die Abteilung Landschaft und Gewässer meldet, dass das Versetzen des Denkmals an einen anderen Standort auf dem Luisenplatz statisch begleitet werden muss, ggf. die Statik der Außenmauer vorab geprüft werden muss, Schädigungen des Wurzel- und Kronenbereichs der Platane zu erwarten sind, und die Voruntersuchungen und Maßnahmen einen fünfstelligen Betrag kosten werden. Trotzdem stimmt der Kulturausschuss einstimmig für diesen Prüfauftrag. (KA BV 15.05.2018, KA WP 15.05.2018)

Nachdem Kurzgutachten eines Ingenieurbüros für Tragwerksplanung und eines Steinhandwerkers das Versetzen als aufwendig, kostenintensiv und das Denkmal und die Platane schädigend beurteilen, lehnt der Kulturausschuss das Versetzen am 06.11.2018 einstimmig ab (KA BV 06.11.2018, KA WP 06.11.2018).

Grund: „Vorkommnisse durch rechts- und linksextreme Gruppen“

Zweck: „Operatives Ziel“ sei „eine weitere Sichtbarmachung der Geschichte des Luisenplatzes und Erläuterung des Gefallenendenkmals“. „Eine weitere erläuternde Gestaltung des Luisenplatzes soll [ihm] auch seine politische Brisanz für das rechts- oder linksextreme Spektrum“ nehmen. Einem Diskussionsbeitrag zufolge könne man „das Denkmal links an das Ende der Tafel versetzen, damit ein parkähnlicher Zustand entstehe“.

Kommentar: Ein NS-Kriegspropagandaobjekt bleibt ein NS-Kriegspropagandaobjekt, selbst wenn man es vom Sockel herunterholt, ein paar Meter versetzt und in der Ecke auf eine bodengleiche Plattform stellt. Das Versetzen des NS-Kriegsdenkmals wirft viele Fragen auf:

Wie ist das Versetzen mit dem „operativen Ziel“ der „Sichtbarmachung der Geschichte des Luisenplatzes und Erläuterung des Gefallenendenkmals“ vereinbar? Wie passt das löbliche Motto „Erklären statt Verschweigen, Verdrängen, Verstecken, Verschwinden lassen, Entfernen, Vergessen“ (Tracik 16./17.05.2018) zum Versetzen? Was erklärt das Versetzen? Wie erklärt man, dass das Versetzen des Denkmals keine lächerliche, sinnlose, zerstörerische, teure Maßnahme ist?

Welcher „Erkenntnis- und Erfahrungsgewinn“ (Erinnerungskulturleitlinie 3) soll mit der Versetzung verbunden sein? Wenn der Zweck einer Kommentierung des Denkmals verfolgt wird, warum soll das durch Versetzen geschehen und nicht durch effektivere Maßnahmen?

Wie wahrscheinlich ist es, dass Neonazis und Antifaschisten das versetzte NS-Kriegsdenkmal nicht mehr als NS-Kriegsdenkmal erkennen? Dass Neonazis auf Aufmärsche, Antifaschisten auf Mahnungen verzichten? Kann der Wunsch des Oberbürgermeisters, „einem Aufmarsch keinen Platz [zu] bieten“, so Wirklichkeit werden? Eher nicht, denn ob sich Rechtsextreme hier oder ein paar Meter weiter sammeln, ist belanglos.

Das versetzte Denkmal bleibt zwar als Anschauungsmaterial zur NS-Zeit erhalten, wird aber nicht nachhaltig dekontextualisiert, sodass der Luisenplatz nazistischer Wallfahrtsort und Sammelplatz bleiben kann. Daher wirkt dieser Vorschlag eher als Scheinlösung, die kein aufklärerisches Ziel erreicht, aber Aufwand und Kosten verursacht und letztlich nur dazu dient, dass die Verantwortlichen sich schulterklopfend bestätigen: Wir tun etwas. Der Kulturausschuss scheint zu halbherzigen Maßnahmen bereit, die keine Probleme lösen. Oder geht es darum, Fördermittel abzugreifen und in blindem Aktionismus zu verbraten? (SK 08.05.2018)

Fazit: Das gut gemeinte Versetzen ist ein Ausdruck von Hilf- und Mutlosigkeit gegenüber dem Problem, das NS-Relikt als Magnet rechtsextremer Umtriebe nachhaltig zu entwerten. Man will ihm seine kriegspropagandistische Intention nehmen, indem man seine räumliche Lage verändert. Doch dort wirkt sie offen weiter. Dabei ignoriert der Vorschlag die dürftigen Erinnerungskulturleitlinien.

Sonstiges

Aufgrund von „Vorkommnissen durch rechts- und linksextreme Gruppen“ diskutieren der Arbeitskreis Erinnerung und der Kulturausschuss am 29.06.2017 bzw. 17.10.2017 später nicht weiter verfolgte Vorschläge mit teils unklaren Details und Zwecksetzungen (KA BV 17.10.2017, KA WP 17.10.2017). Als kosmetische Ablenkungsmanöver lassen sie sich gut hier kategorisieren:
  • Schieflegen: „Die Soldaten werden in ihrer Achse verschoben und sollen damit "schief" dastehen, was ihnen die Bedrohlichkeit nehmen soll.“

    Ein NS-Kriegspropagandaobjekt bleibt ein NS-Kriegspropagandaobjekt, selbst wenn es schief dasteht. Das gut gemeinte Symbol ist zu schwach, um aufklärend zu wirken. Konsequent weiter gedacht verlieren die Soldaten ihre Bedrohlichkeit erst, wenn man sie umlegt, d.h. umkippt, siehe Umkippen.

  • Versenken: Die Figuren sollen ganz oder teilweise „im Boden verschwinden, was ihnen die Höhe und damit Bedrohlichkeit nehmen soll“.

    Ein NS-Kriegspropagandaobjekt bleibt ein NS-Kriegspropagandaobjekt, selbst wenn man es ein Stück in den Boden versenkt.

  • Umdrehen: „Die Figuren werden umgedreht und laufen auf die Totentafel zu.“

    Ein NS-Kriegspropagandaobjekt bleibt ein NS-Kriegspropagandaobjekt, selbst wenn man es horizontal dreht. Das gut gemeinte Symbol für „Weglaufen“ ist keins: Die Nazis planten weit über die Tafelwand hinaus, sie führten in alle Himmelsrichtungen Angriffskriege. Wohin man die Steinsoldaten auch dreht und wendet, stets marschieren sie in Richtung „Feind“.

  • Aufenthaltsort schaffen: Der Ort sei zu entschärfen, Spielgeräte und Bänke sollen seine Aufenthaltsqualität erhöhen, wodurch er interessant gestaltet und belebt werden soll.

    Ein NS-Kriegspropagandaobjekt bleibt ein NS-Kriegspropagandaobjekt, selbst wenn man es mit Spielgeräten und Bänken umgibt. Wer will Kinder an den Anblick des NS-Monsters gewöhnen und sich länger als nötig dort aufhalten?

  • Texttafel zu Luise von Baden aufstellen: „Eine Erläuterungstafel zur Großherzogin soll den Namen des Platzes erläutern.“

    Ein NS-Kriegspropagandaobjekt bleibt ein NS-Kriegspropagandaobjekt, selbst wenn daneben Informationen zu Luise stehen. Nebenbei: Was hat sie mit dem NS-Relikt zu tun? Hat sie die Nazis gefördert oder für Frieden und Demokratie gekämpft? Nein. Luises Tafel soll davon ablenken, was 1933–1945 auf diesem Platz geschah.

    Wie die Stadt Luise schätzt, zeigt sich daran, dass weder die „Luisenplatz“-Schilder noch der offizielle Webauftritt der Stadt irgendeine Information über Luise bieten. Die Stadtchronik [Rad17] erwähnt zu Luise, dass sie den badischen Frauenverein protegiert (S. 197) und zeigt sie auf einem undatierten Gruppenfoto „im Sessel sitzend bei einem Besuch im Lazarett“ (S. 213), freilich ohne dass diese Beiträge zur Entwicklung Radolfzells eine Spur im Personenregister hinterlassen.

Mit den Kurzgutachten eines Ingenieurbüros für Tragwerksplanung und eines Steinhandwerkers, die dazu führen, dass der Kulturausschuss das Versetzen einstimmig ablehnt, erledigen sich auch Schieflegen, Versenken und Umdrehen (KA BV 06.11.2018, KA WP 06.11.2018).

Fazit zu „Schamvoll Verdrängen“

Ob unverhüllt, verhüllt, begrünt, berost – stets wird beschwört, das NS-Relikt möge ein vom Krieg abschreckendes Friedensmahnmal sein. Doch vorzutäuschen, es sei kein Kriegspropagandamittel, oder davon abzulenken, dass es eines ist, dient keiner Erinnerung. Erinnerungskultur darf nicht zu Verdrängungs- und Ablenkungskultur verkommen. Zwei Leitlinien können dabei helfen:
  • Nichts verschleiern: Soldaten zu Friedensengeln modeln? Waren Gestapo-, SA-, SS-Schergen nicht bedrohlich, wenn sie Menschen aufgriffen, verhörten, quälten? Alle Versuche, das Naziregime, seine Ursachen und Wirkungen, seine Ideologie und Artefakte, seine Täter und Taten, seine Verbrechen, Kriege, Misshandlungen und Massenmorde zu verschweigen, vertuschen, vernebeln, sind abzulehnen. Dies betrifft auch das Verpacken, Zuwuchern lassen, Verschieben und Verdrehen des NS-Kriegsdenkmals. Zudem verschmiert derlei Verschleierungskosmetik die Forderung, den Dokumentations- und Anschauungswert des Unkulturdenkmals zu betonen.
  • Nichts relativieren: Ebenso abzulehnen sind alle Versuche, das Naziregime zu verbrämen, zu relativieren und die historische Verantwortung abzuwälzen: Niemand war dabei, keiner hat’s gewusst [Wol89], es war nicht so schlimm, nur ein Vogelschiss, es war nicht alles schlecht, auch Andere haben usw. usf. Dies betrifft auch Mutationsketten wie „Helden / Söhne der Stadt / Opfer der Gewaltherrschaft“ und „Erster Weltkrieg / Zweiter Weltkrieg / alle Kriege“.

Aufklärend Dekontextualisieren

„Die aus den Nachkriegszeiten überlieferten Kriegerdenkmale sind Zeugen einer gemeinsamen Vergangenheit, sind Anschauungsmaterial und Warnung zugleich. Sie bestimmen noch immer das kulturelle öffentliche Gedächtnis, aber ihr Vorhandensein ist kein Urteil, das die Geschichte (oder die Denkmalpflege) über uns verhängt hätte. Der aktive Umgang mit den alten Gedenkzeichen kann die ursprüngliche Aussage der Denkmale verändern und Gegenentwürfe hervorbringen. So kann das Nebeneinander von alternativen Denkmal-Aussagen – weit mehr als die Tabuisierung oder Demontage der unerwünschten – eine kritische Auseinandersetzung mit dem Krieg fördern. Wenn öffentlich sichtbar wird, daß man über den „Sinn“ des Krieges geteilter Meinung sein kann, ist die oft unfriedliche Wirkung der alten Ehrenmale gebrochen und der Anspruch auf ein verbindliches Geschichtsbild zweifelhaft geworden“ [Beh92, S. 363–364].
Offenbar konfligieren die aus der offiziellen Erinnerungskultur verdrängte Kontrollratsdirektive Nr. 30, das NS-Relikt „vollständig zu zerstören und zu beseitigen“, der politische Auftrag, die Direktive verspätet zu erfüllen, und die moralische Pflicht, NS-Kriegspropaganda aus öffentlichen Parks zu entfernen, mit dem denkmalschützerischen Ziel, „Zeugnisse der Zeitgeschichte“ zu erhalten. Aleida Assmann zeigt einen Weg, diesen Konflikt zu lösen: NS-Denkmale seien zu „historisieren“ und „durch Erklärungen oder Markierungen in einen neuen Kontext“ zu stellen, sodass „sie ihre erinnerungsgeschichtliche Relevanz“ behalten, ohne die NS-Ideologie zu fördern [Bru18, Aleida Assmann paraphrasierend]. Diese Kategorie sammelt konkrete Vorschläge, das NS-Kriegsdenkmal zu dekontextualisieren und wirksam in einen aufklärenden Kontext einzubetten.
Sachverständige anhören
Tradierte ritualisierte Feiern verlegen
Informationstafeln installieren
Friedensfahnen aufstellen
Färben
Färbungsaktionen veranstalten
Umkippen
Zerlegen + Umkippen + Verteilen
Mauerwerk erhalten und NS-Platzarchitektur erläutern
Namenstafeln umsiedeln
Tafelwand zu Informationswand umgestalten
Platz umbenennen
Platane benennen
In Hochkunstwerk veredeln
Gegendenkmal errichten
In Museum verlagern
Ideenwettbewerb zur kompletten Umgestaltung durchführen
Eine offizielle Entweihung des NS-Kriegsdenkmals, die die SS-Weihung von 1938 annulliert, wäre ein symbolischer Akt der Dekontextualisierung, der sich leicht vollziehen ließe. Unklar ist, warum die Gremien diesen preiswerten Vorschlag ignorieren, während sie Vorschläge beschließen, die fünfstellige Beträge kosten.

Sachverständige anhören

Vorschlag: Die Stadt lädt Sachverständige zu einer öffentlichen Anhörung, in der diese ihre Erkenntnisse über die Entwicklung des NS-Kriegsdenkmalensembles mündlich und schriftlich erläutern und die öffentliche Debatte um seine künftige Nutzung versachlichen. Die Stadt publiziert die schriftlichen Beiträge zur Anhörung dauerhaft in ihrem Webauftritt.

Realisiert in Pinneberg am 8. Mai 2018: Auf Beschluss der Ratsversammlung organisierte eine Arbeitsgruppe eine „Öffentliche Anhörung der Sachverständigen zur Umgestaltung des Denkmals am Bahnhof“ mit dem Titel „So nicht, aber wie?“, an der Prof. Dr. Loretana de Libero, Historikerin an der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg-Blankenese und der Universität Potsdam, Wolfgang J. Domeyer, Leiter des VHS-Landesverbands Schleswig-Holstein und Aktiver der VHS-Geschichtswerkstatt, und Pastor i.R. Ulrich Hentschel, ehemaliger Studienleiter für Erinnerungskultur an der Evangelischen Akademie der Nordkirche, teilnahmen. Die Ergebnisse sind unter denk-mal-gegen-krieg.de/kriegerdenkmaeler/schleswig-holstein-p-r (→ Pinneberg) publiziert.

Grund: Informationen zum Radolfzeller NS-Kriegsdenkmalensemble sind auf viele Stellen verteilt. Unter den wenigen Veröffentlichungen, die sich ausführlich mit ihm befassen, ist die Webseite radolfzell-ns-geschichte.von-unten.org/ns-ehrenmal die informativste. Publikationen der Stadt zu ihrem „Gefallenendenkmal“ sind ausbaubar, insbesondere in ihrem Webauftritt. Eine umfassende, kritische Aufarbeitung der Geschichte des Ensembles ist eine Voraussetzung für die Debatte über den künftigen Umgang damit.

Die fünfte Leitlinie des Radolfzeller Erinnerungskulturkonzepts lautet:

„Insbesondere bei kritischen Sachverhalten werden Expertisen von WissenschaftlerInnen als unabhängige Meinung hinzugezogen.“
Da die Debatte zum NS-Kriegsdenkmalensemble seit zwei Jahrzehnten anhält, ohne dass sich ein nachhaltiger Kompromiss abzeichnet, handelt es sich zweifellos um einen „kritischen Sachverhalt“. Doch die Stadt hat bisher „Expertisen von WissenschaftlerInnen als unabhängige Meinung“ kaum hinzugezogen. Soll ihre Erinnerungskulturarbeit glaubwürdig sein, so darf sie ihre eigenen Leitlinien nicht ignorieren. Ein weiterer Satz, der vom Entwurf des Erinnerungskonzepts nicht in die beschlossene Fassung gelangte, bleibt beachtenswert:
„Die Wissenschaft hat dabei die Aufgabe die Ergebnisse der Beschäftigung mit der Vergangenheit und ihre Schlüsse daraus nachvollziehbar nach Kriterien der Wissenschaftlichkeit (u.a. Wahrheit und Vollständigkeit) darzulegen.“
Der Vorschlag „Abriss des Mahnmals und Ausschreibung eines künstlerischen Wettbewerbs mit dem Auftrag, etwas zu entwerfen als "Mahnung zum Frieden"“ verfehlte in der Kulturausschusssitzung am 15. Mai 2018 mit sechs Ja- gegen sechs Nein-Stimmen die Mehrheit nur knapp (KA WP 15.05.2018). Die zum begrüßenswerten zweiten Teil dieses Vorschlags zur Umgestaltung des Denkmalensembles formulierten Begründungen und Zwecksetzungen sind erweiterbar (siehe Vorschlag Ideenwettbewerb zur kompletten Umgestaltung durchführen). Es fehlt die wichtige Grundlage wissenschaftlich aufbereiteter Informationen, auf der die Radolfzeller Erinnerungskulturarbeiter zielgerichtet diskutieren können, warum sie was und wozu sie wohin mit dem Denkmalensemble wollen.

Zweck: Die Sachverständigenanhörung soll dazu beitragen, für die Debatte zum Umgang mit dem NS-Kriegsdenkmalensemble eine wissenschaftliche Grundlage zu schaffen, Erfahrungen von Erinnerungskulturarbeiten anderer Städte mit vergleichbaren NS-Relikten einzubringen, die Debatte zu versachlichen und anzuregen, und für die Diskussion von Gestaltungsvorschlägen Argumente für Begründungen und Zwecksetzungen bereitzustellen.

Kommentar: Sachverständige muss man nicht aus Norddeutschland einfliegen. Wissenschaftlicher und erinnerungskultureller Sachverstand sind in der Universität Konstanz und in ganz Baden-Württemberg vorhanden.

Fazit: Was Pinneberg kann, sollte auch Radolfzell können.

Tradierte ritualisierte Feiern verlegen

„Wer hinter Nazifahnen herläuft, der ist auch ein Stück weit ein Nazi. Da beißt die Maus keinen Faden ab. Das müssen wir immer wieder in der Diskussion ganz deutlich sagen.“
Annegret Kramp-Karrenbauer, CDU-Generalsekretärin, zum Abschluss des Deutschlandtags der Jungen Union am 06.10.2018 in Kiel (SK 08.10.2018, S. 2)
Vorschlag: Im April 2010 äußert der Radolfzeller Filmemacher Günter Köhler, er habe sich schon vor zehn Jahren aufgeregt, als der Volkstrauertag unter dem von der SS „geweihten“ Kriegerdenkmal abgehalten wurde (SM 14.04.2010). Im Juni 2010 stellt Oberbürgermeister Dr. Jörg Schmidt fest, „dass es kein »weiter so« am Kriegerdenkmal geben dürfe und könne“ und eine Gemeinderatsmehrheit will die Gedenkfeier am Volkstrauertag nicht mehr am Nazi-Symbol abhalten (WB 23.06.2010, SK 24.06.2010). Im Mai 2018 hält Stadträtin Nina Breimaier „es nicht mehr für vertretbar, die Feier am Volkstrauertag auf diesem Platz in dieser Konstellation abzuhalten“ und Oberbürgermeister Martin Staab versichert, die Anregung, „den Volkstrauertag in einem anderen Rahmen (neuer Ort oder neue Form) abzuhalten, mitzunehmen“ (KA WP 15.05.2018). Die Forderung, die Nutzung von NS-Kriegsdenkmalen für ritualisierte Feiern zu beenden, wird vielerorts erhoben, trifft auf traditionsbefangenes Beharrungsvermögen und führt zu teils heftigen öffentlichen Debatten [DISS12, S. 42].

Realisiert beispielsweise in Engen, wo die Gedenkfeier am Volkstrauertag seit 2009 nicht mehr am NS-Kriegsdenkmal von 1936 stattfindet, sondern beim neuen „Friedenszeichen“ auf dem Friedhof [Bla14, S. 246]. Und in Furtwangen, das sie seit der Nachkriegszeit nicht am NS-Kriegsdenkmal von 1937, sondern auf dem Friedhof durchführt [Kai12, S. 86].

Grund: Feiern an NS-Relikten sind für einen demokratischen Rechtsstaat, der sich als zivilisatorische Antithese zum Naziregime legitimiert, untragbar. Unreflektierte Traditionspflege mit Totengedenkritualen läuft Gefahr, den Trennstrich zu rechtsextremen Bräuchen zu verwischen.

Zweck: Gedenkfeiern so gestalten, dass sie den Werten Frieden, Freiheit, Demokratie entsprechen. Einen deutlichen Trennstrich zu nazistischen, militaristischen, völkischen Traditionen ziehen.

Kommentar und Fazit: Was Engen und Furtwangen können, sollte auch Radolfzell möglich sein.

Informationstafeln installieren

Zwei Vorschläge zum „operativen Ziel“ der „Erläuterung des Gefallenendenkmals“ wurden realisiert: 2001 die transparente Textstele zu den Vorbereitungen für den Krieg und den Holocaust, 2014 die fünf Glas-Informationstafeln zur Entstehung des Denkmals. Neben Zustimmung gibt es unterschiedliche Kritik und Änderungswünsche:
  • Gescheitert: Das städtische Luisenplatzkonzept „sei komplett gescheitert“. Die Stele und die Informationstafeln seien vielleicht „zu rational oder intellektuell“. „Heute sei man an einer emotionalen Wendung“, meint Norbert Lumbe in der Kulturausschusssitzung am 15.05.2018. (KA WP 15.05.2018)
  • Kompliziert, lang, schwer verständlich: Die erklärenden Texte seien zu kompliziert und zu lang. Vor die Soldaten sei einfach ein großes plakatives Schild mit „Nie wieder Krieg“ anzubringen, ohne das „Zeitdokument“ von 1938 zu beeinträchtigen.

    Förderlich seien Erklärungen in „leichter Sprache“, die die Tafeln „in leicht verständlicher Weise“ ergänzen (KA BV 17.10.2017).

  • Unleserlich: Die Texte und Fotos sind informativ und verständlich, aber optisch fast unleserlich, weil das Glas spiegelt und der Hintergrund aus Efeu unruhig ist. Das schreckt ab, statt zum Lesen zu ermuntern. Eine einfache Aufgabe steht seit Jahren an: Die Informationstafeln leserlich gestalten!
Kommentar: Aufklärung beruht auf Informationen. Text und Bild sind unverzichtbare Mittel aufklärender Dekontextualisierung. Die realisierten Maßnahmen sind wichtige Schritte in die richtige Richtung. Sie als gescheitert einzuschätzen hieße, das Kind mit dem Bad auszuschütten.

Die Informationen zu reduzieren wäre ein Rückschritt. Historische Hintergründe lassen sich nicht auf (zwar richtige, aber kurze) Parolen reduzieren. Fakten darzustellen und Zusammenhänge zu erläutern erfordert Platz. Freilich dürfen die Verfasser nicht versäumen, die Inhalte didaktisch gut aufzubereiten.

Unleserliches kann man nicht lesen, egal ob es kompliziert oder einfach, lang oder kurz, schwer oder leicht verständlich ist. Leserliches kann man lesen; wem es zu kompliziert, zu lang, zu schwer ist, gibt auf, die anderen lesen es. Wem nützen unleserliche Informationstafeln? Wer will sie so haben? Was haben der Arbeitskreis Erinnerung und der Kulturausschuss seit 2014 getan, um die Leserlichkeit der Informationen zu verbessern? Was wollen sie wann dafür tun? Welche Aufwände und Kosten erfordert das?

Möglicherweise resultiert das Unleserlichkeitsproblem aus dem Ansatz, eine „in sich stimmige Komposition der Einzelteile“ zu bewahren, indem man sie dezent mit transparenten, kaum wahrnehmbaren Tafeln garniert, die den „Kunstgenuss“ der „Primärwerke“ nicht beeinträchtigen. Solche Behutsamkeit ist vielen anderen Bau- und Naturdenkmalen zu wünschen, bei denen eine gedankenlos davor platzierte hässliche Informationstafel den Anblick stört. Aber nicht dem NS-Relikt!

Fazit: Um das NS-Kriegsdenkmal wirkungsvoll zu dekontextualisieren, bedarf es nicht weniger, sondern mehr aussagekräftiger Informationen in Text und Bild in leserlicher Form. Ein künstlerischer Ansatz dazu sollte die Form der Funktion unterordnen, statt die Funktion der Form zu opfern.

Friedensfahnen aufstellen

Vorschlag: Kindergartenkinder und Schüler gestalten „Friedensfahnen“, die auf der Grünfläche vor dem NS-Kriegsdenkmal temporär installiert werden.

Realisiert zur „Kulturnacht“ am 02.10.2016 und beim „Friedensfest“ am 08.05.2018.

Grund: Kinder und Jugendliche in die Erinnerungskultur einbeziehen

Zweck: Die Fahnen sollen den NS-Kultort in einen „Platz des Friedens“ verwandeln.

Kommentar: Enthält das Befahnen Atome der Verdrängung und Ablenkung, so überwiegen doch die Moleküle emotionaler Dekontextualisierung. Zwar wird das NS-Relikt von der Straßenseite aus gesehen hinter einem Fahnenwald versteckt, aber nicht allseits Blicken entzogen (wie bei der Verhüllung), sondern bleibt zugänglich für rationale Aufklärung.

Mit ihrer bunten Bemalung und Beschriftung signaliseren die Fahnen: Jetzt sind wir hier, das ist unser Platz, wir leben wie es uns gefällt, brauner Militaristenmist ist mega-out. Etwas Flair der Flower-Power-Ära der späten 1960er Jahre mit „Make love, not war“ und „Give Peace a Chance“, ein Hauch der regenbogenfarbenen Friedens-, Umwelt- und Frauenbewegungen der 1970er und 80er Jahre mit dem CND-Peace-Symbol und der Friedenstaube wird spürbar.

Zudem kontrastieren die Friedensfahnen zur Kriegsfahne der NS-Soldaten. Dass die Friedensfahnen in andere Richtungen flattern, zeigt sich auch daran, dass sie am 03./04.10.2016 zur unverhohlenen Freude des neonazistischen „III. Wegs“ gestohlen wurden.

Fazit: In einem Konzept aufklärender Dekontextualisierung können Friedensfahnen als emotionale Elemente eine wichtige Rolle spielen.

Färben

Die vom Arbeitskreis Erinnerung am 29.06.2017 diskutierten Vorschläge
  • Farbe (Anstrich, bunt) Das Denkmal wird farbig umgestaltet.
  • Farbiges Gummigranulat (bunt und plastisch) Das Denkmal wird farbig und in seiner Form verändert.
finden in der Kulturausschusssitzung am 17.10.2017 keine Mehrheit (KA BV 17.10.2017, KA WP 17.10.2017).

Grund: „Vorkommnisse durch rechts- und linksextreme Gruppen“

Zweck: nicht dokumentiert

Kommentar: Der Vorschlag, das NS-Relikt farbig anzustreichen, reagiert auf die Farbaktion vom 21./22.01.2017, die er als Ausdruck antifaschistischen Protests begreift, der in geordnete Bahnen zu lenken ist. An die Stelle spontaner Farbklecksereien tritt ein professioneller Farbanstrich mit möglichst künstlerischem Anspruch, um die Protestkultur zu domestizieren, auf die Ebene seriöser Hochkultur zu heben und zu veredeln.

Der Vorschlag, die NS-Soldaten durch farbiges Granulat förmlich zu verändern, ist ambivalent: Je nach Ausführung kann er Elemente technokratischer Hervorhebung, schamvoller Verdrängung oder aufklärender Dekontextualisierung enthalten. Unklar ist, warum eine öffentlich steuerfinanzierte Deformierung des Steins mit Granulat „die Geschichte des Luisenplatzes weiter sichtbar macht“ und „das Soldatendenkmal erläutert“, hingegen eine anonym privatfinanzierte Beklecksung des Steins mit Farben eine Sachbeschädigung darstellt.

Fazit: Färben kann ein Ausdruck von Protest- und Aufklärungskultur sein. Man protestiert gegen das NS-Kriegsdenkmal, indem man seinen „martialischen Ausdruck“ und seine „ursprüngliche Intention“ durch Farben hervorhebt, verfremdet und bewusst macht. Gleichzeitig macht man sie offen unwirksam.

Färbungsaktionen veranstalten

Vorschlag: Die Stadt organisiert am Luisenplatz antifaschistische Gedenkfeiern mit integrierten Färbungsaktionen, die den Monstersteinklotz in bunte Volkskunstwerke verwandeln. Die Aktionen können Anstreichen oder Besprühen mit Farben, Bewerfen mit Farbbeuteln oder andere Formen umfassen. Sie finden viermal jährlich statt. Durch Einbeziehen von Schülern erhalten sie einen betont demokratischen Charakter. Verteilt man die Aktionen auf die fünfte bis dreizehnte Klasse, so kommt jeder Jahrgang etwa alle zwei Jahre dran. Man kann jeweils Themen vorgeben, Wettbewerbe zwischen Klassen organisieren, jungen Graffiti-Künstlern Chancen geben, die Optionen sind vielfältig. Schließlich lassen sich die Färbungsaktionen überregional als touristische Attraktionen gewinnbringend vermarkten.

Grund: Nutzung des NS-Kriegsdenkmals durch Rechtsextreme für menschen- und demokratiefeindliche Propaganda

Zweck: Die Färbungsaktionen entwerten das NS-Relikt nachhaltig als Kultobjekt rechtsextremer Umtriebe und demonstrieren glaubhaft, dass Radolfzell bunt ist.

Vorgeschlagen in [Hug18U, S. 6] ohne Kenntnis des Färbungsvorschlags des Arbeitskreises Erinnerung vom 29.06.2017.

Kommentar: Vorteilhaft an Färbungsaktionen ist, dass sie dem NS-Monster einen neuen Gebrauchswert als demokratisches Kunstwerk im öffentlichen Raum geben. War die NS-Zeit nur ein Vogelschiss, so kann hier jeder einen symbolischen Vogelschiss auf das NS-Relikt setzen. Der bunte Steinklotz langweilt nie, da er regelmäßig neue Farbkompositionen erhält. Wird er außerhalb offizieller Färbungsaktionen Ziel von Farbbeutelwürfen, braucht dies keine Entrüstung mehr zu verursachen, da seine Umfärbung zum normalen Alltag gehört. Der polizeiliche Staatsschutz ist von der Aufgabe entlastet, nach Farbklecksern zu fahnden.

Die Färbungsaktionen bieten weitere Vorteile: Bisher hat die Stadtverwaltung immer wieder Steuergelder vergeudet für sinnlose Säuberungen des NS-Kriegsdenkmals nach Farbaktionen. Künftig kann sie nicht nur Ausgaben für Spezialreinigungsaufträge sparen, sondern auch peinlich anbiedernde E-Mail-Wechsel mit Neonazis über Beginn, Verlauf und Ende der Säuberungen, die ihrem Ansehen überregional geschadet haben [Gei17].

Freilich werden Rechtsextreme aufheulen. Sollten sie versuchen, Säuberungsaktionen vorzunehmen, könnte man diese als Sachbeschädigung eines öffentlichen Kunstwerks strafrechtlich verfolgen, besser aber gebührenpflichtig erlauben und durch mediale Dokumentation der Lächerlichkeit preisgeben.

Trotz der Farbüberdeckungen bleibt das NS-Denkmal als Anschauungsmaterial zur Auseinandersetzung mit der NS-Zeit erhalten. Die Option einer späteren Verlagerung und Wiederaufstellung in einem Museum bleibt offen. Auch die Entfernung der Farbschichten steht zukünftigen Generationen frei.

Fazit: Stärker als ein von einem Künstler einmalig durchgeführter Farbanstrich sind wiederholte Färbungsaktionen, an denen sich alle Interessierten beteiligen können, ein Ausdruck von Protest- und Aufklärungskultur. Jeder kann sich durch seinen individuellen Farbklecks auf dem NS-Relikt vom braunen Militärgeist distanzieren.

Umkippen

Vorschlag: Das NS-Kriegsdenkmal lässt sich um 90 Grad kippen. Beim Umlegen nach vorne fallen die Steinsoldaten auf die Schnauze, was das Ende des Kriegs und den Sturz des Naziregimes plastisch symbolisiert. Praktisch muss man die Figuren sanft kippen, ohne sie zu beschädigen. Nachteilig ist, dass wesentliche Teile des gekippten Denkmals verdeckt sind. Diesen Nachteil vermeidet man, indem man das Denkmal seitlich kippt, am besten so, dass die Gewehrmündung nach unten zeigt und der Steinsoldat in den Boden ballert.

Grund: Nutzung des NS-Relikts durch Rechtsextreme für menschen- und demokratiefeindliche Propaganda

Zweck: Das Umkippen der NS-Soldaten symbolisiert das Kriegsende und den Sturz des Naziregimes und entwertet so das Kultobjekt rechtsextremer Umtriebe nachhaltig.

Vorgeschlagen in [Hug18U, S. 5].

Kommentar: Verglichen mit zaghaftem „Schieflegen“ der NS-Soldaten setzt das Umkippen ein stärkeres Symbol, das sich kaum übersehen oder missverstehen lässt. Durch die gekippte Lage hat das Denkmal seine bisherige Dominanz am Luisenplatz verloren. Ein neues Friedensmahnmal in der Nähe kann den Konkurrenzkampf um Höhe und Dominanz gewinnen.

Rechtsextreme werden aufheulen, aber kaum fähig sein, eine Wiederaufrichtungsaktion anzudrohen. Auch das Ziel, das Denkmal als Anschauungsmaterial zu erhalten, wird erreicht. Da das Denkmal nur gekippt, aber nicht beschädigt wird, bleibt die Option einer späteren Verlagerung und Wiederaufstellung in einem Museum offen.

Fazit: Die umgekippten NS-Soldaten haben als Mittel der Kriegspropaganda ausgedient. In Flachlage dürfen sie aufklärend wirken.

