Kommentare zur Rosenbepflanzung
des Radolfzeller NS-Kriegsmals

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Zur 2018 beschlossenen Pflanzung von weißen Rosen der Sorte „Sophie Scholl“ um das NS-Kriegerdenkmal von 1938 am Luisenplatz in Radolfzell befragen wir zeitgenössische Personen, und zwar den nazistischen Politiker Alfred Rosenberg und die antifaschistische Widerstandskämpferin Sophie Scholl.

Interview mit Alfred Rosenberg

Alfred Rosenberg (1893–1946) war ein führender NS-Ideologe und wurde im Nürnberger Hauptprozess als Hauptschuldiger der NS-Kriegsverbrechen zum Tod verurteilt und hingerichtet.

Herr Rosenberg, was meinen Sie zur geplanten Rosenbepflanzung des Radolfzeller „Heldenehrenmals“?

Rosenberg: „Der deutsche Feldsoldat im Stahlhelm zeigt den Typus an, Inschriften auf den Sockeln nennen die Heldennamen, Blumen und Kränze bezeugen die Liebe, welche das Andenken an die Toten umgibt.“ Als besondere Blumen bezeugen Rosen besondere Liebe. Unseren Helden Berge von Rosen...

Erlauben Sie eine Bemerkung: Die Heldennamen stehen nicht auf dem Sockel, sondern an der Tafelwand.

Rosenberg: Ähm... ah, zu viele Namen, viele Tote – viele Helden, viel Ehre!

Wie wird das mit Rosensträuchern liebevoll umpflanzte Kriegerehrenmal auf die Partei „Der III. Weg“ wirken?

Rosenberg: „Die Heldendenkmäler und Gedächtnishaine werden durch ein neues Geschlecht zu Wallfahrtsorten einer neuen Religion gestaltet werden, wo deutsche Herzen immer wieder neu geformt werden im Sinne eines neuen Mythus. Das kommende Geschlecht wird in einem Kriegerdenkmal des Weltkrieges ein heiliges Zeichen für das Märtyrertum eines neuen Glaubens erblicken.“

Herr Rosenstrauch, wir danken für das Gespräch und wünschen Ihnen eine dauerhafte Grabesruhe.

Quelle

Alfred Rosenberg:
Der Mythus des 20. Jahrhunderts
Eine Wertung der seelisch-geistigen Gestaltenkämpfe unserer Zeit

Hoheneichen-Verlag, München (1934) 33./34. Aufl., 701 S., hier: S. 450, 618.
archive.org/details/DerMythusDesZwanzigstenJahrhunderts

Germanisch-völkisches, rassistisches, antisemitisches Machwerk.

Interview mit Sophie Scholl

Sophie Scholl (1921–1943) engagierte sich in der christlich-humanistischen Münchner Widerstandsgruppe „Weiße Rose“ und wurde wegen Verteilens von Flugblättern vom „Volksgerichtshof“ zum Tod verurteilt und hingerichtet.

Frau Scholl, Sie sind die Namensgeberin für die Rosensorte „Sophie Scholl“. Was meinen Sie zur geplanten Sophie-Scholl-Berosung des Radolfzeller NS-Kriegsmals?

Scholl: „An allen Stellen muß der Nationalsozialismus angegriffen werden, an denen er nur angreifbar ist.“ „Sabotage in allen Zweigen der bildenden Künste, die nur im geringsten im Zusammenhang mit dem Nationalsozialismus stehen und ihm dienen.“

Frau Scholl, 1958 funktionierte Radolfzell sein NS-Kriegsvorbereitungsmal zu einem NS-Kriegsfolgenmal um, u.a. indem man Namenstafeln anbrachte, auf denen bis heute auch die Namen von 102 Waffen-SS-Angehörigen stehen. Als Vorsitzender des Denkmalausschusses für die „Ehrenmal“-Gestaltung leitend tätig war der unabhängige Stadtrat und stellvertretende Bezirksgärtnermeister Konrad Dombrowski (1896–1985), einst Mitglied der NSDAP und Hauptmann der Wehrmacht.

Scholl: „Vergeßt auch nicht die kleinen Schurken dieses Systems, merkt Euch die Namen, auf daß keiner entkomme! Es soll ihnen nicht gelingen, in letzter Minute noch nach diesen Scheußlichkeiten die Fahne zu wechseln und so zu tun, als ob nichts gewesen wäre!“

Frau Scholl, wie viele NS-Kriegsmale ist auch das Radolfzeller gelegentlich Ziel von Farbaktionen. Was halten Sie davon?