Zerlegen + Umkippen + Verteilen

Dieser Vorschlag zur Dekontextualisierung erweitert und detailliert den vorigen, die Skulptur umzukippen, und zwar seitlich um 90 Grad in östlicher Richtung. Das Monument aus Sockel und Soldaten besteht aus fünf Schichten. Der Sockel bleibt stehen, wo und wie er ist. Die Soldaten werden in die vier Blöcke zerlegt, aus denen sie zusammengesetzt wurden. Diese Blöcke werden einzeln umgekippt mit einigem Abstand vor der breiten Wand verteilt.

Dem Sockel wird eine (leserliche!) Informationstafel beigestellt mit dem Hauptsatz

„Der Sockel steht noch, von dem das stürzte.“,
der an „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.“ aus Bertolt Brechts (1898–1956) Theaterstück Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui von 1941 erinnert. Er verweist auf die vier daneben liegenden Skulpturteile und warnt vor neonazistischen Umtrieben. Die Informationstafel erläutert auch den Sturz der Soldaten, etwa so beginnend:
„Hier stand seit dem 22. Mai 1938 ein NS-Kriegspropagandaobjekt, bis es am ... gestürzt wurde, um einen Trennstrich zum Naziregime zu ziehen und ein Zeichen zu setzen gegen Krieg und Faschismus, für Frieden und Völkerverständigung ...“
Die transparente Textstele bleibt vor dem Sockel stehen, da ihr Text auch nach dem Umlegen der Soldaten richtig bleibt. Die verteilten Blöcke wirksam in einen aufklärenden Kontext einzubetten erfordert weitere Maßnahmen wie das Umgestalten der Tafelwand und das Umbenennen des Platzes. Sie sind folgend in eigenen Abschnitten beschrieben, da sie auch ohne Zer- und Umlegen der Soldaten durchführbar sind.

Grund: Nutzung des NS-Relikts durch Rechtsextreme für menschen- und demokratiefeindliche Propaganda

Zweck: Das Zerlegen, Umkippen und Verteilen der NS-Soldaten soll das Kriegsende, den Sturz des Naziregimes und die Zerschlagung der NSDAP symbolisieren und so das Kultobjekt rechtsextremer Umtriebe nachhaltig entwerten.

Vorgeschlagen in [Hug18V, S. 9–10].

Kommentar: Das Zerlegen und Umkippen symbolisiert das Ende des Kriegs und den Sturz des Naziregimes. Die Soldaten marschieren nicht mehr für den Krieg, sie sind „gefallen“ und haben so ihren Kontext der NS-Kriegspropaganda verloren. Das Verteilen der vier Blöcke symbolisiert die Zerschlagung der NSDAP, warnt aber auch, dass weiterhin neonazistische, militaristische, rassistische und rechtsextreme Organisationen existieren.

Die Kontrollratsdirektive Nr. 30 wird zwar nicht wörtlich erfüllt, da das Denkmal nicht vollständig zerstört, sondern unbeschädigt zerlegt, und nicht beseitigt wird, sondern am Ort bleibt. Das Umlegen der Soldaten kann aber als symbolische Erfüllung der Direktive gelten. Das 1946–1955 rechtswidrig Versäumte lässt sich 2018 ohnehin nicht buchstäblich nachholen. Doch kann die Stadt Radolfzell damit guten Gewissens behaupten, sie habe den politischen Auftrag und die moralische Pflicht erfüllt, die NS-Kriegspropaganda aus dem öffentlichen Park zu entfernen. Dies unterscheidet die Umlege-Maßnahme prinzipiell von schamvoller Verdrängungskosmetik wie Verhüllen, Begrünen, Versetzen.

Wandeln: Wie verhält sich das Umlegen zu den Nichts-verändern-aber-wandeln-Forderungen? Der martialische Eindruck der marschierenden Soldaten ist entschärft, der kriegerische Charakter hat seine Dominanz verloren, da jeder Block nur noch etwa zwei Meter hoch ist, das Bedrohliche ist in den Hintergrund getreten, da die Soldaten kampfunfähig zerlegt am Boden liegen. Die ursprüngliche Intention der NS-Kriegspropaganda ist nicht nebulös verschleiert, sondern aufklärend freigelegt, „ohne dabei Gefahr zu laufen, überkommene Ideale aufs Neue zu bewerben“ [Bru18, Aleida Assmann paraphrasierend]. Allerdings: Angriffsflächen für „Verunglimpfung“ und „Verschandelung“ bleiben unvermeidlich erhalten.

Schützen: Wie verhält sich das Umlegen zur denkmalschützerischen Forderung, ein Zeitgeschichte bezeugendes Kulturdenkmal zu erhalten? Alle Teile des Kulturdenkmals bleiben vollständig bestehen, kein Teil wird vernichtet, nur die Anordnung der Teile ändert sich. Die Zerlegung der Skulptur erfolgt reversibel, wie man sie auch bei einer temporären Lagerung vornehmen müsste. Im Unterschied zu den 80 % Stadtmauer, die für immer verschwunden sind, bleiben vom NS-Kriegsdenkmal 100 % erhalten [Sta17, S. 66]. Die Teile lassen sich jederzeit wieder zusammensetzen und in einem Museum aufstellen. Nichts Materielles geht verloren.

Erhalten: Wie verhält sich das Umlegen zur aufklärerischen Forderung, für folgende Generationen Dokumentations- und Anschauungsmaterial zur NS-Zeit zu erhalten? Die zerlegte Skulptur lässt sich gedanklich zum ehemaligen Kriegspropagandaobjekt zusammensetzen. Der bedrohliche, martialische Charakter bleibt an den Teilen erkennbar. Der aufklärende Kontext wird durch Umgestaltung des Platzes hergestellt. Freilich: Kränze kann man auch an den gestürzten Kriegern nicht guten Gewissens ablegen!

Fazit: Der Vorschlag ist praktikabel und effektiv. An den fünf Teilen der zerlegten, umgekippten und verteilten NS-Soldaten ist erkennbar, dass sie weit über die NS-Zeit hinaus der Kriegspropaganda gedient, aber nun ausgedient haben. Die Bruchstücke lehren, dass die demokratische Gesellschaft nicht länger bereit ist, aggressiv-militaristischen Nationalismus zu tradieren.

Nachtrag 07.11.2018: Das Kurzgutachten des Steinhandwerkers vom 12.10.2018 zur Machbarkeit einer Versetzung nennt Risiken, von denen die Beschneidung des Astwerks der Platane über dem Denkmal für einen Kran auch für das Umkippen zu beachten ist (s. Chronologie 06.11.2018; KA BV 06.11.2018, Anlage 3). Der Schutzstatus des Naturdenkmals Platane ist höher als der des NS-Denkmals. Die Platane ist unbedingt vor Beschädigungen zu schützen. Am NS-Relikt sind Schäden tolerabel, die auch durch natürlichen Verfall vorkommen. Es sind Alternativen zu einem großen Kran zu erwägen. Bei Denkmalstürzen dienen oft Seilzüge als Hilfsmittel. Das Furtwanger NS-Kriegsdenkmal zeigt, dass man mit einem Seilzug einen Oberkörper zum Sturz bringen kann. Beschädigungen abzogener Teile mindern sich, wenn sie auf eine weiche Unterlage fallen.

Mauerwerk erhalten und NS-Platzarchitektur erläutern

Vorschlag: Das Mauerwerk mit Umfassungsmauern, Pylonen, Treppen, Wänden bleibt erhalten (sofern nicht längst spurlos geschleift). Die NS-Platzarchitektur wird durch einen architekturhistorischen Beitrag auf einer (leserlichen!) Informationstafel erläutert.

Grund: Die Gestaltung des Platzes 1936–1938 integrierte sich zwar in den NS-Heldenkult, die rechtwinklig-monumentalen Stilelemente entsprachen seinem Zweck als Aufmarschplatz der Formationen (s. Aufstellungsort), doch wirkt das kriegspropagandistische Element des Mauerwerks – im Kontrast zur brutalistischen Soldatenskulptur – dezent, auch weil es in Jahrzehnten durch Bepflanzung „entmartialisiert“ wurde. Der Platzgestaltung lässt sich kaum eine eigenständige NS-Ästhetik zusprechen, da Architekten und Künstler im Dienst des Naziregimes plagiierten, was sich gerade anbot. Deshalb ist hier die Erinnerungskulturleitlinie 1 „Erklären statt Entfernen“ anzuwenden.

Zweck: Eine Spur der NS-Zeitschicht im Stadtbild erhalten und das „operative Ziel“ „einer weiteren Sichtbarmachung der Geschichte des Luisenplatzes“ erreichen.

Vorgeschlagen in [Hug18V, S. 10].

Kommentar und Fazit: Mit dem Vorschlag „Zerlegen + Umkippen + Verteilen“ kombiniert ergibt sich eine differenzierte Vorgehensweise: Schädliches wird unschädlich gemacht, Brauchbares wird umgenutzt.

Namenstafeln umsiedeln

Vorschlag: (a) Der Arbeitskreis Erinnerung und der Kulturausschuss diskutieren am 29.06.2017 bzw. 17.10.2017 den Vorschlag „Versetzung der Namenstafeln Die Tafeln mit den Namen der Gefallenen sollen auf den Waldfriedhof versetzt werden“, der keine Mehrheit findet (KA BV 17.10.2017). Am 15.03.2018 kombiniert der Arbeitskreis Erinnerung die Vorschläge „die Namenstafeln werden auf dem Friedhof angebracht“ und „die Namenstafeln werden auf den Friedhof versetzt“ mit anderen Vorschlägen; sie finden in der Kulturausschusssitzung am 15.05.2018 keine Mehrheit (KA BV 15.05.2018).

(b) Mit anderer Begründung und Zwecksetzung greift [Hug18V, S. 10–11] den Vorschlag auf, detailliert und präzisiert ihn: Alle Namenstafeln werden an einer Waldfriedhofsumfassungsmauer am Weg zur SS-Schießanlage angebracht, und zwar die von 1870/71 und 1914–1918 innen, die von 1939–1945 außen. In der Nähe befindet sich ein Durchgang. Für Angehörige der auf den Tafeln genannten Toten wird ggf. außen eine Trauerzone angelegt. Informationstafeln auf beiden Mauerseiten erklären den Kontext. Die äußere Tafel umfasst einen Wegweiser und Informationen zur SS-Schießanlage und stellt den Bezug her zwischen den Namen der SS-Soldaten und dem Ort, an dem sie ihr Mordhandwerk übten. Die Bronze-Relieftafel der Heimatvertriebenen kommt an die Friedhofsaußenmauer, die Überschrift in Metall-Lettern ins Museum.

Grund und Zweck: (a) „Vorkommnisse durch rechts- und linksextreme Gruppen“

(b) siehe Kommentar

Kommentar: Zerstören der Tafeln und der Überschrift an der Wand steht wie beim Kriegerstein außer Frage, Verlagern in ein Museum wäre ideal, da diese „Überreste der Vergangenheit [...] ihre lebendigen Bezüge und Kontexte verloren haben“ [Rad15, S. 11, 40, Aleida Assmann paraphrasierend], Namen von Waffen-SS-Tätern in einem öffentlichen Park nicht tolerabel sind, und der Dokumentationswert der Artefakte im Museum am besten bewahrt wird.

Sollte dies nicht praktikabel oder nicht mehrheitsfähig sein, bietet sich als Kompromiss an, alle Namenstafeln auf den Waldfriedhof zu verlegen, den passenden Ort für private, persönliche Trauer. Dort ist zu differenzieren: Die Namenstafeln der Soldaten von 1870/71 und 1914–1918 werden an der Innenseite einer Umfassungsmauer angebracht, die Namenstafeln von 1939–1945 an ihrer Außenseite. Durch den nahe gelegenen Durchgang können Besucher leicht die Seiten wechseln. Die Mauer liegt am Weg, auf dem in einigen Gehminuten die ehemalige SS-Schießanlage erreichbar ist.

Zivilisationsbruch verdeutlichen: Die Zweiseitigkeit symbolisiert den Zivilisationsbruch der NS-Aggressionskriege und des Holocaust. Die SS war eine unrechtsstaatlich organisierte Terrorbande, die Wehrmacht eine nach dem Versailler Vertrag illegale Armee, die sich durch ihre Eroberungs- und Vernichtungskriege zusätzlich delegitimierte [Pro17, S. 310]. Die Außenlage der Wehrmachts- und SS-Tätertafeln zitiert den früheren Brauch, Ausgestoßene außerhalb der Friedhofsmauern zu verscharren, sie sagt:

„Ihr habt euch durch eure Verbrechen außerhalb der menschlichen Zivilisation gestellt, also erinnern wir außerhalb des Friedhofs an euch.“
Das schließt nicht aus, für Angehörige der auf den Tafeln genannten Toten dort eine Trauerzone anzulegen. Die Forderung, die Namenstafeln in einen aufklärenden Kontext einzubetten, gilt auch hier und wird mit (leserlichen!) Informationstafeln auf beiden Mauerseiten erfüllt.

In der Heldenkult-Variante der SS und ihrem Selbstverständnis als „heroische Elite“ galt: „Kirchliche Friedhöfe eigneten sich nicht für die Bestattung von SS-Angehörigen. Vielmehr sollten SS-eigene ‚Ahnstätten‘ geschaffen werden“ [Beh96, S. 504]. Also kommt das Anbringen der SS-Tätertafeln an der Friedhofsaußenmauer der SS-Ideologie sogar entgegen.

Eine andere Option ist, die Wehrmachts- und SS-Tätertafeln in der ehemaligen SS-Schießanlage anzubringen, etwa im Kugelfang der östlichen Kurzbahn. Die SS-Schießanlage war ein Ort der Täter und der Opfer. Durch die 2010 im Kugelfang der westlichen Kurzbahn angebrachte Gedenktafel für die KZ-Häftlinge, die 2012 davor aufgestellte Informationstafel zum Areal, und die davon entfernt aufgehängten Namenstafeln wird es zu einem Ort des Gedenkens der Opfer und des Erinnerns an die Täter.

Die Relieftafel spreizt das Meinungsspektrum. Sicher meint sie mit „heimatvertrieben“ nicht die aus ihrer Heimat vertriebenen und ermordeten europäischen Juden. Das Relief erscheint als Produkt der Verlogenheitskultur der miefigen 1950er Jahre, da es vor Verdrängung der Verantwortung, Verzerrung der Fakten und Revanchismus trieft. Solche Dinge gehören ins Museum.

Andererseits würde so ein wichtiger Zusammenhang zerrissen: Ex-NS-Wehrmachtshauptmann Dombrowski, der die SS-Täter für die Namenstafeln auswählte, entwarf die Relieftafel mit der christlichen Symbolik. Das Geflecht aus verstockter Verdrängung des Angriffskriegs, schamloser Protektion von SS-Schergen und revanchistischer Ostlandreiterei konkret zu veranschaulichen, gelingt besser, wenn die Tätertafeln und die Relieftafel am selben Ort hängen. Demnach gehört die Relieftafel an die Friedhofsaußenmauer oder an den Kugelfang der östlichen Kurzbahn.

Die Überschrift von 2011 ist gut gemeint, aber durch das Anhängsel „UND DER TOTEN ALLER KRIEGE“ ein unglaubwürdiger Versuch, den Zivilisationsbruch zu relativieren und von der eigenen historischen Verantwortung abzulenken. Niemand glaubt Radolfzell, dass es der Toten des Jüdischen Kriegs 66–70 gedenkt, des Hundertjährigen Kriegs 1337–1453, des Iran-Irak-Kriegs 1980–1988, von zahllosen anderen Kriegen abgesehen, da nichts darauf hinweist, wie Radolfzell dafür verantwortlich sein könnte. Verantwortlich ist Radolfzell für seine NS/SS-Vergangenheit. Zu dieser Verantwortung sollte es sich ohne Wenn und Aber bekennen. Platziert über den Tafeln mit den SS-Täternamen wirkt die Überschrift verlogen. Deshalb gehört die Überschrift ins Stadtmuseum.

Zum Gegenargument: Manche meinen, die Skulptur und die Namenstafeln gehörten zusammen, ohne es zu begründen (z.B. SK 20.10.2017). Als freie Interpretation der Denkmalanlage ist dies zu tolerieren. Historischen Fakten entspricht es nicht. Die Skulptur bildete 1938–1945 mit dem Reichsadler, dem Hakenkreuz und der Gedenktafel für die Toten der NS-Bewegung eine Einheit, die nach dem Sturz des NS-Staats aufgelöst wurde. Die Namenstafeln wurden 1958 auf Betreiben des Ex-NSDAP-Mitglieds Dombrowski zum Umfunktionieren des NS-Ensembles zu einem Denkmal für die Soldaten des Zweiten Weltkriegs angebracht und bilden seither mit der Skulptur eine revanchistisch geprägte Einheit. Will man die politische Sprengkraft des Denkmalensembles entschärfen, so muss man Skulptur und Namenstafeln räumlich trennen.

Fazit: Die Verlagerung der Tätertafeln, der Ostland-Gedenkplatte und der verschleiernden und relativierenden Überschrift an besser geeignete Orte ist ein unverzichtbarer Schritt der Umgestaltung des Luisenplatzes zu einem Friedensplatz.

Tafelwand zu Informationswand umgestalten

Mit der Formel Wände + Informationstafeln = Informationswand unterbreitet [Hug18V, S. 10] den Vorschlag zusammen mit „Zerlegen + Umkippen + Verteilen“ und „Namenstafeln umsiedeln“. Sinnvoll kann er auch nach einer anderen konsequenten Dekontextualisierung des NS-Kriegsdenkmals sein.

Die von den Bronzetafeln befreiten Wände werden für neue (leserliche!) Informationstafeln genutzt, die die Ausstellung zur NS-Zeit im Stadtmuseum um eine jederzeit zugängliche öffentliche Ausstellung bereichern. Dazu lassen sich die Inhalte der fünf Informationstafeln von 2014 in unzensierter, bearbeiteter und erweiterter Fassung wiederverwenden, ergänzt um Beiträge kompetenter Historiker zu bisher vernachlässigten Aspekten wie Machtübergabe in Radolfzell, SS-Kaserne, KZ-Außenlager, SS-Schießanlage, Antisemitismus, Pogromnacht, Deportation von Juden, Roma, Sinti, Kriegszüge der Radolfzeller Waffen-SS.

Die alten Informationstafeln bleiben stehen, bis die neue Informationswand fertiggestellt ist. Danach haben sie ihren historischen Zweck erfüllt (den sie praktisch wegen Unleserlichkeit verfehlten) und können ins Museumsarchiv migrieren.

Grund: Die Wände sind von den umgesiedelten Bronzetafeln befreit und bereit für eine sinnvolle Nutzung. Die Informationen auf den Tafeln von 2014 sind unleserlich und unvollständig.

Zweck: Die Informationswand schafft einen aufklärenden Kontext zum dekontextualisierten NS-Relikt und zu den umgesiedelten Bronzetafeln. Der Platz der NS-Kriegspropaganda wandelt sich zu einem Platz der Aufklärung über die Verbrechen des Naziregimes und zu einer Gedenkstätte für seine Opfer, kurz: zu einem Friedensplatz, der sich auch zum Zelebrieren des Volkstrauertags eignet.

Kommentar: Die Aufenthaltsqualität des Friedensplatzes lässt sich durch Ruhebänke verbessern. Wenn man will, dass viele Besucher die Informationswand studieren, sollte man ihnen Sitzgelegenheiten gönnen.

Fazit: Die Umnutzung der Tätertafelwand zu einer Wand der Aufklärung ist ein wichtiger Schritt zu einem Friedensplatz.

Platz umbenennen

Vorschlag: Falls der umgestaltete Platz nicht schlicht Friedensplatz oder ähnlich heißen soll, sondern man auch eine Person damit ehren will, muss man zuerst Auswahlkriterien definieren. Infrage kommt eine Person mit Bezug zu Radolfzell, die
  • entweder ein unschuldiges Opfer des NS-Terrors ist, beispielsweise Alice Fleischel,
  • oder eine Persönlichkeit des antifaschistischen Widerstands, die sich weder steigbügelhaltend betätigte noch postenklebend anbiederte, aber klar gegen die antisemitischen Pogrome und die Deportationen bei der Wagner-Bürckel-Aktion protestierte.
Vor der Benennung des neuen Friedensplatzes wird ein Platz (oder eine Straße), an dem das Rote Kreuz stationiert ist oder ein Krankenhaus steht, Neuer Luisenplatz benannt, um Verwechslungen mit dem „alten Luisenplatz“ zu vermeiden.

Grund: Von Großherzogin Luise von Baden ist weder bekannt, ob sie ihren Platz je betreten, noch ob sie in ihren letzten Lebensjahren die NSDAP gefördert hat. Vermutlich steht sie in keiner direkten Beziehung zum zehn Jahre nach ihrem Tod etablierten Naziregime. Dennoch wird sie seit über 70 Jahren diskreditiert, indem ihr Name für den NS-Heldenkultplatz vernutzt wird und sie so als Vorkämpferin der NS-Kriegspropaganda erscheint. Sicher tut man ihr damit unrecht.

Eignet sich Großherzogin Luise als Namensgeberin für den zum Friedensplatz umgestalteten Platz? Auch dafür gibt es kaum Anhaltspunkte. Luise war keine Bertha von Suttner und keine Vorkämpferin des Grundgesetzes. Um ihr soziales Engagement und ihre karitativen Verdienste zu würdigen und einen lebendigen Erinnerungsbezug zu ihr herzustellen, ist es weitaus besser, ihr einen Platz (oder eine Straße) mit einer Rot-Kreuz-Station oder einem Krankenhaus zu widmen.

Zweck: Der umgestaltete Platz erhält einen passenden Namen. Großherzogin Luise von Baden erhält einen passenden Platz gewidmet.

Vorgeschlagen in [Hug18V, S. 11–12].

Alternativvorschlag (30.11.2018): Da derzeit „Luisenplatz“ keinen Platz bezeichnet, sondern das 200 Meter lange Straßenstück zwischen Konstanzer Straße und Scheffelstraße, kann man das Straßenstück in „Luisenstraße“ umbenennen und dem umgestalteten NS-Kultplatz einen neuen Namen geben, insbesondere, wenn man für Luise keine inhaltlich passende Örtlichkeit findet. Diese Lösung böte die Vorteile, dass die kleine Änderung von „Platz“ zu „Straße“ wohl nur geringe Zustell- und Suchprobleme verursacht und die Sprachkonfusion, eine Straße Platz zu nennen, verschwindet.

Kommentar und Fazit: Die Umbenennung des Platzes ist ein symbolischer Schritt nach seiner Umgestaltung zu einem Friedensplatz.

Platane benennen

Vorschlag: Die Platane erhält zeitgleich mit der Umbenennung des Luisenplatzes den Namen Luisenplatane.

Grund: Die wunderschöne Platane unbedingt zu schützen hat oberste Priorität. Keine Umgestaltungsmaßnahme darf die Platane gefährden, beeinträchtigen oder gar beschädigen [RaUA07].

Zweck: Der Name Luisenplatane ist ein Zeichen der andauernden Wertschätzung für die Großherzogin Luise von Baden wie für die Platane am alten Luisenplatz. Die Luisenplatane bewahrt den Bezug Luises zum Platz.

Vorgeschlagen in [Hug18V, S. 12].

Kommentar: Vermutlich wurde die Platane um 1906 gepflanzt, als der Platz Großherzogin Luise gewidmet wurde; dann wäre sie jetzt 112 Jahre alt. Die Nazis integrierten die Platane in den zur NS-Heldenkultstätte umformierten Platz und zeigten damit mehr Sensibilität als manch heutiger Platzgestalter, der alte Bäume reihenweise umlegen lässt, um ihren Platz mit grauen Steinen zu veröden. Die Platane überstand auch die Wirtschaftswunderzeit, in der viele Bäume Parkplätzen weichen mussten.

Fazit: Die Benennung des Platane ist ein symbolischer Schritt zur Würdigung der Großherzogin Luise und der Platane.

Die oben genannten Vorschläge zur Dekontextualisierung Tradierte ritualisierte Feiern verlegen, Informationstafeln installieren, Friedensfahnen aufstellen, Färben, Färbungsaktionen veranstalten, Umkippen, Zerlegen + Umkippen + Verteilen, Mauerwerk erhalten und NS-Platzarchitektur erläutern, Namenstafeln umsiedeln, Tafelwand zu Informationswand umgestalten, Platz umbenennen, Platane benennen lassen sich in ein Konzept zur Umgestaltung des Luisenplatzes in einen Friedensplatz integrieren. Sie belassen das NS-Kriegsdenkmal in veränderten Farben oder Formen am Platz. Die nächsten beiden Vorschläge führen die Idee des Färbens durch einen Künstler weiter, die darauf folgenden Vorschläge entfernen das NS-Relikt vom Platz.

In Hochkunstwerk veredeln

Als Option nennt [Hug18U, S. 7] den Vorschlag: Ein Künstler wird beauftragt, das NS-Kriegsdenkmal in ein kritisch-satirisches Kunstobjekt zu verwandeln.

Kommentar: Das Ziel „Entwertung als rechtsextremes Kultobjekt“ ist sicher erreichbar, beim Ziel „Erhaltung des Dokumentationswerts“ wird es schwieriger. Man braucht gute Begründungen und Zwecksetzungen für diese Option.

Als Nachteile sind zu nennen: Ein Auftrag an einen etablierten Künstler bedeutet hohe Kosten. Da das Ergebnis ein Hochkunstwerk im öffentlichen Raum ist, muss man es gegen Angriffe aus verschiedenen Richtungen schützen. Es könnte sein, dass linksautonome Farbbeutel gegen erhaltene NS-Teile fliegen, rechtsextreme Farbbeutel gegen hochkünstlerische Erweiterungen. Für Spezialsäuberungsfirmen ein Dauergeschäft, für die Allgemeinheit ein fragwürdiger Gewinn.

Fazit: Da die Nachteile einer Hochkunstveredelung ihre Vorteile überwiegen, ist davon eher abzuraten.

Gegendenkmal errichten

„Gegendenkmäler können [..] dazu beitragen, innenpolitische Frontstellungen zu entschärfen, den Betrachter dazu aufrufen, neue Antworten zu suchen, statt die Erinnerung an den ehemaligen innenpolitischen Feind auszulöschen“ [Kos94, S. 17].
Vorschlag: Ein Künstler wird beauftragt, ein Friedensmahnmal zu entwerfen und auszuführen, das zum NS-Kriegsdenkmal ausdrucksstark kontrastiert und in dessen Nähe installiert wird [DISS12, S. 43].

„Als künstlerischer Gegenpol werden Bilder von militärischen Niederlagen installiert. Als Kontrapunkt zum Gefallenendenkmal ist ein künstlerischer Gegenpol aus Bildern von Niederlagen und Katastrophen denkbar. Zusätzlich zum künstlerischen Kontrapunkt mit Niederlagenbildern noch ein weiterer künstlerischer Gegenpol.“ Diese Vorschläge des Arbeitskreises Erinnerung vom 15.03.2018 finden in der Kulturausschusssitzung am 15.05.2018 keine Mehrheit (KA BV 15.05.2018).

Realisiert vielerorts, beispielsweise Alfred Hrdlickas Gegendenkmal zum 76er-Kriegerdenkmal von 1985/86 am Dammtor-Bahnhof in Hamburg [Arm88, S. 32–67], [Hüt90], Jenny Holzers Black Garden von 1992–1995 in Nordhorn.

Kommentar: Bevor man einen Künstler beauftragt, sollten Begründungen und Zwecksetzungen für ein Gegendenkmal zum NS-Relikt mit breitem Konsens erarbeitet sein. Zu bedenken ist, dass der Luisenplatz dafür wenig Raum lässt. Ein Friedensmahnmal, das für Gedenkfeiern und Kranzniederlegungen nutzbar ist, muss das NS-Relikt deutlich ins Abseits drücken.

Um das NS-Relikt in einen aufklärenden Kontext zu stellen, wird es kaum genügen, „Bilder von militärischen Niederlagen und Katastrophen“ zu installieren. Bücherverbrennungen, Pogrome, Vertreibungen, Konzentrationslager, Vernichtungsfeldzüge, Holocaust waren keine militärischen Niederlagen, sondern staatlich organisierte Schwerstverbrechen.

Fazit: Ob zusätzlich zu den obigen Vorschlägen ein Friedensmahnmal neu geschaffen und aufgestellt werden soll, bleibt zu diskutieren.

In Museum verlagern

Den Vorschlag der Verlagerung in ein Museum erwähnt [Hug18U, S. 4]. Vom Arbeitskreis Erinnerung am 15.03.2018 als „Das Gefallenendenkmal muss in ein Museum“ formuliert findet er in der Kulturausschusssitzung am 15.05.2018 keine Mehrheit (KA BV 15.05.2018).

Kommentar:

  • Pro: Das NS-Kriegsdenkmal museal zu bewahren ist die theoretisch ideale Lösung des Problems, es zu dekontextualisieren und wirksam in einen aufklärenden Kontext einzubetten. Die NS-Krieger lassen sich in einem Museum zur Zeit- oder NS-Geschichte aufstellen, ob in Radolfzell oder anderswo ist nachrangig.

    Damit wird das Denkmal seines bisherigen Kontexts einer Gedenkstätte am Luisenplatz entledigt und als Magnet für rechtsextreme Umtriebe und militaristische Kulte nachhaltig entwertet. Niemand pilgert in ein Museum, um an Waffenschränken oder Folterbänken Kränze zur Ehrung von Söldnern, Folterknechten und Henkern abzulegen. Rechtsextreme würden kaum ein Museum als Kultstätte wählen.

    Auch das Ziel, das Denkmal als Anschauungsmaterial zu erhalten, wird erreicht. Ein Museum ist der bestgeeignete Ort für die Erhaltung des Dokumentationswerts des Denkmals, für Hintergrundinformationen zum historischen Kontext, Erläuterungen und Diskussionen.

  • Kontra: Dem Radolfzeller Stadtmuseum in der alten Stadtapotheke fehlt dafür der Platz, ein anderes Museum ist räumlich oder zeitlich entfernt, und zu lamentieren, die Stadt habe jede Chance verpasst, auf dem Gelände der ehemaligen SS-Kaserne ein Museum zu ihrer NS-Geschichte einzurichten, hilft nicht weiter. Auch die Idee, NS-Kriegsdenkmale einer Gegend in einem Freilichtmuseum zu versammeln, ist problematisch.
Fazit: Der Vorschlag scheint derzeit weder praktikabel noch mehrheitsfähig zu sein.

Ideenwettbewerb zur kompletten Umgestaltung durchführen

Der Vorschlag „Abriss des Mahnmals und Ausschreibung eines künstlerischen Wettbewerbs mit dem Auftrag, etwas zu entwerfen als "Mahnung zum Frieden"“ erhält in der Kulturausschusssitzung am 15.05.2018 sechs Ja- und sechs Nein-Stimmen (KA WP 15.05.2018).

Kommentar: Das bemerkenswerte Abstimmungsergebnis zeigt, wie gespalten der Kulturausschuss in der Frage des Umgangs mit dem NS-Relikt ist. Mit einer Stimme mehr wäre ein fast revolutionärer Vorschlag angenommen, der die Verdrängungskosmetik weit hinter sich lässt. (Dafür sei der Lapsus, NS-Kriegspropaganda als „Mahnmal“ zu bezeichnen, verziehen.)

Dennoch sei angemerkt: Solang die Gremien sich auf keine Begründungen und Zwecksetzungen für die Umgestaltung des NS-„Heldenplatzes“ einigen, solang sie nicht wissen, warum sie was und wozu sie wohin wollen, solang sollten sie weiter diskutieren und die demokratische Öffentlichkeit in die Diskussion einbeziehen. Zu hoffen, dass konkurrierende Künstler auf den Zuruf „Entwerft mal was!“ konsensfähige Lösungen liefern, erscheint zweifelhaft. Ein Schritt vorwärts könnte die Diskussion des Vorschlags Sachverständige anhören sein.

Fazit: Friedensmahnmal? Ja, bitte! Aber gut geplant soll es sein.

Fazit zu „Aufklärend Dekontextualisieren“

Dies ist die Kategorie mit den meisten Vorschlägen, nämlich 17. Davon lassen sich 12 in ein Gesamtkonzept zur Umgestaltung des Luisenplatzes einbringen, die das NS-Relikt nachhaltig dekontextualisiert und in einen aufklärenden Kontext stellt, dabei aber seinen zeitgeschichtlichen Dokumentationswert erhält. Auch die beiden Vorschläge zu einem neu zu schaffenden Gegendenkmal oder Friedensmahnmal lassen sich integrieren. Nur „In Hochkunstwerk veredeln“ scheidet wegen seiner Nachteile aus, „In Museum verlagern“ wegen Impraktikabilität.

Ratlos Lagern

Diese Kategorie reduziert sich darauf, das NS-Kriegsdenkmal temporär zu lagern. „Ratlos“ steht für Unentschiedenheit zwischen „Stehen lassen“ und „Wegwerfen“. Da das Monstrum kaum am Stück lagerbar ist, muss man es vorher abbauen. Wer das Wort „Abbau“ sät, darf Widerrede ernten, etwa diese:
„Es wäre eine Kapitulation vor den Rechtsextremen, das Denkmal mit dem Argument abzubauen, weil die dort ihre Kulte abbrennen. Dann müsste man auch das Brandenburger Tor in Berlin abbauen.“
Die Schlussfolgerung sei Anlass, Folgendes zu bedenken zu geben:
  • Dem NS-Kriegsdenkmal ist als einziger akzeptabler Gebrauchswert der des zeitgeschichtlichen Dokuments geblieben, sein Gebrauchswert als NS-Kultstätte ist intolerabel.
  • Auch Rechtsextreme genießen das demokratische Recht, sich ohne Anmeldung oder Erlaubnis friedlich und ohne Waffen zu versammeln, wann und wo sie wollen. Aber eine Stadt muss kein NS-Relikt wie von Neonazis gewünscht präparieren, damit diese unter dessen Schirm antidemokratische Propaganda betreiben können.
  • Das 1789–1793 als „Friedenstor“ geschaffene Brandenburger Tor gehört als Nationalsymbol für die deutsche Einigung/Einheit vielen politischen Kräften, vor allem den demokratischen. Zwischen ihm und NS-Kriegsdenkmalen liegen Welten. Die Quadriga lässt sich kaum mit aufmarschierenden NS-Schergen vergleichen. Auch wenn braune Truppen zur Machtübernahme am 30. Januar 1933 durch das Brandenburger Tor zogen, um es und ganz Berlin sich anzueignen, bietet es wenig, woran Neonazis ideologisch anknüpfen könnten, im Gegensatz zum Radolfzeller NS-Kriegsdenkmal. Aus der Forderung, dieses als neonazistisches Kultobjekt zu entwerten, folgt weder dessen Abbau noch der Abbau aller Denkmale und Gebäude, an denen sich Rechtextreme versammeln.