Scholl: „Mit aller Brutalität muß die Kluft zwischen dem besseren Teil des Volkes und allem, was mit dem Nationalsozialismus zusammenhängt, aufgerissen werden.“

Als die Schlacht um Stalingrad ihren Höhepunkt erreichte, als tausende junger Menschen in den erbarmungslosen Kessel des Todes getrieben waren und erfrieren, verhungern, verbluten mussten, standen in der Ludwigstraße siebzigmal die Worte ›Nieder mit Hitler‹ geschrieben – mit Friedensfarbe, die man so schnell nicht wieder runterkriegt. Als ich morgens auf dem Weg zur Universität durch die ganze Ludwigstraße ging, stand es groß und deutlich da: ›Nieder mit Hitler – Nieder mit Hitler ...‹. Über dem Eingang zur Universität sah ich in derselben Farbe: ›Freiheit‹. Zwei Frauen waren mit Bürste und Sand beschäftigt, das Wort wieder auszutilgen. »Lassen Sie es stehen«, sagte ich, »das soll man doch lesen, dazu wurde es hingeschrieben.« Die Frauen sahen mich kopfschüttelnd an. »Nix verstehen.« Es waren zwei Russinnnen, die man zur Zwangsarbeit nach Deutschland geholt hatte. Wütend und mühsam reinigte man die Ludwigstraße von dem verirrten Freiheitsruf.

Frau Scholl, wir danken für das Gespräch und wünschen Ihnen, dass die Radolfzeller Erinnerungsakteure die Schriften und die Geschichte der „Weißen Rose“ rezipieren und nicht nur gärtnerisch, sondern auch aufklärend einsetzen.

Quelle

Inge Scholl:
Die weiße Rose
Fischer Taschenbuch Verlag GmbH, Frankfurt am Main (Mai 1985) durchgeseh. Neuausg., 134 S.

Die vier wörtlichen Zitate sind Flugblättern der „Weißen Rose“ entnommen: III, S. 108; III, S. 109; IV, S. 114; IV, S. 114. Der Abschnitt zu den Wandanschriften ›Nieder mit Hitler‹ stammt weitgehend wörtlich von Inge Scholl (S. 67–68), hier in Worte von Sophie Scholl umformuliert. Um den Kontext der Zitate zu verdeutlichen, folgen weitere Zitate aus den Flugblättern.

Zitate aus Flugblättern der „Weißen Rose“

Die folgenden Seitenangaben beziehen sich auf Inge Scholl: Die weiße Rose. Die Flugblätter sind auch veröffentlicht unter:

Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn; Kirsten Schulz:
"Wir sind Euer böses Gewissen!" Die Flugblätter der Weißen Rose
(20.04.2005)
bpb.de/geschichte/nationalsozialismus/weisse-rose/61008/die-flugblaetter-im-wortlaut

Weiße Rose Stiftung e.V., München:
Flugblätter der Weißen Rose | Weiße Rose Stiftung e.V.
weisse-rose-stiftung.de/widerstandsgruppe-weisse-rose/flugblaetter

Flugblatt der Weißen Rose I

27.06.–12.07.1942; S. 96–100

„Leistet passiven Widerstand – Widerstand –, wo immer Ihr auch seid, verhindert das Weiterlaufen dieser atheistischen Kriegsmaschine, ehe es zu spät ist, ehe die letzten Städte ein Trümmerhaufen sind, gleich Köln, und ehe die letzte Jugend des Volkes irgendwo für die Hybris eines Untermenschen verblutet ist.“ (S. 97)

Flugblatt der Weißen Rose II

27.06.–12.07.1942; S. 101–105

„Jetzt, da uns in den letzten Jahren die Augen vollkommen geöffnet worden sind, da wir wissen, mit wem wir es zu tun haben, jetzt ist es allerhöchste Zeit, diese braune Horde auszurotten. Bis zum Ausbruch des Krieges war der größte Teil des deutschen Volkes geblendet, die Nationalsozialisten zeigten sich nicht in ihrer wahren Gestalt, doch jetzt, da man sie erkannt hat, muß es die einzige und höchste Pflicht, ja heiligste Pflicht eines jeden Deutschen sein, diese Bestien zu vertilgen.“ (S. 104)

Flugblatt der Weißen Rose III

27.06.–12.07.1942; S. 106–110

„An allen Stellen muß der Nationalsozialismus angegriffen werden, an denen er nur angreifbar ist. Ein Ende muß diesem Unstaat möglichst bald bereitet werden – ein Sieg des faschistischen Deutschland in diesem Kriege hätte unabsehbare, fürchterliche Folgen. Nicht der militärische Sieg über den Bolschewismus darf die erste Sorge für jeden Deutschen sein, sondern die Niederlage der Nationalsozialisten. Die muß unbedingt an erster Stelle stehen.“ (S. 108)

Sabotage in Rüstungs- und kriegswichtigen Betrieben, Sabotage in allen Versammlungen, Kundgebungen, Festlichkeiten, Organisationen, die durch die nationalsozialistische Partei ins Leben gerufen werden. Verhinderung des reibungslosen Ablaufs der Kriegsmaschine (einer Maschine, die nur für einen Krieg arbeitet, der allein um die Rettung und Erhaltung der nationalsozialistischen Partei und ihrer Diktatur geht). Sabotage auf allen wissenschaftlichen und geistigen Gebieten, die für eine Fortführung des gegenwärtigen Krieges tätig sind – sei es in Universitäten, Hochschulen, Laboratorien, Forschungsanstalten, technischen Büros. Sabotage in allen Veranstaltungen kultureller Art, die das ›Ansehen‹ der Faschisten im Volke heben könnten. Sabotage in allen Zweigen der bildenden Künste, die nur im geringsten im Zusammenhang mit dem Nationalsozialismus stehen und ihm dienen. Sabotage in allem Schrifttum, allen Zeitungen, die im Solde der ›Regierung‹ stehen, für ihre Ideen, für die Verbreitung der braunen Lüge kämpfen.“ (S. 109)