Abbauen + Deponieren

Vorschlag: Das NS-Denkmal lässt sich ohne unumkehrbare Zerstörung aus der Öffentlichkeit entfernen: Man kann es abbauen, in Teile zerlegen und diese in einem Museumsarchiv oder einem Bauhof für die Nachwelt aufbewahren.

Vorgeschlagen in [Hug18U, S. 4].

Kommentar:

  • Pro: Das Ziel, das Denkmal als Magnet rechtsextremer Umtriebe zu entwerten, wird damit erreicht.
  • Kontra: Dem Denkmal wird seine Funktion als Anschauungsmaterial zur Auseinandersetzung mit der NS-Zeit geraubt. Die nicht nachhaltige Zwischenlösung, das Monument irgendwo zu lagern, bis ein passendes Museum gefunden oder gebaut ist, überzeugt kaum. Das Radolfzeller Museumsarchiv bietet nicht genügend Platz. Lagerungen auf Bauhöfen können erfahrungsgemäß ungewollt zu schleichender Zerstörung führen. Die Kosten sind hoch.
Fazit: Wegen der Nachteile sollte man diesen Vorschlag nur realisieren, wenn einem kein besserer einfällt.

Protestierend Beschädigen

Diese Kategorie erfasst keine Vorschläge, sondern schon durchgeführte Aktionen, die NS-Kriegsdenkmale als Ausdruck von Protest beschädigten, also politischem Ikonoklasmus zuzuordnen sind. Ausgeschlossen sind also Beschädigungen durch ordinären Vandalismus, Verkehrsunfälle, offizielle Maßnahmen, Umwelteinflüsse wie Luftverschmutzung, Sturmschäden, Vogelschisse, natürlichen Verfall u.Ä. Da Sachbeschädigung eine Straftat nach § 303 StGB ist, sei hier ausdrücklich darauf hingewiesen, dass dieser Abschnitt weder zu Sachbeschädigungen aufruft noch welche befürwortet, sondern sich davon distanziert, sie aber zur Kenntnis nimmt und hier einige Beispiele auflistet:
  • Unbekannte beklecksen im Januar 2017 das Radolfzeller NS-Kriegsdenkmal mit Lack, beschriften den Sockel fünffarbig mit „LIEBER BUNT ALS NAZI-SCHUND“ und markieren einen SS-Täternamen gelb. Im November 2017 wird der NS-Kriegsdenkmalsockel mit drei DIN-A4-Plakaten beklebt. Im Januar 2018 bekennt eine „autonome antifaschistische Gruppe“, eine Farbaktion gegen das NS-Kriegsdenkmal verübt zu haben zum „Zweck, ein Denkmal zu beschädigen, welches NS-Täter verherrlicht und seit Jahrzehnten ein Wallfahrtsort für Neonazis ist“ (Bekennerschreiben der Antifa Paradise zum Kriegerdenkmal Radolfzell 16.01.2018).
  • Die Soldaten des Engener NS-Kriegsdenkmals von 1936 marschieren mit abgeschlagenen Nasen weiter.
  • Das „Kriegsklotz“ genannte NS-Kriegsdenkmal von 1934 am Hamburger Dammtordamm ist seit den 1970er Jahren „regelmäßig Ziel [...] von Protestaktionen, wie dem Werfen von Farbbeuteln, dem Malen von Graffiti, dem Abschlagen von Reliefstücken wie auch kleinteiligen Sprengungen. [...] Für besondere Aufmerksamkeit sorgte es, als 1999 die Helme der auf den Reliefs abgebildeten Soldaten abwechselnd rot und grün gefärbt wurden, offenbar um damit die Beteiligung Deutschlands am Kosovo-Krieg unter der durch die Rot-Grüne Koalition getragenen Regierung zu kritisieren“. (Wikipedia: Dammtor)
  • Nachdem auf das Furtwanger NS-Kriegertrio von 1937 mehrmals Anti-Kriegs-Parolen aufgesprüht und wieder weggeschrubbt wurden, reißen 1977 Unbekannte per Seilzug den Oberkörper des mittleren Handgranatenwerfers herunter. Aufgrund eines Gemeinderatsbeschlusses zum Abbruch des Denkmals bleibt es beschädigt und unkommentiert stehen.
  • Am Bochumer NS-Kriegsdenkmal von 1935 sägen 1983 Unbekannte die Figurengruppe ab. Die Stadt Bochum lagert die Figuren im Stadtarchiv, lässt den Denkmalrest stehen und versieht ihn mit einer Tafel, die sich vom ursprünglichen Denkmal distanziert und den Rest zum Mahnmal gegen Faschismus und Krieg erklärt. 2012 fordern CDU-Mitglieder, den Urzustand des NS-Relikts wiederherzustellen. [DISS12, S. 44]
  • Am Weinheimer NS-Kriegsdenkmal von 1936 köpfen im November 1994 Unbekannte einen der drei marschierenden Soldaten, werfen den Kopf in den Rhein und hinterlassen das Schild Keine Nazidenkmäler. Seit August 1995 marschiert der Soldat mit einem gesponserten Ersatzkopf weiter. [Pie15, S. 84–90, 103–104]
Reinhart Koselleck deutet Farbaktionen als Hinweise auf die Sinnlosigkeit des Kriegstods:
„Wo die Sinnlosigkeit des Kriegstodes im Bewußtsein wachgehalten wird, vollzieht sich dies in außerinstitutionellen Bahnen. Dies äußert sich in häufiger Übermalung der Kriegerdenkmäler durch Inschriften mit dem Aufruf: Nie wieder Krieg. Ohne kultische Formen gewinnt die Erinnerung an die Millionen Toten einen neuen Sinn: Das Überleben selbst wird zur einzigen Herausforderung“ [Kos92, S. 343].

Fazit zu „Protestierend Beschädigen“

Beschädigungen aus Protest treffen oft auf Unverständnis und führen zu steuer- oder spendenfinanzierten Restaurierungsmaßnahmen. Das Bochumer Beispiel zeigt, dass sie auch Denkanstöße auslösen können.

Achtlos Zerstören

Diese Kategorie sammelt Vorschläge zum irreversiblen Beseitigen des NS-Kriegsdenkmals, sei es durch Sprengen, Abreißen, Verschottern, Zerbröseln oder Pulverisieren. „Achtlos“ steht für Unbekümmertheit, den Gebrauchswert als Unkulturdokument der NS-Geschichte unwiederbringlich zu vernichten. Die Kategorie ist wie Protestierend Beschädigen dem politischen Ikonoklasmus zuzuordnen, grenzt aber an Kulturvandalismus, einem „von oben“ gesteuerten Vandalismus.

Macht kaputt, was euch kaputt macht sangen Ton Steine Scherben 1970, eine allgemein-menschliche Neigung ausdrückend, die in allen politischen Strömungen vorkommt. So forderte der CDU-Politiker Heiner Geißler (1930–2017) wiederholt, die Berliner Siegessäule zu sprengen, weil sie „das dümmste Denkmal Deutschlands“ sei (ZDF Aspekte, 15.06.2012; Spiegel Online, 18.06.2012; The European, 23.06.2012; Süddeutsche Zeitung, 05.06.2015). Als im November 1969 DGB-Jugendgruppen aus Nordrhein-Westfalen forderten, „Kriegerdenkmäler als Ausdruck des steingewordenen Faschismus niederzureißen“, warf Der Heimkehrer. Stimme der Kriegsgeneration (Nr. 23, 15.12.1969) der Jugend vor, dass sie „"alles das zerschlagen will, was noch ist: die bürgerliche Weihnacht, Moral, Sitte, Tradition, den Totensonntag und die Kriegerdenkmäler"“, und folgerte, dass dann auch die sowjetischen Ehrenmale in West- und Ostberlin und in Wolgograd, der Hadrianbogen in Rom und das Grab des unbekannten Soldaten in Paris gestürzt werden müssten [Lur87, S. 431].

Die „emotionale Komponente unterscheidet das Symbol vom neutral informierenden Zeichen. Sie macht den Reiz des Symbols aus, aber ihretwegen gibt es auch erbitterten Streit um Symbole. Um das Ende eines politischen Regimes auszudrücken, kommt es häufig zu spontanen Denkmalstürzen: In symbolischen Gemeinschaftsaktionen werden Symbolfiguren ihrer Bedeutung als Leitbilder beraubt, steinerne Stellvertreter des alten Systems vom Sockel gestoßen. Die Sieger der Geschichte schleifen die Symbole des überwundenen Gegners, um ein Weiterwirken seiner Ideen zu verhindern“ [Beh96, S. 58].
Zu verhindern, dass die NS-Ideologie weiterwirkt, war auch Ziel der rational geplanten Alliierten Kontrollratsdirektive Nr. 30 vom 13. Mai 1946 zur „Beseitigung deutscher Denkmäler und Museen militärischen und nationalsozialistischen Charakters“, nach der das NS-Kriegerheldensymbol bis zum 1. Januar 1947 hätte vollständig zerstört und beseitigt werden müssen.

Sprengen – Zerstören – Befreien – Entfernen – Abreißen

Vorschläge: Im Juni 2017 diskutiert der Arbeitskreis Erinnerung den „Gestaltungsvorschlag der Sprengung und Zerstörung des Denkmales“, der nicht zur Auswahl steht, „da es nicht den Leitlinien zur Erinnerungskultur entspricht, das Denkmal zu zerstören“ (KA BV 17.10.2017). Im Oktober 2017 meint Stadträtin Derya Yildirim, „die Stadt könne beruhigt mehr Demokratie wagen und sich von den beiden Kriegerdenkmalen befreien. Der Sandstein und Sockel könne belassen [...] werden“ (KA WP 17.10.2017).

Im Januar 2018 fordert eine „autonome antifaschistische Gruppe“ „die Entfernung des Denkmals und eine komplette Umgestaltung des Luisenplatzes, der den Opfern und nicht den Tätern gedenkt“ (Bekennerschreiben der Antifa Paradise zum Kriegerdenkmal Radolfzell 16.01.2018).

Im März 2018 schlägt der Arbeitskreis Erinnerung vor: „Das Gefallenendenkmal wird komplett entfernt und die Namenstafeln werden auf dem Friedhof angebracht“ (KA BV 15.05.2018). Im Mai 2018 findet der Antrag „Abriss des Mahnmals und Ausschreibung eines künstlerischen Wettbewerbs mit dem Auftrag, etwas zu entwerfen als "Mahnung zum Frieden"“ in der Kulturausschusssitzung keine Mehrheit (KA WP 15.05.2018). Im November 2018 konstatiert Stadtrat Richard Atkinson: „Es handelt sich dabei nach wie vor um eine Skulptur der NS-Zeit. Hier wird Krieg verehrt“, doch sein Antrag, das NS-Relikt abzureißen und abzuschaffen, erhält im Kulturausschuss nur eine Ja-Stimme (SK 07.11.2018, WB 09.11.2018).

Kommentar: „Eine Zerstörung des Denkmals entspricht nicht den Radolfzeller Leitlinien zur Erinnerungskultur.“ Aus denkmalschützerischer Sicht ist dem zuzustimmen: Der dokumentarische Wert des NS-Denkmals ist in öffentlichem Interesse für kommende Generationen zu erhalten. Dies gilt entsprechend für Waffenarsenale des Mittelalters, Folterwerkzeuge der Hexenverfolgungen, Konzentrationslager der NS-Zeit.

Welche Maßstäbe gelten bei Erhaltung und Zerstörung kultureller Artefakte? In Wangen belegt ein Campingplatz den Standort der in der Pogromnacht zerstörten Synagoge. Was Radolfzell an Kulturgütern vernichtet hat, schildert eindrücklich Christof Stadler [Sta17]. In jeder Gemeinde wurden und werden Gebäude mit einmaligem zeitgeschichtlichen Wert beseitigt oder hoffnungslos verschandelt, um profitableren Objekten Platz zu schaffen. Erinnerungskultur ja, aber Profitinteressen gehen vor?

Andererseits stehen vielerorts NS-Kriegspropagandaobjekte wie in Radolfzell, oft fast wie seit ihrer Aufstellung. Dass in der Nachkriegszeit mit Altnazis durchsetzte Verwaltungen Eingriffe in NS-Denkmale abwehrten, ist nachvollziehbar. Verwunderlich ist, dass trotz biologischer Lösung des Altnazitums NS-Relikte immer noch wie heilige Kühe geschützt werden, denen keiner ein Schwanzhaar krümmen darf. Nur nichts verändern oder gar beschädigen! Jeder Farbklecks an einem Nazi-Monument führt zu medialer Empörung und strafrechtlicher Verfolgung der Kleckser wegen Sachbeschädigung eines öffentlichen Kulturguts. Offenbar setzen sich unterschiedliche Maßstäbe durch, je nach Stärke oder Schwäche der beteiligten Interessengruppen.

Das Beispiel Furtwangen zeigt, dass ein Gemeinderat den Abbruch eines NS-Relikts beschließen und 16 Jahre später den Beschluss widerrufen kann, unterschiedliche Gründe gegen einen Abbruch sprechen können, ein Konsens zum Abbruch schwer zu erreichen ist, und eine Abbruchdebatte eine Gemeinde unproduktiv spalten kann.

Fazit: Nein zu Zerstörung und Nein zu hysterischer Entrüstung, falls jemand wagt, die Zerstörung eines NS-Kriegspropagandaobjekts zu fordern.

Sonstiges, Fazit

Wie am Anfang des Abschnitts „Was tun damit?“ erwähnt, folgt ein Vorschlag, der in keine der obigen Kategorien passt.

Migrieren an einen anderen Gedenkplatz

Als Option erwähnt [Hug18U, S. 4] den Vorschlag: Das NS-Kriegsdenkmal lässt sich abbauen und an einem anderen Platz wiederaufbauen, der zu einem öffentlichen Gedenkplatz deklariert wird.

Realisiert beispielsweise in Murg, wo das 1938 errichtete NS-Kriegsdenkmal mit dem Handgranatenwerfer bei der Ortssanierung 2014 restauriert und um 50 Meter versetzt wurde – mit einem Kostenaufwand von mehreren zehntausend Euro (SK 23.10.2014).

Kommentar: Damit wird das NS-Relikt zwar seines bisherigen Kontexts am Luisenplatz entledigt, aber nicht des Kontexts, als NS-Kriegspropagandaobjekt Teil eines Gedenkplatzes zu sein. Ob damit das Ziel erreicht wird, das Denkmal als Magnet rechtsextremer Umtriebe zu entwerten, erscheint fraglich. Denn auch der neue Platz könnte zum nazistischen Wallfahrtsort verkommen.

Zwar wird das Ziel erreicht, das Denkmal als Anschauungsmaterial zu erhalten, aber das Problem, wie man an einem öffentlichen Platz Hintergrundinformationen effektiv vermitteln kann, stellt sich wie am Luisenplatz. Man kann das NS-Stück am neuen Standort apologetisch bewahren, technokratisch hervorheben, schamvoll verdrängen, aufklärend dekontextualisieren, protestierend beschädigen. Mit bloßer Migration ist nichts entschieden.

Fazit: Die Migrationsoption löst keine Probleme, sondern verlagert sie nur.

Fazit zu „Was tun damit?“

Von den sieben Kategorien zum Umgang mit dem NS-Relikt sind „Apologetisch Bewahren“ und „Achtlos Zerstören“ nicht tolerabel, „Technokratisch Hervorheben“, „Schamvoll Verdrängen“ und „Protestierend Beschädigen“ tolerabel aber problematisch, „Ratlos Lagern“ tolerabel, und „Aufklärend Dekontextualisieren“ akzeptabel. Rund zehn Vorschläge liegen in inakzeptablen Kategorien. In der einzigen akzeptablen Kategorie finden sich 15 Vorschläge, die man näher untersuchen, diskutieren, weiter entwickeln und ergänzen kann.

Selbst wenn ein Konsens bestünde, sich auf die Diskussion akzeptabler Vorschläge zu konzentrieren, wäre das ein langsamer Prozess, der sich weder erzwingen noch beschleunigen lässt. Doch auch was lang dauert, kann gute Ergebnisse hervorbringen. Den Radolfzeller Gremien sind für die anstehenden Diskussionen und Entscheidungen Mut und Entschlossenheit zu wünschen, damit sie für den Umgang mit dem NS-Kriegsdenkmal Lösungen finden, die sich klar und deutlich gegen Krieg und Faschismus, für Frieden und Demokratie positionieren und die überkommene Verdrängungskultur überwinden.

Radolfzell NS-Kriegsdenkmal+Textstele von hinten 2018-09-11 K. Hug Sichtbare Absätze, spiegelschriftlicher Text

„EPILOG

Ihr aber lernet, wie man sieht statt stiert
Und handelt, statt zu reden noch und noch.
So was hätt einmal fast die Welt regiert!
Die Völker wurden seiner Herr, jedoch
Daß keiner uns zu früh da triumphiert –
Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch!“

Bertolt Brecht (1898–1956): Die Gedichte in einem Band
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main (1981) S. 1212

Kriegsdenkmale anderswo

„Die Zahl der deutschen Kriegerdenkmäler zur Zahl der deutschen Heine-Denkmäler verhält sich hierzulande wie die Macht zum Geist.“
Kurt Tucholsky (1890–1935) alias Peter Panter: Bänkelbuch Die Weltbühne, Nr. 28 (09.07.1929) S. 58–60, hier: 60, in: Gesammelte Werke, Bd. 7, 1929 Reinbek (1989) S. 130
Deutschland hat über 100.000 Kriegsdenkmale (alte BRD, inklusive Gedenktafeln, nach Carola Nathan) [WiKD]. Davon präsentiert dieser Abschnitt eine kleine Auswahl von NS-Kriegsdenkmalen, die durch ihre Martialität mit dem Radolfzeller Exemplar konkurrieren oder Debatten zum Umgang mit ihnen auslösten, aus denen Radolfzell Lehren ziehen kann.

Die Darstellung der Denkmale ist locker strukturiert nach Merkmalen, Chronologie, Lehren. Quellverweise sind chronologisch geordnet.

Kreis Konstanz

Engen

Das 1936 errichtete NS-Kriegsdenkmal in Engen steht bis heute beim verschwundenen Obertor in der exponierten Ecke des alten Stadtgartens vor dem Steilhang. Der rund ein Meter hohe Sockel mit trapezförmigem Grundriss trägt eine massige, rund zwei Meter hohe Skulptur, die allansichtig freisteht. Ihre Kontur ist blockhaft geschlossen, ihre Oberfläche rau, porös, kalksteinfarben. Das Motiv ist eine überlebensgroße Figur aus zwei marschierenden Soldaten mit Fahne und Gewehr, deren Stil dem des Radolfzeller Soldatensteins ähnelt. Die Frontseite des Sockels trägt mit Metalllettern die Aufschrift „DEN TOTEN / BEIDER / WELTKRIEGE“, die offenbar nicht aus der NS-Zeit stammt. An den Sockelseiten sind Inschriften erkennbar, u.a. „E. GUTMANN BILDH. 1.IV.36 E. BOTTLING ARCH.“. Namen von Toten sind unleserlich.

Engen NS-Kriegsdenkmal 2018-09-07 K. Hug Kleine Brüder der Radolfzeller NS-Krieger mit Fahne und Gewehr wollen Krieg.

Ähnlichkeiten bei den Engener und Radolfzeller Soldatenduos sind offensichtlich: Mit Helm, Mantel, Stiefel, Gürtel, Fahne, Gewehr marschieren sie starren Blicks dem Feind entgegen. Aus bildhauerischen Gründen hat bei beiden Duos der figürlich linke Soldat den rechten Fuß vorne, der rechte den linken. Beide Denkmale lassen sich nach Meinhold Lurz dem Denkmaltyp „Sturmtrupp beim Marsch“ im Stil des NS-Pseudo-Realismus zuordnen [Lur86, S. 137, 141, 155]. Sie teilen auch ihre Lagen vor geschichtsträchtigen Stadttoren, von wo sie heimatschützend in den Krieg ziehen [Lur86, S. 255].

Engen NS-Kriegsdenkmal 2018-09-07 K. Hug Die arisch-nordisch-germanischen Retortengesichter wirken durch seltsam geformte Nasen.

Auch Unterschiede sind festzustellen. Formal die Spiegelung: In Engen trägt der figürlich linke Soldat die Fahne und der rechte das Gewehr, in Radolfzell ist es umgekehrt. Die Engener Soldaten sind zwei Jahre älter und zwei Meter kleiner als die Radolfzeller und aus drei statt vier Blöcken zusammengesetzt. Die SS-Garnisonsstadt begnügte sich weder mit einem Mini-„Ehrenmal“ noch mit einer doppelt so großen Kopie.

Als das Engener Kriegsmal entstand, sprach Hitler noch vom Frieden. Von 1936 bis 1938 verstärkten die Nazis ihre Kriegsvorbereitungen und -propaganda. Hält der Engener Fähnerich eine kurze Fahnenstange ziemlich schräg, sodass die Fahne bis zu den Kniekehlen hinunter schlafft, so trägt der Radolfzeller eine doppelt so lange Stange steil, sodass die Flagge über den Helmen flattert. Hat der Engener Infanterist sein Gewehr geschultert, sodass es auf Fotos kaum auffällt, so ist der Radolfzeller bereit, sofort zu schießen, denn der Krieg naht.

Anders variiert den Engener Gewehrträger das NS-Kriegerdenkmal von 1937 in Odenheim (Kreis Karlsruhe). Dort schultert ein Frontkämpfer ein leichtes Maschinengewehr Typ 08-15 und marschiert mit erhobener Linken forschen Schritts über einen französischen Helm [Lib14, Abb. 172, S. 280].

Engen NS-Kriegsdenkmal 2017-06-15 K. Hug „Schlechtes Propagandadenkmal“: Trotz weiten Schritts haften die hinteren Fersen am Boden.

Auch das Engener NS-Kriegsdenkmal war einst Nazikultstätte, als Volkstrauerfeierort diente es letztmals 2008. Dann entschied sich Engen dafür, das NS-Relikt zu dekontextualisieren. Die Tafeln mit den Namen der toten Soldaten kamen an die Außenwand der Friedhofskapelle. Inkonsequenterweise blieb die Totenwidmung am Sockel. Ein aufklärender Kontext wurde bisher nicht hergestellt, es gibt keine Informationen zur Geschichte des Denkmals, das funktionslos zwischen Bäumen steht, weder auf einer Tafel daneben noch im städtischen Webauftritt. Hier hat Radolfzell mit seinen unleserlichen Informationstafeln die Nase etwas vorn. Gleichauf liegen Engen und Radolfzell darin, dass sie ihre NS-Kriegsdenkmale als nicht sehenswert unter Tourismus & Kultur verschweigen.

Engen NS-Kriegsdenkmal 2018-06-16 K. Hug Unpolitisch vandalisierte Rückseite

Friedenszeichen: Im Auftrag der Stadt Engen gestaltete die Künstlerin Madeleine Dietz 2008/09 ein „Friedenszeichen“, an dessen Idee sich 110 Engener Bürger beteiligten, indem sie den Satz „Ich will Frieden“ händisch schrieben. Diese Schriftzüge wurden aus einer gebogenen Schriftrolle aus Cortenstahl herausgeschnitten, die jetzt auf dem Rasen zwischen der Friedhofskapelle und den Kriegsgräbern an zwei Pfeilern befestigt scheinbar leicht über dem Boden schwebt. Die Kosten lagen bei rund 40.000 Euro.

Engen Friedhof Madeleine Dietz Friedenszeichen 2018-09-07 K. Hug Madeleine Dietz: Friedenszeichen, 2009, Friedhof in Engen

Offiziell eingeweiht wurde das Friedenszeichen an dem von der Jugend gestalteten Friedenstag im Mai 2009. Bürgermeister Johannes Moser erklärte:

„Der heutige Friedenstag [...] sendet eine Botschaft des guten Miteinanders, des Friedens und der Toleranz in unserer Stadt und unter allen Generationen, und ist deshalb der geeignete Tag zur Einweihung des neuen Friedenszeichens. [...] Wenn wir heute ein Friedenszeichen einweihen, so ist das nicht nur die Gegenüberstellung von Krieg und Frieden. Wir stellen einem schlechten Propagandadenkmal ein intelligentes und hochwertiges Kunstwerk gegenüber. Ein Kunstwerk, das Menschen nicht trennt, sondern zusammenführt“ (SK 22.05.2009).
Engen Friedhof Madeleine Dietz Friedenszeichen 2018-09-07 K. Hug Das Friedenszeichen steht vor den Kriegernamenstafeln, die vom NS-Kriegsdenkmal an die Friedhofskapellenwand geführt wurden.

Am Volkstrauertag 2009 fand die Engener Gedenkfeier erstmals beim neuen Friedenszeichen auf dem Friedhof statt, nicht mehr am NS-Kriegsdenkmal. Bürgermeister Moser betonte:

„Wenn wir mit diesen Kriegerdenkmälern leben wollen, die den Krieg und das Sterben im Krieg verherrlichen, dann bedarf es einer Antwort der heutigen Generation, die uns, unsere Kinder und Jugendliche an unsere Verantwortung im Frieden erinnert“ (SK 16.11.2009).
Engen Friedhof Madeleine Dietz Friedenszeichen 2018-09-07 K. Hug Die individuellen Schriften kontrastieren zu den allesamt gleich gestalteten Namen auf den Tafeln, die die Gleichschaltung der Soldaten im Leben wie im Tod ausdrücken.

Lehren: Engen liegt bei diesen Dekontextualisierungsmaßnahmen vor Radolfzell:

  • Entweihen des NS-Kriegsdenkmals,
  • Umsiedeln der Namenstafeln zum Friedhof,
  • Schaffen eines neuen Friedensmahnmals,
  • Verlegen tradierter ritualisierter Feiern.
Engen investierte 2009 für ein „intelligentes und hochwertiges“ Friedenszeichen 40.000 Euro, Radolfzell diskutiert 2018 über eine sinnlose Versetzung des NS-Relikts, die zehntausende Euro kosten würde.
Quellen
[Bla14, S. 246], [Lur86]

jw:
Wie ein aufgeschlagenes Buch
Südkurier (23.10.2008)
suedkurier.de/archiv/region/kreis-konstanz/engen/art1360081,3480103

Jürgen Waschkowitz:
Bürger setzen ein bleibendes Zeichen
Südkurier (22.05.2009)
suedkurier.de/archiv/region/kreis-konstanz/engen/art1360081,3781148

hor:
„Unsere Antwort von heute“
Südkurier (16.11.2009)
suedkurier.de/archiv/region/kreis-konstanz/engen/art1360081,4035565

Baden-Württemberg

Murg
Furtwangen

Murg

Als „schlechtes Propagandadenkmal“ zur Kriegsverherrlichung übertrifft die NS-Soldatenskulptur in Murg (Hochrhein) die in Radolfzell, denn während die beiden Radolfzeller Soldaten noch dem Kriegsschauplatz zustreben, stehen ihre Murger Kameraden schon Schulter an Schulter im rechten Winkel am Rand des Schlachtfelds und sichten das Kampfgeschehen. Zögert der figürlich linke, mit der geballten Faust das Gewehr zu greifen, so ist der rechte bereit, eine Handgranate heroisch den Feinden entgegen zu schleudern. Als „aggressiver Sturmtrupp im Kampf“ ordnen sie sich Lurz' Denkmaltypen zu [Lur86, S. 155].

Murg NS-Kriegsdenkmal wikimedia Das Murger NS-Kriegsdenkmal am 18. August 2012 am alten Standort auf dem Schulhof:

„Der deutsche Feldsoldat im Stahlhelm zeigt den Typus an, Inschriften auf den Sockeln nennen die Heldennamen, Blumen und Kränze bezeugen die Liebe, welche das Andenken an die Toten umgibt“, die „die Stelle der Heiligen einnehmen könnte[n]“ Alfred Rosenberg: Der Mythus des 20. Jahrhunderts [Ros34, S. 618].
Quelle: commons.wikimedia.org/wiki/File:Murg_Kriegerdenkmal_1080668.jpg
Urheber: Flominator (talk)
Lizenz: GNU Free Documentation License

Das 3,85 Meter hohe „Kunstwerk“ wurde 1938 vom Freiburger Bildhauer Hugo Knittel (1888–1958) aus Beton gegossen und im Hof der Murger Murgtalschule auf einem wuchtigen, 1,4 Meter hohen Sockel errichtet, auf dem vorne die Widmung der Gemeinde und seitlich Namen von „Gefallenen“ standen, um die Schüler frühstmöglich an die Kriegskunst heranzuführen – die Kunst, sein Leben sinnlos für Kriegstreiber zu opfern. In einem Zeugnis für den Künstler pries der Bürgermeister das Murger Kriegerdenkmal als eines der schönsten Oberbadens, da es „das Wollen und Kämpfen des deutschen Soldaten“ in vollendeter Form darstelle (SK 11.01.2012). Der Perfektionist Knittel, Mitglied der NSDAP und der Reichskammer für bildende Künste, war aus Gesundheitsgründen aus dem Weltkriegsdienst entlassen worden [Kai12, S. 80–81]. Der Murger Bürger F.B., Jahrgang 1931, erinnert sich mit 83 Jahren an die Soldaten-Heiligen:

„Als 1939 der Zweite Weltkrieg ausbrach, wurde ich in die 1. Klasse der Murger Volksschule eingeschult. [...] Das damals erst seit Kurzem aufgestellte Murger Kriegerdenkmal war fast wie ein Heiligtum. In der Pause durften wir niemals um das Denkmal herum rennen, da war Oberlehrer Schiess sehr streng“ (Murg im Wandel).
Wozu ein Kriegerdenkmal auf dem Schulhof? Antworten geben fünf Zitate, die nicht aus Reden der NS-Prominenz bei der Einweihung am 23. August 1938 stammen. Schon im Oktober 1932 forderte Reichswehrminister General von Schleicher (1882–1934) in einem Brief an Reichskanzler von Papen (1879–1969),
„die gesamte heranwachsende Jugend einer systematischen Wehrertüchtigung zu unterziehen“ [Wet79, S. 124].
An solche „Vorarbeiten zur psychologischen Mobilisierung“ anknüpfend kommandierte NS-Kultusminister Bernhard Rust (1883–1945) bei der Einweihung der „Hochschule für Lehrerbildung“ in Lauenburg, Pommern, am 24. Juli 1933:
„Die Schule hat sich auszurichten nach dem Geiste unseres grossen feldgrauen Heeres und hat dafür zu sorgen, dass ein ganzes Volk in seiner Totalität auf diesen Gedanken hin erzogen wird“ [Sch34, S. 461].
Der Propagandist der „Wehrwissenschaft“, NS-Professor Ewald Banse (1883–1953) von der Technischen Hochschule Braunschweig, der dieses Fach schon an den Schulen gelehrt haben wollte, in Heft 8 der Deutschen Schule:
„Es ist wichtiger, dass das deutsche Kind über die Grundfragen der Wehrtechnik und über die Wehrlage Frankreichs unterrichtet ist, als dass es die Lebensbedingungen der Lurche oder die Agrarfragen der alten Römer kennt“ [Sch34, S. 468].
Im August 1933 schlug die Pfälzische Presse vor, der Kaiserslauterner Jugend eine „Pflegestätte für die nationale Volksertüchtigung“ zu widmen, in der sich Volkssport, Schießübungen und Geländesport ergänzen sollten:
„Der Geist unserer Toten aus dem Weltkrieg wird an dieser Stätte weiter leben und unsere Jugend begeistern, es ihnen gleichzutun in den besten deutschen Mannestugenden, wie sie sich in den alten Soldaten verkörpert haben: in der Bereitschaft zum Opfer bis in den Tod, in der Treue und in der Kameradschaft in dem Kampfe für das Vaterland“ (Pfälzische Presse (12.08.1933) zit. n. [Lur86, S. 171]).
Die Frankfurter Nachrichten berichteten am 30. Oktober 1933:
„Im deutschen Jungen ist der Soldat erwacht, der immer in ihm steckt. Er fiebert, vom Hosenmatz an, auf den Augenblick, da er in der Reihe stehen kann, gehorchen lernen muss und einmal vielleicht befehlen darf“ [Sch34, S. 470].
Murg Kriegerdenkmal 018 2018-09-13 W. Glanert Erwachte deutsche Jungen am neuen Standort hinter der alten Schule: „Und wenn die Handgranate kracht, das Herz im Leibe lacht.“ © Willmut Glanert

Mit dem Geist „unseres grossen feldgrauen Heeres“ und „unserer Toten aus dem Weltkrieg“ wehte der Geist der nazistischen Pädagogik durch Murg wie durch andere Städte, die als Aufstellungsorte ihrer Kriegerdenkmale Schulen wählten, „in denen sich die Denkmäler speziell an die Jugend wandten“; seither steht die Murgtalschule in Murg in einer Reihe mit dem „Realgymnasium von Uelzen bei Hannover, der Adolf-Hitler-Schule in Pforzheim und der Kreisoberrealschule in Kaiserslautern“ [Lur86, S. 244].

„Die Aufrichtung von Kriegerdenkmälern in Schulen verpflichtet deutlicher als andere Aufstellungsorte speziell die Jugend, sich in der Tradition der Kriegstoten zu begreifen“ [Lur87, S. 286].
Das Murger NS-Kriegsmal belegt:
„Die Universitäten und Schulen leisteten ebenso wie die Hitler-Jugend, die SA, der Arbeitsdienst und der Bund Deutscher Mädel (BDM) ihren Beitrag zur psychologischen Rüstung für den Krieg“ [Wet79, S. 126–127].
Die Symbole Faust, Gewehr und Handgranate, die dem Denkmal seine Aggressivität verleihen, wählte Knittel aus tradiertem Fundus. Faustballende Krieger standen seit Ende des Ersten Weltkriegs als beliebtes Motiv auf deutschen Kriegsmalen, wie in Berlin-Kreuzberg (1924), Göttingen (1925), Hamburg-Altona (1925), Stuttgart-Feuerbach (1929), Enger (1929), Hüllhorst (1930), Göttingen (1931), Wuppertal-Nächstebreck (1931), Hamburg-Harburg (1932), Paderborn (1934), Rüthen-Kneblinghausen (1934–1938), Weinheim (1936), Rostock (1936) [Lib14, Abb. 27–39, S. 74–81]. Die Faust visualisierte die „Ohnmacht der Geschlagenen“, die Wut über den Versailler Vertrag, Rachegefühle, Entschlossenheit und Bereitschaft zu Kampf und Krieg; sie diente „als Zeichen von Trotz und Revancheabsichten“ [ebd.; Lur86, S. 144].

Die faustballende Knittel-Figur ähnelt inhaltlich und stilistisch stark den Einzelfiguren in Hüllhorst, Paderborn und Rüthen-Kneblinghausen, denn auch sie halten mit der rechten Hand ein auf den Boden gestelltes Gewehr. Doch während sie statisch breitbeinig auf ihrem Sockel stehen, als Wachposten „einer größeren Zukunft entgegenharrend“, bewegt Knittel seine Figur in den Kontrapost, versetzt sie in den aktuellen Kampf und gesellt ihr einen Handgranatenwerfer dazu.

Auch handgranatenwerfende Figuren waren international bei Kriegsmalstiftern beliebt; für 1919–1936 listet de Libero 8 in Deutschland, 8 in Frankreich und 7 in Österreich, Italien, Belgien, Großbritannien und Australien [Lib14, Abb. 69, 70, S. 106–108]. Doch nicht nur Bildhauer nutzten das Motiv; so zeigte die „Grosse Deutsche Kunstausstellung“ 1937 in München das Ölgemälde Die letzte Handgranate des NS-Malers Elk Eber (1892–1941) [Mat90, S. 57–58]; der „Dekorateur der Gewalt“ Franz Eichhorst (1885–1948) malte 1938 in sein Wandbild Maschinengewehrnest im Rathaus Schöneberg einen Handgranatenwerfer über drei krepierte Kameraden [FiD88, S. 206–208, 285]. Das Kölner „Reichsehrenmal der deutschen Feldartillerie“ von 1936 platzierte hinter „ein zerschossenes Geschütz“ einen „noch mit einer Handgranate kämpfenden Feldartilleristen“ [Lur86, S. 144]. Das sozialdemokratische Potsdamer Volksblatt kommentierte am 11. Juli 1923 die Einweihung des Handgranatenwerfers des ehemaligen Garde-Jäger-Bataillons in Potsdam:

„Der Soldat als Mörder, wie er die Handgranate hebt und sie auf den Gegner schleudert! Sind es Wahnsinnige oder sind es überspannte Menschen, die den Krieg verherrlichen, die nach Rache schreien in einer Stunde, wo den Völkern der Frieden zur [!] ihrer Gesundung und Heilung nötiger tut denn je“ [Lib14, S. 108].
In Murg gab es 1938 keine Zeitung mehr, die solch einen Kommentar hätte veröffentlichen können. Nach dem Zweiten Weltkrieg überstand das Murger NS-Kriegsvorbereitungsmal die Kontrollratsdirektive Nr. 30 unbeschadet. Durch Austauschen der Inschrift wurde es zum NS-Kriegsnachbereitungsmal umfunktioniert – wie vielerorts.

Murg Kriegerdenkmal 005 2018-09-13 W. Glanert UNSEREN GEFALLENEN / 1914♦1918✚1939♦1945 / ZUM GEDÄCHTNIS © Willmut Glanert

Das insgesamt 5,25 Meter hohe NS-Kriegsrelikt auf dem Schulhof war stets umstritten. Im Jahr 1992 entscheidet sich der Murger Gemeinderat gegen eine teure Sanierung der bröckelnden NS-Krieger und für ein neues Denkmal an einem geeigneteren Standort. Doch das Landesdenkmalamt stuft die NS-Skulptur als erhaltenswert ein und akzeptiert keinen Abbau, nur eine Verlegung. Da sich kein Ersatzstandort findet, verwittert sie bis zur Baufälligkeit. Im Jahr 2000 erhört der Gemeinderat die Rufe der Traditionsbewahrer und beschließt die Sanierung des NS-Relikts für 45.000 Euro. (SK 30.01.2003)

Versetzung: Wenige Jahre später erlebt Murg eine erregte Debatte darüber, ob man die NS-Soldaten im Zuge der Neugestaltung der Ortsmitte abräumen, ersetzen, versetzen – und falls ja, wohin – oder am Standort lassen soll. Im August 2011 beschließen sieben Vorstandsmitglieder des Murger Ortsverbands des Sozialverbands VdK Deutschland e.V. (VdK = „Verband der Kriegsbeschädigten, Kriegshinterbliebenen und Sozialrentner Deutschlands“), dass „das Kriegerdenkmal [...] am jetzigen Standort neben der Murgtalschule erhalten bleiben und nicht versetzt werden“ soll (SK 15.08.2011). Dafür sammelt der VdK-Ortsverband im Januar 2012 Unterschriften mit diesen Argumenten:

  • Das Denkmal sei ein Stück Murger Geschichte, gehöre zu Murg und solle bleiben wo es ist, da man Geschichte nicht einfach abräumen könne.
  • „Der größte Teil der Kriegsheimkehrer habe sich mit dem Denkmal identifiziert“.
  • Das Denkmal „sei ein "Mahnmal für den Frieden, ein Ort der Trauer, des Gedenkens und der Erinnerung";
  • es mache der jüngeren Generation Geschichte anschaulich, weshalb sich der Standort neben der Schule besonders gut eigne“;
  • die Skulpturengruppe bilde mit dem 1911/12 errichteten Jugendstil-Schulgebäude eine architektonische Einheit;
  • „der Schöpfer des Denkmals“, Hugo Knittel, sei „ein anerkannter Künstler gewesen“. „Natürlich habe er sich dem damaligen Kunstverständnis anpassen müssen.“ (SK 05.01.2012)
Auf einer Bürgerversammlung und einer Gemeinderatssitzung kommen weitere Argumente hinzu:
  • Eine Verlegung des „Ehrenmals“ wäre „gegenüber den Gefallenen undankbar, pietätlos, respektlos“.
  • „Eine Entfernung aus der Ortsmitte“ ließe „die Toten auch in der öffentlichen Erinnerung sterben“.
  • Der VdK-Ortsvorsitzende Wolfgang Lauber beklagt, „dass das ortsbildprägende Murger Kriegerdenkmal, eine der eindrucksvollsten Sehenswürdigkeiten unserer Gemeinde, in eine Ecke hinter das Schulhaus versetzt werden soll, wo es zwangsläufig als Fremdkörper empfunden werden muss. Es soll von seinem angestammten Platz, der Geschichte atmet, und auf dem über Jahrzehnte, oftmals unter Tränen, der Gefallenen beider Weltkriege gedacht wurde, entfernt werden.“
Kein einziges Gemeinderatsmitglied folgt diesen Absurditäten. Dagegen fordert die Gesamtlehrerkonferenz der Murgtalschule einstimmig die Entfernung des Kriegerdenkmals vom Schulhof (SK 20.01.2012). Vorschläge, das NS-Relikt aus dem öffentlichen Raum zu entfernen, es umgestaltet zu verschieben, „ein zeitgemäßes Monument an einem anderen Ort“ zu schaffen, finden keine Mehrheit im Gemeinderat. Der technokratisch hervorhebende Entwurf eines Landschaftsarchitekten, die NS-Soldaten am oberen Ende einer großen Freitreppe über der Ortsmitte zu exponieren, wird verworfen. Als „Kompromiss“ zwischen apologetischem Bewahren und achtlosem Zerstören beschließt der Gemeinderat im Januar 2013, die NS-Krieger zwecks Neugestaltung des Schulgeländes um rund 50 Meter von der Südwest- zur Nordwestseite der Murgtalschule vor den Sport- und den Kinderspielplatz zu versetzen und erneut zu sanieren. Der VdK verzichtet „um des Friedens willen“ auf ein Bürgerbegehren. (SK 23.01.2012, SK 30.01.2012, BZ 06.02.2013)

Murg Kriegerdenkmal 011 2018-09-13 W. Glanert Das NS-Kriegsdenkmal von 1938 bildet mit dem Jugendstil-Schulgebäude von 1911/12 eine architektonische Einheit, meint der VdK-Ortsverband. © Willmut Glanert

Am 23. Oktober 2014 wird das aus sechs Betonteilen bestehende Monument mithilfe eines Krans versetzt. Die Kosten belaufen sich inklusive Restaurierung auf mehrere zehntausend Euro. (SK 23.10.2014)

Murg Kriegerdenkmal 012 2018-09-13 W. Glanert Am neuen Standort zielt der Handgranatenwerfer auf den Sportplatz vor den Kriegern, der offiziell nicht der Wehrertüchtigung dient. © Willmut Glanert

Wozu ein Kriegerdenkmal neben dem Sportplatz? „Sport und Leibeserziehung als Wehrertüchtigung zu begreifen“, war „bereits seit den Freiheitskriegen geübte Praxis“ [Fis90, S. 33]. „Auch im wilhelminischen Kaiserreich lebte diese Tradition weiter“ [ebd.]. In der Weimarer Republik „wurden zahlreiche Sportstätten mit Gefallenendenkmälern verbunden“, z.B. in Berlin, Hannover, Kassel [ebd. S. 34]. Im Tannenberg-Denkmal in Ostpreußen wurde eine Jugendherberge eingerichtet, direkt daneben eine „Kampfbahn“ angelegt [ebd. S. 32]. „Von den Sportlern wurde also erwartet, daß sie den Wettkampf als Vorbereitung für einen künftigen Krieg begriffen. Sport wurde so zum Mittel, das Individuum in eine kampfbereite Gemeinschaft einzuordnen“ [ebd. S. 34]. So verwundert es nicht, dass die Nazis den Sport für ihre Kriegsvorbereitungen nutzten.

Murg Kriegerdenkmal 010 2018-09-13 W. Glanert Auch spielende Kinder behalten den Ernst des Kriegslebens stets vor Augen. © Willmut Glanert

Mahntafel: Im Jahr 2017 erhalten die versetzten NS-Krieger eine Metallstele mit der Inschrift „NIE / WIEDER / KRIEG“ und dem Zusatz „Für Frieden / Freiheit und / Demokratie“ beigestellt. Murgs Bürgermeister Adrian Schmidle enthüllt die neue Mahntafel am Volkstrauertag mit dem Hinweis, sie solle das Kriegerdenkmal „in einen geschichtlichen Kontext setzen. Zudem soll[e] demnächst eine noch anzufertigende Informationstafel das Denkmal erklären und über den Künstler informieren.“ Doch den Kranz legt der Bürgermeister zu Füßen des Handgranatenwerfers nieder. Die Botschaft: Friedensfreunde, da habt ihr eure Mahntafel, wir bekränzen trotzdem unsere NS-Helden. (SK 19.11.2017)

Murg Kriegerdenkmal 001 2018-09-13 W. Glanert NIE WIEDER KRIEG Für Frieden Freiheit und Demokratie
UNSEREN GEFALLENEN 1914♦1918✚1939♦1945 ZUM GEDÄCHTNIS © Willmut Glanert

Die künstlerisch spracharme Lösung der rostigen Stele verzichtet „auf eine figürliche oder symbolische Deutung des Kriegstods“ und beschränkt „ihre Aussage auf die Inschrift“ [Lur87, S. 140]. Die Botschaft dringt nicht in die „gewählte Form“ vor, die Stele dient als „bloßer Schriftträger“ [Lur87, S. 537]. Die Mahnungen lassen offen, wie Krieg verhindert und Frieden gesichert werden soll – ob mit weniger oder mehr Waffen, durch Verständigungs- oder Drohpolitik.

Warum greifen die Mahnmalstifter auf das „Nie wieder Krieg!“ aus der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg zurück? Warum konfrontieren sie die NS-Krieger nicht mit der nach dem Zweiten Weltkrieg erhobenen konkreteren Forderung „Nie wieder deutsche Soldaten!“? Warum verschmähen sie Franz Josef Strauß' Mahnung von 1947: „Wer noch einmal ein Gewehr in die Hand nimmt, dem soll die Hand abfallen!“? [Wet92b, S. 40]
Murgs offizieller Webauftritt bietet weder zur neuen Mahntafel noch zum restaurierten NS-Relikt noch zur NS-Geschichte einen Hinweis. Unter „Freizeit & Tourismus“, „Kunst & Kultur“, „Historisches & Kirchen“, „Murgs Geschichte“ finden sich allerlei Informationen und Fotos, aber nichts zu Murgs „ortsbildprägender eindrucksvoller Sehenswürdigkeit“. Zehntausende Euro für Sanierung und Versetzung, keine Zeile im Webauftritt.

Murg Kriegerdenkmal 024 2018-09-13 U. Glanert Würdevoller Sehenseindruck im beschaulichen Wohngebiet zwischen Schwarzwald und Rhein © Ursula Glanert

Wie ordnen sich Murgs Maßnahmen zu seinem NS-Relikt in die Was-tun-damit-Kategorien ein? Nicht eindeutig. Apologetisches Bewahren greift durch das mehrfache Restaurieren einen starken Anteil. Verdrängen – wenn auch kaum schamvolles – äußert sich im Versetzen der NS-Krieger von der Front der Schule an den Rand der Rückseite. Aufklärung schwächelt mit der simplen Mahntafel, die in Fotos als braunes Rechteck erscheint. Dekontextualisierung ist nicht erkennbar, wo ein Handgranatenwerfer als Volkstrauerkranzdeponie dient.

Lehren: Was kann Radolfzell von Murg lernen (und umgekehrt)?

  • Die Informationsdefizite in ihren Webauftritten sind ähnlich erschreckend.
  • Bröckelt dein NS-Stein, so überlege, ob du die Mittel für eine Sanierung nicht sinnvoller einsetzen kannst.
  • Geht es ums Bewahren, dann auferstehen unterirdische Argumente, die Emotionen und Vorurteile bedienen. Bleib auf dem Boden der Tatsachen.
  • Freilich war es angebracht, das Murger NS-Kriegsdenkmal aus der Mitte des Schulhofs zu entfernen. Aber gebracht hat die Versetzung von vorne nach hinten nichts, was seine Dekontextualisierung betrifft. Es dient auch hinter der Schule als Kranzablegeort. Am Sportplatz signalisiert es der Jugend, dass Sport Wehrertüchtigung ist. Kein Vorbild für Radolfzell. Versetzen? Lass es lieber stehen.
  • Eine kleine Metallstele neben einem über fünf Meter hohen Betonklotz reicht nicht als Kontrapunkt zur Dekontextualisierung. Sicher sind die Parolen „NIE WIEDER KRIEG“ und „Für Frieden Freiheit und Demokratie“ zu befürworten. Um einen aufklärenden Kontext herzustellen, genügen sie nicht. Da war Radolfzell schon 2001 mit seiner Textstele besser aufgestellt als Murg 2017.
  • Aufklärung erfordert mehr als neben einem NS-Kriegspropagandaobjekt auf eine Tafel zu schreiben, man müsse das aus der Historie heraus verstehen, so war das eben in der Nazizeit, der Künstler habe sich wie alle anpassen müssen, es sei trotzdem ein Kunstwerk. Hier lässt Radolfzell mit seinen leider unleserlichen Informationstafeln Murg weit hinter sich.
  • Mit der Versetzung seines NS-Kriegsmals 2014 schaffte Murg dessen Umrahmung mit buntem Blumenschmuck ab, der das Relikt jahrzehntelang aufgewertet hatte. Radolfzell sollte sich gut überlegen, ob es ab 2019 mit Sophie-Scholl-Rosen andersrum marschieren will (s. Chronologie 06.11.2018).
Murg Kriegerdenkmal 009 2018-09-13 W. Glanert Kinderspielplatz, Sportplatz, Schule, Handgranatenwerfer – Murks in Murg © Willmut Glanert
Quellen
[Lib14], [Lur86]

Wikipedia: Hugo Knittel
de.wikipedia.org/wiki/Hugo_Knittel

Brigitte Chymo:
Krieger im Sturm der Zeit
Südkurier (30.01.2003)
suedkurier.de/archiv/region/hochrhein/bad-saeckingen/art1360031,249604

Werner Vökt:
Das Murger "Kriegerdenkmal"
Jahrbuch des Geschichtsvereins Hochrhein e.V. (2011) S. 36–47 [nv]

Bleiben die Krieger in Murgs Mitte?
Südkurier (30.06.2011)
suedkurier.de/archiv/region/hochrhein/murg/art1360056,4970629

herbrig:
Kriegerdenkmal soll bleiben
Südkurier (15.08.2011)
suedkurier.de/archiv/region/hochrhein/murg/art1360056,5055949

Unterschriften für Kriegerdenkmal
Südkurier (05.01.2012)
suedkurier.de/archiv/region/hochrhein/murg/art1360056,5308906

Markus Vonberg:
Diskussion über Kriegerdenkmal
Südkurier (11.01.2012)
suedkurier.de/archiv/region/hochrhein/murg/art1360056,5316613

Ein Denkmal mit Vorgeschichte
Südkurier (11.01.2012)
suedkurier.de/archiv/region/hochrhein/murg/art1360056,5316792

Markus Vonberg:
„Einen neuen Platz finden“
Südkurier (19.01.2012)
suedkurier.de/archiv/region/hochrhein/murg/art1360056,5330237

Markus Vonberg:
Murg verortet sich selbst
Südkurier (20.01.2012)
suedkurier.de/archiv/region/hochrhein/murg/art1360056,5331749

Markus Vonberg:
Debatte um Kriegerdenkmal
Südkurier (23.01.2012)
suedkurier.de/archiv/region/hochrhein/murg/art1360056,5335629

Markus Vonberg:
Murg denkt über Alternativen nach
Südkurier (27.01.2012)
suedkurier.de/archiv/region/hochrhein/murg/art1360056,5342662

Denkmal im Blick der Historiker
Südkurier (11.04.2012)
suedkurier.de/archiv/region/hochrhein/waldshut-tiengen/art1360065,5457337
Kopie:
Geschichtsverein Hochrhein e.V., Pressespiegel:
geschichtsverein-hochrhein.de/indexa.htm?geschichtsverein-presse/pressespiegel.htm

Ortsverband rudert zurück
Südkurier (24.09.2012)
suedkurier.de/archiv/region/hochrhein/murg/art1360056,5697051

Markus Vonberg:
Gespräch über Kriegerdenkmal wird sachlich
Südkurier (15.12.2012)
suedkurier.de/archiv/region/hochrhein/murg/art1360056,5818985

Markus Vonberg:
Murg gestaltet seine Mitte
Südkurier (30.01.2013)
suedkurier.de/archiv/region/hochrhein/murg/art1360056,5879134

Die Debatte ums Murger Kriegerdenkmal
Südkurier (30.01.2013)
suedkurier.de/archiv/region/hochrhein/murg/art1360056,5879642

Michael Gottstein, Winfried Dietsche:
Lauber billigt Entscheid "um des Friedens willen"
Badische Zeitung (06.02.2013)
badische-zeitung.de/murg/lauber-billigt-entscheid-um-des-friedens-willen--68886893.html

Markus Vonberg:
Kriegerdenkmal steht bald an neuem Ort
Südkurier (29.08.2014)
suedkurier.de/archiv/region/hochrhein/murg/art1360056,7207556

Namen der Gefallenen auf Kriegerdenkmal bleiben präsent
Südkurier (15.10.2014)
suedkurier.de/archiv/region/hochrhein/murg/art1360056,7326347

Kriegerdenkmal wird heute versetzt
Südkurier (23.10.2014)
suedkurier.de/archiv/region/hochrhein/murg/art1360056,7347724

Michael Gottstein:
Fotos: Das Murger Kriegerdenkmal ist am neuen Platz
Badische Zeitung (23.10.2014)
badische-zeitung.de/fotos-das-murger-kriegerdenkmal-ist-am-neuen-platz?id=93407943

Markus Vonberg:
Murg streitet um Statue: Nazi-Denkmal oder würdige Gedenkstätte?
Südkurier (23.10.2014)
suedkurier.de/archiv/region/hochrhein/murg/art1360056,7348636

Michael Gottstein:
Murg (D) Die zwei deutschen Soldaten gehen auf eine 50-Meter-Reise
az Aargauer Zeitung (23.10.2014)
aargauerzeitung.ch/aargau/fricktal/die-zwei-deutschen-soldaten-gehen-auf-eine-50-meter-reise-128487162

Michael Gottstein:
In zweieinhalb Stunden war alles vorbei
Badische Zeitung (24.10.2014)
badische-zeitung.de/murg/in-zweieinhalb-stunden-war-alles-vorbei--93422340.html

Charlotte Fröse:
Schmidle enthüllt Mahntafel an Kriegerdenkmal
Südkurier (19.11.2017)
suedkurier.de/region/hochrhein/murg/Schmidle-enthuellt-Mahntafel-an-Kriegerdenkmal;art372614,9503027

Furtwangen

Entgegen alphabetischer oder chronologischer Ordnung folgt Furtwangen im Schwarzwald auf Murg aufgrund der Szene, die sein NS-Kriegsmal darstellt: Statt zwei zeigt es drei Soldaten, statt am Rand des Schlachtfelds befinden sie sich mittendrin, statt zu zögern holt der figürlich rechte Soldat sprungbereit zum Handgranatenwurf aus, während die Handgranate am geschwungenen Arm des aufrechten mittleren Soldaten kurz vor dem Wegfliegen ist und der linke Kamerad das Gewehr haltend auf die Knie sinkt, um den „heroische[n] Tod, das edle Sterben ohne Blut und Wunden“ vorzuführen [Lib14, S. 212]. Der stehende Handgranatenwerfer existiert allerdings nur noch von der Hüfte fußwärts, da sein Oberkörper 1977 verschwand. Als „aggressiver Sturmtrupp beim Angriff“ variiert das Trio Lurz' Denkmaltypen [Lur86, S. 155].

Furtwangen Kriegerdenkmal 1379 2018-09-25 K. Hug Das Furtwanger NS-Kriegertrio im Stadtgarten tritt mit Kampfwillen und Opferbereitschaft dem unsichtbaren Feind entgegen.

Wie das Murger wurde das Furtwanger Soldatendenkmal von Hugo Knittel geschaffen. Obwohl sich die Murger Szene in die Furtwanger fortsetzt, wurde die Furtwanger Skulptur 1937 eingeweiht, die Murger 1938. Anders als die mehrfach sanierten Murger Soldaten sind deren Furtwanger Kameraden dem Schicksal alles Vergänglichen überlassen. Sie präsentieren sich nicht herausgeputzt neben dem Sportplatz Schuljungen zum Vorbild, sondern fügen sich abseits im Schatten der Bäume des Stadtgartens am Bregufer ihrem natürlichen Verfall.

Furtwangen Kriegerdenkmal 1390 2018-09-25 K. Hug Blick von der Friedrichstraße in den Alois-Herth-Anlage genannten Stadtgarten

Nichts weist in der Schwarzwaldstadt mit der renommierten Hochschule und in ihrem Webauftritt darauf hin, dass sie neben dem Uhrenmuseum eine weitere historische Attraktion bietet: das im Stadtgarten versteckte NS-Relikt. Doch sei dessen Geschichte der Reihe nach als Exzerpt des hervorragenden Beitrags von Helga und Hans Kaiser erzählt [Kai12], auf den sich die Seitenangaben beziehen.

NS-Bürgermeister Dr. Miltner und NS-Gemeinderäte bildeten 1934 einen Ausschuss, der die „Erstellung eines Kriegerdenkmals in Furtwangen“ prüfen sollte (S. 78). Am 26. Mai 1936 warb Knittel, der schon Dutzende von Kriegerdenkmalen geschaffen hatte, in einem Brief an die Stadtverwaltung Furtwangen für „seine ergebensten Dienste“ (S. 80):

„Der bekannte Gelehrte, Kunsthistoriker u. Denkmalspfleger Badens, Prof. Dr. Jos. Aug. Behringer [Beringer aus Mannheim, K.H.][...] schreibt wie folgt über meine Arbeiten: ‚Knittel hat in Form und Gestalt immer aus tiefster Empfindung und inniger Volksverbundenheit in volksverständlicher und natürlicher Gestaltung den Dank der Heimat an die Opfer des Weltkriegs ausgesprochen und dem Tod auf dem Felde der Ehre seine Schrecken und sein Peinigendes genommen, den Mitlebenden zum Danke, den Nachlebenden zum Beispiel und zur Nacheiferung‘“ (S. 81).

Ist es diese kunsthistorische Wertung von 1936, die den VdK-Ortsverband Murg 76 Jahre später zur Erkenntnis inspiriert, Knittel sei ein „anerkannter Künstler gewesen“?

Furtwangen Kriegerdenkmal 1352 2018-09-25 K. Hug „Dem Tod auf dem Felde der Ehre seine Schrecken und sein Peinigendes genommen“: Mit unsichtbar zerschmetterter Heldenbrust stirbt er glückselig für seinen „Führer“.

Mit den Plazets von Kriegerbund und Denkmalausschuss beauftragte der Bürgermeister am 24. November 1936 Knittel mit der Ausführung des Projekts „Ehrenmal im Stadtgarten“ zum Gesamtpreis von 12.000 RM, der mit Freitreppe, Pylonen und Gestaltung der Anlage auf rund 20.000 RM anstieg (S. 81).

„Der Entwurf Knittels sah eine Figurengruppe von drei Soldaten in eineinhalbfacher Lebensgröße vor, zwei Kämpfende und ein Sterbender, gefertigt aus wetterhartem, imprägnierten Vulkan-Kunstmuschelkalkstein, der Sockel aus gleichem Material, mit eingehauenen Inschriften und den Namen der Toten, der Untersockel mit Betonfundament sowie zwei seitlich angebrachten Steinkloben für die Aufhängung der Kränze und zwei Pylonen mit Bronze-Feuerschalen“ (S. 82).
Furtwangen Kriegerdenkmal 1337 2018-09-25 K. Hug Das Furtwanger NS-Kriegsdenkmal 2018 ohne Steinkloben, Pylonen, Feuerschalen

Als Sockelinschrift fand Knittel den passenden Sinnspruch unter den „Heldengedichten“ des „Freiheitskämpfers“ Theodor Körner (1791–1813) im Drama Zriny, 5. Akt, 2. Auftritt (S. 82):

Furtwangen Kriegerdenkmal 1340 2018-09-25 K. Hug Die Inschrift hielt nicht aus in Sturmeswettern, stattdessen ließ das Schicksal sie verwittern.

„1914 ✚ 1918
SIE HIELTEN AUS IN KAMPF UND STURMESWETTERN
UND STANDEN TREU BEI TUGEND RECHT UND PFLICHT
DAS SCHICKSAL KANN DIE HELDENBRUST ZERSCHMETTERN
DOCH EINEN HELDENWILLEN BEUGT ES NICHT“

An den beiden Sockelseiten steht über heute unleserlichen Namen:

„DEN IM FELDE DER EHRE GEFALLENEN“

Romantisch-patriotische Lyrik aus den antinapoleonischen Befreiungskriegen zur pseudo-realistisch gestalteten Szene aus dem Ersten Weltkrieg? Das über ein Jahrhundert ältere Zitat sollte das NS-Werk ins Zeitlose überhöhen – eine damals gern geübte Mittel-Zweck-Relation [Lur86, S. 276]. Nach dem Ersten Weltkrieg wurden auch Zitate anderer berühmter Dichter wie Friedrich Schiller und Ernst Moritz Arndt, die das Vaterland als höchsten Wert priesen, an Kriegskultmalen missbraucht [Lur87, S. 326].

Von der Friedrichstraße führte eine breite Freitreppe hinunter zum „Aufmarschplatz“, der vor dem Denkmal mit beidseitig begrünter Nische einen „Heldenhain“ andeutete (S. 82). Erstmals genutzt wurde er zur Einweihung des Denkmals am 1. August 1937, dem 23. Jahrestag des Beginns des Ersten Weltkriegs, als NS-Formationen, Hitler-Jugend, politische Führer, Stadtkapelle und SA-Standartenführer Max Egon II. Fürst zu Fürstenberg (1863–1941) aufmarschierten und der Badische Innenminister, SS-Mitglied Karl Pflaumer (1896–1971) die Hauptfestrede hielt. Auch die ritualisierten Aufmärsche zu den „Heldengedenktagen“ fanden beim Kriegertrio statt (ab 1940 in der Festhalle). (S. 84–85) Das Schwarzwälder Tagblatt schrieb zur Einweihung, die eine Handgranate gen Westen werfende Hauptfigur stelle

„den Soldaten ohne Furcht vor. In dem anschleichenden, spähenden Krieger erkennt man die Gefahr, die unsere Soldaten umlauerte. Der Krieger rechts ist der sterbende Soldat, der im Sterben noch heldisch wirkt“ [Cre17, S. 292].
Am 18. September 1937 stellte NS-Bürgermeister Miltner NS-Bildhauer Knittel ein glänzendes Zeugnis aus:
„‚So ist das Denkmal zu einer der größten Sehenswürdigkeiten der Stadt geworden, und ein ewiges Beispiel für die deutsche Jugend.‘ Und rühmt die hohe künstlerische Qualität der Darstellung, ‚die in besonderem Grade heldischen, kulturellen und erzieherischen Wert‘ habe. Das Denkmal habe bei der gesamten Einwohnerschaft vollste Zufriedenheit ausgelöst“ (S. 84).

Ist es dieses bürgermeisterliche Lob von 1937, das dem VdK-Ortsverband Murg 75 Jahre später die Einsicht vermittelt, Knittel sei ein „anerkannter Künstler gewesen“?

Furtwangen Kriegerdenkmal 1377 2018-09-25 K. Hug Ewiges Beispiel mit heldischem Wert für die deutsche Jugend: bröckelnder Arm mit Handgranate auf bemooster Basis

Obwohl Knittel „unbegrenzte Garantie und beste Haltbarkeit des Materials“ versprochen hatte, musste das Denkmal schon 1943 überholt werden (S. 82).

Furtwangen Kriegerdenkmal 1372 2018-09-25 K. Hug Knittels „unbegrenzt haltbarer Vulkan-Kunstmuschelkalkstein“ 81-jährig im Jahr 2018

Nach dem Krieg finden die Volkstrauertagsfeiern bei den Soldatengräbern auf dem Friedhof statt. Allmählich distanzieren sich die Redner – Geistliche, Schulleiter, Heimkehrerverbandsvorsitzende – von den Handgranatenwerfern. Irgendwann verschwinden Freitreppe, Feuerschalen, Pylonen. (S. 86) Im Jahr 1960 schlagen die Stadtpfarrer Blattmann (kath.), Thoma (evang.) und Eggert (altkath.) in ihrer „Denkschrift Kriegerdenkmal Furtwangen“ vor,

„Figurengruppe und Sockel durch ein würdigeres Denkmal besser: Mahnmal, zu ersetzen“ und zu erwägen, „auch die Gefallenen des letzten Krieges mit einzubeziehen“ (S. 86–87).
Während die SPD-Ortsgruppe, die Gartenbauarchitektin Baumann, der CDU-Stadtrat und Rektor Diemer und andere der Entfernung des NS-Denkmals zustimmen, fordert „der Heimkehrerverband ein gesondertes Denkmal für die Toten des II. Weltkriegs auf dem Friedhof“ (S. 87–88). Am 21. November 1967 beschließt der Gemeinderat „mit neun gegen sieben Stimmen“,
„das Denkmal zu entfernen“, aber „den Abbruch erst zu vollziehen, wenn auf dem Friedhof ein würdiges Mahnmal für die Opfer beider Weltkriege erstellt sei“ (S. 88).
Daraufhin sammelt die Aktion „Kriegerdenkmal“ mit der Begründung, „daß dieses Ehrenmal für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs seinen Platz schon seit dreißig Jahren richtig hat und nicht abgebrochen werden soll“, 1655 Unterschriften (S. 90).

Furtwangen Kriegerdenkmal 1381 2018-09-25 K. Hug Stehen lassen oder abreißen?

Eine Phase protestierenden Beschädigens beginnt 1968:

„Von 1968 bis 1976 wurde das Kriegerdenkmal fünfmal mit Anti-Kriegs-Parolen besprüht: ‚Nie wieder Krieg!‘ oder ‚Wir wollen leben, auch wenn Deutschland sterben muß‘, hieß es beispielsweise. [...] Die Gemeinde ließ durch den Bauhof das Denkmal immer wieder säubern. [...]

In der Nacht vom 30. April zum 1. Mai 1977 wurde am Kriegerdenkmal der Oberkörper des Soldaten, der hochaufgerichtet eine Handgranate wirft, mit Hilfe eines Seilzugs abgetrennt. Dasselbe Schicksal war der rechten Figur zugedacht. Dem zum Sprung geduckten Soldat war bereits ein Seil um den Hals gelegt, als die Täter offenbar gestört wurden. Die Gesichter der Figuren waren mit weißer Farbe bemalt worden“ (S. 90–91).

Furtwangen Kriegerdenkmal 1350 2018-09-25 K. Hug Das Seil war um seinen Hals gelegt, doch seinen Heldenwillen beugt’ es nicht.

Die Stadtverwaltung stellt „Anzeige gegen Unbekannt“ und setzt eine Belohnung von 1.000 DM für sachdienliche Mitteilungen aus, doch staatsanwaltschaftliche Ermittlungen bleiben erfolglos. Dank Abbruchbeschluss wird das Angebot des Bildhauers Pfaff, die zerstörte Figur für 8.000–10.000 DM zu reparieren, nicht realisiert.