„Sucht alle Bekannten auch aus den unteren Volksschichten von der Sinnlosigkeit einer Fortführung, von der Aussichtslosigkeit dieses Krieges, von der geistigen und wirtschaftlichen Versklavung durch den Nationalsozialismus, von der Zerstörung aller sittlichen und religiösen Werte zu überzeugen und zum passiven Widerstand zu veranlassen!“ (S. 110)

Flugblatt der Weißen Rose IV

27.06.–12.07.1942; S. 111–115

„Obgleich wir wissen, daß die nationalsozialistische Macht militärisch gebrochen werden muß, suchen wir eine Erneuerung des schwerverwundeten deutschen Geistes von innen her zu erreichen. Dieser Wiedergeburt muß aber die klare Erkenntnis aller Schuld, die das deutsche Volk auf sich geladen hat, und ein rücksichtsloser Kampf gegen Hitler und seine allzuvielen Helfershelfer, Parteimitglieder, Quislinge usw. vorausgehen. Mit aller Brutalität muß die Kluft zwischen dem besseren Teil des Volkes und allem, was mit dem Nationalsozialismus zusammenhängt, aufgerissen werden.“

„Vergeßt auch nicht die kleinen Schurken dieses Systems, merkt Euch die Namen, auf daß keiner entkomme! Es soll ihnen nicht gelingen, in letzter Minute noch nach diesen Scheußlichkeiten die Fahne zu wechseln und so zu tun, als ob nichts gewesen wäre!“ (S. 114)

Flugblatt der Widerstandsbewegung in Deutschland:
Aufruf an alle Deutsche!

Ende Januar 1943; S. 116–118

„Trennt Euch rechtzeitig von allem, was mit dem Nationalsozialismus zusammenhängt!“

„Der imperialistische Machtgedanke muß, von welcher Seite er auch immer kommen möge, für alle Zeit unschädlich gemacht werden. Ein einseitiger preußischer Militarismus darf nie mehr zur Macht gelangen. Nur in großzügiger Zusammenarbeit der europäischen Völker kann der Boden geschaffen werden, auf welchem ein neuer Aufbau möglich sein wird.“ (S. 117)

Das letzte Flugblatt: Kommilitoninnen! Kommilitonen!

Mitte Februar 1943; S. 119–121

„Auch dem dümmsten Deutschen hat das furchtbare Blutbad die Augen geöffnet, das sie [Hitler und seine Genossen] im Namen der Freiheit und Ehre der deutschen Nation in ganz Europa angerichtet haben und täglich neu anrichten.“ (S. 121)

Literatur

Arbeitskreis Zukunft braucht Erinnerung, Stefan Mannes, Berlin; Bernd Kleinhans:
Die Weiße Rose. Eine Widerstandsgruppe Münchner Studenten
(05.10.2004)
zukunft-braucht-erinnerung.de/die-weisse-rose
„"Zukunft braucht Erinnerung" ist eine Initiative im Bereich der historisch-politischen Jugend- und Erwachsenenbildung [...] unter dem Gedanken zivilgesellschaftlichen Engagements sowie der wissenschaftlich-didaktischen Auseinandersetzung mit verschiedenen Themengebieten.“
Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn:
Dossier: Sophie Scholl und die "Weiße Rose"
bpb.de/geschichte/nationalsozialismus/weisse-rose
„Die Aufgabe der Bundeszentrale für politischen Bildung/bpb ist es, Verständnis für politische Sachverhalte zu fördern, das demokratische Bewusstsein zu festigen und die Bereitschaft zur politischen Mitarbeit zu stärken.“
Weiße Rose Stiftung e.V., München:
Weiße Rose Stiftung e.V.
weisse-rose-stiftung.de
„Die Weiße Rose Stiftung e.V. hat die Aufgabe, an den Widerstand der Weißen Rose gegen den Nationalsozialismus zu erinnern und Zivilcourage, individuelle Verantwortung und demokratisches Bewusstsein zu fördern.“

NS-Kriegsdenkmal in Radolfzell und anderswo

Hegau

Bodensee


Meta: Diese Seite ergänzt seit 27.03.2019 die Seite NS-Kriegsdenkmal in Radolfzell und anderswo. Die Informationen habe ich nach bestem Wissen und Gewissen zusammengestellt. Der Widerstandsgruppe „Weiße Rose“ gilt mein Dank nicht nur für die Zitate. Hinweise auf Fehler nehme ich gerne an.

K. Hug