Der Ausschuss für das auf dem Friedhof zu erstellende Mahnmal für die Opfer beider Weltkriege, dem „Vertreter der Kriegsgräberfürsorge, des Heimkehrerverbandes, des Verbandes der Kriegsbeschädigten sowie der Heimatvertriebenen angehören“, schlägt am 13. Dezember 1978 vor, einen Findling mit einer Inschrift aufzustellen. Einstimmig weist der Gemeinderat am 6. März 1979 Bauhof und Forstamt an, „einen großen, dem Denkmal angemessenen Granitfindling zu suchen“. Schließlich wird das Mahnmal auf dem Friedhof mit der Inschrift

„UNSEREN / OPFERN / DER KRIEGE / +ZUM+ / GEDENKEN“
am Volkstrauertag 1980 eingeweiht. (S. 92)

Furtwangen Friedhof_Kriegsgräber 1404 2018-09-25 K. Hug Furtwangen Friedhof: Soldatengräber mit Mahnmal für Kriegsopfer

Ohne auf die Problematik des Opferbegriffs einzugehen sei bemerkt:

  • Wozu das „Mahnmal“ mahnt, ist offen.
  • Das „Gedenken“ gilt „unseren Opfern“, nicht den Opfern der Anderen oder gar den Opfern des NS-Terrors.
  • Es ist 1980 nicht mehr opportun, Zwecke der „Opferung“ wie „für die Nation, Deutschland, das Vaterland, die Heimat, den Kaiser, das Volk, den Führer“ anzugeben, Tugenden der „Opfer“ wie „Treue, Pflichterfüllung, Ehre, Tapferkeit, Heldentum“ zu loben, und den Lebenden zu empfehlen, die Taten der Toten nachzuahmen.
  • Wie überall werden die Opfernden – die Kriegstreiber – nicht erwähnt.
  • Auf den 46 Grabsteinen stehen nicht nur Kriegsjahre, sondern auch 1919, 1920, 1921, 1924, 1929, 1932, 1946, 1947, 1949, ohne dass Todesorte und -ursachen vermerkt sind (denkmalprojekt.org).
  • Unter den Soldatengräbern befinden sich die Gräber der beiden 10-Jährigen Doris und Wolfgang Allolio, auch mit Eisernem Kreuz geschmückt.
  • Die militärischen Grabsteine stehen in Reih und Glied wie die Soldaten, als sie noch als militärisches Kollektiv exerzierten. Die Gräberordnung idyllisiert die Todesumstände. Name und Todesdatum genügen als individueller Schmuck über dem Eisernen Kreuz.
  • Politische Instrumentalisierung von Toten auf einem Friedhof ist möglich, wenn auch relativ zurückhaltend.
Da das neue Mahnmal auf dem Friedhof die Voraussetzung für den Abbruch des NS-Relikts im Stadtgarten erfüllt, beantragt die SPD-Gemeinderatsfraktion am 27. Oktober 1983, den 1967 gefassten Beschluss umzusetzen. Nun hält die CDU-Gemeinderatsmehrheit das NS-Denkmal für ein erhaltenswertes „Dokument seiner Zeit“ und lehnt seinen Abriss ebenso ab wie „das stark verschmutzte Denkmal einer chemischen Reinigung zu unterziehen“. Weil niemand dafür Geld ausgeben will, bleibt das Kriegertrio sich überlassen. (S. 92, SK 23.02.2008) Der Reservistenverband protestiert 1987 gegen den „unansehnlichen Zustand unseres Denkmals“, woraufhin die Denkmalbehörde des Landkreises meldet, „das Kriegerdenkmal würde wahrscheinlich als Kulturdenkmal eingestuft werden, und das könne man bekanntlich nicht so einfach entfernen“. Am 15. September 2000 berichtet die Badische Zeitung: „Kriegerdenkmal bleibt vorerst“. (S. 93)

Am Volkstrauertag 2006 ruft Stadtarchivar Ludger Beckmann dazu auf, das „nicht mehr zeitgemäß[e ...] Kriegermal durch ein würdigeres Denkmal zu ersetzen“, obwohl seit 26 Jahren ein Ersatz-Mahnmal auf dem Friedhof steht (SK 21.11.2006, SK 05.12.2006, SK 16.11.2007). „Ein Bild des Kriegermals könnte in einem Museum an diesen Teil der Furtwanger Geschichte erinnern“ (SK 05.12.2006). Im April 2008 diskutiert die SPD Furtwangen „über die Zukunft des Kriegerdenkmals“. Vorgeschlagen wird u.a., „das Denkmal nicht komplett abzureißen, sondern es umzugestalten“, auf einer Tafel seine Entwicklung darzustellen und zu kommentieren, und einen „Gestaltungswettbewerb im Kunstunterricht“ durchzuführen. (SK 17.04.2008) Im Mai 2008 ist das Kriegerdenkmal bei Verschönerungen des Stadtgartens ausgeklammert. „Die Diskussion um das Relikt aus dem Nationalsozialismus soll [...] nach dem Kommunalwahlkampf 2009 beginnen.“ (SK 10.05.2008) Bei der Volkstrauerfeier 2012 sieht der evangelische Pfarrer Lutz Bauer das

„zerstörte Kriegerdenkmal im Stadtgarten [...] nicht als Symbol des Scheiterns, sondern als Chance, miteinander ins Gespräch zu kommen über eine friedliche Zukunft“ (SK 19.11.2012).
Zur erneuten Kandidatur zur Bürgermeisterwahl am 8. Oktober 2017 erläutert Bürgermeister Josef Herdner, der Stadtgarten „müsse neu gestaltet werden“ und dazu „werde sicher über das Kriegerdenkmal wieder diskutiert“ (SB 15.09.2017, SK 15.09.2017).

Furtwangen Kriegerdenkmal 1394 2018-09-25 K. Hug Ehrenmal – Kriegerdenkmal – Kulturdenkmal – Friedensgesprächsanreiz

Passt Furtwangens Umgang mit seinem NS-Relikt zu den Was-tun-damit-Kategorien? Positiv ist zu verbuchen, dass nach dem Krieg eine Phase der Dekontextualisierung begann, als man den Volkstrauertag auf dem Friedhof beging, vermutlich bedingt durch die als unerträglich empfundene Aggressivität des Knittel-Werks, verglichen mit seinem Murger Kriegerduo. Aufklärung ist allerdings nicht zu erkennen. Protestierendes Beschädigen hat sichtbare Spuren hinterlassen. Unklar ist der Verbleib des 1977 abgetrennten Figurenoberteils. Vertan wurde die Chance, das Ober- neben dem Unterteil liegen zu lassen und die Entwicklung von der alten zur neuen Komposition mit einer Informationstafel zu erläutern. Auch das Zubehör verschwand unerklärt. Schamvolles Verdrängen zeigt sich darin, dass das NS-Relikt von Bäumen umstanden ist. Der Wille zum achtlosen Zerstören stößt auf verschiedene Kräfte der Bewahrung.

Lehren: Was kann Radolfzell von Furtwangen lernen (und umgekehrt)?

  • Gegenseitig nichts zu lernen ist von den Informationslücken in den Webauftritten.
  • Da Furtwangen seine Volkstrauertagsfeiern problemlos auf dem Friedhof durchführt, sollte Radolfzell Entsprechendes möglich sein.
  • Die Forderung nach Abbruch ihres NS-Relikts kann eine Gemeinde jahrzehntelang spalten, aber auch teure Restaurierungen verhindern.
  • Das ungeplante Schicksal des Furtwanger NS-Relikts, am Bregufer natürlich zu verfallen, ist deutlich besser als das zwanghaft ordentliche Striegeln der Steinsoldaten nach jedem Farbklecks zur Freude der Neonazis.
  • Statt die NS-Krieger mit Friedenslichtern® zurankeln zu lassen und zum Volkstrauertag freizuschneiden, kann man sie im Schatten von Bäumen sich selbst überlassen.
  • Mit seiner Textstele und seinen leider unleserlichen Informationstafeln liegt Radolfzell in puncto Aufklärung vor Furtwangen.
Furtwangen Kriegerdenkmal 1358 2018-09-25 K. Hug Inschrift auf der Rückseite: „ERRICHTET IM JAHRE“ mit unleserlicher Zahl
Lebenshingabe als Supertugend, Selbstopfertod als Heldenpflicht
„Die Soldaten des 1. Weltkriegs wurden wie Schlachtvieh hinausgetrieben und darin besteht kein Heldentum.“
Julius Lang, KPD-Stadtrat in Kaiserslautern (vor 1933) [Lur86, S. 352]

„Well, I don't wanna be a soldier mama, I don't wanna die
Oh no, oh no, oh no, oh no“
John Lennon (1940–1980): I Don't Wanna Be a Soldier Mama (1971)

Der Furtwanger Sturmtrupp erkämpft sich diesen Nachtrag, den im Vortrag vier Stellen vorbereiten, dank seines im edlen Sterben noch heldisch wirkenden sterbenden Soldaten, der mit unsichtbar zerschmetterter Heldenbrust ohne Blut und Wunden glückselig für seinen „Führer“ seinen heroischen Tod auf dem „Feld der Ehre“ ohne Schrecken und Peinigendes stirbt, den Mitlebenden zum Dank, den Nachlebenden zum Beispiel und zur Nacheiferung. Die Seitenangaben beziehen sich auf [Lur86].

Um die NS-Kriegsmaschine in Gang zu bringen und am Laufen zu halten, stellte die Propaganda die Hingabe individuellen Lebens für die „Volksgemeinschaft“ als höchste Tugend dar, den freiwilligen Opfertod als Pflicht des Kriegshelden.

„Die alle anderen Werte übersteigende Bedeutung des Kriegstods brachte ein Satz Hitlers zum Ausdruck: "In der Hingabe des eigenen Lebens für die Existenz der Gemeinschaft liegt die Krönung allen Opfersinnes". [...] Der Satz findet sich - und das unterstreicht seine zentrale Bedeutung - in einem Feierentwurf der NSDAP aus dem Jahr 1940 zitiert“ (S. 303).
Dabei musste die Kriegspropaganda den natürlichen Selbsterhaltungstrieb der zu Opfernden brechen und die Trauergefühle der Angehörigen Geopferter umlenken oder unterdrücken. Für Kriegsmale ergab sich daraus das Problem:
  • Einerseits konnten Darstellungen von Wunden, Sterben und Tod den Selbsterhaltungstrieb wecken und Trauer fördern. Wer sein Leben liebt, will nicht sterben, nicht verwundet werden, nicht kämpfen. Wer um einen Angehörigen trauert, will keine weiteren verlieren und hält sie deshalb vom Kämpfen ab. Darum sollten Wunden, Sterben und Tod ungern und selten in NS-Kriegsmalen erscheinen.
  • Andererseits sollte die Kriegspropaganda die zu Opfernden und ihre Angehörigen darauf trimmen, Wunden, Sterben und Tod hinzunehmen. Darum mussten Darstellungen von Wunden, Sterben und Tod als Mittel bezwecken, die Betrachter zu Selbstverleugnung und Trauerabwehr zu manipulieren.
Am sterbenden Furtwanger Soldaten zeigen fünf Merkmale exemplarisch, wie der NS-Bildhauer Knittel dieses Propagandaproblem löste.
  1. Trotz lyrisch zerschmetterter Heldenbrust erscheint der pseudo-realistische Soldat unverwundet, seine Uniform ist unbeschädigt, denn es
    „paßten Darstellungen Verwundeter nicht in eine Zeit, in der der Heldentod als heroisch und vorbildlich galt“ (S. 160).
    Schon im Voraus erfüllte Knittel Forderungen der Wehrmacht, die
    „seit 1938 Einfluß auf die Gestaltung von Kriegerdenkmälern gewann. Das Oberkommando der Wehrmacht bat damals, Denkmalsentwürfe, auf denen Soldaten dargestellt werden sollten, in Zukunft durch die Wehrmacht prüfen zu lassen, um "Darstellungen zu vermeiden, die das soldatische Empfinden des Beschauers stören". Gemeint waren gefallene und verwundete Krieger, deren Schmerz, Niederlage und Tod nicht geeignet schienen, das Bild vom tugendsamen und heldenhaften Tod zu propagieren“ (S. 105–106).
Furtwangen Kriegerdenkmal 1353 2018-09-25 K. Hug Schmerzfrei sterben, vom Nachruhm träumen
  1. Das Gesicht des Soldaten deutet keinen Schmerz an. „Keine brutale Verwundung, kein schmerzverzerrtes Gesicht ‚stört‘ die Präsentation, die Inszenierung dieses Soldaten“ [Mat90, S. 65].
    „Auch wo Gefallene aufgebahrt gezeigt wurden, fehlte ihrer Wiedergabe jede Andeutung von Schmerz. Der Kriegstod wurde nie zu einem würdelosen, elenden, unmenschlichen. Am deutlichsten kam dies in der Wiedergabe der Gesichter zum Ausdruck“ (S. 141).
  2. Der Sterbende ist nicht allein, aber seine beiden Kameraden verschwenden keine Zeit damit, sich um seine Verwundung zu kümmern, ihm beim Sterben beizustehen oder seinen Tod zu betrauern. Ungerührt verbissen kämpfen sie weiter gegen den unsichtbaren Feind. Beschied Ludwig Uhland (1787–1862) 1809 seinem Guten Kameraden: „Derweil ich eben lad. Kann dir die Hand nicht geben“, so modernisiert Knittel 1937 die Kriegstechnik: „Derweil wir eben Handgranaten werfen“, und lässt den Sterbenden verständnisvoll auf das unnötig sentimentale „Will mir die Hand noch reichen“ verzichten.
    „Wo der Kriegstod überhaupt gezeigt wurde, galt er als notwendiges und vorbildliches Opfer. Da der Ausgang des Weltkriegs in der Niederlage eine Deutung verweigerte, derzufolge die Toten wie noch 1871 lediglich notwendige Opfer auf dem Weg zum immerhin erreichten Ziel bildeten, kam zu ihrer Deutung nur noch der Ruhm des heldenmütigen Einsatzes als solchem, unabhängig vom Ergebnis, infrage. Regelmäßig wurden die Verwundeten oder Sterbenden von einem Sieger begleitet, der ihren Kampf aufnahm und sie rächte“ (S. 194).
  3. Nicht nur ist das Gesicht des Soldaten nicht schmerzverzerrt, im Gegenteil verklärt es sich mit den geschlossenen Augen und dem angedeuteten Lächeln zu einem Ausdruck der Erfüllung, der ehrfürchtigen Betrachtern ein edles Vorbild vorgaukelt. Knittel nahm vorweg, was der Generalbaurat für die deutschen Kriegerfriedhöfe Wilhelm Kreis (1873-1955) sechs Jahre später im Artikel Kriegermale des Ruhmes und der Ehre im Altertum und in unserer Zeit in Bauwelt 11/12 (1943) schrieb:
    „"Der Adel der heroischen Menschen, die in freier Erhebung über sich selbst die höchste Tugend erreichen, für das Vaterland lieber zu fallen, als dem Feind zu weichen, verdient nicht allein höchste Bewunderung und Ehre - ihm gebührt die ewige Liebe des Volkes bis in alle Geschlechter. Ihnen, diesen Unabhängigen vom eigenen Ich - denen, die vergaßen, daß die Gefahr tödlich war, deren Sinnen und Trachten der Sieg war, gebührt Edles zur Ehre, ihnen den Ehrenpreis zu überliefern, daß die Kommenden wissen, zu welchen Taten Deutsche bereit waren, damit sie einst bereit sein werden, ihnen zu folgen"“ (S. 346).
  4. Betrachter sollen sich wünschen, ebenso glücklich und ehrenhaft sterben zu dürfen wie dieser Soldat, und ihm deshalb im Kriegseinsatz nacheifern. Für die Nazis war der Kriegstod nicht sinnlos; die Toten lebten in den Nachfolgenden fort (S. 304). Die Göttinger Nachrichten charakterisierten 1938 ein Denkmal mit einem verwundeten Krieger:
    „"Dieser Mann stirbt nicht! Tausendfältig pflanzt sich sein Heldenmut, den er mit dem Tode bezahlen soll, in die Herzen seiner Kameraden fort ... Kann ein Soldatentod umsonst gewesen sein? Dieser Mann stirbt nicht, sein Geist lebt fort von Geschlecht zu Geschlecht und mahnt uns täglich zum letzten Einsatz. Vielleicht ist es gerade dieses Denkmal des sterbenden Kriegers, das uns mit Trost und dem unbeugsamen Willen zum Siege erfüllt, denn die toten Helden sind heilig und uns Lebenden Verpflichtung"“ (S. 305).

    „Der Kriegstod wurde [..] mit teils einfach populären, teils religiösen Mitteln, immer aber im Rahmen militärischer Ordnung vermittelt mit dem Ziel, das Vorbild der Kriegstoten herauszustellen und zur Nacheiferung aufzumuntern. Die politische Funktion der Kriegerdenkmäler ist in diesem Sinn mit den Durchhaltereden und Propagandafilmen vergleichbar. Zugleich sollten sie den Überlebenden Trost spenden und sie im Sinn des nationalsozialistischen Programms erziehen“ (S. 347).

    In diesem Sinn meißelte Knittel schon 1937 – zwei Jahre vor Kriegsbeginn – eine Durchhalteparole in den Vulkan-Kunstmuschelkalkstein.
Quellen
[Cre17], [Kai12], [Lur86]

Wikipedia: Hugo Knittel
de.wikipedia.org/wiki/Hugo_Knittel

Genealogische Gesellschaft Hamburg e.V., W. Leskovar:
Furtwangen im Schwarzwald, Schwarzwald-Baar-Kreis, Baden-Württemberg
denkmalprojekt.org/2012/furtwangen-im-schwarzwald_schwarzwald-baar-kreis_wk1_wk2_bawue.html

hei/ket:
Archivar kritisiert Kriegermal
Südkurier (21.11.2006)
suedkurier.de/archiv/region/schwarzwald-baar-heuberg/eisenbach/art1360161,2311915

hei:
Kriegermal
Südkurier (05.12.2006)
suedkurier.de/archiv/region/schwarzwald-baar-heuberg/furtwangen/art1360164,2349628

wur:
Gedenktafel statt Kriegermal
Südkurier (05.12.2006)
suedkurier.de/archiv/region/schwarzwald-baar-heuberg/furtwangen/art1360164,2349539

Stefan Heimpel:
Weg mit der Nazi-Kunst
Südkurier (05.12.2006)
suedkurier.de/archiv/region/schwarzwald-baar-heuberg/furtwangen/art1360164,2349648

wur:
Künstler in Rage
Südkurier (16.11.2007)
suedkurier.de/archiv/region/schwarzwald-baar-heuberg/furtwangen/art1360164,2910415

wur:
Kein Plan für Kriegermal
Südkurier (23.02.2008)
suedkurier.de/archiv/region/schwarzwald-baar-heuberg/furtwangen/art1360164,3071645

Das Kriegerdenkmal
Südkurier (17.04.2008)
suedkurier.de/archiv/region/schwarzwald-baar-heuberg/furtwangen/art1360181,3162375

hjk:
SPD will "kreativen Umgang"
Südkurier (17.04.2008)
suedkurier.de/archiv/region/schwarzwald-baar-heuberg/furtwangen/art1360164,3162371

Mehrheit für einen Abbruch
Südkurier (19.04.2008)
suedkurier.de/archiv/region/schwarzwald-baar-heuberg/furtwangen/art1360164,3166838

wur:
Brücke erschließt Stadtgarten
Südkurier (10.05.2008)
suedkurier.de/archiv/region/schwarzwald-baar-heuberg/furtwangen/art1360164,3202413

Christa Hajek:
Erinnern beginnt in der eigenen Familiengeschichte
Südkurier (19.11.2012)
suedkurier.de/archiv/region/schwarzwald-baar-heuberg/furtwangen/art1360164,5777970

Jens Wursthorn:
Totengedenken in LED-Schrift
Südkurier (03.09.2014)
suedkurier.de/archiv/region/schwarzwald-baar-heuberg/furtwangen/art1360164,7218543

Christa Hajek:
Furtwangen: Breitbandversorgung im Blick
Schwarzwälder Bote (15.09.2017)
schwarzwaelder-bote.de/inhalt.furtwangen-buergermeister-hat-breitband-im-blick.378d223b-f672-4b78-86d2-7e42b0f74d0a.html
Furtwangen: Josef Herdner schaut das erste Mal voraus
Südkurier (15.09.2017)
suedkurier.de/region/schwarzwald/furtwangen/Josef-Herdner-schaut-das-erste-Mal-voraus;art372517,9415165

Anderswo

Pinneberg

Das NS-Kriegsmal in Pinneberg, einer Kreisstadt in Schleswig-Holstein, erscheint hier als Beispiel für technokratisches Hervorheben durch Beleuchten. Es wirkt weniger martialisch als die Radolfzeller Skulptur, da sein Motiv nicht figurativ, sondern symbolisch ist. In Lurz' NS-Stilen platziert es sich mit Stele, Schwert, Adler zwischen Neoklassizismus und Reichssymbolen [Lur86, S. 161, 220].

Pinneberg Kriegerdenkmal 2018-09-01 Jochen Hilbert Denkmalgeschützt: Pinneberger NS-Kriegerkultmal
© Jochen Hilbert, Initiative „Mahnmal statt Kriegerdenkmal am Pinneberger Bahnhof“
Darstellung mit freundlicher Genehmigung des Fotografen

Zwischen der Pinneberger Stadtmitte und dem Bahnhof steht die Denkmalanlage auf dem Bahnhofsvorplatz, der 1933–1945 Adolf-Hitler-Platz hieß. Am 45. „Führer“-Geburtstag, dem 20. April 1934, legte der Denkmalausschuss mit dem Vorsitzenden NSDAP-Gauamtsleiter, SA-Sturmführer und Bürgermeister Heinrich Backhaus und Vertretern von NSDAP, SA, SS, Stahlhelm, Kriegerverein und NS-Kriegsopfer-Versorgung feierlich den Grundstein für das „Krieger-Ehrenmal für die Gefallenen des Weltkriegs“, in den er eine Urkunde einließ, deren Text den Zweck formulierte:

„Es soll an diesem Platze, an einer Strecke des schaffenden Volkes, für alle Zeiten den auf dem Felde der Ehre gefallenen Pinneberger Helden gewidmet sein. Es soll ferner der heutigen und den künftigen Generationen eine Mahnung an die Großtat des unbesiegten deutschen Heeres im Weltkriege 1914 -1918 sein und bleiben“ (Domeyer, 08.05.2018, S. 13).
Errichtet wurde die heldengewidmete Heeresgroßtatmahnung aus hellem Sandstein mittels Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, finanziert durch Spenden in Höhe von 12.000 RM. Zum Pomp der Einweihung des „nationalen Ehrenmals“ am 1. Juli 1934 gehörten die Festpredigt des Pastors Fölster, Wehrverbände mit Fahnen, die Weiherede des Oberkonsistorialrats Pg. Peperkorn, die Ansprache des NS-Bürgermeisters. Am 19. Januar 1936 weihte der Bezirksleiter für das Deutschtum im Ausland, NS-Lehrer Hubert Koch, zur siegreichen Saar-Abstimmung den „Saar-Gedenkstein“, der die Anlage links außen an der Mauer ergänzte (bis er nach dem Krieg verschwand), mit den Worten ein:
„Aus den grauen, endlosen Reihen des Volkes rief Gott den Führer, der seinem Volke einen neuen Gestaltungswillen brachte“ (Seifert, S. 157).
Zwei rechtwinklig zueinander liegende vierstufige Treppen führen zu einem Podest mit einer Mauer, in deren Ecke eine schlanke, rund zehn Meter hohe Stele auf einem massiven Sockel steht, von der rechts eine siebenstufige Treppe zum Stadtwald steigt. Auf der schmalen Vorderseite der Stele prangen zwei symbolträchtige Bronzereliefs: ein 5,5 Meter hoch aufgerichtetes Schwert, darüber ein Reichsadler, der sich auf einen Ehrenkranz um ein Eisernes Kreuz krallt. Mit dem Schwert sollte
„die Mannhaftigkeit und der Wehrwille des deutschen Mannes vor aller Welt bekundet werden“ (Grundsteinurkunde, Domeyer, S. 13).
Von 1934 an war das Kreuz unterm Adler ein Hakenkreuz, bis es 1945 zu einem Eisernen Kreuz „entnazifiziert“ wurde. Inschriften an der Stele sind in den Stein graviert. An der Vorderseite unten steht „1914–1918“, an der linken Seite in vier Meter Höhe
„IN UNWANDELBARER
TREUE ZUM VATERLAND
UND IN DER HOFFNUNG
AUF DEN SIEG LIESSEN
=312= HELDEN DIESER
STADT IHR TEURES LEBEN
AUF DEM FELDE DER EHRE“,
eine kleine Signatur an der Stele weist auf den Stadtbaumeister und das Entstehungsjahr hin: „Ih Hansen 1934“ (denkmalprojekt.org).

1949 beschließt der Hauptausschuss, das Denkmal vor Verfall zu schützen. 1952 lässt der Magistrat in die „Saar-Gedenkstein“-Lücke die vom Ortsverband des Verbands der Heimkehrer gestiftete Tafel setzen und dauerhaft beleuchten, deren als Relief herausgearbeitete Inschrift lautet [Lib18, S. 5]:

„DIE HEIMAT
RUFT IHRE KRIEGSGEFANGENEN
UND VERMISSTEN“.
Bis heute finden am alljährlichen Volkstrauertag Kranzniederlegungen am NS-Relikt statt. Das Landesamt für Denkmalpflege nimmt es am 26. Februar 2016 in die Liste der Kulturdenkmale auf und stellt es unter Denkmalschutz mit der Begründung:
„Wichtiges historisches Zeugnis, das Aufschluss über die nationalsozialistische Diktatur und die damalige Kriegsverherrlichung gibt“ [Hil18, S. 25].
Am 20. Juni 2017 verteidigt die Bürgerinitiative „Mahnmal statt Kriegerdenkmal am Pinneberger Bahnhof“ auf ihrer Veranstaltung „Unwidersprochen“ in der Christuskirchengemeinde Pinneberg den Denkmalschutz gegen Forderungen, das NS-Relikt abzureißen, „denn man sollte die Geschichte nicht vergraben, sondern aufklären“. Es dürfe aber „weder bei dem Missbrauch der wehrlosen toten Soldaten noch bei einer womöglich von den Nazis erhofften kriegsverherrlichenden Wirkung bleiben“. Pinneberg „benötige eine kluge und wirkungsvolle Ergänzung im Umfeld des Bauwerks, damit dieses zu einem Mahnmal wird“. [Hil18, S. 25] „Diese Ergänzung soll verhindern, dass das Denkmal je wieder – wie ursprünglich – Krieg verherrlicht und für militaristisches und nationalistisches Denken und Handeln in Anspruch genommen werden kann“ (Antifa Pinneberg, 28.01.2018, GW 03.2018).

Am 20. Juli 2017 beschließt die Pinneberger Ratsversammlung, das NS-Relikt solle „künftig genutzt werden, um an das Morden aller Kriege zu erinnern und zum Nachdenken anzuregen“ und beauftragt den Stadtentwicklungsausschuss, „eine zusätzliche Darstellung zur Erinnerung und Mahnung an diesem Denkmal anzubringen sowie eine Arbeitsgruppe Denkmal zu gründen“ [Are18].

Beleuchtung: Die Pinneberger Stadtverwaltung verzögert die Bildung der Arbeitsgruppe und handelt selbst. Sie lässt das kriegsverherrlichende Kulturdenkmal für rund 58.000 Euro sanieren und ab November 2017 – rechtzeitig zur Weihnachtszeit – von drei starken neuen Strahlern morgens und abends beleuchten, sodass die im Dunkeln sonst unsichtbare heldenehrende Inschrift, das mannhafte Schwert, der Adler schon von weitem sichtbar sind.

Die strahlende Glorifizierung der NS-Kriegspropaganda provoziert Kritik. Zur Protestkundgebung „Nein zum Krieg! – Kein Licht für Kriegsverherrlichung!“ der Initiative „Mahnmal statt Kriegerdenkmal am Pinneberger Bahnhof“ am 30. Januar 2018, die von der Antifaschistischen Initiative, dem DGB-Kreisverband, Vertretern von SPD, Grünen, Unabhängigen, Kirche und jüdischer Gemeinde sowie Künstlern unterstützt wird, versammeln sich rund 80 Menschen vor dem beleuchteten NS-Relikt. Probst Thomas Drope spricht:

„Gemeinsam wenden wir uns gegen die unwidersprochene Hinnahme dieses Kriegerehrenmals. Wir können doch nicht ernsthaft die Opfer der Nationalsozialisten beklagen und gleichzeitig die Symbole der Nazis, von denen es mehr gibt als das Hakenkreuz, unkommentiert stehen lassen – und sie durch neue Scheinwerfer noch besonders hervorheben. Wir fordern eine dauerhafte, öffentlich sichtbare Distanzierung von der Botschaft und Symbolik dieses Denkmals. Denn es ist in seiner ganzen Gestalt eine Manifestation nationalsozialistischer Lüge“ (Drope, 30.01.2018).
Der Protest wirkt: Schon vor der Kundgebung reagiert die Stadtverwaltung damit, „die Beleuchtung vorerst ständig auszuschalten“ [Are18]. So endet die Beleuchtungsepisode nach zwei Monaten.

Im Februar 2018 setzt der Stadtentwicklungsausschuss die „Arbeitsgruppe Denkmal“ ein, der Vertreter der Ratsfraktionen, der Religionsgemeinschaften und der VHS-Geschichtswerkstatt angehören und die am 27. März 2018 erstmals tagt. Um dem Auftrag der Ratsversammlung zu entsprechen, plant sie eine Anhörung und einen Wettbewerb für eine künstlerische Erweiterung des NS-Relikts.

Zur öffentlichen Sachverständigenanhörung am 8. Mai 2018 mit dem Titel „So nicht, aber wie?“ sind Prof. Dr. Loretana de Libero, Historikerin an der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg-Blankenese und der Universität Potsdam, Wolfgang J. Domeyer, Leiter des VHS-Landesverbands Schleswig-Holstein und Aktiver der VHS-Geschichtswerkstatt, und Pastor i.R. Ulrich Hentschel eingeladen. De Libero führt in ihrem Vortrag aus:

„Das Pinneberger ‚Ehrenmal‘ war ganz im Sinne der nationalsozialistischen Denkmalstifter kein Ort der Trauer oder gar ein ‚Mahnmal‘ gegen den Krieg. Es diente als Kulisse für nationalistische Kundgebungen und Aufzüge, für den Empfang von Rekruten am Bahnhof ebenso wie für HJ-Appelle, den 1. Mai, den 9. November oder eben für den im März begangenen ‚Heldengedenktag‘. Die Gefallenen des Ersten Weltkrieges wurden für die Selbstinszenierung des Regimes missbraucht. Mit Kriegsbeginn 1939 sollte ihr Tod ein weiteres Mal für die verbrecherische Politik der NS-Diktatur herhalten. Ihr ‚Opfer‘ sollte in diversen markigen Reden – nicht nur am Denkmal – Ansporn sein, den ‚Angriffs- und Vernichtungskrieg, ein vom nationalsozialistischen Deutschland verschuldetes Verbrechen‘ (Deutscher Bundestag, 15. Mai 1997), weiterzuführen. Auch nach dem Krieg diente das Denkmal ungebrochen politischer Erinnerung und Sinnstiftung, unter den Vorzeichen des Kalten Krieges in antibolschewistischer Ausrichtung. Im Zuge der Sanierung ist die seit 2016 denkmalgeschützte Anlage wiederum verändert worden, nunmehr durch eine Beleuchtungsanlage, die auf die Stele ausgerichtet ist (November 2017). Die Erinnerung an die Gefallenen wird dadurch ein weiteres Mal überlagert, wird doch das Denkmal, das ‚historische‘ Objekt als solches ‚angestrahlt‘. Die Folgen von Krieg, Tod, Zerstörung, Hass und Gewalt bleiben im Dunkeln“
[Lib18, S. 6–7].
Der nächste Schritt soll „die Ausschreibung eines Wettbewerbs für eine künstlerische Umgestaltung der Umgebung des Nazi-Denkmals“ sein [Hil18, S. 26]. In den Folgemonaten einigen sich die Akteure darauf, „das Kriegerdenkmal mit einer zusätzlichen gut sichtbaren Erklärung“ zu ergänzen, „weil sonst eine historische und inhaltliche Einordnung für die meisten Bürger nicht möglich sei“. Die Arbeitsgruppe um Ratsherr Kai Vogel will „diese optische Ergänzung durch einen Schülerwettbewerb“ ausloben. (PT 07.11.2018) Im Dezember 2018 erreicht die Schulen der Aufruf, bis Ende Februar 2019 Vorschläge und Entwürfe zur Umgestaltung des „Kriegerkultmals“ (Hilbert) einzureichen. Drei Schülergruppen von zwei Schulen beteiligen sich mit 19 kreativen Vorschlägen. In der Ratsversammlung am 25. April 2019 präsentieren die Schüler ihre Entwürfe in Zehn-Minuten-Vorträgen und eine Jury prämiert die drei besten Entwürfe mit insgesamt 500 Euro – zwei von Schülern der Johann-Comenius-Schule in Pinneberg-Thedorf, einen von Schülern des Wolfgang-Borchert-Gymnasiums in Halstenbeck.

Obwohl die Pinneberger Stadtverwaltung ihr NS-Relikt für sehenswert genug hielt, um es zu illuminieren, enthält ihr offizieller Webauftritt keine Informationen dazu und auch nichts zur NS-Geschichte der Stadt. In den Was-tun-damit-Kategorien erscheint die Beleuchtungsmaßnahme der Stadtverwaltung unter „technokratisch Hervorheben“, während sich die Bemühungen der Initiative „Mahnmal statt Kriegerdenkmal“ und der „Arbeitsgruppe Denkmal“ sowie die Entwürfe der Schüler unter „aufklärend Dekontextualisieren“ im Planungsstadium einordnen.

Lehren: Von Pinneberg kann Radolfzell lernen, dass

  • eine technokratische Hervorhebung des NS-Relikts mit hohen Investitionskosten verbunden ist, die sich nicht gelohnt haben werden, wenn Bürgerproteste zum Nichtanschalten der Installation führen;
  • eine Bürgerinitiative mit breiter Unterstützung aus Gewerkschaften, Parteien und Religionsgemeinschaften eine Stadtverwaltung zum Korrigieren misslungener Maßnahmen bewegen kann;
  • wissenschaftlicher Sachverstand dazu beitragen kann, verdrängungskulturell bedingte Informationsdefizite zu überwinden;
  • ein Schülerwettbewerb quantitativ und qualitativ eindrucksvolle Ideen zur Ergänzung eines Kriegerdenkmals hervorbringen kann.
Quellen
[Are18], [Hen18], [Hil18], [Lib18], [Lur86]

Wikipedia: Liste der Ehrenmale im Kreis Pinneberg – Pinneberg
de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Ehrenmale_im_Kreis_Pinneberg#Pinneberg

Pinneberg
in: [EANDM] Kriegerdenkmäler Schleswig-Holstein P-R Pinneberg
denk-mal-gegen-krieg.de/kriegerdenkmaeler/schleswig-holstein-p-r

Johannes Seifert:
Pinneberg zur Zeit des Nationalsozialismus
VHS-Geschichtswerkstatt Pinneberg (Hg.) S. 154–157
denk-mal-gegen-krieg.de/assets/kriegerdenkmal/SH-Pinneberg/SH-Pinneberg-Einweihung-web.pdf

Genealogische Gesellschaft Hamburg e.V., Wiebke Dannenberg:
Pinneberg, Kreisstadt, Schleswig-Holstein
denkmalprojekt.org/ohne_namen/pinneberg_on_sh.htm

Deichgraf63:
Kriegerdenkmal am Bahnhof Pinneberg verlor das Hakenkreuz und die Saarlandtafel
Forum geschichtsspuren.de (28.10.2014) geschichtsspuren.de/forum/kriegerdenkmal-am-bahnhof-pinneberg-verlor-das-hakenkreuz-und-die-saarlandtafel-t19160.html

Claudia Eisert-Hilbert:
Das Denkmal am Pinneberger Bahnhofsvorplatz
in: [FVSP] (30.05.2017)
spurensuche-kreis-pinneberg.de/spur/das-denkmal-am-pinneberger-bahnhofsvorplatz

Thomas Pöhlsen:
Das Kriegerdenkmal soll erweitert werden
Die Stele in der Nähe des Pinneberger Bahnhofes wurde von den Nazis erbaut und soll künftig an Kriegsopfer erinnern.

Hamburger Abendblatt (07.06.2017)
abendblatt.de/region/pinneberg/article210822309/Das-Kriegerdenkmal-soll-erweitert-werden.html

René Erdbrügger:
Protest gegen Kriegsdenkmal
Initiative will Monument in kritische Erinnerungsstätte umwandeln

Pinneberger Tagblatt (07.06.2017)
denk-mal-gegen-krieg.de/assets/Texte/Initiativen/pit-Artikel-Kriegerkultmal-Seite-3.jpg

René Erdbrügger:
Vorwurf der Kriegsverherrlichung
Zoff um illuminiertes Kriegsdenkmal in Pinneberg
Eine Initiative will das umstrittene Bauwerk am Bahnhof Pinneberg am 30. Januar verhüllen. Nun reagiert die Stadt reagiert. [!]

Pinneberger Tagblatt (24.01.2018)
shz.de/lokales/pinneberger-tageblatt/zoff-um-illuminiertes-kriegsdenkmal-in-pinneberg-id18889076.html

René Erdbrügger:
CDU lehnt Mahnmal kategorisch ab
Denkmal am Pinneberger Bahnhof: „Jede weitere Kommentierung wäre zu viel“

Pinneberger Tagblatt (27.01.2018)
shz.de/lokales/pinneberger-tageblatt/cdu-lehnt-mahnmal-kategorisch-ab-id18924411.html

Pinneberg: 30.01.2018: Nein zum Krieg! – Kein Licht für Kriegsverherrlichung!
Antifa Pinneberg (28.01.2018)
antifapinneberg.blogsport.de/2018/01/28/pinneberg-30-01-2018-nein-zum-krieg-kein-licht-fuer-kriegsverherrlichung

René Erdbrügger, Felisa Kowalewski:
Protest gegen Kriegerdenkmal
80 Menschen bei friedlicher Kundgebung am Pinneberger Bahnhof
Die Initiative „Mahnmal statt Kriegerdenkmal am Pinneberger Bahnhof“ hat am Dienstagabend das umstrittene Bauwerk verhüllt.

Pinneberger Tagblatt (30.01.2018)
shz.de/lokales/pinneberger-tageblatt/80-menschen-bei-friedlicher-kundgebung-am-pinneberger-bahnhof-id18954291.html

Kriegerdenkmal in Pinneberg: Diskussion hält an
NDR.de - Nachrichten - Schleswig-Holstein (01.02.2018)
ndr.de/nachrichten/schleswig-holstein/Kriegerdenkmal-in-Pinneberg-Diskussion-haelt-an,pinnebergerdenkmal100.html

Günther Stamer:
Krieg & Frieden: „Kein Licht für Kriegsverherrlichung!“
Gegenwind 354 (März 2018) S. 22–24
denk-mal-gegen-krieg.de/assets/Texte/Initiativen/SH-Pinneberg-2018-03-Gegenwind-Kriegerdenkmaeler.pdf

René Erdbrügger:
Jetzt reden die Experten
Öffentliche Anhörung von Sachverständigen zur Umgestaltung des Denkmals am Bahnhof / Initiative für künstlerischen Wettbewerb

Pinneberger Tagblatt (04.05.2018)
shz.de/lokales/pinneberger-tageblatt/jetzt-reden-die-experten-id19753406.html

Wolfgang J. Domeyer:
Das Ehrenmal für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges am Bahnhof
Öffentliche Anhörung der Sachverständigen zur Umgestaltung des Denkmals am Bahnhof, Rathaus Pinneberg (08.05.2018) Vortrag, 17 S.
denk-mal-gegen-krieg.de/assets/Texte/Initiativen/2018-05-08-Sachverstaendigengutachten-Domeyer.pdf

pö:
Nazi-Denkmal in ein Mahnmal verwandeln
Hamburger Abendblatt (11.05.2018)
denk-mal-gegen-krieg.de/assets/Texte/Initiativen/SH-Pinneberg-Anhoerungsbericht-HA.pdf

Karl-Heinz Stolzenberg:
Werk von „Erinnerungs-Akteuren“. Öffentliche Debatte um das Kriegerdenkmal am Pinneberger Bahnhof / Keine Einigung über weiteren Verlauf erzielt
Pinneberger Tagblatt (11.05.2018)
denk-mal-gegen-krieg.de/assets/Texte/Initiativen/SH-Pinneberg-Anhoerungsbericht-pit-S.-7.pdf

René Erdbrügger:
Kriegsdenkmal: Schüler sollen mitgestalten
Pinneberger Tagblatt (07.11.2018)
shz.de/lokales/pinneberger-tageblatt/kriegsdenkmal-schueler-sollen-mitgestalten-id21584657.html

Mirjam Rüscher:
Wie sich Schüler ein Kriegerdenkmal vorstellen
Jugendliche stellen in Pinneberg vor Kommunalpolitikern ihre Beiträge für einen von der Stadt ausgelobten Wettbewerb vor.

Hamburger Abendblatt (26.04.2019)
abendblatt.de/region/pinneberg/article217037655/Wie-sich-Schueler-ein-Kriegerdenkmal-vorstellen.html

René Erdbrügger:
„Frieden, Freiheit, Toleranz“
Wettbewerb zur Ergänzung des Kriegerdenkmals am Pinneberger Bahnhof:
Erster Platz für Pfeiler-Entwurf der Johann-Comenius-Schule

Pinneberger Tagblatt (27.04.2019)

Kirsten Kunz:
Unsere Vergangenheit – unsere Verantwortung
Gemeindebrief der Evangelisch-lutherischen Christuskirche Pinneberg, Mai | Juni | Juli 2019, S. 5–7
kirche-hamburg.de/fileadmin/gemeinden/christus-kirchengemeinde-pinneberg/downloads/Gemeindbrief_PDF/chr_pin-gb2019-2_web.pdf

Pastorin Kunz schildert die Geschichte des „Kriegerkultmals“ mit kritischem Blick auf die Rolle der Kirche bei seiner Einweihung:
„eine Verquickung von Kirche und Politik im Nationalsozialismus, die es dringend aufzuarbeiten gilt. Damit verbunden ist auch die Verantwortung, die daraus für die Gegenwart erwächst: Aufklärung und Ermahnung, damit sich eine Sensibilität für gefährliche gesellschaftliche Tendenzen entwickeln kann“ (S. 6).
Die Christuskirchengemeinde engagiert sich in der Mahnmal-Initiative und führt Veranstaltungen zu „Frieden-Krieg-Kirche“ durch.

Literatur

Quellverweise zu aktuellen Ereignissen finden sich im Abschnitt Chronologie, zu anderen Kriegsdenkmalen im Abschnitt Kriegsdenkmale anderswo. [nv] bedeutet, dass die Quelle nicht vorliegt; sie wird aus jeweils angegebener Quelle zitiert.

Hauptquellen

[IOGR] Initiative für Offenes Gedenken in Radolfzell:
Radolfzell zur NS-Zeit – Radolfzell im Nationalsozialismus
radolfzell-ns-geschichte.von-unten.org
Informiert umfassend über Ordnungspolizei und Gestapohaft, SS-Kaserne und KZ-Außenlager, SS-Schießanlage, Zwangsarbeit, Juden, Deportation von Roma und Sinti, NS-Ehrenmal, Mahnmal am Seetorplatz, Mettnau-Stadion, Scheffelhof, Naturfreundehaus Markelfingen, Theaterstück Die Flüsterstadt, Film Leichen im Keller, Bildergalerie.

Die Seite radolfzell-ns-geschichte.von-unten.org/ns-ehrenmal ist die ergiebigste Informationsquelle zum Radolfzeller NS-Kriegsdenkmal, das im offiziellen Webauftritt der Stadt, der es gehört und die es pflegt, gar nicht vorkommt.

[amw] antiquariat markus wolter, emmendingen-freiburg:
antiquariat markus wolter freiburg – Zeitgeschichte vor Ort
antiquariat-wolter.de/188114.html
Der unscheinbare Titel birgt Beiträge des Historikers Markus Wolter zur Geschichte Radolfzells, insbesondere zur NS-Zeit: Beiträge für Wikipedia 2009-2012; Radolfzell im Mittelalter; Radolfzell im Nationalsozialismus - Die Heinrich-Koeppen-Kaserne als Standort der Waffen-SS.

NS-Quellen

[Gun38] Konrad Gunst:
Das neue Gefallenenehrenmal in Radolfzell a. B.
Badische Kriegerzeitung des NS-Reichskriegerbundes, Nr. 23 (12.06.1938) S. 193
radolfzell-ns-geschichte.von-unten.org/ _media/microsoft_photo_-_ehrenmal-weihe_2.pdf
Bericht über die militaristisch geprägte Einweihungsfeier am 22. Mai 1938 (fälschlich als 22. März d.J. angegeben).
[KT63] Nach 25 Jahren: Kameradschaftstreffen der ehem. Angehörigen des III. Btl. „Germania“ in Radolfzell am 17.[recte: 27.]/28. April 1963
in Verbindung mit der HIAG-Kreisgemeinschaft Radolfzell.

Der Freiwillige, Nr. u. Datum unbekannt (1963); Kopie im Bundesarchiv-Militärarchiv Freiburg, N756/108 b
Ich danke Markus Wolter für die Gelegenheit, dieses Dokument einzusehen. Die Zeitschrift Der Freiwillige für ehemalige Angehörige der Waffen-SS erschien 1956–2014 als Zentralorgan der Landesverbände der Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit der Angehörigen der ehemaligen Waffen-SS e. V. (HIAG). Der anonyme Bericht über das „Kameradschaftstreffen“ im April 1963 in Radolfzell umfasst sechs Spalten, die oft suggerieren, ein Treffen harmloser Internatsschüler/Pfadfinder zu schildern.
[Ros34] Alfred Rosenberg:
Der Mythus des 20. Jahrhunderts
Eine Wertung der seelisch-geistigen Gestaltenkämpfe unserer Zeit

Hoheneichen-Verlag, München (1934) 33./34. Aufl., 701 S.
archive.org/details/DerMythusDesZwanzigstenJahrhunderts
Germanisch-völkisches, rassistisches, antisemitisches Machwerk des führenden NS-Ideologen und Hauptschuldigen der NS-Kriegsverbrechen Alfred Rosenberg (1893–1946).

Kreis Konstanz

[Bla14] Martina Blaschka:
„Glücklich gewählt ist die Lage und vornehm der Obelisk, der mahnend zum Himmel ragt“ Denkmal für die gefallenen Kriegsteilnehmer am Ersten Weltkrieg in Stockach
Denkmalpflege in Baden-Württemberg, Nachrichtenblatt der Landesdenkmalpflege, 4/2014, S. 242–247
journals.ub.uni-heidelberg.de/index.php/nbdpfbw/article/viewFile/ 17253/11068
Der Beitrag der Kulturwissenschaftlerin und Kunsthistorikerin Blaschka informiert über die Entstehung des Stockacher Kriegerdenkmals 1921–1934, seine Gestaltung und seine vier Reliefs mit dem Drachen tötenden Georg, dem verwundeten Soldaten, den ausmarschierenden Kriegern und dem Handgranaten werfenden Helden, den eine Kugel trifft. Engen und Radolfzell folgen als Beispiele für den Umgang mit „Gefallenendenkmalen“. (S. Gefallenendenkmal.)

Dahingestellt sei, ob als Beitragstitel ein Zitat des NS-Bürgermeisters glücklich gewählt ist, oder ob das Zitat

„Unglücklich das Land, das Helden nötig hat.“
aus Bertolt Brechts Leben des Galilei besser passen würde. Leider bleiben Begriffe wie „unbequeme Denkmale“, in denen sich die „Zeitgeschichte“ und das „politische und gesellschaftliche Denken“ spiegeln, und Empfehlungen wie, über sie zu diskutieren sei „angesichts der Zeitläufte“ unerlässlich, nebulös.

Dass „bei den nach 1933 errichteten Denkmalen das Totengedenken in den Hintergrund“ rückte, „an dessen Stelle [..] politische und programmatische Aussagen wie Opferbereitschaft mit dem Akzent auf Kampfbereitschaft, Mut oder Siegesgewissheit“ traten, und „auf die Tugenden der Soldaten wie Tapferkeit, Kameradschaft, Vaterlandsliebe, Pflichterfüllung bis in den Tod verwiesen“ wurde, trifft die Funktionen der NS-Kriegsmale bei den Kriegsvorbereitungen der Nazis oberflächlich. Ebenso kurz greift die Behauptung, die nach dem Zweiten Weltkrieg aufgestellten Tafeln mit „Namen der in diesem Krieg getöteten Soldaten“ hätten „der Erinnerung an die Toten und der Verarbeitung der Trauer“ gedient und seien „identitätsstiftend“ gewesen. Unklar ist, für wen sie welche „Identität“ stifteten (s. [Kos79]).

Stockach Kriegerdenkmal+Storch 2017-05-21 K. Hug Glücklich gewählt hat das Storchenpaar die Lage seines Nests auf dem Stockacher Kriegerdenkmal aus der Zeit, die nur ein Vogelschiss in der Geschichte war. Oder sollen die Kinderbringer kriegslüsternen Eltern frisches Kanonenfutter besorgen? (Vgl. [Lib14, S. 103].)

[BlH17] Martina Blaschka, Franz Hofmann:
»Den tapfern Kämpfern« – Kriegerdenkmale zum Krieg 1870/71 im Kreis Konstanz
hegau, Zeitschrift für Geschichte, Volkskunde und Naturgeschichte des Gebietes zwischen Rhein, Donau und Bodensee, Themenband »Denkmalpflege – Heimatpflege im Hegau«, Jahrbuch 74/2017, Hegau-Geschichtsverein e.V., Singen/Hohentwiel, S. 87–122 v. 320
Blaschka und der Kunsthistoriker und Historiker Dr. Hofmann stellen die 26 „im Hegau noch vorhandenen und die verlorenen Denkmale“ zum Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 vor, von denen fünf fragmentiert und drei verloren sind. Die Schlusssätze ihrer detailreichen Recherche geben einen Ausblick:
„Diese nationalstolze, kriegsverherrlichende Grundstimmung, die in den Kriegerdenkmalen ihren steingewordenen Ausdruck fand, hat der Kriegsbegeisterung vor dem Ersten Weltkrieg den Weg bereitet. Nach diesem nächsten Krieg gab es auf den Denkmalen keine Adler mit ausgebreiteten Flügeln und keine Siegesgöttinnen mehr – dafür größere Tafeln für die unzähligen Namen gefallener Soldaten.“
Zu ergänzen ist, dass es außerhalb des Kreises Konstanz Adler mit ausgebreiteten Schwingen gab (wie in Sacro, Brandenburg 1922 [Lib14, Abb. 101, S. 139–140]; Berlin 1923 [ebd. Abb. 61, S. 96]; Köln 1926 [ebd. Abb. 107, S. 147]) und Adler, die feindliche Untiere greifen (wie in Mundelsheim; Oberlenningen 1921; Neuffen 1925; Brüssow, Brandenburg 192? [ebd. S. 195]). Die Siegesgöttinnen mutierten zu Totenwache stehenden, dann marschierenden, schießbereiten, Handgranaten werfenden Kriegern. Auf NS-Kriegsmalen wie in Radolfzell gab es Reichsadler mit ausgebreiteten Flügeln (und Hakenkreuz). Der Adler überlebte alle Staatsformen bis in die Bundesrepublik der 1960er Jahre [Lur87, S. 143, 238–240, 334].
[Bra89] Jörg Braun:
Radolfzeller in Polen vorneweg. SS-Truppe aus der Stadt kämpfte in vorderster Front
Südkurier (01.09.1989)
Ich danke Markus Wolter für den Hinweis auf diesen Artikel.
[Bru18] Johannes Bruggaier:
Warum der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels für das Konstanzer Forscherpaar Assmann überfällig war
Südkurier (12.06.2018)
suedkurier.de/ueberregional/kultur/Warum-der-Friedenspreis-des-Deutschen-Buchhandels-fuer-das-Konstanzer-Forscherpaar-Assmann-ueberfaellig-war;art10399,9772780
Ein unbequemes Paar
Südkurier (13.06.2018) Ausgabe Singen, S. 13
Über die Kulturwissenschaftler Aleida und Jan Assmann und ihre Themen Erinnerungskultur bzw. Monotheismus.
[Bur17] Oswald Burger:
Der Stollen
Hg. v. Verein Dokumentationsstätte Goldbacher Stollen und KZ Aufkirch in Überlingen e.V., stollen-ueberlingen.de, Editon Isele, Eggingen, Überlingen (122017) 123 S.
Nicht nur Radolfzell, auch Überlingen hatte ein Außenkommando des KZ Dachau. Von September 1944 bis April 1945 mussten rund 800 KZ-Häftlinge rund 4 km Stollen in den Goldbacher Molassefels treiben, in denen die Nazis die zerbombte Rüstungsproduktion Friedrichshafens fortsetzen wollten.
[Gei17] J. Geiger:
Die Stadt und die Nazis
SeeMoZ (21.04.2017)
seemoz.de/lokal_regional/die-stadt-und-die-nazis
DIE LINKE im Kreis Konstanz - Sozial. Gerecht. Frieden. Für alle. (21.04.2017)
die-linke-konstanz.de/2017/04/21/die-stadt-und-die-nazis
Über neonazistische Umtriebe 2015–2017.
[Hau13] Sebastian Hausendorf:
»Eine böse Mißwirtschaft«. Radolfzell 1933–1935
UVK Verlagsgesellschaft, Konstanz München (2013) 222 S.
Die detailreiche Studie des Historikers Hausendorf, eine überarbeitete Fassung seiner Masterarbeit von 2011 am Fachbereich Geschichte und Soziologie der Universität Konstanz, behandelt vor allem das Regime des fachlich unfähigen NS-Bürgermeisters Eugen Speer.
[Hau17] Sebastian Hausendorf:
Radolfzell im „Dritten Reich“ 1933–1939
in: [Rad17, S. 246–267]
radolfzell.de/addmindms/document/1004/8f8d6e07-64fe-ec9a-e79a-32e067029a0e/Kapitel_8_Sebastian-Hausendorf_beschn.pdf?fdl=1
Hausendorfs Beitrag für die Stadtchronik erfasst auch die Jahre des Speer folgenden NS-Bürgermeisters Josef Jöhle bis zum Angriffskrieg gegen Polen.
[Hug18U] Karlheinz Hug:
Überlegungen zum NS-Kriegerdenkmal in Radolfzell
(14.02.2018) Gewidmet dem Radolfzeller Kulturausschuss und dem Arbeitskreis Erinnerungskultur, 7 S.
karlheinz-hug.de/hegau-bodensee/start/Radolfzell_NS-Kriegerdenkmal_Ueberlegungen_2018-02-14_K_Hug.pdf
Diskutiert 11 Optionen zum Umgang mit dem NS-Kriegsdenkmal.
[Hug18F] Karlheinz Hug:
Fragen zum NS-Kriegerdenkmal in Radolfzell
(27.05.2018) Gerichtet an den Radolfzeller Kulturausschuss und den Arbeitskreis Erinnerungskultur, 10 S.
karlheinz-hug.de/hegau-bodensee/start/Radolfzell_NS-Kriegerdenkmal_Fragen_2018-05-27_K_Hug.pdf
Stellt 37 Fragen zum Webauftritt der Stadt Radolfzell, den „Leitlinien zur Erinnerungskultur“, und der Empfehlung des Kulturausschusses vom 15.05.2018 für den Gemeinderat.
[Hug18V] Karlheinz Hug:
Vorschläge zum NS-Kriegerdenkmal in Radolfzell
(16.06.2018) Gerichtet an den Gemeinderat der Stadt Radolfzell am Bodensee, 12 S.
karlheinz-hug.de/hegau-bodensee/start/Radolfzell_NS-Kriegerdenkmal_Vorschlaege_2018-06-15_K_Hug.pdf
Bestandsaufnahme der Objekte am Luisenplatz +
Diskussion von Argumenten für den Status quo +
begründete Änderungsvorschläge zu den Objekten
[Klö10] Jürgen Klöckler:
Die SS in Radolfzell: Das NSDAP-Mitglied 2 945 573
Südkurier (07.10.2010)
suedkurier.de/archiv/exklusiv/damals/kreis-konstanz/art1359967,4515279
Ein Hort der Nazi-Ideologie
Südkurier (08.10.2010)
suedkurier.de/archiv/region/kreis-konstanz/radolfzell/art1360095,4517233
Der Konstanzer Stadtarchivar Prof. Dr. Klöckler stellt in zwei Teilen den SS-Obersturmbannführer Heinrich Koeppen vor, den ersten Kommandanten der nach ihm benannten SS-Kaserne, nachdem er beim Überfall auf Polen am 16.09.1939 bei Jaworow den Tod durch Bajonettstich gefunden hatte.
[Kro] René & Peter van der Krogt:
Statues - Hither & Thither. Radolfzell - Kriegerdenkmal
statues.vanderkrogt.net/object.php?webpage=ST&record=debw271
Der Webauftritt bietet Fotos und Kurzbeschreibungen von über 18.000 Skulpturen aus aller Welt.
[LR08-04-21] blogsport UG, Berlin:
Ehemalige SS-Kaserne in Radolfzell und das KZ Außenlager von Dachau
Archiv « LinksRhein (21.04.2008)
linksrhein.blogsport.de/2008/04/21
Bericht über den Vortrag des Radolfzeller Stadtarchivars Achim Fenner am 16.04.2008.
[Rad15] Stadtverwaltung Radolfzell, Abteilung Stadtgeschichte (Hg.), Hildegard Bibby (Text):
» Das ist mir in Erinnerung geblieben
ZeitzeugInnen in Radolfzell 1930–1950

Schriftenreihe zur Geschichte der Stadt Radolfzell am Bodensee, Bd. 1, Stadler Verlagsgesellschaft mbH, Konstanz (2015) 144 S.
Ohne Namen, ohne Gesichter berichten 33 durch Interviewnummern anonymisierte Zeitzeugen über Alltag, Politik, Wirtschaft, ergänzt durch Kommentare und Fotos, darunter zwei Seiten zum NS-Kriegsdenkmal.
[Rad17] Stadt Radolfzell am Bodensee, Abteilung Stadtgeschichte, Hildegard Bibby, Katharina Maier (Hg.):
Radolfzell am Bodensee. Die Chronik
Stadler Verlagsgesellschaft mbH, Konstanz (2017) 416 S.
„Überblick zur Radolfzeller Stadtgeschichte von den Anfängen der Besiedlung bis in die Gegenwart“ mit Einzelbeiträgen. Siehe [Hau17], [Wol17].
[Rad] Stadt Radolfzell, Radolfzell am Bodensee:
Willkommen in Radolfzell am Bodensee
radolfzell.de
Bis Juli 2018 ignoriert die vierseitige „Chronik der Radolfzeller Stadtgeschichte“ die NS-Zeit, obwohl die Stadt seit 2015 für ihre „Erinnerungskulturarbeit“ den Leitsatz „Mit Verantwortung für Gegenwart und Zukunft gegen das Vergessen“ propagiert.

Seit Juli/August 2018 informieren 18 Zeilen über „Radolfzell 1933 – 1945: Machtergreifung, Garnisonsstadt und Kapitulation“. Die Machtübergabe an die Nazis erscheint als „Machtergreifung“ und „Gleichschaltung“ durch ungenannte Akteure, die SS-Garnisonsstadt verliert ihr Präfix „SS“, Kriegsvorbereitung und Eroberungskrieg kommen nicht vor, die Befreiung von Faschismus und Krieg wird wie aus Nazisicht zur „Kapitulation und anschließenden Besetzung“, Verantwortung verflüchtigt sich, da es in Radolfzell „war wie überall im Deutschen Reich“, Akteure verschwinden in der Passivform, die NSDAP-Funktionen der Bürgermeister werden verschwiegen, die NSDAP zur „Partei“ verharmlost, an Jöhle war scheinbar „nicht alles schlecht“, denn er sorgte „für einen Aufschwung bei Fremdenverkehr und Wohnungsbau“. Der Satz

„Mit der SS-Kaserne war Radolfzell zwischen 1939 und 1945 in das militärische Garnisonssystem des NS-Staates eingebunden“
übernimmt den Schreibfehler „1939“ statt „1937“ aus [Rad17, S. 10], erwähnt als einziger den Nationalsozialismus per Kürzel „NS“, und verschleiert: Die Nazis bauten die SS-Kaserne ab 1935 und belegten sie ab 1937 mit SS-Einheiten, einer unrechtsstaatlich organisierten Terrorbande, die kein „normales“ militärisches System darstellte, zumal auch die Wehrmacht nach dem Versailler Vertrag illegal war. Das Original des obigen Satzes findet sich in [Wol17, S. 271]:
„In der Konsequenz war die Stadt faktisch eingebunden in das System des SS-Staates, für dessen Planungen und Verbrechen auch vor Ort die organisatorischen Voraussetzungen geschaffen wurden.“
Seit Eugen Kogons Der SS-Staat von 1946 wissen wir, dass der SS-Staat ein Staat in, neben, über dem (NS-)Staat war [Wet79, S. 163]. Der Schritt von „System des SS-Staates“ zu „militärische Garnisonssystem des NS-Staates“ verbiegt Fakten. Die Sprengung der Synagogen und die Vertreibung der Juden durch die Radolfzeller SS wird verschwiegen, der „feindliche Artilleriebeschuss“ erwähnt, obwohl es in Radolfzell keine großen Kriegszerstörungen gab. Der begrüßenswerte Schritt, eine Informationslücke im Webauftritt zu schließen, bleibt mehr der Verdrängungs- und Verharmlosungskultur verhaftet als sich einer kritischen Aufarbeitung brauner Flecken zu nähern.

P.S.: Das Kriegerdenkmal? Wird erwähnt, wie Radolfzell dazu kam? Nein.

Nachtrag 02.12.2018: Inzwischen stehen neben den 18 Zeilen „Download“-Verweise auf [Hau17] und [Wol17], die Kapitel zur NS-Zeit in der „Chronik“ [Rad17].

[RaMu] Stadt Radolfzell, Radolfzell am Bodensee:
Stadtmuseum Radolfzell in der alten Stadtapotheke
stadtmuseum-radolfzell.de
Der Themeninsel „Migration und Nationalsozialismus“ steht ein Raum zur Verfügung. Unklar ist der Sinn dieser Kombination. Warum nicht „Wirtschaftswunder und Judenjagd“? Warum nicht „Spaghettisoße und SS-Schießstand“? Unklar ist auch, warum das Stadtmuseum als bestgeeigneter Ort für die Aufbereitung der Geschichte des NS-Kriegsdenkmals dieses nur durch zwei NS-Exponate erwähnt. Hoffnungsschimmer: Das Stadtmuseum strebt eine Neukonzeption an, um das „dunkle Kapitel der Geschichte“ neu aufzuarbeiten und zu präsentieren.
[RaUA07] Stadt Radolfzell, Umweltamt:
Baumschutz in Radolfzell
(01.10.2007) Pressemitteilung
radolfzell.de/bausteine.net/f/10207/Baumschutz_in_Radolfzell.PDF?fd=2
Enthält ein Foto der Platane am Luisenplatz.
[Sta17] Christof Stadler:
»NOTizen« zu verschwundenen und bedrohten Baudenkmalen in Radolfzell
hegau, Zeitschrift für Geschichte, Volkskunde und Naturgeschichte des Gebietes zwischen Rhein, Donau und Bodensee, Themenband »Denkmalpflege – Heimatpflege im Hegau«, Jahrbuch 74/2017, Hegau-Geschichtsverein e.V., Singen/Hohentwiel, S. 37–72 v. 320
Der Beitrag des Schulleiters und Historikers Stadler bietet umfangreiches Material dazu, wie Radolfzell Schutz und Veränderungen seiner Bauten handhabt. Das NS-Kriegsdenkmal wird nicht erwähnt, wohl weil es weder verschwunden noch bedroht ist.
[WiRa] Wikipedia: Radolfzell am Bodensee
de.wikipedia.org/wiki/Radolfzell_am_Bodensee
Umfasst 12 Druckseiten, von denen sich eine mit der NS-Zeit befasst.
[Wol11] Markus Wolter:
Radolfzell im Nationalsozialismus – Die Heinrich-Koeppen-Kaserne als Standort der Waffen-SS
Schriften des Vereins für Geschichte des Bodensees und seiner Umgebung, Heft 129, Jan Thorbecke Verlag, Ostfildern (2011) 46 S.
antiquariat-wolter.de/media/8e7e05894c78b53dffff81b5fffffff2.pdf
Der Text des Historikers Wolter behandelt Machtübernahme und „Gleichschaltung“, Standort der Waffen-SS, III./SS „Germania“, Reichsprogrom 1938, SS-Totenkopf-Infanterie-Ersatz-Bataillon I, Waffen-SS-Unterführerschule, Dachauer KZ-Außenkommando.
[Wol17] Markus Wolter:
Die SS-Garnison Radolfzell 1937–1945
„Täter, Opfer, Zuschauer“ – Raul Hilberg

in: [Rad17, S. 268–303]
radolfzell.de/addmindms/document/1004/02e7a8b6-c03c-8b78-a7ec-06252a3860ac/Kapitel_9_Markus_Wolter_beschn.pdf?fdl=1
Wolters Beitrag für die Stadtchronik ist trotz inhaltlicher Überschneidungen mit [Wol11] komplett eigenständig. Er beginnt 1937 mit dem Einzug der SS-Verfügungstruppe in Radolfzell und behandelt auch die „kampflose Übergabe“ der Stadt am 25.04.1945 und die „Stunde Null“.
Suzanne Glocker:
Aus Nummern werden Menschen
Südkurier (05.04.2011)
suedkurier.de/archiv/region/kreis-konstanz/radolfzell/art1360095,4814522
Bericht über einen Vortrag des Historikers Markus Wolter zum KZ-Außenkommando und den Versöhnungsweg des Arbeitskreises Christlicher Kirchen.
hpk:
„Alle Straßennamen sollten überprüft werden“
SeeMoZ (24.04.2013)
seemoz.de/lokal_regional/alle-strasennamen-sollten-uberpruft-werden
Interview mit der Historikerin Heike Kempe zur abgelehnten Umbenennung der nach dem Massenmörder und Kriegsverbrecher Lettow-Vorbeck benannten Straße in Radolfzell.
Onlineprojekt Gefallenendenkmäler, Greenwich, Connecticut, USA; Thilo C. Agthe; W. Leskovar:
Radolfzell am Bodensee, Landkreis Konstanz, Baden-Württemberg
(07.01.2007)
denkmalprojekt.org/2012/
radolfzell-am-bodensee_lk-konstanz_kombattanten_bawue.html

radolfzell-am-bodensee_lk-konstanz_wk1_bawue.html
radolfzell-am-bodensee_lk-konstanz_wk2_a-k_bawue.html
radolfzell-am-bodensee_lk-konstanz_wk2_l-z_bawue.html
Enthält die Namenslisten der Tafelwand, ohne zwischen Wehrmacht und SS zu differenzieren.
Natalie Reiser:
Stolpersteine für Euthanasie-Opfer
Südkurier (10.09.2015)
suedkurier.de/archiv/region/kreis-konstanz/radolfzell/art1360095,8139348
Die Historiker Markus Wolter und Thomas Stöckle berichten über die „Euthanasie“-Morde in der Vernichtungsstätte Grafeneck bei Reutlingen und den Bezug zu Radolfzell.
Claudia Rindt:
Neues Wissen für das Erinnern
Südkurier (09.04.2011)
suedkurier.de/archiv/region/kreis-konstanz/konstanz/art1360087,4822959
Bericht über eine Wanderausstellung des Deutschen Historischen Instituts in Warschau, die Verbrechen der Wehrmacht und Radolfzeller SS-Truppen im September/Oktober 1939 in Polen thematisiert.
Die SS und ihre Kaserne in Radolfzell
Südkurier (03.11.2010)
suedkurier.de/archiv/region/kreis-konstanz/radolfzell/art1360095,4559619
Kurzbeitrag zur Geschichte der SS-Kaserne vom Plan zum RIZ.
Verein für jüdische Geschichte Gailingen e.V., Gailingen:
Jüdisches Museum Gailingen
jm-gailingen.de

Baden-Württemberg

[Cre17] Folkhard Cremer:
Versuche einer Sinngebung des Sinnlosen
Gefallenendenkmäler der Zwischenkriegszeit

Denkmalpflege in Baden-Württemberg, Nachrichtenblatt der Landesdenkmalpflege, 4/2017, S. 288–293
journals.ub.uni-heidelberg.de/index.php/nbdpfbw/article/viewFile/42798/36476
Der Denkmalpfleger Dr. Cremer schlägt vor, „kriegsverherrlichende Gefallenendenkmäler“ „als Mahnmale gegen den Krieg und völkisch-rassistisches Denken zu lesen lernen“. Bringt zehn Beispiele mit Fotos. Unklar ist, ob man auch lernen soll, Nazis als Friedensengel wahrzunehmen.
[Kai12] Helga u. Hans Kaiser:
Die lange Geschichte eines Heldengedenkens – das Kriegerdenkmal im Furtwanger Stadtgarten für Gefallene und Vermisste des I. Weltkriegs 1914-1918
FORUM Schulstiftung, Zeitschrift für die Katholischen Freien Schulen der Erzdiözese Freiburg, 57 (12/2012) S. 78–99
schulstiftung-freiburg.de/eip/media/forum/pdf_517.pdf
i-magazine AG, Diepoldsau:
Die lange Geschichte eines Heldengedenkens – das Kriegerdenkmal im ...
yumpu.com/de/document/view/15022179/die-lange-geschichte-eines-heldengedenkens-das-kriegerdenkmal-im-
Die Eheleute Hans (Industriekaufmann, Kriegsteilnehmer 1942–1946) und Helga Kaiser (Kauffrau, Kriegseinsatz im Reichsarbeitsdienst), beide ehemalige Stadträte in Furtwangen, erarbeiteten die Geschichte des Furtwanger NS-Kriegerdenkmals, indem sie u.a. Stadtarchivalien, Stadtratssitzungsprotokolle, Presseberichte auswerteten und Zeitzeugen befragten. Mit vier historischen Fotos des Furtwanger Kriegsmals und 15 Fotos anderer Werke Hugo Knittels.
[Pie15] Werner Pieper:
Mensch, Denk Mal. Zur Geschichte der Kriegerdenkmale und deren Alternativen – auch am Beispiel der Kleinstadt Weinheim
Grüne Kraft, Birkenau-Löhrbach (2015) 2. ergänzte Aufl., 112 S.
[Pro17] Wolfgang Proske (Hg.):
Täter Helfer Trittbrettfahrer. NS-Belastete aus dem Bodenseeraum. Bd. 5
Kugelberg Verlag, Gerstetten (22017) 334 S.
Dr. Wolfgang Proske: Täter, Helfer, Trittbrettfahrer ns-belastete.de

Anderes

[Alt88] Hans Joachim Althaus u.a. (Hg.):
Der Krieg in den Köpfen. Beiträge zum Tübinger Friedenskongreß „Krieg – Kultur – Wissenschaft“
Tübingen (1988) [nv]
Siehe [Can88].
[Are18] Rudi Arendt:
30. Januar Pinneberg: Kein Licht für Kriegsverherrlichung
in: [FVSP] (10.02.2018)
spurensuche-kreis-pinneberg.de/post/
30-januar-pinneberg-kein-licht-fuer-kriegsverherrlichung
[Arm88] Gerhard Armanski:
»...und wenn wir sterben müssen«
Die politische Ästhetik von Kriegerdenkmälern

VSA-Verlag, Hamburg (1988) 177 S.
Der Sozialwissenschaftler Prof. Dr. Armanski (Univ. Osnabrück, Frankfurt a.M.) geizt nicht mit ätzender Kritik an der „Militär(un)kultur“. Einem 23-seitigen Essay folgen exemplarische Beiträge zu Kriegerdenkmalen in Hamburg, Windsbach, Marbach am Neckar, und Osnabrück.
[Beh89] Sabine Behrenbeck:
Heldenkult oder Friedensmahnung?
Kriegerdenkmale nach beiden Weltkriegen

Informationsdienst Wissenschaft & Frieden, Nr. 4 (Dezember 1989) S. 35–39
wissenschaft-und-frieden.de/seite.php?artikelID=0835
Die Historikerin Sabine Behrenbeck schrieb diese Fassung eines Vortrags, während sie über den „Kult um die toten Helden im Nationalsozialismus“ promovierte.
[Beh91] Sabine Behrenbeck:
Heldenkult und Opfermythos
Mechanismen der Kriegsbegeisterung 1918 - 1945

in: [LiM91, S. 143–159]
Untersucht in den Abschnitten Kriegsbegeisterung und Todestrieb, Opfermythos zur Sinnstiftung des Soldatentods, Opfer des Helden im Nationalsozialismus, Bedeutung des Opferkults für die Kriegsbegeisterung im Zweiten Weltkrieg, „welche Wertvorstellungen und Ideale dazu beitrugen, daß die positive Einstellung zum Krieg nach 1918 und besonders nach 1933 ein ethisches und politisches Leitbild blieb“ (S. 143).
[Beh92] Sabine Behrenbeck:
Heldenkult oder Friedensmahnung?
Kriegerdenkmale nach beiden Weltkriegen

in: [NiR92, S. 344–364]
Überarbeitete und erweiterte Fassung von [Beh89].
[Beh96] Sabine Behrenbeck:
Der Kult um die toten Helden
Nationalsozialistische Mythen, Riten und Symbole 1923 bis 1945

SH-Verlag GmbH, Vierow bei Greifswald (1996, 22011) 688 S.
Behrenbeck gelingt in ihrer inhaltsreichen interdisziplinären Dissertation eine fundierte Analyse des NS-Heldenkults, die zwar NS-Kriegerdenkmale nur streift, aber Grundlagen für deren Verständnis liefert. Die Arbeit gliedert sich in vier Kapitel, wobei das erste die Begriffe Mythos, Ritus, Symbol, Held, Opfer und Inhalte des Heldenkults erklärt. Die folgenden Kapitel gliedern die historische Untersuchung in die „Kampfzeit“ 1923–1933, die Zeit nach dem „Sieg“ 1933–1939, und die Kriegszeit 1939–1945. Kapitel 2 erforscht, wie Hitler und Goebbels Heldenmythen formten sowie Bezüge zu religiösen Bewegungen und Gefallenenkulten und zur Politik. Kapitel 3 widmet sich dem Heldenkult in Film, Thingspiel, Theater und Feierritual sowie Kultbauten und -symbolen. Kapitel 4 zeigt, wie die Heldenmythen im Krieg ihre Glaubwürdigkeit verlieren, dennoch danach als Trümmer weiter existieren. Empfehlenswertes Werk!
[Bes91] Richard Bessel:
Kriegserfahrungen und Kriegserinnerungen: Nachwirkungen des Ersten Weltkrieges auf das politische und soziale Leben der Weimarer Republik
in: [LiM91, S. 125–140]
Da sich die „Wogen der nationalistischen Propaganda“ unter der Nazi-Herrschaft an realen Kriegserfahrungen vieler Deutscher brachen, kam bis 1939 keine allgemeine Kriegsbegeisterung auf. Dr. Bessels Beitrag schließt: „Aber um einen Krieg zu führen braucht ein Staat nicht unbedingt eine allgemeine Kriegsbegeisterung, sondern nur die Bereitwilligkeit seiner Staatsbürger zu gehorchen“ (S. 140).
[BW13] Bundeswehr:
Panzer mit Strickjacke - YouTube
Video 3:41 (18.02.2013)
youtube.com/watch?v=gMqVzZRL9n8
[Can88] Hildegard Cancik-Lindemaier:
Opfer. Religionswissenschaftliche Bemerkungen zur Nutzbarkeit eines religiösen Ausdrucks
in: [Alt88, S. 109–120] [nv]
[DISS12] Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung:
Kriegsdenkmäler als Lernorte friedenspädagogischer Arbeit
diss-duisburg.de, Duisburg (November 2012) 58 S.
diss-duisburg.de/2012/12/kriegsdenkmaeler-als-lernort
PDF-Version (11 MB):
diss-duisburg.de/Internetbibliothek/Buecher/
diss--kriegsdenkmaeler-friedenspaedagogik--2012.pdf

beim Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V.:
100-jahre-erster-weltkrieg.eu/fileadmin/redaktion/Micro_Weltkrieg/ Projekte/diss--kriegsdenkmaeler-friedenspaedagogik--2012.pdf
Informative Publikation, von der Landeszentrale für politische Bildung NRW gefördert, bietet 40 Seiten historischen Überblick und sechs Seiten Bibliografie.
[DMVW79] Wilhelm Deist, Manfred Messerschmidt, Hans-Erich Volkmann, Wolfram Wette:
Ursachen und Voraussetzungen der deutschen Kriegspolitik
Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg, Bd. 1 (v. 10), Beiträge zur Militär- und Kriegsgeschichte, Militärgeschichtliches Forschungsamt (Hg.), Deutsche Verlags-Anstalt GmbH, Stuttgart (1979) 769 S.
Band 1 des zehnbändigen geschichtswissenschaftlichen Werks Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg umfasst die vier Teile Ideologien, Propaganda und Innenpolitik als Voraussetzungen der Kriegspolitik des Dritten Reiches [Wet79]; Die NS-Wirtschaft in Vorbereitung des Krieges; Die Aufrüstung der Wehrmacht; Außenpolitik und Kriegsvorbereitung. Inhaltsverzeichnis: d-nb.info/801075327/04. Der letzte Satz der Schlußbetrachtung resümiert prägnant:
„Diese Katastrophe war das Ergebnis der seit 1933 verfolgten, auf eine kriegerische Auseinandersetzung zielenden deutschen Politik, der nicht nur Hitlers ‚Lebensraum‘- Ideologie zugrundelag, sondern in der auch der seit der Jahrhundertwende ungebrochene Macht- und Geltungsanspruch deutscher Eliten zum Ausdruck kam“ (S. 716).
[DöD08] Angelika Dörfler-Dierken:
Der Tod des Soldaten als Opfer. Protestantische Traditionslinien
in: [HeE08, S. 75–84]
Prof. Dr. Dörfler-Dierken, damals Projektleiterin am Sozialwissenschaftlichen Institut der Bundeswehr in Strausberg, fragt, ob der Opfertod ein Charakteristikum des Soldatenberufs ist, belegt, dass Grundgesetz und Soldatengesetz kein Selbstopfer des Soldaten fordern, und untersucht, wie es dazu kam, dass die „Kreuzigung Jesu Christi als Ursprungsopfer in der christlichen Theologie“ in der protestantischen Tradition für den Soldatentod missbraucht wurde.
„Der Staat wurde zur Heilsanstalt, die mystische Teilhabe erlaubte; patriotischer Dienst wurde zum Gottesdienst; der sterbende Krieger erlöste das Vaterland wie der sterbende Christus die Gemeinde“ (S. 81).

„Säkularisierung und Nationalisierung des Opfergedankens erlebten im Zweiten Weltkrieg ihren Höhe- und Umschlagspunkt“ (S. 82).

[Dom73] Max Domarus (Hg.):
Hitler. Reden und Proklamationen 1932–1945
Kommentiert von einem deutschen Zeitgenossen

4 Bände, Pamminger & Partner Verlagsgesellschaft mbH, Leonberg (1973) 2405 S.
archive.org/details/HitlerRedenUndProklamationen19321945
Verbreitete Quellensammlung des Historikers und Publizisten Domarus; kritisch dazu: worldfuturefund.org/ wffmaster/Reading/Germany/quellen.zu.hitler.htm.
[EANDM] Evangelische Akademie der Nordkirche, Dr. Stephan Linck, Hamburg:
Denk Mal!
denk-mal-gegen-krieg.de
Der Webauftritt des 2014 durch die Kunstaktion „Weiße Wäsche“ am Hamburger 76er-Kriegerdenkmal initiierten Projekts DENK MAL! des Arbeitsbereichs Erinnerungskultur der Evangelischen Akademie der Nordkirche bietet umfangreiche Informationen, Dokumente, Fotos zu Hintergründen von, Ritualen an, Auseinandersetzungen mit und Initiativen zu Kriegsdenkmalen, zur Beziehung zwischen Kirchen und Kriegen, sowie Porträts von zahlreichen Kriegsdenkmalen in Schleswig-Holstein, Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern. Nicht nur für evangelische Nordländer empfehlenswert!
[EKBP14] Evangelische Kirche der Pfalz (Protestantische Landeskirche), Evangelische Landeskirche in Baden (Hg.):
Gedenkt der Toten und lebt für den Frieden!
Ein Lese- und Arbeitsheft zu Kriegerdenkmälern in Baden und in der Pfalz

Karlsruhe Speyer (2014) 48 S.
bei der Bundesvereinigung Opfer der NS-Militärjustiz e.V.:
upgr.bv-opfer-ns-militaerjustiz.de/uploads/Dateien/Links/
Arbhilfe-Kriegerdenkmaeler2014.pdf

bei der Evangelischen Jugend Baden:
ejuba.de/userdata/msData/ejubaseite/data/EjubaMaterials/ materials/download/Kriegerdenlkm__ler_Baden_Pfalz.pdf
Das ansprechend gestaltete Heft führt in die Geschichte der deutschen Kriegerdenkmale ein, reflektiert die Denkmalkultur der Kirchen, stellt umstrittene Denkmale dar, und liefert Anregungen zu Friedensandachten und zur kirchlichen Bildungsarbeit.
[FiD88] Christine Fischer-Defoy:
KUNST MACHT POLITIK
Die Nazifizierung der Kunst- und Musikhochschulen in Berlin

Hochschule der Künste Berlin, ELEFANTEN PRESS Verlag GmbH, Berlin (West) (1988, Reprint 1996) 348 S.
Die Kulturhistorikerin Fischer-Defoy dokumentiert die Geschichte der Berliner Kunst- und Musikhochschulen von 1696 bis 1975 mit Fokus auf 1933–1945.
[Fis90] Heike Fischer:
Tannenberg-Denkmal und Hindenburgkult
Hintergründe eines Mythos

in: [HKMP90, S. 28–49]
Hier interessiert die Verquickung von Heldenkult, Jugendherberge und Kampfbahn.
[FVSP] Förderverein Gegen das Vergessen – Spurensuche im Kreis Pinneberg und Umgebung 1933-1945 e.V., Rudolf Arendt, Elmshorn:
Spurensuche Kreis Pinneberg und Umgebung | Damals zwischen 1933 und 1945, für heute und morgen
spurensuche-kreis-pinneberg.de
[Gol04] Daniel Goldhagen:
Die katholische Kirche und der Holocaust
Eine Untersuchung über Schuld und Sühne

Goldmann, München (2004) erweit. Taschenbuchausg., 511 S.
[HeE08] Manfred Hettling, Jörg Echternkamp (Hg.):
Bedingt erinnerungsbereit. Soldatengedenken in der Bundesrepublik
Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & C. KG, Göttingen (2008) 176 S.
Die Historiker Prof. Dr. Hettling, Universität Halle-Wittenberg, und Dr. Echternkamp, Militärgeschichtliches Forschungsamt Potsdam, versammeln 13 Beiträge zum Problem, wie der politische Totenkult um Bundeswehrsoldaten mit dem „Wandel der Bundeswehr von einer Verteidigungs- zu einer Einsatzarmee“ (S. 7), die zu „humanitären militärischen Interventionen“ (S. 24) aufbricht, zu gestalten sei. Denn tradierte Muster wie „für die Verteidigung der Heimat gefallene Helden“ und „Opfer eines Unrechtsstaats“ taugen dazu offenbar nicht. Siehe [DöD08], [Kru08].
[HeE13] Manfred Hettling, Jörg Echternkamp (Hg.):
Gefallenengedenken im globalen Vergleich. Nationale Tradition, politische Legitimation und Individualisierung der Erinnerung
Oldenbourg Wissenschaftsverlag GmbH, München (2013) 540 S., darin:
Manfred Hettling: Einleitung. Nationale Weichenstellungen und Individualisierung der Erinnerung, S. 11–42
Manfred Hettling, Jörg Echternkamp: Deutschland. Heroisierung und Opferstilisierung. Grundelemente des Gefallenengedenkens von 1813 bis heute, S. 123–158
Hettling und Echternkamp arbeiten militärkonform auf der Basis „Krieg und Gewalt sind globale Phänomene“ (S. 9), ohne verfassungs- und völkerrechtliche Aspekte zu berücksichtigen. Sie bemerken, dass „die Abwendung von der Legitimation des Krieges seit Kriegsende“ in Deutschland „zu einer moralisch aufgeladenen Ablehnung kriegerischer Interventionen an sich führte“, die „durch das Fehlen jeglicher kriegerischer Erfahrungen“ befördert wurde (S. 156).

Ihr Beitrag streift die NS-Zeit auf zwei Seiten, wo sie die Erkenntnis erreichen, dass im Nazi-Faschismus „die Bereitschaft zum Opfer für das Vaterland [...] als rassische Qualität und völkische Aufgabe inszeniert“ wurde (S. 139–140). Den Zusammenhang zwischen der materiellen Kriegsvorbereitung der Nazis und der ideologischen Flankierung durch aggressive Kriegsdenkmale und militaristische Heldenkulte blenden sie aus. Die Rolle des Hamburger Dammtordenkmals von 1936 reduzieren sie auf ein Gegendenkmal zum Barlachdenkmal vor dem Rathaus (S. 137–138).

Ob die anderen Beiträge des Sammelbands ähnlich beschränkte Sichtweisen vertreten, muss hier offen bleiben. Sie behandeln „Gefallenengedenken“ in Australien, Chile, China, Finnland, Frankreich, Großbritannien, Irak, Israel, Italien, Japan, Kanada, Niederlande, Polen, Schweiz, Sowjetunion/Rußland, Spanien, Türkei, USA, Vietnam.

[Hen18] Ulrich Hentschel:
Pinneberg: Anhörung zum »Kriegerehrenmal« am 8.5.18 im Rathaus
Öffentliche Anhörung der Sachverständigen zur Umgestaltung des Denkmals am Bahnhof, Rathaus Pinneberg (08.05.2018) überarbeit. Fassung des Beitrags, 8 S.
denk-mal-gegen-krieg.de/assets/Texte/Initiativen/2018-05-08-Sachverstaendigengutachten-Hentschel.pdf
Pastor i.R. Hentschel, bis 2015 Studienleiter für Erinnerungskultur an der Evangelischen Akademie der Nordkirche, behandelt die Fragen, was das Pinneberger NS-Kriegsdenkmal nicht zeigt, ob es ein Ort der Trauer ist, wie es wirkt und was es bewirkt. Beispielhaft zeigt er an Kriegerdenkmalen in Hamburg-Altona und Bramfeld, wie Debatten um deren Umgestaltung verliefen.
[Hil18] Jochen Hilbert:
Pinneberg: Ein monströses Kriegerdenkmal als Zeichen für „Gottes Gerechtigkeit“?
Newsletter Gedenkstätten und Erinnerungsorte in Schleswig-Holstein, Nr. 13 (Juli 2018) Bürgerstiftung Schleswig-Holsteinische Gedenkstätten (Hg.) S. 25–27 v. 41
gedenkstaetten-sh.de/files/gedenkstaetten/Nr._13_Juli_2018.pdf
Hilbert, Sprecher der Initiative „Mahnmal statt Kriegerdenkmal am Pinneberger Bahnhof“, berichtet über dortige Aktionen von Juni 2017 bis Juni 2018.
[HKMP90] Michael Hütt, Hans-Joachim Kunst, Florian Matzner, Ingeborg Pabst (Hg.):
Unglücklich das Land, das Helden nötig hat. Leiden und Sterben in den Kriegsdenkmälern des Ersten und Zweiten Weltkrieges
Studien zur Kunst- und Kulturgeschichte, Bd. 8, Jonas Verlag für Kunst und Literatur GmbH, Marburg (1990) 127 S.
Die neun Beiträge dieses Sammelbands befassen sich mit den Kriegsgräberstätten des Volksbunds Deutsche Kriegsgräberfürsorge und seiner Geschichte und Ideologie nach 1945, dem Heldendenkmal im äußeren Burgtor in Wien, dem Tannenberg-Denkmal und Hindenburgkult, dem Schlageter-Denkmal, der Ikonographie des „schlafenden“ Kriegers, der Friedland-Gedächtnisstätte, und Alfred Hrdlickas Gegendenkmal zum Hamburger Kriegsmal für das Infanterieregiment Nr. 76. Siehe [Fis90], [Hüt90], [Kub90], [Mat90], [Wit90].
[Hüt90] Michael Hütt:
Alfred Hrdlicka’s Umgestaltung des Hamburger Denkmals für das Infanterieregiment Nr. 76
in: [HKMP90, S. 112–125]
Hütt beschreibt Hrdlickas Gegendenkmal zum unveränderten „Kriegsklotz“.
[JeW94] Michael Jeismann, Rolf Westheider:
Wofür stirbt der Bürger? Nationaler Totenkult und Staatsbürgertum in Deutschland und Frankreich seit der Französischen Revolution
in: [KoJ94, S. 23–50]
Der Beitrag spart im Bogen von 1800 bis BRD/DDR die NS-Zeit aus. Die klaffende Zeitlücke zwischen den Sätzen
„Das eigentliche Totengedenken trat in den Hintergrund und die Veranstaltungen wurden zunehmend zu politisch-programmatischen Kundgebungen. Dieser Prozeß setzte in Deutschland ebenso wie in Frankreich in den 30er Jahren ein.“ (S. 44)
und
„Die Geschichte des politischen Totenkultes erfuhr nach dem Zweiten Weltkrieg eine tiefgreifende Zäsur. [...] Generell trat in der Bundesrepublik die Erinnerung der Gefallenen in den Hintergrund und machte einem »mahnenden Gedenken« an die (im völkerrechtlichen Sinn) unschuldig Umgekommenen Platz. Die Gründe hierfür liegen im besonderen Charakter des Zweiten Weltkriegs und im Holocaust.“ (S. 49)
füllt der elsässische Sonderfall. Der Nationalsozialismus erscheint nur in einem Nebensatz über Inschriften französischer Widerstandsdenkmale, die „durch die Anklage und den Verweis auf die Verbrechen der Deutschen oder der »Nazis«“ die „Sinnhaftigkeit des gewaltsamen Todes“ vermitteln (S. 49–50). Erstaunlich sind die Verdrängungs- und Relativierungsleistungen der 1958 bzw. 1956 geborenen Autoren.
[KHF84] Kunst – Hochschule – Faschismus
Dokumentation der Vorlesungsreihe an der Hochschule der Bildenden Künste im 50. Jahr der Machtübertragung an die Nationalsozialisten, Berlin (1984) [nv]
Siehe [Mün84].
[Kli06] Kerstin Klingel:
Eichenkranz und Dornenkrone. Kriegerdenkmäler in Hamburg
Landeszentrale für politische Bildung, Hamburg (2006) 331 S.
hamburg.de/contentblob/4341526/086d9590a8d3ca2b2df005 cce4dfc71d/data/eichenkranz-dornenkrone.pdf (11 MB)
In Hamburg stehen über 150 Kriegsdenkmale aus fast 200 Jahren. Klingel analysiert ihre Aufstellungsorte, Formen (Materialien, Symbole, Gestaltung) und Inschriften, stellt Gegendenkmale dar, untersucht die Entwicklung des Volkstrauertags, und listet alle Denkmale mit Fotos, Beschreibungen und Entstehungsgeschichte. Ein kompetent geschriebenes Buch.
[KoJ94] Reinhart Koselleck, Michael Jeismann (Hg.):
Der politische Totenkult. Kriegerdenkmäler in der Moderne
Wilhelm Fink Verlag, München (1994, 21999) 440 S.
Sammelband mit der Einleitung [Kos94] und 14 Beiträgen über Totenkulte und Kriegerdenkmale in Deutschland, Österreich, Schweiz, Frankreich, UdSSR, USA, wobei die „Moderne“ mit der Französischen Revolution 1789 beginnt. Von den vier Beiträgen zu Deutschland kommt die NS-Zeit in [KrK94] vor. Siehe auch [JeW94], [Kos94], [Kre94]. Aus dem Vorwort:
„Kriegsdenkmäler sind in Mode gekommen, sei es, daß sie besprüht, umgewidmet, gestürzt, sogar gestohlen werden, sei es, daß neue und Gegendenkmäler errichtet werden. Jedenfalls unterliegen sie in ihrer ästhetischen Selbstaussage und in ihrer politischen Funktion einem beschleunigten Wandel“ (S. 7).
[Kos79] Reinhart Koselleck:
Kriegerdenkmale als Identitätsstiftungen der Überlebenden
in: Odo Marquard, Karlheinz Stierle (Hg.): Identität, Poetik und Hermeneutik, Bd. 8, München (1979) S. 255–276 [nv]
Prof. Dr. Dr. Reinhart Koselleck (1923–2006), Historiker an der Universität Bielefeld, wirkte „bahnbrechend [...] mit umfassend neuen, grundlegenden Forschungsansätzen über "die Herausforderung der Mahnmäler und Kriegerdenkmäler als Identitätsstiftungen der Überlebenden". Er akzentuierte vor allem den ideologischen Charakter der Denkmäler gegenüber künstlerischen, religiösen und volkskundlichen Voraussetzungen des Phänomens“ [Vog93, S. 11–12]. „Er regte 1976/78 aufwendige Forschungen an über Mahnmäler und Kriegerdenkmäler als “Identitätsstiftungen”“ [ebd. S. 214].
[Kos92] Reinhart Koselleck:
Der Einfluß der beiden Weltkriege auf das soziale Bewußtsein
in: [Wet92a, S. 324–343]
Koselleck, „der sich schon seit längerem mit der identitätsstiftenden Rolle von Kriegerdenkmälern befaßt“, betrachtet hier „die Unterschiede des Totenkults in Frankreich und in Deutschland“, wie er sich in Kriegerdenkmalen ausdrückt [Wet92a, S. 34]. Die Propagandarolle der NS-Kriegsmale beschreibt er so:
„Einen Einschnitt brachte in Deutschland die Machtergreifung der Nazis. Sie zerstören all solche Denkmäler, die ihnen zu pazifistisch oder defätistisch erschienen, um potentielle Siegerdenkmäler mit heroischem Pathos zu favorisieren. Da der Totenkult von der Partei übernommen wurde, konnten alle Denkmäler im Sinne der neuen Ideologie umfunktionalisiert werden, um eine militärische Gesinnung und Haltung in der nachwachsenden Jugend zu erzeugen. [...] Hitler selbst mißtraute der Kriegsbegeisterung der Deutschen, die er propagandistisch entfachen wollte“ (S. 341).
[Kos94] Reinhart Koselleck:
Einleitung
in: [KoJ94, S. 9–20]
Koselleck kleidet die Vorstellung der Beiträge seines Sammelbands in eigene Gedanken.
[Kre94] Georg Kreis:
Gefallenendenkmäler in kriegsverschontem Land
Zum politischen Totenkult der Schweiz

in: [KoJ94, S. 129–143]
In den Weltkriegen starben rund 7.000 Schweizer Wehrmänner während ihrer Dienstzeit, einige durch direkte Kriegseinwirkung, die meisten durch Krankheiten und tödliche Unfälle. Man erklärte sie zu „Gefallenen“ und errichtete Denkmale für sie. Prof. Dr. Kreis, Historiker an der Universität Basel, bietet dafür drei Erklärungen: Ein Imitationsbedürfnis lässt ausländische Vorbilder nachahmen; ein Kontinuitätsbedürfnis will alteidgenössische Kriegerheldenkulte des 19. Jahrhunderts tradieren; ein anthropologisches Grundbedürfnis will die Sekundärwerte der Pflichterfüllung und des Gehorsams pflegen. Der Beitrag schließt mit der Erkenntnis:
„Im Überblick über die verschiedenen Manifestationen des politischen Totenkultes fällt auf, daß nichts stärker die Vergänglichkeit bewußt macht und der Vergänglichkeit selbst unterliegt als die in Stein gemeißelten Versuche, die Vergänglichkeit aufzuhalten“ (S. 136).
[KrK94] Kai Kruse, Wolfgang Kruse:
Kriegerdenkmäler in Bielefeld
Ein lokalhistorischer Beitrag zur Entwicklungsanalyse des deutschen Gefallenenkultes im 19. und 20. Jahrhundert

in: [KoJ94, S. 91–128]
Der Journalist Kai und der Historiker Wolfgang Kruse untersuchen die Bild- und Wortsprache der Bielefelder Kriegerdenkmale, die Stifter und ihre Intentionen, die Formen der Verwirklichung der Denkmalprojekte, den an den Monumenten praktizierten Totenkult, seine Trägergruppen sowie seinen Stellenwert in historischen Kontexten, wobei sie auch die „weitgehend verschüttete pazifistische Denkmaltradition“ und die „Intensivierung des militaristischen Gefallenenkultes“ in der NS-Zeit behandeln (S. 112, 115).
„Wir wollten [...] die Entwicklung eines Kultes schildern, der zu Beginn des 19. Jahrhunderts vom spätabsolutistischen Staat zur Mobilisierung der Massen initiiert wurde, dann aber eine Eigendynamik gewann, [...] bis er schließlich nach dem totalen Zusammenbruch des nationalsozialistischen Deutschland in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts allgemein fragwürdig wurde, seine Massenwirksamkeit einbüßte und gewissermaßen in den Schoß der Bürokratie zurückkehrte“ (S. 92).
[Kru08] Wolfgang Kruse:
Strukturprobleme und Entwicklungsphasen des monumentalen Gefallenenkultes in Deutschland seit 1813
in: [HeE08, S. 33–45]
Für Prof. Dr. Wolfgang Kruse von der FernUniversität Hagen „geht es auch bei dem geplanten Denkmal zur Erinnerung an die Gefallenen der Bundeswehr ganz offensichtlich nicht nur um bereits gestorbene, sondern auch um erst zukünftig fallende Soldaten, deren kriegerischer Einsatz legitimiert werden soll“ (S. 44).
[Kub90] Monika Kuberek:
Die Kriegsgräberstätten des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge
in: [HKMP90, S. 75–90]
Kuberek bemerkt: „Nirgendwo werden die Besucher über die geschichtlichen Zusammenhänge, über Kriegsereignisse und Verantwortlichkeiten informiert und aufgeklärt, nirgendwo wird ihnen die Grausamkeit des Krieges und des Kriegstodes vor Augen geführt. Die Kriegsgräberstätten präsentieren sich vielmehr als gepflegte Anlagen, die den Kriegstod eher verharmlosen, als daß sie den vom VDK propagierten ‚erzieherischen Wert‘ leisten, nämlich die ‚Mahnung zum Frieden‘“ (S. 87).
[Lat92] Klaus Latzel:
»Schlachtbank« oder »Feld der Ehre«? Der Beginn des Einstellungswandels gegenüber Krieg und Tod 1756–1815
in: [Wet92a, S. 76–92]
Der Historiker Latzel beschreibt, wie sich die »Schlachtbank« des siebenjährigen Krieges infolge der preußische Reformen des Militärwesens zum »Feld der Freiheit und Ehre« der antinapoleonischen Befreiungskriege wandelt.
[Lib14] Loretana de Libero:
Rache und Triumph. Krieg, Gefühle und Gedenken in der Moderne
Beiträge zur Militärgeschichte, Bd. 73, De Gruyter Oldenbourg Wissenschaftsverlag GmbH, München (2014) 457 S., 192 Abb.
Prof. Dr. de Libero, Historikerin an der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg-Blankenese und der Universität Potsdam, untersucht „die Visualisierung des Feindes in der Gedenklandschaft Deutschlands und seiner Gegner nach dem Ersten Weltkrieg“ in einem „grenzüberschreitenden Vergleich“ „ausgewählter Erinnerungszeichen“, wobei sie frühere und spätere Zeiten (NS-Diktatur, Kalter Krieg) streift. Sie verfolgt die Spuren, die der Vers „exoriare aliquis nostris ex ossibus altor!“ („Möge aus unseren Knochen ein Rächer erstehen!“) aus dem römischen Nationalepos Aeneis von Vergil (70 v.u.Z.–19 v.u.Z.) und der neulateinische Spruch „invictis victi victuri!“ („Den Unbesiegten die Besiegten, die siegen werden!“) des evangelischen Theologen und DNVP-Mitglieds Reinhold Seeberg (1859–1935) auf zahlreichen „Rachemalen“ hinterließen und schildert die Entwicklung der Droh- und Siegessymbole. Die mit profunden Kenntnissen geschriebene, herausragend detailreiche Studie schließt mit dem Wunsch,
„dass im 21. Jahrhundert alte Rachemale nicht mehr gepflegt oder instand gesetzt, dass vor allem NS-Zeichen in ihrem gefährlichen Gehalt erkannt werden und nicht mehr als malerischer Hintergrund für stolz posierende Schützenvereine dienen, sondern dass an Männer und Frauen egal welcher Nationalität wegen ihrer Menschlichkeit erinnert werde, ohne dass Hass und Schmerz, Rache- und Triumphgefühle vergangener oder gegenwärtiger Zeiten eine Rolle spielen“ (S. 253).
[Lib18] Loretana de Libero:
„Das Pinneberger Kriegerehrenmal“
Öffentliche Anhörung der Sachverständigen zur Umgestaltung des Denkmals am Bahnhof, Rathaus Pinneberg (08.05.2018) kurze Zusammenfassung des freien Vortrags, 7 S.
denk-mal-gegen-krieg.de/assets/Texte/Initiativen/2018-05-08-Sachverstaendigengutachten-De-Libero.pdf
dazu: Das Pinneberger „Kriegerehrenmal“. Eine historische Einordnung
Powerpoint-Präsentation, 25 S.
denk-mal-gegen-krieg.de/assets/Texte/Initiativen/2018-05-08-Sachverstaendigengutachten-de-Libero-PPP.pdf
Loretana de Libero erkennt am Pinneburger NS-Kriegsdenkmal vier Funktionen: „Instrumentalisierung der Gefallenen“ als Vorläufer der NS-Bewegung, „Politisierung der Gefallenen“ für den Bruch des Versailler Vertrags, „Heroisierung der Gefallenen“ zu Siegern, „Viktimisierung über das Gefallenengedenken des Ersten Weltkrieges“ durch Ergänzung zu einem „Kriegsfolgendenkmal“, das die Kriegsgefangenen und Vermissten ruft.
[LiM91] Marcel van der Linden, Gottfried Mergner (Hg.), Herman de Lange (Mitarb.):
Kriegsbegeisterung und mentale Kriegsvorbereitung
Interdisziplinäre Studien

Beiträge zur Politischen Wissenschaft, Bd. 61, Duncker & Humblot GmbH, Berlin (1991) 296 S.
Die 17 auf einem Symposium in Groningen vom 12. bis 14. Oktober 1988 präsentierten Beiträge des Sammelbands befassen sich mit Kontexten, Weltkriegen, indonesischem Befreiungskrieg, Iran-Irak-Krieg, evangelischer Kriegstheologie, Kriegserinnerungen und Nuklearkriegsszenarien. Siehe [Beh91], [Bes91], [Mos91], [See91].
[Lin80] Ulrich Linse:
»Saatfrüchte sollen nicht vermahlen werden!«
Zur Resymbolisierung des Soldatentods

in: [Von80a, S. 262–274]
Prof. Dr. Linse, Historiker an der FH München (damals Oberstudienrat am München-Kolleg), argumentiert zu Heroisierung, Sakralisierung und Auferstehungsmythen. Den mit dem Massensterben im Ersten Weltkrieg wachsenden Todesängsten sei symbolische Unsterblichkeit entgegengesetzt worden:
„Die Wirklichkeit des Sterbens konnte nur noch dadurch verdrängt werden, daß der Tote durch Sakralisierung aus der realen Alltagswelt verbannt wurde, in welcher er aber als wiederkehrender Toter jederzeit einbrechen konnte“ (S. 263).
Die „die national-pseudochristliche Verkleidung“ des „verdrängte[n] ›Gevatter Tod‹“ kommentiert er so:
„Häufig verwob sich die biosoziale (›Volk‹, ›Nation‹) mit der theologischen Unsterblichkeitssymbolik: Der christliche Auferstehungsmythos wurde auf die Kriegshelden und dann auf die Nation selbst angewandt. Daß die ›Vollendung‹ der Existenz im ›Tod fürs Vaterland‹ mit christlicher Lehre nichts gemein hatte, scheint damals nur wenigen Theologen klar gewesen zu sein“ (S. 266, 273).
[Loi87] Martin Loiperdinger:
Rituale der Mobilmachung
Der Parteitagsfilm „Triumph des Willens“ von Leni Riefenstahl

Forschungstexte Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, Bd. 2, Opladen (1987) [nv]
[Lur83] Meinhold Lurz:
„… ein Stück Heimat in Fremder Erde“ Die Heldenhaine und Totenburgen des Volksbunds Deutsche Kriegsgräberfürsorge
ARCH+, Zeitschrift für Architektur und Städtebau, 71 (Oktober 1983) S. 66–70
archplus.net/download/artikel/1698
Bericht u.a. über Heldenhain in Langemarck, Totenburg-Freikorpsehrenmal in Annaberg, bemerkt „die Verdrängung der Gewalt und des massenhaften Mordens und die Verkitschung der Kriegsgräberstätten zu einer Scheinidylle“.
[Lur85] Meinhold Lurz:
Kriegerdenkmäler in Deutschland
6 Bände, Esprint Druckerei und Verlag, Heidelberg (1985–1987) [nv]
Das monumentale Standardwerk des Kunsthistorikers Dr. Meinhold Lurz ergänzt die kunsthistorische Sicht durch sozialhistorische Analysen, kostengünstig verlegt leider in Schreibmaschinenschrift ohne Bilder, aber unverzichtbar.
[Lur86] Meinhold Lurz:
Kriegerdenkmäler in Deutschland
Bd. 5: Drittes Reich

Esprint Druckerei und Verlag, Heidelberg (1986) 461 S.
Lurz' Werk dokumentiert den kriegspropagandistischen Zweck der NS-Kriegsmale, Aufmärsche und Totenfeiern, analysiert ihre vielfältigen Erscheinungsformen systematisch nach verschiedenen Aspekten, und präsentiert dies gut strukturiert mit vielen Beispielen. Aus dem Inhalt: Verherrlichung des Kriegs und Kriegstods; Gesetze, Kompetenzverteilung zwischen Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, Wehrmacht, Behörden; Stile und Denkmaltypen: Realismus (heroischer Kämpfer, Heldenkopf, marschierende Einheit, Sturmtrupp, Regimentsangehörige, trauernder Kamerad), Neoklassizismus (Ehrentempel, -halle, -hof, Pfeiler, Siegestor, Zentralbau, Trophäe, nackter Krieger, Dioskur), germanisierende Motive (Findling, Steinkreis, Ehrenhain, Heldengestalt), Reichssymbole (Adler, Löwe, deutscher Michel), christliche Motive, Grabmalsymbolik; Aufstellungsorte: Friedhöfe (Heldenhaine und Totenburgen des Volksbunds), Denkmale (öffentliche Straßen, Plätze, Thingstätten, Wirkungsorte, geschichtsträchtige Orte, Natur); Inschriften: erinnerte Personen, Schrifttypen, Zitate, Aussagen (Weiterleben, Helden, Nation, Heimat, Kriegsbereitschaft, christliche Motive, Sinn des Kriegs); moralische Kriegsvorbereitung, historische Legitimation, NS-Kultformen, soziale Stellung der Künstler, politische Einstellungen zum Kriegstod, Stiftergruppen (Soldatenverbände, Volksbund, Kirchen), Feiergestaltung, Gedenkbücher, Ausstellungen, Propaganda.
[Lur87] Meinhold Lurz:
Kriegerdenkmäler in Deutschland
Bd. 6: Bundesrepublik

Esprint Druckerei und Verlag, Heidelberg (1987) 602 S.
Umschlagtext: „Kriegerdenkmäler dienen – vordergründig betrachtet – zur Erinnerung an gefallene Soldaten. Doch schon der Blick auf die Inschriften belehrt darüber, daß das Gedächtnis der im Krieg Gefallenen dazu mißbraucht wird, das bestehende Herrschaftssystem, also den Staat, den Kaiser, König oder Landesherrn, in ihrer sozialen Rolle zu festigen. Für eben dieses Herrschaftssystem nämlich ließen die Kriegstoten ihr Leben. Insofern kommt ihnen auch die Rolle von Vorbildern für künftige Generationen zu; so jedenfalls beanspruchen es die Kriegerdenkmäler. Daher nehmen sie eine systemaffirmative Funktion ein, wo sie doch andererseits dazu dienen sollten, den Kriegstod als Anlaß der Kritik zu erkennen. Zur Kritik nämlich an denen, die ihn zu verantworten haben, die den Krieg begannen und die Befehle zum massenhaften Morden gaben, die leichtfertig Menschenleben aufs Spiel setzten. Nirgendwo anders stellt sich die Frage nach Sinn und Notwendigkeit von Kriegen so unmittelbar und drastisch wie vor den Denkmälern ihrer Opfer. Statt den Krieg und seine Verantwortlichen anzuklagen, verherrlichen Kriegerdenkmäler den Tod als Opfer, Heldentum und Tugend.

Umso mehr stellt sich die Frage, wer eine derartige Sinnstiftung im Nachhinein zu verantworten hat und welche Interessengruppen sich bei der Stiftung von Kriegerdenkmälern engagierten. Dieser und vielen anderen Fragen geht das vorliegende Buch nach. Zum erstenmal überhaupt wird darin der Versuch gemacht, ein Randphänomen der Kunstgeschichte nicht nur regional begrenzt oder in Aufsatzform, sondern zusammenfassend, in voller zeitlicher und räumlicher Breite abzuhandeln. Sein Thema liefern vordergründig die Kriegerdenkmäler, dahinter jedoch die Interessen jener, die sie gestiftet haben.“

Kapitel: Das Gedächtnis der Kriege, Pläne für ein zentrales Ehrenmal der Bundesrepublik, Gesetze und Kompetenzverteilung, Formen, Aufstellungsorte, Inschriften, Beiträge zu einer Sozialgeschichte der Kriegerdenkmäler.

[Mat90] Florian Matzner:
Der „schlafende“ Krieger. Ikonographische Aspekte zum ideologischen Stellenwert von Leben und Tod
in: [HKMP90, S. 57–74]
Matzner belegt an vielen Objekten, dass der „schlafende“ Krieger weder tot noch „besiegt ist, sondern lediglich nach dem Kampf ruht, um jederzeit bereit zu sein, erneut Schlachten und Kriege zu führen“, und der „versprochene, ja geradezu garantierte Auferstehungsmythos des gefallenen Soldaten als ideologische Trostspende für zahllose Kriegstote“ dienen soll (S. 63–64).
[Mos80] George L. Mosse:
Soldatenfriedhöfe und nationale Wiedergeburt
Der Gefallenenkult in Deutschland

in: [Von80a, S. 241–261]
Prof. Ph. D. Mosse (1918–1999), us-amerikanischer Historiker deutsch-jüdischer Herkunft an der University of Wisconsin, Madison, betrachtet den „Gefallenenkult“ als „Bestandteil der Säkularisierung der herkömmlichen Religion“ (S. 241).
„Der Gefallenenkult assimilierte die Grundvorstellungen einer weitverbreiteten und geistesverwandten christlichen Tradition. Der Ausruf »nun sind wir geheiligt« enthielt eine Analogie zwischen dem Heldentod des Kriegers und der Passion und Wiederauferstehung Christi“ (S. 244).
Auf den Grundlagen einer „nicht-klerikale[n], nicht-etablierte[n] christliche[n, ...] volkstümliche[n] Frömmigkeit, die in Anlehnung an die christliche Tradition im Leiden zugleich die Hoffnung erblicken konnte“ (S. 245), habe „das Kriegserlebnis verarbeitet werden“ (S. 244) können.
„Schon die Befreiungskriege waren mit dem letzten Abendmahl metaphorisch gleichgesetzt worden, und so konnte Walter Flex, einer der einflußreichsten Mythenschöpfer des Ersten Weltkriegs, [in seinem Kriegslyrikband Vom großen Abendmahl München, o.J.] bruchlos an diese Analogie anknüpfen: der Krieg ist das letzte Abendmahl, er ist eine der wichtigsten Offenbarungen, durch die Christus die Welt erleuchtet. Der Opfertod der Besten unseres Volkes [...] ist [...] eine Wiederholung der Passion Christi. Die Passion aber ist Durchgangsstadium zur Wiederauferstehung“
(S. 245).
„Doch erst nach dem militärischen Zusammenbruch Deutschlands“ seien „die Toten wirklich wieder lebendig, und die Wiedererneuerungsfunktion des Mythos [..] fortan voll ausgeschöpft“ worden. „Eine Huldigung auf Heer und Kriegsflotte (1920)“ habe verkündet, dass tote Infanteristen, Artilleristen, Reiter und Pioniere umherirren, durch den unendlichen Raum wandern und Deutschland suchen. (S. 245–246) Der amtliche Kriegerdenkmalführer der Weimarer Republik (Deutscher Ehrenhain für die Helden 1914–1918 Leipzig 1931) habe festgestellt,
„daß die Gefallenen aus ihren Gräbern wiederauferstanden seien und die Deutschen in der Morgendämmerung heimsuchten, um sie zu mahnen, das Vaterland wiederauferstehen zu lassen. Beliebte Gespenstergeschichten wurden mit Motiven der Wiederauferstehung Christi angereichert, um die Endgültigkeit des Heldentods hinwegzuleugnen und einer geschlagenen Nation neue Hoffnung zu geben“ (S. 246).
Doch seien
„nicht alle Symbole der Wiederauferstehung christlicher Herkunft“ gewesen. „Häufig diente etwa auch das Symbol des aufsteigenden Phönix zur Darstellung der Wiederauferstehung der Gefallenen“ (S. 246).
Der Schriftsteller Josef Magnus Wehner (1891–1973) habe in Langemarck. Ein Vermächtnis (München 1932) den Langemarck-Mythos befeuernd behauptet,
„daß die Lebenskraft der Gefallenen aus ihren Gräbern emporstieg, um sich auf die jetzt lebenden Studenten – die Freiwilligen künftiger Kriege – zu übertragen“ (S. 247).
Die Nazis haben
„nicht nur die Analogie zur Passion und Wiederauferstehung Christi [..] benutzt, um den Tod hinwegzuleugnen, auch die Heldenhaine und Kriegerdenkmäler erfüllten weitgehend die gleiche Funktion“ (S. 248).

„Die Ruhestätten der Gefallenen waren Altäre der Verehrung, die dem höheren Ziel geweiht waren, dem auch der Krieg angeblich diente: der Verteidigung der Volksgemeinschaft, die eine imitatio Christi erforderte und auf ein künftiges Heroengeschlecht vorauswies. Aus diesen Gräbern standen die Toten auf und beschworen die Lebenden, die Größe Deutschlands nach der Niederlage wiederherzustellen“ (S. 257).

„Jene Helden, die das höchste Opfer vollbracht hatten, waren nicht tot und vergänglich, sondern nahmen weiterhin ihre Mission der nationalen Erneuerung wahr. Inmitten der Fiktion einer mutmaßlichen freudigen Selbstaufopferung und eines der Erlösung des Volkes geweihten Lebens nach dem Tod konnte es keinen Raum für persönliche Sorgen geben. Die Analogie zum Christentum ist hier offenkundig“ (S. 258).

Mosse resümiert, der Gefallenenkult illustriere „einen Säkularisierungsprozeß“ mit der Tendenz,
„das Massensterben im Krieg zu legitimieren und zu verarbeiten. Die mit ihm verbundene Trivialisierung des Krieges und seine vollständige Assimilation in das tägliche Leben hat vermutlich dazu beigetragen, die Gewöhnung an die Schrecken des Krieges zu erleichtern und den Krieg einer großen Zahl von Menschen weniger schrecklich erscheinen zu lassen“ (S. 258).
[Mos91] George L. Mosse:
Über Kriegserinnerungen und Kriegsbegeisterung
in: [LiM91, S. 27–36]
Öffentliche Erinnerungen an den Ersten Weltkrieg spiegelten „eine Mischung aus Vergangenheit und Gegenwart, in dem Versuch, die Schrecken des Krieges zu vergessen und sich an die Geborgenheit in den gemeinsamen Zielen und in der Kameradschaft der Kriegserlebnisse zu erinnern“ (S. 27). Mosse fragt, was dieser Mythos bewirkte.
[Mün84] Olav Münzberg:
Wandmalerei im Nationalsozialismus. Zur Ästhetik des NS
in: [KHF84, S. 145–163] [nv]
[Nie92] Gottfried Niedhart:
„So viel Anfang war nie“ oder: „Das Leben und nichts anderes“ – deutsche Nachkriegszeiten im Vergleich
in: [NiR92, S. 11–38]
Niedhart erkennt in der zweiten Nachkriegszeit ein „graduelles Lernen“ in der „Einbindung des Nationalstaats in internationale Zusammenhänge“ und der „Wertentscheidung für den Frieden als politischer Norm“ (S. 30).
[NiR92] Gottfried Niedhart, Dieter Riesenberger (Hg.):
Lernen aus dem Krieg? Deutsche Nachkriegszeiten 1918 und 1945
Beiträge zur historischen Friedensforschung, Beck’sche Verlagsbuchhandlung, München (1992) 448 S.
Die Professoren Niedhart, Neuere Geschichte an der Universität Mannheim, und Riesenberger, Zeitgeschichte und Didaktik der Geschichte an der Universität-Gesamthochschule Paderborn, versammeln 17 Beiträge, die vergleichend untersuchen, wie sich die beiden Weltkriege auf das Handeln von Gruppen und Institutionen in Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und Kultur auswirkten. Erfasst sind militärische, sicherheits- und außenpolitische Entscheidungsträger, die Friedensbewegung, Gewerkschaften, Unternehmerverbände, der Protestantismus, die Stadtregion Hamburg, Geschichts-, Politik- und Rechtswissenschaften, Film, Literatur, Feldpostbriefe – und Kriegerdenkmale. Siehe [Beh92], [Nie92], [Wet92b].
[Pät12] Kurt Pätzold:
Kriegerdenkmale in Deutschland. Eine kritische Untersuchung
spotless im Verlag Das Neue Berlin, Berlin (2012) 128 S.
edition-ost.de
Der Historiker Kurt Pätzold (1930–2016) findet bei einem Streifzug durch die Geschichte der Kriegerdenkmale Argumente gegen die Restaurierung eines fragwürdigen Totenkults in den neuen Bundesländern.
[Pau90] Gerhard Paul:
Aufstand der Bilder. Die NS-Propaganda vor 1933
Bonn (1990) [nv]
[pc14] pax christi – Internationale Katholische Friedensbewegung, Regionalverband Osnabrück/Hamburg (Hg.):
Richte unsere Füße auf den Weg des Friedens. Lukas 1,79
Arbeitshilfe für ein Gedenken an den Beginn des Ersten Weltkrieges vor 100 Jahren

Osnabrück (Juni 2014) 20 S.
os-hh.paxchristi.de/file/download/AMI ... Qdg/ Arbeitshilfe%20Gedenken%20des%201.%20Weltkrieges.pdf
denk-mal-gegen-krieg.de/assets/Texte/Initiativen/Arbeitshilfe-Gedenken-des-1.-Weltkrieges.pdf
Aus dem Inhalt: „Katholische Kirche im Ersten Weltkrieg: Zwischen Nationalismus und Friedenswillen, Kriegsbegeisterung und Opferbereitschaft, Friedensbund Deutscher Katholiken, Vom Gerechten Krieg zum Gerechten Frieden, Kriegerdenkmäler – unbequem und lehrreich zugleich, Christliche Symbole, Militaristische Symbole, Nationalistische Symbole, Umgestaltung einer unbequemen Gedächtniskapelle, Der Schwebende – Güstrower Ehrenmal von Ernst Barlach, Gedenkveranstaltungen im öffentlichen Raum“
[Pli14] Uwe-Karsten Plisch:
100 Jahre danach – Gefahr gebannt?
Fortwirkungen von Kriegslegitimation in die Gegenwart

Vortrag auf der Tagung der Evangelischen Akademie der Nordkirche, Hamburg (14.06.2014) 14 S.
denk-mal-gegen-krieg.de/assets/Texte/4-Theologie/100-Jahre-danach-UK-Plisch-2014.pdf
Dr. Plisch, Referent für Theologie, Hochschul- und Genderpolitk bei der ESG-Geschäftsstelle Hannover, formuliert „deutliche Kritik an den politischen und vor allem den kirchlichen Legitimationen des Bundeswehr-Einsatzes in Afghanistan und der deutschen Militärstrategie“ (denk-mal-gegen-krieg.de/kirche-krieg) und diskutiert die Problematik des „Ehren“mals der Bundeswehr.
[Sch34] Albert Schreiner, Dorothy Woodman (Hg.):
Hitler treibt zum Krieg. Dokumentarische Enthüllungen über Hitlers Geheimrüstungen
Editions du Carrefour, Paris (1934) Reprint Köln Frankfurt/M (1979) 504 S.
Der Historiker Albert Schreiner (1892–1979), 1933 als Militärpolitiker der KPD nach Frankreich emigriert, stellte dieses Buch 1934 aus Berichten von Antifaschisten in Nazi-Deutschland und aus nazistischen Veröffentlichungen zusammen.
[Sch39] Albert Schreiner:
Vom totalen Krieg zur totalen Niederlage Hitlers. Eine kritische Auseinandersetzung mit der Wehrmachtsideologie des Dritten Reiches
Éditions Prométhée, Paris (1939) Reprint Köln Frankfurt/M (1981) 266 S.
In diesem fünf Monate vor dem Überfall der Nazis auf Polen erschienenen Buch analysiert Schreiner die deutsche Wehrliteratur und folgert, dass der von den Nazis vorbereitete Krieg aufgrund militärischer, wirtschaftlicher, politischer und psychologischer Bedingungen zur Niederlage Nazi-Deutschlands führen wird.
[Sch99] Alf Schönfeldt:
Über den „Sinn“ von Kriegerdenkmälern
Gegenwind 129 (Juni 1999) S. 63–67
denk-mal-gegen-krieg.de/assets/Texte/1-Hintergruende//Prof-Schoenfeldt-web.pdf
Referat des Sprachwissenschaftlers Prof. Dr. Schönfeldt vom Germanistischen Seminar der Universität Kiel auf einer Veranstaltung am 29. Januar 1999, in dem er die Begriffe „Held“, „Gefallene“, „Ehre“, „Opfer“ analysiert.
[See91] Otto Seeber:
Kriegstheologie und Kriegspredigten in der Evangelischen Kirche Deutschlands im Ersten und Zweiten Weltkrieg
in: [LiM91, S. 233–258]
Der Beitrag des Theologen, Soziologen und Schriftstellers Seeber belegt mit Zitaten aus Schriften und Predigten Positionen der Evangelischen Kirche u.a. im August 1914, zu Krieg als Sendungsauftrag, Jesu Opfertod als Vorbild für den Heldentod, Kriegsmüdigkeit, Nationalsozialismus, Seelsorge im Zweiten Weltkrieg, Polenfeldzug, Helden, Heiligen, Kriegsbegeisterung.
[Vog93] Arnold Vogt:
Den Lebenden zur Mahnung. Denkmäler und Gedenkstätten
Zur Traditionspflege und historischen Identität vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart

Lutherisches Verlagshaus GmbH, Hannover (1993) 268 S.
Das Buch von Prof. Dr. Vogt (1952–2004), Museumspädagoge an der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur Leipzig, der über Militärseelsorge zwischen Kriegsverherrlichung und Humanität promovierte, ist eine Veröffentlichung des Evangelischen Kirchenamts für die Bundeswehr. Zahlreiche Beispiele belegen die Geschichte der Kriegerdenkmale von 1813 (Kriegergedenktafeln in Kirchen) bis 1993 (Umgestalltung der Neuen Wache in Berlin).
[Von80a] Klaus Vondung (Hg.):
Kriegserlebnis. Der Erste Weltkrieg in der literarischen Gestaltung und symbolischen Deutung der Nationen
Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen (1980) 401 S.
Der Sammelband von Prof. Dr. Vondung, Germanist und Kulturwissenschaftler an der Gesamthochschule Siegen, gibt einen „vergleichenden Überblick über unterschiedliche Gestaltungen und Deutungen des Kriegserlebnisses durch verschiedene [...] Personenkreise in den wichtigsten am Krieg beteiligten Ländern“. Die 24 Beiträge untersuchen „Kriegsgedichte und Soldatenlieder, Romane und Autobiographien, Briefe und Tagebücher, Kriegs- und Feldpredigten, Zeitungsartikel und Vorträge, Denkmäler und Friedhofsarchitektur, Bilder und Fotos“ (S. 33). Siehe [Lin80], [Mos80], [Von80b].
[Von80b] Klaus Vondung:
Geschichte als Weltgericht. Genesis und Degradation einer Symbolik
in: [Von80a, S. 62–84]
Vondung entdeckt in der Literatur des Ersten Weltkriegs u.a., dass „zur Unterstützung Deutschlands die Heere vergangener siegreicher Kriege sich tief in der Erde oder hoch in den Lüften sammeln“; Dichter den „Mythos um Friedrich Barbarossa“ modernisieren, „nach dem der tote Kaiser in der Stunde größter Not auferstehen und das Deutsche Reich in neuem Glanz errichten wird“, wobei sie den alten Kaiser oft durch Bismarck ersetzen; und dass Dichter und Pastoren zudem „den Großen Kurfürsten, Friedrich den Großen, Blücher, Gneisenau, Moltke, Kaiser Wilhelm I. und – für Österreich – Auersperg und Windischgrätz »wieder aus den Grüften« steigen“ lassen (S. 68).
[Wen86] Silke Wenk:
Warum ist die (Kriegs)Kunst weiblich?
Frauenbilder auf öffentlichen Plätzen

Kunst und Unterricht, Heft 101 (April 1986) [nv]
[Wet79] Wolfram Wette:
Ideologien, Propaganda und Innenpolitik als Voraussetzung der Kriegspolitik des Dritten Reiches
in: [DMVW79, S. 23–173]
Dr. Wette, Historiker im Militärgeschichtlichen Forschungsamt Freiburg i.Br., untersucht militaristische und pazifistische Ideologien in der Endphase der Weimarer Republik, die propagandistische Mobilmachung für den Krieg, und die innenpolitische Formierung im Dienste der Kriegsvorbereitung. Obwohl die Darstellung nicht auf Kriegerdenkmale eingeht, erhellt sie das Verständnis ihrer Rolle bei der Kriegsvorbereitung.
[Wet92a] Wolfram Wette (Hg.):
Der Krieg des kleinen Mannes. Eine Militärgeschichte von unten
R. Piper GmbH & Co. KG, München Zürich (Februar 1992, 21995) 461 S.
Wettes Sammelband bietet interessante Beiträge u.a. dazu, wie sich Erfahrungen der Kriege seit 1756 im Bewusstsein einfacher Soldaten, in Kriegerdenkmalen und in Nachkriegsliteraturen widerspiegeln. Siehe [Kos92], [Lat92].
[Wet92b] Wolfram Wette:
Die deutsche militärische Führungsschicht in den Nachkriegszei­ten
in: [NiR92, S. 39–66]
Wette resümiert: „Ein grundlegender Bewußtseinswandel im Hinblick auf die Institution Krieg und die Instrumentierung militärischer Gewalt läßt sich bei den Angehörigen der deutschen militärischen Führungsschicht weder nach dem Ersten noch nach dem Zweiten Weltkrieg feststellen“ (S. 66).
[WiKD] Wikipedia: Kriegerdenkmal
de.wikipedia.org/wiki/Kriegerdenkmal
[Wis96] Robert S. Wistrich:
Ein Wochenende in München
Kunst, Propaganda und Terror im Dritten Reich

Insel Verlag, Frankfurt am Main, Leipzig (1996) 176 S.
Wistrich (1945–2015), Professor für europäische und jüdische Geschichte an der Hebräischen Universität Jerusalem, analysiert, „wie die Nazis Kunst, Massenkultur und Mythologie nutzten, um das Volk zu mobilisieren und zugleich ihr Regime zu rechtfertigen“.
[Wit90] Manfred Wittig:
„Der Tod hat alle Unterschiede ausgelöscht“. Anmerkungen zur Geschichte und Ideologie des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge nach 1945
in: [HKMP90, S. 91–98]
Wittig folgert aus der Analyse von Reden und Schriften des Volksbunds, dass dieser die Erinnerung an Krieg und Kriegstod „in einer Weise [praktizierte], die für die deutsche Bevölkerung insgesamt charakteristisch scheint: Leugnung historischer Schuld und Mitverantwortung, Entlastung von individueller und institutioneller Teilhaberschaft und die Abwehr einer kritischen Auseinandersetzung mit den Voraussetzungen und Bedingungen des deutschen Faschismus sind ihre wesentlichen Merkmale“ (S. 91).
[Wol89] Jörg Wollenberg (Hg.):
Niemand war dabei und keiner hat’s gewußt
Die deutsche Öffentlichkeit und die Judenverfolgung 1933–1945

München Zürich (1989) [nv]
[Zän84] Jürgen Zänker (Leit.):
Öffentliche Denkmäler und Kunstobjekte in Dortmund,
eine Bestandsaufnahme

Dortmund (1984) [nv]
Evangelische Akademie der Nordkirche, Ulrich Hentschel:
»Gott mit uns – Kirchliche & religiöse Propaganda für Krieg und Vaterland«
Flandernbunker Kiel (30.01.–30.06.2015) Ausstellung, Exponate, 24 S.
denk-mal-gegen-krieg.de/assets/Texte/3-Geschichte/Ausstellung-Gott-mit-uns-Ev-Akademie-der-Nordkirche.pdf
Zeigt anhand einer Sammlung von Bildpostkarten von den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs „religiöse und kirchliche Propaganda für die Kriegsziele und die Kriegsführung des deutschen Kaiserreichs“.
Christian Lopau:
Vom Heldendenkmal zum Mahnmal
Vortrag im Ratssaal des Ratzeburger Rathauses (28.02.2017) 25 S.
nordkirche-nach45.de/ fileadmin/user_upload/baukaesten/Baukasten_Neue_Anfaenge/ NA_2017_Ratzeburg_Lopau_Heldendenkmal-Mahnmal_28-02-2017.pdf
Im Vortrag des Stadtarchivars Lopau zur Ausstellung „Neue Anfänge nach 1945? – Wie die Landeskirchen Nordelbiens mit ihrer NS-Vergangenheit umgingen“ bricht die elfseitige „Geschichte der Kriegerdenkmäler“ mit der Weimarer Republik ab und fährt nach dem Zweiten Weltkrieg fort. Ausgespart sind Kriegsdenkmale in der NS-Zeit als Mittel der Kriegsvorbereitung. So bleibt der Vortrag der Verdrängungskultur verhaftet, zu deren Aufarbeitung die Ausstellung beitragen soll. Fünf Seiten schildern Beispiele zur Ergänzung, Umgestaltung und Neuerrichtung von Kriegerdenkmalen.
Kirsten Westhuis:
Der schwierige Umgang mit Soldatendenkmälern
Sendung im Deutschlandradio Kultur „Kirche contra Kriegsverklärung“ (2012) 4 S.
denk-mal-gegen-krieg.de/assets/Texte/Veraenderung/DRadio-Kultur-Kirche-contra-Kriegsverklaerung.pdf
Interviews mit Pastor Ulrich Hentschel zum Krieger- und Gegendenkmal bei der St. Johanniskirche in Hamburg-Altona und mit Ulrike Dorfmüller vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge über dessen Jugendarbeit.

Kommentare zur Rosenbepflanzung
des Radolfzeller NS-Kriegsmals

Hegau

Bodensee


Meta: Seit dem 1. September 2018, dem 79. Jahrestag des Überfalls auf Polen, an dem sich Radolfzeller SS-Truppen beteiligten, und zu dessen ideologischer Vorbereitung das Radolfzeller NS-Kriegsdenkmal beitrug, erscheint diese Webseite in gelegentlich aktualisierten und erweiterten Versionen. Die Informationen habe ich nach bestem Wissen und Gewissen zusammengestellt. Mein Dank gilt Zitat- und Ratgebern. Besonders herzlich danke ich Markus Wolter für seine aufschlussreichen Arbeiten, Hinweise und Anregungen. Nina Breimaier, Achim Fenner, Norbert Lumbe, Christof Stadler sei für ihr andauerndes Engagement in der Auseinandersetzung mit der NS-Zeit und dem NS-Kriegsdenkmal stellvertretend für viele andere gedankt. Dankeschön auch an Ursula und Willmut Glanert, Jochen Hilbert und wikimedia für die Fotos. Hinweise auf Fehler nehme ich gerne an.

25.02.2019: Der Wiki-Beitrag Weinheimer Kriegerdenkmal plagiiert an mehreren Stellen Formulierungen, Sätze, Abschnitte und Zitate von Dritten aus dieser Webseite. So erfreulich es ist, dass diese Seite gelesen und als plagiabel betrachtet wird, so deutlich erkläre ich, dass sie nichts aus dem Wiki-Beitrag zitiert, sondern bei textlichen Übereinstimmungen diese Seite das Original, der Wiki-Beitrag das Plagiat darstellt.

K. Hug

Änderungen:

04.09.2018: Pinneberg bearbeitet und erweitert.

08.09.2018: Engen Fotos ergänzt. „Chronologie“ 1956–1958 Umgestaltung erweitert.

12.09.2018: „Chronologie“ und Fotos ergänzt.

18.09.2018: In „Chronologie“ zwei Zitate entfernt [zz].

22.09.2018: Volkstrauerfeierort, Privattrauerplatz erweitert. Murg Fotos ergänzt.

23.09.2018: Funktionen hinzugefügt.

25.09.2018: Vorschlag Sachverständige anhören hinzugefügt.

01.10.2018: Aufstellungsort und Symbole hinzugefügt.

09.10.2018: Furtwangen hinzugefügt.

28.10.2018: Entstehungszeit, Mahnmal?, Denkmal? hinzugefügt, Murg Fotos ergänzt.

12.11.2018: „Chronologie“ 20.09.2018, 06.11.2018 ergänzt.

19.11.2018: „Chronologie“ Volkstrauertag 18.11.2018 ergänzt.

26.11.2018: Zitate aus [Beh96] hinzugefügt.

22.12.2018: Zitate aus [Lur86], Stil und Denkmaltyp, Feiern, Lebenshingabe als Supertugend, Selbstopfertod als Heldenpflicht hinzugefügt, Volkstrauerfeierort erweitert.

12.02.2019: Zitate aus [KoJ94], [Lur87], [Wet92a], Inschriften hinzugefügt.

25.02.2019: Zitate aus [HKMP90], [NiR92] hinzugefügt.

04.03.2019: Zitate aus [Arm88], [LiMP90], [Vog93] hinzugefügt.

14.03.2019: Zitate aus [HeE08], [Pät12] hinzugefügt.

27.03.2019: Zitate aus [Von80a] hinzugefügt.

06.04.2019: Denkmalschutzaspekte hinzugefügt.

09.05.2019: „Chronologie“ 2019 ergänzt.

20.05.2019: Soldatengräber hinzugefügt, „Chronologie“ 1963, 15.12.2018 ff. und Pinneberg ergänzt.

21.05.2019: Pinneberg Foto hinzugefügt.

24.06.2019: Zitate aus [DMVW79], [FiD88], [Wis96] hinzugefügt.